Wörterbuchnetz
Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
gewiessen bis gewilde (Bd. 6, Sp. 5798 bis 5800)
Abschnitt zurück Abschnitt vor
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gewiessen, n. nebenform zu gewizzen, gewissen s. d.: so ein dieb oder anderer ubelthätter mit einer handhaft begriffen wird ... so soll man ihn mit zwaien männern überfahren und soll ihn antworthen dem gericht ... und ... brief da mitschicken und soll dareinschreiben ihr gewiessen wi er überfahren seie mit rechten. rechte des gerichtes Kirchschlag, österr. weisth. 7, 2.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
gewif, n. mundartliche bildung wie das zugehörige verbum (s. gewifen): das gewif, wette. Schmeller 22, 864. der bedeutung nach liesze sich das subst. zu wîfen, winden stellen (mhd. wb. 3, 625a, vgl. auch Walde lat. etymolog. wb. 668), wobei der vocal seine erklärung forderte (vgl. die formen wiffeln, wifeln, weifeln unter gewifelt, vgl. gewift, gewîft, geweift).
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
gewifen, verb., vgl. das vorhergehende: gewifen, wetten. Schmeller a. a. o.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
gewifelt I , participiales adjectiv zu wifeln s. d.; das verbum ist mundartlich noch heute lebendig, doch in verengter bedeutung, deren breitere grundlage aus älteren buchungen noch ersichtlich ist (vgl. wifflen, acu pingere. vocab. v. 1618 s. Schmeller a. a. o. und mhd. wb. 3, 626) und aus zugehörigen substantivbildungen erschlossen werden kann (vgl. weval, subtemen, stamen. Graff 1, 649): wifeln, verwifeln (schwäb.) mit nadel und faden verweben, zustechen, etwas zerrissenes. Schmeller 22, 864; mit der nadel einen risz an der leinwand so flicken, dasz das geflickte mit dem gewebe eine ähnlichkeit hat. Stalder 1, 450. in beiden richtungen (weitere, engere bedeutung) bewegt sich auch der gebrauch des particips.
a)

da man d' pfeller nimet war
des helfenbeines, der edeln steine,
schoneʒ gesmeide groʒ und cleine
von golde unn seiden wehe porten
gewifelt mit mangen weisen worten.
H. v. Trimberg renner 16707;

[Bd. 6, Sp. 5799]



die heide bedeutet dise werlde,
die got gewifelt und geberlde
hat mit manch'lai wunne. 213;

leinwatene fürheng mit gestrückten und gewifelten porten. Fuggers inventar, s. Birlinger schwäb. Augsb. wb. 195; in der kammer auf einem tisch ist gestanden eine hohe vergulte credenz mit candierten und eingemachten früchten, und auf einem hübsch gewifleten tuch stehent, und mit dergleichen einem bedeckt; auch eine bettstatt mit dergleichen umbhängen behanget, und mit damastiner deckin bedecket. und delectiret sich meins herrn herzliebste fr. gemalin und ihr frauenzimmer sehr der gewifleten arbeit, haben mir auch ein dergleichen gewifletes tuch gnädigst verehrt, das i. f. g. gemacht haben. Philipp Hainhofer reisetageb. (1617), s. Baltische stud. 2, 2, 20.
b) im schwäbisch - alemannischen sprachgebrauch ist gewifelt auf die bedeutung gestopft, ausgebessert, eingeengt: gewifelte taschentücher.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
gewifelt II, gewiffelt, nebenform zu geweifelt, wie gewift (s. d.) neben geweift, vgl. auch (sp. 5433) geweifel. vgl. englisch whiffle (move lightly): gewifelt, gewiegt. Bauer (Waldecker mda.) 40a; gewiffelt, gewiegt. Woeste wb. d. westphäl mda. 79a.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
gewift, gewîft, participiales adjectiv, vgl. oben geweift sp. 5433. in mitteldeutschen und oberdeutschen mundarten ist diese participialformbald mit kurzem, bald mit langem (hier wol secundär verlängertem) stammvocalfür die bedeutung gewiegt, gewandt belegt, wofür niederdeutsche mundarten die form gewipt buchen lassen vgl. gewipt Schambach 63b (et is en gewipten kerel). während dem letzteren das verbum wippen (s. d.) zu grunde liegt, geht gewift von einer nebenform zu mhd. wîfen, weifen aus (vgl. Lexer 3, 879), für die vielleicht in einem vereinzelten belege aus Neidhart (waz ob sî der schuolemeister wifte) in lautlicher und formeller beziehung ein anhalt gegeben ist. beide verba wippen und wîfen (wifen) stimmen jedenfalls zu vibrare. die bedeutungsentwicklung stellt gewift ungezwungen in engste berührung mit gewiegt s. o. ob die formen wiff, wief, schmuck, sauber (vgl. Schöpf in deutschen mundarten 3, 103. Lexer Kärnt. wb. 257. Schmeller 22, 864; wiff, lebhaft, behende. Stürenburg ostfries. wb. 331b) nicht von lat. vivus abzuleiten sind und ob demgemäsz nicht auch ein fremdsprachlicher einschlag durch die entwicklung zieht, müszte noch untersucht werden. gegen einen allzu weitgehenden einflusz in dieser richtung spricht das niederdeutsche gewippt. die belege entstammen durchweg den wörterbüchern: gewieft (auch jewiejt), schlau. Hans Meyer der richtige Berliner4 52b; ''n jewiefter junge'. ebenda; gewīft, pfiffig, schlau. Albrecht Leipziger mda. 122b; gewiift, pfiffig, gerieben. Jecht Mansfelder mda. 42; ebenso Liesenberg die Stieger mda. (Unterharz) 226 (mit hinweis auf gewipt und wîfen); desgl. Kleemamn beitr. z. einem nord-thür. idiot. 9b. Herwig idiotismen aus Westthüringen 13a; gewifd, gewandt (Leipz. Geith. Plauen) Franke in Bayerns mundarten 2, 335; gewift, durchtrieben, verschlagen. Saul zum Hess. idiot. 16/7 (mit hinweis auf wifte bei Neidhart); gewîft, lebhaft, pfiffig, schlau; fein, schmuck, sauber (Tirol) Castelli wb. d. mundart in Österr. unter der Enns 266.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
gewige, n., s. gewicht.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
gewigen, participiales adject. s. DWB gewogen.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
gewihdert, mundartliche participialform, von Kehrein volksspr. in Nassau 163 neben gewittert angeführt: 'von ochsen, die gut eingefahren sind'. zur erklärung vgl. v. Pfister (zu Vilmar 338), der auf althochd. wetan, jochen zurückgeht. vgl. auch DWB wetter (holz am wagen oder pflug). Lexer 3, 810.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
gewild, gewilde, substantivbildung, die in zwei hauptrichtungen des gebrauches belegt ist. beide gebrauchsformen tauchen spät in der mittelhochdeutschen periode auf, unterscheiden sich aber in der nachhaltigkeit, mit der sie sich im wortschatz behaupten. von kurzer dauer ist der gebrauch bei gewilde gewesen, dem gegenstück zu demebenfalls früh untergehendenfem. wilde (wildniss, vgl. mhd. wb. 3, 667a. Lexer 3, 885). dieses gewilde, das mit wenigen ausnahmen als neutrum sich kennzeichnet, erscheint der form nach als collectivbildung, wozu die verwendungen jedoch nicht immer stimmen. collective bedeutung

[Bd. 6, Sp. 5800]


kommt andererseits der zweiten gruppe, dem neutrum gewilt, gewilde (das wild) unzweifelhaft zu, das dem sprachschatz noch heute, wenn auch mit einschränkung (in gehobener sprachevielfach durch litterarische über lieferung beeinflusztund andererseits wieder in mundartlichem [oberdeutschem] gebrauch) angehört; doch ist die collectivbedeutung im grundwort schon vorher ausgeprägt (wilt mhd. wb. 3, 667a. Lexer 3, 893), das den gleichen zug noch heute in unserm wortschatz zur geltung bringt (schwarzwild, rothwild u. a.). die beiden gebrauchsformen von gewilde, gewild führen mit den substantivbildungen, an die sie sich anlehnen (wilde, wildniss und wild, wildpret), auf den gleichen ausgangspunkt zurück, der in dem adjectiv wild mit dem weitesten umfang der bedeutung und mit den sichtbarsten bedingungen für die spätere gabelung des begriffs gekennzeichnet ist; vgl. schon vilþeis im gotischen (vilþeis alevabagms Ulfilas Röm. 11, 17; wilder ölbaum Luther) und vergleiche die concurrenz zwischen vilþi und haiþivisk in der glosse zu Marc. 1, 6; je nachdem die landschaft oder die geschöpfe, die sie hervorbringt, zum träger des attributs werden, erscheint wilde in der bedeutung von agrestis oder von indomitus vgl. für das angels. Bosworth - Toller 1224a; vgl. althochd. wildi, silvaticus, silvester, ferox, ferus. Graff 1, 803 ff. im altnord. hat nur die eine richtungdazu in fortgerückter entwicklungspuren hinterlassen: villr, irrend vgl. Fritzner 3, 947a. eine verstärkung des adjectivs durch das präfix ist mittel- und niederdeutsch belegt:

jedoch up densulven avent
wart dar ein gewilde dravent. Braunschweiger schichtspiel 3017;

und wie es were umb die bilde
des himmels, das was ime gewilde.
Joh. Rothe Elisabeth s. Mencken 2, 204.


 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
gewilde, gewild I, verstärktes wilde (wildnis) mit überführung in die gruppe der collectiva.
1) abgrenzungen, statistik, formen.
a) gewilde und wilde.
α) während das grundwort den eigenschaftsbegriff länger pflegt, bis er von concurrenzformen ganz in anspruch genommen wurde (vgl. mittelhochd. wildecheit, neuhochd. wildheit) ist das compositum hierfür nur mit einem belege heranzuziehen:

nu ist der blüienden heide voget
mit gewalt uf uns gezoget,
hoert, wie (er) mit winde broget.
uf walt und in gevilde ...
so scharpf ist sin gewilde.
dis secht in den wünebernden ouwen.
und an kleiner vogellin we.
die ensingent uns nit me.
sus twinget si der kalte sne.
Goesli v. Ehenhein (grosze Heidelberger liederhandschr. s. 654) Pfaff.


β) von dieser ausnahme abgesehen, sind nur die in der vorstellungsform des raumes entwickelten verwendungen von wilde auch für gewilde zu belegen; und es fragt sich, ob zwischen beiden bildungen hierin eine verschiedenheit des gebrauches festgestellt werden kann.
1)) verhältnismäszig häufig finden sich beide formen in dem variantenapparat eines und desselben beleges aus der mittelhochd. dichtung:

er saz ûf unde reit
nâch wâne in grôz arbeit,
unde erstreich grôze wilde
walt unde gevilde,
unz er den engen stîc vant. Iwein 969 Benecke-Lachmann (gross gewilde Heidelberger u. Dresdner handschr.);

alsô viuchte und alsô naʒ
her Tristan ûf sîn ros dô saʒ
und kêrte über daʒ gevilde
hin vaste gein der wilde;
in einen busch er dâ gehillt.
Heinr. v. Freiberg Tristan 3224 Bernt (nach der Kölner handschr., i. d. Florentiner: gein dem gewilde);

von dem künig in hôher art,
ein grôʒer hof geruefet wart,
ze lob dem reinen bilde,
daʒ man in dem gewilde (var. gefilde; der wild).
sô lobelîch het vunden,
unt wart von sorge enbunden. die königin von Frankr, u. d. ungetreue marschalk 674 gesammtabent. 1, 187

(vgl. 474/5:

dô vlôch daʒ minniklîche wîp
als verre in den wilden tan ...);

[Bd. 6, Sp. 5801]



Laurîn der künec guot
treip vil grôʒen übermuot
ze Tirol in dem gewilde (so der Straszb. druck; wilde Straszb. hdschr. des heldenbuches)
mit spern und mit schilde. Laurin D 233 Holz s. 103.

schon hieraus geht hervor, dasz es weniger bedeutungsgegensätze sind als gebrauchsverschiedenheiten chronologischer oder stilistischer art, die die beiden bildungen abgrenzen. dafür spricht auch der wechsel innerhalb eines und desselben zusammenhanges:

da von ir wurdet laidic
in dirre wilde, vrawe min,
da mz ich selbe riten in ...
nu kom ez von geschihte
daz den jungen helt geslaht
in dem gewilde begraif diu naht,
daz im des tages lieht gebrast.
Joh. v. Würzburg Wilhelm v. Österreich 4894 Regel;

auch später finden sich beide bildungen noch neben einander: darnach zeucht man zu land in die vorgenannten gewilde, und kompt in das thal Halin, unn von dannen gen Sinai, auch mag niemand durch das gewild auff pferden kommen, den sie finden weder trincken noch essen, darumb zeucht man da auff kamelthieren. O. v. Demeringen übers. des Joh. v. Mandeville (1) s. 65 (per deserta; die übersetzung von 1481 hatte: so geet man durch die wüst ... das niemant mag gereitten durch die wst); dazu vgl.: Libanus das ist ein langes gebirge, zeucht sich an die wüsten Pharen, unnd an die wild, die das land von Veniche ... theilet. 109.
2)) in den letzten belegen ist gewilde am engsten an die vorstellungen angelehnt, die bei wilde gerade da, wo es mit dem compositum nicht in concurrenz tritt, am reinsten ausgeprägt sind: der gegensatz der unangebauten, weglosen und unzugänglichen landschaft gegenüber dem offenen feld (gevilde), den ansiedelungen der menschen und den wegen und stegen, die sie verbinden:

daz ir sô verre von dem wege
sizt in dirre wilde
ich hânz für unbilde
frouwe, wes ir iuch begêt
sît hie niht bûwes umb iuch stêt.
Wolfram Parzival 438, 25;

er schûhte âne mâze
die liute und die strâze
und daz blôze gevilde:
allez gegen der wilde
so rihte der arme sîne wege,
er wuot diu wazzer bî dem stege.
mit marwen füezen ungeschuoche
streich er walt unde truoch.
Hartmann Gregorius 2764 Paul.

bei oberdeutschen dichtern werden als hemmnisse des verkehrs vor allem felsen und reiszende bäche gedacht und beschrieben:

daz ich der werlde verpflac
und allez nâch der wilde gie ...
wizzet ir iender hie bî
eine stat diu mir gevellic sî
einen wilden stein ode ein hol
daz bewiset mich: sô tuot ir wol. Gregor 2965 Paul;

die stîge sint ûf unde nider
uns marteraeren allen
mit velsen sô vervallen,
wir engân dem pfade vil rehte mite;
verstôze wir an einem trite:
wir enkomen niemer mêre
ze guoter widerkêre.
swer aber sô saelic mac gesîn,
daz er zer wilde kumet hin în.
Gottfried Tristan 17097 Marold.

anders bei dichtern aus dem flachlande, die nicht blos die ungangbare, sondern auch schon die unbegangene gegend als eine wilde kennzeichen:

und dô si dort zu Gartin
der burc nêhen begundin,
ein vrischiz spor sî vundin
von luiten ûf der wilde,
den ubbir daz gevilde
wart in vil snellir kêre
von brûdre Walthêre
dem Guldînen nâchgerant.
Jeroschin 20828.


3)) diese characteristischen züge kehren wol auch beim compositum in einigen sonderformen des gebrauches wieder, sie verlieren sich aber in der hauptmasse der verwendungen, die auf eine abschwächung der gegensätze zielen. vor allem der gegensatz gegen gevilde wird so weit überbrückt, dasz

[Bd. 6, Sp. 5802]


gevilde und gewilde einander in varianten der überlieferung ablösen. die formelle annäherung, die hier den ausschlag gab, wirkte abschwächend auch auf den gegensatz gegen gewälde, dem gewilde als allgemeinerer begriff gegenübersteht, dem es aber im gebrauch immer mehr angeglichen wird (über die stammverwandtschaft vgl. wald theil 13, 1072).
b) der klassischen zeit der mittelhochdeutschen dichtung gehört das compositum gewilde wol noch nicht an, unbestritten tritt es zuerst bei den epigonen auf und ist anscheinend erst durch die spätere handschriftliche überlieferung auch in die älteren werke vorgedrungen. Konrad v. Würzburg, Albrecht v. Scharffenberg, Heinr. v. Freiberg, Joh. v. Würzburg stellen die ersten zeugnisse, die volks- und spielmannspoesie macht reichern gebrauch; für beide richtungen sind die reime gefilde; gewilde typisch (Servatius 1, 967; Heinr. v. Freiberg Tristan 3224, Joh. v. Würzburg Wilhelm v. Österreich 3123; Kolmarer handschr. 48, 51, Busant 766), die ja auch für das grundwort überwiegen. auf die poesie ist unsere form jedoch nicht beschränkt, sie gehört auch der prosa an, die sie noch in das 17. jahrh. übergreifen läszt. in neuerer zeit hat Uhland das wort unmittelbar aus dem heldenbuch übernommen, ohne es jedoch einbürgern zu können.
c) formen.
α) apokope zeigt sich seit dem 15. jahrh.: wild und gewild. Basler papierhdschr. aus dem anf. des 15. jahrh. von Enikels weltchron. 19557; durch ... ain gewild (: vff ain gefild). Hätzlerin 1, 28, 61; in ein gewild (: still). Faber pilgerbüchlein 131; durch das gewild auf Demeringen 66; die das gewild genennet wird. Büsching erdbeschr. 57, 628 (gegen: ein grosʒ gewilde und Gebweiler 22a; in ein gewilde. Amor a 3). auch im dat. sing. und im nom. und acc. plur. wird apokopiert: in dem gewildt (: ein grosʒ unbildt) Sigenot 32; im gewild und Demeringen 146; die dörffer, höltzer und gewildt (: gefild). Wickram 7, 28; durch hohe berg, weld und gewildt (: gefildt). ebenda 8, 70.
β) synkopierte formen überliefern oberd. denkmäler: in ein gwilde. Seyfriedslied 5; allhie ausʒ disem gwilde. Straszb. druck von Ecken ausfahrt 133.
2) überblick über die verwendungen.
a) fortführung der charakteristischen züge der grundform:
α) gewilde im gegensatz zu angebauter, bewohnter gegend:

seht, sô fuor diu frouwe stolz
mit ir gesinde für daʒ holz,
dar umbe daʒ si müeste
verr in der wilden wüeste
beschouwen âventiure ...
... nu si fuoren lange zît
al durch daʒ gewilde wît,
dô kam eʒ von geschiht alsô,
daʒ si schiere funden dô
den starken lewen küene.
Konrad v. Würzburg Partonopier 10722 Bartsch;

wîp, rebe in dem gewilde,
sint wîp ein rôse ân allen dorn,
wîp ûʒerkorn,
wîp hôchgeborn, wîp sint der êre ein zil. meisterlieder der Kolmarer hdschr. 48, 51 Bartsch s. 323:

dô flôʒ er drîer sumertage lang
in ein gewilde und in ein land,
dâ kam der grâwe roc ûf einen sand,
dâ in der engel gotes fand. Orendel 92 Berger (s. auch unten);

dô kam er in ein gwilde
da so vil trachen lagen. Seyfriedslied Golther s. 5;

ich ging von dieser welt in ein gewilde. Amor (disz büchlin werd bekant, Amor ... ist es genant) a. 3;

diser Childebertus was gar ein gotsfortiger künig, dan er gabe dem andechtigen einsidel Leopardo der da ein iunger was sant Mauri, ein grosʒ gewilde und ein platz genant Marcha Aquileia, das er da wonen und nach seinē gefallen da bawen möchte. Hieronymus Gebweiler keiserl. ... maj. ... alt künglich harkumen (1527) 22a.
β) die zusammenstellung mit dem sinnverwandten heide:

ein waʒʒer ist Tartares genennet.
da von sin lant daʒ wite. ist nach dem waʒʒer wol erkennet.
es rinnet gewilde und heide.die virre gar unerwendet.
wol vierzig tageweide.
A. v. Scharffenberg jüng. Titurel 6086 Hahn;

er reit umb den wald hinumbe
von Bern der hochgelobte man
reit manchen weg so krumme

[Bd. 6, Sp. 5803]



von stund do kam der helde kn
uber ein preitte heide
wol auff ein wisen grn ...
da sach er dort uber den than
her lauffen einen wilden man
er trug auff im gefangen
einen zwerg der was lobesan ...
'was suchest du in dem gewildt
es duncket mich ein grosz unbildt? ...'
er warff das zwerglein in den than
und ledigt da sein stangen. Sigenot 32 Schade.


γ) belebung des begriffes der unzugänglichkeit, gewilde für felsgegend und reiszendes wasser:
1))

im walde vant er einen berc ...
bi dien er eine magt ersach ...
oder ist sî durch mannes lîp
gevarn in diz gewilde. Goldemar 8, 8 Zupitza (d. heldenb. 5, 204);

er swanc in alsô balde über den rücken sîn
und truoc in mit gewalde zu dem gebirge hin. (die Heidelb. hdschr. in das gewilde sin) Wolfdietrich D 5, 56. Amelung u. Jänicke (heldenb. 4, 50);

vgl. auch die variante vor den bergen (nâch dem wilde) in Nibel. 872, 4; sie kommen zu dem rosengarten, der mitten im gewilde Tirol erblüht, dann zu dem anger voll duftender obsʒbäume, vogelsangs und spielenden wildes, wo Dietrich meint im paradiese zu sein. Uhland (gesch. der altd. poesie I, 2, 1) schr. 1, 102 (vgl. dazu Laurin, s. o. sp. 5801); die wurtze rotulica wehsset in gewilden an bergen und veilsen. hdschr. der Frankf. stadtbibl. (15. jahrh.) bei Diefenbach und Wülcker 619. vgl.: die wildi, hohe alp, besonders eine solche, wo kein laubholz mehr wächst. Stalder 2. 451.
2)) felsen und wasser (vgl. den obigen beleg aus dem Orendel):

der wind die galê fasʒet, die segel must ma 'm lân
hôch warf ers in das waszer, ans land liesʒ ers nit gaun;
doch troib ers hin in ein gewild,
zwischet zwên hôch berge, dô lâgents trî tag still.
Felix Faber pilgerbüchlein (1482) 131 Birlinger (in der prosabearbeitung: das treib uns zwischen die berge inn einen wilden wüsten giessen). vgl. dazu auch
Schmid schwäb. wb. 531;

der Rhein läuft hier (bei Rheinfelden) in einer felsichten gegend, die das Gewild genennet wird, eine halbe meile oberhalb der stadt anfängt, und bis an die brücke bei Rheinfelden reicht, mit groszem geräusche heftig fort. Ant. Friedr. Büsching erdbeschr. 57 (1789), 628; gewild, wogen: wo das wasser über und zwischen felsen rauscht, strudel. Schmid a. a. o. (mit gewill zusammengeworfen); das gewild, absatz eines katarakts der stromschnelle, tiefer strudel. Stalder 2, 451.
b) die bedeutungsverengerung in der annäherung an gewelde, gewälde:
α) gewilde verbindet sich mit wald, wälde u. a. ohne den zugehörigen collectivbegriff zu kennzeichnen:
1)) in loser zusammenstellung:

e dan[nan] er urloup hete genomen,
dô was der junge vürste komen
547. durch ein gewilde in einen tan,
der was sô reht(e) wunnesam
von bluomen und [e ouch] von bluete;
des sueʒen meijen guete
551. was in dem gewilde (: bilde).
... mit bengeln und mit steine
lief er dem busant al(le)s nâch
572. verre in daʒ gewilde gâch, ... der busant 547 ff. (gesammtabenteuer 1, 352 nr. 16).


2)) bei verbindung durch partikeln:

'frouwe', sprach er, 'ich will jagen,
durch daʒ ich den schœnen walt
und daʒ gewilde manicvalt
müge erkennen und gesehen'.
Konrad v. Würzburg Partonopier 2588 Bartsch;

diʒʒe buoch seit uns vür wâr,
daʒ man den jeger meister hieʒ,
daʒ er die hunde ab(e) lieʒ
und vuer(e) jagen in den walt
rûhe stîge manikvalt
hin über daʒ gevilde,
durch walt und durch gewilde,
ei[ne]m hirʒ(e) kômen si ûf die spor,
der lief in lange und lange vor. der busant 766 bei
v. d. Hagen gesammtabenteuer 1, 358;

Myrrha lieff hin durch manch gefildt,
durch hohe berg, weld und gewildt,

[Bd. 6, Sp. 5804]



bisʒ sie das land Arabiam
hatt fürgelauffen alles sam.
Jörg Wickram (Albrechts Ovid 10. cap. 11. v. 894) 8, 70 Bolte (latosque vagata per agros, palmiferos Arabas, Panchaeque rura relinquit 10, 477 f.);

und jhe mehr das wasser sass nider,
so mehr das gebirg thet wachsen wider,
bisz das zuletzt alles gefild,
die dörffer, höltzer und gewildt
gentzlich wurden trucken und blosʒ,
do zvor grosses wasser flosʒ. (1. cap. 14. v. 642) 7, 28 Bolte (postque diem longam nudata cacumina silvae ostendunt, limumque tenent in fronde relictum 1, 346f.).


3)) vgl. auch die composition in:

da rait er hin bewegenlich
die straʒen die er wart gewist.
des dritten tages der gebrist
rait durch ein walt gewilde,
dar inne ein wit gevilde
lag in richer schawe.
Johann v. Würzburg Wilhelm v. Österreich 3123 Regel.


β) gewilde kennzeichnet gleichartige vorstellungen mit gewälde und seinen synonymen.
1)) in syndetischer verbindung:

fürbas in das gewild ich tratt
und kam uff ain getriben pfat,
der trg mich fürbas
durch ain gehag und ain gewild
bis das ich kam uff ain gefild.
Hätzlerin 1, 28, 61 Haltaus s. 37;

er (der pfeffer) wächszt wol achtzehen tagreisen lang, unnd im gewild und gesträucht, da er wächszt, bauwet der selbige Ogier zwo grosse stätte, da er die gewan, und heisset die ein noch Flandrie. O. v. Demeringen übers. des Joh. d. Mandeville (2) 146 (und do wechst der pfeffer in einem wald ... und der wald ist wol XIV (!) tagwaid lang. übers. v. 1481, in hoc foresto).
2)) einigemal lösen sich gewilde und wald als varianten im handschriftenapparat ab:

dô kêrt er wald unde velt, (für wald var. wild und gewild. Basler hdschr. a. d. anf. des 15. jahrh.)
er hêt verlorn sîn gezelt.
Jansen Enikel weltchron. 19557 Strauch;

Wolfdieterîch der küene ûʒ dem kiele getrat,
do begreif er in der grüene einen engen phat.
sînen marnaere er in dem schiffe lie.
der Krieche an daʒ gewilde unmâʒen verre gie,
biʒ der werde Krieche verirren dô began. Wolfdietrich D 5, 54 (Heldenb. 4, 50) (var. waltt Heidelberger hdschr.).


3)) ebenso folgen sich zur kennzeichnung der gleichen landschaft die beiden bezeichnungen innerhalb desselben zusammenhanges:

und schlg so krefftigklichen
das der wald daruon entbran ...
ich th herr gerne nach ewrem raht
das ich nur kumm ausʒ diser not
allhie ausʒ disem gwilde ... (: milte). Ecken auszfart (Straszb. 1559) 133 (Schade s. 101).


c) für die ablösung von gewilde durch gevilde im variantenapparat mittelhochdeutscher überlieferung läszt sich nicht immer entscheiden, wie weit bedeutungsabschwächung, wie weit nur graphische verschiebung vorliegt:

der edel brack inmittunt lief
gein in durch daʒ gevilde (var. gewilde) wit.
Joh. v. Würzburg Wilhelm v. Österreich 3347 Regel;

da sahen sie über daʒ gewilde fliegen einen fan;
darnach ritten schöne wol zwölf hundert man. der grosze Wolfdieterich 104, 1 Holtzmann (var. gefilde).

vgl.: dô sâhens überʒ gevilde (var. veld) sîgen einen van. Wolfdietrich B 99, 1 Amelung (heldenb. 3, 182);

die Piaristenhdschr. hat an dieser stelle:

si sahen auff der heide dort wol ein gancze rast
gen in kumen ein here. 99, 1 Justus Lunzer s. 69;

im folgenden ist sicher ein ursprüngliches gevilde erst in der überlieferung entstellt, wie sich schon aus der präpositionalverbindung ergiebt:

nach Crist gebort zcweilfhundert gar
dar czu acht und nunczig iar
der romisch konig Adolf wart
irslagin uff der selbin vart.
nach Crist gebort dricen hundert
ses iar dar nach besundert
konig Wenczlab der milde (wurde ermordet)
starb und nicht off dem gewilde. Dalimils chron. v. Böhmen 13, 24 Hanka.

 

Eingabe
Wörterbuchtext:
Stichwort:
 
  

 

Die Suchanfrage lieferte keinen Treffer.