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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
gewieher bis gewiessen (Bd. 6, Sp. 5795 bis 5798)
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[Bd. 6, Sp. 5795]


Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gewieher, n. , verbalsubstantiv zu wiehern (s. d.), die normalform der neueren schriftsprache. sie dringt zu ende des 18. jahrh. in den litterarischen gebrauch ein, in dem sie häufig belegt ist, wenn auch die wörterbücher davon keine kenntnis nehmen. das substantiv fehlt nicht leicht in neueren schilderungen, die rosz und reiter in bewegung setzen; in volksthümlicher überlieferung hat die verbalhandlung zudem stets eine rolle gespielt. dazu kommt übertragener gebrauch (für das lachen ungebildeter menschen), der beim verbum früh einsetzt: wenn ihnen ein wieherndes gelächter aus allen bänken des theaters entgegenschallte. Wieland (Aristipp 1, 9) 33, 98.
1) das gewieher des pferdes: wenn dein thurmwächter von fern roszgewieher und waffenklang hört, so kommt Heinrich von Andechs. Babo (Otto v. Wittelsbach 4) 1 (1793), 135. vgl. auch roszgewieher theil 8 sp. 1262;

doch die geflügelten rosse, der Pyroïs, und der Eous,
Aethon zugleich, und Phlegon, erfüllen die luft mit gewieher
flammendes hauchs. (hinnitibus auras flammi feris implent.)
Voss Ovid verwandl. (Phaëton 186) 1 (1798), 77;

selbst auch der hunde gebell, selbst wähliger hengste gewieher
ist mir verhaszt! (idyllen: das ständchen) 2, 50 Hempel;

als er vernahm zugleich das rauschen der see, und der brandung
dumpfes geläut, durchbrüllt vom gewieher der rosz' und der rinder ...
schlug ihm das herz in beklommner brust.
Kosegarten (Jucunde 3. ecloge) 25 (1824), 137;

doch mit gewieher und geschnauf
stürzt sich das rosz in's becken. der Bannhölzler bei
Reithard gesch. u. sagen aus der Schweiz 304;

pferdegewieher ist heilbringendes zeichen ... bekannt ist die persische königswahl nach dem gewieher des hengsts. J. Grimm mythol. (2)4 548; abergläubische horchen weihnachts zwölf uhr auf scheidewegen, an grenzsteinen: vermeinen sie nun schwertergeklirr und pferdegewieher zu hören, so wird im künftigen frühjahr ein krieg entstehen. 932; ich glaube, der wilde jäger ist im anzuge. wir hörten das horn nochmals und pferdegetrapp und gewieher. Clemens Brentano (die mehreren Wehmüller) 4, 259; seht auch, wie das gewieher des pferdes ein zeichen ist, dasz es sich freut, zugleich die tapfere und schöne last seines herrn und seiner gebieterin zu tragen. Tieck übers. des don Quichote 2, 234; zuweilen hörte ich Rozinantes begeistertes gewieher und die bejahenden töne des esels. H. Heine (einl. zum don Quichotte) 7, 307 Elster;

der lauscher höret es stampfen,
über ihm, mit hellem gewieh'r,
zwei schnaubende nüstern dampfen.
Anette v. Droste (die vendetta 1) 2, 477 Kreiten;

seht er (der tag) dämmert schon! ermuth'gend grüszt ihn meines thiers gewieher.
Freiligrath (gesicht des reisenden) 1 (1877), 154;

horch auf! er (Freiligraths hippogryph) scharret mit gewieh'r,
und knirscht in kett' und stange,
und stampft, als wollt' er sagen dir:
'was rastest du so lange?'
Geibel Juniuslieder (zu Freiligraths geburtstag) (1848) 191;

o thu's, und dann kehr' zu uns heim
mit frohem roszgewieher,
und lies uns deinen neusten reim
im goldnen pfropfenzieher (gasthaus in Oberwesel). ebenda s. 195;

und führte sie ... zum hause hinaus nach dem blachfeld, das schon von menschen wimmelte und vom gewieher der rosse und trompetenklang erdröhnte. Paul Heyse ital. nov. 2: die stickerin von Treviso; jetzt höre ich deutlich pferdegewieher, und dasz es der schlag eines hufes war, was ans tor hämmerte. die reise nach dem glück; ein helles gewieher in nächster nähe erweckte mich aus meiner schwärmerei. nach einer wendung des pfades erblickte ich einen gesattelten gaul, der an das gehege des meierhofes gebunden stand. Conrad Ferd. Meyer der heilige 74.
2) die übertragung auf menschen: reich bedacht in unserer anthologie ist der Hudibras des Samuel Butler, eine satire auf die rundköpfe, wo die gefallene partei unter dem gewieher des höfischen und sonstigen pöbels gleichsam poetisch in den block gelegt wird. Carl Justi Winckelmann 12, 223; da hättest du das gewieher hören sollen. Sudermann sturmgeselle Sokrates 107.

[Bd. 6, Sp. 5796]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gewiehert, participiales adjectiv zu wiehern, von Jahn im anschlusz an die mythologische geltung des verbums (vgl. oben zu J. Grimm a. a. o.) frei gebraucht: es schlägt sich nirgends besser als im angesichte von zeit und ewigkeit, auf den gräbern der vorfahren. dahin beschieden nach Herodotos [vgl. 3 cap. 82] die dadurch germanisch erscheinenden Skythen den roszgewieherten könig der Perser. Jahn merke z. deutschen volksthum (eintheilungsnamen) 172.
 
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gewienen, s. DWB gewöhnen.
 
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gewiengkezen, gewienken (vgl. deutsche mundarten 5, 444), s. quienen, quienzen theil 7 sp. 2370.
 
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gewiere. während das n., das collectiv zu wiere (eingelegte arbeit, geschmeide), mit der mittelhochd. zeit ausstirbt (vgl. mhd. wb. 3, 624b), lassen bairisch-österreichische quellen der übergangszeit ein fem. gewier auftauchen, als nebenform zu gewere, gewähr (vgl. oben sp. 4785 ff.): ich obgenanter Johannes herr zu Abensperg ... setzen den benanten prior, conuent und all jhre nachkommen der benanten gült unnd gelts ein, ausz unser nutz unnd gewier, inn jhr nutz unnd gewier, unnd machen sie der gewaltig hiemit in krafft desz brieffs. Salzburger urkunde von 1463 bei Hund 2, 229; der in mit seiner weishait, da er dannoch ein kind was, in di gewir des selben landes mit allen seinen kreften gepracht het ... (in eiusdem terre possessionem venire totis viribus procuravit). Andreas v. Regensburg (chron. v. d. fürsten zu Bayern) Leidinger s. 645. anders zu erklären ist der vocal in gewierig, s. d.
 
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gewierhak, s. DWB gewehrhaken sp. 5419.
 
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gewierig, gewührig, adj. , nebenform zu gewährig (vgl. sp. 4864), mit erhöhung des stammvocals, vgl. althochd. wirig Graff 1, 940. von den für gewährig oben belegten 4 bedeutungen sind in dieser form nur die beiden letzten beobachtet, die von durabilis (vgl. langwierig) und die anknüpfung an gewähren (praestare), die schon in der kanzleisprache des 16. jahrh. erscheint und seitdem unsere form bevorzugt.
1) gewierig, idem, quod wierig et wärhaft, perstans, durans. Stieler 2417; gewierig, constant durable. Rondeau 2, Uu 3c (gewierige gewogenheit, glückseligkeit); ähnlich Adelung 2, 662 (erinnert an langwierig); gewierig, constant, lasting, durable. Hilpert 2, 1, 464b.
2) du hast dich gewiriger erklärung zu versichern, das ist einer solchen erklärung, dadurch dir gewähret und geleistet wird, was du begehrest. Schottel 350a; gewierig etiam est: permissus, concessus, consensus. Stieler 2417.
a) bitt demnach, wie vor, ewer freuntliche, gunstliche, bruderliche, christliche, gewierige antwurt, mich verrer haben zu halten. dr. Karlstats supplication (1525) bei Thomas Zweifel Rotenburg im bauernkrieg 163 Baumann; und bitten des alles hiemit bei disem botten tröstliche, gewirige antwurt. (Ernfrid Kumpf und Jörig Spelt an den rat v. Rotenburg 1525) ebenda 532; und haben uns damit also an ain erbern rat, und ain erber rat uns furter an ain erbern ausschusz hievor gewisen, der end wir noch biszher kain gewirig antwurt empfangen haben. (supplication der von Wildentierpach) 348; gewürige antwort hoffen (sperare) favorabile responsum. Frisch 2, 419c; einem eine gewierige antwort ertheilen. Adelung 2, 662, ebenso Campe 2, 363a u. a.; eine gewierige antwort; man könnte ebenso gut gewährende sagen. Heynatz handb. z. richt. verf. (1800) s. 283b; (euer schwäher) ist der freundbrüderlichen willfahrung seiner ziemlichen bitte gewärtig ... graf Heinrich bedachte sich nicht lange, dem herold gewierige antwort zu ertheilen, und entliesz ihn wohlbeschenkt von sich. Musäus volksmärchen (liebestreue) 3, 227; der senat von Marseille hatte recht, demjenigen einen gewierigen bescheid zu geben, welcher um die vergünstigung anhielt, sich das leben zu nehmen, um sich von dem ewigen ungewitter seiner frau zu befreien. Bode übers. v. Montaigne's gedanken u. meinungen über allerlei gegenstände (3, 5 d'interiner sa requeste) 5, 218; (Teutschland:) wir sehen es gantz gerne, dasz diese herren sich bei unserem königlichen hofe haben einstellen wollen, geruhen auch gnädigst, ihr anbringen zu hören und nach beschaffenheit deroselben vortrages ihnen eine gewierige resolution zu ertheilen. Joh. Rist friedewünschendes Teütschland (1, 4) 29; es wil

[Bd. 6, Sp. 5797]


aber desz herrn generals gräffl. excell. verhoffen, wann derenthalben bei ihr kaiserl. majestät allerunderthänigste ansuchung ... beschicht, es werde allergnädigst gewirige resolution darauff erfolgen. erklärung der Tillyschen 1626 bei Londorp acta publ. 3, 858a; e. f. g. gewürige resolution. Francfurter ausfertigung 1628 Diefenbach-Wülcker 620; mit gewirigem gnedigen bescheide unndt ersprieszlichern erklerung zu vorsehen. Weimarer ausfert. 1612 ebenda; ew. excell. hoch-hochwohl und wohlgeb. wollen solche zu einer baldigen gewierigen entschlieszung bei der höchsten behörde zu befördern geruhen. Göthe (an die sächs. kammer zu Merseburg 1798) 13, 31; als formel des Weimarischen kanzleistils ist besonders die verbindung bittgewierige entschliessung beobachtet; andererseits vgl.: dafern die nachricht nicht gewürig ausfallen sollte. Weimarer ausfert. 1748 Diefenbach-Wülcker 620; gewierig ... welches nur im oberdeutschen und einigen hochdeutschen kanzelleien üblich ist. Adelung; vgl. auch Heynatz Antibarbarus 2, 56.
b)

stütze desʒ hauses, Piastisches kind,
deme gewierig und pflichtbar wir sind,
bessert von neuem die schutzbaren zinnen,
drunter wir segen und ruhe gewinnen.
Friedr. v. Logau sinnged. (zugabe zum 3. tausend 101) 629 Eitner;

wir gesinnen an euch, ihr wollt euch gegen ihn will fährig, fürderlichst und gewierig erzeigen. Adelung 2, 662, vgl. auch Heynatz Antibarbarus.
c) an gewürigen erfolg nicht zweifeln. Frisch 2, 419c; lasz mich den gewührigen erfolg sehen. Hederich 1, 1423 (gewierig, gewührig, quod concedi potest); ein gewieriger erfolg ist ein gewünschter erfolg. Heynatz Antibarbarus; ich zweifle nicht an dem gewierigen erfolge dieser sache. Adelung, ebenso Campe.
3) noch mehr als in den letzten belegen schlieszt sich gewierig im folgenden an die allgemeinste bedeutung von gewähren im sinne von praestare an: gewürig, tragbar, dar etwas gern wächst. Besold thesaur. pract.; holzmarkungen, guten gewührigen bodens, fertilis. Frisch 2, 419c. Adelung (2, 662) lehnt dieses adjectiv an beran an (birig).
4) die schwankungen in der wiedergabe des stammvocals (i, ie einerseits und i, ü andererseits) erreichen ihren höhepunkt beim kanzleigebrauch des wortes; für die bedeutung von durabilis dagegen ist nur die schreibung mit ie, für die bedeutung fertilis die kennzeichnung gerundeten vocals belegt.
 
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gewierigkeit, f. substantivbildung zu dem kanzleimäszigen gebrauch des adjectivs: und dann sonst wie vormals mit aller trew und gewierigkeit unser bestes zu fördern und unsern schaden zu verhütten. urk. herzog Ludwigs von Liegnitz (1653) Logau betr. s. Eitner einl. s. 29.
 
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gewiesel, n., wird von Schmidt (westerwäld. idiot. s. 328) als nebenform zu gewusel (s. d.) gebucht, vgl. auch DWB gewiessen.
 
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gewiesen , neuere participialform zu dem ursprünglich schwach flectierten weisen, s. geweist sp. 5460.
1) unter den wörterbüchern führt schon Henisch die heutige form auf: gewiesen, ostensus, monstratus. 1599; vielfach ist das particip von lateinischen parallelen begleitet, die für einzelne formen der übertragung als vorbild antiken gebrauch nachweisen: monstratus, gewiesen (Horat.: vitae monstrata via). G. M. König gazaph. lat. (1668) 726b; ostensus, gewiesen (Ter.: ostentatam occasionem omittere). derselbe; gewiesen, ostensus, ostentatus etc. Kirsch 2, 151b; genau so Matthiae 2, 181a. Hederich 1, 1423. vgl. auch gewese, gewiesen. Hönig wb. d. Kölner mda.
2) der litterarische gebrauch läszt gewiesen zunächst in die festen verbindungen eintreten, die oben für das isolierte geweist gekennzeichnet sind; andererseits zeitigte die neuere sprache an der von ihr begünstigten form des particips einzelne verwendungen, die in ihrer fügeweise den einflusz des verbalgebrauchs erkennen lassen.
a) die engere anknüpfung an das isolierte geweist.
α) es hat alles seinen gewiesenen weg. Opitz übersetz. d. Argenis (2, 7, 7) 386 (2, 2, 4 geweiseten wege); aber das ist eine andere frage, was und wie wir beten sollen. kennt jemand das wesen dieser welt, und trachtet er ungeheuchelt nur nach dem was besser ist; denn hat's mit dem gebet seine gewiesene wege. Matth. Claudius

[Bd. 6, Sp. 5798]


(über das gebet) 1, 190 Redlich; 'es verstehet sich ja von selbst ... dasz ihr alsdann zu eurer tochter geht; das ist doch ein gewiesener weg'. Hackländer Eugen Stillfried cap. 45; dasz wir nach belieben sitzen und politisiren mögen, es geht doch alles seinen gewiesenen gang. W. Raabe schüdderump 245.
β) richtig ist es, dasz hier alles mit der manier zugeht, alles und jedes seine ordnung, zeit und den gewiesenen platz hat. Immermann Münchhausen 5. buch, 7. cap.; der evangel. bund, sein gewiesenes recht und sein gethanes werk. L. Witte (21. aufl.) 1898; anders ist die gleiche verbindung im folgenden gebraucht, wo der neuere stilist das particip an die in der rechtssprache (vgl. weisthümer u. a.) übliche bedeutung des verbums anlehnt: die thatsache, dass die handfeste nur gewiesenes recht enthält. A. Zycha das böhmische bergr. des mittelalters 1, 1.
γ) in der übertragung auf personen gewinnt die erst besprochene verwendung des particips eine eigenartige parallele zu dem ältesten gebrauch von geweist (geweister jäger sp. 5460): vor allem die bibel. Hieronymus ... war der gewiesene mann, sie zu übersetzen: denn er kannte nicht blosz griechisch, sondern hatte auszerdem von einem Juden auch hebräisch gelernt. E. Norden die lat. litterat. im übergang (kultur der gegenwart I, 8, 377).
b) neuere erweiterung der fügung, beeinfluszt durch den verbalgebrauch (vgl. auch den beleg aus a, β: gewiesenes recht):

'die deinen wandern ohne führer' ...
'sie ziehn auf der von mir gewies'nen strasze.
so bald sie meiner brauchen, bin ich rasch ...
bei der vertrauten schar'.
Immermann Merlin v. 2084;

erst die deutsche philologie ... hat in der überlieferung auch der spätesten jahrhunderte und vor allem in der sprache eine quelle entdeckt ... und nur auf der von ihr gewiesenen bahn ... wird es möglich auch den zusammenhang des äuszern und innern lebens unsrer vorzeit nach allen seiten hin aufzuweisen. Müllenhoff d. alterthumskunde 12 einl. s. 27; die ohrfeige ... und dann der angedrohte pistolenkolben hatten ihn gänzlich hergestellt und in die ihm gewiesenen schranken zurückgeführt. Immermann Münchhausen 6. buch, 13. cap.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
gewiessen, verb. mundartliche (onomatopoetische ?) bildung: gewieszen, leise summen, zischen, zirpen (Oststeiermark). Unger-Khull 291a.

 

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