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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
gewiegen bis gewierigkeit (Bd. 6, Sp. 5790 bis 5797)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gewiegen, gewigen, nebenform des starken part. praet. zu wegen, wägen (s. d.) für gewegen, gewogen (s. d.): und wart die sach zu beiden seiten wol gewigen und uisgepurt. buch Weinsberg 1, 189 Höhlbaum; das zinwirk ... in 6 teil gewigen. 2, 307; pensus, gewiegen Erasmus Alberus nov. dict. genus C 2b; trutinatus, pensiculatus, discussus, wol gewiegen odder bewiegen. ebenda.
 
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gewiegt , participiales adjectiv zu wiegen (s. d.), dem von wiege abgeleiteten verbum. das particip sondert sich in zwei richtungen vom allgemeinen verbalgebrauche ab: älter und weit abgerückt ist die bedeutung gewiegt, erfahren, kundig; jünger und in den ersten anfängen erscheint eine andere entwicklung, vgl. Venedigs meergewiegter glanz P. Heyse Rafael (Münchener dichterbuch 343).
1) die bedeutung kundig, erfahren überrascht bei einem particip, das von wiegen, wiege abgeleitet wird; näher läge

[Bd. 6, Sp. 5791]


es, an das stammverbum wegen (bewegen) zu denken, das durch die analogie von gewandt (s. d.) gestützt werden könnte. dem stehen zunächst lautliche schwierigkeiten entgegen, die freilich bei den mannigfachen verschiebungen eben in dieser sippe (vgl. gewiegen, gewigen für gewegen, gewogen) nicht unüberwindlich wären. aber gerade der bedeutungskreis, in dessen mittelpunkt die wiege steht, bietet eine reihe so sicherer anknüpfungspunkte, dasz die anlehnung von gewiegt an wiegen nicht von der hand zu weisen ist.
a) das verbum wiegen selbst ist erst spät belegt, bei Gottfried v. Neifen und im jüngeren Titurel, vgl. mhd. wb. 641a; Lexer 3, 880; aber die ihm zustehende bedeutung war vorher durch verwandte verba vertreten, so durch wagen (vgl. mhd. wb. 3, 641b) und sogar durch wegen selbst (mhd. wb. 3, 642b). ein beleg für dieses zweite verbum zeigt nun deutlich, welches gewicht eine frühere lebensauffassung auf die wiege als den anfang aller entwicklung und erziehung des menschen legte, vgl.: in grôʒem vollen geweget und erzogen sîn. Kolocz. cod. 146. das stimmt mit der beobachtung überein, die oben (sp. 5784) bei gewickelt an die verbindung gut gewieget und gewickelt zu knüpfen war. dazu stimmt auch die bedeutungsentwicklung des franz. bercer, die in ähnliche übertragung ausläuft, vgl.: je sui bercé de cela, dieses ist mir sehr wohl bekannt. neues dict. (Genf 1638) s. 146b. dadurch werden andere erklärungen (1. aus gewift, vgl. DWB achter aus after; 2. aus wîgen, kriegsbereit, vertheidigungsfähig machen) unwahrscheinlich (vgl.: ein torm, der mit erkern wol gewîget ist. hohe lied Bruns v. Schonebeck 3700, s. Lexer nachtr. 402). der älteste beleg für den einschlägigen gebrauch des participiums liesze sich aus der einen wie aus der andern auffassung leicht erklären und ableiten: gewieget in gerichtshendlen, homo fori alumnus. Maaler 179a. die verbindung als solche wird jedenfalls dadurch sicher gestellt und weit früher datiert als der litterarische gebrauch dies zuläszt; die deutung selbst könnte auch erst aus nachträglicher anlehnung an wiegen, wiege erwachsen sein. das gleiche läszt sich später wieder beobachten:

China's kaiser, so jung: als staatsmann preist, als gewiegten,
ihr ihn — o saget doch, ist's lange schon, dasz er gewiegt?
Glassbrenner u.
Sanders xenien der gegenwart (66: bescheidene frage) (1850) 169.


b) die litterarischen belege (in den mundarten sind andere bildungen bevorzugt, vgl. DWB gewichst, DWB gewift u. a.; vgl. auch Lenz Handschuhsheimer wb. 28a) fallen mit vereinzelten ausnahmen erst in den ausgang des 18. jahrh., sie weisen einige verbindungen auf, in denen noch die formen erkennbar sind, mit denen das particip sich zuerst isolierte.
α) das particip mit adverbialen bestimmungen und ähnlichen verbindungen giebt in einigen älteren gebrauchsformen anhaltspunkte für die ableitung von wiegen, wiege.
1)) gut gewiegt (s. o.); dieser (Floretto) ist noch gar einfältig und noch nicht recht gewieget. wir wollen doch Amandus noch einmal herein kommen lassen, ob wir noch was aus ihm bringen könten. Schoch komödie v. studentenleben 87, 33; anders schon: jedem einwurfe zeigte er sich nachgiebig; der vielgewiegte mann war sogleich bereit zur abänderung eines ausdrucks, der miszdeutet und den politisch - kirchlichen zwecken der partei nachtheilig werden konnte. C. F. Neumann (Joseph Görres) in Oppenheims deutsch. jahrb. f. pol. u. lit. 11, 158.
2)) zu fügungen von gewandt stimmen präpositionalverbindungen: so leicht der junge mann aussieht, so gewiegt ist er in seinem fache. Gotter (der schöne geist oder das poet. schlosz 2, 6) 3, 216; ich habe etwas vor, sagte herr Stark, wozu ich einen mann brauche, auf den ich mich verlassen kann, und der zugleich um sich weisz, und in handlungsgeschäften gewiegt ist. J. J. Engel (herr Lorenz Stark 26) schr. 12, 279; in allen sachen gewiegt, d. i. erfahren sein, eine ziemlich dunkle figur, wenn sie nicht von dem vorigen verbo wiegen oder wägen entlehnet ist. Adelung 4, 1538; denn Rizzio war ein fähiger in den neueren sprachen gewiegter mann, die königin erhob ihn zu ihrem secretär, war oft mit ihm geheim zusammen, doch nach allen umständen in schuldlosem verkehr. F. C. Dahlmann gesch. der engl. revolution 106; nun also schon wieder in dem gewohnten tone einer vor nichts erstaunenden ruhe und kälte sagte der in seinem amte

[Bd. 6, Sp. 5792]


gewiegte, in seinen unternehmungen von guten erfolgen begleitete beamte. Gutzkow der zauberer von Rom 3, 24.
β) das absolut gebrauchte particip: gewandt, gewiegt, geschickt, versato, habile, addirizzato, scozzonato, versé, habile, adroit, adressé. Rädlein 1, 381b; gewiegt, adj. u. adv., bercé. Schwan 1 (1783), 745b; gewiegt für geübt, wohlbeschlagen, kömmt nur im gemeinen leben vor. Heynatz Antibarbarus 2, 56; gewiegt, adj. u. adv., geübt, erfahren. Campe 2, 363a u. a.; ja, es war im verkehr gleich alles hier so sicher, so fest, so unbeschreiblich gediegen, solid, leidenschaftslos, gewiegt, so ganz in ihr neuer art und unendlich imponirend. Gutzkow der zauberer von Rom 1, 239.
1)) und er beschlosz den augenblick, dem grünen genie gar stattlich das obstat zu halten, die meinung desselben mögte nun sein, welche sie wolle, und vor der gesellschaft ehre einzulegen. zu diesem tapfern entschlusse trug das nicht wenig bei, dasz er schon lange weg hatte, sein gegner sei kein sehr gewiegter mann. Joh. Gottw. Müller Siegfried v. Lindenberg (cap. 12) (1779) 74; sie, tiefer denker, menschenkenner, prüfer der leidenschaften, der sie provinzen und länder mit nutzen durchreiset sind, sie gewiegter, und gleich dem Odysseus vielgewandter mann, oder vielverschlagner ... Tieck (die vogelscheuche 5, 1) novellenkranz 4, 372; indem er ganz unverhohlen sein erstaunen, ja seine entrüstung äuszerte, dasz ein so gewiegter, weltläufiger mann wie herr Horváth seine einzige tochter und erbin mit einem von der strasze aufgelesenen ... menschen ... stundenlang in einer sprache verkehren lasse, die den übrigen hausgenossen mehr oder weniger unverständlich sei. Friedr. Halm (die Marzipanliese) 4, 10 Schlossar; wozu sollte er sonst ein so verständiger, sanftmütiger und gewiegter mensch sein, wenn er nicht irgend etwas heimliches, sehr vorteilhaftes vorhatte? Gottfr. Keller (die drei gerechten kammmacher) 4, 224.
2))

und Cajus Cäsar sandte mir befehl
zum kampfspiel, das bevorsteht, meine fechter,
die tüchtigen, gewiegten bursche nämlich,
nach Rom zu bringen, und ich bracht' sie denn
wie früher in die gärten Mark Antons.
Friedr. Halm (der fechter v. Ravenna 1) 3, 81 Schlossar;

Uli hatte den karrer fortgejagt, den melker einmal geprügelt; er hatte die ruhe eines alt aristokratischen gewiegten bauern noch lange nicht. J. Gotthelf Uli der pächter cap. 9; der kirchenfürst unserer provinz selbst, sagte er, nimmt den lebhaftesten antheil an einer entscheidung, für welche sogar mein gewiegter principal, der procurator Dominicus Mück, keine andere hülfe hat als die des aufschubs. Gutzkow der zauberer von Rom 2, 91; wie hätte ich wohl hoffen dürfen, den gewiegten praktiker zu unsrer 'ideologischen' auffassung zu bekehren. R. Haym aus meinem leben 187; denn bei allem ungestüm war er (Blücher) von grund aus klug, nicht blos im kriege so verschlagen und aller listen kundig, dasz ihn Napoleon ärgerlich le vieux renard nannte, sondern auch ein gewiegter menschenkenner, der jeden an der rechten stelle zu packen wuszte. Treitschke deutsche gesch. (1, 4) 15, 454; die frage, wie der degen beschaffen sein musz und wie viel er kosten darf ... darüber mögen sie einer so gewiegten und anerkannten autorität wie der preuszischen militärverwaltung ... doch auch ein gewisses urtheil beilegen. Bismarck (im reichstag des norddeutschen bundes 22. 5. 1869) 4, 252 Kohl.
3)) der gewiegte (der arzt) fand das ganz in der ordnung, gab zum vollzug die befehle und liesz nun anstalt zum zeitgemäszen frühstück treffen. F. L. Jahn (denknisse eines Deutschen: der geleiter 11) 1, 471 Euler; dritter holzschnitt. hier ist ein gewiegter kommentator von nöthen. Bonaventura 4. nachtwache s. 26 Michel; als gewiegter kenner der geschichte gab der minister unbefangen zu, dasz die staatsgewalt weder sittlichkeit erzwingen noch unsittlichkeit verhüten könne. Treitschke deutsche gesch. (5, 3) 5, 251; so grosz freilich der antheil ist, den glück und zufall an gallerien haben, soviel auch auf den geschmack ihres besitzers ankommt, es muszte auch einen gewiegten kunstkenner und thätigen geschäftsmann geben, in dessen hand die fäden des ganzen netzes zusammenliefen. Carl Justi Winckelmann 12, 267; das sind die ansichten

[Bd. 6, Sp. 5793]


eines gewiegten und erfahrenen diplomaten. Bismarck (im preusz. landtag 6. 3. 1872) 5, 299 Kohl; ich glaube aber, aus der debatte ... hat sich herausgestellt, dasz eine verschiedene auffassung und deutung der älteren ständischen gesetzgebung möglich und factisch vorhanden war, nicht blosz unter laien, sondern auch unter gewiegten juristen. (im vereinigten landtag 1. 6. 1847) 1, 11; in wenigen tagen lieferte der gewiegte rechtsgelehrte (freiherr v. d. Pfordten), welcher zur zeit durch sein keckes auftreten ... die mehrheit der versammlung beherrschte, eine ausführliche darlegung der beiden sätze. Sybel die begründung des deutschen reiches (10, 4) 32, 104; aber du hast dich als gewiegter jurist natürlich erst erkundigt? Rudolph Braune reinheit (1895) s. 15.
γ) für die überführung des particips in die kategorie der adjectiva zeugen vor allem die steigerungsformen: das weibliche ... geht mir jetzt in dem schönen dufte der blume, in den geregelteren wallungen des herzschlages, in meinen plötzlich gewiegter und voller werdenden begriffen und gedanken auf. Gutzkow Richard Savage 1, 1; ich erinnere sie an die worte eines mannes, der weit gewiegter in staatsrechtlichen dingen ist, als ich: Jordan's von Marburg, wenn er gestern sagte, dasz unter dem begriffe bund ebensowohl der staatenbund, als der bundesstaat verstanden wird. Vincke in der deutschen nationalvers., s. stenogr. ber. (3) 2101b; selbst ein gewiegterer mädchenkenner, als unser liebender Römer, wäre sicherlich in verlegenheit gewesen, wie er diesen bescheid zu deuten, welche verschwiegenen hintergedanken günstiger oder unliebsamer art er hinter den scheinbar so zutraulichen worten zu suchen gehabt hätte. Paul Heyse ital. nov. 2: Romulusenkel; wenn ich ein junger lieutenant wäre, wollte ich den ältesten und gewiegtesten grenadier aus seiner fassung bringen, und ihn durch beständiges mäkeln und unvernünftiges tadeln in vier wochen confus und zum unordentlichen und schlechten soldaten machen. Tieck (der geheimniszvolle) 14, 264.
2) verwendungen des particips, welche die an die wiege anknüpfende bewegung auf andere ähnliche erscheinungen übertragen und die den begriff verallgemeinern. die sonderstellung des particips beruht hier darauf, dasz es an dieser entwicklung in höherem masze theilnimmt, als andere verbalformen:
a) gliederung nach bedeutungsgruppen.
α) schon beim engsten anschlusz an die grundbedeutung erweitert sich der gebrauch. bald entfernen sich die begleitenden umstände von den herkömmlichen formen, bald treten subjecte zum particip, die das ursprüngliche bild verschieben:

du warst die ferig khol, so des for-sagers lippen
durch flammenbotten-hand berhrt hatt', der die krppen
des mnnsch-gotts for gewiegt wol achthalb-hundert jar
eh er, der jungfrau-sohn zumm hail gebohren war.
Rompler v. Löwenhalt erstes gebüsch seiner reimged. (1647) 4;

ihr helle sternlein stehet still
und horcht wasz eüer schöpffer wil,
der schwach und ungewieget
in einem kriplein lieget.
Joh. Rist (1, 1 weihenachtgesang) himml. lieder (1652) 6;

doch es schaukelt mit der puppe,
dass gewieget sie entschlummre,
singt ein lied, sie einzulullen,
jetzt das klare geisterweib.
Clemens Brentano romanzen vom rosenkranz (17, 84) 302 Morris;

wer auf den wogen schliefe
ein sanft gewiegtes kind,
kennt nicht des lebens tiefe,
vor süszem träumen blind.
Eichendorff (der freund) 13, 107;

(Friederike.) nicht doch, dein Ali war mir lieb.
(Lucinde.) der mäuse wegen,
(Friederike.) oft wenn er, sanft gewiegt, auf meinem schoosz geschnurrt,
war er — (Lucinde.) erträglicher, als ein gemahl, der murrt.
Müllner (der Angolische kater 1) 5, 15;

die minn' ist ein gefangner falk,
vom jägersmann gewiegt im ringe,
damit der freie als ein schalk
dienstbar auf das gewilde springe.
K. Immermann (Tristan u. Isolde 1: Cornwall) 13, 237;

[Bd. 6, Sp. 5794]



götter! sie wird die welt zum Eden zaubern,
wird die fluren in gärten gottes wandeln,
wird, auf meinem schose gewiegt, den frühlingsabend beflügeln!
Hölty (die künftige geliebte) 76 Halm;

o, lasz im traume mich sterben,
gewieget an seiner brust,
den seligsten tod mich schlürfen
in thränen unendlicher lust.
Chamisso (frauen-liebe u. leben 3) 12 Walzel.


β) so verblaszt die vorstellung zu dem umfassenderen begriffe schaukelnde bewegung:

die pilgerfahrt ist nicht die fahrt bei tag und in der nacht,
gewiegt vom rücken des kameels und von der sänft umdacht,
die pilgerfahrt ist, dasz sein geist sei auf das heil'ge haus
allein gerichtet ...
Rückert (25. makame) poet. werke 11, 417;

Cap Misen ragt mitten im abendlicht als
nackende felsbrust,
die im kahn sonst schaukelgewiegt umschifft wir.
Platen (oden: einladung nach Sorrent) 1, 204 Redlich;

du ruhst in der barke, wie süsz gewiegt. (eklogen u. idyllen: bilder Neapels) 1, 265;

nun hatte, gewiegt auf dem blauen wasser, Robert die beste zeit und gelegenheit, über sich und seine schicksale nachzusinnen. W. Raabe leute aus dem walde5 s. 283.
γ) wie das schaukeln des kahns auf dem wasser, so geben auch die bewegungen in der atmosphäre gern den anknüpfungspunkt zur übertragung:

sie war wie von der nachtigall geboren,
die um den tempel der Diana wohnt.
gewiegt in eichenwipfel sasz sie da,
und flötete ...
H. v. Kleist (Penthesilea 23, 2685) 2, 147 E. Schmidt;

wie dort, gewiegt von westen,
des mohnes blüthe glänzt!
Uhland (der mohn) 1, 43 E. Schmidt;

nur der kleine pfiff zuweilen leise vor sich hin, nicht eine bestimmte melodie, sondern wie ein vogel, der auf einem sacht vom winde gewiegten baume sitzt. Paul Heyse buch der freundschaft: grenzen der menschheit;

lehre der gott
ruhige fassung
mich und geduld,
dasz vom ebenen
boden ich
nicht hinauf
zürne zu denen,
die gewiegt und geschaukelt,
weiter kommen,
als ich mit meines
schreitenden fuszes kraftanstrengungen.
Fri. Rückert (haus- u. jahr 5. reihe: der fuszwanderer) 2, 399;

löse, himmel, meine seele
aus des staubes engen schranken!
wandle sie zum flügelboten
liebesehnender gedanken!
wandle sie zu blumenodem,
zart gewiegt im hauch des windes!
Peter Cornelius 4, 22 Stern.


δ) erweiterung des kreises der übertragungen: ein so herrlicher kraftstamm auch der Deutsch-Österreicher ist, ein so ausgezeichnetes, in glück und unglück gewiegtes fürstenhaus auch die länder und staaten zusammen hält. Jahn (deutsches volkstum [erklärung]) 1, 146 Euler;

zogst du, dem augenblick als sklavin unterthan,
mit jedem neuen kleid auch neue liebe an,
und schwärmtest, sanft gewiegt in deiner schönheit ruhme,
von sieg zu sieg dahin, von blume hin zu blume.
Geibel juniuslieder (auf eine einsame) 199;

und viele, im wahn, dasz die feinde besiegt,
mit liebreiz umgürtet, in anmuth gewiegt
umschwärmten den kranz
der Ilischen zinnen mit reigen und tanz.
Heinr. Leuthold (Penthesileia 8) ged.4 285.


b) syntaktische besonderheiten bietet dieser gebrauch des particips noch wenig. als beleg für substantivierung vgl.:

pferde keuchend, räder knirrend,
kutscher fluchend, achsen krachend,
... wenn mir unsanft so gewiegtem
so gerütteltem, der faden
der geduld zerreiszen wollte.
Fr. Rückert (liebesfrühl. 2, 37) 1, 249.


 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
gewiehel, n., nebenform zu gewieher (s. d.), die auf die ältere form des verbums (vgl. wihelen, hinnire. mhd. wb. 3, 650b) zurückweist: gewiehel, annitrito Kramer teutschital. dict. (1702) 2, 1347b.

[Bd. 6, Sp. 5795]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gewieher, n. , verbalsubstantiv zu wiehern (s. d.), die normalform der neueren schriftsprache. sie dringt zu ende des 18. jahrh. in den litterarischen gebrauch ein, in dem sie häufig belegt ist, wenn auch die wörterbücher davon keine kenntnis nehmen. das substantiv fehlt nicht leicht in neueren schilderungen, die rosz und reiter in bewegung setzen; in volksthümlicher überlieferung hat die verbalhandlung zudem stets eine rolle gespielt. dazu kommt übertragener gebrauch (für das lachen ungebildeter menschen), der beim verbum früh einsetzt: wenn ihnen ein wieherndes gelächter aus allen bänken des theaters entgegenschallte. Wieland (Aristipp 1, 9) 33, 98.
1) das gewieher des pferdes: wenn dein thurmwächter von fern roszgewieher und waffenklang hört, so kommt Heinrich von Andechs. Babo (Otto v. Wittelsbach 4) 1 (1793), 135. vgl. auch roszgewieher theil 8 sp. 1262;

doch die geflügelten rosse, der Pyroïs, und der Eous,
Aethon zugleich, und Phlegon, erfüllen die luft mit gewieher
flammendes hauchs. (hinnitibus auras flammi feris implent.)
Voss Ovid verwandl. (Phaëton 186) 1 (1798), 77;

selbst auch der hunde gebell, selbst wähliger hengste gewieher
ist mir verhaszt! (idyllen: das ständchen) 2, 50 Hempel;

als er vernahm zugleich das rauschen der see, und der brandung
dumpfes geläut, durchbrüllt vom gewieher der rosz' und der rinder ...
schlug ihm das herz in beklommner brust.
Kosegarten (Jucunde 3. ecloge) 25 (1824), 137;

doch mit gewieher und geschnauf
stürzt sich das rosz in's becken. der Bannhölzler bei
Reithard gesch. u. sagen aus der Schweiz 304;

pferdegewieher ist heilbringendes zeichen ... bekannt ist die persische königswahl nach dem gewieher des hengsts. J. Grimm mythol. (2)4 548; abergläubische horchen weihnachts zwölf uhr auf scheidewegen, an grenzsteinen: vermeinen sie nun schwertergeklirr und pferdegewieher zu hören, so wird im künftigen frühjahr ein krieg entstehen. 932; ich glaube, der wilde jäger ist im anzuge. wir hörten das horn nochmals und pferdegetrapp und gewieher. Clemens Brentano (die mehreren Wehmüller) 4, 259; seht auch, wie das gewieher des pferdes ein zeichen ist, dasz es sich freut, zugleich die tapfere und schöne last seines herrn und seiner gebieterin zu tragen. Tieck übers. des don Quichote 2, 234; zuweilen hörte ich Rozinantes begeistertes gewieher und die bejahenden töne des esels. H. Heine (einl. zum don Quichotte) 7, 307 Elster;

der lauscher höret es stampfen,
über ihm, mit hellem gewieh'r,
zwei schnaubende nüstern dampfen.
Anette v. Droste (die vendetta 1) 2, 477 Kreiten;

seht er (der tag) dämmert schon! ermuth'gend grüszt ihn meines thiers gewieher.
Freiligrath (gesicht des reisenden) 1 (1877), 154;

horch auf! er (Freiligraths hippogryph) scharret mit gewieh'r,
und knirscht in kett' und stange,
und stampft, als wollt' er sagen dir:
'was rastest du so lange?'
Geibel Juniuslieder (zu Freiligraths geburtstag) (1848) 191;

o thu's, und dann kehr' zu uns heim
mit frohem roszgewieher,
und lies uns deinen neusten reim
im goldnen pfropfenzieher (gasthaus in Oberwesel). ebenda s. 195;

und führte sie ... zum hause hinaus nach dem blachfeld, das schon von menschen wimmelte und vom gewieher der rosse und trompetenklang erdröhnte. Paul Heyse ital. nov. 2: die stickerin von Treviso; jetzt höre ich deutlich pferdegewieher, und dasz es der schlag eines hufes war, was ans tor hämmerte. die reise nach dem glück; ein helles gewieher in nächster nähe erweckte mich aus meiner schwärmerei. nach einer wendung des pfades erblickte ich einen gesattelten gaul, der an das gehege des meierhofes gebunden stand. Conrad Ferd. Meyer der heilige 74.
2) die übertragung auf menschen: reich bedacht in unserer anthologie ist der Hudibras des Samuel Butler, eine satire auf die rundköpfe, wo die gefallene partei unter dem gewieher des höfischen und sonstigen pöbels gleichsam poetisch in den block gelegt wird. Carl Justi Winckelmann 12, 223; da hättest du das gewieher hören sollen. Sudermann sturmgeselle Sokrates 107.

[Bd. 6, Sp. 5796]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gewiehert, participiales adjectiv zu wiehern, von Jahn im anschlusz an die mythologische geltung des verbums (vgl. oben zu J. Grimm a. a. o.) frei gebraucht: es schlägt sich nirgends besser als im angesichte von zeit und ewigkeit, auf den gräbern der vorfahren. dahin beschieden nach Herodotos [vgl. 3 cap. 82] die dadurch germanisch erscheinenden Skythen den roszgewieherten könig der Perser. Jahn merke z. deutschen volksthum (eintheilungsnamen) 172.
 
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gewienen, s. DWB gewöhnen.
 
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gewiengkezen, gewienken (vgl. deutsche mundarten 5, 444), s. quienen, quienzen theil 7 sp. 2370.
 
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gewiere. während das n., das collectiv zu wiere (eingelegte arbeit, geschmeide), mit der mittelhochd. zeit ausstirbt (vgl. mhd. wb. 3, 624b), lassen bairisch-österreichische quellen der übergangszeit ein fem. gewier auftauchen, als nebenform zu gewere, gewähr (vgl. oben sp. 4785 ff.): ich obgenanter Johannes herr zu Abensperg ... setzen den benanten prior, conuent und all jhre nachkommen der benanten gült unnd gelts ein, ausz unser nutz unnd gewier, inn jhr nutz unnd gewier, unnd machen sie der gewaltig hiemit in krafft desz brieffs. Salzburger urkunde von 1463 bei Hund 2, 229; der in mit seiner weishait, da er dannoch ein kind was, in di gewir des selben landes mit allen seinen kreften gepracht het ... (in eiusdem terre possessionem venire totis viribus procuravit). Andreas v. Regensburg (chron. v. d. fürsten zu Bayern) Leidinger s. 645. anders zu erklären ist der vocal in gewierig, s. d.
 
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gewierhak, s. DWB gewehrhaken sp. 5419.
 
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gewierig, gewührig, adj. , nebenform zu gewährig (vgl. sp. 4864), mit erhöhung des stammvocals, vgl. althochd. wirig Graff 1, 940. von den für gewährig oben belegten 4 bedeutungen sind in dieser form nur die beiden letzten beobachtet, die von durabilis (vgl. langwierig) und die anknüpfung an gewähren (praestare), die schon in der kanzleisprache des 16. jahrh. erscheint und seitdem unsere form bevorzugt.
1) gewierig, idem, quod wierig et wärhaft, perstans, durans. Stieler 2417; gewierig, constant durable. Rondeau 2, Uu 3c (gewierige gewogenheit, glückseligkeit); ähnlich Adelung 2, 662 (erinnert an langwierig); gewierig, constant, lasting, durable. Hilpert 2, 1, 464b.
2) du hast dich gewiriger erklärung zu versichern, das ist einer solchen erklärung, dadurch dir gewähret und geleistet wird, was du begehrest. Schottel 350a; gewierig etiam est: permissus, concessus, consensus. Stieler 2417.
a) bitt demnach, wie vor, ewer freuntliche, gunstliche, bruderliche, christliche, gewierige antwurt, mich verrer haben zu halten. dr. Karlstats supplication (1525) bei Thomas Zweifel Rotenburg im bauernkrieg 163 Baumann; und bitten des alles hiemit bei disem botten tröstliche, gewirige antwurt. (Ernfrid Kumpf und Jörig Spelt an den rat v. Rotenburg 1525) ebenda 532; und haben uns damit also an ain erbern rat, und ain erber rat uns furter an ain erbern ausschusz hievor gewisen, der end wir noch biszher kain gewirig antwurt empfangen haben. (supplication der von Wildentierpach) 348; gewürige antwort hoffen (sperare) favorabile responsum. Frisch 2, 419c; einem eine gewierige antwort ertheilen. Adelung 2, 662, ebenso Campe 2, 363a u. a.; eine gewierige antwort; man könnte ebenso gut gewährende sagen. Heynatz handb. z. richt. verf. (1800) s. 283b; (euer schwäher) ist der freundbrüderlichen willfahrung seiner ziemlichen bitte gewärtig ... graf Heinrich bedachte sich nicht lange, dem herold gewierige antwort zu ertheilen, und entliesz ihn wohlbeschenkt von sich. Musäus volksmärchen (liebestreue) 3, 227; der senat von Marseille hatte recht, demjenigen einen gewierigen bescheid zu geben, welcher um die vergünstigung anhielt, sich das leben zu nehmen, um sich von dem ewigen ungewitter seiner frau zu befreien. Bode übers. v. Montaigne's gedanken u. meinungen über allerlei gegenstände (3, 5 d'interiner sa requeste) 5, 218; (Teutschland:) wir sehen es gantz gerne, dasz diese herren sich bei unserem königlichen hofe haben einstellen wollen, geruhen auch gnädigst, ihr anbringen zu hören und nach beschaffenheit deroselben vortrages ihnen eine gewierige resolution zu ertheilen. Joh. Rist friedewünschendes Teütschland (1, 4) 29; es wil

[Bd. 6, Sp. 5797]


aber desz herrn generals gräffl. excell. verhoffen, wann derenthalben bei ihr kaiserl. majestät allerunderthänigste ansuchung ... beschicht, es werde allergnädigst gewirige resolution darauff erfolgen. erklärung der Tillyschen 1626 bei Londorp acta publ. 3, 858a; e. f. g. gewürige resolution. Francfurter ausfertigung 1628 Diefenbach-Wülcker 620; mit gewirigem gnedigen bescheide unndt ersprieszlichern erklerung zu vorsehen. Weimarer ausfert. 1612 ebenda; ew. excell. hoch-hochwohl und wohlgeb. wollen solche zu einer baldigen gewierigen entschlieszung bei der höchsten behörde zu befördern geruhen. Göthe (an die sächs. kammer zu Merseburg 1798) 13, 31; als formel des Weimarischen kanzleistils ist besonders die verbindung bittgewierige entschliessung beobachtet; andererseits vgl.: dafern die nachricht nicht gewürig ausfallen sollte. Weimarer ausfert. 1748 Diefenbach-Wülcker 620; gewierig ... welches nur im oberdeutschen und einigen hochdeutschen kanzelleien üblich ist. Adelung; vgl. auch Heynatz Antibarbarus 2, 56.
b)

stütze desʒ hauses, Piastisches kind,
deme gewierig und pflichtbar wir sind,
bessert von neuem die schutzbaren zinnen,
drunter wir segen und ruhe gewinnen.
Friedr. v. Logau sinnged. (zugabe zum 3. tausend 101) 629 Eitner;

wir gesinnen an euch, ihr wollt euch gegen ihn will fährig, fürderlichst und gewierig erzeigen. Adelung 2, 662, vgl. auch Heynatz Antibarbarus.
c) an gewürigen erfolg nicht zweifeln. Frisch 2, 419c; lasz mich den gewührigen erfolg sehen. Hederich 1, 1423 (gewierig, gewührig, quod concedi potest); ein gewieriger erfolg ist ein gewünschter erfolg. Heynatz Antibarbarus; ich zweifle nicht an dem gewierigen erfolge dieser sache. Adelung, ebenso Campe.
3) noch mehr als in den letzten belegen schlieszt sich gewierig im folgenden an die allgemeinste bedeutung von gewähren im sinne von praestare an: gewürig, tragbar, dar etwas gern wächst. Besold thesaur. pract.; holzmarkungen, guten gewührigen bodens, fertilis. Frisch 2, 419c. Adelung (2, 662) lehnt dieses adjectiv an beran an (birig).
4) die schwankungen in der wiedergabe des stammvocals (i, ie einerseits und i, ü andererseits) erreichen ihren höhepunkt beim kanzleigebrauch des wortes; für die bedeutung von durabilis dagegen ist nur die schreibung mit ie, für die bedeutung fertilis die kennzeichnung gerundeten vocals belegt.
 
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gewierigkeit, f. substantivbildung zu dem kanzleimäszigen gebrauch des adjectivs: und dann sonst wie vormals mit aller trew und gewierigkeit unser bestes zu fördern und unsern schaden zu verhütten. urk. herzog Ludwigs von Liegnitz (1653) Logau betr. s. Eitner einl. s. 29.

 

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