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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
gewiddersch bis gewiegt (Bd. 6, Sp. 5785 bis 5790)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gewiddersch, s. unter gewidern.
 
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gewidelt, participiales adjectiv zu dem mundartlich erweiterten wideln (vgl. widen mhd. wb. 3, 619b; Schmeller 22, 859); 2 gewidelte körbe dokumentenbuch von Neuweinsberg (1801); Unger-Khull 291a.
 
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gewidern, verb. , verstärktes widern (s. d.), vgl. wideren mhd. wb. 3, 623b; Lexer 3, 833. wie beim einfachen verbum sind auch beim compositum zwei bedeutungsrichtungen zu unterscheiden, je nachdem es an wider = adversus oder an wider = rursus (neuhochd. wieder) anknüpft.
1) zu wider (adversus) fallen die ersten belege für das compositum so früh, wie die für das grundverbum, in die althochdeutsche periode (Graff 1, 639). sie sind freilich nur spärlich und nehmen auch in der mittelhochdeutschen zeit (mhd. wb. 3, 623b) nur wenig raum ein, sie reichen aber verhältnismäszig weit in die neuere sprache. so spärlich die belege flieszen, lassen sie doch eine grosze mannigfaltigkeit der fügeweise überblicken: transitiven und reflexiven gebrauch, persönliches und sächliches object. manche fälle lassen eine zweifelsfreie deutung überhaupt nicht zu. die bedeutung verhindern, zurückhalten, die in der verbindung mit einem persönlichen object sich leichter differenziert, hält sich bei der verbindung mit sächlichem object in engen grenzen.
a) mit persönlichem object.
α)

sie sint so sama chuani,selb so thie Romani;
ni tharf man thaʒ ouch redinon,thaʒ Kriachi in thes giwidaron.
Otfrid 1, 1, 60 Erdmann (nach der Heidelberger handschr. gegen widaron in der Freisinger);


β) dann Pilatus sasz bald darnach zu gericht auff diesem gerichtstul, und hiesz die Jüden jren schatz herfür thun, den sie corban nennten, dasz er das wasser zweihundert stadia weit möcht in die statt führen, und als sie sich gewidert, hat er vom gerichtsstul den kriegsleuten ein zeichen gegeben, dasz sie mit kolben vil Jüden erschlagen ... Adam Reiszner Jerusalem 1 (1565), 31a.
b) si uero post ea uoluerit stabilitatem suam firmare non rennuatur talis uoluntas ... aftar diu ... statiki ...

[Bd. 6, Sp. 5786]


festinon ... si kevvidarot solih ... Kero benediktinerregel cap. 61 Hattemer 1, 116;

ich hilue dir gerne hinnen
wilt du helt dingen
dar zu dem chunige Marsilien
dune maht iʒ nicht gewideren.
behalt lip unt rum
wilt du des nicht tun.
dinen botich wirue ich den uogelen.
Konrad Rolandslied 149, 8 W. Grimm;

sprichet ain man den andern an der wirs geborn ist, er widert es wol. sprichet ain hôchgeborner ainen an der wirz geborner ist danne er, er enmag sîn niht gewideren. Schwabenspiegel landr. § 350 Wackernagel 311 (vgl.: die aver bat geboren is, den ne kan die wers geborne nicht verlecgen, var. geweigern, verwerffen. Sachsenspiegel landr. 1, 63). im folgenden ist mehrfache deutung möglich: widern kann ebenso gut zu rursus als zu adversus gezogen werden, und die varianten haben die entscheidung verschiedenartig getroffen: der gen Troy reit, u underwegen manchen seltzamen gedancken u anschlag het, wie er dem grafen sein betrug möcht gewidern, und gedacht offt bei jm selbs ... Huge Schappler (1537) 52b (die Hamburger handschr.: wie er graue Frideriche sinen muttwillen nieder legen mochte. 52 ra Urtel; der druck von 1500: wie er dem graffen siner boszheit möchte vergeltē. lxviib).
c) aus diesem bedeutungszusammenhang zweigt das mundartliche adjectiv gewiddersch ab, vgl.: 'ein gewidderscher kerl' ist einer, der vielleicht seine nubben hat, hinter dem aber doch etwas stecken kann. S. Saul ein beitrag zum hessischen idiotikon 16.
2) zu wider (rursus) setzen die belege erst später ein; sie reichen nicht über das 14. jahrh. hinaus und sind auf mitteldeutsches gebiet beschränkt:
a) mit object der person:

daʒ er uns hie erloste,
und er aller hoste
zu disem nider geniderte,
daʒ er uns mite gewiderte
uʒ der sunden phule
zu deme hoen stule,
da wir zu manigen iaren
uʒ gevallen waren?
Heinr. Hesler Ev. Nic. 154 Helm.


b) mit object der sache:

sin iare niemant gewid'n kan,
sw' alt ist, d' sol loben got
daʒ in gevristet hat d' tot
so lange ...
Hugo v. Trimberg renner 6666;

und hîldin darûf engin rât,
wî sî mit werlîchir tât
den sô vîentlîchin pranc
besît geschubin, der sî twanc,
und gewidirtin den schadin,
dâmit sî sus wârn vorladin
von der brûdre twengin.
Nicolaus v. Jeroschin chron v. Preuszenland 17, 165 Strehlke.


 
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gewidmet , participiales adjectiv zu widmen (s. d.), in der neueren sprache nur noch mit einem theil der verwendungen fortlebend, mit denen die participialform des zu wittum (mittelhochd. wideme) gehörenden verbums sich frühzeitig isolirt. vgl. mhd. wb. 3, 620b.
1) den ausgangspunkt bildet eine rechtshandlung, die zusicherung der morgengabe, die der bräutigam seiner künftigen frau festsetzt. hierher gehört der älteste und lange vereinzelte beleg aus althochdeutscher zeit: dotabit, widimit St. Galler glossen des 9. jahrh. zu 2 Mos. 22, 16 (der sol jr geben ire morgengab Luther; er bemorgengab si Eggesteyn, Koburger u. a.); Steinmeyer - Sievers 1, 322b. die parallele mit dem lat. dotare, das ursprünglich aus der entgegengesetzten rechtshandlung erwachsen ist (dos, dasjenige, was die junge frau ihrem manne zubringt), ist vor allem in der richtung der verallgemeinerung und der übertragung der verwendungen wirksam, vgl. bewidmen Lexer 1, 256; nachtr. 81 (die dochter wil er mit halb sîme konigrîch bewidmen).
a) für die grundbedeutung, die an der rechtshandlung vor der heirat ansetzt, liegen wenig belege vor. diese lassen aber erkennen, dasz als object zu widmen die person gesetzt werden konnte, der die rechtshandlung zu gute kommt; widmen hat hier also die bedeutung mit einem wittum begaben, eine frau einer morgengabe versichern: von der

[Bd. 6, Sp. 5787]


morgengabe, damit die wibe gewidmet werden ... daʒ daʒ gut sin lediglichen si vor dem riche ... un daʒ der keiser sin (des vertragschlieszenden) wib moge mit widemen ane alle flecken und sol dan daʒ gut geben uʒ siner hant dem keiser, und sal der keiser eʒ der frowen lihen nach widemen recht, ... wer sie also gewidmet von des keisers hant, un besitzet sie eʒ auch, so ist sie sunder sorge, daʒ ir ir libgedinge ummer ieman angewinne nach deʒ keisers recht. das keiserrecht nach der handschr. v. 1372 § 190 Endeman s. 219.
b) die gleiche bedeutung von begaben, ausstatten erhält sich auch auf den ersten entwicklungsstufen der weiterentwicklung:
α) bei der übertragung des begriffes auf vertragsmäszige zusicherungen und stiftungen an die kirche ist als object zuerst die geistliche organisation gedacht, der die stiftung gilt, nicht aber das eigenthum, über das verfügt wird. diese organisation kann den persönlichen charakter festhalten, gewissermaszen zur juristischen person werden, vielfach nähert sie sich aber auch der sachbedeutung.
1))

in Sicilen alda
er sechs kloster stifte,
die er mit richer gifte
widemete wol in gotes lobe. passional 193, 9 Köpke;

was do zwischen ist ... und das wasser das durch das tal flüsset bitz an die steine brücke zu Urbeiss, das ist alles des vorgenanten clostirs lidig eigin, und (das kloster) ward domit gewidemet und gestifftet. urkunde v. 1318 bei Schöpflin Alsatia dipl. 2, 121.
2))

iʒ wart ein alter auch iesa
gewihet in der kirchen da
in der furstinnen ere,
den dirre babest here
gewidemet hat, alse ich ch sagen,
mit antlaʒes driʒic dagen. leben der hl. Elisabeth 9935 Rieger;

daʒ ... Cunrat genant Rintfleisch unde Cunegunt sin eliche wirten ... gemachet hant einen altar in godeʒ ere unde sinre heiligen, und dazu von derselben herren willen hant uʒerwelt einen anderen altar, der gewihet ist in ere der heilegen frauwen sente Annen, unde hant die altare bede gewidemet mit gude, daʒ in got hat verliehen, z zwein ewegen vicarien, in dem furgenanten stifte ewecliche z blibene. urk. v. 1332 Frankf. urkundenbuch 1, 515 Boehmer.
β) in der gleichen richtung hält sich auch die verallgemeinerung des begriffes in der übertragung auf weltliche organisationen:

doch ist daʒ rîche gewidemt sô,
swer im rehtes hilfet und durch keine drô
daʒ læt, dem ist eʒ helfe ûf reht gebunden.
dem keiser ich getrouwen wil. Lohengrin 3931 Rückert;

wie das römisch reich gewidmet und gevestet sei auf etlich herzogen, marggrafen, grafen, ort etc. weis mir bewerte schrift über das ... o thor, wiltu die majestat des kaisers in teutschen landen einschlieszen und umbgreifen? S. Meisterlin, d. städtechron. 3, 78.
c) die entwicklung, auf der unser neuerer gebrauch des particips fuszt, setzt mit einer verschiebung des objects ein: an die stelle der organisation, der ein eigenthum zugesichert wird, tritt dieses letztere in den vordergrund. damit wandelt sich die bedeutung von begaben in vergaben und das verbum gewinnt anlehnung an weihen und seine entwicklungsreihe: gewidmet, geweiht.
α) die parallele mit geweiht ist früh bezeugt; vereinzelt findet sie sich sogar in beziehung auf eine person gebraucht, in einer gebrauchsform, die mit den obigen belegen sich berührt:

gegrüeʒet sî ir (Marias) werder nam
und ir gebênediter stam
von künigen her gewidemet.
Frauenlob 389, 11 Ettmüller s. 220.


β) meist steht sie jedoch mit einem object der sache in verbindung, sie trifft ein eigenthum, das einer organisation zugewiesen wird:
1)) eigentlicher gebrauch:

du bist ein lebende cappel,
diu got ist wol gewidemet,
vor des gewalte bidemet
in vorhten elliu sîn geschaft.
Konrad v. Würzburg goldene schmiede 1243 W. Grimm;

[Bd. 6, Sp. 5788]


daʒ ich mein guten willen hab gegeben darzu, daʒ der vorgenant Fridreich Weisman hat gebidempt die vorgenant hofstat uber Tuenaw hincz Neunburch in der herren closter auf unser vrown alter. urkunde von Klosterneuburg (1333) font. rer. Austr. II, 10 s. 247; ein zehenten zwischen Röttenpach und oberhalb Wendelstein, der dann vor dem heiligen reich gewident und zu lehen geet. E. Tucher baumeisterbuch der stadt Nürnberg 96.
2)) übertragener gebrauch:

sich, ritter wert, an dine hohe werdekeit,
unt kleide dinen werden lip mit eren kleit,
sit daʒ dir ist ere unde pris gewidemet;
pflik schiltes amptes schone und ere swertes segen,
bis vridebære in velden, welden, und uf wegen,
wirp so, daʒ unreht struchen vor dir bidemet.
Boppe (1, 18) bei v. d. Hagen 2, 381b

der gleiche reim in ähnlicher verwendung Lohengrin 3513

da vocht er als ain frecher helt
so mandleich und so auʒerwelt;
do ward der ritters segen
dem jungen stoltzen degen
gewidmet auf den selben tag.
der streit ward wendig, als ich sag.
Suchenwirt 18, 63 (Hans v. Traun) Primisser.


2) die neuere sprache läszt die gruppe, die in der bedeutung begaben, ausstatten wurzelt, rasch verkümmern; die letzten belege gehören dem 17. jahrh. an. um so reicher entwickelt sich die zweite gruppe mit der bedeutung vergaben. weihen; sie findet unter anderem in der zueignung von druckschriften ein ergiebiges feldnamentlich für die participialform. unter den mannigfachen formen der weiterentwicklung dieser verwendung begegnet auch eine neue verbindung mit personen als trägern des attributs.
a) die letzten ausläufer der bedeutung begaben, ausstatten:

ob etlich bei dem schimpf hie stunden,
die her weren kumen ungebeten
und uns zu nahend würden treten,
dieselben wurd ich dannen weisen,
das sie der kurzweil nit vast breisen.
darumb ge keiner zu nahet bei,
der nit zum spil gewidemt sei. die alt und die neuen bei
Keller fastnachtspiele 2, 6;

die weiber sindt z betriegen also von art gewidmet und mit so böszem wasser gewaschen, das die einfeltigst neunfeltig ist, wanns an bösz list geht, so ist keine kein thor, sonder jn ligt niemandt ob. Seb. Franck sprichwörter 1 (1541), 24a. das gleiche von Henisch aufgenommen (1599), der daraus die bedeutung ableitet: gewiedmet, von natur gestaltet, natus, factus; dasz ich beide augen zusammenlogirt, damit sie gleichwie in dieser, also auch in jener welt einander hülffe und gesellschafft leisten könten, worzu sie dan anfänglich von der natur gewidmet wären. Grimmelshausen Simpl. (1, 29) 81 Kögel.
b) die bedeutung vergaben, weihen im mittelpunkt des neueren gebrauches: devotus ... gewidmet, geweihet. A. Corvinus fons lat. (1623) 927; gewidmet, voué, dedié, consacré, dedonatus, addictus, consecratus. Duez (1664) 199a; ganz ähnlich Rädlein 1, 383a; Kirsch 2, 151b; Matthiae 2, 181a; Schwan 1 (1783), 745b; gewidmet, dicatus Steinbach 2, 991; Hederich 1, 1423.
α) in der beziehung auf vergabungen, die im religiösen interesse gemacht werden, kommt das particip bald aus der verwendung; ein abglanz der ursprünglichen weihe fällt aber auf den gebrauch für geschenke und zueignungen höheren stils:
1)) ir gott gewidmetē jungfrauen in den clöstern, ihr weisse und unschuldige lämbl könnt mit eueren me me bei dem guten hirten viel auszrichten, wann ihr zu gott rufft me memento domine populi christiani. Abraham a S. Clara auf, auf ihr christen 129 Sauer; wie viel weniger schickt es sich, dasz ein christ in dem tempel und gottshausz ihme solle allerlei mucken und grillen über disz oder jenes machen, sondern es zihmet sich auff alle weisz, in solchen gott gewidmeten wohnungen mit gröster ehrenbiettsamkeit zu sein. 105; widemgut ... ursprünglich ein der kirche gewidmetes gut. Stalder 2, 446; indem ich ... aufstehe, um euch zu ermahnen, einen mächtigen und religiösen fürsten nicht zu beleidigen, wenn ihr sein dem Apollo bereits öffentlich gewidmetes geschenk abweisen wolltet (μήτ' ἀνάθημα ἤδη τῷ θεῷ

[Bd. 6, Sp. 5789]


καθωμολογημένον ἀπαλλοτριοῦν). Wieland übers. des Lucian (der 2. Phalaris) 6, 320; doch ganz andere aufmerksamkeit erregte der anblick eines darauf eröffneten schrankes. er enthielt alterthümliche kostbarkeiten, hierher gewidmet und verehrt. Göthe (dicht. u. wahrh. 18) 48, 116. dazu vgl. einen der seltenen belege für substantivierung:

(gräfin.) dennoch erzählt man,
dasz manch geistlicher herr eh' scheu in die zelle sich einschlieszt.
(pfarrer.) ...
oftmals dauerte mich des gewidmeten, der ungesegnet
blieb vom worte des herrn: 'nicht gut, dasz, also vereinsamt,
hülflos lebe der mensch; ich schaff' ihm eine gehülfin,
welche gesellt ihm lebe, des mannes gleichartige männin'.
Joh. Heinr. Voss (Luise 3, 2) 1, 82 Hempel.


2)) von einem solchen, dem edeln abgeschiedenen mit frommer neigung gewidmeten andenken war dann der übergang zum lebendigen genusse der gegenwart in jedem augenblicke leicht gefunden. Mörike (maler Nolten 2) 5, 88 Krausz; als Theobald wegen des dem armen freunde gewidmeten ehrenschmucks ein dankbares wort an das fräulein richtete. ebenda 5, 127.
3)) bei zueignungen von schriftwerken fand das particip erst spät in die zuschrift selbst eingang (dort zunächst präpositionalverbindung: 'an Savigny'. 1. band von Grimms grammatik): den hiesigen pergamentern gereicht es zur ehre, dasz durch sie das pergament, worauf einige für die höchsten häupter gewidmeten exemplare der prächtigen ... ausgabe der Voltairischen schriften gedruckt werden ... zubereitet und geliefert worden ist. Paul v. Stetten kunst-, gewerb- u. handwerksgesch. von Augsburg 2, 115; was werden sie aber sagen, wenn es nicht in meiner macht steht, anders zu datiren als Carlsbad den 15. august als am Napoleonsfeste ... 1812 treu gewidmet. Göthe an frau v. Stein 23, 431 Schöll u. Wahle; deutsche grammatik von Jacob Grimm, vierter theil, den mitforschenden freunden: Haupt, Hoffmann, Massmann, Schmeller und Wackernagel gewidmet. 1837; die deutschen gesellschaftslieder des 16. u. 17. jahrhunderts ... gesammelt von Hoffmann v. Fallersleben ... Ludwig Uhland gewidmet. 1860 u. a.
β) eine verblassung der bedeutung weihen, die sich bis zu den begriffen aufwenden, zuwenden abschwächt, setzt schon im 18. jahrh. ein; in einzelnen fällen mag der alte rechtsbegriff unmittelbar nachwirken:
1)) wann derjenige, welcher kurz vor dem bestimten allgemeinen zunfttag meister werden, oder jungen aufdingen will, die einschreibung und dazu gewidmete bestimte gebühre auf den allgemeinen tag versparet und aufbehaltet. allgem. zunft - ordn. für Baden art. 9 (1769) s. 8; hat diese aussteuer öffentlicher lehranstalten, durch immerwährende ihnen gewidmete einkünfte beigetragen, den endzweck derselben besser zu erreichen? Garve übersetzung des Adam Smith (5, 1: those public endowments) 4, 127; dasz sie das geborgte geld ... auf solche unternehmungen würden angewandt haben, die das ihnen gewidmete kapital mit wucher bezahlet ... hätten (2, 2 whatever had been laid out upon them) 22, 77; den einflusz, welchen die den gewerben gewidmeten kapitale auf den mehr oder minder vortheilhaften betrieb derselben haben. Lotz revis. d. grundbegriffe d. nationalwirthschaftsl. 3, 265 (§ 228); ist die masse des unentbehrlichsten lebensbedürfnisses, das dem zu dessen gewinnung oder erzeugung gewidmeten theile des naturfonds abgewonnen wurde, gering. (§ 234) 3, 294; damit stand sie auf und ging ihm durch mehrere zimmer voran bis in ein niedliches, der bibliothek gewidmetes eckkabinett. Mörike (maler Nolten 1) 4, 163 Krausz (fehlt in der 1. ausg.).
2)) meistens waren es gradsinnige, jeder nach seiner weise dem augenblick gewidmete menschen. Göthe (campagne in Frankreich) 30, 25. dazu vgl.:

freude des daseins ist grosz,
gröszer die freud' am dasein,
wenn du Suleika
mich überschwenglich beglückst,
deine leidenschaft mir zuwirfst
als wär's ein ball,
dasz ich ihn fange,
dir zurückwerfe
mein gewidmetes ich;
das ist ein augenblick!
Göthe (west-östl. divan: buch Suleika) 5, 158;

[Bd. 6, Sp. 5790]



gottes gunst den gönnern!
eine kunde sei den kennern,
eine mahnung der menschlichkeit euch männern!
o ihr, landflüchtiger hoffnungen zuflucht,
schiffbrüchiger wünsche ruhebucht,
ihr, dem troste der wittwen und waisen
gewidmeten weisen!
wisset, dasz ...
Rückert (11. makame) poet. werke.


3)) bei einem solchen durchaus dem gefühl und der einbildungskraft gewidmeten zustande war es ganz natürlich, dasz die einmischung auch widerwärtiger dämonen nicht ganz auszubleiben schien. Göthe (zweiter aufenthalt in Rom: Philipp Neri, der humor. heilige) 29, 203; aber er machte sein ganzes der thorheit gewidmetes leben durch jenen einzigen vernünftigen gedanken wieder gut, den er auf seinem sterbebette hatte. Gutzkow Richard Savage 1, 2; ich höre überdies einen schritt drauszen auf der treppe, der unser stilles, geistigen freuden gewidmetes beisammensein zu stören droht. Paul Heyse ital. nov. 2: Romulusenkel.
4)) und dasz die poesie eine kunst ist, die für den grossen haufen gewiedmet ist, und durch eine geschickte nachahmung auch die unsichtbaren dinge der einbildung vorstellig und sichtbar machen soll. Breitinger crit. dichtkunst 161. die fügeweise (präpositionalverbindung statt des dativs) stimmt mehr zu den verwendungen der unter a) besprochenen gruppe; die bedeutung dagegen weist hierher. vgl.: schwierigkeiten ... welche sich bei der ausmittelung des reinen ertrags der sogenannten industriellen gewerbe, der den manufakturen und fabriken gewidmeten betriebsamkeit, dem steueraustheiler in den weg stellen. Lotz handb. der staatswirthschaftslehre 3, 217; ein zweiter, lediglich dem innersten herzensbedürfnis gewidmeter teil (des briefes) nahm den kleinern raum ein. Mörike (maler Nolten 1) 4, 86 (fehlt in der 1. ausg.). hierher gehört auch die folgende fügung, die in allen äuszerlichkeiten mit den formeln übereinstimmt, die sich für die widmung von büchern herausgebildet haben (sp. 5789): seine (Fausts) lebensgeschichte ist so ganz mit sinnlosen erdichtungen durchwebt, dasz auch einige schon aus diesem grunde seine existenz bezweifelt, und das ihm gewidmete fabelbuch in absicht auf glaubwürdigkeit den bekannten volksromanen vom gehörnten Siegfried, Till Eulenspiegel ... an die seite gesetzt haben. J. F. Köhler unters. über d. leben u. d. thaten dr. Johann Fausts (1791) 47.
 
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gewidt, n., collectivbildung zu wid, wit (holz, vgl. Schmeller 22, 858. 1053 ff.), s. Unger-Khull 291a.
 
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gewidrigen, verb., erweiterte form zu gewidern 1) (s. d.), in einem vereinzelten belege übermittelt, der sich an den oben besprochenen reflexiven gebrauch anschlieszt: den er gebetten, weil er lähr mit dem karren oder wagen fahren thäte, er ihme ein karren voll von etwas materialien zu diesem gebäu unweit darvon hinzu führen wollte, dessen sich der fuhrmann gewidriget, und damit er entweichen möchte, gesagt, dasz ... Fr. Caccia lebensthat ... des hl. Antonius v. Padua (1692) 48.
 
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gewiedern, s. gewidern 2).
 
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gewiefel, gewieft, s. gewifel, gewift.
 
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gewiege, n., verbalsubstantiv zu wiegen (s. d.): gewiege Campe 2, 363a; Heinsius 2, 436a; gewieg, gewiege, anhaltendes wiederholtes wiegen. Sicherer u. Akveld nederl.-hoogd. wb. 281c; dazu vgl. so'n gewigg' mit de stôl? ten Doornkaat Koolman wb. d. ostfries. spr. 1, 625a; dat gewigge fôr de ôgen. ebenda.
 
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gewiegen, gewigen, nebenform des starken part. praet. zu wegen, wägen (s. d.) für gewegen, gewogen (s. d.): und wart die sach zu beiden seiten wol gewigen und uisgepurt. buch Weinsberg 1, 189 Höhlbaum; das zinwirk ... in 6 teil gewigen. 2, 307; pensus, gewiegen Erasmus Alberus nov. dict. genus C 2b; trutinatus, pensiculatus, discussus, wol gewiegen odder bewiegen. ebenda.
 
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gewiegt , participiales adjectiv zu wiegen (s. d.), dem von wiege abgeleiteten verbum. das particip sondert sich in zwei richtungen vom allgemeinen verbalgebrauche ab: älter und weit abgerückt ist die bedeutung gewiegt, erfahren, kundig; jünger und in den ersten anfängen erscheint eine andere entwicklung, vgl. Venedigs meergewiegter glanz P. Heyse Rafael (Münchener dichterbuch 343).
1) die bedeutung kundig, erfahren überrascht bei einem particip, das von wiegen, wiege abgeleitet wird; näher läge

[Bd. 6, Sp. 5791]


es, an das stammverbum wegen (bewegen) zu denken, das durch die analogie von gewandt (s. d.) gestützt werden könnte. dem stehen zunächst lautliche schwierigkeiten entgegen, die freilich bei den mannigfachen verschiebungen eben in dieser sippe (vgl. gewiegen, gewigen für gewegen, gewogen) nicht unüberwindlich wären. aber gerade der bedeutungskreis, in dessen mittelpunkt die wiege steht, bietet eine reihe so sicherer anknüpfungspunkte, dasz die anlehnung von gewiegt an wiegen nicht von der hand zu weisen ist.
a) das verbum wiegen selbst ist erst spät belegt, bei Gottfried v. Neifen und im jüngeren Titurel, vgl. mhd. wb. 641a; Lexer 3, 880; aber die ihm zustehende bedeutung war vorher durch verwandte verba vertreten, so durch wagen (vgl. mhd. wb. 3, 641b) und sogar durch wegen selbst (mhd. wb. 3, 642b). ein beleg für dieses zweite verbum zeigt nun deutlich, welches gewicht eine frühere lebensauffassung auf die wiege als den anfang aller entwicklung und erziehung des menschen legte, vgl.: in grôʒem vollen geweget und erzogen sîn. Kolocz. cod. 146. das stimmt mit der beobachtung überein, die oben (sp. 5784) bei gewickelt an die verbindung gut gewieget und gewickelt zu knüpfen war. dazu stimmt auch die bedeutungsentwicklung des franz. bercer, die in ähnliche übertragung ausläuft, vgl.: je sui bercé de cela, dieses ist mir sehr wohl bekannt. neues dict. (Genf 1638) s. 146b. dadurch werden andere erklärungen (1. aus gewift, vgl. DWB achter aus after; 2. aus wîgen, kriegsbereit, vertheidigungsfähig machen) unwahrscheinlich (vgl.: ein torm, der mit erkern wol gewîget ist. hohe lied Bruns v. Schonebeck 3700, s. Lexer nachtr. 402). der älteste beleg für den einschlägigen gebrauch des participiums liesze sich aus der einen wie aus der andern auffassung leicht erklären und ableiten: gewieget in gerichtshendlen, homo fori alumnus. Maaler 179a. die verbindung als solche wird jedenfalls dadurch sicher gestellt und weit früher datiert als der litterarische gebrauch dies zuläszt; die deutung selbst könnte auch erst aus nachträglicher anlehnung an wiegen, wiege erwachsen sein. das gleiche läszt sich später wieder beobachten:

China's kaiser, so jung: als staatsmann preist, als gewiegten,
ihr ihn — o saget doch, ist's lange schon, dasz er gewiegt?
Glassbrenner u.
Sanders xenien der gegenwart (66: bescheidene frage) (1850) 169.


b) die litterarischen belege (in den mundarten sind andere bildungen bevorzugt, vgl. DWB gewichst, DWB gewift u. a.; vgl. auch Lenz Handschuhsheimer wb. 28a) fallen mit vereinzelten ausnahmen erst in den ausgang des 18. jahrh., sie weisen einige verbindungen auf, in denen noch die formen erkennbar sind, mit denen das particip sich zuerst isolierte.
α) das particip mit adverbialen bestimmungen und ähnlichen verbindungen giebt in einigen älteren gebrauchsformen anhaltspunkte für die ableitung von wiegen, wiege.
1)) gut gewiegt (s. o.); dieser (Floretto) ist noch gar einfältig und noch nicht recht gewieget. wir wollen doch Amandus noch einmal herein kommen lassen, ob wir noch was aus ihm bringen könten. Schoch komödie v. studentenleben 87, 33; anders schon: jedem einwurfe zeigte er sich nachgiebig; der vielgewiegte mann war sogleich bereit zur abänderung eines ausdrucks, der miszdeutet und den politisch - kirchlichen zwecken der partei nachtheilig werden konnte. C. F. Neumann (Joseph Görres) in Oppenheims deutsch. jahrb. f. pol. u. lit. 11, 158.
2)) zu fügungen von gewandt stimmen präpositionalverbindungen: so leicht der junge mann aussieht, so gewiegt ist er in seinem fache. Gotter (der schöne geist oder das poet. schlosz 2, 6) 3, 216; ich habe etwas vor, sagte herr Stark, wozu ich einen mann brauche, auf den ich mich verlassen kann, und der zugleich um sich weisz, und in handlungsgeschäften gewiegt ist. J. J. Engel (herr Lorenz Stark 26) schr. 12, 279; in allen sachen gewiegt, d. i. erfahren sein, eine ziemlich dunkle figur, wenn sie nicht von dem vorigen verbo wiegen oder wägen entlehnet ist. Adelung 4, 1538; denn Rizzio war ein fähiger in den neueren sprachen gewiegter mann, die königin erhob ihn zu ihrem secretär, war oft mit ihm geheim zusammen, doch nach allen umständen in schuldlosem verkehr. F. C. Dahlmann gesch. der engl. revolution 106; nun also schon wieder in dem gewohnten tone einer vor nichts erstaunenden ruhe und kälte sagte der in seinem amte

[Bd. 6, Sp. 5792]


gewiegte, in seinen unternehmungen von guten erfolgen begleitete beamte. Gutzkow der zauberer von Rom 3, 24.
β) das absolut gebrauchte particip: gewandt, gewiegt, geschickt, versato, habile, addirizzato, scozzonato, versé, habile, adroit, adressé. Rädlein 1, 381b; gewiegt, adj. u. adv., bercé. Schwan 1 (1783), 745b; gewiegt für geübt, wohlbeschlagen, kömmt nur im gemeinen leben vor. Heynatz Antibarbarus 2, 56; gewiegt, adj. u. adv., geübt, erfahren. Campe 2, 363a u. a.; ja, es war im verkehr gleich alles hier so sicher, so fest, so unbeschreiblich gediegen, solid, leidenschaftslos, gewiegt, so ganz in ihr neuer art und unendlich imponirend. Gutzkow der zauberer von Rom 1, 239.
1)) und er beschlosz den augenblick, dem grünen genie gar stattlich das obstat zu halten, die meinung desselben mögte nun sein, welche sie wolle, und vor der gesellschaft ehre einzulegen. zu diesem tapfern entschlusse trug das nicht wenig bei, dasz er schon lange weg hatte, sein gegner sei kein sehr gewiegter mann. Joh. Gottw. Müller Siegfried v. Lindenberg (cap. 12) (1779) 74; sie, tiefer denker, menschenkenner, prüfer der leidenschaften, der sie provinzen und länder mit nutzen durchreiset sind, sie gewiegter, und gleich dem Odysseus vielgewandter mann, oder vielverschlagner ... Tieck (die vogelscheuche 5, 1) novellenkranz 4, 372; indem er ganz unverhohlen sein erstaunen, ja seine entrüstung äuszerte, dasz ein so gewiegter, weltläufiger mann wie herr Horváth seine einzige tochter und erbin mit einem von der strasze aufgelesenen ... menschen ... stundenlang in einer sprache verkehren lasse, die den übrigen hausgenossen mehr oder weniger unverständlich sei. Friedr. Halm (die Marzipanliese) 4, 10 Schlossar; wozu sollte er sonst ein so verständiger, sanftmütiger und gewiegter mensch sein, wenn er nicht irgend etwas heimliches, sehr vorteilhaftes vorhatte? Gottfr. Keller (die drei gerechten kammmacher) 4, 224.
2))

und Cajus Cäsar sandte mir befehl
zum kampfspiel, das bevorsteht, meine fechter,
die tüchtigen, gewiegten bursche nämlich,
nach Rom zu bringen, und ich bracht' sie denn
wie früher in die gärten Mark Antons.
Friedr. Halm (der fechter v. Ravenna 1) 3, 81 Schlossar;

Uli hatte den karrer fortgejagt, den melker einmal geprügelt; er hatte die ruhe eines alt aristokratischen gewiegten bauern noch lange nicht. J. Gotthelf Uli der pächter cap. 9; der kirchenfürst unserer provinz selbst, sagte er, nimmt den lebhaftesten antheil an einer entscheidung, für welche sogar mein gewiegter principal, der procurator Dominicus Mück, keine andere hülfe hat als die des aufschubs. Gutzkow der zauberer von Rom 2, 91; wie hätte ich wohl hoffen dürfen, den gewiegten praktiker zu unsrer 'ideologischen' auffassung zu bekehren. R. Haym aus meinem leben 187; denn bei allem ungestüm war er (Blücher) von grund aus klug, nicht blos im kriege so verschlagen und aller listen kundig, dasz ihn Napoleon ärgerlich le vieux renard nannte, sondern auch ein gewiegter menschenkenner, der jeden an der rechten stelle zu packen wuszte. Treitschke deutsche gesch. (1, 4) 15, 454; die frage, wie der degen beschaffen sein musz und wie viel er kosten darf ... darüber mögen sie einer so gewiegten und anerkannten autorität wie der preuszischen militärverwaltung ... doch auch ein gewisses urtheil beilegen. Bismarck (im reichstag des norddeutschen bundes 22. 5. 1869) 4, 252 Kohl.
3)) der gewiegte (der arzt) fand das ganz in der ordnung, gab zum vollzug die befehle und liesz nun anstalt zum zeitgemäszen frühstück treffen. F. L. Jahn (denknisse eines Deutschen: der geleiter 11) 1, 471 Euler; dritter holzschnitt. hier ist ein gewiegter kommentator von nöthen. Bonaventura 4. nachtwache s. 26 Michel; als gewiegter kenner der geschichte gab der minister unbefangen zu, dasz die staatsgewalt weder sittlichkeit erzwingen noch unsittlichkeit verhüten könne. Treitschke deutsche gesch. (5, 3) 5, 251; so grosz freilich der antheil ist, den glück und zufall an gallerien haben, soviel auch auf den geschmack ihres besitzers ankommt, es muszte auch einen gewiegten kunstkenner und thätigen geschäftsmann geben, in dessen hand die fäden des ganzen netzes zusammenliefen. Carl Justi Winckelmann 12, 267; das sind die ansichten

[Bd. 6, Sp. 5793]


eines gewiegten und erfahrenen diplomaten. Bismarck (im preusz. landtag 6. 3. 1872) 5, 299 Kohl; ich glaube aber, aus der debatte ... hat sich herausgestellt, dasz eine verschiedene auffassung und deutung der älteren ständischen gesetzgebung möglich und factisch vorhanden war, nicht blosz unter laien, sondern auch unter gewiegten juristen. (im vereinigten landtag 1. 6. 1847) 1, 11; in wenigen tagen lieferte der gewiegte rechtsgelehrte (freiherr v. d. Pfordten), welcher zur zeit durch sein keckes auftreten ... die mehrheit der versammlung beherrschte, eine ausführliche darlegung der beiden sätze. Sybel die begründung des deutschen reiches (10, 4) 32, 104; aber du hast dich als gewiegter jurist natürlich erst erkundigt? Rudolph Braune reinheit (1895) s. 15.
γ) für die überführung des particips in die kategorie der adjectiva zeugen vor allem die steigerungsformen: das weibliche ... geht mir jetzt in dem schönen dufte der blume, in den geregelteren wallungen des herzschlages, in meinen plötzlich gewiegter und voller werdenden begriffen und gedanken auf. Gutzkow Richard Savage 1, 1; ich erinnere sie an die worte eines mannes, der weit gewiegter in staatsrechtlichen dingen ist, als ich: Jordan's von Marburg, wenn er gestern sagte, dasz unter dem begriffe bund ebensowohl der staatenbund, als der bundesstaat verstanden wird. Vincke in der deutschen nationalvers., s. stenogr. ber. (3) 2101b; selbst ein gewiegterer mädchenkenner, als unser liebender Römer, wäre sicherlich in verlegenheit gewesen, wie er diesen bescheid zu deuten, welche verschwiegenen hintergedanken günstiger oder unliebsamer art er hinter den scheinbar so zutraulichen worten zu suchen gehabt hätte. Paul Heyse ital. nov. 2: Romulusenkel; wenn ich ein junger lieutenant wäre, wollte ich den ältesten und gewiegtesten grenadier aus seiner fassung bringen, und ihn durch beständiges mäkeln und unvernünftiges tadeln in vier wochen confus und zum unordentlichen und schlechten soldaten machen. Tieck (der geheimniszvolle) 14, 264.
2) verwendungen des particips, welche die an die wiege anknüpfende bewegung auf andere ähnliche erscheinungen übertragen und die den begriff verallgemeinern. die sonderstellung des particips beruht hier darauf, dasz es an dieser entwicklung in höherem masze theilnimmt, als andere verbalformen:
a) gliederung nach bedeutungsgruppen.
α) schon beim engsten anschlusz an die grundbedeutung erweitert sich der gebrauch. bald entfernen sich die begleitenden umstände von den herkömmlichen formen, bald treten subjecte zum particip, die das ursprüngliche bild verschieben:

du warst die ferig khol, so des for-sagers lippen
durch flammenbotten-hand berhrt hatt', der die krppen
des mnnsch-gotts for gewiegt wol achthalb-hundert jar
eh er, der jungfrau-sohn zumm hail gebohren war.
Rompler v. Löwenhalt erstes gebüsch seiner reimged. (1647) 4;

ihr helle sternlein stehet still
und horcht wasz eüer schöpffer wil,
der schwach und ungewieget
in einem kriplein lieget.
Joh. Rist (1, 1 weihenachtgesang) himml. lieder (1652) 6;

doch es schaukelt mit der puppe,
dass gewieget sie entschlummre,
singt ein lied, sie einzulullen,
jetzt das klare geisterweib.
Clemens Brentano romanzen vom rosenkranz (17, 84) 302 Morris;

wer auf den wogen schliefe
ein sanft gewiegtes kind,
kennt nicht des lebens tiefe,
vor süszem träumen blind.
Eichendorff (der freund) 13, 107;

(Friederike.) nicht doch, dein Ali war mir lieb.
(Lucinde.) der mäuse wegen,
(Friederike.) oft wenn er, sanft gewiegt, auf meinem schoosz geschnurrt,
war er — (Lucinde.) erträglicher, als ein gemahl, der murrt.
Müllner (der Angolische kater 1) 5, 15;

die minn' ist ein gefangner falk,
vom jägersmann gewiegt im ringe,
damit der freie als ein schalk
dienstbar auf das gewilde springe.
K. Immermann (Tristan u. Isolde 1: Cornwall) 13, 237;

[Bd. 6, Sp. 5794]



götter! sie wird die welt zum Eden zaubern,
wird die fluren in gärten gottes wandeln,
wird, auf meinem schose gewiegt, den frühlingsabend beflügeln!
Hölty (die künftige geliebte) 76 Halm;

o, lasz im traume mich sterben,
gewieget an seiner brust,
den seligsten tod mich schlürfen
in thränen unendlicher lust.
Chamisso (frauen-liebe u. leben 3) 12 Walzel.


β) so verblaszt die vorstellung zu dem umfassenderen begriffe schaukelnde bewegung:

die pilgerfahrt ist nicht die fahrt bei tag und in der nacht,
gewiegt vom rücken des kameels und von der sänft umdacht,
die pilgerfahrt ist, dasz sein geist sei auf das heil'ge haus
allein gerichtet ...
Rückert (25. makame) poet. werke 11, 417;

Cap Misen ragt mitten im abendlicht als
nackende felsbrust,
die im kahn sonst schaukelgewiegt umschifft wir.
Platen (oden: einladung nach Sorrent) 1, 204 Redlich;

du ruhst in der barke, wie süsz gewiegt. (eklogen u. idyllen: bilder Neapels) 1, 265;

nun hatte, gewiegt auf dem blauen wasser, Robert die beste zeit und gelegenheit, über sich und seine schicksale nachzusinnen. W. Raabe leute aus dem walde5 s. 283.
γ) wie das schaukeln des kahns auf dem wasser, so geben auch die bewegungen in der atmosphäre gern den anknüpfungspunkt zur übertragung:

sie war wie von der nachtigall geboren,
die um den tempel der Diana wohnt.
gewiegt in eichenwipfel sasz sie da,
und flötete ...
H. v. Kleist (Penthesilea 23, 2685) 2, 147 E. Schmidt;

wie dort, gewiegt von westen,
des mohnes blüthe glänzt!
Uhland (der mohn) 1, 43 E. Schmidt;

nur der kleine pfiff zuweilen leise vor sich hin, nicht eine bestimmte melodie, sondern wie ein vogel, der auf einem sacht vom winde gewiegten baume sitzt. Paul Heyse buch der freundschaft: grenzen der menschheit;

lehre der gott
ruhige fassung
mich und geduld,
dasz vom ebenen
boden ich
nicht hinauf
zürne zu denen,
die gewiegt und geschaukelt,
weiter kommen,
als ich mit meines
schreitenden fuszes kraftanstrengungen.
Fri. Rückert (haus- u. jahr 5. reihe: der fuszwanderer) 2, 399;

löse, himmel, meine seele
aus des staubes engen schranken!
wandle sie zum flügelboten
liebesehnender gedanken!
wandle sie zu blumenodem,
zart gewiegt im hauch des windes!
Peter Cornelius 4, 22 Stern.


δ) erweiterung des kreises der übertragungen: ein so herrlicher kraftstamm auch der Deutsch-Österreicher ist, ein so ausgezeichnetes, in glück und unglück gewiegtes fürstenhaus auch die länder und staaten zusammen hält. Jahn (deutsches volkstum [erklärung]) 1, 146 Euler;

zogst du, dem augenblick als sklavin unterthan,
mit jedem neuen kleid auch neue liebe an,
und schwärmtest, sanft gewiegt in deiner schönheit ruhme,
von sieg zu sieg dahin, von blume hin zu blume.
Geibel juniuslieder (auf eine einsame) 199;

und viele, im wahn, dasz die feinde besiegt,
mit liebreiz umgürtet, in anmuth gewiegt
umschwärmten den kranz
der Ilischen zinnen mit reigen und tanz.
Heinr. Leuthold (Penthesileia 8) ged.4 285.


b) syntaktische besonderheiten bietet dieser gebrauch des particips noch wenig. als beleg für substantivierung vgl.:

pferde keuchend, räder knirrend,
kutscher fluchend, achsen krachend,
... wenn mir unsanft so gewiegtem
so gerütteltem, der faden
der geduld zerreiszen wollte.
Fr. Rückert (liebesfrühl. 2, 37) 1, 249.

 

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