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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
gewichtfälscher bis gewichtlosigkeit (Bd. 6, Sp. 5765 bis 5774)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gewichtfälscher, m.: item elenzucker ... zahlverwerffer: gewichtfälscher. Fischart Gargantua (27) neudruck 300.
 
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gewichtfenster, n., vgl.: thür wie ... fenster machten sich durch gewichte selber auf. Opitz, s. o. sp. 5746; vgl. auch gewichtmühle, gewichtbremse: ob auch in den untersten logimentern sollen gewichtfenster gemacht werden, so wollte er ein modell übergeben, wie es beschaffen. akten z. Rostocker rathhausvorbau (bericht über den stadtbaumeister) 1726, vgl. auch Koppmann beitr. 3, 4, 6. zur sache vgl. den artikel schiebefenster bei G. Schönermark hochbaulex. s. 403 (balancirung jedes flügels durch gewichte auf rollen hinter dem fensteranschlag).
 
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gewichtig, adj. und adv. , ableitung von gewicht II (s. d.), dessen niederdeutsche form den ausgangspunkt des adjectivs wichtig (s. d.) bildet. für die abgrenzung beider formen bietet der neuere schriftgebrauch ziemlich sichere anhaltspunkte: in der neueren sprache erscheint wichtig ganz auf die übertragenen verwendungen beschränkt und deckt auch in dieser gruppe mehr nur solche verwendungen, die mit den formeln gewicht beilegen, von gewicht sein (s. o.) übereinstimmend den begriff ansehen, bedeutung ausprägen. dem gegenüber zeichnet sich gewichtig vor allem durch die sinnliche kraft aus, mit der es allen verwendungen gerecht wird, die von der grundbedeutung von gewicht ausgehen. auch für übertragene verwendungen erscheint es in den fällen begünstigt, in denen sinnliche anschauung durchbricht. namentlich die vorstellung der schwungkraft, der wucht wird durch die form gewichtig in die kategorie der adjectiva übergeführt. diese für den heutigen sprachgebrauch zutreffende abgrenzung hat sich natürlich erst allmählich herausgebildet; in dem deutlichen schwanken einzelner mundarten lassen sich die ursprünglichen gegensätze noch heute wahrnehmen. von diesen ist auch der individuelle sprachgebrauch einzelner stilisten vorwiegend beeinfluszt, so weit sich nicht, wie beim metaphorischen gebrauch leichter der fall, individuelle unterschiede der auffassung geltend machen.
1) entwicklung der abgrenzung gegen wichtig, älteste belege, bedeutungsumfang, syntaktische formen.
a) die abgrenzung gegen wichtig beruht ursprünglich nicht auf bedeutungsunterschieden, folgte vielmehr den landschaftlichen gegensätzen des sprachgebrauches.
α) noch den vocabularien aus der ersten zeit des buchdrucks ist neben pondus, gewicht (ponderatio, gewicht,

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wegung) kein entsprechendes adjectiv geläufig; sie geben ponderosus vielfach mit schwer wieder: ein schwer ding das da ser schwer wigt, schwer wol beladen. Straszburger vocab. predicant. von 1486 U 2b. daneben tauchen bildungen auf wie wigig, wieghafftig, wiegelich in den vocab. des 15. jahrh., bis sich endlich für ponderosus das adj. wichtig, gewichtig durchsetzt, s. Diefenbach 446c.
1)) der älteste beleg trifft die niederdeutsche form des adjectivs, wichtec, die in einem mitteldeutschen denkmal vom ende des 14. jahrh. bezeugt ist: di hocken unde phrogener, waʒ di von wichtigen dingen feile haben, also von olei, unslet, smer unde pottern, daʒ sullen si an rechten frongewichten wegen also der czit recht ist. rechtsbuch nach distinctionen 5, 20, 5 Ortloff. das adjectiv ist hier in engster anlehnung an gewicht und zwar an die sachbedeutung des wägemaszes belegt. ebendahin gehört das zeugnis eines vocab. des 15. jahrh., das neben der form ohne präfix auch eine solche mit präfix bucht: bilibris ... zweiwichtig, zweigwichtig. Diefenbach 74a. ebenso vgl. ponderosus wichtig, gewichtig in andern vocab. des 15. jahrh. Diefenbach 446c. 447a.
2)) aus diesen ältesten belegen, deren herkunft und quelle vielfach im dunkeln bleibt, läszt sich für die landschaftliche abgrenzung wenig gewinnen. bedeutsamer sind oberdeutsche buchungen für die zweifellos niederdeutsche form ohne präfix und ansätze zu einer abgrenzung der verwendungen der beiden formen.
a)) ponderosus ... schwer, wichtig Dasypodius Dd 2a gegen gewichtig, das vil wigt, schwär, ponderosus Maaler 179c (dazu vgl. ponderosus, wiechtig Faber thesaurus 633a; emphasis, ... etwas wichtiges und deutliches. 276a).
b)) gravis, schwär wichtig Frisius dict. lat. germ. (1556) 612a; ponderosus ... schwär, lästig, gewichtig, schwär, das vil wigt ebenda 1018b (pfundgwichtig oder schwär 1018a).
3)) aus den niederdeutschen buchungen von gewichtig lassen sich weitgehende schlüsse nicht ziehen (vgl. oben sp. 5727): ghewichtigh, gravis, ponderosus et momentosus, magni momenti et justi ponderis. Kilian 146a (vgl. auch mittelniederländ. gewichtich Verwijs u. Verdam 2, 1907).
β) Henisch und die wörterbücher des 17. jahrh. buchen gewichtig, ohne die form wichtig daneben zu streifen; erst die auf sprachregelung zielenden darstellungen bringen beide formen zusammen und lassenentsprechend dem mitteldeutschen sprachgebrauch, dem sie angehörendie präfixlose form wichtig als normalform erscheinen: wichtig, ponderosus, pesant Schottel 1443; wichtig ... et gewichtig, ponderosus, gravis, emphaticus (wichtige worte ... händel). Stieler 2527. vgl. auch gewichtig, wichtig bei Rädlein, Chomel, s. u.
γ) im 18. jahrh. machen sich landschaftliche unterschiede des gebrauches in der schönen litteratur geltend, während die grammatiker den überflusz der doppelform zu gunsten einer bedeutungsdifferenzierung einzudämmen suchen. dasz Lessings mitteldeutsche sprachfärbung wichtig einsetzt, wo die schriftsprache jetzt gewichtig braucht, ist von E. Schmidt Lessing 22, 540 beobachtet (vgl.: bis ich sie in gute wichtige goldstücke ... umsetze. antiquar. briefe 52. br. u. a.). dem tritt Adelung entgegen; er stellt fest, dasz für 'schwer im eigenlichsten verstande' die form wichtig 'nur noch zuweilen in der höhern schreibart vorkommt, wofür doch das eben so seltene gewichtig schicklicher wäre' 4, 1518. ähnlich Heynatz, der aber noch eifriger gegen mundartliche übergriffe der form gewichtig loszieht: gewichtig brauchen die Oberdeutschen für alles, was im eigentlichen oder uneigentlichen verstand von groszem oder vielem gewicht ist. im eigentlichen verstand sagt man wichtig nicht gern. ... für ein gewichtiger grund ... mann ... beschützer musz es schlechterdings wichtig heiszen. Antibarbarus 2, 55; dazu vgl. auch: dunkel. das ist ein sehr gewichtiges, denn wer wird sagen wichtiges wort; man machet damit einen ganzen vers hell. Schönaich die ganze ästhetik in einer nusz 97 Köster.
δ) in der neueren gehobenen sprache erweitert gewichtig sein gebiet aufs neue; nicht in allen fällen durch die bedeutungsfärbungen, die ihm von hause aus zukommen, vielfach auch, weil es weniger verbraucht erscheint als wichtig. hieher gehört wol die vorliebe G. Freytags für gewichtig an stelle von wichtig, vgl.: sie zog aus ihrem gewande

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ein tuch, knotete es am boden auf, und wies es gewichtig dem kaiser. (ahnen 3, 9) 10, 274, ebenso gewichtige sachen, gewichtige dinge, s. sp. 5772. andererseits drängt sich da, wo gewichtig in seiner eigenen sphäre als abgenützt empfunden wird, das neuere gewichtvoll vor, s. d. dem breiteren zuge, mit dem die mundarten in der neueren litteratur sich geltend machen, entspricht ein erneutes vordringen des landschaftlichen gebrauches von gewichtig: und wenn a noch nit dö mehrern af meiner seiten stehn, so sein's doch dö d' g'wichtigern, dö was ganz einverstanden sein, dasz ich mit eisern' besen all' liederlichkeit ... weg kehr'. Anzengruber stahl und stein 1, 2. dazu vgl. DWB gewichtig, adj. wichtig Martin u. Lienhart 2, 787b.
b) die ältesten litterarischen belege für gewichtig entstammen dem 16. jahrh. sie zeigen die sinnliche bedeutung namentlich auch in bezug auf den münzverkehr entwickelt; daneben macht sich frühzeitig übertragener gebrauch geltend, der z. b. bei Fischart überwiegt.
α) sinnliche bedeutung.
1)) item von einem halben malter gewichtigs melwes fünfzig laib und anderthalb simmerin kleien. Durlacher verordn. v. 1536 zeitschr. f. gesch. d. Oberrheins 13, 287 (vgl. dagegen wichtig kaufmannsguetter Rösch v. Geroldshausen 413 Fischnaler); darumb, sagt Knlob, weil er der erst auf dem nasenmarckt war, da man die nasen auszwiget, und jhm gleich die gewichtigst liesz darwegen. Fischart Gargantua (43) neudr. 394; ich hatte eine stählerne streitkolbe anhangen, die ... war so wol gemacht und so gewichtig, dasz ich einen jeden dem ich eins damit versatzte, gar leicht todschlug. Grimmelshausen Simpl. (4, 24) neudr. s. 451.
2)) ich weisz aber auch, dasz ihr den ort, wo die doppier herkommen zu erkundigen ... nicht grosz achtet, wann nur diejenige, so euch zu handen kommen, gewichtig sein. übersetzung von la doppia impiciata 1648 (siano di peso) A 2b (vgl. dagegen alten und wichtigen goldes Mathesius Sarepta 239a); zehlet also unser jeder jhme 9 gte gewichtige ducaten. Rauwolf reisebeschreibung (1583) 314/5; ich ergriff beide wülste, und befand sie trefflich gewichtig, weil es lauter goldsorten waren. Grimmelshausen Simpl. (4, 24) neudr. 362.
β) übertragene verwendung: holla hieher zutrincken. sauffen her: das ist nicht gewichtig, das mag nichtsz erschissen, quid hoc inter tam multos? bei der schwere, respice personam. Fischart Gargantua 151 neudr.;

dasselbig hinderst horn staffirten
vil teuffel mit vil teuffelszierden,
mit blutpractic und greulichkeit,
mit mordstifftung, unfridsamkeit,
... und als disz Eck nicht gewichtig war,
setzten die teufel sich drein gar. (jesuiterhütlein 953) 2, 266 Kurz.


γ) wenn sich die eben angeführten belege wol mannigfach noch ergänzen lassen, zeugen sie trotzdem nicht für reichlichen gebrauch des wortes bis zu ende des 18. jahrh. bei Herder gar nicht, bei Wieland nur vereinzelt belegt, findet es erst bei Göthe und noch mehr bei Schiller seine pflege und erweitert bei deren nachfolgern sein gebiet.
c) für die abgrenzung des bedeutungsumfanges beansprucht der nachfolgende beleg beachtung, der unmittelbar an die functionen des nomen actionis (vgl. sp. 5715) anzuknüpfen scheint: solche briefel machten anfangs in dem gemüt Florimundi eine kleine verwirrung, nach und nach einen lauen geist, endlich einen halbgewichtigen wanckelmut, letztlich gar einen verdrusz des closter-lebens. Abr. a S. Clara heilsames gemisch gemasch (des teufels sein liebste speis) (1704) 187. dieser vereinzelten ausnahme gegenüber knüpft der allgemeine gebrauch durchweg an den eigenschaftsbegriff von gewicht an und zeigt dabei die neigung, den bedeutungsumfang immer enger einzugrenzen.
α) in den älteren wörterbüchern ist für die sinnliche bedeutung nicht so sehr der allgemeine begriff der schwere als die besondere vorstellung der ausreichenden schwere gebucht. diese bedeutungsverengerung steht in zusammenhang mit der vorliebe, mit der das adjectiv auf münzen bezogen wird.
1)) gewichtig, gravis, ponderosus ... justi ponderis. Henisch 1599; gewichtig, de poids, pesant assez, justi ponderis. Duez (1664) 199a; justi ponderis, gewichtig.

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Denzler 599b; gewichtig, das sein gewicht hat, res justi ponderis. Aler 936b; ähnlich Kramer (teutsch - ital. dict.) 2, 1234b; Kirsch 2, 151b; Matthiae 2, 181a (vgl. dagegen gewichtig, wichtig, di peso Rädlein 1, 383a; gewichtig, ponderosus Hederich 1, 1423); gewichtig, wichtig, oder vollwichtig. Chomel 4, 1059; gewichtig ... qui a le juste poids. Rondeau 2, Uu 3c; Frisch nouveau dict. 2, 279; gewichtig, of full and due weight. Th. Arnold compl. vocab. 1, 427a; ähnlich Hilpert 2, 1 s. 464b.
2)) nummus justi ponderis, gewichtig. Frischlin nomenclat. tril. (1586) 116b; genau so Emmel nomenclat. quadril. 223, ebenda ungewichtige müntz; gewichtige müntz, moneta sui ponderis. Henisch 1599; ähnlich Duez (1664) 199a; Rädlein 383a; gewichtige müntze, monnoye qui ha son pois. Hulsius (1616) 138b; ein gewichtiger ducat. Rondeau a. a. o., ebenso Kramer 2, 97a (vgl. Frisch a. a. o.: ein thaler, der nicht wichtig ist); ebenso Hilpert a. a. o.
3)) andere verbindungen sind für die sinnliche bedeutung nur selten gebucht: ein gewichtiges pack, un balot bien pesant. Rondeau a. a. o.; eine gewichtige masse. Hilpert.
4)) schon für die letzte verbindung ist ebendort auch übertragener gebrauch angemerkt. die erste diesbezügliche buchung giebt Henisch: gewichtig, momentosus, magni momenti. dazu vgl. ein gewichtiger grund, une raison importante. Rondeau; ähnlich Hilpert; vgl. auch Campe 2, 363a.
β) aus dem litterarischen gebrauche der neueren sprache ergeben sich zwei hauptrichtungen der bedeutung: in sinnlicher verwendung übernimmt gewichtig die aus dem eigenschaftsbegriff von gewicht entwickelten vorstellungen, im übertragenen sinne lehnt es sich aufs engste an die bedeutung schwungkraft, wucht an. als sicheres kennzeichen dafür, dasz gewichtig auf diesem gebiete seine gegebene grenze innegehalten hat, ist es anzusehen, wenn gewichtig ohne weiteres durch gewichtvoll ersetzt werden kann.
d) die syntaktischen gebrauchsformen zeigen keinen engeren zusammenhang mit den färbungen des bedeutungsgehaltes. die hauptsächlichen gruppen, die sich ziemlich fest zusammenschlieszen, stehen dem prädicativen und attributiven gebrauch gleich nahe. die adverbiale angliederung und die substantivierung entwickeln keine bemerkenswerthen züge, ebensowenig die belege für die steigerung.
α) adverbiale angliederung:

du hast, Ghiberti, scharf und streng und richtig
beurtheilt meine kunst und mich gelobt,
das lob aus deinem munde klang gewichtig.
Chamisso ein Kölner meister zu ende des 14. jahrh.;

(herzog:):ZT- vernehmen sie, La Coste, wol den ton?
sobald von dem (Hofer) sie reden, klingt's gewichtig.
Immermann (trauerspiel in Tirol 1, 4) 17, 26;

es ist leicht, eine kluge grimasse zu schneiden
und ein kluges gesicht,
und gewichtig zu sagen: dies mag ich leiden,
und jenes nicht.
Bodenstedt Mirza Schaffy sprüche der weish. 27;

achten sie vor allem auf ihren stil, sagt er, guter stil ist die hauptsache. schreiben sie gewichtig, Schmock, sagt er, schreiben sie tief, man verlangt das heut zu tage von einer zeitung, dasz sie tief ist. G. Freytag (journalisten 4, 1) 3, 99.
β) substantivierung.
1)) nachdem er eine mappe der interessantesten kupferstiche mit uns durchblättert und viel gewichtiges darüber gesagt hatte, kamen wir plötzlich von der kunst auf die natur zu sprechen. Göthe's unterhaltungen mit dem kanzler von Müller, Burkhardt3 s. 18.
2)) jetzt sähe man, sagte er überall, was man an diesem geisbäuerchen, dem schultheiszen, habe, das lasse sich von jedem gendarmen unterducken und könne nicht fest auftreten, dazu brauche man einen gewichtigen oder einen, der das herz auf dem rechten flecke habe. Auerbach neues leben 2, 253; diese unerschrockenheit des Johannes hatten die umstehenden ... wohlgefällig be merkt ... und lächelnd klopfte ihm mehr als ein gewichtiger auf die schulter, welcher dergleichen nicht vermocht hätte. Gottfried Keller (Züricher nov.: Hadlaub) 622, 77.

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γ) steigerungsformen.
1))

das unerhörte will ich blosz erprüfen,
erprüfen, ob sein wort gewichtiger
in eurer seelen wage fällt, als meins!
H. v. Kleist (Robert Guiskard 6) 1, 180 Erich Schmidt;

jene gewichtiger auftretenden gestalten mit dem unmodischen hute, den knappen beinkleidern ... dem wiegenden trotzigen gange sind die herren solostimmen. Karl Gutzkow briefe aus Paris (5) 2, 133; ich halte euch nicht für so unvernünftig, dasz ihr auf eure eigne faust, ohne hilfe älterer gewichtigerer männer zu revolutioniren die tollkühnheit besitzen solltet. Immermann (epigonen 5, 4) 6, 125.
2)) aber durch diese fremden schalen hindurch hatten der alte und der junge mann bald an einander behagen gefunden. da sie beide vom ächtesten schrot und gewichtigsten korn waren, so muszten sie wol einer des andern kern erkennen. Immermann (Münchhausen 2, 5) 1, 152; sie (die ersten 10 canzonen Leopardis) waren im jahre vorher in Bologna erschienen. die gewichtigsten stimmen hatten den siebenundzwanzigjährigen poeten beglückwünscht. Paul Heyse ital. novellen 1 Nerina.
2) bedeutungsgruppen des neueren gebrauchs:
a) sinnliche bedeutung:
α) gewichtig, was schwer wiegt:
1))

weil er also gelebet, wie
den hirschen gott der herr verlieh,
ward er in seinen läufen flüchtig,
in seiner feiste so gewichtig.
drum sproszten aus den rosen breit
ihm an den stangen sechzehn enden.
Immermann (Tristan u. Isolde 1: die jagd) 13, 54.


2))

ich klag': ist einer, der mir kann antworten?
ich klage, dasz nichts ist, als nicht und nichtig,
dasz alles leben ist wie spreu gewichtig,
und alles sein voll mark, gleich hohlen worten.
Fr. Rückert haus und jahr, 4. reihe: april, reiseblätter 4;

heut läszt der advokat die kniff',
der müller seinen meistergriff,
der bäcker gewichtige brote backt,
der metzger den speck vom fleisch nicht hackt.
Joh. Martin Usteri der frühlingsbote;

wilder thiere stimmen erschallen
aus felsgeklüft und höhl',
und mit gewichtigen ballen
beschwert der Berber das kameel.
Freiligrath an Afrika 1832;

'keine überstürzung' sagte der polizeischreiber, legte das gewichtige päckchen auf den tisch ... und erbrach nun erst ganz bedachtsam das kouvert. W. Raabe leute aus dem walde5 s. 229; beim jahreswechsel muszte ohnfehlbar der buchhalter und cassirer Friedebohm einen gewichtigen haufen dänischer und holländischer ducaten in einzelne päckchen siegeln, sei es zu ehrengeschenken für die prediger ... Th. Storm (die söhne des senators) 7, 284; nun aber kam noch ein gewichtiger stein, der ihm auf dem herzen gelegen, ins rollen und beschwerte die wagschale zu gunsten jener teilung. Paul Heyse (troubadournovellen: der verkaufte gesang); nun aber, da ich die gelegenheit unsers hauses ganz genau kenne, hob ich dieses lange, dicke, gewichtige geländer unsrer treppe, nicht ohne mühe und anstrengung und mit hülfe des beiles, aus seinen fugen. Tieck (des lebens überflusz) 26, 28;

sieh, als man dich im Prag'schen winterlager
ins zelt mir brachte, einen zarten knaben,
des deutschen winters ungewohnt, die hand
war dir erstarrt an der gewichtigen fahne,
du wolltest männlich sie nicht lassen ...
Schiller (Wallensteins tod 3, 18) 12, 310;

aber legt' ich zur erde den schild von geründeter wölbung,
sammt dem gewichtigen helm ... (καὶ κόρυθα βριαρήν).
Voss (Ilias 22, 112) 4, 340.


β) was sein vorgeschriebenes gewicht hat, vollwichtig in beziehung auf die münze:

... so rar
so fremd, wie ein fein alter gewicht'ger thaler war.
J. P. v. Ludewig verm. gedanken (Joachimsthal 1734) titelblatt;

da rief er seinen schatzmeister, den vicomte d'Orbec, und befahl ihm, er solle mir tausend alte, gewichtige goldgülden auszahlen lassen. Göthe (Benvenuto Cellini 3, 5) 35, 55; vgl. wichtige dukaten Adelung 4, 1518; vgl.: wenn man sagt ein wichtiger dukaten, so heiszt es nicht von

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groszem gewicht, sondern von gehörigem oder vollem gewicht. Heynatz Antibarbarus 2, 56. vgl. auch gewichtigstes korn Immermann 1, 152 oben (sp. 5779).
γ) was durch sein gewicht die schwungkraft steigert: die lanze, die an einem baum lehnte, war sehr grosz und gewichtig, mit einer eisernen spitze, die länger als eine hand breit war. Tieck don Quichote 2, 119;

mit diesem kräftigen rittergebete
umfaszt er seinen gewichtigen speer.
Wieland (der neue Amadis 15, 27) 5, 81;

führt die gefangnen vor! schwingt die gewicht'gen keulen,
und durch trompetenschall und der erschlagnen heulen
jauchzt: heil dir, fürst von Dahomeh!
Freiligrath afrikanische huldigung;

sein gewichtiges schwert, das er einst so leicht geschwungen hatte, welches ihm jetzt aber fast zu schwer war, gebrauchte der greis als wanderstab. W. Raabe unseres herrgotts canzlei 2 cap. 3. vgl. ein wichtiges, besser, gewichtiges schwert Adelung 4, 1518. vgl. dagegen Heynatz 2, 56.
b) übergänge zum bildlichen gebrauch.
α) bei mancher übertragenen verwendung bleibt die möglichkeit einer sinnlichen deutung gewahrt; bei manchen festen verbindungen aber führt der eine gebrauch zum andern über:
1)) das erste gilt für die beziehung auf sachen und gegenstände: ich habe mir indessen grosze mühe aufgeladen, um den vierten band der ersten neuen ausgabe recht gewichtig zu machen und eine seit zwanzig jahren ruhende arbeit wieder aufgenommen. Göthe an Sulpiz Boisserée, s. Sulpiz Boisserée 2, 436;

wir bieten dir dafür zum unterpfand,
scheint anders diese gabe noch gewichtig,
das eisen unsrer guten schwerter pflichtig.
Hermann Lingg die Gothen an der Donau;


2)) bei der beziehung auf personen und deren lebensäuszerungen bleibt die deutung zwar manchmal doppelsinnig; in einzelnen wendungen aber vollzieht sich die übertragung:
a)) sie mochten nur dann erst gewichtig und mündig werden, wenn das erzhaupt (general) sich so weit vergäsze, um dem geist der gesellschaft schnurstracks entgegen zu handeln. F. L. Jahn 2, 549; gewichtige alte herren aus den maszgebenden kreisen fingen an, seinen grusz achtungsvoll zu erwidern. W. Raabe leute aus dem walde5 s. 201; 'so, so', sagte ich, 'nun begreif' ich freilich, dasz sie sich noch gewichtiger macht, als sie schwer ist, und das will bei ihr was sagen. Anzengruber (dorfgänge) 3, 101; immer wieder ... stand es vor seiner seele, wie unbequem es sein müsse, diesem gewichtigen mann (dem bürgermeister) eine bitte vorzutragen oder im geheimen zwiegespräch gegenüberzustehen. Th. Storm (drüben am markt) 2, 189; wie Horaz einen schlechten dichter, wenn er ihn recht arg schimpfen will, einen Chorilus nennt, so ist ihm Aristarch ... das ideal eines kunstrichters; und ich denke nicht, dasz es einer gewichtigern autorität bedarf, um die verkleinerer dieses kunstrichters zu boden zu wägen. Wieland Horazens briefe (anm. zu 2, 3) 2 (1787), 241; denn ich darf meine gewichtigen gönner nicht verlieren, wenn ich nicht in den abgrund des elends sinken soll. G. Freytag (verl. handschr. 2, 4) 6, 288.
b)) ich folgte meinem kutscher, der mir mit gewichtigen tritten den weg durch das sprachzimmer frei machte. Thümmel (reise 1) 1, 96; der wirth war selbst daheim, ein schwerer mann am leibe; sein schritt war so gewichtig, dasz es den gästen allemal angst wurde, wenn er ihretwegen einen tritt versetzte, sie müssten ihn bezahlen, eben weil er so gewichtig war. sein geldbeutel und sein ansehen waren desto leichter; daran aber dachte Uli nicht; er war noch so gewohnt, von der äuszeren schwere auf die innere zu schlieszen. Gotthelf Uli der pächter cap. 6; langsam, gewichtigen schrittes ging er auszen vorbei und stiesz im gehen mit dem spiesz taktmäszig auf den hartgefrorenen boden. Walther Siegfried Fermont3 265. dazu vgl. nunmehr die übertragene verwendung im sinne von wichtig: habe ich mich auch in meinen alten tagen noch in die Germania hier gemeldet ... ich betrachte dies aber nicht als einen sehr gewichtigen schritt, denn bei den wenigen vereinigungspunkten ... ist das hiesige verbindungsleben kein sehr intensives. Scheffel briefe an Schwanitz (Berlin 1846) s. 55.

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c)) er schrak auch nicht wenig zusammen, als er plötzlich eine gewichtige hand auf seiner schulter fühlte. W. Raabe leute aus dem walde5 288; er meint wohl, dasz er die gewichtige hand des alters schwer auf seinem scheitel fühle. s. 249; ja, schlosz die Valtinessin mit einem gewichtigen schlag auf ihre kniee. wir wollen das unsere thun nch unsern kräften. Otto Ludwig (Heiterethei) 2, 65; der klopfer unten erklang in drei gewichtigen schlägen. Paul Heyse (ital. nov. 1: Andrea Delfin); 'und das thürverrammeln?' (Münchhausen.) konnte ich denn wissen, dasz ihre gewichtige kraft mir so nahe sei. Immermann (Münchhausen 6, 6) 3, 137.
c) die vollzogene übertragung.
α) sie führt vor allem die linien weiter, die der gebrauch von gewicht im sinne von kraft, wucht, gewalt schon oben hatten ziehen lassen. theilweise begegnen die gleichen verbindungen.
1)) das ruhige, ernste auge des oheims ... das ironische lächeln, das hie und da bei einer äusserung des jungen mannes um seinen mund blitzte, dies alles und das ganze gewichtige wesen des alten imponierte ihm auf eine weise, die ihm höchst unbequem war. Wilhelm Hauff das bild des kaisers; Münchhausen suchte mit einem gewichtigen blicke den vorlauten in seine schranken zurückzuweisen. Immermann (Münchhausen 1, 8) 1, 89; zog er sie jetzt einen augenblick bei seite, und sagte ihr mit gewichtiger, fast zu lauter stimme ... Th. Mundt Berlin u. seine künste 2; die vielgewichtige stimme der mutter, des vaters, des meisters hört das kind nicht, sondern sieht nur die ernste miene des aufsehers, der über alle gesetzt ist. J. G. Kohl reisen in England u. Wales 2, 349.
2)) wie er (Palladio) gedacht und wie er gearbeitet, wird mir immer klarer, je mehr ich seine werke lese und dabei betrachte, wie er die alten behandelt: denn er macht wenig worte, sie sind aber alle gewichtig. Göthe (ital. reise 1) 27, 127;

woher diesz wort mir schallt — ob es ganz leer,
ob ganz gewichtig ist, das ist die frage!
hier gibts kein mittleres.die höchste weisheit
gränzt hier so nahe an den höchsten wahn.
Schiller (Wallensteins tod 1, 1) 12, 207;

höret der mutter vermahnende rede,
wahrlich, sie spricht ein gewichtiges wort! (braut von Messina) 14, 31;

wandte sich, tief bewegt und sanft, der grosse Pelide
gegen Antilochus hin und sprach die gewichtigen worte.
Göthe (Achilleis) 40, 341;

bei anpreisung der vorteile, die jedem gebildeten menschen das zeichnen gewähre, sprach Goethe das gewichtige und doch sehr einfache wort: es entwickelt und nötigt zur aufmerksamkeit und das ist ja doch das höchste aller fertigkeiten und tugenden. unterhaltungen mit dem kanzler von Müller, Burkhardt3 s. 16; mir ist zuweilen, als höre ich zwischen dem brüllen des sturmes das gewichtige wort des alten Jobst Sackmann, das bei jeder wiederkehr immer dröhnender ins gehör fällt: wo is he bleven — wo is he bleven? mortuus est. Th. Storm (heimkehr) 3, 137;

'ich will' ist ein gewichtig wort,
spricht mit sich selbst der mann;
doch steht genüber er der welt,
so gilt doch nur: 'ich kann'.
Grillparzer (leben u. lieben: epigrammatisches: wollen u. können) 14, 99;

ich vermisse keinen,
der da berufen ist, gewicht'ges wort
zum wohl und wehe meines reichs zu sprechen.
Ferdinand v. Saar kaiser Heinrich IV. (Heinrichs tod 4, 5);

und verfügte in kurzen, aber gewichtigen worten, vie viel an vertrauen und credit den kleinen handlungen zu schenken sei. G. Freytag (soll u. haben 1, 7) 4, 89; durch diese gewichtige botschaft hatte Larkens auf einmal eine ganz andere, völlig gesicherte stellung in seinem beruf als vermittler gewonnen. Mörike (maler Nolten 1) 4, 212 Krausz; für sie, Tony Buddenbrook, handelte es sich plötzlich um alle diese, furchtbar gewichtigen ausdrücke, die sie bislang nur gelesen hatte: um ihr 'jawort', um ihre 'hand' ... 'fürs leben'. Thomas Mann Buddenbrooks (3, 2) 1, 144.
3)) senden sie mir das gedicht ('das reich der schatten') mit rückkehrender post wieder. Michaelis erhält es

[Bd. 6, Sp. 5772]


nicht, auch ist es für eine almanachsarbeit zu gewichtig. Schiller (an Wilh. v. Humboldt) 4, 233 Jonas; ich ersuche die hochachtbare und achtbare gesellschaft, zu bemerken, dasz ich für angemessen erachtet habe, bei diesem dritten gliede meines dreigesangs, ... die uralt gewichtige form des stabreims anzuwenden. Fr. Th. Vischer auch einer 221.
4))

besonders, wenn die liberalen
die pinsel fassen, kühnlich malen,
man freut sich am originalen;
da zeigt sich uns ein jeder frei:
er ist von kindesbeinen tüchtig,
besieht sich erd' und himmel richtig,
sein urtheil ist ihm nur gewichtig,
die kunst ist selbst schon tyrannei.
Göthe (zahme xenien 9) 5, 152 Weimar;

warum wäre es denn nöthig, dasz ein arzt ... gegen zwölf jahre auf höheren schulen und universitäten kenntnisse aller art einsammlet ... wenn der rath alter weiber, schäfer, bartscherer, nachrichter, grobschmiede und quacksalber eben so gewichtig ... wäre. H. v. Martius Hebe (1822) s. 159; alle wissen gut zu reden, alle sind eifrig und haben dabei ein gehaltenes wesen, das ihnen sehr wohlsteht. die erörterung erhebt sich, ein kampf gewichtiger meinungen beginnt. G. Freytag (verl. handschr. 2, 3) 6, 254.
5)) die Weimarischen kunstfreunde hielten es nunmehr für pflicht, das was an ihrem einflusz gewichtig sein konnte, auch auf die schale zu legen. Göthe (annalen 1803) 31, 166; wenn die junge herrlichkeit einem armen manne glauben schenken will ... so thut sie in St. Andrea ein gewichtiges gelübde, verschliesst sich in eine zelle und zieht sich das betttuch über die lieben bedrohten augen. C. F. Meyer Angela Borgia 59; nun aber sind die veränderungen, die der gedanke im innern hervorbringt, völlig so gewichtig, als diejenigen, die er, den ihm zunächst liegenden inneren stoff mit dem äuszeren vertauschend, in der welt bewirkt. Hebbel tagebücher (20. 1. 1842) 2, 142 Werner.
6)) aus diesen gewichtigen gründen also ... musz jeder freund des vaterlandes den wunsch aussprechen ... E. M. Arndt schriften f. m. l. Deutschen 3, 271; die gute Salome ... schrieb dann dem unbesonnenen prüfer ihres herzens in einem kleinen brieflein: es könne nicht sein! es könne aus verschiedenen gewichtigen gründen nicht sein. Gottfried Keller (Züricher nov.: der landvogt von Greifensee) 622, 165; so gesellen sich zu kleinen kulturbildern ansätze der literarischen satire, bis mit den grazien, furien ... die griechische mythologie gewichtigere zeugnisse von anmut, strafe und vergänglichkeit beibringt. E. Schmidt einleit. zu Göthes Faust II (jubiläumsausg.).
β) auch auszerhalb des engeren kreises der um den begriff der kraft, der wucht sich schlieszenden festen verbindungen grenzt sich gewichtig gegen wichtig meist dadurch ab, dasz dem sprachgefühl der begriff des entscheidenden, ausschlag gebenden vorschwebt. in manchen belegen freilich ist es einfach individuelle vorliebe, die das vollere wort heranzieht.
1)) wäre der weg noch eine viertelstunde länger, so ist nicht abzusehen, wie tief unsere stimmung noch sinken könnte, das ist die gewichtige viertelstunde, auf die es in so vielen erdenlagen und stimmungen ankommt zu unserem behagen oder elend. W. Raabe alte nester cap. 7; ich weisz ja, dasz es sitte ist, einen kaufmann zu heiraten, aber Morten gehört eben zu dem anderen teile von angesehenen herren, den gelehrten. er ist nicht reich, was wohl für dich und mama gewichtig ist. Thomas Mann Buddenbrooks (3, 10) 1, 205.
2)) es ist eine hohe, eine gewichtige, eine heilige pflicht, dasz der mensch, der nur das eine leben hat, es voll anwende. Stifter (der waldgänger 2) erz. 2, 106 Aprent; er hatte die zoll-procura für die geschäfte nach dem auslande, das gewichtige recht, den namen T. O. Schröter unter die begleitscheine des hauses zu setzen. G. Freytag (soll u. haben 1, 7) 4, 87; doch mögt ihr selbst denken, dasz es mir geringe freude ist, mit einem weibe durch das land zu ziehen, zumal ich in gewichtigen sachen reise und eilig bin. G. Freytag (ahnen 3, 9) 10, 248; sie hatten viel miteinander zu besprechen gehabt, so ernste und gewichtige dinge, dasz beide das trinken darüber vergessen mochten. Paul Heyse (neue moral. nov.: Jorinde) II, 4 s. 40;

[Bd. 6, Sp. 5773]


nuhn fühl' ich erst, wie eitel
des glücks geschenke sind,
wiewohl ich auf dem scheitel
schon kronen trug als kind!
was je mir schien gewichtig,
zerstiebt wie ein atom:
o welt, du bist so nichtig,
du bist so klein, o Rom!
Platen (klagelied kaiser Otto des dritten) 1, 23 Redlich.


 
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gewichtigkeit, f., ableitung vom vorhergehenden: gewichtigkeit Campe 2, 363a; gewichtigkeit, ponderousness, heaviness, weightiness, fig. force, importance ... die gewichtigkeit dieser worte. Hilpert 2, 1, 464b; sie (die königin) schien so heiter, sie schien so gar keine ahnung von der gewichtigkeit des augenblicks (abend vor der abreise zur armee 1806) zu haben! J. Fürst Henriette Herz 56; weil bei uns alles auf dem kopfe steht, seit monsignore Marcello Rom verlassen hat! sagte er mit der gewichtigkeit eines eingeweihten. Fanny Lewald die reisegefährten 1, 256.
 
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gewichtkasten, m., aus ältesten beschreibungen der uhr im Straszburger Münster belegt: zur rechten handt daran hats (das astrolabium) ain casten, darein gehen alle gwicht verborgen, darauf steet zu oberist ain haan, der schlegt die flügel zusamben und kräet ehe dann es schlegt. ... der gewichtcasten ist auch gemalet und gezieret auf ainer seiten mit den dreien göttinen parcis mit ainem rockhen. Ernstinger raisbuch (44. reise) s. 258 Walther;

beineben nun zur rechten hand
hat es ein kasten an der wand,
darinn gehn all gewicht verborgen,
drauff steht ein han jhn zu versorgen,
der helt die wacht und eh es schlecht
kräht er, und schwingt die flügel recht ...
der gwichtkast auch gemahlet ist,
auff einer seiten zugerüst,
mit dreien weibern welche spinnen,
an einer kunckel ohn zerrinnen.
Fischart (s. o. sp. 5747) bei
O. Schadaeus summum Argent. templum (1617) s. 43.


 
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gewichtkunst, f.
1) zur kennzeichnung des theiles der mechanik gebildet, der mit dem fremdwort statik zusammengefaszt wird. die ältesten belege sind der entsprechenden fachlitteratur entnommen und gehören dem 17. jahrh. an. in die wörterbücher dringt das compositum erst, als es dem lebendigen gebrauche abstirbt, zu anfang des 18. jahrh.; es wird jedoch nur von einigen der fremdsprachlichen wb. übernommen. bei Adelung ist es nicht gebucht, und Campe, der in seinem verdeutschungswörterbuch (567) für static das wort gleichgewichtslehre vorschlägt, führt gewichtkunst nicht einmal unter den concurrenzformen auf, die er bekämpft. bemerkenswerth ist, dasz Campe bei der bildung gewichtswissenschaft (s. u.) an dem gleichen momente anstosz nimmt, das auch für gewichtkunst gilt, ihm ermangelt gewicht hier der fähigkeit, ein nomen actionis zur geltung zu bringen; diese scheint ihm nur noch bei gleichgewicht vorzuliegen.
a) de mathesi: et primum de arithmetica. von den zahl- masz- und gewicht-knsten, und erstlich von der rechenkunst. J. Felbinger nomencl. latino-germ. Z 3a; stehen in der meinung, der beschriene kunst-adler desz Regiomontani sei nicht anders, dann auf diese weise, gepresentiret worden: sintemal es wider alle grundsätze der gewichtkunst lauffe, dasz er, wie man ausgebe, durch eine heimlich-verborgene gewicht-proportion, also solte geflogen haben. Erasmus Francisci lustige schaubühne (5. versammlung) 1 (1663), 983; dannenhero ist die feuerkunst, lufft-kunst, wasserkunst, und gewichtkunst auffgekommen. Joh. Joach. Becher närrische weisheit 182 (anhang: von wasserwercken u. wasserkünsten). vgl. gewicht sp. 5746.
b) statica ... ars, gewichtkunst Denzler 749a; gewichtkunst, statica Aler 936b; Kirsch 2, 151b; Matthiae 2, 181a; Hederich 1, 1423; gewichtkunst, gewichtwissenschaft, statique Rondeau 2, Uu 3c; gewichtkunst, statics Hilpert 2, 1, 464b; gewichtkunst, statique, statics Beil technol. wb. 243.
2) bei Matthiae ist am compositum auch die engere beziehung auf das wägeverfahren entwickelt: stathmica ... gewicht oder wagkunst, da man mit allen denjenigen sachen umgehet, so zum abwägen gehören. 2, 143b; münz-, gewicht- und maaszkunst. ebenda. vgl. dagegen gewichtskunde, s. d.

[Bd. 6, Sp. 5774]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gewichtkünstler, m., nomen agentis zum vorhergehenden, nur in einige der oben genannten wörterbücher aufgenommen: staticus, gewichtkünstler Denzler 749a; Hederich 2, 143b; gewichtkünstler, staticus Aler 936b.
 
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gewichtlegen, n., s. oben zu gewicht II sp. 5753: Corinna hat nun wohl für immer mit der modernität und dem krankhaften gewichtlegen aufs äuszerliche gebrochen. Fontane (frau Jenny Treibel 15) I, 8 s. 218.
 
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gewichtlein, n. , oberd. verkleinerungsform zu gewicht II, die im gegensatze zu gewichtchen (s. d.) in den buchungen der gemeinsprache überwiegt.
1) der eigentliche gebrauch: pondusculum, kleingewicht; cum saxi pondusculo, mit einem gewichtle eins steins, der es beschwäre. Cholinus-Frisius 670b; ebenso Maaler 179c; etliche gewichtlin seien also klein, das sie nit gemerckt werden, so man sie auff die kleinen wäglin legt. Ryff recht. verst. wag und gewichts D 3b; das ein solcher wagbalck auff ein seiten, welche es wer, auszschliege, durch ein zugewichtlin dem einen corpus weiter angehencket, oder mit der handt nider gedrucket. C 4b u. a.; darzu ein geradts holtz in das rohr gesteckt und der quadrant, hernach darauff gestalt oder gehalten sol werden, dasz das gewichtlein auff kein seiten, sonder in die mitten zwischen dem fünff und viertzigsten gradt ... eintreffe. Leonh. Fronsperger kriegsbuch 2, 106a; setze den quadranten ... oben auff die büchsen oder stück, unnd rücket darmit so lang auff und nider das gewichtlein, auff sein meisten puncten fleissig eintreffen. 106b; gewichtlein, pondusculum Stieler 2526; ebenso Steinbach 2, 1013; Kirsch 2, 151b; Matthiae 2, 181a; Hederich 1, 1423; gewichtlein, pesarello Kramer teutsch-ital. dict. (1702) 2, 1234b; gewichtlein, small weight. teutsch-engl. wb. (1716) 2, 773; gewichtlein, petit poids Rondeau 2, Uu 3c.
2) übertragener gebrauch:

der schelm, der kann doch nicht zur höllen fahren.
die maid auch, frischen lebens voll,
die könnte leicht zu stolz und üppig werden.
drum, wo die schwinge sich ihr allzuflüchtig regt,
henk' ich ihr ein gewichtlein an,
auf dasz sie's beide im masze treffen,
und fröhlich, wenn es ruft, hinkommen, er wie sie,
wo ich sie alle gern versammeln möchte.
H. v. Kleist (gleich u. ungleich) 4, 45 Erich Schmidt.


 
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gewichtlos, adj. , im gegensatz zu gewichtig (s. d., vgl. auch gewichtvoll) gebildet. das compositum wird zuerst bei Campe (2, 363a) gebucht und aus Voss belegt:
1)

siehe die feurige kraft des gewichtlos wölbenden himmels
schimmert' empor, und wählte den obersten ort in den höhen.
Voss Ovid verwandl. (die schöpfung 22) 1, 3 (1, 26: ignea convexit vis et sine pondere caeli);

vgl. gewichtlos, weightless Hilpert II, 1, 464b; vgl. auch ein kurzes brausen der räder, ein geschicktes auffangen des nachgeworfenen koffers, ein augenblick des bedenklichen schwankens des noch gleichgewichtlosen kahns und der dampfer schosz weiter, der kahn dem ufer zu. K. Gutzkow der zauberer von Rom 2, 8.
2) auch der übertragene gebrauch ist hier früh entwickelt. Campe führt aus der Jenaer lit. zeitung an: seine ideeen sind ohne unterstützung von gründen ganz gewichtlos; vgl. auch gewichtlos ... fig. without influence. credit Hilpert.
 
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gewichtlosigkeit, f., s. Campe unter gewichtlos.

 

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