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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
gewerteschin bis gewetten (Bd. 6, Sp. 5683 bis 5706)
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gewerth , verstärktes werth (s. d.).
1) zum substantiv vgl. die hauptform gewerde sp. 5617.
2) das adjectiv ist auf niederdeutschen gebrauch beschränkt, in dem es zwei hauptverwendungen entfaltet, eine auf das materielle zielende bedeutung und eine übertragene, vgl. pretiosus, dignus.
a) in der anlehnung an den begriff pretium mischt sich das adjectiv mit den gebrauchsformen des particips zu währen (s. d.)
α) 2 hole hildessemsche ... gulden ock vordan einen brunswickschen pennigk, wuwol se des nicht gewert weren: de dre brunswickschen pennigk weren beter in orer gewerde wan de krosse. Braunschw. schichtbuch d. städtechron. 16, 418. u. a. vgl. Schiller-Lübben 2, 103/4.
β)

beide wat, die behôrt noch min, nouwe ein holten sark
unde ein linnen laken gewêrt V schillink efte ein halve mark. Lübecker totentanz (tod zum herzog) 432 Baethcke, ähnl. 199. 842.


b) zum übertragenen gebrauch vgl.;

Lampe is gewert groter pine,
ik bin up ene so rechte gram. Reinke de vos 2862 Lübben, anders 3142 (wat is doch dit gewert?);

under twên wil ik iu den kore lân
den galgen edder dat swert
des lones sint gi wol gewert. Zeno 776 Lübben (charakteristisch die var.: des sit gi van mi ghewert, des sint gi wol wert).


 
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gewerthet, particip zu werthen (s. d.); in attributiven verwendungen vom neueren stil begünstigt: die seit

[Bd. 6, Sp. 5684]


F. Chr. Baur und seinem schüler Zeller als kirchliche tendenzschrift gewertete apostelgeschichte. Berliner tageblatt 16. 6. 1906 (1. beibl.)
 
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gewerzen, mundartliche weiterbildung eines in den mannigfaltigsten umdeutschungen überlieferten lehnwortes, vgl. DWB kawetscher teil 5, sp. 373, kabertschen, cowertschen, cowerzen, gowertschen Schmeller 12, 1215. in unserer form ist das mittellat. cavercinus, cawarsinus verhältnismäszig am wenigsten verändert (vgl. auch mittelhochd. kawerzîn mittelhochd. wb. 1, 793a, Lexer 1, 1532); auch die bedeutung lehnt sich enger an den ältesten gebrauch an. die übrigen formen zeigen die ursprüngliche bedeutung (ausländische, vor allem italienische kaufleute) meist in der richtung auf den begriff wechsler, wucherer verengt, so auch die sprachlich am nächsten stehende bildung gewerteschein, vgl.: Judaeos et usurarios publicos, quos vulgus vocat gewerteschin. urkunde Friedrichs I v. Oestereich (1156) bei du Cange 4, 64. unsere form dagegen entspringt in ihrer verwendung unmittelbar aus dem allgemeinen begriff des italienischen händlers, des Italieners: gewerzen, gewurtzschen, coverzi, italienische gewürzkrämer Westenrieder 1, 205. das wort knüpft auch hier wol an den umfassenden begriff des italienischen gewerbtreibenden an, die engere beziehung auf die gewürzkrämer war durch die praxis nahe gelegt und wurde durch das bestreben gefördert, das wort zu deuten.
 
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gewese, n. , verbalsubstantiv zu wesen (s. d.), aus niederdeutschem sprachgebiet um die mitte des 19. jahrh. in die schriftsprache übergedrungen mit verwendungen, für die in den entsprechenden mundarten vorher schon der substantivierte infinitiv wesen bezeugt war. es ist zu unterscheiden zwischen den functionen eines nomen actionis, die litterarisch nur aus F. Reuter belegt sind, und zwischen dem collectiv, vor allem in der sachbedeutung von anwesen, die bei norddeutschen schriftstellern neuerdings viel verbreitet ist.
1) als nomen actionis ist gewese in der verbindung mit machen (vgl. ein wesen haben, ein aufheben machen) belegt:

de tähn tausam! un tau de ogen!
mak doch nich glik so 'n grot gewes'!
Fritz Reuter (läuschen un rimels 1, 23) 1, 74 Seelmann.

vgl.gewes', DWB wesen, getreibe, umstand. Mi wb. der Mecklenburg. Vorpommerschen mnda s. 26. vgl. auch C. F. Müller d. Mecklenburger volksmund in Fritz Reuters schriften s. 37. für das fortleben dieser redensart in der umgangssprache zeugen auch neuere private mitteilungen aus Steinbeck bei Güstrow.
2) für das collectiv ist die beziehung auf personen nicht über den mundartlichen gebrauch hinausgekommen:

un äwer't feld dor kümmt 'ne kumpani
von lütte etendrägers ranne quöcht ...
un dörch de hogen stoppeln russelt
't oll lütt gewes' und kruppt un pusselt.
F. Reuter (kein Hüsung 4) 7, 47 Seelmann.

um so ergiebiger ist die sachbedeutung, auf deren zusammenhang mit dem nomen actionis der folgende beleg für gewesede licht wirft: wi ... hebbet verkoft ... den werten herren bisscop Lodewighe tho Monstere ... alle dat gut dat unse vader achter leith ... alle dat recht de ansprake unde de ghewesede de unse vader unde wi hedden. Münsterische urkunde von 1340 Niesert i, 2 s. 422; in ähnlicher weise zweigt auch der neuere gebrauch unseres substantivs unmittelbar von einer entwicklungsstufe des substantivierten wesen ab, an das sich gewese auch hier anlehnt, mit dem es sich (in pluralformen, vgl. sp. 5687) auch formell wieder berührt, vgl.: en wesen nennt der Hamburger einen garten oder sommerlogis ausser der stadt Schütze Holstein. idiot. 4, 357; vgl. auch (wesen ... in Danzig zur bezeichnung eines weitläufigen gebäudes, mit welchem eine art von hantierung verknüpft ist. er hat ein wesen in dem und dem dorfe, er hat eine kleine landwirtschaft Frischbier 2, 465. zwei hauptzüge ergeben sich für wesen; ein unbestimmter umfassender begriff, der das wort überall einbürgert, wo eine localität der kennzeichnung durch einfache vorstellungen wie haus, garten, feld widerstrebt, und ein zusammenhang zwischen der räumlichkeit und der thätigkeit, die sich in ihr abspielt (ein wesen haben). beide hauptzüge kehren auch bei gewese wieder. für das

[Bd. 6, Sp. 5685]


erste moment vgl. den gegensatz von DWB haus und DWB gewese in einem der jüngsten belege: in den wenigen stunden, die er im hause war, spaszte er oder ging unruhig durchs ganze gewese. Frenssen Jörn Uhl 105. zum zweiten moment vgl.: Sulla hat den staat reorganisirt, aber nicht wie der hausherr, der sein zerrüttetes gewese und gesinde nach eigener einsicht in ordnung bringt, sondern wie der zeitweilige geschäftsführer, der seiner anweisung getreu nachkommt. Mommsen röm. gesch. 22, 371. vgl. auch: er bekümmert sich zu wenig um das eigene gewese Frankfurter journal (1864) nr. 319 1. beil.
a) beide momente kommen bei ländlichen anwesen zur geltung, wo die wohnräume an bedeutsamkeit weit hinter den anderen gebäulichkeiten zurücktreten, auf denen (scheunen, ställe, garten, feld) das schwergewicht des betriebes ruht: gewese (sonst ein wesen) ackerhof mit zubehör von J. Grimm aus der Westphälischen zeitung angemerkt; mehrere landstellen, mühlen-gewese Weserzeitung (1853) nr. 3022; welcher ordnungsliebende landwirth, ... dem sein gewese ans herz gewachsen ist und der je einmal mit ansteckenden viehkrankheiten geplagt war, könnte sich wohl ähnlicher gefühle ... entschlagen. landwirthsch. annalen d. Mecklenb. patriot. ver. (1862) nr. 20; was aber sonst noch zu dem gesamtgewese der gärtnerei gehörte, ja die hauptsache derselben ausmachte, war durch eben dies kleine wohnhaus wie durch eine kulisse versteckt. A. Fontane (irr., wirr. 1) I, 5 s. 117; die frau hinten im garten ... beeilte sich nicht. unbekümmert ging sie mit einer hand voll geschnittener georginen und gelber ringelblumen nach dem teich zu, der ganz am ende des geweses lag und halb ihnen, halb dem nachbar gehörte. Ilse Frapan bekannte gesichter 98; etwas abseits vom weg lag, tief in den grund einer waldwiese gebettet, ein dunkler gebäudekomplex, an dessen äuszerster, dem wege zugewandter ecke ein kleines mattes licht ausglimmte. es mochte eine nachtlampe sein, denn auf dem ganzen gewese regte sich kein laut. Friedr. Jacobsen (waldmoder) daheim 31 (1895), 326b; zwischen dem Müller und Meierschen gewese lag ein schmaler wiesenstreifen. der lotse 1901 s. 140; ja er ging, wenn er sonst nicht wuszte wohin, in die scheunen und in die gärten, die an dem groszen gewese lagen. Frenssen Jörn Uhl 99; der alte führte ihn in alle winkel seines weitläufigen geweses und zeigte ihm jedes pferd und jede kuh. M. Bücking rector Siebrand s. 64.
b) in andern belegen tritt diese engere beziehung auf den ländlichen betrieb naturgemäsz zurück; ebenso verallgemeinert sich der gebrauch und trifft anwesen, in denen die baulichkeiten als solche die aufmerksamkeit auf sich ziehen; ja das wort wird schlieszlich zur kennzeichnung städtischer unternehmungen gebraucht.
α) desz ungeachtet folgte sie und liesz es geschehen, dasz ich mit dem manne, dem eigentlichen besitzer des geweses, eine unterredung begann. A. Brook Paul v. Kampmann (romanztg. 16, 1 s. 538b); er ist verkleidet hier gewesen und hat das gewese von Dittmar gekauft. Frenssen Hilligenlei 357.
β) und ehe noch irgend jemand an rettung oder hilfe denken konnte, stand das ganze gewese des reichen webers, das haus des nachbars Seltner und mehrere andere in vollen flammen. Ernst Willkomm die familie Ammer 552; vor fünfzehn jahren war das gewese (die Gielower mühle), nach einem brande, der neuzeit entsprechend eingerichtet worden. Leipziger nachr. 7. febr. 1893.
γ) 'der kleine krämer in der Süderstrasse, wo die Ostenfelder immer ihre nothdurft holen ... musz verkaufen' ... 'sagt mir nur', erwiderte sie hastig 'ist das gewese in der Süderstrasse noch zu kaufen?' Th. Storm Carsten Curator; oben in der Süderstrasse, weit hinter Heinrichs heiterem gewese, dort wo die letzten kleinen häuser mit stroh gedeckt sind, war jetzt ihre gemeinschaftliche heimat. ebenda; nun aber, mein herr präzeptor, müssen sie mich mit ihrem ganzen gewese bekanntmachen. ich find' es nur in der ordnung, dasz man im publikum überall von ihrem 'schlosz Rodenstein' spricht, denn wirklich, ihr gasthaus hängt wie eine burg am felsen. Fontane (Cecilie) 1, 4 s. 340; vgl. auch fabrik-gewese Bonner zeitung von 1899, s. Wülfing zeitschr. f. d. d. unterr. 15, 263.
 
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gewesen I, verb. , verstärktes wesen (s. d.). der defective gebrauch des einfachen verbums, das sich mit den

[Bd. 6, Sp. 5686]


stämmen von sein und bin in das verbum substantivum theilt (vgl. teil 10, sp. 228 ff. 2, sp. 31), bedingt auch für die mit dem präfix verstärkten formen zurückhaltung. dazu kommt noch für die althochdeutsche periode, die das verbum in mehr zeitformen heranzog als die neuere sprache (s. Graff 1, 1056), eine auffallende sprödigkeit gegen das präfix. dieses ist nur einmal überliefert: giwisit, restat. Monseer glossen u. a. z. Gregor, s. Steinmeyer-Sievers 2, 284. die mittelhochdeutsche zeit ist demgegenüber im vorteil, insofern sie das particip des prät. auftauchen läszt, das ausschlieszlich mit dem präfix belegt ist, vgl. DWB gewesen II und gewest. andererseits erleidet sie einbusze auf dem gebiet der präsensformen, die vom stamme sein erobert werden. mit dem präfix ist hier eigentlich nur der infinitiv belegt (als seltene zeugnisse für das part. d. präsens vgl. ein got der ie gewesende wart. Walther v. d. Vogelweide 5, 31 Lachmann; daz si in magt unphiuch, magt getrch, magt gebar, immer maget gewesende altd. pred. 1, 41 Schönbach), und dieser wird auch im rahmen der zusammengesetzten formen durch das concurrenzwort bedrängt (vgl. gesein sp. 4023). der indicat. und conjunct. des präteritums andererseits, die den stamm von wesen auch in der neuern sprache festhalten, haben sich nur vorübergehend als träger des präfix erwiesen.
1) die formen des präteritums (zum particip s. u.) sind vereinzelt im übergang zur mittelhochd. zeit mit dem präfix belegt; in der blüthezeit setzen die zeugnisse gänzlich aus und häufen sich erst wieder bei den nachzüglern und in der prosa des 14. und 15. jahrh.:
a)

dô ne gewas bî dem mer
weder sît noch êr
nechên sô stadehafter man. könig Rother 4873 v. Bahder;

dô man ir recht in dâ getete,
und sie zwêne an ir gebete
gewârin mit ir mâgin,
wen biʒ sieʒ genoc gephlâgin:
dô ritin sie ungebeitit. Athis und Prophilias D 121 W. Grimm;

dô der hêre Ênêas
alsô lange dâ gewas
und diu frouwe Dîdô.
H. v. Veldeke Eneit 58, 34 Ettmüller (var. was);

sente Fabianus was pabist ze Rome, und do er lange mit worten unde mit werkin der christenheit vor gewas, do wart er alse hte durch daʒ recht gemartert. pred. der Leipziger handschr. (177) Schönbach 1, 279, vgl. auch Pfeiffer myst. 1, 430.
b) die späteren belege weisen alle den gleichen typus wie die beiden letzten zeugnisse auf, gewas für das plusquamperf. in einem mit der zeitpartikel eingeleiteten nebensatze.
α)

und dô der selbe Balke
meistir in dem lande zwâr
gewas unʒ in daʒ sechste jâr,
als ich gesprochin hab ouch ê,
und er nicht vermochte mê
der arbeit, do vûr er auch wider
kein dûtschin landin.
N. v. Jeroschin 5678.

ebenso Ulrich v. Thürheim Willehalm 259a u. a. vgl. auch mittelhochd. wb. 3, 768b; und dô si dâ gewâren lange zît, dô wart geoffinbâret sancte Ursulen. mystiker 1, 223 Pfeiffer; ebenso 1, 99; dise gezierde frt er mit ime enweg gein Sicilien. und do er uf sehs jor do gewas, do wart er in eime bade erslagen. Königshofen, s. d. städtechron. 8, 394.
β) eines der spätesten zeugnisseallerdings der gebundenen sprache entstammendzeigt das präfix wieder beim präteritum des hauptsatzes:

keines kauffes ich nie froer gewas Alsfelder passionsspiel 3193 Grein.


2) für den infinitiv liegen aus der classischen zeit mittelhochdeutscher dichtung belege vor; in der erstarrten form der substantivierung erreicht er überdiesz die neuere sprache.
a) als verbalform ist der infinitiv mit dem präfix nur neben dem hilfsverb mugen belegt.
α) die verbindung mit einem adjectiv, die auf die bedeutungsenergie des verbums vor andern drückte, scheint trotzdem das zusammengesetzte verbum zu begünstigen:

macht dû mir dar zuo guot gewesen (var.: wesen)
ich engân dir niemer nihtes abe,
die wîle und ich daʒ leben habe.
Gottfried v. Strassburg Tristan 1234 Marold;

[Bd. 6, Sp. 5687]



eim ungefriunten knehte
enmöhte baʒ gewesen niht.
Konrad v. Würzburg Engelhard 1559;

sit si (die pfaffen) nach rehte niht entuont,wie möhte dan ein leie guot gewesen.
Meister Stolle (13) bei von der Hagen 3, 6a;

wa man sie ir hende legen siht
uf siechen hin, die sint genesen,
wie siech sie mogent joch gewesen. ev. v. St. Paul 71a Schönbach (Marc. 16, 18);

golt ... silber ... edels gesteine und ... alles alzumal, das teuer gewesen mag uf erden. Johann v. Neumarkt übers. des lebens des heil. Hieronymus (66) 62 Benedikt; de in god den heren sint ghevestiget u bestediget de en konen neuerleiwijs homodich ghewesen. Thom. a Kempis van der nauolghinge Jhesu Kristi (1489) buch 2 cap. 10.
β) verwendungen, die zwischen verbum und subject keine nähere bestimmung aufnehmen:
1)) die engste verbindung von verbum und subject, in der das verbum mehr nur grammatische functionen ausübt, läszt das präfix nur selten zu:

eʒ mag hie weder tac noch vride
gewesen zwischen mir und in.
Joh. v. Würzburg Wilhelm v. Österreich 4655 Regel.


2)) anders in lockeren verbindungen, in die das verbum mit der vollen bedeutung der existenz eintritt:

daʒ er niht bischof mohte sin
wand die alde e hat also
beschriben in Levitico,
daʒ kein bischof mac gewesen
ane ganz gelit irlesen. das buch der Maccabäer (prolog auf Hyrcan.) 13643 Helm;

du warest mit mir und ich was niht mit dir und etleiche dink machten mich verre von dir, di niht gewesen mohten, wenn in dir. (quae esse non poterant nisi in te). Johann von Neumarkt übers. der Pseudo-Augustinischen soliloquium (31) 74 Sattler; das ich an dich iht verderb, an den ich mit nicht mag gewesen (sine te esse non possim) 35 (14);

kein ganze kunst mac niht gewesen âne der liehten ougen rôt. meisterlieder der Kolmarer handschr. 99, 50 Bartsch s. 440;

sô spricht er wie daʒ müge gewesen
daʒ ein dinc sî wol daʒ beste und das bœste besunder. 136, 5 Bartsch s. 508; ebenso Alsfelder passionsspiel 1565 Grein; ähnlich 5058;

er hiesʒ von dem tode uff stan
Lazarum einen toden man
und liesz en widder genesen:
das mocht von nicht gewesen
dan von dem waren godes degen. Alsfelder passionsspiel 2539 Grein.


b) die substantivierung ist auch an gewesen in den beiden hauptformen belegt, die am substantivierten wesen zu beobachten sind: in der abstracten bedeutung der existenz und in der übertragung auf die räumlichkeit, in die sie eingeschlossen ist.
α) vielleicht werd' ich noch ein paar mal verwandelt, ehe ich das bewusztsein meines ganzen gewesens erhalte und die kette übersehe, welche ich hinauf ging. Hippel (lebensläufe 3, 2) 4 (1828), 174.
β) das gewesen des alten Jem Bork ist ein opfer der letzten sturmfluth geworden. H. Smidt meeresstille 26. bei demselben (das dünendorf) der plural gewesen vgl. oben sp. 5684.
 
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gewesen II , auf deutschem boden ist das part. prät. von wesen eine neuschöpfung der mittelhochdeutschen zeit und dort anfangs nur spärlich belegt. die hauptformen seines gebrauches, die in die neuhochd. periode fallen, hat es nicht so sehr im dienst der grundbedeutung seines verbums entwickelt, als vielmehr im drange der bedürfnisse, die das ausgebildete system der tempusumschreibungen neu geweckt hatte. die älteren belege allerdings hängen noch nicht mit der perfectumschreibung zusammen, in deren rahmen der neuere hauptgebrauch fällt, und bei der es auch in den anderen sprachen die nächsten parallelen findet. am frühesten ist das particip vielmehr neben solchen verbalformen bezeugt, denen die fähigkeit ein zeitverhältnis zum ausdruck zu bringen, abhanden gekommen ist oder überhaupt mangelt, wie dem conjunctiv präteriti und dem infinitiv. die weitere entwicklung, in die der wettbewerb der formen gewest (s. d.) und gesein (sp. 4025) hemmend eingreift (vgl. teil 10, sp. 248 ff.; vgl. auch im deutschen sprachatlas unter gewesen [satz 9]), kann hier nur soweit gestreift werden, als dies zum verständnis des bedeutungswandels

[Bd. 6, Sp. 5688]


an der verbalform notwendig ist, der auch in den attributiven functionen durchschlägt, die das particip der kategorie der adjective nähern.
1) das particip im dienste der tempusumschreibung: ist gewesen, war gewesen.
a) als älteste belege (vgl. mhd. wb. 3, 765b ff. Grimm gramm. 42, 187 ff.) kämen die zeugnisse aus dem könig Rother in betracht, wenn der überlieferung hier zu trauen wäre. in dem einen falle, der durch varianten zu controlieren ist, handelt es sich um das particip gesîn (hette der der sô nâ gesîn 1798), nicht um gewesen; die lesarten lassen überdies eine andere fügung als ursprünglich voraussetzen; für den zweiten fall ist ebenfalls zu vermuten, dasz unsere umschreibung auf jüngerer erweiterung fuszt:

sie nimit michil wunder,
daʒ dû sô manige stunde
in desseme hove heves gewesen
unde sie newoldis nie gesên. könig Rother 1991.

der gleiche zweifel ist für den beleg aus dem herzog Ernst 3532 berechtigt. ebenso gehen in den beiden stellen des Nibelungenliedes die lesarten auseinander:

'nune sol der videlaere lenger niht genesen'.
Hildebrant der küene, wie kunde er grimmeger sîn gewesen? 2223, 4 Lachmann nach A (kunde grimmer niht gewesen bei Zarncke 349, 5); ebenso 2232, 4.

die Donaueschinger handschr. hat die junge fügung nur in einer plusstrophe:

waeren die kristen liute wider si niht gewesen,
sie waeren mit ir ellen vor allen heiden wol genesen. 350, 4 Zarncke.

übereinstimmend sichern die lesarten dagegen den gebrauch in Hartmanns Iwein, in Wolframs Parzival, bei Gottfried v. Strassburg, die alle jedoch nur wenig belege stellen. diese dehnen sich erst bei den nachzüglern aus, so schon bei Konrad v. Würzburg.
b) in den ältesten gebrauchsformen ist der conjunctiv praeteriti bevorzugt, der in den besonderheiten des modalen gebrauches immer mehr die temporale ausdrucksfähigkeit einbüszt. ähnliches gilt für den infinitiv, dem eine solche überhaupt mangelt, der aber andererseits immer mehr der zeitstufe des präsens zugerechnet wird. für den indicativ des präteritums sind die belege anfangs spärlich.
α)

dem was ein bette gereit
des waere gewesen vrô
diu gotinne Jûnô Iwein 6443, ganz ähnl. 2048. Parz. 455, 5, ebenso Willehalm 370, 19; Wigalois 7361; 10684; troj. krieg 749;

sone stuont doch anders niht sîn muot
niuwan ze belîbenne dâ.
waer er gewesen anders wâ,
sô wolder doch wider dar. Iwein 1718; ähnl. 4352, ebenso
K. v. Würzburg troj. krieg 15975, desgl. vgl.
Grieshaber predigten des 13. jahrh. 2, 36;

vôr wâr ek hebbe gelesen,
in êner stat hadde gewesen
wônhaftlich ên beschêden man. vom sunte Marinen 24
C. Schröder s. 26.


β)

er hieʒ grôʒ fiur bereiten
und sie des endes leiten,
daʒ man sie verbrande.
daʒ solte en eime sande
gewesen sîn vor der stat.
K. Fleck Flore u. Blanscheflur 7007 Sommer; ebenso 6322 (wolte sîn gewesen; var.: wolde hân gewesen) dazu vgl. Nibel. 2223, 4; 2232, 4;

er sprach: 'schlt ir mich erben,
iu mht kum uf minen tot
gewesen sin also reht not!
Joh. v. Würzburg Wilhelm v. Österreich 5312 Regel;


γ) das eindringen der umschreibung in die formen des indicativs.
1)) voran steht das bedürfnis, bei vorgängen, die einander zeitlich folgen, dem ersten diese priorität zu wahren:
a)) für die zeitstufe des plusquamperfects:

der alte brût degen
der was gewesen und erwegen
drje manot und ein halbez iâr
untzer gefrumet vil gar
des in die herren baten.
Wernher Maria 133 (fundgruben 2, 184);

ebenso 179; 212; genau so Gottfried v. Strassburg Tristan 13132; Konrad v. Würzburg troj. krieg 4490; unsere vorderen, die her to lande quamen und die Doringe

[Bd. 6, Sp. 5689]


verdreven, die hadden in Allexanders here gewesen. sachsenspiegel 3, 44 § 2 Homeyer (Leipz. handschr.: geweset).
b)) für die zeitstufe des perfects:

unde sprak: 'Blankeflos, vil leve mîn,
dit messet heft gewesen dîn,
dit klenode hestu mi gegeven,
darmede wil ik mi nemen dat leven!' Flos und Blankeflos 402 Waetzoldt;

ich bin der werden minne gote
gewesen widerspænic,
nû wil ich undertænic
im werden hie mit triuwen.
Konrad v. Würzburg troj. krieg 16632 f. Keller;


2)) in den fällen, in denen ein vorgang nicht als durch spätere geschehnisse verdrängt, sondern in sich als abgeschlossen gekennzeichnet wird, dient das particip nicht so sehr der tempusumschreibung als vielmehr einer zeitanschauung, die dem particip in gewissen verwendungen einen bedeutungsinhalt erwachsen läszt, vgl. sp. 5690.

si sint gewesen mit solher wer,
sit Roaʒ der lande pflac,
daʒ sin gewalt da ringe wac.
Wirnt v. Gravenberg Wigalois 8596 Benecke;

aber als ich gesprochen hân,
daʒ sî niht rehte haben gelesen,
daʒ ist, als ich iu sage, gewesen:
sine sprâchen in der rihte niht,
als Thômas von Britanje giht.
Gottfried v. Strassbusg 148 Marold;

sô tumber sinne wart ich nie,
daʒ ich alse hôhe wæge mich.
ich bin dâ her gewesen ie,
daʒ nie man unhôher dûhte sich.
der von Gliers Bartsch, schweiz. minnes. 202, 41;

lebt von der Vogelweide
noch mîn meister hêr Walthêr.
der Venis, der von Rugge, zwêne Regimâr,
... lîhte vinde ich einen vunt
den si vunden hânt, die vor mir sint gewesen:
ich muoʒ ûʒ ir garten und ir sprüchen bluomen lesen.
Marner 14, 18 Strauch s. 114.


3)) freilich können aus dem mittelhochdeutschen material nicht alle belege in dieser richtung gewertet werden, da die reimbindung mit einwirkt; gewesen ist meist auf genesen (vgl. auch Nibel. 2223, 4; 2232, 4; Iwein 2048. 4352. Parzival 769, 8, Reinmar minnes. frühl. 164, 31) oder lesen gereimt:

nû bin ich ie mit iu gewesn
und muoʒ ouch noch mit iu genesn. Iwein 1951;

genau so R. v. Ems Barlaam 157, 33 Pfeiffer.

in disen bœsen ungetriuwen tagen
ist mîn gemach niht guot gewesen:
wan daʒ ich leit mit zühten kan getragen
ichn könde niemer sîn genesen.
Reinmar der alte minnes. frühl. 164, 31.


4)) in den belegten verwendungen stehen sich die verba haben und sein (wesen) als begleiter des particips gegenüber. haben wird in den mittel- und niederdeutschen quellen ebenso bevorzugt, wie in den verwandten sprachen, und es hat nach Paul (abhandl. der bayr. akademie phil.-hist. classe 22 abt. 1 s. 205) als begleiter der imperfectiven verba auch anspruch auf diesen platz. sein (wesen) andererseits kommt der neigung entgegen, hülfsverb und particip einander anzugleichen, es bildet die regel in den oberdeutschen denkmälern und greift von da auch in das mitteldeutsche gebiet über. die beeinflussung des einen gebrauchs durch den andern spiegelt sich in den lesarten der überlieferung und im schwanken einzelner stilisten wieder (vgl. oben zu Flore 6322 u. a.) vgl. Grimm a. a. o. s. 188. die schriftsprache hat als hilfsverbum sein durchgeführt, die niederdeutschen mundarten halten an haben fest.
c) die umschreibungen mit dem particip gewesen betreffen fast ausschlieszlich verbindungen mit einem adjectivischen prädicat oder mit einer adverbialenvor allem localenbestimmung. seltener greift die umschreibung in die verbindung mit einem particip ein:

ich bin begraben gewesen. troj. krieg 16937;

J. Grimm (a. a. s. 188 anm.) beschränkt diese fügung auf bestimmte fälle der passiv-umschreibung, sie findet sich aber auch bei intransitivem gebrauch: aber Christus ist damals noch nicht komen gewesen, sondern alleine verheissen. Luther (pred. über d. 2. buch Mose. 1524—27) 16, 52 Weimar.
d) der bedeutungsgehalt, den das particip von seiner sippe her mitbringt, hat sich in den functionen der tempusumschreibung

[Bd. 6, Sp. 5690]


verflüchtigt. es sind nur wenig verwendungen, die ihn festhalten, so die verbindung mit zeitadverbien, vgl. post festum venisse, du pist z lang gewesen. G. Harrer sprichwörtersamml. (1515) s. zeitschr. f. deutsche philologie 36, 130. ähnliche bedeutung entwickelt sich auch im folgenden, einem der seltenen belege für die verwendung des particips in der apposition:

o adler, der mit krafft bisʒ in das grab gezogen,
und wider mit gewalt und macht herausʒ geflogen,
sitzt uber alles nun. o schlang' ausʒ ertz gemacht,
... gewesen von begin, von aller zeit und jahren.
Opitz (Heinsius lobgesang auf Jesus);

vgl. dagegen:

die stat in der wiltnisse lac
wuste gewesen manchen tac,
die wurden sie wider vesten. das buch der Maccabäer 4438 Helm (i, 9 v. 62);

die entscheidende richtung für die bedeutungsentwicklung gewinnt gewesen aus der zeitanschauung, die ihm in seiner eigenschaft als particip anhaftet. die bedeutungsmerkmale, die es in der perfectumschreibungin der kennzeichnung abgeschlossener, der vergangenheit angehörender, vorgängeentwickelt, beleben und erfüllen den eingeschrumpften körper mit neuem gehalt; vgl. DWB gewesen, qui quod fuit, praeteritus Aler 936a; gewesen, praeteritus Steinbach 2, 983; ebenso Kirsch 180a; Matthiae 2, 181a;

nichts sein, wenn man nichts war, erträgt sich leicht,
doch nichts mehr sein, gewesen sein.
Schiller Wallensteins tod (1, 7 var.) 12, 231.

ins grab! die schaufeln her! er sei gewesen!
H. v. Kleist (Käthchen 2, 8) 2, 227 Erich Schmidt;

wo sind sie all, die wechselnden geschicke,
der erdenpilger kurzes lebensglücke?
auf diesen grabeskreuzen kannst dus lesen:
— 'gewesen!'
K. Gerok palmblätter 25 97;

das
sind träumerei'n; seid doch nicht thöricht! was
gewesen, laszt's nun ruh'n.
F. Blanc auf dem erbgute (1897) s. 10;

vgl. DWB gehen sie ... gewesen, gehen sie ... es ist abgethan. Berliner redensart aus der 1. hälfte des 19. jahrh.; gewesen ist gewesen Wander 1, 1653;
2) auch in der attributiven verwendung macht sich der gleiche gegensatz geltend zwischen der bloszen function im dienste der tempusumschreibung und zwischen dem ausdrucksmittel für die zeitanschauung der vergangenheit. die erste gruppe, so mannigfaltig und so gut belegt sie auch ist, fällt mehr in das gebiet der syntax, während die zweite die abstufungen des bedeutungswandels aufzeigt, je nach der eigenart des trägers, an die das attribut sich heftet.
a) in den verwendungen, die enger an die tempusumschreibung anknüpfen, dient das particip vor allem der angliederung von bestimmungen, die sich nicht ungezwungen in die kategorie der adjective überführen lassen. daneben macht sich auch bei ihm, wie bei dem oben in der tempusumschreibung beobachteten particip die fähigkeit geltend, an verbalformen eine zeitstufe zum ausdruck zu bringen, die diesen abhanden gekommen ist oder ganz mangelt.
α) mein naturell ist nicht also leichtsinnig und wandelbar, dasz so bald ich von einem vormahls gewesenen freund beleidiget worden, ihm zur stund alle freundschaft auffsage. wahrhafte widerlegung der ungegründeten ursache, die Andreas Wigand ... vorwendet. Mayntz 1672, vorrede; als Fabricius Lucinus den zwei mal gewesenen bürgermeister Cornelius Ruffinus als einen verschwender aus dem rathe stiesz, weil er zehn pfund schweres silbergeschirre gekauft hatte. Lohenstein Arminius 1, 180a; so ist doch anderseits wieder kein grund, als unmöglich auszusprechen, dasz schon heute ein bisher unbekannter dichter lebe, der in einem schon morgen erscheinenden werke beide (Schiller u. Göthe) und alle bisher gewesenen dichter überbiete. Grillparzer (stud. zur deutsch. litt.: über Gervinus) 185, 22; der unter den hessischen truppen als hauptmann in Amerika gewesene hr. H. sandte von dort aus manche nachricht an Schlözer, welche dieser in seinem briefwechsel benutzte, und unter H's namen einrückte. Kästner kl. prosaische aufsätze 1, 45; folgen einer in der vorzeit wirklich vorhanden gewesenen ... staatskunst. Pestalozzi (Lienhard u. Gertrud 4, 87) 43, 372; sie erhielt befehl zum vorgehen und nahm jetzt die tete, während die schon im feuer gewesenen divisionen aufschlossen. Th. Fontane (vor dem sturm 47) I, 1 s. 514.

[Bd. 6, Sp. 5691]



β) sollte aber ein soldat bei versammeltem kriegsvolke laut beschwerde führen ... so soll er ... mit erschieszen, sonst aber nach bewandnisz der aus seinen aeuszerungen zu entnehmenden absicht und des gestifteten oder zu erwarten gewesenen schadens, mit ein- bis mehrjähriger vestungsstrafe bestraft werden. preusz. kriegsart. v. 1808 (art. 11), s. gesetzs. s. 255; diese worte ... richteten sich in wirklichkeit gegen seinen dreimal verheiratet gewesenen vater. Fontane (der Stechlin 1) I, 10 s. 8; indem er ... überlenkte ... auf den ihm persönlich befreundet gewesenen fürsten Pückler-Muskau. (frau Jenny Treibel 7) I, 8 s. 88. die letzten beispiele können als zeugnis dafür gelten, dasz das sprachgefühl dem part. prät. immer weniger temporale ausdrucksfähigkeit zugesteht gegenüber den functionen in der passiv-umschreibung.
b) aus solchen periphrastischen verwendungen entwickelt sich der absolute gebrauch des particips, der mit der parallelle gewesen, praeteritus neue bedeutungsgruppen streift. in der engeren verbindung mit bestimmten substantiven (mit appellativen) wird das particip in das titel- und formelwesen des ältern stils hineingezogen und wird dort wie das adverbiale weiland von seiner sippe isoliert. je nachdem der begriff der vergangenheit auf den träger des appellativs oder enger auf die lebensstellung gerichtet ist, die dieses kennzeichnet, entwickeln sich bedeutungsgegensätze in der richtung von gestorben einerseits, verabschiedet, entlassen andererseits. manche zusammenhänge verzweigen den begriff noch in weiterer richtung, während andere verbindungen wiederum der allgemeinen bedeutung vormalig, früher zustreben. der neuere gebrauch neigt deutlich wieder einem selbständigeren gebrauch des particips zu, dessen verbalkraft wieder stärker zur geltung gebracht wird.
α) wie bemerkt, hängen diese bedeutungsunterschiede wesentlich davon ab, ob der im particip ausgedrückte begriff der vergangenheit mehr dem träger des appellativs oder dem lebensverhältnis gilt, das durch das appellativ gekennzeichnet wird. die grenze ist hier meist sicher zu ziehen; nur selten, dasz beide auffassungen möglich sind: die wittwe Ludwig Capets, gewesenen königs der Franzosen. L. Y. v. Buri Marie Antoinette (d. schaubühne bd. 64 s. 42); auch hier lassen sich lockere fügungen nachweisen, die dem späteren conventionellen und formelhaften gebrauche vorausgehen: Homeri ... Odissea ... verdeutscht durch den achtb. u. wolgel. herrn m. Simoni Minervium, etwan gewesenen stattschreiber zu München ... 1570; buch Nicolai Engelmanns etwan gewesenen Maintzischen küchenmeisters des ertzbischoflichen hoffs zu Erffurt, über allerhandt desselben hoffs einkommen. (titel) bei Michelsen der Mainzer hof in Erfurt 15.
1)) engere beziehung des begriffs der vergangenheit auf den träger des appellativs: gewesen = verstorben.
a)) bei berufstiteln, die ausschlieszlich eine lebensstellung kennzeichnen:
α)) sie sei kurtz hernach ... in gestalt einer tauben erschienen, so dasz sie dem volcke leichtlich einreden knnen, es wrde unter dieser gestalt von jhrer gewesenen königin besuchet. Opitz übersetzung von Barclays Argenis (2, 5, 3) 2, 262; der gewesene churfürst von Baiern, le cidevant electeur de Bavière Rädlein 1, 383a, ebenso Schwan 1 (1783), 745a; der gewesene könig ... de gewezene, de voorleden, de' wyles koning Kramer 2, 97a.
β)) sie wiese mir auch auf derselben des gewesenen schiff-admirals Reyters seinen leichen-stein. Chr. Reuter Schelmuffsky 60 neudr.; her Caspar Carass gewesener probst und suffraganeus zu Ollmücz. urk. von 1651 bei Meitzen urk. schles. dörfer 103; alle weilandt Matthes Schayken seeligen gewesenen scholtissen hinterlassenen mundigen und unmundigen kindern. schöppenbuch von Krampitz (1615) bei Meitzen urk. schles. dörfer 231; George Rettigs gewesenen scholzes gut. (1638) s. 98; von diesem und obigem gebürge sagt Maria Abels (gewesenen bergmeisters) tochter, eine frau von 66 jahren, ausz, dasz ... (Kirchmaier) inst. met. wolgemeintes bedenken 99; Aegidii Tschudi gewesenen land-ammanns zu Glarus chronicon. hg. von Iselin 1734 ff.; demnach Hanns Schimmel der eltere gewesener pauer zum Dombsel bereits anno 1676 im december ohne einig disposition, wie es mit seinem erbe und vermœgen nach seinem tode solle gehalten werden, hinter sich verlassen,

[Bd. 6, Sp. 5692]


seelig verstorben. schöppenbuch v. Domslau (1677) bei Meitzen urk. schles. dörfer 114; demnach ... des Michael Laches gewesenen pauers daselbst hinterlassenes gutt erkaufft. ebenda 112; actenmssige relation, wie es mit des gewesenen Müllers zu Fockendorff ... Thomae Langens entleibung zugangen. Pistorius thesaurus parvus (1716) 47.
b)) wo es sich um ein lebensverhältnis handelt, trifft das particip mit dem begriff der vergangenheit meist nur dieses. eine engere beziehung auf den träger scheint hier nicht beliebt; beachtenswerth ist in dieser richtung ein neueres beispiel, das mit solcher auffassung spielt (s. u.).
2)) das particip in engster verbindung mit dem appellativ: die vom letzteren gekennzeichnete berufsstellung oder das persönliche verhältnis wird als aufgehoben bezeichnet. im conventionellen gebrauch nimmt gewesen die bedeutung entlassen, verabschiedet an, allgemeiner tritt das particip mit den begriffen ehemalig, früher in parallele.
a)) neben berufstiteln, die nur der kennzeichnung der lebensstellung dienen, streift das particip verschiedenartige bedeutungsgruppen, je nachdem der zusammenhang auf entsetzung, abschied oder beförderung deutet.
α)) Hecuba, die trojanische gewesene königin Opitz (Trojanerinnen) 1, 262; am mittwoch nach palmarum schriebe der hochmeister und der gewesene compter zum Elbing, der von Plauen, an die ... stadt königsberg. Schütze Preuszen (1599) 115b; Eristenes, der gewesene schatzmeister welchen jhr gefnglich haltet, hat disz armbandt unter seinen hnden gehabt. Opitz übersetzung von Barclays Argenis (2, 15) 1, 301; umb welcher willen der gewesene domprediger J. Reineccius plötzlich seines dienstes entsetzet worden. J. Reineccius proemium veritatis 1623 titelbl.; der gewesene oder abgesetzte richter, the late or deposed judge. teutsch-engl. wb. 772; gewesener oder verlauffener kaufmann, a bankrupt. ebenda; 'so? ein küster. er hat in der that etwas von dem halbgeistlichen wesen, das diesen beamten anzuhaften pflegt'. 'nur gewesener küster' ergänzte jener seine mitteilung 'er wurde entlassen'. H. Hoffmann der eiserne rittmeister 2. cap.
β)) Christina, gewesene königin von Schweden. personenverzeichnis zu Zschokkes graf Monaldeschi; der gewesene burgermeister, der altburgermeister, consularis, exconsul, qui consulatu abiit. Henisch 1598, ebenso Aler 936a; kurtzer begriff der kriegskunst von der infanterie ... nach hochfürstl. Waldeckischer manier von Christian Winckern, gewesenen lieutenant ... recommandiert. Nürnberg 1689; Carl Ernst, prinz von Curland ... gewesener Russisch kaiserl. general kalender auf d. jahr 1802 (Berlin, Unger) O.

ich, ein gewes'ner eidgenössischer soldat,
der auf der tagesatzung mit gestanden hat,
und, was er satzen half, mit gut und blut vertrat
Zacharias Werner 24. febr. s. 7 Minor;

eine petition des gewesenen soldaten X. protokolle der bad. 2. kammer 1. juni 1835; von vornehmer geburt und ein gewesener reiteroffizier, brachte er sich geschickt und redlich durch und fügte sich in die bescheidenste lebensart. Gottfried keller grüner Heinrich 3, 244; dem verfasser (des lustspiels 'das heirathsnest') lagen als gewesenen oberlieutenant diese verhältnisse ... nahe nationalzeitung, dez. 1894; gewesener landwirt sucht beschäftigung in ... ertragsberechnung kleiner und grosser güter deutsche zeitung, nov. 1906 anzeigetheil.
γ)) den 30 mai trat herr Joh. Sebastian Bach, gewesener capellmeister in Cöthen, sein erlangtes cantorat an. Riemer Leipz. taschenbuch bei Wustmann, quell. z. gesch. Leipz. 1, 435; H. v. Villars, gewesener groszcomthur, jetzt ältester und seneschall des ordens. Zacharias Werner söhne des thals 1. personenverzeichnis.
b)) wo die berufsstellung zugleich auf einem persönlichen verhältnisse zu andern beruht, ist das particip meist auf die eine aufgabe eingegrenzt, diese verhältnis als abgegeschlossen zu kennzeichnen: gewesen = ehemalig: dasz er wer wie seine gewesene zuchtpfleger, welche wie er, das pfleg kind, warn. Fischart Gargantua 251 neudr.; solte es aber die rose sein, musz ich eüch sagen, dasz monsieur de Polier meine geweszene hoffmeistein von dieszer krankheit courirt mitt nichs, alsz ihr viel gläszer waszer

[Bd. 6, Sp. 5693]


zu drincken geben. Elisabeth Charlotte an Louise v. d. Pfaltz. 1706 (Stuttg. litt. verein 88, 479); schreibe er mir die antwort auf einen brief, den ich von meinem gewesenen obristen bekommen habe. A. F. v. Brühl die rache (dtsche schaub. bd. 54) s. 10; bei welchen acten mein gewesener herr, der hänfer, den zehenden, der hanff-schauer den elfften ... das kauffhaus den sechzehenden ... gewinn bekamen. Grimmelshausen Simpl. (continuatio 1, 6, 12) 2, 891 Keller; mein gewesener principal, der mich, nach meiner flucht, weit weniger strafbar fand, als er vermuthet hatte, war ... ausgesöhnt. J. C. Brandes lebensgeschichte 1, 128; 'genug, du bist aus dem dienste' (versetzte der hofschulze) ... der rothhaarige bat hierauf seinen gewesenen herrn nur um die vergünstigung noch ein paar tage im hofe bleiben zu dürfen. Immermann Münchhausen 7, cap. 1; ein armer schumacher, der vormals einen der schauspielplätze, und jetzt das haus bewachte ... theilte obdach und spärliche nahrung mit dem sohn seiner gewesenen herrschaft. F. L. W. Meyer Schröder 1, 45. ein gldin oder silberin beckin haben, bedeut einem, dasz er seine gewesene magd werde zur ehe nemmen oder beiwohnung mit jhr haben (θεράπαιναν ἀπελευθερώσαντα. ancillam post manumissionem) traumbuch Artemidori (3, 27) übers. von Ryff (1570) 144a; doch damit ihr ein zeichen der übrigen unverdienten gnade erkennen möget, so soll herrn Bonifacii schon allhier nicht zum kurzweiligen sondern zum krzlichen rathe gemacht, und mit der kammerfrau ihren gewesenen kindermädchen vermählet werden. Christian Weise Tobias und die schwalbe (4, 9) 93 Genée; der alte könig rief seinen sohn und offenbarte ihm, dasz er die falsche braut hätte, die wäre ein bloszes kammermädchen, die wahre aber stände hier, als die gewesene gänsemagd. Grimms märchen 2, 24 (die Gänsemagd); und lud den jüngling, sowie Addrichs gewesene magd zur theilnahme am bereiteten morgenessen ins stübchen ein. Zschokke (Adderich im moos 47) 4, 390; Fidele, Edward, Schlampampe(s) gewesene hausz-pursche. personenverzeichnis zu Reuters der ehrl. frau Schlampampe krankheit und tod; dieser rath deuchtete mir nicht unrecht zu sein, derowegen folgte ich demselben auch, und sendete zwene bothen aus, meinen gewesenen diener, oder nur denselben weg, welchen er auf seiner flucht ergriffen habe, zu erforschen. der Göttinger student auf der Plesse 1 (1748), 174; allein so wenig seine landsleute damit zufrieden waren, eine neue fürstinn ihrer Fancyful an die seite gesetzt zu sehen, so miszvergnügt waren Atomeus gewesene unterthanen darüber, indem sie ihre königinn viel höher schätzten, als sie mit jener vergleichen zu lassen. Kästner (nachrichten aus der philos. historie ... 1744) 3, 248;
c)) ähnlich begrenzt ist der spielraum des particips auch neben appellativis, die ein freundschafts- oder liebesverhältnis kennzeichnen: Satiro. gewesener liebhaber der Corisca Hoffmannswaldau personenverzeichnis zum getreuen schäfer; von dem augenblick an ... hörte auch meiner alten gewohnheit nach, alle gemeinschaft zwischen uns auf ... ein betragen, wodurch ich meinen gewesenen hohen freund zu bittern klagen über meine undankbarkeit berechtigte. Wieland (Peregrinus 8) 28, 162; gehet es ihnen aber nicht nach ihren kopff, also dasz die gute dirn ihren kopf aufsetzt, und den armen verliebten kein gehör giebt, ... da ist kein meer so ungestüm, kein blitz so schrecklich ... kein krott so abscheulich, und kein drach so grausam, als sie alsdann ihre gewesene liebste abmahlen. Grimmelshausen wieder erstand. Simpliciss. (3, 1: satyr. Pilgram 2, 3) 3 (1713), 74; frau v. Mirnau, gewesene favoritin des fürsten. personenverzeichnisz zu 'der heutige ton' (dtsche schaubühne bd. 16); so erlaube ich auch der Orsina ... ihre verhönung des Marinelli ... wenn sie nicht den mund öffnet, wer soll ihn öffnen? und sie darfs, die gewesene gebieterin eines prinzen. Herder (briefe zur beförderung der humanität 3. samml. 37) 17, 186 Suphan; unterdessen aber, dasz ich mich in meiner vater-stadt aufhielte, bekam ich von meiner gewesenen affection einen ziemlich nachdrücklichen brief, worinnen sie mir meine untreue unter augen stellte, indem ich heimlich und ohne abschied von ihr abgereiset wäre,

[Bd. 6, Sp. 5694]


und sie verlassen hätte. der Göttinger student auf der Plesse 1 (1748), 67; jedoch er (der vater) wurde zuletzt durch gute worte noch dahin vermocht, dasz er sich zufrieden gab, und mit meiner gewesenen courtisanin in unterhandlungen trat. 1, 70; ich bin seine nachbarin, kindergespielin und gewesene braut und ihm nachgelaufen, ohne dasz er's weisz. G. Keller (Züricher nov.) 6, 410;
d)) appellativa, die ein verwandschaftsverhältnis kennzeichnen, sollten in dieser gruppe eigentlich nicht vertreten sein, da solche verhältnisse ja nur durch den tod gelöst werden. die einschlägigen belege erweisen sich auch als ausnahmefälle und führen teils auf übertragenen gebrauch zurück, teils auf freie construction, insofern das particip einem substantiv angegliedert ist, von dem es nur einen teil attributiv begleitet:
α))

(vollzieher:) wohnt hier messer Jaffier, ein edelmann
... und dessen ehefrau,
gewes'ne tochter des gebietenden
senators Griuli?
(Belvidira:) gewes'ne tochter
so ist mein vater tot?
(v.:) vielmehr ganz wohl
er präsidierte gestern dem gericht
und diese schrift trägt seinen namenszug.
(B.:) wie dann gewes'ne tochter?
(v.:) fragt euch selbst
und stört nicht.
Hugo v. Hoffmannsthal gerettetes Venedig 1.


β)) oder glaubst du vielleicht, dasz gewesene generalkonsulstöchter in vestalisch-priesterlicher unnahbarkeit durchs leben schreiten! Th. Fontane (l'adultera 2) I, 3 s. 7.
e)) eigenartig wandelt sich die bedeutung in verbindungen wie: eine gewesene oder geschwächte jungfer, a defloured virgin. teutsch-engl. wb. (1716) 772; die gewesene jungfrau sagte ihm ... danck vor seinen ablasz. Happel academ. roman 155.
3)) im gegensatze zu diesen verbindungen mit substantiven, deren bedeutungsgehalt das particip an sich zieht und andererseits auch wieder beeinfluszt, stehen mancherlei fügungen der neueren sprache, die dem attributiven particip auch in der verbindung mit appellativen mehr selbständigkeit wahren. es zeigt sich sowohl in der ausdehnung des kreises der appellativa als in der verbindung des particips mit pluralen, dasz hier weniger die überlieferung am werke ist, die mit festen formeln arbeitet, als das bedürfnis nach knappen ausdrucksmitteln, das dieser bequemen form immer neuen spielraum giebt.
a))

mit dieser sonne sinken
geh ich zuletzt zu ihr
und wenn die sterne blinken,
dann fahr ich still von hier.
all junge lieb und lieder
die kamen heut zu end —
schluck deine sehnsucht nieder,
gewesener student!
Ed. Heyck 'nun sollt ich mich wohl freuen'. Lahrer commersbuch.


b)) so hat die akademie diese frage, die also noch ganz unbeantwortet ist und über die sich selbst einige ihrer gewesnen mitglieder getheilt [var.: vormaligen mitglieder], einmal auszer streit wollen gesetzt sehen. Herder (über den ursprung der sprache) 5, 21; feldzeugmeister Wilhelm, herzog von Württemberg, ein lebensbild im auftrage seiner gewesenen generalstabschefs bearbeitet. Wien 1899; eigentlich aber lernen sie und die gewesenen blinden nicht sehen, sondern die beiden sinne, das sehen und das fühlen, mit einander vergleichen. Kästner kleine prosaische aufsätze 2, 142; denn er fordert alle gewesene, gegenwärtige und noch kommende deutsche dichter auf, in einer so schwankenden unbiegsamen, breiten, gothischen, rauhklingenden sprache, als unsre liebe muttersprache ist, mit der feinen organisation und dem musikalischen flusz der lateinischen ohne nachtheil zu ringen. Schiller (vorr. z. 2. buch der Aeneis) 6, 346.
β) diese selbstänaigkeit des gebrauches ist dem particip in der verbindung mit sächlichen und abstracten substantiven an sich schon gewahrt. diese lassen auch in der neuern sprache noch manchen eigenartigen gebrauch des particips zu.
1)) der beziehung auf gegenstände und sachen liegt meist ein besitzverhältnis zu grunde, das als beendet bezeichnet wird. in andern fällen werden die veränderungen der gebrauchsfähigkeit getroffen.
a))
α)) es verkaufften obgedachte herren verwalter ihm Gregor Klischen sein gewesenes pauergutt zum Dombsell

[Bd. 6, Sp. 5695]


von zweien huben in seinen reknen und græntzen, wie ers vor diessem besessen und genossen. schöppenbuch v. Domslau 1644 bei Meitzen urk. schles. dörfer 101; es verkauffen obgedachte herren verwalter ihm George Sommern seinen gewesenen gartten zum Dombsel, wie er ihn vor diesem besessen und genossen. ebenda s. 100; glücklich, wer ... seinen garten so zu rechter zeit noch verkauffen können, als unser v[etter]. denn ich denke doch, dasz sein gewesener garten auch ganz artig unter wasser wird gestanden haben. Lessing (an Eva König 1771) 173, 395.
β)) undt ferner von Adam Königs reinparchen herauss auch zehen elen lang rückenn, inn seinen gewesenen rein herauss zue setzen unndt zue halten befügett sein soll. schöppenbuch v. Tschechnitz 1615 bei Meitzen urk. schles. dörfer 185; er trieb mit möglichster eil eine leer gebliebene salaterrena auf — einige wollens für ein gewesenes holzgewölb, ich aber für eine reparirte schupfen gehalten haben, doch es sei, was es wolle. der hausball (1781) Wiener neudr. 3, 3; der altar war eigentlich ein abgedankter spieltisch, an welchem die ledernen geldsäcke ausgerissen und eine gewesene salzmetze, mit weihwasser gefüllt, eingesetzt war. Arnim (Isabella von Ägypten) 1, 64; alles ist wie opferstätte, gewesene, oder vielleicht auch noch gegenwärtige. Th. Fontane (unwiederbringlich 19) I, 7 s. 169.

bei dünnem weiszbier und versalzenem pökelfleisch
sasz ich im gasthaus, der gewesnen prälatur.
Mörike (besuch in der kartause) 1, 241;


b)) unter den abstracten substantiven stehen zeitbestimmungen im vordergrunde, bei eigenschaften oder bei geschehnissen ist diese art der zeitlichen begrenzung seltener:
α)) gewesene tag, jahr etc. retro dies, anni ... lapsi praeteriti Aler 936a; ähnl. Kirsch 2, 151b; Matthiae 2, 181a; ob hierher zu ziehen ist: an dem weseme sonntage vgl. Scherz 1999. vgl.:

und kecker rauschen die quellen hervor,
sie singen der mutter, der nacht, ins ohr
vom tage,
vom heute gewesenen tage.
Mörike (um mitternacht) 1, 135.


β)) wie dann des klagens so viel war, das si durchaus sich davon nicht wolte bringen lassen, gleichsam ob die threnen jhrem gewesenen einigen auffenthalte das leben wieder geben köndten. Opitz übersetzung v. Barclays Argenis (2, 3, 4) 2, 171; die klare haut desz frawen-zimmers wird (im alter) runtzlicht, ... und was uns zuvor dermassen gefallen hat, das pflegt auch nur nicht ein kennzeichen seiner gewesenen ziehr hinter sich zu verlassen. (trostschrift. poet. wälder 3) 2, 142; und haben wir wohl von einer vernichtigten kraft, die aus allen kräften des weltalls vernichtigt werden könne, d. i. die jetzt sei und jetzt nicht sei, und doch nicht seiend als gewesene kraft gedacht werde, einen begrif? Herder (übers erkennen und empfinden in der menschl. seele. 1774. 2) 8, 254 Suphan;

wen irgend betroffen ein leid und ein schade,
der möge nur kommen zum kadi von Saade!
durch weisheit vernichtet er alle gewes'nen,
die künftigen alle beschämt er durch gnade.
Rückert (30. makame) 11, 45;

nie konnte selbstsucht je dein wohlthun schmälern;
für andre handeln war dein böser stern,
du trugst die last von längst gewes'nen fehlern.
Grillparzer (einem regimentsinnhaber) 25, 153;

ich fasse gern mit einem kühnen griffe
ein ernstes heldenbild vergangner tage;
es kennt mein bild viel perlenreiche riffe
im unerschöpften meeresgrund der sage ...
in eures himmels jammervoller lere
da zeigt es euch den stern gewesner ehre.
Strachwitz neue ged., prolog.


3) die substantivierung nähert das particip bei der beziehung auf personen wieder der bedeutung verstorben im anschlusz an das lautverwandte verwesen (s. d.); im neutrum dient es dem abstracten begriff der vergangenheit.
a) beziehung auf personen: wenn die gebeine eines gewesenen schon verkommen sind, ... stehen noch seine bleichenden schreine in der alten wohnung. Stifter (die mappe meines urgroszvaters) studien 2, 8; mit jenen konnte man doch sitzen und von dem gewesenen sprechen, wie es sich gehörte. W. Raabe Abu Telfan5 s. 307; als ... der ponte dei sospiri über mir schwebte, über den die staatsverbrecher

[Bd. 6, Sp. 5696]


einst aus dem gefängnis zum tode geführt wurden, da überfiel es mich mit fieberschauer. all die gewesenen und all die verblichenen, ... mörder und gemordete schienen aufzusteigen. Grillparzer (ital. tagebuch) 195, 203; dieser humpen den gewesenen! .. den gewesenen an der wand! ich trink' euch zu! Halbe mutter erde (3. aufz.) 159.
b) das neutrum.
α) an die oben (sp. 5690) besprochene ellipse knüpft an:

das jetzt ist kaum nur im moment zu fassen;
ergreift mans, schnell es ins gewesen fliehet,
und zögert man, als künftig man es siehet.
W. v. Humboldt (sonett: die gegenwart) 3, 423.


β) die ältesten belege für die eigentliche substantivierung führen das particip in einem zusammenhang ein, der dem begriff der vergangenheit durch den gegensatz gegen die lebensvolle gegenwart den stempel des kraftlosen, morschen, hohlen aufdrückt. der neuere gebrauch läszt die abgrenzung der vergangenheit gegen die gegenwart reiner, ungefärbter zur geltung kommen.
1))

das gewes'ne wollte hassen
solche rüst'ge neue besen,
diese dann nicht gelten lassen
was sonst besen war gewesen.
Göthe (Divan, buch des unmuths) 5, 95;

nicht schreitet zurück deszhalb, krankhaft
dem gewesenen hold, das lange vermorscht!
Platen (parabase);

Tristan betritt den eisensaal. ins gewes'ne,
in scheinpracht, übergraut von quark,
tritt der beglückte, der erles'ne.
Immermann (Tristan 2) 13, 267 Hempel;


2))

ihr tatet wohl daran, mein neffe,
damit ich recht die gegenwart begreife,
vorerst mir das gewesne aufzuklären!
Halm (wildfeuer 5) 3, 207 Schlossar;

er zog das zitternde mädchen auf die seite und sagte ihr in rauhem, barschem tone, das gewesene und geschehene wolle er vergessen und vergeben. Halm (Marzipanliese) 4, 36 Schlossar; endlich freilich wird auch hier der punckt der unübersehbarkeit erreicht werden, Shakespeare wird die Griechen, und was nach Shakespeare hervortritt, wird ihn verzehren, und ein neuer kreislauf wird beginnen, oder kunst und geschichte werden versanden, die welt wird für das gewesene das verständnisz verlieren, ohne etwas neues zu erzeugen. Hebbel (vorwort zur Maria Magdalena) 11, 59 Werner; mir ist nichts jräszlicher, als immer meine visage zu sehn. 'dann bitt' ich meine schöne freundin, ihren augenaufschlag etwas niedriger zu richten, sie sieht dann mich'. das erheiterte sie. 'da bin ich doch lieber fürs gewesene. da bin ich doch lieber für mich'. Th. Fontane (Stine 4) I, 5 s. 23; wegwischen will ich von der tafel meines lebens mit der eigenen hand, was vor dem tag gewesen, da ich diese schwelle überschritt ... nur das ergebnis des gewesenen stehe hier und lebe weiter: mein mensch von heute, der auch von der letzten schwäche freigeworden ist. Walther Siegfried Fermont3 32.
γ) dazu die sprichwörtliche redensart: fert gewesene göfft de jud nuscht Frischbier preusz. sprichw. 2 s. 90; ähnl. Reinsberg-Düringsfeld sprichw. 1, 593; Meyer der richtige Berliner5 s. 52; 'für das gewesene gibt der Jude nichts. jetzt bin ich eine anständige verheiratete frau'. M. Böhme tagebuch einer verlorenen42 287.
 
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gewesenheit, f. anscheinend nicht mit dem substantivierten infinitiv zusammenhängend (zum letzteren gehört wesenheit, wesentheit, vgl. mittelhochd. gewesenlîcheit mhd. wb. 3, 770a), sondern unmittelbar vom particip ausgehend, spät bezeugte bildung: diese vernünftigen unter uns begreifen daher Raoul d'Espignacs stillen wahnsinn, sich in eine existenz, in eine gewesenheit hineinzulügen, um im reich seiner phantasie die erinnerung an eine unangenehme wirklichkeit zu verdunkeln. W. Alexis Isegrimm 470; wenn man sie im laufe der jahre nach und nach durchwandert hat, jene vielen groszen und kleinen vergangenheiten, die man 'gewesenheiten' nennen möchte, dringt man durch ihre,.. physiognomien schlieszlich zu einem gemeinsamen typus durch. Ludwig Hevesi Dappertutto, eine ital. reisephantasie (gegenwart 22) 142a.
 
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gewest , participiales adjectiv, nebenform zu gewesen II (s. d.) nach analogie der sogenannten schwachen flexion gebildet.

[Bd. 6, Sp. 5697]



1) zur stellung des particips in der tempusumschreibung vgl. die ausführliche darstellung in teil 10 sp. 248—250 und dazu (im besonderen für die heutige stellung in den mundarten) den deutschen sprachatlas unter gewesen: während die starke form dem nördlichen teil Oberdeutschlands und ebenso den sächsischen mundarten angehört, ist die schwache form (gewest) in den fränkischen mundarten, in Thüringen und nordöstlich im colonisationsgebiet durchgeführt.
der schriftgebrauch zeigt längeres schwanken, gewest dringt in oberdeutsche denkmäler vor und wird später auf seinem eigenen boden wieder verdrängt; mehrere stilisten gebrauchen beide formen, so namentlich H. Sachs u. Luther.
zu den neuhochdeutschen belegen für den schriftgebrauch von gewest lassen sich hier noch einige bemerkenswerthe nachzügler vom ende des 16. jahrh. bis ins 18. jahrh. nachtragen, sie ergeben aber keine anhaltspunkte für die vermuthung, dasz die form an bestimmte feste verbindungen geknüpft sei; es scheint für die belege nur das zu gelten, dasz sie einerseits eine gewisse nachgiebigkeit gegen die mundart verrathen, während andererseits die form gewest manchmal den bedürfnissen von reim und versmaasz entgegenkommt: es ist d' Witzel allweg ein ehrgeitziger, ... unverschämpter mensch gewest, dem es nie umbs hertz und ernst gewesen, das ... Erasmus Alberus widder Jörg Witzeln (1539) F 8a; die gleiche form auch L 8b u. a.; im jar 1558 zu zeiten Pauli 4. ist zu Bolonien einer gewest, der offentlich in der schul auf der fasten abend den ehestand gescholten, und die sodomei gelobt hat. Fischart bienenkorb (1586) 231a randglosse; dan alda (in Trient) sind die binen apoteker mehr den ein jar oder zwei versamlet gewest, des honigrahts also vil zumachen, das es allen den binen in Europa genug sein kan, und wird guts kauffs gegebēn grose lugēn umb klein gelt. 241b; das gesetz ist unser zuchtmeister gewest auf Christum. ein gesprech v. d. gemeinen Schwabacher kasten ... bei Schade sat. u. pasqu. 3, 198; ist den sant Peter ein teufel gewest? ebenda 204; damit alle sach bei gueter ordnung und alten herkomen wie esʒ vor jahren gewöst ist noch bleiben möge. marktordnung von Pöllau (1547) s. österr. weisth. 6, 135: wie von alters hero gewöst. (rainbrief v. Pöllau 1579) 142;

und glückseelig gewest zu sein
ist ietzund meine gröste pein.
Weckherlin (14. ode, klage der Charitas) 249 Fischer u. a.;

bistu zur see gewest, wann sie kein wind beweget,
wenn durch die stille lufft die fluth sich nhrlich reget?
Rachel (das poet. frauenzimmer 189) sat. ged. 21 Drescher;

ebenso 84. 104;

was ich hab' euch gesagt, das wird gewis nicht fehlen,
dasz die die grausamst' ist, von allen denenen seelen,
so jemals, auff der welt, sein bösz' und falsch gewest,
die erst erfunden hat, ein solchs abscheulich beest.
(die feuerwaffe.)
Dietr. v. d. Werder übers. von Ariosts rasend. Roland (11, 27) 3, 8;

das weibsvolk hier ganz störrisch ist,
weil's tag und nacht französisch liest;
das mannsvolk, in Paris gewest,
nur das theatrum hält fürs best'
wo alles züchtiglich geschicht
und alles in sentenzen spricht.
Gotter an Göthe. s. Göthes werke 56, 68;

(Crugantino:) bös über dich? bildt dir's nit ein! Basko ist kein kerl das nachzutragen. er hätt' dir ins gesicht geschmissen, und ein schrämmchen über die nase gehauen, und da wär's gut gewest. Göthe (Claudine von Villa Bella) 57, 168.
2) auch zum attributiven gebrauche sind a. a. o. (teil 10, 250) einige belege beigebracht, sie zeigen sowol die conventionelle verwendung neben titeln als einmal auch die unmittelbare anknüpfung an die tempusumschreibung. zur ergänzung folgen hier einige nachträge.
a) die tempusumschreibung in der function des attributs: die damals zu Stuttgarten geweste beide doctores. F. Bidembach zehen theil. bedencken 1611 (Francf. a. M.) vorrede; man siehet auch ausz dieser vor anderthalbhundert jahren im obern Elsasz geweszten mund-art, wie die sprachen von jahren zu jahren, als die kleidungen und mntzen, der wechselung underworffen. Moscherosch vorr. zu Jacob Wimpfelings Tütschland (1648) 3a; ein gantz guldenes hertz, so ihr durchl ... in gewester gröster todsgefahr ...

[Bd. 6, Sp. 5698]


verlobet. Fr. Caccia lebensthat ... des heil. Antonii v. Padua (2) 174; dasz drei reverendo dieb und zugleich heimlich geweste wiltprädschützen, ... mit dem strang ... hingerichtet worden. Abele künstl. unordnung (1, 1) 1, B 6b; ähnlich (1, 3) 1, 28; dazu vgl. Salzburger taidinge 240, 19 (österr. weisth. 1).
b) der erstarrte gebrauch.
α) neben berufstiteln: diejenigen gewerken so unsern vorfahren oder gewesten vizdomben belehente wälder haben. Bamberger waldordnung, vgl. oben sp. 5646; als Leonhart Tafner verwalter gewesen, ist der burger allhie zu Afflenz pluembsuech und holz gerechtigkait ... besichtiget und den durch Geörgen Lachner, gewesten marktrichter, volgenter maszen beschriben worden. protokoll v. Aflenz (1564) s. österr. weisth. 6, 86; ebenso gewesten altmeister (1577) 6, 15; gewesten canzlei verwalter (1716) 6, 99; des gewesten hofcammer präsidentens, grafen von Sinzendorffs gold-fabrica zu Neuburg am Jhn. Joh. Joach. Becher närrische weish. und weise narrh. 124 überschrift; dazu vgl. gewestin pflegers tirol. weisth. 4, 593; Joh. Val. Andreae, gewester Würtemb. praelat Spener pietismus 31.
β) in der anlehnung an verwandschaftsbezeichnungen ist hier einmal die bei gewesen (sp. 5692) vermiszte engere beziehung auf den träger des appellativs belegt, gewest bezeichnet eine verstorbene person: und zur ewigen gedechtnusz unserer vorfahren, brüeder und nachkumbenden, wie auch der fürtreffentlichen Elisabetha, unserer gewesten gemählin seeligen angedenkens. banntaiding zu Spital (16. jahrh.), s. österr. weisth. 6, 53.
3) nicht in diesen zusammenhang fällt das subst. geweste vgl.gheweste, plaga mundi, regio, ora, tractus. Kilian 146b; es ist im friesischen und niederländischen belegt (in disse gewesten, in dieser gegend ten Doornkaat Koolman 1, 624b) und wird von J. L. Terwen (etymol. handwb. i. neder-duitsche taal 954) zu vatten, vast, vesten gestellt.
 
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gewette, gewett, n. , in den hauptverwendungen verstärkte form zu dem früheren neutrum, dem jetzt in die reihe der feminina übergeführten verbalsubstantiv wette (s. d.). im mundartlichen gebrauch sind daneben formen zu beachten, die als substantivierungen des particips unmittelbar auf das verbum zurückführen (vgl. unter 1 a). für unsere form stehen sich zwei bedeutungen gegenüber: auf der einen seite die von dem begriff eines pfandes ausgehenden verwendungen, bei denen gewette im gegensatz zu wette nur die functionen eines nomen actionis entwickelt; auf der andern seite die in das engere gebiet des rechtes und der verwaltung fallende bedeutung eines strafgeldes. von hier aus zweigt eine auf landschaftlichen (niederdeutschen) gebrauch beschränkte entwicklung ab, die auch beim grundwort, mehr noch beim compositum belegt ist. sie überträgt den namen auf die behörde, die die strafe verhängt, vgl. DWB das gewett als amtsbezeichnung für polizeibehörden, vgl. die zusammensetzungen gewettsherrn, gewettgericht u. a.
nur bedingt gehört in den bereich unseres wortes das gewette in heergewette für heergewaete (vgl. darüber 1) c), das den überlieferungen der wörterbücher angehört. ein innerer zusammenhang ist freilich auch zwischen gewaete und gewette anzunehmen, insofern beide bildungen auf die gleiche wurzel zurückführen, für die mit Mehringer (indogerm. forschungen 17, 142) die bedeutung von binden (flechten, weben) anzusetzen ist. gegen die entwicklung des juristischen begriffes pfand aus der grundbedeutung binden liegen keinerlei bedenken vor, und unterstützt wird diese deutung durch die althochdeutschen participialbildungen (kawetan, kiwetan, conjugatus, conjunctus Graff 1, 738), die unsere wortsippe im gleichen bedeutungszusammenhang vorführen, und die sich in mundartlichen gebrauchsformen fortsetzen.
1) älteste belege, concurrenzbildungen gleichen stammes und deren mundartliche ausläufer, heergewette.
a) das mit dem i suffix gebildete neutrum (wette) in der bedeutung von pfand, pfandsetzung hat schon einen langen zeitraum des gebrauchs und der entwicklung durchlaufen, ehe es mit dem präfix ge bezeugt ist. dasz das deutsche wort den lateinischen (vas, vadimonium) und auch griechischen bildungen (s. unten) urverwandt sei, wird neuerdings allgemein angenommen. schon bei Ulfilas ist die form

[Bd. 6, Sp. 5699]


vadi mehrmals bezeugt und ist dort durchweg übertragen gebraucht: jah siglands uns jah gibands vadi ahman in hairtona unsara 2. Korr. 1, 22 (und in unser hertzen das pfand, den geist gegeben hat. Luther); ebenso 5, 5; ähnl. Ephes. 1, 14. Skeireins 48. in der althochdeutschen periode bieten die glossen vielfach zeugnisse sowol für die sachbedeutung als auch für die function des nomen actionis, vgl. wetti, pignus, vadimonium, stipulatio, pactum, fenus Graff 1, 740; vgl. mittellat. vadium (gage); aus der groszen zahl der mittelhochdeutschen belege für wette (mhd. wb. 3b, 775) ist vor allem die entwicklung hervorzuheben, die die bedeutung eines pfandvertrages hier erfährt. allgemein als abmachung, der ein gegenseitiger einsatz von pfändern vorausgeht, im besondern als einleitung eines kampfes (vgl. DWB wettkampf), liegt sie den mannigfaltigsten formeln zu grunde, mit denen die blüthezeit der mittelhochd. dichtung schaltet. das compositum mit dem präfix nimmt an diesem gebrauch erst bei den nachzüglern aus dem ende des 13. jahrh. teil; vorher ist es ein einzigesmal in einer predigt aus dem 12. jahrh. belegt, und zwar in einem gebrauche, der vielleicht dem übergang zur bedeutung von busze, strafgeld als erklärung dienen kann: michel mêre suln die mennesgin gefrouwit werdin, den der fride gemachôt was an der erde. der fride chom an der cîte: wan diu gewette werete funftûsind jâre unde mêre, daz wir armennesgen newedir habetôn gotes hulde noch der engile minne. s. Wackernagel altd. lesebuch 194. das genus des fem., das der artikel hier dem gewette beilegt, entspricht dem mitteldeutschen gebrauch von wette, das dort früh als fem. bezeugt ist. für die bedeutungsentwickelung des wortes ist der gegensatz bemerkenswerth, in den gewette hier zu friede tritt, es kennzeichnet die störung des friedens, die zeit des kampfes. da nun der juristische begriff von gewette im sinne eines strafgeldes vom gleichen anlasz ausgeht, vom friedensbruch (s. u.) und da das friedensgeld geradezu friede (fredus vgl. Brunner rechtsgesch. 12, 230) genannt wird, so wäre auch die entgegengesetzte benennung (vgl.(fehde für busze) nicht ausgeschlossen.
b) lange vor diesem zeugnis ist das präfix ge bei andern ableitungen vom gleichen stamme belegt.
α) schon in die sprache des Ulfilas reicht das verbum zurück: gavadjoda auk izvis ainamma vaira mauja svikna du usgiban Christau 2. Kor. 11, 2 (ich hab euch gemehelt aim man cod. Tepl.; ich habe euch vertraut einem mann, dass ich eine reine jungfrau Christo zubrächte Luther). die bedeutung von gavadjon (trauen, antrauen) läszt sich von dem juristischen begriffe der pfandsetzung ableiten (vgl. Schröder die verlobung als wettvertrag rechtsgeschichte4 300) oder aber mit Mehringer a. a. o. auf den begriff conjungere zurückführen. für die zweite erklärung spricht die bedeutungsrichtung des particips, das schon in den ältesten glossen überliefert ist, und das dort ebenso wie im sprachgebrauch Notkers und einiger mittelhochd. dichter übertragene verwendungen entwickelt, die alle immer wieder auf die bedeutung ins joch spannen, conjungere, conjugare zurückführen; conjugate, nupte, kiwetan, Hrabanisch-Keronische glossen s. Steinmeyer-Sievers 1, 60; tiu zwei sint kewetiu. bediu heizet taz argumentum a conjugatis. Notker Boethius 190a Hattemer; mit clesinemo puluere, chleino gemalnemo unde gnôto gewetemo (handschr. geuéutemo) 27a. die normale schwache participialform ist nur bei Notker und in varianten zur genesis (vgl. auch die substantivbildungen in β) belegt, die mittelhochdeutschen zeugnisse zeigen wie die glossen nur starke flexion;

do was des dritten werwort er hiete gechouffot
funf gewet ohsin, er mse die besuchen. Genesis und exodus 112, 32
Diemer (handschr. gewetene, Wiener handschr. gwet);

unde flôch âne strît.
doch er ûf Gringuljeten
ze dem besten rosse wære geweten (geriten)
daz ie ritter gewan,
also snelle kêrte er dan
rehte an die wider vart.
Hartmann Erec 4715 Haupt;

ich vant an der fossiure
den haft und sach die vallen.
ich bin ze der kristallen
ouch under stunden geweten.
Gottfried v. Strassburg Tristan 17117 Marold;

[Bd. 6, Sp. 5700]



ich weiʒ wol, eʒ ist ein altez mære
daʒ ein armez minnerlîn ist rehte ein marterære.
seht, zuo den was ich geweten
wâfen! die wil ich lân und wil inz luoder treten.
Steinmar bei
Bartsch schweiz. minnes. (19, 1) s. 170 (grosze Heidelberger handschr.: gewetten: tretten).

in deʒ tievils ioch
hatte er sich gewetten
er wol de niht tretten
von der helle stige.
Hugo v. Langenstein Martina s. 282 Keller;

erhurnet abe ein man dem andern sinen ochsen der geweten ist oder ein rint, der ist schuldic ieme des daz rint gewæsen ist funf schillinge unde dem vogte drizzig phenninge. stadtbuch von Augsburg 174 Mayer; der hofe cze Harde, wenne die maiger daruf säszen, so hettens mit der statt cze Dornhain nütt ze schaffene und hettin sunder waide und ban, wan das si mit gewetnan rindern durch die malatzgassen ab sont varen über den brunnen und wider uff. weisthum zu Dornheim (Württemb. Schwarzwald) weisth. 1, 374 (aus 1417).
β) in eben diesen zusammenhang weisen auch substantivbildungen der althochdeutschen zeit, die von der schwachen form des präteritums abzweigen; sie leben noch heute mundartlich weiter und halten an der gleichen eng begrenzten bedeutung fest.
1)) auf das neutrum weisen:
a)) jugis ... giwetun, giwetene glossen zu 1. könige 19, 19 Steinmeyer-Sievers 1, 441 (er pflüget mit zwelff jochen Luther); par, giwet ebenda (ein joch rinder Luther); jugales, giwet, glosse zu Jeremias 51, 23 (joch Luther) ebenda 1, 634. dem entspricht auch die notiz bei Maaler: gewätt (das), allerlei rüstung unnd band zum jochen dienlich, jugamentum, compago 178c. das gleiche wiederholt bei Frisch 2, 444c. dazu vgl. die späteren mundartlichen feststellungen: das gewätt, das joch sammt zugehör zum einspannen ... ein g'wätt ochsen Stalder schweiz. idiot. 2, 438; g'wet, das joch, das joch ochsen, auch die ochsenhörner, weil die ochsen daran eingejocht werden. Lexer Kärnt. wb. 256; ebenso gewette bei Unger-Khull 290a.
b)) auf diese bedeutung könnte das folgende substantiv zurückgeführt werden, das andererseits sich auch aus gewett 2) erklären läszt:

darnach machentz ain gewett
jeder man mit ainer zu bett
da werdent si so gmenlich
die kutten zipfel ubent sich. v. d. Barfüsser mönchen 139 in
Laszbergs liedersaal. 3, 394.


c)) von einer allgemeineren fassung der bedeutung conjungere geht eine andere buchung Maalers aus: wol in einanderen gefügte und gewättne blöcher, trabes compactiles 178c; dem entspricht: gewätt ... gebäude, welches aus ordentlich gefügten balken besteht. Stalder 2, 438.
2)) auch im genus des masculinums zweigt das particip eine form der substantivierung ab, die die ersterwähnte bedeutung verallgemeinert und die im besondern den unter 1)) b)) angeführten beleg erhellt: gewete, genosse vgl. mhd. wb. 3, 774b; Lexer 1, 989;

dâ prîs mit wârheit ist vernomn
an im und ouch an Gahmurete.
reht werdekeit was sîn gewete. Parzival 326, 4;

daʒ im Marjodô
êre ûʒerhalp des herzen bôt
und sîn gewete (var.: geferte, geselle) petit Melôt,
die sîne vînde ê wâren. Tristan 16322 Marold u. a.

in mundartlichen gebrauch ist diese verwendung nicht übergegangen.
c) die verbindung heergewette an stelle von heergewaete ist nur in wörterbüchern belegt und mag überhaupt auf schriftlicher überlieferung beruhen. den ausgangspunkt haben wir wol in der niederdeutschen form von gewaete zu suchen. hierauf weist auch die älteste buchungbei Stielerhin: ab hoc wad venit antiquum vocab. wette et gewette, quasi gewade, propr. vestimenta aliaque supellectilia lintea: superest nobis adhuc vox heergewette Stieler 2406, ähnlich Adelung 2, 1049 u. a. in einigen buchungen ist ein allgemeinerer begriff herausgearbeitet: gewette, suppellex ... s. geräth Hederich 1, 1422: das gewett oder gewette kommt in älteren büchern nicht sowohl für kleid, als für ausstaffirung oder geräth vor. man hat davon noch das heergewette, wofür einige

[Bd. 6, Sp. 5701]


unrichtig hergeräth gebrauchen, weil jetzt dieses letztere eine viel weitere bedeutung hat. Heynatz 2, 55. man könnte versucht sein, diesen begriff von supplex mit den unter b) β) belegten verwendungen in beziehung zu setzen und von hier aus das heergewette zu erklären; es würde sich hierbei auch eine neue parallele zu gewende (ein gewende pferde sp. 5472) ergeben. doch die eigenart der zeugnisse für diesen gebrauch von gewette, die sich auf wörterbücher beschränken und die deutlich die abhängigkeit von einer eng begrenzten überlieferung verrathen, legt es uns näher, den ausgangspunkt für die entwicklung des allgemeinen begriffes in der parallele heergewaete, heergeräthe zu suchen, vgl. auch DWB gewette (das, pro geräthe) res; heergewette (pro heergeräthe), res expeditoriae Steinbach 2, 985.
2) unter den verwendungen, die an die bedeutung von pignus anknüpfen, hat die zusammengesetzte form gewette anscheinend nur solche entwickelt, die die function eines nomen actionis bloszlegen. einige zeugnisse, die sachbedeutung verrathen, weisen auf eine spätere secundäre entwicklung hin (vgl. das analoge bei ἀθλον, wettkampf, kampfpreis).
a) die ältesten belege führen unmittelbar auf die bedeutung eines durch den einsatz von pfändern geregelten kampfes (wettkampf) zurück, die in poetischen übertragungen und erweiterungen die bindung an einsätze mehr und mehr abstreift und dem allgemeineren begriffe kampf, streit zustrebt.
α) zum einsatz eines pfandes als der vorbedingung des zweikampfes vgl. die schon von R. Schröder rechtsgesch.4 759 angezogene stelle:

ich bin ouch ein recke und solde krône tragen.
ich wil daʒ gerne fügen daʒ si von mir sagen
daʒ ich habe von rehte liute unde lant.
dar umbe sol mîn êre und ouch mîn houbet wesen phant. Nibel. 108, 1 ff. Lachmann.

vgl. auch:

de ûtbut den kamp, dat is dat recht,
einen hantschen deme anderen to donde plecht;
den hebbe gi hir, nemet to ju! Reinke de vos 6125 ff. Lübben.

dazu vgl. nun: da schickhet der Hunfrid dem herzog von Burgundien einen handschuech zu gewett, mit ihme im feld zustreitten & den handschuech namb der herzog von Burgundi auf. bayrische chron. bei Freyberg 1, 122; Pontus antwurt jm (dem heiden) darauf, wie er allein mit jm wolt fechten und wolt jm starck geng sein. der kunig und die herren waren fast traurig und unmtig daʒ Pontus sein gewette het getroffen und das fechten het versprochen. Pontus u. Sidonia (1498) b 6b.
β) diesen belegen gehen die beispiele für den kampf selbst schon voraus, ebenso ist die erweiterung des begriffes in poetischer übertragung früher bezeugt:

eʒ wart gesehen an Gamurette,
und ouch an Dieterîch von Latrisette,
an Îsenharte eʒ ouch geschach:
der starp durch solch gewette;
eʒ ist hie sam an Tschîônâtulander.
Frauenlob 359, 9 Ettmüller s. 205.

von der trc er minnen last,
des was si siner frden gast,
siner liebiu ain sendes lait,
siner senfte unsenftekait ...
ain ungunst sines herzen ger
sines unwillen an wer,
ain versagen sonder bette,
siner sinne ain gewette,
wan er wart ir niemer fri
si wr im zallen ziten bi.
R. v. Ems Willehalm 4364 Junk;

daʒ ein maget einvaltic
Alexandern also gewaltic
mit worten ubir rette
und sin hoh gewette
mit magetlicher wipheit
gebrochin unde hin geleit.
Hugo von Langenstein Martina 148, 28 Keller.


b) wie schon die unter a) α) angeführten belege zeigen, lassen die verwendungen, die in der übergangszeit zur neueren periode hervortreten, die vorstellung eines pfandes, eines einsatzes stärker wieder aufleben.
α) hier zuerst ist der rechtsbegriff rein gefaszt bezeugt: umb gewett gelt Münchener stadtrechtbuch (v. 1453) vgl. Schmeller 22, 1050) vgl.gewedde hant, gewette scult Verwijs u.

[Bd. 6, Sp. 5702]


Verdam 2, 1904; vgl. wei ock eghen slot hedde oder slot gheweddes Hansische urkunde von 1352 (urkundenb. 3, 113); deponiren ... etwas zu treuen handen pfandsweisz underlegen. etwas wetten unnd umb ein gewett pfandt hinder ein dritten man legen. Simon Rot E b β. dazu vgl.: so han wir jedweder teil dem andern gelobt, und zu einem angewette ufgesetzt und gelobt, und verbrget 200. markh silbers Zrich gewicht, weder teil nit statt hette dasz die schildlt oder der obmann uszseiten, oder der merteil under inen, dasz er dem andern teile, der da gehorsam ist, des vorgenanten 200. march schuldig sig ze geben, und darzu gefallen sig, ab allem rechte siner sachen. Tschudi Schweiz. chron. (urk. von 1311) 1, 256a Iselin.
β) auch die bedeutung eines kampfes ist in der strengen bindung an einsätze (wettkampf) bezeugt, die belege sind nur aus Wickram übermittelt:

sobaldt die junckfraw solchs geret,
schickten sie sich zu dem gewet. (wettlauf der Athalante u. des Hypomenes)
Wickram (Albrechts Ovid. 10. cap. 13 v. 1172) 8, 79 Bolte;

inn solchem zog der jüngling fort,
fürlieff die magt am selben ort.
das volck gmeinlichen rieffen thet
dem jüngling zu an seim gewet. (resonant spectacula plausu) ebenda (10. cap. 14. v. 1228) 8, 81.


γ) reichlicher freilich flieszen die zeugnisse für die verwendungen, die sich mehr der heutigen bedeutung einer wette nähern. der einsatz eines pfandes bleibt im vordergrunde, während das moment des kampfes und streites sich mehr und mehr verflüchtigt: als sie nn gehn Rom kumen sind, haben sie aller deren heuser, zo das gewett bestanden durchgangen, irer weiber thn und lassen z erkundigen. Wickram (von guten u. bösen nachbarn cap. 38) 2, 222. vor allem zahlreich sind hier die belege aus H. Sachs:
1))

bauer. ja, wer wolt uns aber bescheiden,
ob ich recht habe oder du?
Eulensp. der nechst mensch, welcher komt herzu, ...
der bawer schlegt ims dar und spricht:
ja wol, es gelt wol das gewett,
wie du ietzt selber hast geredt.
wo der saget, mein tuch sei blab,
das hosztuch du gewonnen hab;
wird aber das tuch grün zeigt an,
acht thaler ich gewonnen han.
H. Sachs (Eulenspiegel mit dem blauen hosztuch und dem bauern) 21, 55 Götze;

ains tages sagt der kafman fein,
sein lebtag er die frawen sein
kein mal het hren feisten oder krachen.
der lanther ... sagt: 'es guelt ein guet fischmal!
e wan zwai gancze monat thnd verlaffen,
soltu dein frauen horen feisten
nicht ain mal, snder ane zal'.
das gwet schlgens mit den henden zu hauffen. (das knarrzet weib) fab. u. schw. 4, 240;

der bawer schlegt das gewett dar und spricht. (bauer mit dem plerr) 17. 48 Götze;


2))

pei dem ein piderman mag wol pedencken,
was ungluecks trnckenheit ursacht,
wa man umbget mit so nerischen schwencken,
umb kelbert af der gassen pis af miternacht
und anrichtet geferliche gewette. (die bachanten im beinhause) fab. u. schw. 3, 95;

genau so 2, 56;

mit dem (kaufmann) macht Ambrogilo haimlich ain gewet,
im tausent gulden an funftausent seczen thet,
er wolt in kuercz erpulen im sein frauen. (d. poswicht im kasten) 4. 87.

ebenso 4, 112; 5, 239;

wir drei detten vor acht tag ain gewette,
das iegliche ain prech antrag
nacht unde dag.
welche sich thet verhawen,
zalen sol die
ein virtheil wein. (burgerin mit dem pfaffen) 5, 149;

des lachet der wirdig edel ritter und sprach zue dem keiser: 'losʒ, keiser, ich will ein gewett mit dir tuen: ist, daʒ ich dich überwind, also daʒ mir die martter unschedlich ist zue dem tod, daʒ du dan ann min got gelaubest ... des antwurt im der keiser unnd sprach: 'ich will kein gewett mit dir hann.' buch v. heil. Georg bei Bachmann u. Singer 321. dazu vgl. auch ein gewett mit einem thun, cum aliquo sponsionem facere Aler 936a; Bayer 291b.

[Bd. 6, Sp. 5703]


weil man aber vor hat vernommen
das die geselschaft an solt kommen:
auch etlich gwett drauf waren bschehen
wa man sie heut würd kommen sehen,
da stund von Gisen zwar herauf
zum kaufhaus zu, ein solcher hauf
von mann und weibern.
Fischart glückh. schiff 735 neudr. s. 22.


3))

ich pin dir ein warsager,
das gwet hast gwis verloren du
af diesen reters knaben.
H. Sachs (die juden vulva 22) fab. u. schw. 5, 158;

darumb ward erkannt, dasʒ er das gewett verloren, und jener redlich gewonnen hette. Bebel facetiae (1589) 174a.
4)) comedia von zweien fürstlichen rähten, die alle beede umb eines gewetts willen umb ein weib buleten. titel eines stücks von Ayrer 1, 11 Keller.
c) in der neueren sprache ist es nur diese engere bedeutung von wette, in der auch gewette noch weiter lebt. ganz vereinzelt macht sich in den ältesten belegen dieser periode noch der allgemeinere begriff kampf, streit geltend:

d Hussiten wollt kaiser Sigmunð
todt haben alle kurz und rund;
das thäten d Hussiten verachten,
gwunnen ihm ab etliche schlachten,
viel tausend wägen in dem gwett,
viel land und leut, dazu auch städt,
das gwunnen d Böhmen, und zugleich
verfolgt Ungern und Österreich. ursachen ... diesem betrübten zustand in Deutschl. abzuhelfen (1620) bei
Opel u.
Cohn 52, 51.


α) in den wörterbüchern wird das compositum meist mit sponsio gleichgesetzt und weist hierin auf eine ältere fassung des begriffs wette. später verräth sich in manchen nachträgen eine wandlung dieses begriffes, und die jüngern wörterbücher setzen gewette und wette im neuern sinne einfach als identisch an, nur dasz an gewette das verbalsubstantiv nach analogie von getreibe, gethue herausgearbeitet wird: verheissung oder gewett, audax sponsio Maaler 179a; gewette, satz, verheiszung, sponsio, sposum, omnis promissio stipulatioque, à wetten, deponere Henisch 1598; gewett, n., sponsio Gürtler 2, 74b; ebenso Aler 936a; Bayer 291b; Kirsch 2, 151b; Matthiae 2, 181a; gewett, n., wett ... gagûre Rädlein 1, 383a; gewette, n., la gageure, le pariement, sponsio Pomey 133; ähnlich Veneroni 75a (gewett); wette, oder gewette, lat. sponsio, franz. gageure, ist ein contract, da man sich über die wahrheit oder den ausgang einer noch ungewissen oder unbekannten sache ... dergestalt vergleichet, dasz derjenige, dessen meinung mit der wahrheit oder dem ausgange übereinkommen würde, einen gewissen gewinn haben solle, s. DWB pact. Chomel 8, 2325; gewette, die wette (a bet or wager), die wettung (the laying of wagers or bets). teutsch-engl. wb. (1716) 772; ebenso Hilpert 1, 464a; gewette, wettung, gewedde, wedding, wed-spiel Kramer 2, 97a; ein gewett anlegen, faire une gageure; das gewett gewinnen, gagner la gageure Rondeau 2, Uu 3b; das gewette, n., das wetten (im gemeinen leben; im oberdeutschen auch für) die wette; ein gewette anstellen ... es gilt ein gewette Adelung 2, 661; gewett, die wette Loritza neues idiot. Wiennense 51; gewett ... wette. Martin u. Lienhart wb. d. Elsässischen mundarten 2, 879a (um's gewett; was gilt's gewett? er hat e gewett gemacht).
β) die litterarischen belege sind spärlich, sie entstammen dem schriftgebrauch älterer süddeutscher stilisten, vor allem aus der Schweiz: dieses gedicht war eine art eines gewettes: mein freund d. D. Stähelin und andere werthe bekannte ... erhoben die Engelländer und rückten mir oft das unvermögen der deutschen dichtkunst vor. ich nahm die ausforderung an ... ich suchte in einem nach dem englischen geschmacke eingerichteten gedichte darzuthun, dasz die deutsche sprache keinen antheil an dem mangel philosophischer dichter hätte. Haller (vorbericht zu den gedanken über vernunft) 43 Hirzel; das war ein spasz, wie ihr einst ein gewette mit ihm anstelltet, wer den schönsten fisch angeln würde, und euer taucher ihm einen eingesalznen fisch an seiner angel hieng, den er mit grossem eifer herauszog. Wieland übersetzung des Shakespeare, (Antonius und Cleopatra 2, 5) 4, 231 (Schlegel: lustig war mit ihm das wetteangeln ... 't was merry when you wager 'd on your angling); dasz sie in diesem augenblick gegen untadelhafte männer

[Bd. 6, Sp. 5704]


dieses thun würden, schien so unwahrscheinlich, dass der hr. Tronchin und ich ein gewette darüber gegen die frau Tr. verloren haben, zu unserer gröszten schande, denn wir hatten fait les agréables à ses dépens. Joh. v. Müller (briefe an Bonstetten) 13, 207.
3) die bedeutung strafgeld führt auf den dualismus zurück, der an den geldstrafen des älteren deutschen rechts wahrgenommen wird: neben dem sühngeld, welches der verletzten partei zuerkannt wurde, war in der regel auch ein bestimmter betrag an die öffentliche gewalt oder an das gemeinwesen zu entrichten, das friedensgeld, in den lateinisch geschriebenen quellen fretus, fredus, freda, gelegentlich auch pax oder poena pacis genannt Brunner rechtsgesch. 12, 230; vgl. auch R. Schröder rechtsgesch.4, s. 81. dieses friedensgeld wird von der mitte des 13. jahrh. ab in deutschen rechtsquellen auch wette, gewette genannt und als solches der busze gegenüber gestellt, später jedoch von ihr nicht mehr unterschieden. vgl. Schröder a. a. o. 116. vgl. auch: gewette, sachsenbusse Chomel u. a. s. unten sp. 5706, vgl. Verwijs u. Verdam 2, 1871. die deutung dieses gebrauchs darf aus lautlichen gründen nicht von wite (althochd. wîze) ausgehen, obwohl das angelsächsische und niederdeutsche auch diese wortsippe (wite ursprünglich = peinliche strafe) in den kreis der synonyma eingeführt haben, vgl. Brunner a. a. o. vgl. wedde, geldstrafe mulcta, sonst auch wite. vers. eines brem. nieders. wb. 5, 209, vgl. auch wite bei Schiller - Lübben 5, 747 ff. die oben (sp. 5701/2) beigebrachten belege berechtigen dazu, auch für gewette als strafgeld von der gleichung wette, pfand auszugehen; vgl. auch die beitreibung von busze und gewette durch pfändung s. sp. 5705. auch dafür lieszen sich gründe beibringen, dasz zuerst das friedensgeld und nicht auch die busze an diese gleichung gebunden wurde. vielleicht ist aber doch mehr gewicht auf die oben (sp. 5699) angeführte alte stelle zu legen, in der der gegensatz zwischen gewette und friede so scharf gefast ist. da die busze auch fehde (Schröder a. a. o. 81), das strafgeld sonst friede genannt wird, so wäre mit gewette die bezeichnungsart der einen form der geldstrafe auch auf die andere übergegangen. gewette würde aber mit der bedeutung unfriede, streit, kampf im letzten grunde ebenfalls auf die gleichung wette, pfand zurückführen.
in der bedeutung einer geldstrafe ist nun gewette vom 13. bis zum ende des 15. jahrh. aus denkmälern der verschiedensten deutschen landschaften belegt, nicht nur aus nieder- und mittel-, sondern auch aus oberdeutschen quellen. bei den belegen aus rechtsbüchern, wie dem schwabenspiegel oder dem spiegel deutscher leute, läszt sich der oberdeutsche gebrauch durch die übernahme der betreffenden stelle aus der niederdeutschen vorlage einfach erklären. dasz aber der rechtsausdruck auch tiefer in die süddeutsche rechtssprache eindrang, beweisen die belege aus österreichischen urkunden. später schrumpft der gebrauch freilich wieder zusammen und geht auf das ursprungsgebiet zurück. zu den formen vgl.: gewedde im sachsenspiegel und im Berliner stadtb., gewetde in Mainzer urk., gewatte, gewette österr. urk. und gewett in mitteldeutschen und oberdeutschen quellen.
a) die bedeutung strafgeld.
α) abgrenzung von gewette und busze: umme iewelke disse sake weddet he deme richtere; unde umme alle scult, dar de man sine bute mede gewint, dar hevet die richtere sin gewedde an. sachsenspiegel landrecht 1, 53, § 1, Homeyer3 s. 206, ebenso 3, 32, 10; vgl.alle schulde, da der man sine bzze mit gewinnet, da hat der richter sein gewette an. doch wettet man dem richter dikke umbe unzucht, die man tt vor gerichte. spiegel deutscher leute 73 Ficker; swer sô den anderen slêt âne vleischwunden oder roufet, wirt her gevangen mit gerûchte und vor gerichte brâcht, ez en gêt ime an den hals noch an sîn gesunt nicht, wenne gewette und bûze verburet her dar an. sachsenspiegel 3, 37, 1 Weiske-Hildebrand; sprich en man gut an des ime sin herre nicht ne bekant, unde he der gewere dar an darvet, he mut deme herren borgen setten sines geweddes unde siner manne bute of he sie verboret, er ime die herre dach to lenrechte bescheidet. sachsenspiegel lehnrecht § 52 Homeyer 1, 232; sprichet ein man guot an, und wirt er mit rehte dâ von gewîset, er belîbet âne buoze unde âne gewette, die wîle er sich des guotes niht

[Bd. 6, Sp. 5705]


underwindet. schwabenspiegel (landrecht 65) Wackernagel s. 64 (var. wette); genau so spiegel deutscher leute 73; iewelk richtere hevet gewedde binnen sime gerichte unde nene bute, wen die richtere ne mach beide klegere unde richtere nicht sin. sachsenspiegel landrecht 3, 53, § 2, Homeyer3 s. 349; vgl. auch 3, 45, § 10; over virteinnacht sal man scult gelden, de man vor gerichte gewint; gewedde over ses weken; bute na me gewedde over virteinnacht. 2, 5, § 2 ebenda s. 232; vgl. auch lehnrecht § 68, 10; sve gewedde unde bute nicht ne gift to rechten dagen, de vrone bode sal en dar vore panden. sachsenspiegel landrecht 1, 53, § 3 Homeyer3 s. 206; swer busze noch gewette nicht engît ze rehten tagen, der vrônbote sol in phenden. schwabenspiegel (landrecht 66) s. 64 (var. wette); die gleiche stelle im Berliner stadtbuch 108; der so einen scheppen strafet uf der bank her gewinet sine buse einen vierdung und der richter sin gewette. beschuldiget abir ein man einen schepphen so das orteil gevolget ist, so haben si gewunnen all ire busse und der richter sin gewette. alse manche busse alse mannich gewette. altes Kulm. recht 2, 3 s. 22 Leman.
β) abstufung der geldstrafe je nach der stellung des strafenden oder nach der schwere des vergehens.
1)) zur abstufung nach der stellung des richters, vgl. Schröder a. a. o. s. 130: (der graf) konnte nicht, wie der könig schlechthin kraft seines amtes beliebige geldstrafen auf die nichtbefolgung seiner gebote verhängen, sondern die strafe (das gewette) richtete sich nach stammesrecht. demgemäss betrug das gräfliche gewette bei den salischen Franken, ebenso wie bei den Sachsen 15 schillinge. in besonderen fällen waren dem grafen auch höhere strafbefehle gestattet, namentlich wurde unter den Karolingern eine reihe von ausnahmefällen festgesetzt, in denen der graf die strafe des königsbannes im betrage von 60 schillingen verhängen durfte; dazu vgl. nun: Constantin de koning gaf deme pavese Silvestre werltlik gewedde to' me geistliken, die sestich schillinge mede to dvingende alle jene, die gode nicht beteren ne willen mit deme live, dat man sie dar to dvinge mit deme gude. sachsenspiegel landrecht 3, 63, § 1 Homeyer3 359 (var. gerichte). die gleiche stelle im Berliner stadtbuch 25.
2)) dem richtere sal man erdelen up ine (den, der einen in nothwehr erschlagen hat und sich selbst dem richter stellt) dat hogeste gewedde der penninge, die man ime pleget to weddene, unde den magen ir weregelt. sachsenspiegel, landrecht 2, 14, § 1 Homeyer3 244; weigeret sie aver dar rechtes unde werdet sie dem overen richtere beklaget, ire burmeister mut vor sie alle wedden en gewedde, unde den geburen mit drittich schillingen büten, unde iren scaden gelden. 3, 86, § 2 (var. en gemeine gewedde) ebenda 384; de wedde dat sint acht schillinge gewonliker penninghe. dat gewedde sal man gelden over ses weken. Berliner stadtbuch 108; was auch der richter richtet ader in geheigtem dinge thut, das sol er nach der scheppen verfolgten orteln richten und thun. er sol ouch für ein schlechte gewette einen schilling nemen landtpfenninge und nicht mer. vor ein freuel gewette funf schilling. vor hochste gewette dreissig schillinge landtpfenninge, die do im gerichte genge und gebe sindt, und die gewette sol ouch niemandt steigen noch höen; keiner der stadt inwonhaftig und besessen burger ader burgerin sol dem gerichte gewette nicht verbürgen. Jenaer gerichtsordnung aus der 2. hälfte des 15. jahrhs. bei Michelsen s. 75; vgl. auch Wehner observationes (1608) 215; welch man den andern vor gerichte ubel handelt und böse wort spricht, der wett dem richter fünff schilling, heisst öm der richter swigen, thut ers nicht, so wett er daz höchste gewett alzo dick er ez thut. wan di bürger siczen an örem follen rate, wirt ein orteil von on funden, wer daz strafft, findet er nicht ein bessers vonstunt er sal wetten dem richter unse höchste gewett und sal dem rate ieglichenen besondern zu buss geben fünff schilling. statuten von Rudolstadt (1404) bei Michelsen 214; demnach bedacht, seiner gnaden schultissen zu entpfelen, hinfurder von einem todtschlage, vier rinische gulden, von lemenisse und kampfir wunden zwen rinische gulden, und nicht darober, vor ein gewette und abetragk, der dem gerichte geboren moge, zu nemen. revers des raths

[Bd. 6, Sp. 5706]


zu Halle (1499) bei Z. Ch. v. Dreyhaupt beschreibung des Saal-kreises 1 (1749), 673.
γ) gewette wird unter dem gesichtspunkt der einnahme betrachtet: nen recht ne mach he aver in (der herr den bauern) geven noch sie selven kiesen, dar sie des landes richtere sin recht mede krenken, oder sin gewedde minneren oder meren mogen. sachsenspiegel, landrecht 3, 79, § 1 Homeyer3 376; emendis & iuribus antiquis, que gewetde volgariter dicuntur, sibi salvis. urk. v. 1315 bei Guden. codex dipl. anecd. r. Mogunt. 3. 129; ob aber er ieman icht gelten solt. dem werd von dem guet vergolten. ob er mit einer gueten gezeugnuzz bewärn mag. daz der sein gelter gewesen sei. und waz des guets uber wirt. des gevallen zwai tail der hausvrown und den chinden. aber der drittail gewatte unserm richter. urk. Friedrichs d. Streitbarn v. Österr. bei Senkenberg s. 271; diu hêrschaft hât verlihen hern Hûge unde sînem vetern ze lêhen, als si sprechent, alliu gerihte ze Dattenriet unde behuob ir selber niht mehr danne den drittren teil der gewettun. habsb.-österr. urbarb. (14. jahrh.) (5) 28, 19 Pfeiffer.
δ) von wörterbüchern wird diese bedeutung in der älteren zeit nur bei Kilian und Henisch verzeichnet: ghewette (vetus sax) wette, mulcta Kilian 146b; gewette, straff, geldstraff, mulcta ... höchste gewette, ... richteres gewette Henisch 1598. bemerkenswerth ist schon hier die einschränkung des gebrauches auf Sachsen, die später immer wieder betont wird, namentlich auch seit die wörterbücher anfangen, ihre darstellungen geschichtlich zu vertiefen; gewette, emenda, amende. in Sachsen-recht die geld busz, so dem richter vor eine begangene frevelthat entrichtet wird. das höchste gewette in untergerichten sind 4 alte schock, oder 3 gulden 17 gr. Jablonski allg. lex. d. künste u. wissensch. 247a; ebenso, nur ausführlicher bei Chomel 8, 543 unter sachsenbusse, ähnlich Adelung 2, 661 u. a. dazu vgl. die aus urkunden schöpfenden darstellungen bei Haltaus 2089; Kehrein samml. ahd. ausdr. 32; vgl. auch Thiel 4, 429a.
ε) unter den rechtssprüchwörtern finden sich einige formelhafte verwendungen von gewette: so manche busze, so manch gewette (s. o.) Graf u. Dietherr dtsche rechtssprichw. 322; nähme man kein gewette, so verginge das recht 314 u. a.
b) die übertragung des wortes auf die behörden, die eine so gekennzeichnete geldstrafe verhängen und einziehen, ist bei dem grundwort wette mannigfach bezeugt, vgl. Frischbier 2, 465 (für Danzig); am compositum ist sie für das verwaltungsgebiet von Rostock belegt: in sachen amts der brockfischer, klegere, wider die fischer aus der straszen, beklagte, gibt ein wohllöbl. gewette diesen bescheid, dasz es hiemit bei dem vertrage von anno 1667 sein verbleiben habe. publicatum im gewette 9. 1. 1679 bei Koppmann beiträge z. gesch. der stadt Rostock I 4, 87; Voigts wunsch nach feststellung der arbeitszeit der gesellen ... wurde dahin beantwortet, dasz dies von se. rath dependire; wegen seines weiteren wunsches, dasz das rauchen der zimmergesellen bei der arbeit abgeschafft werde, sollte mit dem gewett gesprochen werden. ebenda 4, 6; auf grund ... der bekanntmachung des bundesrats vom 4. märz 1896 ... wird hiermit für ... bäckereien und konditoreien in Warnemünde ... an folgenden tagen des jahres 1907 ... überarbeit gestattet ... gegeben im gewett. Rostock, den 22. dez. 1906. B .... gewettssekretär. u. a. (vgl. dagegen gewettgericht). ebenso führt in dem von Rostock abhängigen Warnemünde die polizeibehörde den namen das gewett. in anderen gegenden sind für ähnliche functionen zusammensetzungen mit gewett üblich, vgl. gewettherrn, DWB gewettgericht.
 
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gewetten, geweten I, verb., verstärktes weten, vgl.gewet, par, conjugales (oben sp. 5700):

so sul wir aller heiligen schar
nach unser vrowen rufen an,
wand ir getruwe helfe uns kan
uʒ sunden harte wol geweten
und von uns genzlich vertreten
der valscheit uberswengele. passional (68 von allen heiligen) 577, 43 Köpke;

die bedeutung, die hier anzusetzen ist, kommt sonst durch entweten zum ausdruck.

 

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