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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
gewerren bis gewesen (Bd. 6, Sp. 5677 bis 5687)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gewerren, verb. , verstärktes werren (s. d.). mehr als das einfache unterliegt das zusammengesetzte verbum der anziehungskraft formelhafter verbindungen. die ursprüngliche

[Bd. 6, Sp. 5678]


bedeutungsenergie, die sich in den althochdeutschen parallelen (giwerran, dividere, versare, excindere vgl. Graff 1, 945) ausprägt, ist in mittelhochdeutschen lieblingsformeln wie waz gewirret dir? mir ne mac niht gewerren zu der vorstellung eines hemmnisses, einer störung des behagens, verblaszt. von diesen formeln sind einige restverwendungen auch in die ältere periode der neuhochdeutschen sprache übergedrungen.
1) die bedeutungskraft von gewerren in den älteren belegen zeigt sich schon darin, dasz als subject des verbums fast immer eine person vorausgesetzt wird.
a) refragatur, wantolot kiwirrit (an anderer stelle refragatur, dissentit aut demutat). Oxforder glossen des 9. jahrh. Steinmeyer-Sievers 4, 17; dividere (inter semet ipsos studuit), giwerran Freisinger glossen des 9. jahrh. Steinmeyer-Sievers 2, 173; (populos) exscindere, giwerran. Tegernseer glossen des 11. jahrh. zu Vergil (Aeneis 7, 316) Steinmeyer-Sievers 2, 659; das gleiche ebenda (Aeneis 7, 336) für (odiis) versare (domus); ebenso vertisse, giwerran (Aeneis 7, 407) 2, 660; Voss hat in seiner übersetzung hiefür die verba vertilgen, zerrütten.
b) die verbindung mit unpersönlichen subjecten zeigt sich zuerst bei Notker und ist dort noch auf das einfache verbum beschränkt (waz tir wirret, quibus perturbaris, vgl. Graff 1, 904); das zusammengesetzte verbum wird erst von der sprache der dichtung in solche verbindungen gezogen:

der herre ist aller tugende,
da von uns niht mage gewerren
nahen noch verre,
wedir daʒ swert noch der tot
noch des hungeres not
noch deheinerslahte schaden. genesis u. exodus 147, 30 Diemer.


2) in der ungewöhnlichen fülle der mittelhochdeutschen belege (vgl. mhd. wb. 3, 745a Lexer 1, 988) ist es nun gerade die letzt besprochene verbindung mit einem unpersönlichen subjectfast ausschlieszlich einem unpersönlichen pronomendie weiterblüht und gedeiht. die wenigen ausnahmen, die verbindungen mit einem persönlichen subject, ja auch die mit einem sächlichen nomen, machen weniger den eindruck alter überlieferung als späterer neu- und umbildung. wie weit in solch formelhafter verwendung das gefühl für die eigentliche bedeutung des verbums verloren ging, zeigt das schwanken der überlieferung in den lesarten. die kürzungen, denen das verbum in einzelnen flexionssilben unterliegt (gewar, gewirt, vielfach auch gewern), führten mehrfach zu einer formengemeinschaft mit gewerden und gewern, (geweren), vgl. DWB gewern Meier Helmbrecht 1406 (Ambras. handschr.); die Mâze 84 Bartsch; Rubin 22, 3 Zupitza; Aventin 4, 2, 1140 (var.); geweren Enikel fürstenbuch 4091; leben der schwestern zu Tösz 63, 7; gewehren Aventin 4, 2, 1140 (var.); gewerden Heinr. v. Veldeke Eneit 628 Apollonius 13629. ganz vereinzelt ist die erhöhung des stammvokals gewierren R. v. Ems Willehalm 1703.
a) beziehung auf ein persönliches subject:

wan sînen (Hiobs) stâdigen moet
enmochte he niet vererren, (der teufel)
noch ter sêlen gewerren.
Heinrich von Veldeke Servatius 2, 360 bei Piper höf. ep. 1, 173;

ir fürsten, die des küneges gerne waeren âne ...
ir vînde, ir sult in sîne strâsʒe varen lân:
waʒ ob er hie heime iu niemer mêre niht gewirret?
belîbe er dort, des got niht gebe, sô lachent ir;
kom er uns friunden wider hein, sô lachen wir.
Walther v. d. Vogelweide 29, 21 Lachmann.


b) die von der verbalhandlung betroffene person ist dem verbum im dativ angegliedert; als subject erscheint unpersönliches, meist indefinites pronomen.
α) das verbum im infinitiv, in formelhafter abhängigkeit von hilfsverben.
1)) am zahlreichsten ist mugen vertreten.
a))

waʒ maht uns nû gewerren? kaiserchron. 12860 Schröder.

ob wir werben wellendie hêrlîchen meit'.
'waʒ mag uns gewerren?'sprach dô Sîfrit.
'swaʒ ich friuntlîcheniht ab in erbit,
daʒ mac sus erwerbenmit ellen dâ mîn hant. Nibelungen 56, 1 Lachmann (var. waʒ mag uns daʒ gew.);

[Bd. 6, Sp. 5679]



sus fuor gegen Sâlerne
frœlîch unde gerne
diu maget mit ir herren.
waʒ möht ir nû gewerren,
wan daʒ der wec sô verre was,
daʒ sî sô lange genâs.
Hartmann v. Aue armer Heinrich 1052; ebenso 490; ganz ähnl. Iwein 3544; ähnl. meister
Rumezlant v. d. Hagen 3, 56b (waz mak uns daz gewerren); die Mâze 59 Bartsch (wie meht im iht gewerren); vgl. auch Weinschwelg (Germania 3, 220);

des babstes gebotten
schlt ir dar umme lgen,
so ttet ir mit fgen
disen jungen herren.
nu was mag iu gewerren
daʒ ir z im sendet vor?
Joh. v. Würzburg Wilhelm von Österreich 5518 Regel.


b))

ir sît niht wîse liute,
daʒ ir sô vil hiute
gefrâget von mîm herren:
eʒ mac iu wol gewerren.
wil dû daʒ ich dichs erlâʒe,
sô rît dîne strâʒe.
Hartmann v. Aue Erec 91; ähnl.
Rudolf v. Ems Willehalm 9705 Junk; ebenso die Mâʒe 84 Bartsch (Germania 8, 99);

enpfiengen sî der rede haʒ,
eʒ möhte in umbe ir herren
vil harte wol gewerren. armer Heinrich 898; vgl. auch 1151 (iu enmac ... an mir niht gewerren);

'daʒ mac vil wol gewerren
den liuten algelîche
ze disem künicrîche'.
Rudolf v. Ems Barlaam 201, 2 Pfeiffer.

swer rehte wirt innen
frumer wîbe minne,
ist er siech, er wirt gesunt,
... im nemac niht gewerren. kaiserchron. 4615 Schröder; ebenso Rolandslied 6563;
Heinrich v. Veldeke Eneit 628 Behaghel; Salman und Morolf 2111 Vogt;
Hartmann v. Aue Iwein 3753. 4267;
H. v. d. Türlin krone 20885 Scholl;
Ebern. v. Erfurt Heinrich u. Kunigunde 1318 Bechstein;
Jansen Enikel weltchron. 18621 Strauch;

salic ist der der sich an in laʒʒit, der in minnet, der in uor sînen ovgin hat. deme mac niht gewerrin, der ist behtet in allin stetin. spec. ecclesiae Kelle s. 94;

der stain hatt so grosse kraft,
... in wasser oder in fewre
mag euch nicht gewerden (Wiener handschr. gewerren)
ungelucke must von ew verren,
di weil ir den stain habet.
H. v. Neustadt Apollonius 13629 Singer.


2)) nur vereinzelt tritt kann für mag ein:

han ich anen man verlorn,
da wider ist mir ain sun geborn,
an dem ich ergeʒʒet bin;
nach verlust han ich gewin.
was kann mir nu gewerren? (handschr. gewierren)
Rudolf v. Ems Willehalm von Orlens 1703 Junk.

nu habet ir eʒ gar erkant,
daʒ mir an ime gewerren kan.
Gottfried von Strassburg Tristan 14203 Bechstein;

wis an die vînt niht ʒe ger:
dû hâst vor dîner starken wamp
gesoten hanifâkamp,
daʒ dir niht gewerren kan.
Seifried helbling 15, 277 Seemüller s. 166;

so kan dir gewerren niht
hinevür immer mêre:
sô hâstû guot und êre
mê danne dehein dîn genôʒ. Dietrichsflucht 2574 Martin; ebenso Rabenschlacht 584 Martin; Mariengrüsze 485 Pfeiffer;

swer daʒ gerne hœre unde singe
deme wnsche ich, daʒ im liebe noch gelinge.
wil er mir alleʒ herzeleit geverren,
sô spreche ir wol, so enkan mir leides niht gewerren. (var. geweren)
Rubin 22, 3 Zupitza.


3))

werdent mir die secke drî,
sô bin ich armüete frî.
sô hân ich ze ezzen und ze hül
(sich waz mir gewerren [var. gewern] sül!)
sô bin ich alles des gewert
des ein wîp an manne gert. Meier Helmbrecht 1406;

[Bd. 6, Sp. 5680]



dâ wârn die tempelherren:
'uns schol hiut niht gewerren',
sprâchen si, 'wenn unser got
ist sterker denn ir abgot'.
Jansen Enikel fürstenbuch 1216 Strauch 22; ebenso 4091; weltchron. 15015.


4))

der guot unde der gehiur
sant einen engel mit in dar,
der fuor in der kinde schar
und lieʒ in dâ gewerren niht,
wan got hêt mit in dâ pfliht.
Jansen Enikel weltchron. 17309 Strauch, ebenso Rabenschlacht 295 Martin; zur erklärung dieser fügung vgl. unter c) α) 3)).


β) gewerren als verbum finitum.
1)) im präsens.
a))

Hagene Hildeburgen mit armen umbeslôʒ.
er sprach: 'nu phlic Hilden durch dîne triuwe grôʒ.
ez gewirret lîhte vrouwen an sô grôʒem ingesinde.
nu tuo genædiclîchen, daʒ man dîne zuht an ir bevinde',
Gudrun 555, 3 Symons,

wâ von ir man sît ungemuot:
eʒ ist mîn pet daʒ ir eʒ tuot.
und gwirrt iu an uns frowen iht,
des sult ir mich verswîgen niht.
Ulrich von Lichtenstein frauenbuch 597, 3 Lachmann; ähnlich
Enikel weltchron. 14928 Strauch;

er sprach 'vil werdes magetein,
ich sag bei den trúwen mein:
was immer gewirt deinem lib und gt,
darumb bin ich ungemt.
dinen gebrechen wil ich wennden'. Friedrich von Schwaben 4371 Jellinek.


b))

alleʒ daʒ si dir gechlaget,
daʒ mir iemer gewerre,
ia gedruwe ich dir uerre,
himelisgiu chuniginne.
... daʒ heil miner sele. loblied auf Maria bei
Diemer d. ged. 296, 1;

ich bin ouch nicht sô klagelîch:
sô ist er edel unde rîch,
mîn lieber herre.
ê im iht gewerre
sô wil ich kiesen den tôt.
Hartmann v. Aue Erec 3990; ähnlich 476 (daʒ eʒ mir iht gewerre);

diu muoter ist unde maget,
ze der gnâden sî geklaget,
ob der sêle iht gewerre.
H. v. d. türlin krone 2390 Scholl.


2)) im präteritum:

swaʒ im dâ leides ie gewar,
daʒ kam von simonîe gar.
Walther v. d. Vogelweide 6, 38 Lachmann; genau so
Hartmann Erec 1831;
Wirnt v. Grafenberg Wigalois 7529. 8388;
Stricker das bloch 305;
Walther v. Rheinau marienleben 193, 12;
Enikel weltchron. 27352;

dem wart herze und ougen vol
von ir anblicke.
er gedâhte vil dicke:
'owê! swaʒ dir ie gewar,
daʒ ist von mir komen gar'. Mai u. Beaflor 236, 3;

owe, vrouwe, und wis ich das,
mir wurdi wol und so vil bas
das ich miner laider gar
vergs und swas mir ie gewar!
genade, vrouwe! vrouwe min,
Rudolf v. Ems Willehalm von Orlens 4940 Junk;


c) die formelhaften verbindungen nehmen als subject ein sächliches nomen auf:
α) verbindung mit hilfsverben:
1))

er machet im einen rukke,
von dem gent dei rippe,
diu piugent sich furhor
dem herzzen ze wer
daʒ im stoʒ noch slach
niht wol gewerren mach. genesis u. exodus 6, 24
Diemer

daʒ uns gewerren ne mege nhen noch verren
des vîantes lâge in disem wadligen ellente. das himelrîche 338 Schmeller zsch. d. a. 8, 154

sît ir niht welt erwinden,so besendet iwer man,
die besten die ir vindetoder indert muget hân.
sô wel ich ûʒ in allentûsent rîter guot
sone mag iu niht gewerrender argen Kriemhilte muot. Nibelungen 1412, 4 Lachmann;

'ich pflige ir (der thiere), und sî vürhtent mich.
als ir meister unde ir herren'.
'sage, waʒ mac in gewerren
dîn meisterschaft und dîn huote,

[Bd. 6, Sp. 5681]



sîne loufen nâch ir muote
ze walde und ze gevilde?
Hartmann v. Aue Iwein 496;

waʒ möhte mir gewerren bœser liute klage?
Reinmar der Alte minnes. frühl. 203, 3;

ú mhte wol gewerren
dú vart, als úwer dinc stat;
da von ist únser aller rat
das ir der vart erwindit.
Rudolf v. Ems Willehalm von Orlens 1736 Junk;

waʒ möhte ein üppeclicher troum
mir gewerren danne? (geverren Straszb. handschr.)
Konrad v. Würzburg troj. krieg 5689 Keller;

in welchem dinge sich ein man
verschamet, dem hat er an gesiget,
kein laster dem gewerren kan, (gewerret)
sint er eʒ alleʒ ringe wiget.
Frauenlob 8, 15 bei v. d. Hagen 3, 380b.


2))

ein gemeiner muot jiht. daʒ man gerne bœsen herren
nie gewan: der tot mueze si von den biderben verren!
ir dornic herze, ir durchel rat, ir gellik munt
hat verhouwen, da man was gesunt:
daʒ muoʒ lange ir after kunst gewerren.
Meister Sigeher (5) bei v. d. Hagen 2, 362b.


3))

herzin scowere,
uor deme des mutis sagirere
sinir tougen nieman nemah besperren,
ne la mir herre nit gewerren
mine manicfalden missetat:
so ne mohte min niemer werden rat.
Heinrich's litanei 4 bei
Massmann d. ged. 1, 43;

dô sprach der herre Keiî
'nû enlânt disen herren
mîne schulde niht gewerren:
wan dien hânt wider iuch niht getân ...'
Hartmann v. Aue Iwein 224.


β) gewerren als verbum finitum:

Îsôt diu muoʒ iemer
in Tristandes herzen sîn.
nu sehet, herzefriundîn,
daʒ mir fremde und verre
iemer hin z'iu gewerre!
vergeʒʒet mîn durch keine nôt.
Gottfried v. Straszburg Tristan 18286 Bechstein;

sîn guot er gern teilen wil,
der lieb künic, mîn herre.
dhein leit im gewerre!
des bite ich teglîch
mîn abgot, daʒ ist vreudenrîch.
Jansen Enikel weltchron. 7610 Strauch s. 145.


3) die ausläufer der mittelhochdeutschen formeln im übergang zur neuhochdeutschen sprache.
a) zur verbindung mit einem persönlichen subject liegen neben der fortführung alter fügungen auch zeugnisse vor für die auffrischung des verbums vom substantiv her:
α)

, daʒ her iʒ began
widher buwen, mit sinen herren.
dhes kundh im do nicht gewerren
dher vurste, herzoge Heinrich. Braunschweigische reimchron. 3035 Weiland;

mine vil liben, des uns unser herre bittet und manet tegeliche, daʒ en tut er drch daʒ niht, daʒ wir ime sine herschaft oder sine heilicheit geminnern oder gemeren mgin, wir ne mgin ime weder gehelfin noch gewerren, gevrmen noch geschaden, pred. der Leipz. handschr. (111: de die dominico) bei Schönbach altd. pred. 1, 211; der tuvel ne mach uns niht gewerren als wir daʒ zeichen des heiligen crcis vor uns getn. predigt des 14. jahrhs. bei Leyser 105, 23.
β)

und gap im ouch diz netze,
daz ich für die strâze setze.
es enwart nie tier sô freissam,
ez waere wilt oder zam,
daz iemer dâfür gefüere
swenn ez sich drin gewürre (var. gewirre, verwurre) der
Stricker Daniel v. blüh. tal 4312 Rosenhagen.

domine labia mea aperies et os meum
annuntiabit laudem tuam.
ab ich iʒ hen un her gewerre
so sprîchet iʒ zu duʒe: herre
tu uf mine lippen zu desir stunt ...
Brun v. Schonebeck hohes lied 1148 Fischer.


b) unter den verbindungen mit unpersönlichem subject schrumpft die beziehung auf sächliche vorstellungen früh zusammen: wolt ir nu daʒ ver und daʒ ungewitere entflihn, daʒ iʒ uch niht mge gewerren, so reiniget uch von aller slachte bosheit. pred. d. Leipz. hdschr. (74: in adventu domini) bei Schönbach altd. pred. 1, 148: tu es Petrus. du bist Petrus. daz spricht. ein stein. ein vlins

[Bd. 6, Sp. 5682]


und uffe den vlins wil ich bwen mine cristenheit. und die hellephorten diene mgen ir niht gewerren. und dir wil ich geben die slʒʒele des himelriches. predigt des 14. jahrhs. bei Leyser 85, 9; di selbe wurtz ist ouch gut den vrowen, so si ze kemenaten gen; habent si di wurtz bi in, in gewirret nimmer kein twalm unde habent doch gute rue. heilmittelkunde a. d. 14. jahrh. s. fundgruben 1, 327. viel länger halten sich die verwendungen, die von einer unpersönlichen construction ausgehen:
α) in der formelhaften abhängigkeit von hilfsverben:

und ich die kruck vast an mich zuck,
freuntlichen under das üechsen smuck;
ich gib ir manchen herten druck,
das si muess kerren.
wie möcht mir gen der vasennacht
noch pas gewerren?
Oswald v. Wolkenstein 86, 14 Schatz 202;

du (gott) gib mir die sapiencia,
damit das ich dein gotleich chunst
hab pei mir und deine gunst,
so mag mir zwar gewerren nicht,
als das her Salomon spricht:
......
Vinteler blumen der tugend 17 Zingerle;

der in minnet, der in vorchtet. der in vor sinen ougen hat — timentibus deum nihil deest ... deme nemach niht gewerren, der ist behtet an allin steten, deme ne gebrichet ouch nichtis. pred. d. Leipz. hdschr. bei Schönbach 1, 217; 'schwester Mezzi, du solt dir nit fúrchten: dir mag nútz gewerren. gang mir nach geturstiklich un alle furcht!' Elsbet Stagel leben der schwestern zu Tösz (24) Vetter s. 63, 7; die von Paris wolten mit weib und kind ir stat verlassen haben, in ander stet, [von] den si vermeinten, es würd inen in disem krieg nichts gewerren, geflohen sein (var. gewern, gewehren. quas intactas hoc bello fore sperabant). Aventin (baier. chron. 2, 413) 4, 2, 1140 Lexer.
β) in selbständiger stellung hält sich der gebrauch unseres verbums am zähesten:
1)) in nomine patris ... so begrabe ich mit disem toten des menschen sichtum, unde disem menschen nimmer mer gewerre biʒ daʒ dirre lichnam an dem iungisten tage erstê. heilmittelkunde a. d. 14. jahrh. s. fundgruben 1, 325;

noch ist sein vil, das mir gewirt
von ainem kindlin, so es kirt
und mich verirt mein singen und erschellet
durch mange valsche disonanz,
falseten gross, dapei kain freuntlich concordanz,
der resonanz hat mich so dick verdrossen.
Oswald v. Wolkenstein 102, 16 Schatz 236;

mir ist recht, ob ich sei verirrt,
und weisʒ selbs nit, was mir gewirt;
wann ich bedenck, es sei beschert,
erst nëwes laid sich zu mir richt.
Hätzlerin 1, 7, 42 Haltaus s. 7;

'kum an sorgen
zu mir morgen'.
frau, ich enmag.
'waʒ gewirt dir pei dem tag?'
pœser falscher klaffer sag. lied des 15. jahrs. s. fundgruben 1, 334;

do sein bruder sulchen jamer sahen, do wurden sie ... fragen: was wirret dir (Heidelberger handschr. gewirt), hertzenliber vater? Joh. v. Neumarkt übers. des lebens des heil. Hieronymus 137 (quid habes pater; wat schelt di ndd. druck von 1482); hertzenliben kint, habet lib einander! nimant sal sich an dem andern rechen, was im auch gewirret (cap. 45) s. 45 (wes eme ok ghewerret ndd. druck); wer allraun gepulvert ... ainer junkfrawen für die nasen habt ... ist sie nicht maid, so besaicht sie sich, ist sie aber maid, so gewirt ir nicht. Münchner handschr. 15. jahrh. s. 210. Schmeller 22, 978; herr Tristrant sprach: 'das wer mir nit gt. was solt ich do thn?' diser aber der bat fleissigklich, und sprach: 'dir gewirrt nit; ich wil dich gar schon von dannen bringen (Wormser druck: dir sol nichts widerfaren). prosaroman von Tristrant u. Isalde. Pfaff s. 166; als der nun kam, sprach si z Piloys: 'ich klagt dir gern was mir gewirret, und wolt dich auch darbei bitten, west ich, das du das z gt auff nemst und verschwigenlich bei dir behieltest'. s. 154 (Wormser druck: gebrist);

wuert er (der leichnam Christi) uns nu verstolen
und aus dem dem grab verholen,
so macht er zu unserem spot
gehalten werden für einen got

[Bd. 6, Sp. 5683]



dar nach wuert das volck verirt,
das uns juden allen sambt gebiert (var. gewirt). Pfarrkircher passion 121 bei
Wackernell altd. passionssp. aus Tirol s. 187;

doch mügt ir für all sorg und schrecken,
eh ir ausʒgeht, ein geweicht saltz lecken
und mit weich wasser euch besprengen,
so kan kein gespenst sich darein mengen.
auch nembt mit euch ein gweicht wachsʒliecht,
als denn gewirt euch warlich nicht.
H. Sachs (die wunderl. mänder und unhäusl. weiber) 17, 135 Götze;

thu nur ein ding und folge mir,
mein gott sein engel sendt mit dir,
der seine sach wol frdern wirt,
auff das dir nichts hieran gewirt,
darauff ich hab gethan die rheis.
Hans Tirolff Isaak u. Rebecca (1539) E 2a.


2))

swaʒ liuten arges ie gewar,
daʒ kumt von cleinen sachen dar. meisterlieder der Kolmarer handschr. 121, 38 Bartsch s. 485;

da geschach das, da der gantz halb tail in der stat verpran, da belaib das haus mitten jm feuwer das im nichtz gewar. (domus in medio ignis illesa permansit) Andreas v. Regensburg chron. v. d. fürsten zu Bayern 650 Leidinger. und gewurre dir niemer nüt, do dir n steteclichen ms gewerren und in trucke sin und liden. Tauler predigten (nach Straszburger handschr.) bei Charles Schmidt 144; etlich mainten, man möht fliehen in der verfolgung, die andern warn darwider, mainten, man solt's got walten lassen: wölt derselbig, das aim nichts gewüer (var. wider füer), dörft man nit fliehen; wölt aber got, das ainer gemartert solt werden, hülf kain fliehen nit, er müest wol dran. Aventin baier. chron. 2, 179) 4, 2, 897 Lexer.
 
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gewerrig, n. collectivbildung zu gewerr (s. d.). später belegt, als das auf ein entsprechendes adjectiv deutende gewerrigkeit (s. d.), legt diese form ein zeugnis ab für die lang anhaltendende sprödigkeit einzelner sprachkreise gegenüber den formen mit erhöhtem stammvocal; wenn sich die leinen an den grosz' und kleinen jagd-zeugen verschlingen, das es knoten und ander gewerrig giebt, welches wieder aufgeknüpffet und von einander gemacht werden musz, so heist solches aufgelöset, aber nicht aufgebunden. Joh. Aug. Groszkopff forst-, jagd- u. weidewerckslexicon (1759) 29.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
gewerrigkeit, f., substantivierung des unbelegten adjectivs gewerrig: zu denselben zeiten ist gewesen grosʒe zwitrecht und feintschaft der frsten und grosʒe gewerrigkeit in der heiligen christenheit der heiligen rmischen kirchen an dem christenlichen gelauben. Nürnb. chron. s. d. städtechron. 1, 350.
 
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gewersch, nebenform zu dem hessischen ganversch, vgl. Kehrein volksspr. in Nassau 1, 163.
 
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gewerteschin s. unter gewerzen.
 
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gewerth , verstärktes werth (s. d.).
1) zum substantiv vgl. die hauptform gewerde sp. 5617.
2) das adjectiv ist auf niederdeutschen gebrauch beschränkt, in dem es zwei hauptverwendungen entfaltet, eine auf das materielle zielende bedeutung und eine übertragene, vgl. pretiosus, dignus.
a) in der anlehnung an den begriff pretium mischt sich das adjectiv mit den gebrauchsformen des particips zu währen (s. d.)
α) 2 hole hildessemsche ... gulden ock vordan einen brunswickschen pennigk, wuwol se des nicht gewert weren: de dre brunswickschen pennigk weren beter in orer gewerde wan de krosse. Braunschw. schichtbuch d. städtechron. 16, 418. u. a. vgl. Schiller-Lübben 2, 103/4.
β)

beide wat, die behôrt noch min, nouwe ein holten sark
unde ein linnen laken gewêrt V schillink efte ein halve mark. Lübecker totentanz (tod zum herzog) 432 Baethcke, ähnl. 199. 842.


b) zum übertragenen gebrauch vgl.;

Lampe is gewert groter pine,
ik bin up ene so rechte gram. Reinke de vos 2862 Lübben, anders 3142 (wat is doch dit gewert?);

under twên wil ik iu den kore lân
den galgen edder dat swert
des lones sint gi wol gewert. Zeno 776 Lübben (charakteristisch die var.: des sit gi van mi ghewert, des sint gi wol wert).


 
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gewerthet, particip zu werthen (s. d.); in attributiven verwendungen vom neueren stil begünstigt: die seit

[Bd. 6, Sp. 5684]


F. Chr. Baur und seinem schüler Zeller als kirchliche tendenzschrift gewertete apostelgeschichte. Berliner tageblatt 16. 6. 1906 (1. beibl.)
 
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gewerzen, mundartliche weiterbildung eines in den mannigfaltigsten umdeutschungen überlieferten lehnwortes, vgl. DWB kawetscher teil 5, sp. 373, kabertschen, cowertschen, cowerzen, gowertschen Schmeller 12, 1215. in unserer form ist das mittellat. cavercinus, cawarsinus verhältnismäszig am wenigsten verändert (vgl. auch mittelhochd. kawerzîn mittelhochd. wb. 1, 793a, Lexer 1, 1532); auch die bedeutung lehnt sich enger an den ältesten gebrauch an. die übrigen formen zeigen die ursprüngliche bedeutung (ausländische, vor allem italienische kaufleute) meist in der richtung auf den begriff wechsler, wucherer verengt, so auch die sprachlich am nächsten stehende bildung gewerteschein, vgl.: Judaeos et usurarios publicos, quos vulgus vocat gewerteschin. urkunde Friedrichs I v. Oestereich (1156) bei du Cange 4, 64. unsere form dagegen entspringt in ihrer verwendung unmittelbar aus dem allgemeinen begriff des italienischen händlers, des Italieners: gewerzen, gewurtzschen, coverzi, italienische gewürzkrämer Westenrieder 1, 205. das wort knüpft auch hier wol an den umfassenden begriff des italienischen gewerbtreibenden an, die engere beziehung auf die gewürzkrämer war durch die praxis nahe gelegt und wurde durch das bestreben gefördert, das wort zu deuten.
 
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gewese, n. , verbalsubstantiv zu wesen (s. d.), aus niederdeutschem sprachgebiet um die mitte des 19. jahrh. in die schriftsprache übergedrungen mit verwendungen, für die in den entsprechenden mundarten vorher schon der substantivierte infinitiv wesen bezeugt war. es ist zu unterscheiden zwischen den functionen eines nomen actionis, die litterarisch nur aus F. Reuter belegt sind, und zwischen dem collectiv, vor allem in der sachbedeutung von anwesen, die bei norddeutschen schriftstellern neuerdings viel verbreitet ist.
1) als nomen actionis ist gewese in der verbindung mit machen (vgl. ein wesen haben, ein aufheben machen) belegt:

de tähn tausam! un tau de ogen!
mak doch nich glik so 'n grot gewes'!
Fritz Reuter (läuschen un rimels 1, 23) 1, 74 Seelmann.

vgl.gewes', DWB wesen, getreibe, umstand. Mi wb. der Mecklenburg. Vorpommerschen mnda s. 26. vgl. auch C. F. Müller d. Mecklenburger volksmund in Fritz Reuters schriften s. 37. für das fortleben dieser redensart in der umgangssprache zeugen auch neuere private mitteilungen aus Steinbeck bei Güstrow.
2) für das collectiv ist die beziehung auf personen nicht über den mundartlichen gebrauch hinausgekommen:

un äwer't feld dor kümmt 'ne kumpani
von lütte etendrägers ranne quöcht ...
un dörch de hogen stoppeln russelt
't oll lütt gewes' und kruppt un pusselt.
F. Reuter (kein Hüsung 4) 7, 47 Seelmann.

um so ergiebiger ist die sachbedeutung, auf deren zusammenhang mit dem nomen actionis der folgende beleg für gewesede licht wirft: wi ... hebbet verkoft ... den werten herren bisscop Lodewighe tho Monstere ... alle dat gut dat unse vader achter leith ... alle dat recht de ansprake unde de ghewesede de unse vader unde wi hedden. Münsterische urkunde von 1340 Niesert i, 2 s. 422; in ähnlicher weise zweigt auch der neuere gebrauch unseres substantivs unmittelbar von einer entwicklungsstufe des substantivierten wesen ab, an das sich gewese auch hier anlehnt, mit dem es sich (in pluralformen, vgl. sp. 5687) auch formell wieder berührt, vgl.: en wesen nennt der Hamburger einen garten oder sommerlogis ausser der stadt Schütze Holstein. idiot. 4, 357; vgl. auch (wesen ... in Danzig zur bezeichnung eines weitläufigen gebäudes, mit welchem eine art von hantierung verknüpft ist. er hat ein wesen in dem und dem dorfe, er hat eine kleine landwirtschaft Frischbier 2, 465. zwei hauptzüge ergeben sich für wesen; ein unbestimmter umfassender begriff, der das wort überall einbürgert, wo eine localität der kennzeichnung durch einfache vorstellungen wie haus, garten, feld widerstrebt, und ein zusammenhang zwischen der räumlichkeit und der thätigkeit, die sich in ihr abspielt (ein wesen haben). beide hauptzüge kehren auch bei gewese wieder. für das

[Bd. 6, Sp. 5685]


erste moment vgl. den gegensatz von DWB haus und DWB gewese in einem der jüngsten belege: in den wenigen stunden, die er im hause war, spaszte er oder ging unruhig durchs ganze gewese. Frenssen Jörn Uhl 105. zum zweiten moment vgl.: Sulla hat den staat reorganisirt, aber nicht wie der hausherr, der sein zerrüttetes gewese und gesinde nach eigener einsicht in ordnung bringt, sondern wie der zeitweilige geschäftsführer, der seiner anweisung getreu nachkommt. Mommsen röm. gesch. 22, 371. vgl. auch: er bekümmert sich zu wenig um das eigene gewese Frankfurter journal (1864) nr. 319 1. beil.
a) beide momente kommen bei ländlichen anwesen zur geltung, wo die wohnräume an bedeutsamkeit weit hinter den anderen gebäulichkeiten zurücktreten, auf denen (scheunen, ställe, garten, feld) das schwergewicht des betriebes ruht: gewese (sonst ein wesen) ackerhof mit zubehör von J. Grimm aus der Westphälischen zeitung angemerkt; mehrere landstellen, mühlen-gewese Weserzeitung (1853) nr. 3022; welcher ordnungsliebende landwirth, ... dem sein gewese ans herz gewachsen ist und der je einmal mit ansteckenden viehkrankheiten geplagt war, könnte sich wohl ähnlicher gefühle ... entschlagen. landwirthsch. annalen d. Mecklenb. patriot. ver. (1862) nr. 20; was aber sonst noch zu dem gesamtgewese der gärtnerei gehörte, ja die hauptsache derselben ausmachte, war durch eben dies kleine wohnhaus wie durch eine kulisse versteckt. A. Fontane (irr., wirr. 1) I, 5 s. 117; die frau hinten im garten ... beeilte sich nicht. unbekümmert ging sie mit einer hand voll geschnittener georginen und gelber ringelblumen nach dem teich zu, der ganz am ende des geweses lag und halb ihnen, halb dem nachbar gehörte. Ilse Frapan bekannte gesichter 98; etwas abseits vom weg lag, tief in den grund einer waldwiese gebettet, ein dunkler gebäudekomplex, an dessen äuszerster, dem wege zugewandter ecke ein kleines mattes licht ausglimmte. es mochte eine nachtlampe sein, denn auf dem ganzen gewese regte sich kein laut. Friedr. Jacobsen (waldmoder) daheim 31 (1895), 326b; zwischen dem Müller und Meierschen gewese lag ein schmaler wiesenstreifen. der lotse 1901 s. 140; ja er ging, wenn er sonst nicht wuszte wohin, in die scheunen und in die gärten, die an dem groszen gewese lagen. Frenssen Jörn Uhl 99; der alte führte ihn in alle winkel seines weitläufigen geweses und zeigte ihm jedes pferd und jede kuh. M. Bücking rector Siebrand s. 64.
b) in andern belegen tritt diese engere beziehung auf den ländlichen betrieb naturgemäsz zurück; ebenso verallgemeinert sich der gebrauch und trifft anwesen, in denen die baulichkeiten als solche die aufmerksamkeit auf sich ziehen; ja das wort wird schlieszlich zur kennzeichnung städtischer unternehmungen gebraucht.
α) desz ungeachtet folgte sie und liesz es geschehen, dasz ich mit dem manne, dem eigentlichen besitzer des geweses, eine unterredung begann. A. Brook Paul v. Kampmann (romanztg. 16, 1 s. 538b); er ist verkleidet hier gewesen und hat das gewese von Dittmar gekauft. Frenssen Hilligenlei 357.
β) und ehe noch irgend jemand an rettung oder hilfe denken konnte, stand das ganze gewese des reichen webers, das haus des nachbars Seltner und mehrere andere in vollen flammen. Ernst Willkomm die familie Ammer 552; vor fünfzehn jahren war das gewese (die Gielower mühle), nach einem brande, der neuzeit entsprechend eingerichtet worden. Leipziger nachr. 7. febr. 1893.
γ) 'der kleine krämer in der Süderstrasse, wo die Ostenfelder immer ihre nothdurft holen ... musz verkaufen' ... 'sagt mir nur', erwiderte sie hastig 'ist das gewese in der Süderstrasse noch zu kaufen?' Th. Storm Carsten Curator; oben in der Süderstrasse, weit hinter Heinrichs heiterem gewese, dort wo die letzten kleinen häuser mit stroh gedeckt sind, war jetzt ihre gemeinschaftliche heimat. ebenda; nun aber, mein herr präzeptor, müssen sie mich mit ihrem ganzen gewese bekanntmachen. ich find' es nur in der ordnung, dasz man im publikum überall von ihrem 'schlosz Rodenstein' spricht, denn wirklich, ihr gasthaus hängt wie eine burg am felsen. Fontane (Cecilie) 1, 4 s. 340; vgl. auch fabrik-gewese Bonner zeitung von 1899, s. Wülfing zeitschr. f. d. d. unterr. 15, 263.
 
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gewesen I, verb. , verstärktes wesen (s. d.). der defective gebrauch des einfachen verbums, das sich mit den

[Bd. 6, Sp. 5686]


stämmen von sein und bin in das verbum substantivum theilt (vgl. teil 10, sp. 228 ff. 2, sp. 31), bedingt auch für die mit dem präfix verstärkten formen zurückhaltung. dazu kommt noch für die althochdeutsche periode, die das verbum in mehr zeitformen heranzog als die neuere sprache (s. Graff 1, 1056), eine auffallende sprödigkeit gegen das präfix. dieses ist nur einmal überliefert: giwisit, restat. Monseer glossen u. a. z. Gregor, s. Steinmeyer-Sievers 2, 284. die mittelhochdeutsche zeit ist demgegenüber im vorteil, insofern sie das particip des prät. auftauchen läszt, das ausschlieszlich mit dem präfix belegt ist, vgl. DWB gewesen II und gewest. andererseits erleidet sie einbusze auf dem gebiet der präsensformen, die vom stamme sein erobert werden. mit dem präfix ist hier eigentlich nur der infinitiv belegt (als seltene zeugnisse für das part. d. präsens vgl. ein got der ie gewesende wart. Walther v. d. Vogelweide 5, 31 Lachmann; daz si in magt unphiuch, magt getrch, magt gebar, immer maget gewesende altd. pred. 1, 41 Schönbach), und dieser wird auch im rahmen der zusammengesetzten formen durch das concurrenzwort bedrängt (vgl. gesein sp. 4023). der indicat. und conjunct. des präteritums andererseits, die den stamm von wesen auch in der neuern sprache festhalten, haben sich nur vorübergehend als träger des präfix erwiesen.
1) die formen des präteritums (zum particip s. u.) sind vereinzelt im übergang zur mittelhochd. zeit mit dem präfix belegt; in der blüthezeit setzen die zeugnisse gänzlich aus und häufen sich erst wieder bei den nachzüglern und in der prosa des 14. und 15. jahrh.:
a)

dô ne gewas bî dem mer
weder sît noch êr
nechên sô stadehafter man. könig Rother 4873 v. Bahder;

dô man ir recht in dâ getete,
und sie zwêne an ir gebete
gewârin mit ir mâgin,
wen biʒ sieʒ genoc gephlâgin:
dô ritin sie ungebeitit. Athis und Prophilias D 121 W. Grimm;

dô der hêre Ênêas
alsô lange dâ gewas
und diu frouwe Dîdô.
H. v. Veldeke Eneit 58, 34 Ettmüller (var. was);

sente Fabianus was pabist ze Rome, und do er lange mit worten unde mit werkin der christenheit vor gewas, do wart er alse hte durch daʒ recht gemartert. pred. der Leipziger handschr. (177) Schönbach 1, 279, vgl. auch Pfeiffer myst. 1, 430.
b) die späteren belege weisen alle den gleichen typus wie die beiden letzten zeugnisse auf, gewas für das plusquamperf. in einem mit der zeitpartikel eingeleiteten nebensatze.
α)

und dô der selbe Balke
meistir in dem lande zwâr
gewas unʒ in daʒ sechste jâr,
als ich gesprochin hab ouch ê,
und er nicht vermochte mê
der arbeit, do vûr er auch wider
kein dûtschin landin.
N. v. Jeroschin 5678.

ebenso Ulrich v. Thürheim Willehalm 259a u. a. vgl. auch mittelhochd. wb. 3, 768b; und dô si dâ gewâren lange zît, dô wart geoffinbâret sancte Ursulen. mystiker 1, 223 Pfeiffer; ebenso 1, 99; dise gezierde frt er mit ime enweg gein Sicilien. und do er uf sehs jor do gewas, do wart er in eime bade erslagen. Königshofen, s. d. städtechron. 8, 394.
β) eines der spätesten zeugnisseallerdings der gebundenen sprache entstammendzeigt das präfix wieder beim präteritum des hauptsatzes:

keines kauffes ich nie froer gewas Alsfelder passionsspiel 3193 Grein.


2) für den infinitiv liegen aus der classischen zeit mittelhochdeutscher dichtung belege vor; in der erstarrten form der substantivierung erreicht er überdiesz die neuere sprache.
a) als verbalform ist der infinitiv mit dem präfix nur neben dem hilfsverb mugen belegt.
α) die verbindung mit einem adjectiv, die auf die bedeutungsenergie des verbums vor andern drückte, scheint trotzdem das zusammengesetzte verbum zu begünstigen:

macht dû mir dar zuo guot gewesen (var.: wesen)
ich engân dir niemer nihtes abe,
die wîle und ich daʒ leben habe.
Gottfried v. Strassburg Tristan 1234 Marold;

[Bd. 6, Sp. 5687]



eim ungefriunten knehte
enmöhte baʒ gewesen niht.
Konrad v. Würzburg Engelhard 1559;

sit si (die pfaffen) nach rehte niht entuont,wie möhte dan ein leie guot gewesen.
Meister Stolle (13) bei von der Hagen 3, 6a;

wa man sie ir hende legen siht
uf siechen hin, die sint genesen,
wie siech sie mogent joch gewesen. ev. v. St. Paul 71a Schönbach (Marc. 16, 18);

golt ... silber ... edels gesteine und ... alles alzumal, das teuer gewesen mag uf erden. Johann v. Neumarkt übers. des lebens des heil. Hieronymus (66) 62 Benedikt; de in god den heren sint ghevestiget u bestediget de en konen neuerleiwijs homodich ghewesen. Thom. a Kempis van der nauolghinge Jhesu Kristi (1489) buch 2 cap. 10.
β) verwendungen, die zwischen verbum und subject keine nähere bestimmung aufnehmen:
1)) die engste verbindung von verbum und subject, in der das verbum mehr nur grammatische functionen ausübt, läszt das präfix nur selten zu:

eʒ mag hie weder tac noch vride
gewesen zwischen mir und in.
Joh. v. Würzburg Wilhelm v. Österreich 4655 Regel.


2)) anders in lockeren verbindungen, in die das verbum mit der vollen bedeutung der existenz eintritt:

daʒ er niht bischof mohte sin
wand die alde e hat also
beschriben in Levitico,
daʒ kein bischof mac gewesen
ane ganz gelit irlesen. das buch der Maccabäer (prolog auf Hyrcan.) 13643 Helm;

du warest mit mir und ich was niht mit dir und etleiche dink machten mich verre von dir, di niht gewesen mohten, wenn in dir. (quae esse non poterant nisi in te). Johann von Neumarkt übers. der Pseudo-Augustinischen soliloquium (31) 74 Sattler; das ich an dich iht verderb, an den ich mit nicht mag gewesen (sine te esse non possim) 35 (14);

kein ganze kunst mac niht gewesen âne der liehten ougen rôt. meisterlieder der Kolmarer handschr. 99, 50 Bartsch s. 440;

sô spricht er wie daʒ müge gewesen
daʒ ein dinc sî wol daʒ beste und das bœste besunder. 136, 5 Bartsch s. 508; ebenso Alsfelder passionsspiel 1565 Grein; ähnlich 5058;

er hiesʒ von dem tode uff stan
Lazarum einen toden man
und liesz en widder genesen:
das mocht von nicht gewesen
dan von dem waren godes degen. Alsfelder passionsspiel 2539 Grein.


b) die substantivierung ist auch an gewesen in den beiden hauptformen belegt, die am substantivierten wesen zu beobachten sind: in der abstracten bedeutung der existenz und in der übertragung auf die räumlichkeit, in die sie eingeschlossen ist.
α) vielleicht werd' ich noch ein paar mal verwandelt, ehe ich das bewusztsein meines ganzen gewesens erhalte und die kette übersehe, welche ich hinauf ging. Hippel (lebensläufe 3, 2) 4 (1828), 174.
β) das gewesen des alten Jem Bork ist ein opfer der letzten sturmfluth geworden. H. Smidt meeresstille 26. bei demselben (das dünendorf) der plural gewesen vgl. oben sp. 5684.
 
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gewesen II , auf deutschem boden ist das part. prät. von wesen eine neuschöpfung der mittelhochdeutschen zeit und dort anfangs nur spärlich belegt. die hauptformen seines gebrauches, die in die neuhochd. periode fallen, hat es nicht so sehr im dienst der grundbedeutung seines verbums entwickelt, als vielmehr im drange der bedürfnisse, die das ausgebildete system der tempusumschreibungen neu geweckt hatte. die älteren belege allerdings hängen noch nicht mit der perfectumschreibung zusammen, in deren rahmen der neuere hauptgebrauch fällt, und bei der es auch in den anderen sprachen die nächsten parallelen findet. am frühesten ist das particip vielmehr neben solchen verbalformen bezeugt, denen die fähigkeit ein zeitverhältnis zum ausdruck zu bringen, abhanden gekommen ist oder überhaupt mangelt, wie dem conjunctiv präteriti und dem infinitiv. die weitere entwicklung, in die der wettbewerb der formen gewest (s. d.) und gesein (sp. 4025) hemmend eingreift (vgl. teil 10, sp. 248 ff.; vgl. auch im deutschen sprachatlas unter gewesen [satz 9]), kann hier nur soweit gestreift werden, als dies zum verständnis des bedeutungswandels

[Bd. 6, Sp. 5688]


an der verbalform notwendig ist, der auch in den attributiven functionen durchschlägt, die das particip der kategorie der adjective nähern.
1) das particip im dienste der tempusumschreibung: ist gewesen, war gewesen.
a) als älteste belege (vgl. mhd. wb. 3, 765b ff. Grimm gramm. 42, 187 ff.) kämen die zeugnisse aus dem könig Rother in betracht, wenn der überlieferung hier zu trauen wäre. in dem einen falle, der durch varianten zu controlieren ist, handelt es sich um das particip gesîn (hette der der sô nâ gesîn 1798), nicht um gewesen; die lesarten lassen überdies eine andere fügung als ursprünglich voraussetzen; für den zweiten fall ist ebenfalls zu vermuten, dasz unsere umschreibung auf jüngerer erweiterung fuszt:

sie nimit michil wunder,
daʒ dû sô manige stunde
in desseme hove heves gewesen
unde sie newoldis nie gesên. könig Rother 1991.

der gleiche zweifel ist für den beleg aus dem herzog Ernst 3532 berechtigt. ebenso gehen in den beiden stellen des Nibelungenliedes die lesarten auseinander:

'nune sol der videlaere lenger niht genesen'.
Hildebrant der küene, wie kunde er grimmeger sîn gewesen? 2223, 4 Lachmann nach A (kunde grimmer niht gewesen bei Zarncke 349, 5); ebenso 2232, 4.

die Donaueschinger handschr. hat die junge fügung nur in einer plusstrophe:

waeren die kristen liute wider si niht gewesen,
sie waeren mit ir ellen vor allen heiden wol genesen. 350, 4 Zarncke.

übereinstimmend sichern die lesarten dagegen den gebrauch in Hartmanns Iwein, in Wolframs Parzival, bei Gottfried v. Strassburg, die alle jedoch nur wenig belege stellen. diese dehnen sich erst bei den nachzüglern aus, so schon bei Konrad v. Würzburg.
b) in den ältesten gebrauchsformen ist der conjunctiv praeteriti bevorzugt, der in den besonderheiten des modalen gebrauches immer mehr die temporale ausdrucksfähigkeit einbüszt. ähnliches gilt für den infinitiv, dem eine solche überhaupt mangelt, der aber andererseits immer mehr der zeitstufe des präsens zugerechnet wird. für den indicativ des präteritums sind die belege anfangs spärlich.
α)

dem was ein bette gereit
des waere gewesen vrô
diu gotinne Jûnô Iwein 6443, ganz ähnl. 2048. Parz. 455, 5, ebenso Willehalm 370, 19; Wigalois 7361; 10684; troj. krieg 749;

sone stuont doch anders niht sîn muot
niuwan ze belîbenne dâ.
waer er gewesen anders wâ,
sô wolder doch wider dar. Iwein 1718; ähnl. 4352, ebenso
K. v. Würzburg troj. krieg 15975, desgl. vgl.
Grieshaber predigten des 13. jahrh. 2, 36;

vôr wâr ek hebbe gelesen,
in êner stat hadde gewesen
wônhaftlich ên beschêden man. vom sunte Marinen 24
C. Schröder s. 26.


β)

er hieʒ grôʒ fiur bereiten
und sie des endes leiten,
daʒ man sie verbrande.
daʒ solte en eime sande
gewesen sîn vor der stat.
K. Fleck Flore u. Blanscheflur 7007 Sommer; ebenso 6322 (wolte sîn gewesen; var.: wolde hân gewesen) dazu vgl. Nibel. 2223, 4; 2232, 4;

er sprach: 'schlt ir mich erben,
iu mht kum uf minen tot
gewesen sin also reht not!
Joh. v. Würzburg Wilhelm v. Österreich 5312 Regel;


γ) das eindringen der umschreibung in die formen des indicativs.
1)) voran steht das bedürfnis, bei vorgängen, die einander zeitlich folgen, dem ersten diese priorität zu wahren:
a)) für die zeitstufe des plusquamperfects:

der alte brût degen
der was gewesen und erwegen
drje manot und ein halbez iâr
untzer gefrumet vil gar
des in die herren baten.
Wernher Maria 133 (fundgruben 2, 184);

ebenso 179; 212; genau so Gottfried v. Strassburg Tristan 13132; Konrad v. Würzburg troj. krieg 4490; unsere vorderen, die her to lande quamen und die Doringe

[Bd. 6, Sp. 5689]


verdreven, die hadden in Allexanders here gewesen. sachsenspiegel 3, 44 § 2 Homeyer (Leipz. handschr.: geweset).
b)) für die zeitstufe des perfects:

unde sprak: 'Blankeflos, vil leve mîn,
dit messet heft gewesen dîn,
dit klenode hestu mi gegeven,
darmede wil ik mi nemen dat leven!' Flos und Blankeflos 402 Waetzoldt;

ich bin der werden minne gote
gewesen widerspænic,
nû wil ich undertænic
im werden hie mit triuwen.
Konrad v. Würzburg troj. krieg 16632 f. Keller;


2)) in den fällen, in denen ein vorgang nicht als durch spätere geschehnisse verdrängt, sondern in sich als abgeschlossen gekennzeichnet wird, dient das particip nicht so sehr der tempusumschreibung als vielmehr einer zeitanschauung, die dem particip in gewissen verwendungen einen bedeutungsinhalt erwachsen läszt, vgl. sp. 5690.

si sint gewesen mit solher wer,
sit Roaʒ der lande pflac,
daʒ sin gewalt da ringe wac.
Wirnt v. Gravenberg Wigalois 8596 Benecke;

aber als ich gesprochen hân,
daʒ sî niht rehte haben gelesen,
daʒ ist, als ich iu sage, gewesen:
sine sprâchen in der rihte niht,
als Thômas von Britanje giht.
Gottfried v. Strassbusg 148 Marold;

sô tumber sinne wart ich nie,
daʒ ich alse hôhe wæge mich.
ich bin dâ her gewesen ie,
daʒ nie man unhôher dûhte sich.
der von Gliers Bartsch, schweiz. minnes. 202, 41;

lebt von der Vogelweide
noch mîn meister hêr Walthêr.
der Venis, der von Rugge, zwêne Regimâr,
... lîhte vinde ich einen vunt
den si vunden hânt, die vor mir sint gewesen:
ich muoʒ ûʒ ir garten und ir sprüchen bluomen lesen.
Marner 14, 18 Strauch s. 114.


3)) freilich können aus dem mittelhochdeutschen material nicht alle belege in dieser richtung gewertet werden, da die reimbindung mit einwirkt; gewesen ist meist auf genesen (vgl. auch Nibel. 2223, 4; 2232, 4; Iwein 2048. 4352. Parzival 769, 8, Reinmar minnes. frühl. 164, 31) oder lesen gereimt:

nû bin ich ie mit iu gewesn
und muoʒ ouch noch mit iu genesn. Iwein 1951;

genau so R. v. Ems Barlaam 157, 33 Pfeiffer.

in disen bœsen ungetriuwen tagen
ist mîn gemach niht guot gewesen:
wan daʒ ich leit mit zühten kan getragen
ichn könde niemer sîn genesen.
Reinmar der alte minnes. frühl. 164, 31.


4)) in den belegten verwendungen stehen sich die verba haben und sein (wesen) als begleiter des particips gegenüber. haben wird in den mittel- und niederdeutschen quellen ebenso bevorzugt, wie in den verwandten sprachen, und es hat nach Paul (abhandl. der bayr. akademie phil.-hist. classe 22 abt. 1 s. 205) als begleiter der imperfectiven verba auch anspruch auf diesen platz. sein (wesen) andererseits kommt der neigung entgegen, hülfsverb und particip einander anzugleichen, es bildet die regel in den oberdeutschen denkmälern und greift von da auch in das mitteldeutsche gebiet über. die beeinflussung des einen gebrauchs durch den andern spiegelt sich in den lesarten der überlieferung und im schwanken einzelner stilisten wieder (vgl. oben zu Flore 6322 u. a.) vgl. Grimm a. a. o. s. 188. die schriftsprache hat als hilfsverbum sein durchgeführt, die niederdeutschen mundarten halten an haben fest.
c) die umschreibungen mit dem particip gewesen betreffen fast ausschlieszlich verbindungen mit einem adjectivischen prädicat oder mit einer adverbialenvor allem localenbestimmung. seltener greift die umschreibung in die verbindung mit einem particip ein:

ich bin begraben gewesen. troj. krieg 16937;

J. Grimm (a. a. s. 188 anm.) beschränkt diese fügung auf bestimmte fälle der passiv-umschreibung, sie findet sich aber auch bei intransitivem gebrauch: aber Christus ist damals noch nicht komen gewesen, sondern alleine verheissen. Luther (pred. über d. 2. buch Mose. 1524—27) 16, 52 Weimar.
d) der bedeutungsgehalt, den das particip von seiner sippe her mitbringt, hat sich in den functionen der tempusumschreibung

[Bd. 6, Sp. 5690]


verflüchtigt. es sind nur wenig verwendungen, die ihn festhalten, so die verbindung mit zeitadverbien, vgl. post festum venisse, du pist z lang gewesen. G. Harrer sprichwörtersamml. (1515) s. zeitschr. f. deutsche philologie 36, 130. ähnliche bedeutung entwickelt sich auch im folgenden, einem der seltenen belege für die verwendung des particips in der apposition:

o adler, der mit krafft bisʒ in das grab gezogen,
und wider mit gewalt und macht herausʒ geflogen,
sitzt uber alles nun. o schlang' ausʒ ertz gemacht,
... gewesen von begin, von aller zeit und jahren.
Opitz (Heinsius lobgesang auf Jesus);

vgl. dagegen:

die stat in der wiltnisse lac
wuste gewesen manchen tac,
die wurden sie wider vesten. das buch der Maccabäer 4438 Helm (i, 9 v. 62);

die entscheidende richtung für die bedeutungsentwicklung gewinnt gewesen aus der zeitanschauung, die ihm in seiner eigenschaft als particip anhaftet. die bedeutungsmerkmale, die es in der perfectumschreibungin der kennzeichnung abgeschlossener, der vergangenheit angehörender, vorgängeentwickelt, beleben und erfüllen den eingeschrumpften körper mit neuem gehalt; vgl. DWB gewesen, qui quod fuit, praeteritus Aler 936a; gewesen, praeteritus Steinbach 2, 983; ebenso Kirsch 180a; Matthiae 2, 181a;

nichts sein, wenn man nichts war, erträgt sich leicht,
doch nichts mehr sein, gewesen sein.
Schiller Wallensteins tod (1, 7 var.) 12, 231.

ins grab! die schaufeln her! er sei gewesen!
H. v. Kleist (Käthchen 2, 8) 2, 227 Erich Schmidt;

wo sind sie all, die wechselnden geschicke,
der erdenpilger kurzes lebensglücke?
auf diesen grabeskreuzen kannst dus lesen:
— 'gewesen!'
K. Gerok palmblätter 25 97;

das
sind träumerei'n; seid doch nicht thöricht! was
gewesen, laszt's nun ruh'n.
F. Blanc auf dem erbgute (1897) s. 10;

vgl. DWB gehen sie ... gewesen, gehen sie ... es ist abgethan. Berliner redensart aus der 1. hälfte des 19. jahrh.; gewesen ist gewesen Wander 1, 1653;
2) auch in der attributiven verwendung macht sich der gleiche gegensatz geltend zwischen der bloszen function im dienste der tempusumschreibung und zwischen dem ausdrucksmittel für die zeitanschauung der vergangenheit. die erste gruppe, so mannigfaltig und so gut belegt sie auch ist, fällt mehr in das gebiet der syntax, während die zweite die abstufungen des bedeutungswandels aufzeigt, je nach der eigenart des trägers, an die das attribut sich heftet.
a) in den verwendungen, die enger an die tempusumschreibung anknüpfen, dient das particip vor allem der angliederung von bestimmungen, die sich nicht ungezwungen in die kategorie der adjective überführen lassen. daneben macht sich auch bei ihm, wie bei dem oben in der tempusumschreibung beobachteten particip die fähigkeit geltend, an verbalformen eine zeitstufe zum ausdruck zu bringen, die diesen abhanden gekommen ist oder ganz mangelt.
α) mein naturell ist nicht also leichtsinnig und wandelbar, dasz so bald ich von einem vormahls gewesenen freund beleidiget worden, ihm zur stund alle freundschaft auffsage. wahrhafte widerlegung der ungegründeten ursache, die Andreas Wigand ... vorwendet. Mayntz 1672, vorrede; als Fabricius Lucinus den zwei mal gewesenen bürgermeister Cornelius Ruffinus als einen verschwender aus dem rathe stiesz, weil er zehn pfund schweres silbergeschirre gekauft hatte. Lohenstein Arminius 1, 180a; so ist doch anderseits wieder kein grund, als unmöglich auszusprechen, dasz schon heute ein bisher unbekannter dichter lebe, der in einem schon morgen erscheinenden werke beide (Schiller u. Göthe) und alle bisher gewesenen dichter überbiete. Grillparzer (stud. zur deutsch. litt.: über Gervinus) 185, 22; der unter den hessischen truppen als hauptmann in Amerika gewesene hr. H. sandte von dort aus manche nachricht an Schlözer, welche dieser in seinem briefwechsel benutzte, und unter H's namen einrückte. Kästner kl. prosaische aufsätze 1, 45; folgen einer in der vorzeit wirklich vorhanden gewesenen ... staatskunst. Pestalozzi (Lienhard u. Gertrud 4, 87) 43, 372; sie erhielt befehl zum vorgehen und nahm jetzt die tete, während die schon im feuer gewesenen divisionen aufschlossen. Th. Fontane (vor dem sturm 47) I, 1 s. 514.

[Bd. 6, Sp. 5691]



β) sollte aber ein soldat bei versammeltem kriegsvolke laut beschwerde führen ... so soll er ... mit erschieszen, sonst aber nach bewandnisz der aus seinen aeuszerungen zu entnehmenden absicht und des gestifteten oder zu erwarten gewesenen schadens, mit ein- bis mehrjähriger vestungsstrafe bestraft werden. preusz. kriegsart. v. 1808 (art. 11), s. gesetzs. s. 255; diese worte ... richteten sich in wirklichkeit gegen seinen dreimal verheiratet gewesenen vater. Fontane (der Stechlin 1) I, 10 s. 8; indem er ... überlenkte ... auf den ihm persönlich befreundet gewesenen fürsten Pückler-Muskau. (frau Jenny Treibel 7) I, 8 s. 88. die letzten beispiele können als zeugnis dafür gelten, dasz das sprachgefühl dem part. prät. immer weniger temporale ausdrucksfähigkeit zugesteht gegenüber den functionen in der passiv-umschreibung.
b) aus solchen periphrastischen verwendungen entwickelt sich der absolute gebrauch des particips, der mit der parallelle gewesen, praeteritus neue bedeutungsgruppen streift. in der engeren verbindung mit bestimmten substantiven (mit appellativen) wird das particip in das titel- und formelwesen des ältern stils hineingezogen und wird dort wie das adverbiale weiland von seiner sippe isoliert. je nachdem der begriff der vergangenheit auf den träger des appellativs oder enger auf die lebensstellung gerichtet ist, die dieses kennzeichnet, entwickeln sich bedeutungsgegensätze in der richtung von gestorben einerseits, verabschiedet, entlassen andererseits. manche zusammenhänge verzweigen den begriff noch in weiterer richtung, während andere verbindungen wiederum der allgemeinen bedeutung vormalig, früher zustreben. der neuere gebrauch neigt deutlich wieder einem selbständigeren gebrauch des particips zu, dessen verbalkraft wieder stärker zur geltung gebracht wird.
α) wie bemerkt, hängen diese bedeutungsunterschiede wesentlich davon ab, ob der im particip ausgedrückte begriff der vergangenheit mehr dem träger des appellativs oder dem lebensverhältnis gilt, das durch das appellativ gekennzeichnet wird. die grenze ist hier meist sicher zu ziehen; nur selten, dasz beide auffassungen möglich sind: die wittwe Ludwig Capets, gewesenen königs der Franzosen. L. Y. v. Buri Marie Antoinette (d. schaubühne bd. 64 s. 42); auch hier lassen sich lockere fügungen nachweisen, die dem späteren conventionellen und formelhaften gebrauche vorausgehen: Homeri ... Odissea ... verdeutscht durch den achtb. u. wolgel. herrn m. Simoni Minervium, etwan gewesenen stattschreiber zu München ... 1570; buch Nicolai Engelmanns etwan gewesenen Maintzischen küchenmeisters des ertzbischoflichen hoffs zu Erffurt, über allerhandt desselben hoffs einkommen. (titel) bei Michelsen der Mainzer hof in Erfurt 15.
1)) engere beziehung des begriffs der vergangenheit auf den träger des appellativs: gewesen = verstorben.
a)) bei berufstiteln, die ausschlieszlich eine lebensstellung kennzeichnen:
α)) sie sei kurtz hernach ... in gestalt einer tauben erschienen, so dasz sie dem volcke leichtlich einreden knnen, es wrde unter dieser gestalt von jhrer gewesenen königin besuchet. Opitz übersetzung von Barclays Argenis (2, 5, 3) 2, 262; der gewesene churfürst von Baiern, le cidevant electeur de Bavière Rädlein 1, 383a, ebenso Schwan 1 (1783), 745a; der gewesene könig ... de gewezene, de voorleden, de' wyles koning Kramer 2, 97a.
β)) sie wiese mir auch auf derselben des gewesenen schiff-admirals Reyters seinen leichen-stein. Chr. Reuter Schelmuffsky 60 neudr.; her Caspar Carass gewesener probst und suffraganeus zu Ollmücz. urk. von 1651 bei Meitzen urk. schles. dörfer 103; alle weilandt Matthes Schayken seeligen gewesenen scholtissen hinterlassenen mundigen und unmundigen kindern. schöppenbuch von Krampitz (1615) bei Meitzen urk. schles. dörfer 231; George Rettigs gewesenen scholzes gut. (1638) s. 98; von diesem und obigem gebürge sagt Maria Abels (gewesenen bergmeisters) tochter, eine frau von 66 jahren, ausz, dasz ... (Kirchmaier) inst. met. wolgemeintes bedenken 99; Aegidii Tschudi gewesenen land-ammanns zu Glarus chronicon. hg. von Iselin 1734 ff.; demnach Hanns Schimmel der eltere gewesener pauer zum Dombsel bereits anno 1676 im december ohne einig disposition, wie es mit seinem erbe und vermœgen nach seinem tode solle gehalten werden, hinter sich verlassen,

[Bd. 6, Sp. 5692]


seelig verstorben. schöppenbuch v. Domslau (1677) bei Meitzen urk. schles. dörfer 114; demnach ... des Michael Laches gewesenen pauers daselbst hinterlassenes gutt erkaufft. ebenda 112; actenmssige relation, wie es mit des gewesenen Müllers zu Fockendorff ... Thomae Langens entleibung zugangen. Pistorius thesaurus parvus (1716) 47.
b)) wo es sich um ein lebensverhältnis handelt, trifft das particip mit dem begriff der vergangenheit meist nur dieses. eine engere beziehung auf den träger scheint hier nicht beliebt; beachtenswerth ist in dieser richtung ein neueres beispiel, das mit solcher auffassung spielt (s. u.).
2)) das particip in engster verbindung mit dem appellativ: die vom letzteren gekennzeichnete berufsstellung oder das persönliche verhältnis wird als aufgehoben bezeichnet. im conventionellen gebrauch nimmt gewesen die bedeutung entlassen, verabschiedet an, allgemeiner tritt das particip mit den begriffen ehemalig, früher in parallele.
a)) neben berufstiteln, die nur der kennzeichnung der lebensstellung dienen, streift das particip verschiedenartige bedeutungsgruppen, je nachdem der zusammenhang auf entsetzung, abschied oder beförderung deutet.
α)) Hecuba, die trojanische gewesene königin Opitz (Trojanerinnen) 1, 262; am mittwoch nach palmarum schriebe der hochmeister und der gewesene compter zum Elbing, der von Plauen, an die ... stadt königsberg. Schütze Preuszen (1599) 115b; Eristenes, der gewesene schatzmeister welchen jhr gefnglich haltet, hat disz armbandt unter seinen hnden gehabt. Opitz übersetzung von Barclays Argenis (2, 15) 1, 301; umb welcher willen der gewesene domprediger J. Reineccius plötzlich seines dienstes entsetzet worden. J. Reineccius proemium veritatis 1623 titelbl.; der gewesene oder abgesetzte richter, the late or deposed judge. teutsch-engl. wb. 772; gewesener oder verlauffener kaufmann, a bankrupt. ebenda; 'so? ein küster. er hat in der that etwas von dem halbgeistlichen wesen, das diesen beamten anzuhaften pflegt'. 'nur gewesener küster' ergänzte jener seine mitteilung 'er wurde entlassen'. H. Hoffmann der eiserne rittmeister 2. cap.
β)) Christina, gewesene königin von Schweden. personenverzeichnis zu Zschokkes graf Monaldeschi; der gewesene burgermeister, der altburgermeister, consularis, exconsul, qui consulatu abiit. Henisch 1598, ebenso Aler 936a; kurtzer begriff der kriegskunst von der infanterie ... nach hochfürstl. Waldeckischer manier von Christian Winckern, gewesenen lieutenant ... recommandiert. Nürnberg 1689; Carl Ernst, prinz von Curland ... gewesener Russisch kaiserl. general kalender auf d. jahr 1802 (Berlin, Unger) O.

ich, ein gewes'ner eidgenössischer soldat,
der auf der tagesatzung mit gestanden hat,
und, was er satzen half, mit gut und blut vertrat
Zacharias Werner 24. febr. s. 7 Minor;

eine petition des gewesenen soldaten X. protokolle der bad. 2. kammer 1. juni 1835; von vornehmer geburt und ein gewesener reiteroffizier, brachte er sich geschickt und redlich durch und fügte sich in die bescheidenste lebensart. Gottfried keller grüner Heinrich 3, 244; dem verfasser (des lustspiels 'das heirathsnest') lagen als gewesenen oberlieutenant diese verhältnisse ... nahe nationalzeitung, dez. 1894; gewesener landwirt sucht beschäftigung in ... ertragsberechnung kleiner und grosser güter deutsche zeitung, nov. 1906 anzeigetheil.
γ)) den 30 mai trat herr Joh. Sebastian Bach, gewesener capellmeister in Cöthen, sein erlangtes cantorat an. Riemer Leipz. taschenbuch bei Wustmann, quell. z. gesch. Leipz. 1, 435; H. v. Villars, gewesener groszcomthur, jetzt ältester und seneschall des ordens. Zacharias Werner söhne des thals 1. personenverzeichnis.
b)) wo die berufsstellung zugleich auf einem persönlichen verhältnisse zu andern beruht, ist das particip meist auf die eine aufgabe eingegrenzt, diese verhältnis als abgegeschlossen zu kennzeichnen: gewesen = ehemalig: dasz er wer wie seine gewesene zuchtpfleger, welche wie er, das pfleg kind, warn. Fischart Gargantua 251 neudr.; solte es aber die rose sein, musz ich eüch sagen, dasz monsieur de Polier meine geweszene hoffmeistein von dieszer krankheit courirt mitt nichs, alsz ihr viel gläszer waszer

[Bd. 6, Sp. 5693]


zu drincken geben. Elisabeth Charlotte an Louise v. d. Pfaltz. 1706 (Stuttg. litt. verein 88, 479); schreibe er mir die antwort auf einen brief, den ich von meinem gewesenen obristen bekommen habe. A. F. v. Brühl die rache (dtsche schaub. bd. 54) s. 10; bei welchen acten mein gewesener herr, der hänfer, den zehenden, der hanff-schauer den elfften ... das kauffhaus den sechzehenden ... gewinn bekamen. Grimmelshausen Simpl. (continuatio 1, 6, 12) 2, 891 Keller; mein gewesener principal, der mich, nach meiner flucht, weit weniger strafbar fand, als er vermuthet hatte, war ... ausgesöhnt. J. C. Brandes lebensgeschichte 1, 128; 'genug, du bist aus dem dienste' (versetzte der hofschulze) ... der rothhaarige bat hierauf seinen gewesenen herrn nur um die vergünstigung noch ein paar tage im hofe bleiben zu dürfen. Immermann Münchhausen 7, cap. 1; ein armer schumacher, der vormals einen der schauspielplätze, und jetzt das haus bewachte ... theilte obdach und spärliche nahrung mit dem sohn seiner gewesenen herrschaft. F. L. W. Meyer Schröder 1, 45. ein gldin oder silberin beckin haben, bedeut einem, dasz er seine gewesene magd werde zur ehe nemmen oder beiwohnung mit jhr haben (θεράπαιναν ἀπελευθερώσαντα. ancillam post manumissionem) traumbuch Artemidori (3, 27) übers. von Ryff (1570) 144a; doch damit ihr ein zeichen der übrigen unverdienten gnade erkennen möget, so soll herrn Bonifacii schon allhier nicht zum kurzweiligen sondern zum krzlichen rathe gemacht, und mit der kammerfrau ihren gewesenen kindermädchen vermählet werden. Christian Weise Tobias und die schwalbe (4, 9) 93 Genée; der alte könig rief seinen sohn und offenbarte ihm, dasz er die falsche braut hätte, die wäre ein bloszes kammermädchen, die wahre aber stände hier, als die gewesene gänsemagd. Grimms märchen 2, 24 (die Gänsemagd); und lud den jüngling, sowie Addrichs gewesene magd zur theilnahme am bereiteten morgenessen ins stübchen ein. Zschokke (Adderich im moos 47) 4, 390; Fidele, Edward, Schlampampe(s) gewesene hausz-pursche. personenverzeichnis zu Reuters der ehrl. frau Schlampampe krankheit und tod; dieser rath deuchtete mir nicht unrecht zu sein, derowegen folgte ich demselben auch, und sendete zwene bothen aus, meinen gewesenen diener, oder nur denselben weg, welchen er auf seiner flucht ergriffen habe, zu erforschen. der Göttinger student auf der Plesse 1 (1748), 174; allein so wenig seine landsleute damit zufrieden waren, eine neue fürstinn ihrer Fancyful an die seite gesetzt zu sehen, so miszvergnügt waren Atomeus gewesene unterthanen darüber, indem sie ihre königinn viel höher schätzten, als sie mit jener vergleichen zu lassen. Kästner (nachrichten aus der philos. historie ... 1744) 3, 248;
c)) ähnlich begrenzt ist der spielraum des particips auch neben appellativis, die ein freundschafts- oder liebesverhältnis kennzeichnen: Satiro. gewesener liebhaber der Corisca Hoffmannswaldau personenverzeichnis zum getreuen schäfer; von dem augenblick an ... hörte auch meiner alten gewohnheit nach, alle gemeinschaft zwischen uns auf ... ein betragen, wodurch ich meinen gewesenen hohen freund zu bittern klagen über meine undankbarkeit berechtigte. Wieland (Peregrinus 8) 28, 162; gehet es ihnen aber nicht nach ihren kopff, also dasz die gute dirn ihren kopf aufsetzt, und den armen verliebten kein gehör giebt, ... da ist kein meer so ungestüm, kein blitz so schrecklich ... kein krott so abscheulich, und kein drach so grausam, als sie alsdann ihre gewesene liebste abmahlen. Grimmelshausen wieder erstand. Simpliciss. (3, 1: satyr. Pilgram 2, 3) 3 (1713), 74; frau v. Mirnau, gewesene favoritin des fürsten. personenverzeichnisz zu 'der heutige ton' (dtsche schaubühne bd. 16); so erlaube ich auch der Orsina ... ihre verhönung des Marinelli ... wenn sie nicht den mund öffnet, wer soll ihn öffnen? und sie darfs, die gewesene gebieterin eines prinzen. Herder (briefe zur beförderung der humanität 3. samml. 37) 17, 186 Suphan; unterdessen aber, dasz ich mich in meiner vater-stadt aufhielte, bekam ich von meiner gewesenen affection einen ziemlich nachdrücklichen brief, worinnen sie mir meine untreue unter augen stellte, indem ich heimlich und ohne abschied von ihr abgereiset wäre,

[Bd. 6, Sp. 5694]


und sie verlassen hätte. der Göttinger student auf der Plesse 1 (1748), 67; jedoch er (der vater) wurde zuletzt durch gute worte noch dahin vermocht, dasz er sich zufrieden gab, und mit meiner gewesenen courtisanin in unterhandlungen trat. 1, 70; ich bin seine nachbarin, kindergespielin und gewesene braut und ihm nachgelaufen, ohne dasz er's weisz. G. Keller (Züricher nov.) 6, 410;
d)) appellativa, die ein verwandschaftsverhältnis kennzeichnen, sollten in dieser gruppe eigentlich nicht vertreten sein, da solche verhältnisse ja nur durch den tod gelöst werden. die einschlägigen belege erweisen sich auch als ausnahmefälle und führen teils auf übertragenen gebrauch zurück, teils auf freie construction, insofern das particip einem substantiv angegliedert ist, von dem es nur einen teil attributiv begleitet:
α))

(vollzieher:) wohnt hier messer Jaffier, ein edelmann
... und dessen ehefrau,
gewes'ne tochter des gebietenden
senators Griuli?
(Belvidira:) gewes'ne tochter
so ist mein vater tot?
(v.:) vielmehr ganz wohl
er präsidierte gestern dem gericht
und diese schrift trägt seinen namenszug.
(B.:) wie dann gewes'ne tochter?
(v.:) fragt euch selbst
und stört nicht.
Hugo v. Hoffmannsthal gerettetes Venedig 1.


β)) oder glaubst du vielleicht, dasz gewesene generalkonsulstöchter in vestalisch-priesterlicher unnahbarkeit durchs leben schreiten! Th. Fontane (l'adultera 2) I, 3 s. 7.
e)) eigenartig wandelt sich die bedeutung in verbindungen wie: eine gewesene oder geschwächte jungfer, a defloured virgin. teutsch-engl. wb. (1716) 772; die gewesene jungfrau sagte ihm ... danck vor seinen ablasz. Happel academ. roman 155.
3)) im gegensatze zu diesen verbindungen mit substantiven, deren bedeutungsgehalt das particip an sich zieht und andererseits auch wieder beeinfluszt, stehen mancherlei fügungen der neueren sprache, die dem attributiven particip auch in der verbindung mit appellativen mehr selbständigkeit wahren. es zeigt sich sowohl in der ausdehnung des kreises der appellativa als in der verbindung des particips mit pluralen, dasz hier weniger die überlieferung am werke ist, die mit festen formeln arbeitet, als das bedürfnis nach knappen ausdrucksmitteln, das dieser bequemen form immer neuen spielraum giebt.
a))

mit dieser sonne sinken
geh ich zuletzt zu ihr
und wenn die sterne blinken,
dann fahr ich still von hier.
all junge lieb und lieder
die kamen heut zu end —
schluck deine sehnsucht nieder,
gewesener student!
Ed. Heyck 'nun sollt ich mich wohl freuen'. Lahrer commersbuch.


b)) so hat die akademie diese frage, die also noch ganz unbeantwortet ist und über die sich selbst einige ihrer gewesnen mitglieder getheilt [var.: vormaligen mitglieder], einmal auszer streit wollen gesetzt sehen. Herder (über den ursprung der sprache) 5, 21; feldzeugmeister Wilhelm, herzog von Württemberg, ein lebensbild im auftrage seiner gewesenen generalstabschefs bearbeitet. Wien 1899; eigentlich aber lernen sie und die gewesenen blinden nicht sehen, sondern die beiden sinne, das sehen und das fühlen, mit einander vergleichen. Kästner kleine prosaische aufsätze 2, 142; denn er fordert alle gewesene, gegenwärtige und noch kommende deutsche dichter auf, in einer so schwankenden unbiegsamen, breiten, gothischen, rauhklingenden sprache, als unsre liebe muttersprache ist, mit der feinen organisation und dem musikalischen flusz der lateinischen ohne nachtheil zu ringen. Schiller (vorr. z. 2. buch der Aeneis) 6, 346.
β) diese selbstänaigkeit des gebrauches ist dem particip in der verbindung mit sächlichen und abstracten substantiven an sich schon gewahrt. diese lassen auch in der neuern sprache noch manchen eigenartigen gebrauch des particips zu.
1)) der beziehung auf gegenstände und sachen liegt meist ein besitzverhältnis zu grunde, das als beendet bezeichnet wird. in andern fällen werden die veränderungen der gebrauchsfähigkeit getroffen.
a))
α)) es verkaufften obgedachte herren verwalter ihm Gregor Klischen sein gewesenes pauergutt zum Dombsell

[Bd. 6, Sp. 5695]


von zweien huben in seinen reknen und græntzen, wie ers vor diessem besessen und genossen. schöppenbuch v. Domslau 1644 bei Meitzen urk. schles. dörfer 101; es verkauffen obgedachte herren verwalter ihm George Sommern seinen gewesenen gartten zum Dombsel, wie er ihn vor diesem besessen und genossen. ebenda s. 100; glücklich, wer ... seinen garten so zu rechter zeit noch verkauffen können, als unser v[etter]. denn ich denke doch, dasz sein gewesener garten auch ganz artig unter wasser wird gestanden haben. Lessing (an Eva König 1771) 173, 395.
β)) undt ferner von Adam Königs reinparchen herauss auch zehen elen lang rückenn, inn seinen gewesenen rein herauss zue setzen unndt zue halten befügett sein soll. schöppenbuch v. Tschechnitz 1615 bei Meitzen urk. schles. dörfer 185; er trieb mit möglichster eil eine leer gebliebene salaterrena auf — einige wollens für ein gewesenes holzgewölb, ich aber für eine reparirte schupfen gehalten haben, doch es sei, was es wolle. der hausball (1781) Wiener neudr. 3, 3; der altar war eigentlich ein abgedankter spieltisch, an welchem die ledernen geldsäcke ausgerissen und eine gewesene salzmetze, mit weihwasser gefüllt, eingesetzt war. Arnim (Isabella von Ägypten) 1, 64; alles ist wie opferstätte, gewesene, oder vielleicht auch noch gegenwärtige. Th. Fontane (unwiederbringlich 19) I, 7 s. 169.

bei dünnem weiszbier und versalzenem pökelfleisch
sasz ich im gasthaus, der gewesnen prälatur.
Mörike (besuch in der kartause) 1, 241;


b)) unter den abstracten substantiven stehen zeitbestimmungen im vordergrunde, bei eigenschaften oder bei geschehnissen ist diese art der zeitlichen begrenzung seltener:
α)) gewesene tag, jahr etc. retro dies, anni ... lapsi praeteriti Aler 936a; ähnl. Kirsch 2, 151b; Matthiae 2, 181a; ob hierher zu ziehen ist: an dem weseme sonntage vgl. Scherz 1999. vgl.:

und kecker rauschen die quellen hervor,
sie singen der mutter, der nacht, ins ohr
vom tage,
vom heute gewesenen tage.
Mörike (um mitternacht) 1, 135.


β)) wie dann des klagens so viel war, das si durchaus sich davon nicht wolte bringen lassen, gleichsam ob die threnen jhrem gewesenen einigen auffenthalte das leben wieder geben köndten. Opitz übersetzung v. Barclays Argenis (2, 3, 4) 2, 171; die klare haut desz frawen-zimmers wird (im alter) runtzlicht, ... und was uns zuvor dermassen gefallen hat, das pflegt auch nur nicht ein kennzeichen seiner gewesenen ziehr hinter sich zu verlassen. (trostschrift. poet. wälder 3) 2, 142; und haben wir wohl von einer vernichtigten kraft, die aus allen kräften des weltalls vernichtigt werden könne, d. i. die jetzt sei und jetzt nicht sei, und doch nicht seiend als gewesene kraft gedacht werde, einen begrif? Herder (übers erkennen und empfinden in der menschl. seele. 1774. 2) 8, 254 Suphan;

wen irgend betroffen ein leid und ein schade,
der möge nur kommen zum kadi von Saade!
durch weisheit vernichtet er alle gewes'nen,
die künftigen alle beschämt er durch gnade.
Rückert (30. makame) 11, 45;

nie konnte selbstsucht je dein wohlthun schmälern;
für andre handeln war dein böser stern,
du trugst die last von längst gewes'nen fehlern.
Grillparzer (einem regimentsinnhaber) 25, 153;

ich fasse gern mit einem kühnen griffe
ein ernstes heldenbild vergangner tage;
es kennt mein bild viel perlenreiche riffe
im unerschöpften meeresgrund der sage ...
in eures himmels jammervoller lere
da zeigt es euch den stern gewesner ehre.
Strachwitz neue ged., prolog.


3) die substantivierung nähert das particip bei der beziehung auf personen wieder der bedeutung verstorben im anschlusz an das lautverwandte verwesen (s. d.); im neutrum dient es dem abstracten begriff der vergangenheit.
a) beziehung auf personen: wenn die gebeine eines gewesenen schon verkommen sind, ... stehen noch seine bleichenden schreine in der alten wohnung. Stifter (die mappe meines urgroszvaters) studien 2, 8; mit jenen konnte man doch sitzen und von dem gewesenen sprechen, wie es sich gehörte. W. Raabe Abu Telfan5 s. 307; als ... der ponte dei sospiri über mir schwebte, über den die staatsverbrecher

[Bd. 6, Sp. 5696]


einst aus dem gefängnis zum tode geführt wurden, da überfiel es mich mit fieberschauer. all die gewesenen und all die verblichenen, ... mörder und gemordete schienen aufzusteigen. Grillparzer (ital. tagebuch) 195, 203; dieser humpen den gewesenen! .. den gewesenen an der wand! ich trink' euch zu! Halbe mutter erde (3. aufz.) 159.
b) das neutrum.
α) an die oben (sp. 5690) besprochene ellipse knüpft an:

das jetzt ist kaum nur im moment zu fassen;
ergreift mans, schnell es ins gewesen fliehet,
und zögert man, als künftig man es siehet.
W. v. Humboldt (sonett: die gegenwart) 3, 423.


β) die ältesten belege für die eigentliche substantivierung führen das particip in einem zusammenhang ein, der dem begriff der vergangenheit durch den gegensatz gegen die lebensvolle gegenwart den stempel des kraftlosen, morschen, hohlen aufdrückt. der neuere gebrauch läszt die abgrenzung der vergangenheit gegen die gegenwart reiner, ungefärbter zur geltung kommen.
1))

das gewes'ne wollte hassen
solche rüst'ge neue besen,
diese dann nicht gelten lassen
was sonst besen war gewesen.
Göthe (Divan, buch des unmuths) 5, 95;

nicht schreitet zurück deszhalb, krankhaft
dem gewesenen hold, das lange vermorscht!
Platen (parabase);

Tristan betritt den eisensaal. ins gewes'ne,
in scheinpracht, übergraut von quark,
tritt der beglückte, der erles'ne.
Immermann (Tristan 2) 13, 267 Hempel;


2))

ihr tatet wohl daran, mein neffe,
damit ich recht die gegenwart begreife,
vorerst mir das gewesne aufzuklären!
Halm (wildfeuer 5) 3, 207 Schlossar;

er zog das zitternde mädchen auf die seite und sagte ihr in rauhem, barschem tone, das gewesene und geschehene wolle er vergessen und vergeben. Halm (Marzipanliese) 4, 36 Schlossar; endlich freilich wird auch hier der punckt der unübersehbarkeit erreicht werden, Shakespeare wird die Griechen, und was nach Shakespeare hervortritt, wird ihn verzehren, und ein neuer kreislauf wird beginnen, oder kunst und geschichte werden versanden, die welt wird für das gewesene das verständnisz verlieren, ohne etwas neues zu erzeugen. Hebbel (vorwort zur Maria Magdalena) 11, 59 Werner; mir ist nichts jräszlicher, als immer meine visage zu sehn. 'dann bitt' ich meine schöne freundin, ihren augenaufschlag etwas niedriger zu richten, sie sieht dann mich'. das erheiterte sie. 'da bin ich doch lieber fürs gewesene. da bin ich doch lieber für mich'. Th. Fontane (Stine 4) I, 5 s. 23; wegwischen will ich von der tafel meines lebens mit der eigenen hand, was vor dem tag gewesen, da ich diese schwelle überschritt ... nur das ergebnis des gewesenen stehe hier und lebe weiter: mein mensch von heute, der auch von der letzten schwäche freigeworden ist. Walther Siegfried Fermont3 32.
γ) dazu die sprichwörtliche redensart: fert gewesene göfft de jud nuscht Frischbier preusz. sprichw. 2 s. 90; ähnl. Reinsberg-Düringsfeld sprichw. 1, 593; Meyer der richtige Berliner5 s. 52; 'für das gewesene gibt der Jude nichts. jetzt bin ich eine anständige verheiratete frau'. M. Böhme tagebuch einer verlorenen42 287.

 

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