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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
gewerden bis gewerfnis (Bd. 6, Sp. 5618 bis 5632)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gewerden I. verb. , verstärktes werden (s. d.). hier liegen mehrere gebrauchsrichtungen vor.
1) verwendungen, die auf ein compositum zurückführen und die unter dem einflusz der ursprünglichen bedeutung des präfixes ge stehen, vgl. das angelsächsische geweorþan in den bedeutungen von convenire und consentire. Bosworth-Toller 466; vgl. gewerden (unpers,) becomen, (goede), gevolgen hebben voor iemand. Verwijs u. Verdam 2, 1890.
a) der ältesten sprache gehört eine unpersönliche construction an, bei der der casus für die betroffene person (accus. statt dativ) auffällt. er erklärt sich wohl dadurch, dasz das object von der dem compositum als solchem zustehenden bedeutung angezogen wurde, nicht aber mit dessen einzelnen elementen in verbindung trat:

thar was Krist guaterjoh selba ouh thiu sin muater,
ouh man thara ladotathie jungoron, thier tho habeta.
thiu hiun warun filu fro,giwerdan mohta siu es tho,
sie habetun thar selbon Krist,ther alles blides furista ist.
Otfrid 2, 8, 9; ebenso 4, 9, 20;

so sie thar tho gazun,thie in themo grase sazun,
joh mannilih thar sat ward,so sie thes brodes giward. 3, 6, 44;

gisah er einan altan ...
thaʒ er lag zi warein themo selben sere.
thie langun ziti Krist gisahjoh ouh selbo zi imo sprah,
ob inan giwurtithaʒ er heil wurti. 3, 4, 20;

thea gumon alle giwarð
that sie ina giôinte hêroston,
gikurin ina te kuninga;that Kriste ni was
wihtes wirðig. Heliand 2883;

dazu vgl. non commendat mihi, niht kiliubit vel kiwirdit. glossen zu 1 Korinther 8, 8. Steinmeyer-Siever 1, 760b; tedet, intwirdit. ebenda 1, 306b (1 Mos. 27, 46). aus alledem geht hervor, dasz gewerden nicht einfach auf die äuszerliche berührung zielt, wenn eine person von einem geschehnis betroffen wird (vgl. mihi contingit), sondern dasz es eine innere übereinstimmung zum ausdruck bringt (mihi convenit) und daraus die vorstellung des befriedigtseins entwickelt. vgl. dazu auch cawurt, kiwurt, oblectatio (Graff 1, 993); vgl. adpetitus ejus cawurt siniu edo lust siniu. glossen zu 1 Mos. 4, 7. Steinmeyer-Sievers 1, 316a.

[Bd. 6, Sp. 5619]



b) so ist auch der bedeutungszusammenhang gewonnen, in dem die oben (sp. 4851 ff.) besprochene wortverbindung einen gewerden lassen = einen gewähren lassen, ihre erklärung findet. durch sie ist das verstärkte werden in die späteren wörterbücher eingebürgert worden. den oben beigebrachten beispielen sind einige noch nachzutragen (vgl. auch Verwijs-Verdam 2, 1890; J. Winkler friesch woordenboek 1, 455b).
α) für den objectsaccusativ ohne weitere bestimmung: de Berschen branten Liblar ind ander dorper ind brachten einen groissen rouf mit sich etc., want de Coeltzschen inhadten neit vil luitz, ind sin (des bischofs) broder der greve inwas ouch noch neit viant: darumb leis man si gewerden ind neit darzo indeden. chronik von Cöln, s. deutsche städtechron. 13, 55.
β) für die verbindung mit der präp. mit: dairumb, her, voulget raits, laist uns gewerden mit der stat, ir sult des bat ind ere kriegen. Koelhoffsche chron. (deutsche städtechron. 13, 589; ebenso 560; desgleichen 14, 832).
γ) zum fortleben in den wörterbüchern (s. sp. 4852) vgl.laet mi gewerden, sine me quod volo facere. Kilian 146b; ganz ähnlich Henisch 1598; lass mich gewerden, ne me prohiberes, permitte, ut faciam. Stieler 170; lass mich gewerden, be quiet, leave off from me. teutsch-engl. wb. (1716) 771.
c) auszerhalb dieser verbindung mit lassen ist das compositum in solcher bedeutung nur selten mit persönlichem subject verbunden (vgl. Schiller-Lübben 2, 101): so dan ein raet tor tid mit den sulbigen nicht konde gewerden, so sollen se veer van der gemeinheit und veer van den emptern tho sich bidden und mit em gewerden. statutarrechte v. Brilon (übersetzg. des 15. jahrh. aus dem lat.) Seibertz urkundenb. v. Westphalen 1, 530; sagten uns das haus van stunde an zu, sachten, sei wolten des zins wol mit uns gewerden. buch Weinsberg 1, 291, ähnl. 292. da in solchen verwendungen frühzeitig bestimmungen neben dem compositum belegt sind, die den schwerpunkt der bedeutung an sich ziehen und die das verbum zum hilfsverbum herabdrücken, so ist nicht sicher zu stellen, was primäre, was secundäre (etwa auf ellipse beruhende) bildung ist, vgl.: enkonden sei des gheldes nicht eins gewerden. statutarrechte v. Rüden (1310) bei Seibertz urkundenb. v. Westphalen 2, 91; des ne kunde die rad nicht ens gewerden, dar umme dat sie it so hoghe vorboden hedden. brem. chron. (z. j. 1344) bei Lappenberg geschichtsqu. 89.
d) einzelne belege für gewirt, gewerden u. a. scheinen einen schroffen bedeutungsgegensatz zu den obigen feststellungen darzuthun. sie gehören jedoch zu dem verbum gewerren, s. d.
2) verwendungen, in denen das präfix ge keine eigene bedeutung mehr zum ausdruck bringt, vielmehr der verstärkung des verbums dient. aus der alt- und mittelhochdeutschen zeit sind hieran zunächst nur poetische denkmäler beteiligt: der Heliand, die mittelhochdeutsche dichtung (vgl. auch angels. geweorþan). neben rhythmischen einflüssen und syntaktischen bedingungen (bevorzugung der verstärkten form im präteritum) wirken auch bedeutungsschattierungen mit, insofern das verbum da, wo es die energie seiner bedeutung wahrt, häufiger in der verstärkten form erscheint als da, wo es zum hilfsverbum herabgedrückt ist. dieses gilt namentlich für die prosa, deren belege für diese verwendungen bis zur neueren sprache heranreichen.
a) die wahrung der energie der verbalbedeutung: gewerden ohne weitere bestimmungen. vgl. auch Verwijs u. Verdam 2, 1888.
α) verbindungen mit persönlichem oder nominalem subject.
1)) auch hier ist die verstärkung zumeist an formen des präteritums belegt.
a)) im hauptsatze:

von dinem willen gewart
nach lobelichen werden
in himele unde in erden
vil lebender creaturen. passional 1, 26 Köpke;

diu fruht ûf dürrem holz gezwîget ist,
si spîset wol von hôher art
und smacket wol durch siben süeʒekeit,
kein beʒʒer fruht noch nie gewart. meisterlieder der Kolmarer hdschr. 84, 41 Bartsch s. 410;

[Bd. 6, Sp. 5620]



si clummen reicht in mit der vart,
williger volc nei ingewart.
Gottfrid Hagen Kölner chron. 2535, d. städtechron. 12, 95;

ein wolken daʒ gewart der na (facta est. Marc. 9, 6), daʒ si beschedewete da. evangelienwerk aus St. Paul 59a Schönbach.
b)) im nebensatze:

die da wolden schowen
an ime sine himeluart.
als die rechte zit gewart.
Symon uf einen turn quam. d. alte passional 176, 68 Hahn. vgl. auch
Jeroschin 16522;

vor der zit man da beten pflac
e daʒ Jerusalem gewart. das buch der Maccabäer 2281 Helm (I, 3. v. 46);

der slaf ist niht so vollen alt,
also der man, wie ist daʒ gestalt?
der man was e uf erden wis,
e dan der slaf gewürde.
Rumelant gegen Singuf bei v. d. Hagen 3, 49b;

daʒ von den Juden nie gewart
kein kuninc bis an dise vart. buch der Maccabäer 11553 Helm;

husere ist der besten tugend ein, seht, diu ie gewart uf der erden. der
Meissner (1, 4) bei v. d. Hagen 3, 86b;

der beste trank, der ie gewart, daʒ ist der guote wîn.
Friedrich von Sonnenburg, Zingerle anhang s. 86;

der sunetag was der êrste tag, der ie gewart. Sachsenspiegel 2, 66 § 2 Hildebrand s. 85;

die groste dogent di i gewart (var. war),
daʒ ist gerechticheit sunder part. Limburger chron. 41, 19 Wysz.


2)) andere verbalformen mit ausnahme des infinitivs sind hier nur spärlich betheiligt:

so that witan ni mag
ênig mannisk barn, hwan thiu mâria tîd
giwirðid an thesaru weroldi. Heliand 4302;

ire mantele wâren gesteinit bî der erden
mit den besten jâchanden die ge dorten gewerden. könig Rother 2234 v. Bahder;

vgl.: ich spriche ouch, daʒ tegelîchiu sünde den menschen enkeines lônes berouben mag noch enkeiner gnâden, wan gnâde diu gewirdet wol, siu mag nit entwerden. myst. 1, 278 Pfeiffer.
3)) um so beliebter ist das präfix beim infinitiv, der in dieser form bis in die neuhochdeutsche periode heranreicht und in der sprache der mystiker namentlich freieren verwendungen dient.
a))

einen sûl van golde
hêrlich ende dûre
gloende van vûre
die liet got dar gewerden.
Heinr. von Veldeke Servatius 1, 2209, Piper höf. ep. 1, 137;

dî dâ hîʒ gewerden
den himel und dî erden.
Hartmann vom glauben 71 v. d. Leyen.

vgl.:

dat is de den himel zu der erden
geschoif unde leis gewerden.
Gotfried Hagen Kölner chron. 213.

der gleiche reim auch Pilatus vorr. 48 Maszmann.

sinen willen sin gebot
baten si gewerden
in hiemele unde in erden
swie im behegelich were. d. alte passional 178, 85 Hahn;

von waʒʒer unde von erden
dâ von dû hieʒes gewerden
alle lebendinge dinc
unde bist ir aller ummerinc.
H. v. Krolewiz vaterunser 10 Lisch;

'ob du wilt, vil lieben sun,
widerkern an den got,
des gewalt und des gebot
dich lieʒ durch sich gewerden.'
mit ruwigen geberden
sprach der knappe 'o we, ja'. passional 133, 29 Köpke;

ouch lieʒ gewerden din (gottes) gebot
unsre vetre hie uf erden,
heilic lieʒes du sie werden, ... das buch der Maccabäer 7274 Helm (der du unsere veter erwelet, und sie geheiliget hast.
Luther);

rüst dich und far hin wunderbaldt
inn Scytiam, die insel kalt,
ich mein inn die unfruchtbar erden!
dann do mag nimmermehr gewerden
weder [ein] frucht noch ander korn,
dann do ists immer tieff gefrorn.
Jörg Wickram (Albrechts Ovid 8, 12, v. 1162) 7, 382 Bolte.

[Bd. 6, Sp. 5621]



b)) minnet mich got mit aller sîner nâtûre (wan diu hanget hie ane), sô minnet mich got rehte, als sîn gewerden unde sîn wesen dar an hange. meister Eckart (43) deutsche myst. 2, 146; daʒ blôze wesen, dem niht zuo geleit ist, daʒ meinet 'erat'. zem andern male 'erat' meinet ein geburt, ein vollekomen gewerden. 2, 88; das würcken und dʒ werden das ist ein. so der zimmerman nit würcket, so würckt auch das hausʒ nit, da die bartt oder axt lt, da lt auch das gewerdē. got und ich wir seind ein in disem gewürcke, er würcket, und ich gewürde. Tauler predigten (1521) 305b.
β) der abschwächung unterliegt die verbalbedeutung schon neben pronominalen bestimmungen, die den schwerpunkt des bedeutungsgehaltes über den rahmen des satzes hinausrücken. hier tritt der infinitiv in formelhafter verwendung an die spitze der belege für das präfix.
1)) die form des präteritums:

dô daʒ sô gewart,
daʒ dî frouwe irstarb.
Hartmann v. glauben 2309 v. d. Leyen; ähnl. passional 379, 1 Hahn; 128, 74 Köpke;

ieglicher wol den sinen vant,
des wart der strit gesweret hart
vil sterker dan er ie gewart. das buch der Maccabäer 4090 Helm;

was ie gewart uff erden
das muste en (Adam u. Eva) underthan werden. Alsfelder passionsspiel 2966 Grein.


2)) andere verbalformen:

hwand sô hwan sô that gewirðid,that waldand Krist ... kumit. Heliand 4380 u. a.


3) die infinitivform:

hwô mag that giwerðan sô. Heliand 141 u. a.;

daʒ nemag niet gewerthan. Leidener handschr. zu Williram 44, 5, s. Seemüller s. 15 (var. niet werdan);

mûste daz gewerde,
daʒ er mochte irsterbe,
ime wêre lieber dî tôt,
dan er lide dî grôʒe nôt.
Hartmann vom glauben 2746 v. d. Leyen;

ein wîser man der râte waʒ daʒ müge gesîn:
daʒ aller beste daʒ ie wart od immer mac gewerden. meisterlieder der Kolmarer handschr. 136, 2 Bartsch s. 508;

allet dat got hei leis gewerden.
Gottfr. Hagen Kölner chron. 537;

gewerden, fieri, contingere. Henisch 1598; ähnlich noch Stieler 170.
b) in der engeren verbindung mit bestimmungen, die am verbum die bedeutungskraft schwächen und die funktion eines hilfsverbums entwickeln, ist das präfix spärlich belegt.
α) voran steht die verbindung mit einem possessivpron., in der sich am meisten von der grundbedeutung erhält:

thes thu te wârun ni wêst
thea wurdi — giskeftîthe thî noch giwerdan skulun. Heliand 3693;

daʒ lieʒe ich alleʒ hin varn
behilde ich dich alleinē,
ich mag vilwol weinē,
waʒ sol min gewerden
himel u erdē
ob eʒ alleʒ min were
verzige ich durch din ere.
Herbort troj. krieg 9644 Frommann, ganz ebenso 12462. 14071;

genædeclîcher trehtîn,
welch rât gewirdet aber nu mîn?
Gottfried von Straszburg Tristan 2654 Bechstein;

do hielt der sariant bei in,
dem diʒ rs tzu gewart.
»ich lieze euch aber an sulicher vart
ir einen lettzen, woldet ir,
so daʒ sin rs wurde mir.« Ludwigs des frommen kreuzfahrt 2794 v. d. Hagen;

ich weisz mir ein edel pluett,
ain zarts junkfreielein,
dem dient ich alzeit eben,
ob sie mir möcht gewerden (druck v. 1614: werden)
ir diener wolt ich sein. volkslied bei Kopp s. 37;

he slôch se dicke to den êrden (der ackermann seine frau),
doch kunde de sege sin ni gewêrden,
so dat se ene wolde leiven. aus dem Wolfenbütteler ndd. Aesop. 20, 12 Hoffmann v. Fallersleben;


β) ganz anders wirkt der engere anschlusz an substantivbestimmungen:

[Bd. 6, Sp. 5622]


al giwurðun
thiu frî an forahtonfurðor ne gidorstun
te themo grae gangan. Heliand 5815;

do er (Johannes) ein iungelinc gewart
unde ubel unde gut virstunt
do tet er als die seligē tunt. das alte passional 348, 56 Hahn; ähnl. 317, 8;

sal ich ein nunn gewerden (var. werden)
sunder minen willen,
so wel ich eime knaben jung
sinen komer stillen. lied v. 1359 in der Limburger chron. 48, 9 Wyss;

des enhave neiman wunder,
dat de Wisen dus geingen under.
si inwolden neit langer unreicht wirken,
und voren in cloister und in kirchen.
aldus gewerdent dis dagis noch hude
veil mencher hande cloisterlude.
Gottfrid Hagen Kölner chron. 5080 (d. städt. chron. 12, 166);

item, und wenn daʒ ainen ainem gewundet het, daʒ sorglich wäre zu dem tot, so sol der alʒ lang gevangen ligen, untʒ daʒ man gesech, wie es ain gestalt gewerd, und daʒ der ander sicher zu dem leben sin. Münsterthaler statuten (1427) (österr. weisth. 4, 344).
γ)

wan alle ir werg, die sie begant,
die lude sie die schauwen lant,
uf daʒ sie mugen hie gewerden
gelobet von in uf der erden (ut videantur ab hominibus.
Matth. 22, 5). evang. werk v. St. Paul 38b, Schönbach.


 
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gewerden II, verb., ableitung zu werth, dignus (s. d.); vgl. gawerdjan, gawerdôn Graff 1, 1014; gewerden mhd. wb. 3, 605b; Lexer nachtr. 208; Schmeller 22, 992. aus der bedeutung dignare hatte sich hier frühzeitig die weitere entwickelt: sich zu etwas herablassen, etwas zu thun geruhen: der gewerdô walten hiuta dero hunto. Wiener hundesegen (denkm. 13, 16); du gewerdotost uns vore sagen. Ezzolied 28, 3 (denkm. 13, 91) u. a. vgl. ghewerden, zich verwaardigen, de goedheed hebben. Oudemans 2, 661; gheweerden, vergunnen 2, 653. ähnl. Verwijs u. Verdam 2, 1891. der eigentliche geltungsbereich der deutschen verwendungen fällt jedoch in die ältere zeit, schon die mittelhochdeutsche dichtung nimmt nur noch mit wenig belegen daran theil (vgl. auch gewirden mhd. wb. 3, 608a). in die neuhochdeutsche periode dringt dieses verbum überhaupt nicht über, an seine stelle treten erweiterungen, vgl. gewürdigen (nd. gewerdigen) und würdigen.
 
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gewere, s. DWB gewähr.
 
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gewerf, eine form, in der der neueren sprache mehrere verbalsubstantive zugeführt werden, ohne festere wurzel zu fassen. meist weisen sie auf das verbum werfen zurück, soweit die bedeutungsentwicklung anhaltspunkte gewährt. denn von der form aus ist die abgrenzung gegen ableitungen von werben nicht durchzuführen, wie schon oben (vgl. sp. 5483 zu den formen gewerf, gewerff, gewerft, gewerb, gewarf) ausgeführt wurde. ebendort waren zwei haupttypen für die zu werfen gehörenden ableitungen aufgestellt worden, die abstractere bedeutung von steuer, abgabe (geschosz) und die sinnlichere eines wurfgeschosses (geschütz). neben diesen gehen einigespäter belegte und vereinzelteverwendungen einher, die entweder die grundbedeutung des verbums mehr oder weniger bloszlegen, oder die function des nomen actionis kräftiger zur geltung bringen. sie stimmen alle mehr mit gewerf = wurfgeschosz überein, insofern das präfix ge auch zu ihnen nicht mit der ursprünglichen bedeutungsenergie (vgl. gewerf = das zusammenwerfen, conjectura), sondern mehr in der function einer bildungssilbe tritt. in einigen dieser verwendungen ist zugleich die wortsippe, von der sie abzweigen, unsicher. das genus ist in allen fällen überwiegend als neutrum anzusprechen, soweit es überhaupt erkenntlich ist; das masc. ist nur in einem falle gesichert (s. unter gewerf III), das fem. in einigen fällen, die den einflusz der wortverbindung und des bedeutungszusammenhangs verrathen.
 
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gewerf I . das verbalsubstantiv zu werfen in der composition mit dem bedeutungskräftigen präfix ge: cawerf, kawerf, giwerf = conjectura, collatio, collecta, symbolon Graff 1, 1039; gewerf, abgabe mhd. wb. 3, 740a; Lexer 1, 987; auch gewerf und gewerft (in Freiburger urkunden des 13. bis 16. jahrh.).
1) der älteste gebrauch ist auf glossen beschränkt und läszt das substantiv nur im bereich von lateinischen (griechischen) parallelen erscheinen. der bedeutungsumfang ist

[Bd. 6, Sp. 5623]


weit gezogen, doch steht auch dieses moment unter fremdsprachlichem einflusz. für die bestimmung des genus am substantiv liegen hier keinerlei anhaltspunkte vor; dagegen knüpfen an die bildungsweise schon bei Notker erklärungsversuche an.
a) der grundbedeutung des verbums entsprechen einige vereinzeltstehende gleichungen: lithostrotos (steingemauertes) stein cawerf, Tegernseer handschr. d. 9. jahrh. Steinmeyer-Sievers 4, 244; simmatibus, graece, conlationibus giwerpf cod. S. Pauli, Steinmeyer-Sievers 1, 554, vgl. auch 1, 555.
b) die meisten belege lehnen sich an termini der christlichen kirche an und sind ebenso gut mit erscheinungen, gegen die das ältere gemeindeleben ankämpfte, verknüpft als mit solchen, die es grosz zog. gewerf verdeutscht die begriffe collecta, collata, collatio, symbolon u. a. auf der einen seite werden heidnische bräuche getroffen, schmausereien auf umlage, andererseits tritt das wort für liebesgaben ein, die die christlichen gemeindegenossen zusammenbrachten. vgl. gelage (zu zusammenlegen); vgl. DWB geschosz (zu beischieszen, zusammenschieszen).
α) symbola, giwerf, Salzburger. Tegernseer, Regensburger und andere glossen des 11. u. 12. jahrh. zu sprüche 23, 21 (noli esse ... in comessationibus eorum, qui carnes ad vescendum conferunt: quia ... dantes symbola consumentur) Steinmeyer-Sievers 1, 537; ex collatis, giwerfun, giwerphun in den glossen (gleicher herkunft) zu den beschlüssen des konzils von Laodikea, das nach dieser seite ein verbot richtete. Steinmeyer-Sievers 2, 113.
β) collecta, giwerf, giwarf, die gleichen handschriften mit glossen zu 3 Mos. 23, 36 (solt ewr opffer dem herrn thun, Luther). Steinmeyer-Sievers 1, 352; collationem, kewerf vel oblei Reichenauer u. Tegernseer handschr. des 11. jahrh. zu Römer 15, 26 (haben williglich eine gemeine steuer zusamen gelegt. Luther). Steinmeyer-Sievers 1, 757.
c) vereinzelt folgen die glossen auch der weitgehenden übertragung, die die worte symbolon, conjectura entwickelt haben: conjectura, cawerf, kiwerf, kawerf vel interpretatio, Hrabanisch - Keronische glossen. Steinmeyer-Sievers 1, 89. das Graeci chedent symbolum unde latini collationem, daz cheden wir gewerf, wanda iz apostoli gesamenôtôn unde zesamene gewurfen, daz iz zeichen sî christianae fidei, also auch in proelio symbolum heizet daz zeichen, daz an scilten alde an geinôtên worten ist. Notker zum symbol. apost. (denkm. 13 250); vgl. auch diesen salmon heizen wir giwerf, wanda in die heiligen poten gisaminoten unde cesamine giwurfen. ebenda 257. auf die bedeutung der stelle hat schon J. G. Eccard in der vorrede zu Notkers katechismus s. 24 hingewiesen.
2) von allen diesen prägungen der althochdeutschen periode führt nur eine auch in die spätere zeit über, die gleichung von gewerf mit umlage, beisteuer, geschosz, abgabe. sie ist in der urkundensprache reichlich vertreten und an die verschiedensten formen geknüpft (gewerf, gewerpf, gewerff, gewarff, gewerft, gewerb). ebendort wird sie geradezu als eine gangbare deutsche benennung gekennzeichnet, während die eben angeführten glossenbelege vielmehr auf eine anlehnung an fremde vorbilder weisen. es sind zunächst zwei möglichkeiten: entweder stellt das gewerf der mittelalterlichen urkundensprache eine weiterentwicklung der in den althochdeutschen glossen aufgeführten anlehnung an conjectura, collatio dar, oder es ruht mit seinen wurzeln in einer eigenbildung der deutschen rechtssprache und wurde in den glossen erst umgedeutet. für die zweite annahme sprechen beweismomente, die auszerhalb des hochdeutschen sprachgebietes gesammelt sind. Brunner (rechtsgeschichte I2, 176 anm. 6) macht darauf aufmerksam, dasz an stelle des wortes thing in friesischen und sächsischen denkmälern auch warf oder werf gebraucht wurde, vgl. hwarf im Heliand (wurðun êo-sagon alle kumane an hwarf werôs 4469 u. a.), vgl. DWB warf im sachsenspiegel und in niederd. weisth. (nach erkenntniss des gemeinen werfs weisth. 3, 104) und dazu das abgeleitete langobardische gawarfida (omnes iudices et fidelis nostri hic dixerunt, quod cawerfeda antiqua usque nunc sic fuisset. leges Liutprandi cap. 77; vgl. d. glosse d. cod. Cavensis: guarfida id est consuetudo antiqua u. a. Brunner I2 152 anm. 8) er stellt die gleichung auf: gewerf

[Bd. 6, Sp. 5624]


zu warf wie geding zu ding, und damit wäre das substantiv zu werben, gewerbe zu stellen, wo die bedeutung von kaufvertrag (vgl. oben sp. 5496) an einigen belegen für die formen gewerf, gewerft schwierigkeiten dargeboten hatte. mit diesen läszt sich jedoch nur eine einzelnelandschaftlich begrenztegruppe der unten folgenden zeugnisse zusammenstellen, in denen die bedeutung einer abgabe auf eine verhandlung, einen vertrag zurückgeführt werden kann (vgl.α, β). die hauptmasse der belege knüpft ungezwungener doch an die auch den glossen gesicherte bedeutung von umlage an. da die graphische wiedergabe des lautbildes keine anhaltspunkte giebt, ist eine sichere entscheidung nicht möglich, man darf aber vielleicht annehmen, dasz die bedeutungen abgabe und umlage verschiedenen wurzeln entsprangen und erst in dem allgemeinen begriffe von steuer sich zusammenfinden.
mit der mittelalterlichen urkunden- und verwaltungssprache ist der geltungsbereich von gewerf im allgemeinen sinne von umlage, steuer nicht abgeschlossen, es lebt in der geistlichen und weltlichen litteratur des 16. und 17. jahrh. weiter, bei Geiler, Pauli, Wimpheling, im Straszburger bibeldruck, ebenso in Nürnberger vocabularien und bei Mathesius.
a) belege aus der rechts- und verwaltungssprache der urkunden (1166—1520) vgl. Haltaus 712; J. Grimm deutsche rechtsalterthümer 298 (14, 414); Zöpfl alterthümer d. d. reichs 1, 275; Wackernagel bischofs- und dienstmannenrecht von Basel 17; Kehrein samml. ahd. mhd. wörter s. 11. das genus ist an den einschlägigen stellen mehrfach gekennzeichnet, durchweg als neutrum, so in der Musbacher urk. v. 1286 bei Schöpflin, in Freiburger urkunden von 1291 (ztschr. gesch. Oberrh.), von 1293. 1310 (Schreiber), in einer Kolmarer urk, von 1293 Schöpflin und im Züricher richtebrief. vielfach ist das genus gerade gegen das mit gewerf gern verbundene fem. stiure abgegrenzt: dekein gewerf noch dekeine stiure. Kolmar 1293; zuo deme gewerfte oder zuo der stiure. Freiburg 1293; in einem späteren beleg aber färbte in solch enger verbindung das genus von stiure auf gewerf ab: mit der gewerff und stür. Mühlhäuser urkunde Carls IV (1351) Schöpflin.
α) eng an die erstgenannten termini schlieszt sich die älteste urkunde an: domum vero nostram ibidem in Meirle sitam cum curia et ortulo adiacente cum omni utilitate eorum hac determinatione ei assignavimus, quatinus collectas advocatorum, quos ibidem vulgari nomine qwerf vocant, exinde persolvat .., erbpachtbrief des stiftes zu Münster Meinefeld von 1166 bei Beyer urk. gesch. Mittelrheins 1, 705 (zur form vgl. guwere für gewere s. 523). hier handelt es sich anscheinend um eine form des schutzgeldes, das der bevogtete dem vogt entrichtet, eine bedeutung, die sich als verallgemeinerung in den bedeutungszusammenhang von gewerf = συμβολον einfügt, wofür überdiesz die lat. parallele collecta zeugt.
β) aus diesem zusammenhange fallen andere belege, die zeitlich am nächsten hier sich anreihen, heraus. gewerf kennzeichnet hier mehr den rechtsgrund für eine abgabe als diese selbst (das gleiche bei consuetudo), und die leistung erscheint nicht periodisch wiederkehrend, sondern an bestimmte anlässe gebunden: mansum ... recipi debent de manu nostra, seu ab heredum nostrorum; ita quod receptor persolvet nobis ... quatuor solidos denar. Colon. ratione iuris, quod vulgariter gewerve appellatur. urk. v. 1249 bei Guden codex dipl. 2, 949; quomodo G. d. S. mansum ... in feudum contulerit ecclesiae ... post obitum vero uniuscuiusque possessoris vel heredis domus ... heres aut successor instituendus dabit nobis in receptione dictorum bonorum duodecim denarios, pro jure quod gewerf vulgariter appellatur. urkunde des Kölner domkapitels von 1257 bei Lacomblet 2, nr. 446; post mortem vero meam ... melior equus ..- cum duodecim coloniensibus, qui solidus hereditarius appellantur, ecclesia supradicta cedat in curmedam. nihilominus tamen succedens sex solidos predicte monete pro porrectione bonorum, quod theuthonica dicitur gewerf, persolvat ecclesie supradicte. revers von 1269 ibid- nr. 592. ähnlich sind auch folgende belege zu erklären: et tantundem pro jure quod dicitur gewerf, cum persona que dicta bona receperat, decesserit, solvere de bonis prenotatis teneantur. urkunde des erzbischofs v. Köln 1290 Lacomblet nr. 897;

[Bd. 6, Sp. 5625]


annuam pensionem septem solidorum ... et jura que vulgariter vocant cerinc et dinc, curmedam, gewerf. Kölner urkunde von 1266 ebenda nr. 569; item predicti homines tenentur dare curmedam et gewerf de bonis et feodis suis secundum consuetudinem terre. Kölner urk. des 13. jahrh. bei Ennen und Eckertz 2, 602 ebenso curmedam et gewerf 601; jus quod dicitur kormeda et gewerf 2, 603, dazu vgl. auch: ut abbatissa et conventus ad ipsam vineam tanquam emptionis titulo comparatam recursum habeant, siqua ipsis in posterum questio super premisso jure quod gewerf dicitur, moveretur. urkunde des erzbischofs von Trier 1213 bei Günther codex dipl. Rhenomos. in allen diesen fällen ist eine geldleistung mit dem act der besitzübertragung in beziehung gesetzt, sie wiederholt sich jedesmal, wenn ein neuer besitzwechsel eintritt. eine bedeutungsverwandtschaft dieser belege mit den oben (sp. 5496) beigebrachten zeugnissen für gewerf, gewerft im sinne von kaufvertrag liesze sich wol begründen; die thatsache jedenfalls, dasz eine gruppe auf den Niederrhein, die andere auf bayr.-österr. gebrauch beschränkt erscheint, findet in dem niederdeutschen warf, werf und dem langobardischen gawarfida ihre beleuchtung. auf späterer deutung beruht es wol, wenn dieses gewerf mit werben im sinne von erwerben, gewinnen in verbindung gesetzt wird, vgl. item wanne ein man offt ein vrawe gehorende in den hœff, doitʒ halven sein affgegaen, ... ind dat die ersten erven, offt ein ander, die dat mit rechte mag doin, begert vom herrn off seinem scholtisʒ dat guidt zo hand gewinnen iud werven, dasz sall ime der herr oft scholtisʒ gunnen, und vur dat handgewin sall der man ind vrawe, die op den hœven wonen, geven gelick; -.. so dicke alsʒ desʒ dan gefiele, dat is vier alden guldenschild mit gnaden; die genne, die aver op den kotten wonnen, sollen geven für handgewinn ind gewerff, hie sie man off vrauwe, zwein alde guldenschild mit gnaden, off dat werdt darvoir als vurg. steit und neit mer. hofrechte zu Ekel 19 (1500), s. Grimm weisth. 3, 63. die zusammenstellung von gewerf mit der werpitio, die eine neue anlehnung an werfen ermöglichte, hätte von hier aus allerdings etwas bestechendes; ihr steht aber unter anderen im wege, dasz es sich bei der werpitio immer um eine besitzentäuszerung handelt (vgl. Brunner z. rechtsgesch. d. germ. u. rom. urk. s. 274) und hier von anfang an um den nächstfolgenden act der übertragung.
γ) wie sich auch die eben angeführten verwendungen erklären lassen, die übrigen belege weisen auf ganz andere bedeutungen, sie prägen überhaupt viel weniger einen privatrechtlichen als einen öffentlich-rechtlichen begriff der steuer aus. mag auch in denjenigen belegen, die die steuer einem schirm- und schutzverhältnisz entspringen lassen, die grundlage ebenfalls eine privatrechtliche sein, so macht sich dieses moment jedenfalls in der bedeutungsabstufung nicht geltend. dagegen läszt die überwiegende masse der verwendungen gerade den begriff einer periodischen, vielfach gemeinsam festgesetzten, umlage hervortreten und so mündet auf alle fälle der hauptgebrauch in die gleichung gewerf = conjectus (symbolon) wieder ein. unter den verbindungen, die gewerf eingeht, steht ebenfalls die mit steuer voran.
1)) gewerf allein gebraucht, ohne synonyma: dur daz si deste baz luste ze buwenne un da ze belibenne, daz si uns jergelich niht wand vierzec phunt phenninge geben sulen ze gewerfe. Basler urkunde v. 1274 urkundenbuch d. st. Basel 2, 79: wir Bertholt ... der apt und das capitel zu Murbach ... tun allen kunt ... das wir ... der stat von Gewilr ... und den luten die inwendig der muren sitzent, durch das dieselb stat gerichert würde an lüte und an gute, han ginamet von in vierzig marck gebrantes silbers ze gewerffe, das man geben sol enzwuschent sancte Martini mess und winacht ... och han wir ... uns behalten ze habende one dis gewerff allü die recht, die unsere vordere oder wir hand gehabet unze an disen tag. urk. v. 1286 bei Schöpflin, Alsatia 2, 34; swenne ouch daʒ were, daʒ man ze Basil gewerf gebe, so weren von altem rehte die gewanheit unde daʒ über ein komen, daʒ bischof Heinrich mit keiser Frideriche det umbe daʒ, daʒ ietwedre daz halbe neme ... tuomherren, ambtliute unde tuomherren unde gotshus dienestmannen eigenen liute unde gesinde sint des gewerfes vri unde alles getwinges vri ... bischofs und dienstmannenrecht

[Bd. 6, Sp. 5626]


von Basel § 2 Wackernagel 17. jahrh. (vgl. omnis exactionis quam episcopus fecerit in Basilea duae partes spectant ad jus episcopi, tertia ad jus advocati. urk. bei Ochs 1, 290); und swa ime an den sehs und zwenzig pfunden abe giengi von unseren vorgenanten silberbergen, so han wir unser juden ze Friburg geheissen, das sü ime dü vorgenanten sehs und zwenzig pfunt von unserem gewerfte, das sü uns jergelich gent, ervollent ... Freiburger urk. v. 1310 bei Schreiber 1, 187; darnach so en gat dikein gebot innerthalp des abbetes etheren (etter), darnach so engit dikein siner lute die innerthalp sines etheren gesessen sint gewerff. dinghof zu Ebersheimmünster (Unterelsasz 1320) bei Grimm weisth. 1, 679; swer der burger gewerf nicht git der sol nicht ze rate gan da man das gewerf uf leit ald da man die uf liset die das gewerf uf legen suln. da sol enkein vogt bi sin. swenne das gewerf uf geleit wirt, so sol man die tavillen vor all dien burgern lesen da das gewerf an stat, und sol es danne ein vogt helfen in gewinnen. richtebrief der bürger v. Zürich (Helvetische bibl. 2, 31). vgl. Joh. v. Müller gesch. d. Schweiz 2, 113.
2)) gewerft und steuer.
a)) wir grafe Egene von Friburg kunden allen ... daʒ wir den erberen geistlichen herren, abbet Meinwarten von Thennibach, ... ze burger nemen ze Friburg vnd enpfhahen also, daʒ sú uns, noch unsern erben enkein gewerft noch stre geben sulen. urk. v. 1291 ztschr. gesch. Oberrh. 10, 241; wir wellen ouch, swenne man ze Friburg dehein gewerft, oder stüre uf leit, das man dar zuo neme viere von den vierundzweinzigen, viere von den koufluten, und viere von den antwerklüten. were aber das man zuo deme gewerfte oder zuo der stüre me oder minne wölte nemen, so sol doch dirre drier vorgenanten lüte zal allewege gelich sin, und sülen ouch bi den allewege sin ein schultheisse und ein burgermeister. Freiburger urk. v. 1293 Schreiber 1, 142; swas edeler lüte ze Colmer burger sint, die uns dienent, als edele lüte ze rehte sulnt, die söllent mit den andern burgern dekein gewerf noch dekeine stüre geben. Kolmarer stadtrecht v. 1293 bei Schöpflin 2, 58; und ensüln ch wir in den selben nachgenden nehesten sehs jaren, noch nieman von unsern wegen, von den selben Juden enkeine stüre noch gewerfte, noch enkeinen nuz ... niemer gemten noch geuordern dekeine wis. Freiburger urk. von 1333 (ztschr. gesch. d. Oberrh. 13, 107); darumb bitten wir üich ... daʒ ir uns ze diser zit darzu beholfen sint, mit der gewerff und stür, di ir uns und dem riche ditz jahrs schuldig sint ze geben und ze richten, ane diselben gewerfe und stür wir es nie wol zu mügen bringen. botschaft Karls IV. an Mühlhausen bei Schöpflin, Alsatia 2, 201; ouch hand wir inen gelobt ze rattende und ze helfen, wider allermenglichen der sie beschwren wolte; und tun sie alles gewerfes und aller steuren frei, also daʒ wir stre noch gewerfe, diewile so wir geleben, nimmer von inen gevorden sollend wider ihren willen. Basler handfeste von 1399 bei Ochs, gesch. der stadt und landschaft Basel 1, 380; behept och jemand ... einen frömden der einem herrn von eigenschafft, von lehenschafft oder von vogttie wegen zugehört oder in sinen zwingen und bennen gesessen ist unnd im dienet mit sturen und gewerffen, hohen unnd nidern mit andern diensten als gewonlich ist. gerichtsordnung von Basel von 1457, Schnell s. 16a.
b)) decimas, redditus, census, fructus, proventus, sturas seu exactiones vulgo dictas gewerff. urk. v. 1335 bei Schöpflin, Alsatia dipl. 2, 250; ich Johans, herre von Üsenberg ... gibe ze kffende ... Johanse dem Malterer ... Eystat das dorf, mit aller siner zgehrde, lüte und gt, twing und ban, vogtien, gerichte, gros und kleine, dúbe und frevelina, stúren, gewerf und bette ... urk. von 1357 (ztschr. f. gesch. des Oberrh. 13, 449); daʒ nieman der hie zuo Friburg sesshaft ist, er habe zünft oder nüt, an nieman andern sich sol machen mit keinre gelübde oder swerende noch nieman kein sondern dienst sol tuon, mit stüre und gewerfte. Freiburger polizeiordnungen 1338 Schreiber 1, 337; so soll das closter haben vier man, ein meiger, ein keller, ein ohsener, oder wer in dem hofe sitzet, er hab das gut und gülte oder erbeite es nit, und sont

[Bd. 6, Sp. 5627]


die viere lidig sin vor bette, vor gewerf, vor schetzunge, vor ussziehende, vor enger, vor stüre. weisth. von Ingemersheim (Unterelsasz) bei Grimm weisth. 1, 749; so laszt man ... sin eigen gut unbeschwert bliben, leit imm daruff weder steur, bett, gewerff, zinsz noch gult. freiheiten der stadt Straszburg, abschr. v. 1512 Wencker die Uspurg, s. 136.
3)) in den eben belegten verbindungen treten neben steuer auch andere begriffe, so die bede, als synonyma zu gewerf. als weitere zeugnisse vgl.: miner frawen meiger ist auch frei aller bet und gewerf und soll er auch den dritten vörster haben in den gemeinen welden. weisth. v. Wische u. Storbach bei Grimm 5, 414; mann sol auch jerlichen von dem dorffe dem landgraven sechzig viertel habern (geben) ... keme aber iemand frönder dar von frönden landen ... der sol dem landgraven dienen und öch dem banherren eine zit in dem jor von wunne und ven weide ein gewonlich gewerff, und vasenacht hunre geben. urk. v. 1314 bei Schöpflin 2, 109; item welher hie ze Friburg metzgen wil, der sol sunder hus haben, dem hantwerck und der statt tn mit gewerff und aller gehorsam, als ander in iren hantwerck tn ungeverlich. urk. der metzgerzunft zu Freiburg i. Br. von 1462 (ztschr. f. gesch. d. Oberrh. 17, 51); von gewerfe und von dienste. swelch burger in dirre stat ist des vatter ritter war, der sol ze ritter werden e er 30 jar alt werde. tuot er des nicht, so sol er gewerf geben mit dien burgern alle die wile unz er nit ritter worden ist. Züricher richtebrief (vgl. oben sp. 5626); also ob der abgestorben ... schuldner gewerfft, buwgelt, schatzung, freuel, oder oder anders schuldig pliben wer, das sol unser statt ... zugehören. nüwe stattrechten und statuten der statt Friburg im Priszgow (1520) 31; iarzitbücher, selbücher, unser statt zinsbücher, gewerfft, und rechenbücher, so in unserm kouffhusz ligen. s. 36.
4)) zur vervollständigung des gewonnenen bildes seien noch einige formen der composition beigefügt: und geben im (Hesmann Stamler für seine getreuen dienste) von unsern sunderlichen gnaden und keiserlicher macht hundert mark silbers Kolmarisches gewichtes. dofur wir im einseczen zu rechtem pfande, vier fuder weingelts, uff sand Marteins tag, und acht pfunt Basler pfenninge czinzes, die man nennet, hornung gewarff, alle iar in deme dorffe Ammerswiler. urk. Karls IV. v. 1360 bei Glafey, collect. anecdot. 338; und darum so sollen eins iglichen jahrs ... ihme und den vorgenanten seinen erben, so lang sie unsser ... vogt und ambtmann daselbst sein, werden und gefallen sollch nütz, recht und gefell ... ussgenommen die stattsteuer zu Keisersberg und Monstern, und die zwelff fuder gewerffe wine zu Durckheim. urk. v. 1504 bei Schöpflin 2, 443. fraglich ist banngewerf weisth. 1, 682, wo die handschr. an entscheidender stelle lückenhaft ist.
b) noch deutlicher weisen die zeugnisse für den litterarischen gebrauch auf eine allgemeine, umfassende bedeutung von gewerf hin. der vocab. theut. von 1482 führt das subst. unter vier verschiedenen stichworten auf: gewerff, geschosz, stewr, loszung exactio H 5a; gewerff, stewr oder loszung setzen guadiare H 5b; gewerff, stewr, loszung, pet zol, tallia H 6a; gewerff, stewr, landtzinsze, maut, rennte, tributum ebenda. ähnlich führt der Straszburger bibeldruck, der gewerff Luc. 20, 22 u. a. für tributum einsetzt, in den bedeutungszusammenhang mit den substantiven schosz, zins, steur, rent, schatzgelt über, die in den anderen bibeldrucken hier auftreten. vgl. Dauner, die obd. bibelglossen 96. dazu vgl.: aber die newen ratsherren hetten dem volk versprochen freiheit vor zoll, ungelt und losung und anderm gewerb (var. gewerf). S. Meisterlin chron. v. Nürnberg; deutsche städtechron. 3, 147; stür und gewerffe sol man geben und thun inn einer stat so es not ist, und jedermann nach dem und er geschickt ist und gt hat. nun der rat, oder ein herr, der gibt eim geschlecht die friheit, das es nit bedurffe geben, stür und gewerff, so lang und di weil er, oder es sein huld hat, und nit brüchlich an im wurt. Geiler v. Keisersberg predigt der himmelf. Mariae (1512) 11d; item die sich widrēt z bezalen recht auffgesatzte stür, bett, gewerff, oder schatzungen. dreieckecht spiegel C c 4a;

[Bd. 6, Sp. 5628]


roub, unbillich stür, gewerff, fründtliche hilff, ungelt, frontag, herren werck, schirmgelt, schatzung. kastenvogti, pfleger, gewalt, undertruckung, urteil ausz gunst. irrig schaf A 3a; das was der iuden gifft, dz sie müstent zoll geben, schatzung, und gewerff wie andere lüt. postill. (1522) 4, 25a; also die herren nemen das grosz von den underthonen, gewerb, steür, und freuel, so kumen dan die amptlüt. Pauli schimpf und ernst (89) Österley s. 68; nach der sündflut aber, da .. Nimroth der erste gewaltige jeger unnd könig, sein newes reich in Chaldea mit landtszordnung, rüstung, rendten und gewerben anrichtet und befestiget, da het man nach silber unnd goldt getrachtet. Mathesius Sarepta 230a;

dann niemands mer z altar godt,
mend ietz auch geben gwerff und steür.
Wickram (der getreue Eckart 4 v. 410) 5, 83 Bolte.

dann frwor was zu burgerlicher sellikeit gehrt, in den dingen wurt unser statt gesehn grszlich ubertreffend, und für alle andere stett uberfliessen, mit kirchen ... zllen, ungelten, gewerffen. Jacob Wimpfeling Tütschland hrsg. v. Moscherosch E 3a; wehe mir und ewig wehe, weil ich zugegeben, dasz meine amtleute, schösser, rentmeister, der armen leüt güterlein zu sich und in meinen kasten gerissen: den schafft, gewerff (fehlt in der ausg. v. 1644, s. 491) gülte und renten erhöhet: die priester schnödiglichen gehalten. gesichte des Phil. v. Sittewald (1, 7), (1677) 622; von den gewerfen, zu steuren an das reich waren die ritter und ihre söhne, die dienstmannen und amtleute der gotteshäuser, frei; die übrigen bürger gaben dazu was von dem rath nach der schätzung des vermögens jedem angeschrieben wurde. Joh. Müller gesch. d. schweiz. eidgenossensch.2 (1786) 113.
 
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gewerf II , das verbalsubstantiv zu werfen, dem das präfix ge nur noch als bildungssilbe dient, ohne eigentliche bedeutung zum ausdruck zu bringen, vgl. angels. geweorp. Bosworth-Toller 466a.
1) die collectivbildung gewerf in der bedeutung von wurfzeug, geschütz. die belege fallen spät, erst von der mitte des 15. jahrh. ab; sie reichen für den lebendigen gebrauch nicht über das 16. jahrh. hinaus. die mittelhochdeutsche epik hatte sich, wo sie schleudermaschinen erwähnt, auf die spezialbezeichnungen beschränkt (trîbok, blîde, pfeteraere, mange u. a.), von collectivbildungen wurde zwar wohl schon das heutige geschütz (s. d.) verwendet, aber anfänglich mit beziehung auf pfeil und bogen und ähnl. handwaffen. unsere bildung dagegen taucht zuerst in der verbindung mit dem groben geschütz der feuerwaffe auf (neben büchse vgl. tormentum Diefenbach 588b), wird aber gerade in den spätesten belegen, den übersetzungen aus antiken schriftstellern, auf die primitivsten formen des wurfzeuges angewendet. das genus, soweit es gekennzeichnet ist, erweist sich als neutrum. vgl. Basler chron. 4, 193; Serranus dict. lat. germ. (1540); Dasypodius a. a. o.; Ochs gesch. d. stadt Basel 3, 450.
a) isolierte verwendung (das substantiv neben dem verbum): und hatent min herren vor wol 14 tag enteil buchsen und das gewerf do oben ... wan si hatent die brug denen geschosen, und das gehus ... und fast das slos verwuest mit dem gewerf. Hans Brüglinger (1445), s. Basler chron. 4, 193; am 15. tag des obbestimpten monats, in der nacht umb das ein, frtent die von Basel ir gewerff uff 13 wegen gon Rynfelden in die statt, das si das schlosʒ domit bewurffen. Heinrich von Beinheim (1445), s. Basler chron. 5, 375; diese alle fhren in 8 schiffen mit einem gewerff gehn Straszburg, welche tausent z fsʒ unnd hundert pferdt darz gabe, die schlgen sich z den uberigen puntsgenossen ... legerten sich endtlich für Mülberg und Graben, schoszen und wurffen in die vestungen. Christian Wurstisen Baszler chron. (4, 24) 243; und weil ihnen aus dem stein mit schieszen feindlich zugesetzt wurde, liehen ihnen die Basler ihr sogenanntes gewerff, um das schlosʒ mit groszen steinen zu bewerfen. solches wurde den 15. juli ... (1445) hinaufgeführt. Ochs gesch. d. stadt Basel 3 (1819), 450;

das werffen hielten sie auff bald
krefftigklich mit der lincken handt ...
gewerff ein jeder zher bracht
das wir als von den thrnen brachen,
von heusern und von hohen dachen,

[Bd. 6, Sp. 5629]



in solchen unsern letsten nötten,
msten wir uns also retten
mit solchem gewerff, mit solchen pfeilen.
Th. Murner, verdeutschung v. Vergils Aeneis (2, 245 ff.: contra turris ac tota domorum culmina convellunt; his se, quando ultima cernunt ... parant defendere telis) 41b.


b) verbindung mit synonymen.
α) darumb so sich einer mit geschütz oder gewerff iebet, und den furgonden eigen man durch schüsset, sol man dar von underscheidlichen reden. Murner instituten (1519) 113b (jaculis ludit et exercitatur); demnach so namend si den krieg dest ee widerumb für dhand, von wegen des rauhen ungelegnen orts, da si verhofftend den vorteil zehaben, unn von den hohen bergen herab mit irem gewrff und geschütz an die Rmer z fallen. Stumpf schweiz. chron. (11, 20) (1548) 361b, ebenso (1606) 673a.
β) am 17. tag des augsten zugent die von Basel fur Rynfelden das schlosz, mit grossen buchsen, gewerff und anderem kriegzug. Heinrich von Beinheim (1445), s. Basler chron. 5, 377; do belgert der Kmpter abt und der gottʒhusʒ-vogt von Ramschwag und die berg-lt desselben gottz-huszes die burg ze Appenzell, wurffend und schussend darin mit bliden, boleren und anderm gewerff. Tschudi schweiz. chron. 1, 200b Iselin.
c) in wörterbüchern wird diese bedeutung des wortes vom 16. bis zu anfang des 17. jahrh. mehrfach verzeichnet: gewerff, tormentum, balista Dasypodius T t 4b; vgl. auch ebenda: tormentum, ein jetlich gewerff, kriegsrstung, damit man schiesset M m 2d; balista, ein gewerff oder bler, ein kriegsrstung, damit man stein, kaat, schelmen, unnd anders geworffen hat D 3b; tormentum ... item ain jeglich gewerff, kriegzsrüstung, damit man scheust. J. Serranus D 8b (vgl. ballista, ein werffzeug c 3b); ganz ähnl. Faber 875a (balista ... ein geschtz, oder maurbrecher 102b); gewerff, instrumento da tirar piedre Hulsius (1605) 63a; gewerff, kriegsrüstung, damit man etwas würfft, balista, tormentum quo tela aut lapides jaciuntur, quam nunc bombardam appellamus Henisch 1598; die späteren wörterbücher verzeichnen unter den lat. stichworten nur andere bildungen, steinwerffer, werfzeug u. a.
2) mit dem vorherigen berührt sich die ganz vereinzelte verwendung für das aufgeworfene, der erdaufwurf; der labial ist hier als verschluszlaut überliefert: dann sie die mauer sicheln mit stricken abkereten und wenn sie die gefast hetten, zogen sie solche mit reiszarmbrosten hinein, entzogen uns auch die gewerb und schantzen durch heimliche geng deste bas. Ringmann Caesar (de bello Gallico 7, 22) (1565) 242 (aggerum cuniculis subtrahebant).
3) die collectivbildung mit der engeren, auch an werfen, wurf ausgebildeten, bedeutung des gebärens bei thieren, gewerf = partus: im frling ziehen sie (die thynni) mit hauffen usz dem hohen mr, in das mr der insel Ponti, und leichen niergent anderszwo. das jung gewerff heisszt cordilla (cordyla appellatur partus), und folget den alten nach, die uff den herbst wider ins mr streichen. H. Eppendorff übers. von Plinius naturgesch. (9, 11), s. 109.
4) auch die function des nomen actionis, wie sie unser neueres verbalsubstantiv ausprägt (s. unter gewerfe), kommt schon in der älteren kurzen form rein zum ausdruck: das hab ich nechst an einem ort, da man ein ubelthetige person gerichtet hat, ein geschrei, gedmmel, gelauff, gerauff, gewerff mit schneebaln, schnollen, und anderm, gesehen und gehrt. Jacob Ayrer histor. processus juris (2, 5) (1597), s. 524.
 
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gewerf III . bildungen, bei denen fraglich bleibt, ob sie zu werfen oder werben zu stellen sind, vgl. sp. 5624.
1) das lateinische vorago in der sage von Marcus Curtius wird einmal durch gewerf übersetzt: eʒ geschach z Rom, enmitten in der stat, daʒ sich ein fraisleich gruft auf tet ... do antwurtten sie (die götter) also der fraislich gewerf wirt nicht z getan, den eʒ laʒʒ sich ettwer willichleich hinein. gesta Romanorum, Keller, s. 34 (non claudetur haec vorago, nisi aliquis voluntarie se immergat); man könnte hier an wirbel, strudel (vorago) denken und so auf werben zurückgehen. ein anderer versuch (vgl. mhd. wb. 3, 727) will die erklärung aus der bedeutung schlund gewinnen und lehnt unsere verwendung

[Bd. 6, Sp. 5630]


an den jägerausdruck gewerf (vgl. unter 2) an; damit kämen wir auf gewerf = gelenk (s. o. sp. 5489 ff.) als ausgangspunkt. näher liegt es, hier die glosse uzwerf, jactus (terrae) heranzuziehen, die Graff 1, 1040 aus den Hraban-Keronglossen anführt, ohne dasz sie bei Steinmeyer-Sievers 1, 194 in dieser form zu belegen ist; auszerdem vgl. zerwurft = zwiespalt Schmeller 22, 998; vgl. auch zerwürfnisz und s. DWB gewerf II, 2.
2) gewerf als jägerausdruck, vgl.: gewäff, gewerf, gewerft, gewehr, waffen, dann schneid, nennt man die untern langen zähne einer sau Heppe 148 u. a., s. oben sp. 4742. das wort ist zuerst aus Wickram belegt, bald nach ihm taucht es auch in den buchungen der jägersprache auf, von denen aus es dann in die allgemeinen wörterbücher überdringt. litterarisch ist es auszer bei Wickram nur ganz selten belegt. die erklärung bereitet grosze schwierigkeiten, weil sich mehrere möglichkeiten darbieten, ohne sich durch entscheidende gründe stützen zu lassen. die zusammenstellung mit gewerf = vorago (in den gest. Romanorum) könnte auf gewerbe = gelenk zurückführen. Adelung knüpft an werfen an: die hau oder fangzähne der wilden schweine, weil sie damit gleichsam um sich werfen. 2, 660. wer die erklärung auf dem wege der bedeutungsentwicklung zu gewinnen sucht, wird die synonyma, mit denen dieses gewerf sich verbindet, beachten müssen, und da führen die collectivbildungen gewehr, gewäff, waffen, die alle kampfwerkzeuge kennzeichnen, auf das oben unter gewerf II, 1 angeführte collectiv. vielleicht musz sich die erklärung jedoch auf das lautliche gebiet beschränken und der formellen berührung mit gewehr und gewäff das hauptaugenmerk schenken.
a) litterarische belege:

die frucht, so uff den baumen stundt,
weder œlber noch die lorber,
vor disem schwein mocht bleiben mehr.
inn summa, welcher baum frucht trug,
es mit seim gewerff darnider schlug.
Wickram (Albrechts Ovid 8 cap. 6 v. 574) 7, 365 Bolte (von Bartsch in seiner ausgabe Albrechts übernommen: mit sînem gewerfe);

dem lewen mocht sein sterck und grimm
inn keinen weg gehelffen nimm,
das wildschwein sein gewerff nichts bat,
den hirschen auch sein schnelli hat
nichts gholffen inn der grossen flt. (1. cap. 12 v. 579) 7, 26;

sein gwerff und zeen er (der eber) fürher warff
gewetzet wie ein messer scharff,
die warn schier einer elen lanck. (8. cap. 6 v. 547) 7, 364, ebenso 7, 372: mit scharpffem gewerff. (8 cap. 8 v.) 807;

da kam ein schwein, sein gwerff was scharff. (irr. bilger 18b) 4, 158 Bolte;

das schwein hat starcke waaffen unn gewerff. Sebiz vom feldbau 569; das gleiche Meurer jagd u. forstrecht 64b; jägerkunst Ba;

allein das gröszte schwein, voll bosheit und voll list,
thät brauchen sein gewerf und schlug um sich gar freche. Breitenfeldische schweinhatz (1631) bei
Opel u.
Cohn 279, 91.


b) belege der wörterbücher: gewerf, ist ein weidw., heisset die scharffe waffen des hauenden schweines. Schottel 634b; gewehr. in der jägersprache die zähne der wilden schweine, welche man waffen und gewerff nennet. (jagdw.) Jablonski allg. lex. d. künste u. wissensch. (1721) 247a (vgl. auch ausgabe von 1767, s. 534b); gewehr, gewerff, oder waffen ... die vier grösten zähne der wilden hauenden schweine ... mit welchen sie leute und hunde darnieder zu schlagen vermögend sind. allg. ökonom. lex. (1731) 827; genau so Chomel 4, 1045; Eggers kriegslex. 1, 1055; ähnl. Zinck ökonom. lex. 947; Stahl forst-, fisch- u. jagdlex. 1, 1040 (vgl. unten theil 13, 285); Adelung 2, 660; Schwan (1783) 1, 745a; Nemnich deutsches wb. d. naturg, 192 (gewähr, gewärft); Hilpert 1, 464a; gewerf, waffen der raubthiere. Fulda versuch einer allg. teutschen idiot. samml. 583; gewerf (auch gewerff, gewehr, fänge, hauer, haderer und waffen genannt) heiszen die eckzähne der wilden schweine. Behlen 3, 418; vgl. auch Heinsius 2, 435a; H. Laube jagdbrevier 258; Thiel 4, 428b; Train5 s. 351.
 
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gewerfe, n., das verbalsubstantiv zu werfen mit der function des nomen actionis, vgl. DWB gewerf II, 4: das gewerfe, das werfen, l'action de jeter Schwan (1783) 1, 745a;

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gewerfe Campe 2, 362; Heinsius 2, 435a; geräuschlos, ohne thürgewerfe, vgl. Sanders erg.-wb. 630a.
 
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gewerfen I, verb. , verstärktes werfen. während schon aus Ulfilas mehrfach formen von gawairpan belegt sind, (vgl. auch angels. geweorpan Bosworth - Toller 466a), ist das präfix ge hier für die althochd. periode ganz auf das part. prät. beschränkt, vgl. Graff 1, 1028, der den ersten anderweitigen beleg aus Notker beibringt. die mittelhochd. dichtung begünstigt das präfix in anderen formen des prät. und bevorzugt fälle, in denen das verbum mit präpositionaladverbien verbunden ist, vgl. mhd. wb. 3, 740a; Lexer 1, 987 und nachtr., s. 208; vgl. auch Schiller-Lübben 2, 103. aber auch die prosa nimmt die verstärkte form auf und läszt sienamentlich im infinitivverhältnismäszig nahe an die neuere sprache reichen. noch 1772 wird sie im forst-, fisch- und jagdlex. (1, 1043) wenigstens als stichwort aufgeführt. auf die bedeutung übt das präfix nirgends einflusz; überwiegend ist die grundbedeutung des verbums ausgeprägt, übertragene verwendungen sind selten.
1) gewerfen mit der grundbedeutung.
a) das präfix in formen des präsens: jah gawairpands ina sa unhulþa in midjaim urrann af imma. Ulfilas Luc. 4, 35 (und der teufel warff in mitten unter sie. Luther); ähnlich Marc. 9, 18; dazu vgl.:

gar dicke in so gewirfet er in
fur und in die waszer hin. evangelienwerk v. S. Paul 59c Schönbach (Marc. 9. 21 misit., wirft cod. Tepl., het geworfen
Beheim. Luther);

swer uf im swere burde hat,
der suchet manigen engen rat,
wie er gewerfe sie hinabe. passional (11) 107, 3 Köpke, vgl. 2, a.


b) in formen des präteritums:

nie gewarf dehein schûr
sînen hagel alsô dicke,
alsô der flammen blicke
von ir swerten ûf sprungen.
H. v. d.
Türlin krone 11900 Scholl, (nach der Wiener handschr. 14. jahrh.; gewan Heidelberger handschr. 15. jahrh.;

mîn zorn was gewetzet
gên ir zorne, der was scharf.
vil sæleclîche ich gewarf
mit dem stecken ich sî traf. v. d. übeln weibe 604 Haupt;

als er uʒgewarf sin garn
und wolde gerne vischen. passional (44) 363, 74 Köpke;

hie vor in miner jungen zitt,
do ich ain torocht spiler was
und kumm vor luodri genasʒ,
bis das ich um den wurff gewarff,
wie wol die spiler waren scharpff,
mich frowt kain spil, es gult dann bar.
Hermann von Sachsenheim die mörin 5887 Martin;

und uz dem wingarten da hin
gar verre sie gewurfen in. evangelienwerk v. S. Paul 67a Schönbach (Marc. 12, 8 ejecerunt; wurfen in den anderen bibelübers.); vgl.: daz sie hin abe gewurfen in 77d (praecipitarant Luc. 4, 29 gestîezen
Beheim; hin ab stürtzeten
Luther).


c) beim infinitiv: goþ þus ist galeiþan in libain haltamma, þan twans fotuns habandin gawairpan in gaiainnan. Ulfilas Marc. 9, 45 (βληθῆναι, und werdest in die helle geworffen. Luther); warumme mochte wir en (den teufel) nicht ûz gewerfin? Beheim Matth. 17, 18 (ejicere; ausgewerfen cod. Tepl., ebenso noch Mentel; auswerfen Augsburger bibel v. 1477 u. a.); wie mac Sathanas Sathanam ûz gewerfin? Beheim Marc. 3, 23 (auswerfen cod. Tepl. u. a.; austreiben Luther); und uffe dirre ersten staffeln stot dirre selbe anevohende mensche rehte geliche eime rore daʒ der wirt hin und her gewerfen mag. Rulman Merswin buch v. d. zwei mannen, Lauchert, s. 56; ob er irigin kein stein vnde da mit er den armen man mochte gewerfin. altdeutsche predigten 1, 104 Schönbach; so er mit dem ainen fues an dem hoffʒaun stet, und als weit er mit ainer parten gewerfen mag, so verr hat er zaunholʒ mit den von Rum. register von Rum (handschr. v. 1540) österr. weisth. 2, 220; die alt fraw sprach, ir müssen an dem sontag frü, als bald man das thor uff tt, hinuzʒ für die stat gon in den hanffacker, da der baum in stot,

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und als weit als ir gewerffen mögen, darvon ston. Pauli schimpf u. ernst (135) Österley, s. 99.
2) gewerfen mit ansätzen zu übertragener verwendung: dîe iro ubeli aba dero manheite gewirfet, quos improbitas deiecit ab humana conditione. Notker Boeth. 178a.

sît daʒ sîn herze nie gewarf
ûʒ vil hôher stæte sich,
sô gedenket er daʒ ich
mit triuwen sîn geselle was.
Konrad von Würzburg Engelhard 5654 Haupt;

so was ir antlitze
schone und uzerwelt so ho,
daʒ si den keiser machte vro,
der den blic an sie gewarf. passional 671, 65 Köpke;

als er die rede in vorgewarf,
do wart ir herze also scharf. 39, 81;

mit minen vreuden ich da ranc,
unz ich sie under mich gewarf. passional 285, 73 Köpke;

und bitten vil innechlîchen, daʒ der geist siner minne unser herz erfulle ... und als er erstuont von dem grabe, daʒ wir alsô zerucke gewerfen alle unser missetât, die uns an lige lîbes und sêle. St. Pauler predigten 86 Jeitteles; dese ghedachten en kunde he nicht van em ghewerpen. leben d. h. Franz 48b. Schiller-Lübben 2, 103.
 
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gewerfen II, verb., unmittelbare ableitung von gewerf I: sollen in aller mass als andere ligende güetter, so die innwoner des gotzhuses buwen und besitzen, gesturt gewerfft und angeschlagen werden. urk. v. 1480 bei Schöpflin Alsatia dipl. 2, 413; gewerfen, steuren oder lossungen, guarandare, vocab. v. 1482, vgl. Lexer 1, 987.
 
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gewerfnis, f., ableitung von gewerf I: wir Friderich ... haben ... geordnet und gesetzt, dasʒ nu fürbasʒ hin der gemelt abbt und sein nachkommen des gemelten gotzhusses Murbach uff all und iclich güetter ligende, ... stür gewerffniss und ander mittliden zu einer jeden zitt, so das ir und des gotshuss nottdurfft ervordert, schlahen legen nemen und gebruchen. urk. v. 1480 bei Schöpflin 2, 413.

 

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