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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
gewerbsweg bis gewerden (Bd. 6, Sp. 5616 bis 5622)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gewerbsweg, m.: und es ist wohl jedem nur einigermaszen verständigen menschen zuzutrauen, dasz er vor der wahl jenes standes die frage selbst untersucht habe, ob er auf dem gewerbswege fortkommen möge, den er betreten will. Lotz staatswirthschaftslehre 2, 51; durch ... statistische notizen über gewerbsbedürfniss ... in den stand gesetzt werden, bei der wahl des zu betretenden gewerbsweges vernünftig ... zu werke zu gehen. anz. d. Deutschen 110 (1845) 3644.
 
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gewerbsweise, adverbialbildung: als viktualienhändler zu besteuern ist auch, wer gewerbsweise vieh vom erkauften futter unterhält, um es zum verkauf zu mästen. preusz. gesetzsammlung von 1820 s. 148; welche ... möblirte zimmer oder schlafstellen gewerbsweise vermiethen. preusz. gewerbeordnung von 1845, s. gesetzsamml. s. 51.
 
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gewerbswerber, m.: wurde angeordnet: dass ... ein personalhandel nur gegen entrichtung einer nach ... der dringlichkeit, mit der der gewerbswerber ein solches recht zu erhalten wünscht, ... zu bestimmende concessionstaxe verliehen ... werden soll. Barth-Barthenheim 2, 396.
 
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gewerbszeitung, f.: gewerbs- und handlungszeitung. Breslau 1802.
 
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gewerbszurücklegung, f.: die zwangsweise untersagung der gewerbszurücklegung findet gar nicht statt. Barth-Barthenheim 1, 327.

[Bd. 6, Sp. 5617]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gewerbszusicherungsdecret, n.: von der anfertigung der sogenannten gewerbs- oder befugnisszusicherungsdecrete nach der bisherigen form hat es ... abzukommen. Barth-Barthenheim 3, 331.
 
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gewerbszustand, m.: Patje, abrisz des fabriken-, gewerbe- und handlungszustandes in den Churbraunschweigisch-Lüneburgischen landen. Göttingen 1796; unter diesen einwirkungen hob sich der gesunkene gewerbszustand Münchens ... allmählich wieder. Schlichthörle gewerbsbefugnisse in München 1. einl. s. 33. vgl. auch gewerbliche zustände.
 
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gewerd, s. DWB gewerth.
 
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gewerde, f. (und n.), eine form, in der verschiedenartige bildungen vom schriftgebrauch der neueren sprache übernommen wurden.
1) die nebenform zu gewähr (vestitura) ist schon oben besprochen worden. vgl. DWB gewährde sp. 4808; vgl. auch sp. 4784 (giwerida). dazu vgl.: (13. landsgwerd.) item wenn ein landkind ein gt im land Sanen, es si erbs, kaufs oder gabswis innimbt und dasselb fünf jar darnach in rüwiger gewerd nützt und besitzt, so sol es von dem zil hin des guts halb kein rechtliche antwürt zu geben verbunden sein. landrecht v. Sanen (1598), zsch. f. schweiz. recht 9, 2, 110.
2) zur sippe von wahrnehmen, gewahrsam (s. d.) gehört ein anderes, früher veraltetes, fem.: gewerde = behutsamkeit (vgl. gawarida Graff 1, 912; mhd. wb. 3, 510a); vgl.: schicke diʒ frouchin in stillen gewerdin balde von mir unde von minem bette unde gib ir eine marc silbirs unde laʒ si gen. leben des heil. Ludwig 21, 16 Rückert.
3) ein drittes substantiv ist zu werth (pretium, dignitas) zu stellen; vgl. auch das verstärkte adjectiv gewert, gewerth. für die form des nominativ sing. und für das genus dieses subst. liegen wenig anhaltspunkte vor. immerhin ist neben dem fem. (das gleiche genus im mittelniederl. s. DWB gewerde bei Verwijs u. Verdam 2, 1888) auch im masc. oder neutr. nachzuweisen: vgl.: de dre brunswickschen pennigk weren beter in orer gewerde wan de krosse. Braunschweiger schichtbuch, d. städtechron. 16, 418, gegen schullen affgedan unde von neinem gewerde sin. ebenda 385 (die gleiche formel im urkundenbuch v. Westphalen 3, 190; machtloess, unbundich ind van geinem gewerde mer sin); wi arbeidet over nichte, unde waget unse lif unde zele vorgewes, unde wervet nichtes gewert. Lübecker chron. bei Grautoff 2, 505. da von diesen belegen abgesehen (zu dem problematischen gewert bei Wickram, Geiler, vgl. unter c), alle zeugnisse aus niederd. und oberd. gebiet entweder den nominativ plur. oder den dativ. sing. zeigen und somit die anhaltspunkte für das genus versagen, so sind die belege hier vereinigt, da sie auch im bedeutungsgehalt keine unterschiede aufweisen.
a) do man zalte 1362, do gab klein Fritsche von Heiligenstein ein bürgerlin zu Strosburg ein pfunt figen gewichtes umbe ein pfunt erweiszen gewichtes, und schetzetent die kornkeufer, daz die erweiszen eins helbelings beszer worent wan die figen, noch dem also do z mole gultent die beden gewerde. Closener Straszb. chron. (d. städtechron. 8, 135), vgl. auch die belege unter 4); und so su kumment uf die jormerckete, do manigerleige volg und koufmanschatz hine kumment, so kerent sich die wisen z den aller koüfigesten gewerden und lon die doren ir narrenspil triben. Schürebrand 32, 3 Strauch; kleide oder kleinoeter, es werent ... büchelin oder heilgelin oder des gelich von aller leige klütterote und gewerde, daʒ junge lüte gerne hant. 39, 28; ebenso 31, 13 (variante gewerbe s. oben sp. 5504).
b)

hei sprach: ich enkomen vur den koning neit,
dar hei mich hœrt off seit,
da is hei mir zo male gram,
umb dat ich eme he vore nam,
van sime schatze sulche gewerde,
id endroge neit dri perde. Karlmeinet 389, 23. Keller s. 598;

des hope wi, dat he uns de drittich punt schole weder gheven unde bereden unde de vorsetenen ghulde in alsodannen guden ghelde, alse he van unser weghene upgheboret heft eder in des ghewerde. rechtsspruch des domcapitels von Minden (1392) bei Meinardus 2, 49;

[Bd. 6, Sp. 5618]


ok wart der stadt beste gesein,
dat me koffte de teigelstein
na des rades erkenninghe
al vor Brunswichsche penninghe
na des penninges ghewerde. das schichtspiel 4682; deutsche städtechron. 16, 247: vgl. auch s. 418;

unde oft wi deme sulven ghemenen copmanne jenige ware af koften ofte kopen wolden der uns to unser herschup bederf, unde behoef were, des scholen unde willen wi van stund nae ghewerde der ware dem copmanne, als se ghelden mach, mit reden ghelde vornogen. urk. v. 1457 bei Cassel, Bremensia 2 (1767) 279. vgl. auch vers. eines bremisch-niedersächs. wbs. 5, 233; siclus dat is ein ghewichte sulvers unde ist so gut van gheverde alse twei Kollensche schillinghe unde de maket twintich hellinge. Loccumer bibl. erz. (hdschr. mitte 15. jahrh.) 49b u. a., s. Schiller-Lübben 2, 101.
c) fraglich ist, ob die folgenden formen hierher zu stellen sind; sie würden dann für übertragenen gebrauch des subst. zeugen: die weil ir vormals auch in einem solchen gewert mit mir gewesen sind, als der schalckhafft vogel mir ,.. auch zlegen wolt. Wickram (Gabriotto u. Reinh. cap. 31) 1, 274 Bolte (der gefert vorschlägt); ein gter lümbd, ein gut gewört, ist besser dann silber und gold. Geiler v. Kaisersberg buch d. sünden d. mundes (1518) 28bc; sein gter lümbden unn gt gewörte. ebenda (ist an ein collectiv zu wort hier zu denken?).
4) ein fem., das der bedeutung nach auf werden zurückgeführt werden könnte: korn und gewerde ... die secke mit der gewerde. Straszburger rathsschlusz von 1452, s. Ch. Schmidt 144; (die müller sollen) schaffen das jederman sin gewerde trucken heim kumme. ebenda; und ouch alle gewerde natürlicher und frischer blibe (var. spis). Schürebrand 37, 4 Strauch;

waʒ ist di werlt?daʒ sage mir.
di werlt daʒ ist ein schicklich gewerde
von deme himmele und von der erde
und von deme daʒ da ist darinne (mundus est constitutio
coeli et terrae et omnium quae in eis sunt).
Secundus 351 Strauch (z. f. d. a. 22, 395).


 
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gewerden I. verb. , verstärktes werden (s. d.). hier liegen mehrere gebrauchsrichtungen vor.
1) verwendungen, die auf ein compositum zurückführen und die unter dem einflusz der ursprünglichen bedeutung des präfixes ge stehen, vgl. das angelsächsische geweorþan in den bedeutungen von convenire und consentire. Bosworth-Toller 466; vgl. gewerden (unpers,) becomen, (goede), gevolgen hebben voor iemand. Verwijs u. Verdam 2, 1890.
a) der ältesten sprache gehört eine unpersönliche construction an, bei der der casus für die betroffene person (accus. statt dativ) auffällt. er erklärt sich wohl dadurch, dasz das object von der dem compositum als solchem zustehenden bedeutung angezogen wurde, nicht aber mit dessen einzelnen elementen in verbindung trat:

thar was Krist guaterjoh selba ouh thiu sin muater,
ouh man thara ladotathie jungoron, thier tho habeta.
thiu hiun warun filu fro,giwerdan mohta siu es tho,
sie habetun thar selbon Krist,ther alles blides furista ist.
Otfrid 2, 8, 9; ebenso 4, 9, 20;

so sie thar tho gazun,thie in themo grase sazun,
joh mannilih thar sat ward,so sie thes brodes giward. 3, 6, 44;

gisah er einan altan ...
thaʒ er lag zi warein themo selben sere.
thie langun ziti Krist gisahjoh ouh selbo zi imo sprah,
ob inan giwurtithaʒ er heil wurti. 3, 4, 20;

thea gumon alle giwarð
that sie ina giôinte hêroston,
gikurin ina te kuninga;that Kriste ni was
wihtes wirðig. Heliand 2883;

dazu vgl. non commendat mihi, niht kiliubit vel kiwirdit. glossen zu 1 Korinther 8, 8. Steinmeyer-Siever 1, 760b; tedet, intwirdit. ebenda 1, 306b (1 Mos. 27, 46). aus alledem geht hervor, dasz gewerden nicht einfach auf die äuszerliche berührung zielt, wenn eine person von einem geschehnis betroffen wird (vgl. mihi contingit), sondern dasz es eine innere übereinstimmung zum ausdruck bringt (mihi convenit) und daraus die vorstellung des befriedigtseins entwickelt. vgl. dazu auch cawurt, kiwurt, oblectatio (Graff 1, 993); vgl. adpetitus ejus cawurt siniu edo lust siniu. glossen zu 1 Mos. 4, 7. Steinmeyer-Sievers 1, 316a.

[Bd. 6, Sp. 5619]



b) so ist auch der bedeutungszusammenhang gewonnen, in dem die oben (sp. 4851 ff.) besprochene wortverbindung einen gewerden lassen = einen gewähren lassen, ihre erklärung findet. durch sie ist das verstärkte werden in die späteren wörterbücher eingebürgert worden. den oben beigebrachten beispielen sind einige noch nachzutragen (vgl. auch Verwijs-Verdam 2, 1890; J. Winkler friesch woordenboek 1, 455b).
α) für den objectsaccusativ ohne weitere bestimmung: de Berschen branten Liblar ind ander dorper ind brachten einen groissen rouf mit sich etc., want de Coeltzschen inhadten neit vil luitz, ind sin (des bischofs) broder der greve inwas ouch noch neit viant: darumb leis man si gewerden ind neit darzo indeden. chronik von Cöln, s. deutsche städtechron. 13, 55.
β) für die verbindung mit der präp. mit: dairumb, her, voulget raits, laist uns gewerden mit der stat, ir sult des bat ind ere kriegen. Koelhoffsche chron. (deutsche städtechron. 13, 589; ebenso 560; desgleichen 14, 832).
γ) zum fortleben in den wörterbüchern (s. sp. 4852) vgl.laet mi gewerden, sine me quod volo facere. Kilian 146b; ganz ähnlich Henisch 1598; lass mich gewerden, ne me prohiberes, permitte, ut faciam. Stieler 170; lass mich gewerden, be quiet, leave off from me. teutsch-engl. wb. (1716) 771.
c) auszerhalb dieser verbindung mit lassen ist das compositum in solcher bedeutung nur selten mit persönlichem subject verbunden (vgl. Schiller-Lübben 2, 101): so dan ein raet tor tid mit den sulbigen nicht konde gewerden, so sollen se veer van der gemeinheit und veer van den emptern tho sich bidden und mit em gewerden. statutarrechte v. Brilon (übersetzg. des 15. jahrh. aus dem lat.) Seibertz urkundenb. v. Westphalen 1, 530; sagten uns das haus van stunde an zu, sachten, sei wolten des zins wol mit uns gewerden. buch Weinsberg 1, 291, ähnl. 292. da in solchen verwendungen frühzeitig bestimmungen neben dem compositum belegt sind, die den schwerpunkt der bedeutung an sich ziehen und die das verbum zum hilfsverbum herabdrücken, so ist nicht sicher zu stellen, was primäre, was secundäre (etwa auf ellipse beruhende) bildung ist, vgl.: enkonden sei des gheldes nicht eins gewerden. statutarrechte v. Rüden (1310) bei Seibertz urkundenb. v. Westphalen 2, 91; des ne kunde die rad nicht ens gewerden, dar umme dat sie it so hoghe vorboden hedden. brem. chron. (z. j. 1344) bei Lappenberg geschichtsqu. 89.
d) einzelne belege für gewirt, gewerden u. a. scheinen einen schroffen bedeutungsgegensatz zu den obigen feststellungen darzuthun. sie gehören jedoch zu dem verbum gewerren, s. d.
2) verwendungen, in denen das präfix ge keine eigene bedeutung mehr zum ausdruck bringt, vielmehr der verstärkung des verbums dient. aus der alt- und mittelhochdeutschen zeit sind hieran zunächst nur poetische denkmäler beteiligt: der Heliand, die mittelhochdeutsche dichtung (vgl. auch angels. geweorþan). neben rhythmischen einflüssen und syntaktischen bedingungen (bevorzugung der verstärkten form im präteritum) wirken auch bedeutungsschattierungen mit, insofern das verbum da, wo es die energie seiner bedeutung wahrt, häufiger in der verstärkten form erscheint als da, wo es zum hilfsverbum herabgedrückt ist. dieses gilt namentlich für die prosa, deren belege für diese verwendungen bis zur neueren sprache heranreichen.
a) die wahrung der energie der verbalbedeutung: gewerden ohne weitere bestimmungen. vgl. auch Verwijs u. Verdam 2, 1888.
α) verbindungen mit persönlichem oder nominalem subject.
1)) auch hier ist die verstärkung zumeist an formen des präteritums belegt.
a)) im hauptsatze:

von dinem willen gewart
nach lobelichen werden
in himele unde in erden
vil lebender creaturen. passional 1, 26 Köpke;

diu fruht ûf dürrem holz gezwîget ist,
si spîset wol von hôher art
und smacket wol durch siben süeʒekeit,
kein beʒʒer fruht noch nie gewart. meisterlieder der Kolmarer hdschr. 84, 41 Bartsch s. 410;

[Bd. 6, Sp. 5620]



si clummen reicht in mit der vart,
williger volc nei ingewart.
Gottfrid Hagen Kölner chron. 2535, d. städtechron. 12, 95;

ein wolken daʒ gewart der na (facta est. Marc. 9, 6), daʒ si beschedewete da. evangelienwerk aus St. Paul 59a Schönbach.
b)) im nebensatze:

die da wolden schowen
an ime sine himeluart.
als die rechte zit gewart.
Symon uf einen turn quam. d. alte passional 176, 68 Hahn. vgl. auch
Jeroschin 16522;

vor der zit man da beten pflac
e daʒ Jerusalem gewart. das buch der Maccabäer 2281 Helm (I, 3. v. 46);

der slaf ist niht so vollen alt,
also der man, wie ist daʒ gestalt?
der man was e uf erden wis,
e dan der slaf gewürde.
Rumelant gegen Singuf bei v. d. Hagen 3, 49b;

daʒ von den Juden nie gewart
kein kuninc bis an dise vart. buch der Maccabäer 11553 Helm;

husere ist der besten tugend ein, seht, diu ie gewart uf der erden. der
Meissner (1, 4) bei v. d. Hagen 3, 86b;

der beste trank, der ie gewart, daʒ ist der guote wîn.
Friedrich von Sonnenburg, Zingerle anhang s. 86;

der sunetag was der êrste tag, der ie gewart. Sachsenspiegel 2, 66 § 2 Hildebrand s. 85;

die groste dogent di i gewart (var. war),
daʒ ist gerechticheit sunder part. Limburger chron. 41, 19 Wysz.


2)) andere verbalformen mit ausnahme des infinitivs sind hier nur spärlich betheiligt:

so that witan ni mag
ênig mannisk barn, hwan thiu mâria tîd
giwirðid an thesaru weroldi. Heliand 4302;

ire mantele wâren gesteinit bî der erden
mit den besten jâchanden die ge dorten gewerden. könig Rother 2234 v. Bahder;

vgl.: ich spriche ouch, daʒ tegelîchiu sünde den menschen enkeines lônes berouben mag noch enkeiner gnâden, wan gnâde diu gewirdet wol, siu mag nit entwerden. myst. 1, 278 Pfeiffer.
3)) um so beliebter ist das präfix beim infinitiv, der in dieser form bis in die neuhochdeutsche periode heranreicht und in der sprache der mystiker namentlich freieren verwendungen dient.
a))

einen sûl van golde
hêrlich ende dûre
gloende van vûre
die liet got dar gewerden.
Heinr. von Veldeke Servatius 1, 2209, Piper höf. ep. 1, 137;

dî dâ hîʒ gewerden
den himel und dî erden.
Hartmann vom glauben 71 v. d. Leyen.

vgl.:

dat is de den himel zu der erden
geschoif unde leis gewerden.
Gotfried Hagen Kölner chron. 213.

der gleiche reim auch Pilatus vorr. 48 Maszmann.

sinen willen sin gebot
baten si gewerden
in hiemele unde in erden
swie im behegelich were. d. alte passional 178, 85 Hahn;

von waʒʒer unde von erden
dâ von dû hieʒes gewerden
alle lebendinge dinc
unde bist ir aller ummerinc.
H. v. Krolewiz vaterunser 10 Lisch;

'ob du wilt, vil lieben sun,
widerkern an den got,
des gewalt und des gebot
dich lieʒ durch sich gewerden.'
mit ruwigen geberden
sprach der knappe 'o we, ja'. passional 133, 29 Köpke;

ouch lieʒ gewerden din (gottes) gebot
unsre vetre hie uf erden,
heilic lieʒes du sie werden, ... das buch der Maccabäer 7274 Helm (der du unsere veter erwelet, und sie geheiliget hast.
Luther);

rüst dich und far hin wunderbaldt
inn Scytiam, die insel kalt,
ich mein inn die unfruchtbar erden!
dann do mag nimmermehr gewerden
weder [ein] frucht noch ander korn,
dann do ists immer tieff gefrorn.
Jörg Wickram (Albrechts Ovid 8, 12, v. 1162) 7, 382 Bolte.

[Bd. 6, Sp. 5621]



b)) minnet mich got mit aller sîner nâtûre (wan diu hanget hie ane), sô minnet mich got rehte, als sîn gewerden unde sîn wesen dar an hange. meister Eckart (43) deutsche myst. 2, 146; daʒ blôze wesen, dem niht zuo geleit ist, daʒ meinet 'erat'. zem andern male 'erat' meinet ein geburt, ein vollekomen gewerden. 2, 88; das würcken und dʒ werden das ist ein. so der zimmerman nit würcket, so würckt auch das hausʒ nit, da die bartt oder axt lt, da lt auch das gewerdē. got und ich wir seind ein in disem gewürcke, er würcket, und ich gewürde. Tauler predigten (1521) 305b.
β) der abschwächung unterliegt die verbalbedeutung schon neben pronominalen bestimmungen, die den schwerpunkt des bedeutungsgehaltes über den rahmen des satzes hinausrücken. hier tritt der infinitiv in formelhafter verwendung an die spitze der belege für das präfix.
1)) die form des präteritums:

dô daʒ sô gewart,
daʒ dî frouwe irstarb.
Hartmann v. glauben 2309 v. d. Leyen; ähnl. passional 379, 1 Hahn; 128, 74 Köpke;

ieglicher wol den sinen vant,
des wart der strit gesweret hart
vil sterker dan er ie gewart. das buch der Maccabäer 4090 Helm;

was ie gewart uff erden
das muste en (Adam u. Eva) underthan werden. Alsfelder passionsspiel 2966 Grein.


2)) andere verbalformen:

hwand sô hwan sô that gewirðid,that waldand Krist ... kumit. Heliand 4380 u. a.


3) die infinitivform:

hwô mag that giwerðan sô. Heliand 141 u. a.;

daʒ nemag niet gewerthan. Leidener handschr. zu Williram 44, 5, s. Seemüller s. 15 (var. niet werdan);

mûste daz gewerde,
daʒ er mochte irsterbe,
ime wêre lieber dî tôt,
dan er lide dî grôʒe nôt.
Hartmann vom glauben 2746 v. d. Leyen;

ein wîser man der râte waʒ daʒ müge gesîn:
daʒ aller beste daʒ ie wart od immer mac gewerden. meisterlieder der Kolmarer handschr. 136, 2 Bartsch s. 508;

allet dat got hei leis gewerden.
Gottfr. Hagen Kölner chron. 537;

gewerden, fieri, contingere. Henisch 1598; ähnlich noch Stieler 170.
b) in der engeren verbindung mit bestimmungen, die am verbum die bedeutungskraft schwächen und die funktion eines hilfsverbums entwickeln, ist das präfix spärlich belegt.
α) voran steht die verbindung mit einem possessivpron., in der sich am meisten von der grundbedeutung erhält:

thes thu te wârun ni wêst
thea wurdi — giskeftîthe thî noch giwerdan skulun. Heliand 3693;

daʒ lieʒe ich alleʒ hin varn
behilde ich dich alleinē,
ich mag vilwol weinē,
waʒ sol min gewerden
himel u erdē
ob eʒ alleʒ min were
verzige ich durch din ere.
Herbort troj. krieg 9644 Frommann, ganz ebenso 12462. 14071;

genædeclîcher trehtîn,
welch rât gewirdet aber nu mîn?
Gottfried von Straszburg Tristan 2654 Bechstein;

do hielt der sariant bei in,
dem diʒ rs tzu gewart.
»ich lieze euch aber an sulicher vart
ir einen lettzen, woldet ir,
so daʒ sin rs wurde mir.« Ludwigs des frommen kreuzfahrt 2794 v. d. Hagen;

ich weisz mir ein edel pluett,
ain zarts junkfreielein,
dem dient ich alzeit eben,
ob sie mir möcht gewerden (druck v. 1614: werden)
ir diener wolt ich sein. volkslied bei Kopp s. 37;

he slôch se dicke to den êrden (der ackermann seine frau),
doch kunde de sege sin ni gewêrden,
so dat se ene wolde leiven. aus dem Wolfenbütteler ndd. Aesop. 20, 12 Hoffmann v. Fallersleben;


β) ganz anders wirkt der engere anschlusz an substantivbestimmungen:

[Bd. 6, Sp. 5622]


al giwurðun
thiu frî an forahtonfurðor ne gidorstun
te themo grae gangan. Heliand 5815;

do er (Johannes) ein iungelinc gewart
unde ubel unde gut virstunt
do tet er als die seligē tunt. das alte passional 348, 56 Hahn; ähnl. 317, 8;

sal ich ein nunn gewerden (var. werden)
sunder minen willen,
so wel ich eime knaben jung
sinen komer stillen. lied v. 1359 in der Limburger chron. 48, 9 Wyss;

des enhave neiman wunder,
dat de Wisen dus geingen under.
si inwolden neit langer unreicht wirken,
und voren in cloister und in kirchen.
aldus gewerdent dis dagis noch hude
veil mencher hande cloisterlude.
Gottfrid Hagen Kölner chron. 5080 (d. städt. chron. 12, 166);

item, und wenn daʒ ainen ainem gewundet het, daʒ sorglich wäre zu dem tot, so sol der alʒ lang gevangen ligen, untʒ daʒ man gesech, wie es ain gestalt gewerd, und daʒ der ander sicher zu dem leben sin. Münsterthaler statuten (1427) (österr. weisth. 4, 344).
γ)

wan alle ir werg, die sie begant,
die lude sie die schauwen lant,
uf daʒ sie mugen hie gewerden
gelobet von in uf der erden (ut videantur ab hominibus.
Matth. 22, 5). evang. werk v. St. Paul 38b, Schönbach.


 
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gewerden II, verb., ableitung zu werth, dignus (s. d.); vgl. gawerdjan, gawerdôn Graff 1, 1014; gewerden mhd. wb. 3, 605b; Lexer nachtr. 208; Schmeller 22, 992. aus der bedeutung dignare hatte sich hier frühzeitig die weitere entwickelt: sich zu etwas herablassen, etwas zu thun geruhen: der gewerdô walten hiuta dero hunto. Wiener hundesegen (denkm. 13, 16); du gewerdotost uns vore sagen. Ezzolied 28, 3 (denkm. 13, 91) u. a. vgl. ghewerden, zich verwaardigen, de goedheed hebben. Oudemans 2, 661; gheweerden, vergunnen 2, 653. ähnl. Verwijs u. Verdam 2, 1891. der eigentliche geltungsbereich der deutschen verwendungen fällt jedoch in die ältere zeit, schon die mittelhochdeutsche dichtung nimmt nur noch mit wenig belegen daran theil (vgl. auch gewirden mhd. wb. 3, 608a). in die neuhochdeutsche periode dringt dieses verbum überhaupt nicht über, an seine stelle treten erweiterungen, vgl. gewürdigen (nd. gewerdigen) und würdigen.

 

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