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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
gewelle bis gewende (Bd. 6, Sp. 5462 bis 5465)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gewelle, gewell, gewel, n. wie oben zu gewäll (sp. 4910) bemerkt, sind in allen diesen formen zwei durchaus verschiedene worte überliefert: ein substantiv, das auf wellen, willen, wollen, wullen (nauseare) zurückweist, vgl. Lexer 3, 892 und ein anderes, das man sowohl als collectivbildung zu welle, wie auch als verbalsubstantiv zu wellen (wälzen, rollen, Lexer 3, 754) ansprechen kann.
1) bei dem ersten der beiden substantiva hat die neuere sprache gerundeten vocal durchgeführt, s. DWB gewöll.
a) während das zugehörige verbum auch althochdeutsch häufiger belegt ist (vgl, auch das subst. wilido, willod, nausea Graff 1, 838), erscheint das subst. gewel, gewell erst spät, in den thierarzneibüchern der mittelhochdeutschen zeit, wo es nicht für vomitus, sondern für vomitorium gebraucht wird: darnach des andern tages soll er ain halbtail ains diechs von ainem hn nemen und drui gewël, die man underweilen macht von vedern und underweilen von pamöle, legen in ain kalt wasser und dar inn lassen ligen; des morgens an dem dritten tage so soll er im dann geben das halbtail des diechs und die drui gewël ..., und zu vesperzeit sol er in aber ätzen mit den gewëlen. Mynsinger von den falken 20 Hassler; und ist zu merken, das ettlich die gewël der falcken anders machen, dann vor geschriben ist, wann si nemen flaisch, das in starkem essich gelegen ist, und stoszent das in gepulverten pfeffern und gepulverten mastix und in gepulvert pitter öl ... und gebent das dem falcken; aber das selb gewël sol man kainem vederspil geben, es hab dann vil kalter schleimiger flüsse an im. 21; ebenso 39; und mag damit der habich nit essen, so sol man im geben ain gewël von jungen meüszen und von jungen sparn, so würft er es wider und wirt gesunt. ebenda 53. vgl. auch gewelle in der Münchner handschr. aus 1442 (von spur und suchen gewildes) bei Schmeller 22, 887; und gib jm (dem falken) nit mer dan ein halbs kölblin von einer hennen in frisch wasser, darinn mach drei reinigung, so man z teütsch guel nennt, die werdend von fäderen, und am besten von baumwullen gemacht ... etliche aber machend jre guel anders, und stossend in gepülverten pfäffer mastix und butter vermischt, und gebends dem falcken. Geszner vogelbuch 148b; den dritten tag sol er dir widerum zur handt stehen, und wann er die federn und sein gewell von sich geworffen und aussgeschmeisset hat, sollestu ihn mit frischem gutem warmem fleisch locken. adeliche weydwerck, anderer theil 32b; man gibt ihm (dem habicht) auch zu zeiten gegen der nacht ein gwell wie dem falcken, da wirfft er morgens wider. Heupold wörter v. weidwerk (Basel 1620); man locket, ätzet sie (falken und habichte) auf dem luder, das luder giebt man aus, man giebet ihnen, zu ihrer zeit gegen den abend zu werffen, das ist auf grob teutsch, ein gewöll. Becher haus - vater s. 718. ghewelle, purunda accipitrum Kilian 146a; vgl.ghewelle Oudemans 2, 659, gewölle bei H. Laube jagdbrevier 258.
b) die bedeutung vomitus findet sich später und in der allgemeinen litteratur:

wie wir zrichten vil der trachten
do mit den glust, und magen reitzen
mit kochen, sieden, broten, schweitzen,
mit rösten, bachen pfeffer bri
voll zucker, wartz, und spetzeri

[Bd. 6, Sp. 5463]



geben wir eim ein oxymell
der bi der stägen leidt gewell
oder msz das von jm purgieren
mit siropen, und mit klistieren.
S. Brant narrenschiff 81 Zarncke, vgl. 82, 34 (gewäll);

doch werden die jr lügen wieder in sich, wie der hund sein gewell fressen müssen. L. Thurneisser von probierung der harnen 47; je mehr mich eines dings ein gewel und unwill ankompt. Agricola spr. 157a.
2) das zweite substantiv ist früher belegt, erscheint aber auch in der neueren sprache immer wieder an der oberfläche. möglich ist freilich, dasz mehrmals neuschöpfungen unmittelbar aus dem substantiv welle erwuchsen. so knüpft der mittelhochdeutsche gebrauch viel unmittelbarer als der althochd. an die grundbedeutung des substantivs an, und das gleiche läszt sich beim neuhochdeutschen gebrauch beobachten.
a) in der althochdeutschen periode (vgl.kawel, kewel, DWB gewel Graff 1, 794) beschränken sich die belege auf die glossenlitteratur. neben der ursprünglichen sinnlichen bedeutung entwickelt sich auf der grundlage der collectivvorstellung der abstractere begriff masse.
α) procellas, gewel, Reichenauer glossen zu Gregors cura past. (3, 27) Steinmeyer-Sievers 2, 236; cumulos (undarum) giwel Freisinger glossen zu demselben (3, 32), ebenda 2, 175; der geist der gewelle (procellarum) Windberger interlinearversion der psalmen (10, 7) 35 Graff; in crepidine (in untiuphi) santgewelle Windberger glossen zur bibel (2 Mose 2, 5) Steinmeyer-Sievers 1, 326, vgl.santgewelle Graff 1, 257, sandwelle th. 8, sp. 1774.
β) massam (picis) Tegernseer glossen zu Vergil (Georg. 1, 275) Steinmeyer-Sievers 2, 628; massa caricarum, kawel ficephileo Junische u. Reichenauer glossen (1 Sam. 25, 18) 1, 284.
b) die mittelhochdeutschen belege (vgl. gewille mhd. wb. 3, 674b) lassen dem gegenüber nur die sinnliche vorstellung der welle zur geltung kommen, auf ihr beruht auch der übertragene gebrauch, den die ältere geistliche litteratur davon macht; an diese sind auch einige schriftsteller aus der übergangszeit zur neuhochdeutschen periode noch anzuschlieszen, vor allem Geiler, der das collectiv sogar in der pluralform gebraucht.
α)

daʒ triben si vil mangen tag
untz ains mals deʒ meres pflag
ain wint mit starkem gewil. Hero u. Leander 109 bei
Laszberg 1, 338;

der junckher wart unfro
und tacht wie eʒ jm solt ergan
das gewil traib jn hin und dan. 342, ebenda 1, 344, vgl. auch gewill 336.


β)

da was miner vordern hein
zim tiuschin huse ein bruoder
den gotes minne ruoder
ab dem tobenden sewe schielt
der nie rehter ruowe wielt
noch dekeiner senfter stille
wan daʒ süntlich gewille
wirfet uns nu her nu hin
in so mengen frömden sin.
Hugo v. Langenstein Martina 292, 44 Keller 735;

das es (das schiff) nit undergang von den gwellen und widerwertigen wind. Geiler v. Keisersberg schiff der penitenz 28a; etlich gwellen und wassertropfen die da kommen in das schiff so wir die löcher nit verstopfen. nimm zum ersten die gwellen der todsünden. ebenda 17b, ebenso 29b, vgl. Ch. Schmidt 144. 161; wenn dʒ schiff dins hertzens wil undergon, so der wint an din hertz stoszt, und das understot zbrechen, und die gwellen des ungestimen meres, die tüfelischen anfechtungen dir din hertz umbgeben und bedecken, so schri mit sant Petro den herren an und sprich. christl. bilger 30a.
c) in der neuhochdeutschen periode führt der ältere gebrauch zunächst die grundbedeutung weiter, später erweitert sich die verwendung durch übergang auf andere wellenförmige erscheinungen.
α)

gar bald ein ungewitter kam
gewaltigklich den segel nam,
das meer gewell in höch auffzoch
die rder in dem schiff zerbrach.
Virgil übers. von
Murner (Äneis 1. buch) 6a;

da kam ein schwartzer wolcken her
der uns den tag entzucket gar

[Bd. 6, Sp. 5464]



und ward gantz finster da geschwind
und das meer brausen von dem wind,
das grosz gewell uns gar zerstrewt. (3. buch) 59b;

ein ander wind kam grausamlich,
drei andre schiff zuckt er mit jm,
und warffs in sandtgwel schedlich hin
umbgabs mit sand, und stiesz sie an. (1. buch) 6a;

gewill des meeres. ps. 68, 23 Züricher bibel (aus der tieffe des meers. Luther); dargegen habend etwan die meer und stillstonden wasser, von dem gantzen erdtrich mit jrem ungestümen gwell durch lenge der zeit, grosse stuck abgerissen, und inszlen gemachet, die vormals dem erdtrich angehefft warend ... und hat sich offt ein see oder meer durch einflüsz ausgefüllt, und an einem andern ort durch das ungestüm gwell widerum auszfrässen, den boden an sich zogen und sich geweitert. Stumpf schweiz. chron. (5. buch) 2 (1548), 50a, ebenso (1606) 390a. von hier abgeleitet gweling: ward der wind so heftig, daz die anker nit huolten und muosten gweling farn mit sturmwind. tagebuch des Lucas Rem (jahresber. hist. ver. v. Schwaben 26, 10).
β)

erschäumt das gewelle hoch drüber her!
Usteri (das fräulen von Österreich) 1, 152;

nun mochte kriegslärm nimmer ruhn,
schlachtreihn durchritt der kriegstribun,
nachts über wellen tönte
die tuba fremd und grell,
und laut herein schlug durch's gewell
das roszgestampf, davon die erde dröhnte.
Lingg (das fest in Lindau) ged. (1866) 277;

dort einst an der mauerwarte
stund ein junger kriegsgesell,
neben ihm die feldstandarte,
sah er durch die mauerscharte
düster in das seegewell. (seebilder 1) ged. 3 (1870), 189.


γ) Ezzelin .. wühlte .. mit den gespreizten fingern der rechten in dem gewelle seines bartes. C. F. Meyer (hochzeit des mönchs) nov. 2, 32; vgl. auch E. Wülfing z. f. d. u. 14, 308 ff.
 
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gewellfisch, s. gwellfisch.
 
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gewellig, adj. und adv., mundartliche nebenform zu gewaltig (s. d., vgl. auch gewalig). vgl. Kehrein volksspr. in Nassau 1, 163.
 
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gewellt ,
1) participiales adjectiv zu wellen (wallen machen), vgl. mhd. wb. 3, 471a. Lexer 3, 754: so sie das mit gewelter geiszmilch einnehmen. L. Thurneisser beschreib. influent. wirkungen aller erdgewächse 64; gewellte milch, lac passum. Kirsch corn. 2, 151a. Aler 935, vgl. die form gewallen (gewallen wîn) sp. 4910.
2) der neueren sprache gehört eine verwendung an, die unmittelbar aus dem substantiv welle erwächst: gewellt, wellenförmig, wellig.
a) sie standen auf einem jener gewellten hügelzüge, die sich so oft in den marken mitten aus dem flachen bruchland erheben. W. Alexis Isegrimm 7; wir verloren uns in den dolmenreihen des sanftgewellten plateaus. Hassert reise durch Montenegro 57; es gab andere tage, an denen der westwind die see zurücktrieb, dasz der zierlich gewellte grund weit hinaus freilag und überall nackte sandbänke sichtbar waren. Th. Mann Buddenbrooks 2, 356.
b) dazu ein rötlich schimmerndes, üppiges haar, von dessen seide jeder einzelne faden hundertfach gewellt war. Gottfried Keller (Züricher novellen: landvogt v. Greifensee) 621, 190; das weich gewellte hellbraune haar in die flache hand gestützt, musterte Hanno das manuskript. Th. Mann Buddenbrooks 2, 192.
c) gewellte feuerbuchse, feuerbuchse mit wellenförmiger oberfläche, durch welche bei erwärmung ein ausgleich der ausdehnung bewirkt ... wird. Stenzel deutsches seemännisches wb. 118.
d) unbehindert von knorrigen falten erschien die sichere zeichnung des wohlgeschaffenen männlichen bewegungsorgans in ihrer kraft und schönheit. ... 'ja! ja .... ich hab' keine so gewellten tanzbeine .....' Friedr. Theodor Vischer auch einer 113.
 
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gewelm, gwelm, s. DWB gewölbe.
 
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gewelsch, gewelsche, n., verbalsubstantive zu welschen (s. d.): da war ein seltzam gewelsch (der zigeuner) zu hören und ein geschwinder aufbruch zu sehen. Grimmelshausen (Simpl. 2, 1, 5: Springinsfeld) 3, 37 Keller; der innewohnende bildungstrieb entwickelt selbständig ein reines urtum, was zur lebenerhaltung jede fremdheit

[Bd. 6, Sp. 5465]


von sich weiset und gemisch und gewelsch als den tod der einheit zu fliehen hat. F. L. Jahn 2, 2, 767.
 
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gewelscht, participiales adjectiv zu welschen, vgl. verwelscht: vors dritte, die gewelschte Teutschen dardurch zu uberzeugen, wie undanckbarlich sie sich an der muttersprach nit allein, sondern auch an sich selbst vergreifen. Opitz teutsche poemata (vorr.) neudr. 1.
 
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geweltig, s. gewaltig.
 
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gewelz, s. DWB gewälz, gewälds.
 
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gewen, s. DWB geuen, DWB geuwen sp. 4634.
 
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gewende, n. , in dieser form treffen verschiedenartige bildungen zusammen. nur vorübergehendweil durch die schreibung der neueren sprache abgesprengtfügt sich in diesen zusammenhang das collectiv zu wand, paries ein, s. DWB gewände sp. 5284; unlöslich dagegen haben sich die formen, die aus umlautserscheinungen an gewand zu erklären sind, mit anderen verbunden, die auf ein selbständiges fem. wende hinweisen, das in engerer beziehung zum verbum wenden steht. schon bei gewand, gewann (vgl. sp. 5319) wurde auf die umgelauteten formen aufmerksam gemacht, die sich aus dem casussystem dieses substantivs abzweigen und die den ausgangspunkt zu neubildungen bieten, vgl. ahd. wenti Graff 1, 761; mhd. wende mhd. wb. 3, 687. wenn schon in diesem fem. der character des verbalsubstantivs viel zäher festgehalten wird, und die beziehung auf das verbum wenden viel anschaulicher gewahrt bleibt als bei wand, gewand, so gilt das in noch höherem grade von der form gewende. ein theil der in ihr überlieferten beispiele bewegt sich allerdings im gleichen verwendungskreise, wie gewand, ein anderer theil aber nimmt die richtung auf die bedeutungsgemeinschaft mit wende, wenden, und ein dritter theil hat sich unabhängig von gewand auf der grundlage eines verbalsubstantivs zu wenden ausgestaltet. da die grenzlinien zwischen der ersten und zweiten gruppe zerflieszen, sollen beide in einem zusammenhange behandelt werden.
1) verwendungen, die im rahmen der bedeutungsentwicklung von gewand entschiedener die richtung auf ein verbalsubstantiv zu wenden (vgl. das fem. wende) aufnehmen.
a) der abstracten bedeutung terminus, finis, die oben an gewand festgestellt wurde, entsprechen in neuerer zeit nur beispiele mit umgelauteter form. das genus läszt sich nur in einem fall feststellen, wo es das neutrum zeigt:

ich bin begin unde ende
nach des libes gewende
bi dem anderen lebene
geb ich al vergebene. evangel. Johannis, s.
Pfeiffers übungsb. 24;

als sie (Romulus und Remus) sich nun einmal zu diesem schertz begeben, da das jargewend war, haben die mörder auff sie gelauret. Livius übers. v. Zach. Müntzer A 3b; die ende und gerichts gewende wo des not ist versteinen und verreinen lassen. urkunde von 1451 bei Haltaus; grenitz ende und gewende der gerichte. ebenda.
b) in der flurbezeichnung lassen sich beispiele sowohl dafür beibringen, dasz die umgelauteten formen (wende, gewende) in das casussystem der nach der i-klasse abgewandelten substantiva wand, gewand weisen, als auch dafür, dasz die formendifferenzierung eine bedeutungsverschiebung begünstigt. unter dem einflusse der formellen annäherung an das verbum wenden vollzieht sich die isolierung des neutrums gewende von gewand in der bedeutungsgemeinschaft mit wende und wenden.
α) die engste bedeutungsgemeinschaft mit gewand haftet an der vorstellung eines ackerstreifens, der in irgend einer art mit der pflugrichtung in beziehung steht. wie oben bemerkt, hatte in der älteren wirthschaftsform jeder gemeindegenosse in jeder bodenlage einen annähernd gleichen antheil, den er in gleicher richtung wie die nachbarn durchpflügte. die vorstellung der begrenzung einerseits, der nachbarschaft andererseits wurde hier verschiedenartig angeregt, am eindringlichsten aber von der stelle aus, an der die bodenlage ihr natürliches oder willkürlich gesetztes ende findet, so dasz der pflug gewendet werden musz. hier an der stelle der pflugwende bleibt ein gewisses stück der pflügung entzogen und entsprechend setzen sich in der querrichtung durch die ganze reihe der nachbarstreifen gleiche stücke fort. so bildet sich ein querstreifen, der recht eigentlich die merkmale der abgrenzung wie des

[Bd. 6, Sp. 5466]


zusammenschlusses an sich trägt, wie sie oben bei gewand, gewann festgestelltwurden. ob die dort belegten bedeutungen (grenzgraben, rain, feldweg, ackerbeet zwischen zwei furchen, ein durch gemeinsame grenze abgeschlossenes gebiet, grundstück, gegend) alle von der versura ausgehen, ob nicht auch die furche, die in der längsrichtung zwischen den streifen hinzieht, von einflusz war, läszt sich für gewand, gewann nicht mehr entscheiden, da an ihm mit der änderung der eigenthumsverhältnisse und des landwirthschaftlichen betriebs die ursprüngliche bedeutung immer mehr verblaszte und die verwendungen mehr und mehr dem in gewann zu tage tretenden allgemeineren begriff zueilten. an gewende dagegen hat sich die beziehung auf die pflugwende gerade in späterer zeit immer wieder in das bewusztsein der sprechenden eingeprägt; in den mitteldeutschen und norddeutschen gegenden, auf die sich der gebrauch von gewende hauptsächlich stützt, hatte der betrieb der landwirthschaft inzwischen immer mehr die formen des groszgrundbesitzes angenommen, und hieraus ergaben sich auch für die bedeutung von gewende neuerungen. wo ein stück nach einer seite ganz durchgepflügt wird bezeichnet gewende, vorgewende nach wie vor den querstreifen, der das stück abgrenzt und der für sich in der querrichtung durchgepflügt wird. vielfach sind die stücke jedoch so grosz, dasz sie nicht in der ganzen ausdehnung durchmessen werden, der pflug wird schon in der mitte oder gar nach einem drittel gedreht, so entsteht eine neue art von querstreifen, die nun auch als gewende bezeichnet werden und die ihrerseits wieder neue formen der composition hervorrufen (s, u.). die litterarischen belege lassen diese letztere entwicklung nicht so deutlich werden, wie die feststellungen der wörterbücher.
1)) das einfache gewende.
a)) litterarische belege: wo aber gemach zeun in den veldern ... gemacht werden, welcher das thuet, der soll seinem nachtbarn radweit lassen ... und wo die gewendt in den gemainen veldern an ainander ligen und geen, soll er dem andern einen ausgewandten ligen lassen. wo aber nit gemachzeun verhanden, soll ainer wie der ander auswenden zu rechter weil und zeit seinem nachbarn on schaden. landrecht von Wartenfels (handschr. 16. jahrh.) österr. weisth. 1, 153; das stück feld reicht hinauff bis an die Eckerbergische strasz; unnd darnach bis an den Stoberisch wegk zu Moritz Kramer gelengen zu Stobra wohnhafftig unnd auff die rechte hand dem gewende nach, bis an die Jhenische strasz nach Hermstette. urk. von 1534 des klosters Heunsdorf, s. Thuringia sacra 322; vgl. auch Haltaus 701; wenn die felder zusammen stossen, da ein gewende ist, soll man zu rechter zeit pflügen und bessern. (artickel, wie sich ein jeder nachbar in der universität Leipzig fünf neuen dorfschafften verhalten soll. 1712); Klingner dorf- u. bauernrechte 1, 248; wo die felder zusammen stossen, da ein gewende sein soll, soll man zu rechter zeit pflügen und besäen. 1, 257, ebenso 1, 496.
b)) die wörterbücher tragen der vielseitigkeit unseres substantivs frühzeitig rechnung; für die einschlägige engere verwendung pflanzt sich eine anschauliche definition fort: ghewendte des ackers ... lira, terra versa et aggesta inter duos sulcos: versura Kilian 146b, vgl. gewende ... ook de ophooping van aarde, aardhoop tusschen twee voren. Verwijs-Verdam 2, 1885. das substantiv wird anscheinend als substantiviertes particip aufgefaszt. ebenda wird auch das lateinische porca herangezogen, das in tropischer anwendung den gleichen begriff deckt. vgl. auch: gewendte desz ackers, das bühelin zwischen zweien furchen, porca, terra versa et aggesta inter duos sulcos, versura. Henisch 1597; spätere lexikographen knüpfen unmittelbar an das fem. wende an: wende ... limes, ora, extremitas, fines, unde ein gewende, wo man mit pferden wendet, vertibulum, alias ein anwendel Stieler 2500; gewende, wenn ein acker so lang ist, dasz man die furchen mit dem pfluge nicht auf einmal macht, noch gantz hinausziehet, sondern denselben in zwei oder mehrere theile theilet, so wird solches abgetheiltes stück, bis dahin, wo man die pflugkehre oder pflug-wendung gemacht, ein gewende genennet. daher sagt man auch, nachdem nemlich der acker gelegen und abgetheilet ist,

[Bd. 6, Sp. 5467]


das ober-gewende, das unter-gewende, das mittel-gewende. allgemein. öconom. lex. (1731) 825; unter gewende wird das wort pflug verstanden, das pfluggewende ... gewende im acker; wann der acker zu lang ist, auf einmal hinaus zu fahren, da giebt es mittel-gewende, obergewende, untere gewende, versura superior, media, inferior. Frisch 2, 439c; ähnlich Chomel 4, 1047. das gleiche bei Klingner, der fortfährt: ein wohlerfahrener hauswirth hat mir solches gewende beschrieben, als gewisse striche, und besonders abgetheilte felder, so weit die aecker nach der länge und breite an einander liegen, geackert, ausgemessen und versteinet, oder doch mit gräben zum ablauffen des wassers versehen sein, wodurch eines jeden eigenthum in richtigkeit gesetzet wird. dorfrechte 2, 838, anm.; in Schlesien kommt nur der ausdruck 'gewende' und zwar durchaus landbräuchlich, aber in einem sehr abweichenden, vielleicht allein richtigen sinne vor. hier ist, wie Zedlitz XXI genügend beweist, ein gewende der etwa 50 ruthen lange abschnitt eines ackerstückes, welchen man mit dem pfluge nicht zu überschreiten pflegt, sondern wendet und zurückfährt; erst nach beendigung des ersten gewendes wird das zweite, dann das dritte u. s. f. in arbeit genommen. Meitzen anm. zum cod. dipl. Siles. 4, 31; dazu vgl.: der ort, wo andere äcker der breite nach an andere anstoszen und sich wenden, wird in manchen gegenden gleichfalls ein gewende, und wenn sich daselbst viele äcker enden, ein hauptgewende genannt. Adelung 2, 654; gewende ... 3) ein stück feld, welches in gerader linie geackert wird und sich zwischen zwei umwendungen mit dem ackerpfluge befindet? Thiel 4, 423; gewende gweng, ackerland mit gleicher umwendung beim pflügen, also aecker, die an ein und derselben anewant liegen. Bauer Waldecker mundart 40a; gewenge, gewende, die stelle, wo man den pflug wendet und die deshalb besonders gepflügt werden musz. Jecht Mansfelder mundart 42a (verweist auf die bildung wendling, die in älteren zeugnissen der mundart die gleiche bedeutung zeigt). ähnlich Saul, beitr. z. hess. idiot. 16. Fischer plattd. mundart im preusz. Samlande 52.
2)) zusammensetzungen. als solche haben sich schon aus den obigen definitionen ergeben: angewende, vorder-, mittel-, untergewende, hauptgewende, ihnen reihen sich noch einige weitere an.
a)) schon unter anwand belegt J. Grimm (th. 1, sp. 513) umgelautete formen: die anwend hin bis an die frauen Heuschen, die anwend herab bis auf Michels Hermanns garten. weisth. 1, 603, dazu vgl. DWB anwende th. 1, sp. 518 und anwendel ebenda. für einen unterschied zwischen anwand, anwende und gewand, gewende, läszt sich hieraus nichts gewinnen; ebensowenig wie aus dem folgenden beleg für angewende: uber de weg offeme hauwe neben der frawen zum Burne stabe amme holtz marche ... an der angewende offin hobestede. hess. urkundenb. (1319) 1, 373; auch bei L. Schmidt westerwäld. idiot. (128 ff.) werden für anwende die gleichen bedeutungen angegeben, die wir eben für gewende kennen lernten, und von oberer, unterer onwed gesprochen, vgl. auch DWB vorgewende, DWB gewende, DWB angewende, das stück land, welches beim ackern, um mit den zugthieren darauf wenden zu können, bis zuletzt liegen bleibt. Thiel 7, 618; dagegen wird in den stellen der weisth. zwischen anwand und radwende unterschieden: wo och ackeren anenandern ligend, da sol och je ainer dem anderen anwand und radwende .. geben. weisth. 1, 207. wenn es sich hier anscheinend um einen gegensatz zwischen engerem und weiterem begriff handelt, so wird andererseits in der definition, die Klingner (2, 838 anm.) von angewende giebt, gerade der querstreifen, der durch die pflugwende aufgeworfen wird, getroffen: hingegen heisset man angewende dasjenige stücke feld, so mit der länge am querüberliegenden anstosset. hier scheint sich die bedeutung von angewende gewandelt zu haben unter dem einflusz der bedeutungsänderung von gewende, das nicht mehr den grenzstreifen des ackers nach auszen, sondern viel häufiger die theillinie innerhalb des ackers bezeichnet (mittel-, vordergewende).
b)) deutlicher festgelegt sind die folgenden zusammensetzungen:
α)) vorgewende hat nur die eine bedeutung, die bei gewende, anwende als eine unter mehreren aufgeführt wird,

[Bd. 6, Sp. 5468]


vgl. vorgewende, ackergewende, wendestück, wendling. Thiel 4, 423; es ist der eigentliche terminus der heutigen landwirthschaftlichen sprache für diesen theil des ackers. als ältesten beleg vgl.: verkauffer verkaufft seinen garten ... neben 3 morgen oder ackerstück eln, nemblich ... mehr aufm sandstücke am kirchsteige aufm vördergewende 8 bethe. schöppenb. v. Krampitz (1625) bei Meitzen urkunden schles. dörfer 235.
β)) ober-, mittel-, untergewende, vgl. oben: Rentzens feldes obergewende, dessen beethe, wie die küh gasse selbst, hinunterwerts gehe, sei den 7. april 1735 mit sommer-korne besäet, auch dieses eingeeget, und wo dis gewende ausgehet, sein feld die queere hinter geackert gewesen. zeugenverhör in einem prozesz zu Reimsdorf (1736) bei Klingner 2, 699; anerwogen ... das sogenannte birckicht, dessen ober-gewende nach Breitingen zugehet, 9 acker von 66. beeten, dessen untergewende 8. acker von 65. beeten, deszgleichen die hufe ... im mitteln gewende 10 acker von 76 ... beeten enthält. 1, 213 (anm. 591).
γ)) hauptgewende vgl. th. 4, 2, 614.
δ)) in haakgewende endlich dürfte die beziehung auf die hackruore, ruhrhacke (weisth. 1, 698) zu tage treten, gewende bezeichnet hier einfach einen abschnitt (s. u.): auf einem sogenannte haak-gewende dürfen nicht mehr als höchstens 4, 5 bis 6 bauern zugleich zum ruhren genommen werden. urkunde von 1790 bei Meitzen 333.
β) wie bei gewand, so streifen sich auch an gewende die besonderen züge ab, die an der grundbedeutung haften, das wort strebt allgemeineren begriffen zu, gewinnt die bedeutung ackerstücke, feld überhaupt. im gegensatz zu gewand, gewann wird jedoch auch hier der zusammenhang mit wenden, wende leichter durchgefühlt und immer wieder aufgefrischt. auch nach anderer richtung entwickelt sich ein gegensatz zu gewann: gewende prägt den begriff eines flächenmaaszes aus (zu gewende als längenmaasz s. u. γ); als solches gewinnt es bei den einen feststehenden wert, bei den anderen erscheint es als relative grösze.
1)) gewende in der allgemeineren bedeutung 'ackerstück, feld, flur'. die vorstellung eines flächenmaaszes ist nicht herausgearbeitet.
a)) engere berührung mit gewand: auff solchen fall sohl auch käuffer ... schuldig sein dem landtsbrauch nach auf den vorwergksäckern, wo er angewiesen werden möchte, zu arbeitten von jeder hube acht beete durch ein gewende, wie die herrschaft und pauerschaft halten und dieselben liegen. urk. v. 1644 bei Meitzen 101; den 2. octobris gab mir gott die gnade, dasz ich mehr äcker kaufte, gab herrn Heinrich dem caplan vor 17 beete durch 3 gewende 275 thl. Schweinichen 3, 236; immer aber war der hufenbesitzer eigenthümer eines antheils am ackerland, entweder eines ideellen oder bestimmter gewende. G. Freytag bilder aus der d. vergangenheit 1, 73.
b)) stärkere anlehnung an wenden und wende: ein stück acker von einer solchen grösse, wie man es auf einmal zu bestellen pflegt, heisst 'gewende'. vom wenden des pfluges am ende und anfange des stückes hat dasselbe seinen namen. Urban landwirthschaftl. volksausdrücke (Neustadt-Oberschles. 1897); gewend, stück acker, wendacker Berghaus 566b. als zeugnis für die versuche, die erklärung des feststehenden begriffes immer wieder aus wenden abzuleiten, vgl.: ein gewende feldes ist fünff saile lang und helt 210 ellen oder 630 spannen. ein pflugrädlein soll dergleichen mäszig sein, also damit sichs in einem gewende 60 mahl umbwenden möge. Hagecius böhmische chronica (1596) 1, 331 (zum flächen- und längenmasz s. u.) ebenso Fritsch appendix zu Dietherr orbis nov. litter. 790; das gleiche bei Frisch a. a. o.; vgl. gewende ... een akker, akkerbed, een breed akkerbed (van twaalf fot 16 plœgsneden). in dezen zin nog heden in gebruik in het W. Vlaamsche gewend. (De Bo 372). Verwijs-Verdam 2, 1885.
c)) allgemeinste bedeutung:

so wollen wir beim brunnen allein
zusammen kommen und reden fein ...
bei nachbar Kuntzen hoffgewend.
A. Gryphius Peter Squenz, neudr. 23;

'wo disteln itzt auffgehn,
wird ein oliven-berg in kurtzen tagen stehn'.
'ach armer! fieng ich an, eh hier ein obst wird reiffen,
eh wirst du mit der faust die hohen stern ergreiffen.

[Bd. 6, Sp. 5469]



bedencke doch! das jahr laufft nunmehr fast zu end,
auch wil die feist oliv ein fruchtbarer gewend'.
(traumgesichte auf ein hochadliches beilager 30) lyr. ged. 529 Palm;

vgl. auch die dürren feldgewende oben th. 3, sp. 1483.
2)) in der geltung eines flächenmaszes wird das substantiv je nach landesbrauch verschieden bestimmt: dieses wort, gewende, wird in mancherlei verstande bei denen land-güthern angenommen und gebrauchet: an manchen orten heist es so viel, als ein acker-rücken, oder morgen, auch in einigen gegenden, wie um Liebenwerda, ein hufen- oder halb-hufen-stücke, welches insgemein 5 ruthen breit und 2 bis 3 acker der länge nach enthält, das man mit einem in einem tage bearbeiten kann. an einigen orten haben die gewende ihre gesetzte zahl an quadrat-ruthen, wie ein acker oder morgen dergleichen ausgemachte zahl in sich begreifet. Klingner 2, 838 ff. anm., vgl. auch Frisch 2, 439b ff.
a)) ghewendte, ghe-wende, vetus sax. j. morghe landts, fundus sexaginta decempedum. spec. sax. Kilian 146a, vgl. auch Verwijs - Verdam 2, 1885; gewendte, gewende, morgelands, fundus sexaginta decempedum, sax. Henisch 1597; gewend oder gewende lands, ein juchart oder morgen lands, un journeau de terre. Duez dict. germ. gall. 198b; ein gewende feldes ist 5 seile lang, hält 630 spannen, 210 böhmische ellen, und ist ein morgen. Frisch a. a. o.; und das sech mit dem pflugschar ... schneidet die furchen, bisz ein gewend oder tagwerk fertig ist, donec absolvatur jugerum. Amos Comenius Janua aurea 112; gewende ist ein morgen akkers. Zobel (z. Sachsenspiegel 3, art. 66) bei Schottel 635; wegen erkauffung 41 gewende aeckers. Carpzow schauplatz v. Zittau 308 (randbemerkung zu einer lat. urkunde von 1315 [quadraginta unum lancos]); Rom hatte bei seinem unvermögen keinen mangel, da gleich ihre feldherrn nicht so viel verliessen, dasz sie konten begraben werden, sondern der gemeine kasten in die lücke treten muste; da tugent aus thönernen geschirren speisete, und drei gewende ackers eines edlen bürgers auskommentliches vermögen war. Lohenstein Arminius 1, 180a, gewende (sles.) im Brandenburg. = stück. in Slesien sagt man: ein gewende flachs, ein gewende korn, soviel als ein morgen ackers. Berndt sles. idiot. 44 vgl. auch gewende bei Haltaus 701. Scherz 544b.
b)) es soll eine meile 60 gewende, und ein gewende 60 ruthen, ist in sächsischem weichbild gebräuchlich, unsern ebenen landen zu viel, derowegen ordnen wir, dasz 60 ruthen auf einen morgen und 16 schuh auf eine ruthe gerechnet. constitutio March. bei Scheplitz s. Frisch a. a. o. (vgl. auch unter γ). gewende, altes flächenmasz in Preussen, gleich ein zehntel morgen = 30 fusz. Baczko Preuszen 2, 134; gewende, meist 10—15 m breite feld-abtheilungen, welche beim ebenpflügen in angriff genommen werden. Guido Kraft illustr. landwirthschaftslex. 2, 375a; gewende ... in der Lausitz hält es 180 schritte oder 240 Leipziger ellen in der länge, und 65 sechsfurchige beete, jedes von 2¾ ellen, also 180 ellen in der breite, so dasz 17⅕ gewende eine hufe machen. Adelung 2, 654.
c)) tagewerk muss ein bauer ... ohne unterschied der länge der gewende arbeiten. urbar. von Zedlitz (aus 1790) bei Meitzen 333; und da sich die bauerschaft über die allzu grosse länge der gewende beschweret ... dass z. b. aus einem felde, welches ehedem 3 gewende gewesen, 2 gewende gemacht worden. 334; auch etliche derer Hermsdorfer gewenden jedes 4 acker und 5 schmale gewende am dorfwege hinaus nur 8 acker zusammen betragen. Klingner 1, 214 (anm. 591); ingleichen dürffen die anspänner und Lorenz Geringwald ... auf den haferstoppeln bis alt Martini ein gewende, oder stücke, wie sichs etwa schicket, meistens zwei scheffel gras vor ihre frohn-pferde heegen. Boccaer trifft-register ebenda 2, 571; ein gewende roggen, circa 5 morgen grosz, bin ich willens auf dem halme zu verkaufen. Bunzlauer intelligenzblatt juli 1872.
γ) als maszbestimmung streift gewende in der gröszeren zahl der belege die beziehung auf die fläche ab, das interesse haftet, wie wir schon in den obigen beispielen sahen, vorwiegend auf der längenausdehnung, gewende ist

[Bd. 6, Sp. 5470]


namentlich im gegensatz zu gewand — in erster linie ein längenmasz.
1)) gewende, stadium, voc. Wrat. von 1422, s. mhd. wb. 3, 686b; gewende oder rosslauf, stadium, vocab. theut. (Nürnberg 1482) vgl. Lexer 1, 982; ein gewende, stadium, est centum passus. vocab. bei Schiller-Lübben 2, 101; vgl. auch Diefenbach-Wülcker 619; gewende ... als lengtmaat in den zin van honderd pas. Verwijs u. Verdam 2, 1885; für στάδιον im griech. texte des neuen testamentes, das Luther mit feldweg wiedergiebt, führt Emser gewend des feldes ein, vgl. Lindmeyer wortschatz Luthers, Emsers etc. 16; ein gewende feldes ist fünff saile lang und helt 210 ellen oder 630 spannen. Hagecius böhmische chronica 1, 331, ebenso Fritsch appendix ad Dietherr 790; eine meil weges soll 60 gewende feldes lang sein und soll 300 saile halten. Hagecius 1, 331, ebenso Fritsch a. a. o., vgl. auch unter 2)); do schickten sie us der stat hinausz 1000, das man es weren sulde ... do si usz der stat quomen sechs gewende, do brach der halt. urkundl. beiträge zur gesch. Böhmens (Lausitz) nr. 460 in fontes rer. Austr. 2, 20; am vierdten tag kommet er zu den zweien schwestern gen Bethanien, welchs fünfftzehen gewendt wegs, der acht ein welsche meil machen, von Jerusalem ligt. Mathesius trostpredigten F 3b; gewendt wegs, roszlauff, wette lauff, ackerlenge, stadium, ἱππόδρομον. Henisch 1597; hinden an dem saal was ain unvergengklich lustiger garten vier gewende wegs lang. Schaidenreisser Odyssee 27a; mer hab ich gsehen Titium auff der erden ligen und mit seinem überschwencklichen groszen leib neün gewend wegs einnemen und bedecken. 50a (hufen bei Voss 11, 577); ähnlich 10b (randbemerkung); item bei dem Weidenstein, etliche sagen bei dem weidenstrauch, 2. gewende drüber, da in einem grunde ist gut reichlich weich gold. Prätorius wündschel-ruthen 223; bei dem Hahneberg 4. gewende, neben dem Rothschlosz, allda ist eine grube darinnen ist gold. 222; wenn es (das pferd) ein gewende lang fortgeflogen. Ch. Lehmann histor. schauplatz d. natürl. merkwürdigkeiten in dem ... Erzgebirge 407. vgl. E. Göpfert zeitschr. f. hochd. mundarten 1, 50; wenn es aber vor tage war, wuste das volk nicht anders, es brennte, liefn zu, konnten aber den wagen sobald nicht fassen, lauft also eines gewendes lang, trift zum groszen glück an eine thüre, laufet durch bis an die räder, geschahe sonst kein schaden. Schweinichen 1, 311; nach Bartholomäi bis Michaelis dürfe er (der gerichtsherr) bis auf 2 gewende, vom dorfe und nach Michael über und über treiben. zeugenaussagen in einem prozesz der gemeinde Memmendorf (1705) bei Klingner 2, 83.
2)) drei fuesz machen einen schritt, 16 schritt einen rueten, 16 rueten ein gewend, 16 gewend ein meil. (handschriftlich aus 1469) bei Schmeller 22, 943; 60 ruthen oder 6 seile machen ein gewende, 30 gewende eine meile (nach der landesordnung von 1307 [?]) bei F. S. Bock versuch einer wirtschaftlichen naturgesch. von dem königreich Ost- und Westpreuszen 1, 688, das gleiche bei Frischbier preusz. wb. 1, 232; ein rechte daicze mail kuniges masse die schol vir ecker lenge haben, und iede ecker lenge sol haben czweliff gewende, das sint acht und vierzig gewende, und iedes gewende sol haben dreissig messruten, so schol iede ruten behalten funffczehen waldelen ader rechte holczelen, das ist ein rechte daicze maile kuniges masse. stadtrechte von Brünn Röszler nr. 479, s. 223; ein meil weges soll von rechtswegen haben sechtzig gewende, und ein jedes gewende sechtzig rutten, und ein ruth achthalb ellen. Zobel zum Sachsenspiegel 441 col. 1; die am 20. augusti e. a. publicierte leuterungssententz hat die erklärung angehänget: dasz die ausmessung der meile, durch einen verpflichteten feldmesser, von dem stadtthore anzufangen ... die meile auf 60 gewende, und iedes gewende auf 60 ruthen, die ruthe aber auf 7 und eine halbe elle zu rechnen. urteil des amtes Delitzsch (1714), Klingner 4, 709; eine meile musz de jure 60 gewende haben, jedes gewende 60 ruthen, jede ruthe 7 ellen. Berndt sles. idiot. 44.
2) verwendungen, die sich unabhängig von gewand aus dem verbalsubstantiv zu wenden entwickelt haben, gewende in den bedeutungen von wende.
a) unmittelbar an die nächstliegende bedeutung von

[Bd. 6, Sp. 5471]


wende knüpfen einige belege an, die, obwohl vereinzelt stehend, doch allgemeineren gebrauch erschlieszen lassen.
α) die fluhrgrentze, so grade über den Hahnhügel hin ohne eintzige grümme oder gewende gehet (aus Eisenach 1701). Diefenbach-Wülcker 619.
β) wann das kind kommt in einem bösen gewend und lager, das ist, wann es auf eine andere weis als mit dem kopf zuerst herkommet. Fr. Mauriceau von d. zufällen u. krankh. d. schwangeren weiber (ins deutsche übers.) Nürnberg 1687, s. 253.
b) in der jägersprache unterliegt dieses verbalsubstantiv einerseits der bedeutungsverengerung (beziehung auf den hirsch), andererseits einer ähnlichen bedeutungsverschiebung, wie sie an gewand zu beobachten war: gewende bezeichnet zunächst die wendung, die der hirsch auf der flucht vollzieht; noch häufiger aber die spuren, die die wendung im gebüsch zurückläszt:

so der jäger fast rennet,
da lauft der edle hirsch abher,
und macht ein gewend
ich wolt, ich hätt mein schönen bulen bei der hand. bei
Fritsch corpus juris forest. 1, 526; das gleiche bei
Sebitz, vom feldbau 567.

wann der hirsch in das holtz gehet, und das laub mit den hörnern rüret, das zeichen heiszt das gewende oder widerlasz. Meurer jagd- u. forstrecht 69a, genau so Sebitz vom feldbau 572. Agricola fürsichtiger weydmann cc 1a; kan der jäger das gantz jahr uber, den hirsch an seinem gehirn erkennen durch das gewendt. Jac. v. Fouilloux neu jägerbuch 29b; gewende, oder das wenden, ingleichen die himmelsspure oder das himmelszeichen, wird von den jägern dasjenige zeichen genennet, welches der hirsch in der fährte vor einem thiere thüt, da nemlich der hirsch mit seinem gehörne in einem dickigt oder knack die dürren äste antrifft, dasz er die selben, wenn er sich wenden und fortgehen will, zerbricht und knicket, dasz sie herabhängen, woran man die höhe und breite des gehörns mercken kan, oder wenn der ... hirsch mit dem gehörne das laub umwendet, und es gleichsam vorkehrt streiffet. allgem. ökonom. lex. (1731) 828. also auch hier ein versuch, die überlieferte bedeutung aus derjenigen des verbums zu deuten (zu himmelsspur vgl. th. 4, 2, sp. 1363), wobei dem verbum, das im grunde als reflexiv erfaszt war, nunmehr ein object unterlegt wird. die gleichen angaben bei Chomel 4, 1047 und im onomat. for.-pisc. venat. 1, 1042; andere wörterbücher beschränken sich auf die bedeutung, die sich am nächsten an das verbum wenden anlehnt, manche lassen den etymologischen zusammenhang ganz unangedeutet. bei Döbel werden einfach die hauptpunkte unvermittelt neben einander gestellt (gewende, das wenden oder himmelszeichen. jägerpractica 13, 9b); dagegen vgl. DWB gewende ... die von dem hirsche im fliehen mit dem geweihe umgewandten blätter oder abgebrochenen äste in den dickichten heiszen bei den jägern ein gewende [was gewendet wird]. Adelung 2, 654, ebenso Thiel 4, 423. gewende ... se dit du cerf et signifie l'endroit le plus haut où le bois du cerf a porté et atteint en passant dans un taillis, donit il a fait plier les branches. Schwan 1, 744; gewende oder himmelszeichen, auch wende ... besteht darin, dasz hirsche das neu aufgesetzte geweih am stangenholze fegen, und der bast endweder daran hängen bleibt oder auch auf die erde fällt. Behlen 3, 417.
c) eigenartige verwendungen sind aus der fischersprache zu buchen, die die anknüpfung an einen andern etymologischen ausgangspunkt nahe legen. sie lassen sich jedoch aus dem bedeutungsgehalt unseres verbums ableiten. jedenfalls handelt es sich im einen falle um den raum, die fläche, die die verbalhandlung umspannt; im anderen falle um das werkzeug, das ihr dient.
α) übertragung auf eine wasserfläche: und sol nieman keime helfen wenden denne ein knecht der sin reht het oder sin jorkneht oder sin sun; gewunne er aber darüber deheinen kneht über sin gewende der sins rehten nüt enhet, der bessert. 7 βδ. Straszburger fischer- u. voglerordnungen 14. jahrh. bei Brucker 173; item wer wendet, der sol ein gewende, wenne er dovon gefert und es gewendet, ufbrechen das dirteil des besten fereweges das er wendet; doch sol ime keine specke schaden; wer das

[Bd. 6, Sp. 5472]


brichet, der bessert 16 δ also dicke er es breche. ebenda; wer ein fach machet niden für ein gewende, der bessert 7 βδ und sol einre ni den eine lachen ufbrechen, also ein gewende das das dirteil des wassers us und in mag gon, bi 16 δ. ebenda. die zusammenstellung von fach und gewende in diesem beispiel beleuchtet sowohl das verhältnis dieser beiden begriffe zu einander als auch im besondern die bedeutung von gewende. fach (vgl. oben th. 3, sp. 1218) ist der engere begriff, es kennzeichnet wehren, dämme und andere einrichtungen, mittelst deren die wasserstrecke für den fischfang getheilt und gegliedert wurde. gewende ist der allgemeinere begriff, der nur das moment der theilung ausprägt. dazu vgl.: wer für ein gewende fert, der sol es bevohen mit schiff und geschirre, also des antwercks gewonheit ist, und sol des gewendes warten, und sol für kein ander gewende varen oder körbe darfür hencken, er habe denne dis vor gewendet und zü geslagen, das er zü dem ersten bevangen het, es si lache oder gewende, und mag darnoch aber wenden je eins besunder noch dem andern, und mag wol von dem gewende varen brot zü holende oder anders das er bedarf, also das er dozwünschent nüt anders lüge oder tribe das zü dem antwerck gehöret. Straszburger fischerordnung bei Brucker a. a. o.; varent ouch sesse oder ehtewe für ein gros gewende, die süllent ouch glicher wise für kein anders faren oder kein anders bevohen, sü habent denne dis vor gewendet und zügeslagen dofür sü zum ersten gefaren sint, es si lache oder gewende. ebenda; und sol man bi naht für gewende faren, und sol faren wie fruge man wil vor tage für ein gewende in der wuchen; und sollent es halten glicher wise die garner. ebenda 172; min frau het auch drei vischgewende, der heiszet eins das Utowe, das ander zu dem Kalgkoven, das dritte heiszet das Reingewende in der Wiche. weisth. von Wische und Storbach (1525) bei Grimm weisth. 5, 414.
β) die übertragung auf das werkzeug, das der verbalhandlung dient, ist aus der Straszburger fischersprache und ebenso aus Tirol belegt: zu dem ersten, so sol dehein vischer noch niemand anders von unser frowen clibeltag, in der vasten, untz zu sant Johanstag zu sungihten mit deheiner brutwatten, steinwatten, enge louckengarn, affen, affenbernen, gewenden oder körben varen, vischen noch dehein ander gezoge bruchen domit der roge oder der iunge visch verderbet werden mag. ordnung der fisch u. vögel halben (1449) bei Brucker 225 (die gleiche stelle bei Scherz 547, vgl. Ch. Schmidt wb. d. Elsässer mundart 144). dazu vgl. DWB gewende, DWB fischnetz Schöpf Tirol. idiot. 804.
d) in anderer weise führt ein gebrauch auf das verbalsubstantiv zurück, der nur in wörterbüchern aus dem ende des 18. jahrhs. angemerkt ist. Adelung (2, 654) belegt: ein gewende pferde, ein gespann; voraus geht: gewende ... so viel dinge einer art, als zur umwechselung nöthig sind, dergleichen man in vielen fällen mit einem französischen worte, eine garniture zu nennen pflegt. ein gewende kleider, tapeten, schnallen u. s. f. dazu vgl.: gewende (rather provinzial ..) a set. Hilpert 1, 463c; das gewende steht nicht sowohl für garnitür allein, als vielmehr für den vollständigen apparat von einer sache, welche in der wirthschaft oder haushaltung gebraucht wird. man sagt daher zwar ein gewende schnallen, ein gewende tapeten; aber auch ein gewende kleider für einen vollständigen, zusammengehörigen anzug, ein gewende pferde für ein gespann, eine luftpumpe mit allem gewende (mit allem apparat). Heynatz 2, 54. der letztere schlägt (in der anm.) gegenüber der von Adelung gegebenen erklärung aus wenden, drehen, vertauschen eine andere vor, die in der vorstellung der zusammengehörigkeit wurzelt; er möchte gewende aus angewende ableiten (alles was man zu einer sache anwenden musz), diese vorstellung läszt sich schon aus der intensiven bedeutung des präfixes ge erklären; vgl. aber auch gewende korn u. a. sp. 5469.

 

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