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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
geweissigt bis gewelle (Bd. 6, Sp. 5460 bis 5462)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) geweissigt, participiales adjectiv zu weissigen, nebenform zu weissen, vgl. geweisst: ein geweiszget ding oder werk, als ein geweiszgete wand, albarium, tectorium opus. Maaler 179b; geweissigt (mit silber) mit geld wohl versehen. wb. d. gaunersprache bei Avé-Lallemant 4, 544.
 
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geweisst , participiales adjectiv zu weissen (weiss machen), s. d., vgl. ahd. hwîʒjan Graff 4, 1244. vgl. niue dealbabuntur ... danne werdent siê gewîʒet. Notker ps. 67, 15 (werdenn sie schnee weisz werden. Luther neben anderen lesarten); si was ze êrist fusca (swarz) ... aber confitendo ... ward si dealbata (kewîʒʒit) 103, 1.
1) die isolierung des particips geht von einer gebrauchsverengerung des verbums aus, die auf das oberdeutsche sprachgebiet beschränkt scheint: weissen ist hier vorzugsweise auf die weisze farbe des kalks bezogen, mit dem man wände, decken u. a. bewarf: item im jar 1493 do wart die kirchen zu sant Sebolt geweist und verneut inwendig. d, städtechron. 11 (Nürnberg), 505. in dieser verwendung concurriert weissen mit dem allgemeiner gebrauchten lehnwort tünchen, vgl. auch getüncht sp. 4588 ff.
a) dieser gegensatz zwischen dem sprachgebrauch der einzelnen gebiete zeigt sich vor allem in der bibelübersetzung. schon die glossen zu Gregors cura pastoralis geben sepulcra dealbata mit giwiztiu wieder. Steinmeyer-Sievers

[Bd. 6, Sp. 5461]


2, 196; dazu vgl. ir geliche birut giwiziten grebiron. Tatian 141, 22; den geweisten grebern codex Tepl. Matth. 23, 27, ebenso Mentel, Eggesteyn, Koburger, Arndes, Emser, Züricher bibel; gegen seid wie die übertünchte greber, welch auswendig hübsch scheinen, aber inwendig sind sie voller todtenbein. Luther (Beheim: gezîrten), ebenso Dan. 5, 5; desgleichen: got niderslach dich du geweiste wand. codex Tepl. apostelgesch. 23, 3 (du getünchte wand Luther; in nachdrucken geweisst; das gleiche als erklärung des unverständlichen getüncht bei Petri, vgl. sp. 4589); was meinest das Paulus mit der geweisten wand gemeint hab. Karsthans (Hutten 4, 638) Böcking; eine geweissete wand. A. Reyher lex. lat. germ. 1, 242.
b) die neuere sprache hat wie bei getüncht, so auch bei geweisst das particip in der verbindung mit substantiven auch in sprachgebiete vordringen lassen, die gegen die übrigen formen des verbums spröder sind:

lobt nicht der fremde bei uns die ausgebesserten thore,
und den geweissten thurm und die wohlerneuerte kirche?
Göthe (Hermann u. Dorothea) 40, 259;

hier wohnt der frieden auf der schwell'!
in den geweiszten wänden hell
sogleich empfing mich sondre luft,
bücher- und gelahrtenduft.
Mörike (der alte thurmhahn) 1, 197;

keineswegs hab' ich sie zwischen diese geweiszten wände in diese höchst unedle umgebung berufen; ein so schlechter hausrath fordert nicht auf, sich höfisch zu unterhalten. Göthe (Wilh. Meisters wanderjahre 2, 5) 22, 116; es war ein kleines geweisztes zimmer, die möbel mit rother oelfarbe gestrichen, aber sauber gewaschen. G. Freytag (soll u. haben) 5, 25; mit überlegener gewalt drängte der stämmige proletarier den schwachen junker gegen die geweiszte wand eines hauses. G. Taylor Elfriede 70; der saal war kalt, kahl, scheunenartig, mit geweiszter decke, an der die balken hervortraten, mit geweiszten wänden. Th. Mann Buddenbrooks 1, 258.
2) von den wörterbüchern führen nur die älteren das particip für sich an, und diese zeigen es losgelöst von den verbindungen, in denen es in die neuere schriftsprache überdrang: geweisset, dealbatus, von weissen. Henisch 1595; geweisset, blanchi, bianchito, biancato Hulsius (1616) 138a, ähnlich Rädlein 382b; geweisset, geweiszt, blanchi, dealbatus vide weissen Duez 198b. Pomey 133; geweisst, dealbatus, mit kreide geweiszt, cretatus Kirsch 2, 180a.
 
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geweit, adjectiv und adverb, mundartliche verbreiterung zu quitt, quît, queit, vgl. oben th. 7, sp. 2378. Kehrein volksspr. in Nassau 1, 163 belegt diese form am Rhein und 'hier und da auf dem Westerwald'; dazu vergleiche auch Autenrieth pfälz. idiot. 53.
 
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geweite, n., mundartliche bildung zum fem. weite (s. d.), die in der bergwerkssprache der bedeutungsverengerung unterliegt: geweite ... (Nassau), ausgebauter thonschacht. Veith bergwb. 239.
 
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geweitet, participiales adjectiv, wie geweicht (sp. 5429) eine bildung des neueren stils, der verbrauchte wortformen durch abwerfung der präfixe wieder auffrischt (für ausgeweitet, vgl. erweitert): an beide teile schlosz sich dann jedesmal ein schlussteil, welcher auf grund der neueren forschungen über die alttestamentliche religion sowie unseres durch Babel, d. h. das babylonisch - assyrische altertum geweiteten gesichtskreises die religion Israels ... berührte. Delitzsch Babel u. bibel, ein rückblick u. ausblick 29; mit geweiteter brust ... rannten sie glänzenden augs durch den wald zu thal. R. Herzog das lebenslied 147.
 
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gewel, gewell, s. DWB gewelle und DWB gewöll.
 
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gewelbe, s. DWB gewölbe.
 
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gewelf, nebenform zu welf (s. d.), wohl veranlaszt durch die doppelte beziehung sowohl auf welf, wolf, als auch auf den stamm der Welfen (Guelfi):

er hat uns recht in der suppen lassen stan,
ich dien jm nicht mehr, solt ich umb brot gahn.
es mag jm der teuffel helffen,
zu Wolffenbüttel zeuget er schwerlich mehr junge Gwelffen (var. gewelffen, welffen). ein lustig gesprech der teuffel ... von der flucht ... Heinrichs von Braunschweig (1542) a 4a.


 
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gewelinge, pluraletantum; unter dieser form setzt Bobrik naut. wb. 315a ein substantiv ein mit der bedeutung

[Bd. 6, Sp. 5462]


von bulk-heads, schwed. gäflingar, dän. gevelinger, holl. gevelingen (schotten oder bretter .. das übergehen oder nach einer seite hinrollen der ladung zu verhüten). Stenzel deutsches seemännisches wb. 146 führt als plattdeutsch die formen geveling, gevelung, gebeling (längsschotten) auf, die besser zu den anderen germanischen formen stimmen. zu der adverbialbildung gweling vgl. DWB gewelle, DWB gewel.
 
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gewelkt, participiales adjectiv zu welken (s. d.), vereinzelt neben verwelkt gebraucht:

also kommt, wenn ein sturmwind braust, mit gewelkten und frischen
blüthen, auch eine der schon gebildeten früchte geflogen.
Klopstock Messias 16, 407;

wenn ... ich dann einige gedörrte pflaumen entweder ihrer güte oder meiner list zu danken hatte ... ich besah kästen, säcke, schachteln ... griff endlich zu den vielgeliebten gewelkten pflaumen. Göthe (Wilh. Meisters lehrjahre 1, 5) 18, 22.
 
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gewelle, gewell, gewel, n. wie oben zu gewäll (sp. 4910) bemerkt, sind in allen diesen formen zwei durchaus verschiedene worte überliefert: ein substantiv, das auf wellen, willen, wollen, wullen (nauseare) zurückweist, vgl. Lexer 3, 892 und ein anderes, das man sowohl als collectivbildung zu welle, wie auch als verbalsubstantiv zu wellen (wälzen, rollen, Lexer 3, 754) ansprechen kann.
1) bei dem ersten der beiden substantiva hat die neuere sprache gerundeten vocal durchgeführt, s. DWB gewöll.
a) während das zugehörige verbum auch althochdeutsch häufiger belegt ist (vgl, auch das subst. wilido, willod, nausea Graff 1, 838), erscheint das subst. gewel, gewell erst spät, in den thierarzneibüchern der mittelhochdeutschen zeit, wo es nicht für vomitus, sondern für vomitorium gebraucht wird: darnach des andern tages soll er ain halbtail ains diechs von ainem hn nemen und drui gewël, die man underweilen macht von vedern und underweilen von pamöle, legen in ain kalt wasser und dar inn lassen ligen; des morgens an dem dritten tage so soll er im dann geben das halbtail des diechs und die drui gewël ..., und zu vesperzeit sol er in aber ätzen mit den gewëlen. Mynsinger von den falken 20 Hassler; und ist zu merken, das ettlich die gewël der falcken anders machen, dann vor geschriben ist, wann si nemen flaisch, das in starkem essich gelegen ist, und stoszent das in gepulverten pfeffern und gepulverten mastix und in gepulvert pitter öl ... und gebent das dem falcken; aber das selb gewël sol man kainem vederspil geben, es hab dann vil kalter schleimiger flüsse an im. 21; ebenso 39; und mag damit der habich nit essen, so sol man im geben ain gewël von jungen meüszen und von jungen sparn, so würft er es wider und wirt gesunt. ebenda 53. vgl. auch gewelle in der Münchner handschr. aus 1442 (von spur und suchen gewildes) bei Schmeller 22, 887; und gib jm (dem falken) nit mer dan ein halbs kölblin von einer hennen in frisch wasser, darinn mach drei reinigung, so man z teütsch guel nennt, die werdend von fäderen, und am besten von baumwullen gemacht ... etliche aber machend jre guel anders, und stossend in gepülverten pfäffer mastix und butter vermischt, und gebends dem falcken. Geszner vogelbuch 148b; den dritten tag sol er dir widerum zur handt stehen, und wann er die federn und sein gewell von sich geworffen und aussgeschmeisset hat, sollestu ihn mit frischem gutem warmem fleisch locken. adeliche weydwerck, anderer theil 32b; man gibt ihm (dem habicht) auch zu zeiten gegen der nacht ein gwell wie dem falcken, da wirfft er morgens wider. Heupold wörter v. weidwerk (Basel 1620); man locket, ätzet sie (falken und habichte) auf dem luder, das luder giebt man aus, man giebet ihnen, zu ihrer zeit gegen den abend zu werffen, das ist auf grob teutsch, ein gewöll. Becher haus - vater s. 718. ghewelle, purunda accipitrum Kilian 146a; vgl.ghewelle Oudemans 2, 659, gewölle bei H. Laube jagdbrevier 258.
b) die bedeutung vomitus findet sich später und in der allgemeinen litteratur:

wie wir zrichten vil der trachten
do mit den glust, und magen reitzen
mit kochen, sieden, broten, schweitzen,
mit rösten, bachen pfeffer bri
voll zucker, wartz, und spetzeri

[Bd. 6, Sp. 5463]



geben wir eim ein oxymell
der bi der stägen leidt gewell
oder msz das von jm purgieren
mit siropen, und mit klistieren.
S. Brant narrenschiff 81 Zarncke, vgl. 82, 34 (gewäll);

doch werden die jr lügen wieder in sich, wie der hund sein gewell fressen müssen. L. Thurneisser von probierung der harnen 47; je mehr mich eines dings ein gewel und unwill ankompt. Agricola spr. 157a.
2) das zweite substantiv ist früher belegt, erscheint aber auch in der neueren sprache immer wieder an der oberfläche. möglich ist freilich, dasz mehrmals neuschöpfungen unmittelbar aus dem substantiv welle erwuchsen. so knüpft der mittelhochdeutsche gebrauch viel unmittelbarer als der althochd. an die grundbedeutung des substantivs an, und das gleiche läszt sich beim neuhochdeutschen gebrauch beobachten.
a) in der althochdeutschen periode (vgl.kawel, kewel, DWB gewel Graff 1, 794) beschränken sich die belege auf die glossenlitteratur. neben der ursprünglichen sinnlichen bedeutung entwickelt sich auf der grundlage der collectivvorstellung der abstractere begriff masse.
α) procellas, gewel, Reichenauer glossen zu Gregors cura past. (3, 27) Steinmeyer-Sievers 2, 236; cumulos (undarum) giwel Freisinger glossen zu demselben (3, 32), ebenda 2, 175; der geist der gewelle (procellarum) Windberger interlinearversion der psalmen (10, 7) 35 Graff; in crepidine (in untiuphi) santgewelle Windberger glossen zur bibel (2 Mose 2, 5) Steinmeyer-Sievers 1, 326, vgl.santgewelle Graff 1, 257, sandwelle th. 8, sp. 1774.
β) massam (picis) Tegernseer glossen zu Vergil (Georg. 1, 275) Steinmeyer-Sievers 2, 628; massa caricarum, kawel ficephileo Junische u. Reichenauer glossen (1 Sam. 25, 18) 1, 284.
b) die mittelhochdeutschen belege (vgl. gewille mhd. wb. 3, 674b) lassen dem gegenüber nur die sinnliche vorstellung der welle zur geltung kommen, auf ihr beruht auch der übertragene gebrauch, den die ältere geistliche litteratur davon macht; an diese sind auch einige schriftsteller aus der übergangszeit zur neuhochdeutschen periode noch anzuschlieszen, vor allem Geiler, der das collectiv sogar in der pluralform gebraucht.
α)

daʒ triben si vil mangen tag
untz ains mals deʒ meres pflag
ain wint mit starkem gewil. Hero u. Leander 109 bei
Laszberg 1, 338;

der junckher wart unfro
und tacht wie eʒ jm solt ergan
das gewil traib jn hin und dan. 342, ebenda 1, 344, vgl. auch gewill 336.


β)

da was miner vordern hein
zim tiuschin huse ein bruoder
den gotes minne ruoder
ab dem tobenden sewe schielt
der nie rehter ruowe wielt
noch dekeiner senfter stille
wan daʒ süntlich gewille
wirfet uns nu her nu hin
in so mengen frömden sin.
Hugo v. Langenstein Martina 292, 44 Keller 735;

das es (das schiff) nit undergang von den gwellen und widerwertigen wind. Geiler v. Keisersberg schiff der penitenz 28a; etlich gwellen und wassertropfen die da kommen in das schiff so wir die löcher nit verstopfen. nimm zum ersten die gwellen der todsünden. ebenda 17b, ebenso 29b, vgl. Ch. Schmidt 144. 161; wenn dʒ schiff dins hertzens wil undergon, so der wint an din hertz stoszt, und das understot zbrechen, und die gwellen des ungestimen meres, die tüfelischen anfechtungen dir din hertz umbgeben und bedecken, so schri mit sant Petro den herren an und sprich. christl. bilger 30a.
c) in der neuhochdeutschen periode führt der ältere gebrauch zunächst die grundbedeutung weiter, später erweitert sich die verwendung durch übergang auf andere wellenförmige erscheinungen.
α)

gar bald ein ungewitter kam
gewaltigklich den segel nam,
das meer gewell in höch auffzoch
die rder in dem schiff zerbrach.
Virgil übers. von
Murner (Äneis 1. buch) 6a;

da kam ein schwartzer wolcken her
der uns den tag entzucket gar

[Bd. 6, Sp. 5464]



und ward gantz finster da geschwind
und das meer brausen von dem wind,
das grosz gewell uns gar zerstrewt. (3. buch) 59b;

ein ander wind kam grausamlich,
drei andre schiff zuckt er mit jm,
und warffs in sandtgwel schedlich hin
umbgabs mit sand, und stiesz sie an. (1. buch) 6a;

gewill des meeres. ps. 68, 23 Züricher bibel (aus der tieffe des meers. Luther); dargegen habend etwan die meer und stillstonden wasser, von dem gantzen erdtrich mit jrem ungestümen gwell durch lenge der zeit, grosse stuck abgerissen, und inszlen gemachet, die vormals dem erdtrich angehefft warend ... und hat sich offt ein see oder meer durch einflüsz ausgefüllt, und an einem andern ort durch das ungestüm gwell widerum auszfrässen, den boden an sich zogen und sich geweitert. Stumpf schweiz. chron. (5. buch) 2 (1548), 50a, ebenso (1606) 390a. von hier abgeleitet gweling: ward der wind so heftig, daz die anker nit huolten und muosten gweling farn mit sturmwind. tagebuch des Lucas Rem (jahresber. hist. ver. v. Schwaben 26, 10).
β)

erschäumt das gewelle hoch drüber her!
Usteri (das fräulen von Österreich) 1, 152;

nun mochte kriegslärm nimmer ruhn,
schlachtreihn durchritt der kriegstribun,
nachts über wellen tönte
die tuba fremd und grell,
und laut herein schlug durch's gewell
das roszgestampf, davon die erde dröhnte.
Lingg (das fest in Lindau) ged. (1866) 277;

dort einst an der mauerwarte
stund ein junger kriegsgesell,
neben ihm die feldstandarte,
sah er durch die mauerscharte
düster in das seegewell. (seebilder 1) ged. 3 (1870), 189.


γ) Ezzelin .. wühlte .. mit den gespreizten fingern der rechten in dem gewelle seines bartes. C. F. Meyer (hochzeit des mönchs) nov. 2, 32; vgl. auch E. Wülfing z. f. d. u. 14, 308 ff.

 

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