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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
geweidlich bis geweihflechte (Bd. 6, Sp. 5432 bis 5439)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) geweidlich, gewaidlich, adj., verstärkte form zu weidelich, weidlich (s. d.). zu rechter gewaidlicher zeit und weil jagen, und nit wan das wiltpret noch untauglich und weder nutz noch guet ist. pfandbrief von 1649. Majers forstzeitschrift 2, 4, 32. vgl. Schmeller 22, 854.

[Bd. 6, Sp. 5433]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) geweifel, gewaifel, n. , verbalsubstantiv zu weifeln, s. d., erst in der neueren sprache belegt. die verwendungen sind entsprechend der mannigfaltigkeit der bedeutungen des verbums sehr verschiedenartig, wobei zugleich die reimbindung mit anderen substantiven von einflusz ist.
1) von der ursprünglichen bedeutung ('etwas schnell hin und herbewegen', vgl. auch weife = haspel, vgl. DWB haspeln) geht das compositum hutgeweifel aus (vgl. die mütze weifeln, die mütze schwingen), das jedoch schon zu übertragener bedeutung überführt, einer übertriebenen und unaufrichtigen höflichkeitsbezeugung;

sein ohrenteufel,
und jeder narr,
mit hutgeweifel,
und jeder pfarr,
mit spruchgehäufel
.... giebt gute nacht!
Klamer Schmidt (an Gleim) poet. briefe 28, vgl. auch th. 4, 2 sp. 1990;

des lauschet froh der höllenwicht;
und stellet gleich sich freundlich ein,
kommt mit geschwänzel und gewaifel,
und spricht: hier hast du mich, den teufel.
E. M. Arndt (St. Christoph) ged. 308.

vgl. hierzu die weitere entwicklung im participialen adjectiv geweift, s. d.
2) nach anderer richtung weist ein beleg, der geweifel mit zweifel bindet, vgl. DWB weifeln, DWB unsicher gehen, wanken, zittern. Birlinger schwäb.-augsburg. wb. 428;

da spielt die hoffart und ihr sohn, der zweifel,
ach! schon gesell von Adam, unserm ahnen;
wir sind soldaten unter seinen fahnen,
und folgen ihres bunten trugs gewaifel.
E. M. Arndt (des zweiflers unruh) ged. 406.


 
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geweift, partizipiales adjectiv zu weifen, s. d. (vgl. auch geweifel oben); geweift (gewífd), gerieben, gewitzigt, verschmitzt. Hertel Thüringer sprachschatz 253.
 
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geweigert, participiales adjectiv zu weigern (s. d.); auf isolierung läszt der absolute gebrauch des negierten particips schlieszen: iedoch so ich nur ain mal vormittel ewer hilff mein hab und güter, mein gsind und hauss solt zur letz anschawen, wolt ich darnach ungewegert sterben. Odyssee, übers. v. Schaidenreisser 28a, ebenso 21a.
 
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geweih, n. , die bildung, zu deren erklärung zwei verschiedenartige wortstämme mit fast gleicher formeller berechtigung herangezogen werden können, wetteifert in der bedeutung mit gehörn (s. d.). während dieses jedoch die allgemeinere verwendung entwickelt und für jeden entsprechenden auswuchs am kopfe eines thieres gebraucht wird, ist geweih auf den kopfschmuck des hirsches und in bestrittener verwendung auch auf den des rehbockes beschränkt. ausnahmen von dieser begrenzung sind selten.
1) die ältesten belege fallen spät, sie erreichen kaum mehr das 13. jahrh., in welchem gehörn schon so zahlreichauch in bezug auf den hirschbezeugt ist. die älteste form hält sich im rahmen der composition mit hirsch (vgl. hirʒgehürne Lexer 1, 1306; hirschgeweih th. 4, 2, sp. 1567): hirz gewih' Vrowenlop 1, 11; hirsgeweie jüngere bearb. des Oswalt 1032; hirsgewîe schles. landr. 1, 44, 3; hirschgewîge spica, celtica med. handschr. d. 14. jahrh., vgl. mhd. wb. 3, 650a. Lexer 1, 1306. auszerhalb der composition ist die ältere monophtongische form nur selten belegt: gewîge meisterlieder d. Colmarer handschr. 191, 23; mystiker 233, 12. alle anderen belege gehören der zeit der neuhochdeutschen diphtongierung an und zeigen hinter dem diphtongen an stelle des gutturals den hauchlaut, der nur mehr graphische bedeutung hat. in der vielverwendeten bildung mit dem suffix t (gewicht s. d., ganz vereinzelt nur geweiht) ist der guttural erhalten und der stammvocal gekürzt. das auslautende e verfällt früh der apokope, vgl. geweih bei Weckherlin, im volkslied des 17. jahrh. (bei Hoffmann), bei Agricola, Duez, Frisch u. a. dem gegenüber erscheint geweihe bei Schottel, Olearius, Prätorius, Münchhausen, Chomel, teutsch-engl. wb., Döbel u. a. Adelung dagegen nahm die apocopierte form auf, die sich bei Lessing, Göthe, Schiller, Schubart, Kleist findet und heute herrscht. nur in der poetischen form begegnet noch vereinzelt geweihe (so bei Stolberg, A. W. v. Schlegel). dazu vgl. geweih ... nicht geweihe Braun deutsch. orthograph. grammat. wb. 122b; ebenso Heynatz handb. z. richt. verfertigung von aufsätzen 283b. diese apokope erstreckt sich

[Bd. 6, Sp. 5434]


auch auf den dativ sing. (geweih bei Bürger, Göckingk, Kleist, Uhland u. a.).
a) die erklärung kann entweder an das ältere wegen anknüpfen, das die substantivformen gewige, gewihte (gewiht, pondus) entwickelt hat (vgl. Lexer 1, 990), oder an wîgan, wîgen (streiten, kämpfen, vgl. Lexer 3, 880). die letztere erklärung entspricht der heutigen meist verbreiteten auffassung, die schon von Adelung (2, 654) gegen Frisch vorgetragen wurde. man gewinnt hier die annehmbare bedeutung 'kampfwaffe' und kann sich auf die länge des stammvocals berufen, die freilich auch aus ersatzdehnung erklärt werden könnte. unerklärt bleibt bei der annahme der grundbedeutung 'kampfwaffe', warum geweih auf hirsch und reh beschränkt war, denn wenn auch die kämpfe des hirsches in den verwendungsformen unseres wortes viel raum einnehmen (s. die belege unten), so gilt das gleiche auch von horn, gehörn, vgl. 'die hörner aufsetzen' bedeutet auch kampffertig sein th. 1, sp. 736. nun giebt es aber unterschiede zwischen dem geweih der hirsche und rehe einerseits und dem gehörn sonstiger thiere andererseits: sie betreffenwenn man vom anatomischen bau absieht, der für die wortgebung nicht von einflusz gewesen sein kanndie lastende schwere des geweih's (beim hirsch), an die man namentlich bei der nebenform gewicht zu denken versucht ist, und die entstehung wie veränderung des organs. das gehörn ergänzt und ersetzt sich ununterbrochen wie die haare, nägel u. a. und erscheint daher dem oberflächlichen beobachter als dauernd. das geweih erlebt den gleichen prozesz ruck- und stoszweise; es wird alljährlich abgeworfen, und an seiner stelle wächst ein neues gröszeres wieder nach. dasz diese thatsache früh beobachtet wurde, dafür sprechen zahlreiche verbindungen des wortes mit bestimmten verbis; ob ihr ein einflusz auf die wortgebung zugeschrieben werden kann, musz dahin gestellt bleiben, immerhin liesze sich geweih auch unter diesem gesichtspunkt an wegen anknüpfen. aber noch näher liegt die erklärung aus der äuszeren form. die belege zeigen, wie nachhaltig das sprachgefühl durch zwei beobachtungen getroffen wird: einmal durch die bewegung, in der das lastende geweih den sprüngen des thieres nachgiebt, und andererseits durch die schwerfälligkeit, wenn die ausgreifenden zacken an hindernissen sich verfangen.
b) wie schon bemerkt, ist es die form der composition (hirschgeweih), in der das wort zuerst belegt ist. auszerhalb dieser verbindung ist geweih bis zum 16. jahrh. nur zweimal bezeugt:

einn hirʒ in einem walde
sîns alten lebenes sêre verdrôʒ:
er pflac vil wîser sinne,
daʒ sîn gewîge er von im schôʒ,
dô wuohs im wider ander horn. meisterlieder der Kolmarer handschr. 191, 23. Bartsch s. 602.

und der hirʒ spranc ûffe eine steinruʒʒen, und ime erschein ein gulden krûʒe in sîme gewîge. mystiker 233, 12 Pfeiffer.
c) auch in der neuhochdeutschen periode vermag geweih lange nicht gegen gehörn aufzukommen. in kaiser Maximilians geh. jagdb. (ed. Karajan) herrscht durchweg gehörn vor, nicht blosz für gemsen und steinböcke, sondern auch für hirsche: kain gämbs oder stainpokh wurfft sein gehurn nimmer. 22 u. a.; zwen hiersch in der brunfft habendt mit ainander gekemphfft, und sindt mit dem gehurn in ainander komen, und nit von ainander megen, das er ain hiersch todt ist peliben. also sendt si gefunden worden, und die gehurn noch also inainander. 48 u. a.; das gleiche im Teuerdank, im neuwen jagd und weydwerk buch (1582) in Fouilloux's neuem jägerbuch (1590), den adelichen waidwerken (1661), Gessners thierbuch (vgl. 79b. 65a) und dem vollkommenen teutschen jäger (1719). wo das neue wort auftritt, wird es zunächst als synonym mit den alten verbunden; Basilius Macedo ... sties ... ein mal auff einer jagt auff einen ungewönlichen grossen hirsch, welcher mit seinem auffgerecketem heubt, und herlichem geweihe daher brach. ... da stellet sich das freidige thier zur wehre, und brachte ein ende oder ort seines geweihes oder gehürnes dem keiser unter den gürtel, hub jn also auff. Cyr. Spangenberg jagdteufel (1560) Xb. dazu vgl. (der hirsch) hat ein gehürn oder ein geweih mit vil zincken. Sebiz vom feldbau (1580) 568; die gleiche stelle bei Agricola

[Bd. 6, Sp. 5435]


fürsicht. weidmann ... vom weidwerk s. 12; und so gab ich ihm (dem hirsche) die volle ladung mitten auf seine stirn zwischen das geweihe. Münchhausen's reisen 20 Grisebach; ob nicht irgend ... ein jagdlustiger abt ... das kreuz auf eine ähnliche art durch einen schusz auf St. Huberts hirsch zwischen das gehörne gepflanzt habe. ebenda; der hirsch hat auf dem kopfe ein gehörn, heiszt auch ein geweihe, oder auch ein gewichte. Döbel jägerpractika 1, 59, ähnl. 1, 15; geweihe, geweyhe oder gehörne, ingl. gewichte, nennet man nach der jägersprache die hörner des hirsches, welche demselben so wohl zur zierde, als gegen-wehr dienen. Chomel 4, 1046, genau so onomat. forest. 1010; gehörn, geweih, werden in der jägersprache die hörner des hirsches genennet. Eggers kriegslex. 1, 1055; geweih ... hörner eines hirsches ... auch das gehörn und das gestänge genannt. Adelung 2, 659; geweih (gehörn — geweiht) sind jene dem hirsch geschlechte eigenen, gepaarten, knochenähnlichen und der periodicität unterworfenen waffen auf dem kopfe. Behlen real- u. verballex. d. forst- u. jagdkunde 3, 410; eine eigenthümlichkeit der hirsche, wodurch sie sich von allen thieren unterscheiden, ist das gehörn oder geweih. Oken allg. naturgesch. 7, 1281.
d) der gegensatz in der bedeutung oder besser in der verwendung von gehörn und geweih entwickelt sich aus dem umstande, dasz das zweite wort in der einseitigen verbindung mit dem hirsch in den litterarischen sprachgebrauch einzog und sich so eingeengt dort auch erhält. zu den obigen belegen vgl. noch: geweih eines hirsches oder hirschgewicht, le bois au la teste d'un cerf .. cornua cervina. Duez 199a; geweih, hirschhörner Frisch 2, 279; geweih, gewicht, die hörner des hirsches. Nemnich 192; geweihe eines hirschen, die hörner, the head beams or horns of a deer. teutsch-engl. wb. (1716) 772; geweih, ein solider hautknochen der hirschartigen wiederkäuer, welcher auf einem knochenzapfen der stirn aufsitzt. Thiel 4, 422. wenn somit in beziehung auf den hirsch das wort geweih auf kosten von gehörn vordrängte, so ist doch dem rehbock gegenüber eine zurückhaltung zu beobachten, die sich landschaftlich gruppiert. sie wird von Norddeutschland aus anempfohlen, von Österreich aus bekämpft: geweihe heisset man die hörner eines hirschen; die rehbocks-hörner aber werden nur gehörne und nicht geweihe genennet. allg. öconom. lex. (1731) 828; die hörner eines rehbocks werden allein gehörne, nicht aber geweihe genennet. onomatologia forest. 1041; gehörn, hörner bei reh und hirsch, bei letzterem bis es geweih heiszt ... beim rehbock heiszts immer gehörn. H. Laube jagdbrevier 256; von anderer seite wird auf die gleichartigkeit der anatomischen structur von hirschgeweih und rehgehörn aufmerksam gemacht, vgl. Altum die geweihbildung bei rothhirsch, rehbock, damhirsch; A. Buchmayer österr. forst- und jagdzeitung 19, 121 weist auf die verbindung rehgeweih im jägerbuch von Tänzern-Pärson und auf die bayerisch-österr. bezeichnung gewichtl (s. d.) für den rehbock hin. zum süd-westdeutschen gebrauch vgl.: die rehe sind kleine, sehr niedliche und muntere thiere, nur mit ein und dem andern ende am geweih. Oken allgem. naturgesch. 7, 1282 (ebendort aber auch gehörn). einerseits wird dem rehbock also ein geweih zugesprochen, von andern ihm aberkannt. dürfen die oben besprochenen vorstellungen (umfang, unbehülflichkeit sp. 5434) verwertet werden, so erklären sie die beschränkung auf den hirsch, doch ohne den sprachgebrauch zu binden.
2) für die bedeutungsentwicklung ist bei einem wort, das so spät mit fest ausgeprägter concreter bedeutung in den gebrauch eintritt, wenig zu erwarten; veränderungen können hier höchstens die gebrauchsformen, die verbindungen, die stellung im wortschatze betreffen oder die erweiterung des verwendungskreises, wenn sich die specielle beziehung auf den hirsch lockert, wenn sich übertragener gebrauch ansetzt.
a) gebrauchsformen und verbindungen:
α)

ein horn dem einhorn auff das hirn
dem stier zwei hörner auf die stirn,
dem hirsch ein geweih ist gesötzet.
Weckherlin ged. 1, 500 Fischer;

besieh dich doch, wie grosz du bist!
und sollt' es dir an stärke fehlen?
den gröszten hund, so stark er ist,
kann dein geweih mit einem stosz' entseelen.
Lessing fabeln u. erzähl. (d. hirsch u. d. fuchs) 13, 159;

[Bd. 6, Sp. 5436]



er (der jäger) musz mit jedem halme sich berathen,
ob er des hirsches leichte schenkel trug,
an jedes baums entreiftem aste prüfen,
ob ihn sein königlich geweih berührt. in
H. v. Kleist's briefen an seine braut 242;

des wolfs durchschossne augen funkeln,
um schwarze wipfel kreist der weih,
im moor auf felsen glüht im dunkeln
der hirsche moderndes geweih.
Lingg (waldnacht) ged. 1, 99.

in eines herrn wohnhausz sein unden losiert herzog Ulrichsz f. g. in der hirschenstuben, dorinnen sehr schöne geweihe hangen, under denselben hinder den ofen ainsz, an welchen das garn hanget, so der hirsch ob dem geweihe hinweggetragen. Phil. Hainhofers reisetageb. (balt. stud. 2, 2. 52); nur undeutlich war zu erkennen, was rundum an der wand befestigt war, geweihe, hundehalsbänder, jagdgeräth und ausgestopfte vögel. G. Freytag (soll u. haben 4, 2) 5, 35; beim alten hirschen ist das geweih im julius vereckt. Behlen 415; beim alten rehbocke wird besonders oft das geweih verunstaltet. 414; ihre geweihe bestehen aus ächter, dichter knochenmasse, ohne zellen. Oken 1282; durch unvorsichtiges anschlagen entsteht ein miszgestaltetes geweih (v. d. rehen). Oken allgem. naturgesch. 7, 1285; wie stolz ihm grösz're geweihe stehn. H. Laube jagdbrevier 35; auf kein thier wirken die jahreszeiten so stark, wie auf die hirsche. auszer dem wechsel des geweihs wechseln sie mit den haaren auch die farbe. Oken 1281; die stange der geweihe (der zinkenhirsche) ist rundlich. ebenda 1282; die wurtzel des geweihes, the cabbage of a deers head, where in the horns are planted. teutsch-engl. wb. (1716) 772; wenn ein junger hirsch 2 jahr alt ist, so stoszen die hörner des geweihes hervor, in two years a deer begins to head, then the spitters or prickets come forth. ebenda;

mein vater, also spricht die sage, ging
lustwallend einstens in der göttin hain,
da jagt' er einen schöngefleckten hirsch
im schmucke des geweih's.
Chr. Stolberg (Electra) 13, 34.


β) es (das Ganges-reh) ist weiszgefleckt ... und hat ein rundes geweih, wie der gemeine hirsch, jedoch mit weniger enden. Oken allg. naturgesch. 7, 1287; ein hirsch, der noch sein erstes geweih trägt, a buck of the first head. teutsch-engl. wb. (1716) 772; als ein hirsch seinen durst zu stillen zu einem brunnen kahm, und sein bildnis im wasser ansichtig ward, beginnet er den kopff zu hängen ... darumb, weil er so dünne und magere beine hatte, gleichwol aber, da er sein schön grosz geweihe oder prächtige hörner ersahe, begunte er wieder froh und hochmüthig zu werden. Lokmanns fabeln 2, s. Olearius pers. rosenthal 111;

jedem wesen ward
ein nothgewehr in der verzweiflungsangst,
es stellt sich der erschöpfte hirsch und zeigt
der meute sein gefürchtetes geweih.
Schiller (Tell 1, 4) 14, 302;

legt an alln fleisz an meine schöne hindin!
lassts ja kein gschosz empfinden!
ihr gweih thut sie mit schönem hals erheben,
und vorn aufspringet,
welchs mir freud bringet. aus music. streitkränzlein (Nürnberg 1612) bei
Hoffmann deutsch. gesellschaftsl. 2, 13;

sein zackiges geweih erhob vor ihr der hirsch.
Schubart (Jupiter u. Semele) ged. 381 Hauff;

ausnahmsweise ... setzen auch alte thiere kurze geweihe auf. Behlen 415; ein aufgesetztes geweih. ebenda; der hirsch hat ein neues geweih aufgesetzt, the stag has a velvet head. Hilpert 1, 463c; der hirsch setzt auf, bekommt neues geweih. s. th. 1, sp. 73b; absonderlich aber könte er ein selbst-verräther seiner miszgunst werden, indem zu schlieszen wäre, dasz er mit seiner kunst denen leuten mit fleisz nicht dienen, sondern es wie die hirsche machen wollte, welche, nach des Plinii vorgeben, wenn sie sterben wollen, ihre geweihe ablegen und verscharren, damit sie niemand finden und zur artzenei gebrauchen soll. Kuhnau mus. quack-salber 251 neudr.; das geweih abwerfen muer. Frisch 2, 279; ein hirsch ... der sein geweihe abgeworffen, a deer that mewes. teutsch-engl. wb. (1716) 772, ähnl. Hilpert 1, 463c;

es scheidet der hirsch vom alten jahr,
wirft sein geweih zum opfer dar,
an stillen plätzen scharrt er's ein,
beschwerlich will's gefunden sein.
H. Laube jagdbrevier 35;

[Bd. 6, Sp. 5437]


vgl. DWB wenn der hirsch sein gehörn verliert, sagt man, er wirft ab. Behlen 412; der hirsch wirft das geweih jährlich ab und setzt ein neues auf. 415, abgeworfenes geweih 416, periodicität des geweihabwerfens ebenda.
γ) er (Meleander) were vom bancket zur jagt auffgestanden, da jhm dann ein hirsch, welchen die weideleute auffgejaget, begegnet, welcher ihn dermassen mit dem geweihe in die brust beschädiget, das jhm blut und seele zugleich hernach gedrungen. Barclay Argenis, übers. v. Opitz th. 2 (1, 2), s. 9; (der hirsch) wolte ihm, als der vielmals mit seinen hunden ihm nach getrachtet, mit seinem geweih eins versetzt haben. unterredung eines führnehmen Ungarn u. eines teutschen cavallieres (1664) E4b;

der alte herr beherrscht den plan,
nimmt jeden nebenbuhler an
auf tod und leben mit dem geweih,
man hört sie kämpfen zwei und zwei.
H. Laube jagdbrevier 161;

da stürzt er! und zappelt und schlägt
die erde mit seinem geweih.
Göckingk (die parforce-jagd) ged. 3, 19;

der hirsch, der von der mittagsglut gequält,
den grund zerwühlt mit spitzigem geweih,
er sehnt sich so begierig nicht,
vom felsen in den waldstrom sich zu stürzen,
den reiszenden, als ich jetzt, da du mein bist,
in alle deine jungen reize mich.
H. v. Kleist (Käthchen v. Heilbronn 5, 12) 2, 308 E. Schmidt;

allwo sie so viel stücke hirsche, mit weichem geweihe gefället; dergleichen bei vielen kaisern niemahlen geschehen. Prätorius Zodiacus mercurialis 13;

wie der löwe sich freut, indem ein gröszeres raubstück,
etwa ein hirsch mit geweih ihm aufstöszt. Ilias übers. v.
Bürger (3, 24) schr. 3, 330;

(ich sah) das grausige mastodon
und den erderschütternden riesenhirsch
mit dem äst'gen geweih, das auf breiter stirn
gleich einer eiche ihm sproszte.
Schack nächte des orients 56;

nicht lang darnach ging er auf die jagd, und verfolgte einen hirsch mit silbernem geweih. Grimms märchen (Johannes Wassersprung) 1, 347; die eigentlichen hirsche sind gröszere thiere mit runden, vielendigen geweihen. Oken allgem. naturgesch. 7, 1289; der hirschkopf mit seinen geweihen, the head of a deer. Hilpert 1, 463c; ein hirsch ohne geweihe, a disarmed deer. teutsch-engl. wb. (1716) 772.
δ) neben allgemeinen attributen (vgl. prächtig, königlich s. o.) zeigen die adjectivverbindungen bestimmte züge, die durch die form des organs bedingt sind: grosz, kurz, weich, stark (s. o.), rund, zackig, spitzig, ästig, vielendig (s. o.). Heppe (wohlredender jäger s. 149) unterscheidet: starke geweihe (dick und grosz), geringe (klein und dünn), krausze, glatte, braune (dunkelfarbigt), weisze (lichtbraun), gerade, gewölbte, widersinnige (die wunderbar gewachsen).
ε) in gleicher richtung geht die verbindung mit substantiven, die zur composition führt: das geweih eines zweijährigen hirsches, the head of a pricket. Hilpert 1, 463a; vgl. hirschgeweih, rehbockgeweih u. a., geweih von vielen enden, a deers head of many antlers. ebenda; kron-geweih, ein geweihe, das oben vier oder fünf enden oder zacken hat, a troched or crowned beamed head. teutsch-engl. wb. (1716) 772; vgl. auch Behlen 413; gabel-geweih, das nur zwei zincken oder zacken hat, a forked head, a two branched head. ebenda; hand- oder schaufel-geweihe. Heppe 149;

nach der quelle dunklem glanze
beugt der hirsch sein prachtgeweih,
doch die lanze
bohrt sein lechzend herz entzwei.
H. Lingg Münchner dichterbuch 243.


b) auch an das hirschgeweih knüpfen sich mancherlei volksthümliche beobachtungen und deutungen:
α) zunächst wird die äuszere erscheinung als zierde und zeichen der kraft erfaszt: das geweih ist dem hirsch ein schmuck, aber kein druck. Wander 1, 1651; sein geweih verrät den hirsch. H. v. Kleist Penthesilea 23; daneben wird auch ein gegensatz zwischen äuszerer erscheinung und innerem wesen gekennzeichnet: hirsche haben grosze geweihe und hörner und doch feige hertzen. Henisch 1596; auf der linken seite stund eine alte blasse weibesperson, hatte unter dem arm einen furchtsamen hasen und auf dem haupte ein par hirschgewei, und dises war di furcht. Samuel v. Butschky sinnreiche reden (229) 151.

[Bd. 6, Sp. 5438]



β) sodann wird die an horn (s. DWB hörner aufsetzen) ausgebildete redensart auch auf geweih ausgedehnt: einem ein geweih aufstecken. Wander 1, 1651, vgl. Germania 29, 59 ff.; von dem kaiser Andronico ... welcher allen seinen unterthanen, jage-recht ertheilet, deren weiber er beschlafen: und wegen solcher freiheit, haben sie hirschgewei auf ihren häusern, setzen dörfen. Butschky rosenthal (333) 707;

ich denke: halt, jetzt ist's noch zeit, o Ruprecht,
noch wachsen dir die hirschgeweihe nicht: —
hier muszt du sorgsam dir die stirn befühlen,
ob dir von fern hornartig etwas keimt.
H. v. Kleist (der zerbrochene krug 942) 1, 374 Erich Schmidt.

die für geweih belegten verwendungen geben der alten, schon für das 2. jahrh. bezeugten redensart (vgl.κέρατα ποιεῖν) eine neue wendung: am hirschgeweih wird das unbehilfliche, hemmende, die komik herausfordernde im besondern beachtet, vgl. die anecdote von dem hirschgewicht (s. gewicht), das doctor Faust auf die stirn eines edelmanns zaubert, vgl. auch die beiden folgenden übertragenen verwendungen: jeder neue bibelengel, der auch einmal sein physisches collegium gehört, erfände und thäte dazu — unsere welthistorien schwöllen vor ihrer stirne immer dicker mit kosmogoniengeweih von hundert enden. Herder (älteste urkunde d. menschengeschl.) 6, 200; der mit seinem hohen zackigen geweih doch leicht durch das verworrene niedrige gezweig des weltlebens flog, stiesz gegen die schranke seiner vollmacht an. J. Paul Titan 5, 181 und diese vorstellung der unbehülflichkeit wird für die auffassung des geweihes als symbol des hahnrei's verwerthet, vgl. DWB wehe, wehe! wie das wühlt, wie das tobt! den schädel will mir's zersprengen! ja, sie keimen und sprossen und wollen heraus! hörner lassen sich nicht verbergen, und hirsch und hahnrei tragen geweihe! wehe, wehe! Halm (das haus an der Veronabrücke) 4, 156 Schlossar; da ir selbst einsehen werdet, liebe herren, dasz ich unmöglich mit dem geweihe eines sechzehnenders, wie ich es auf der stirne trage, durch den schmalen torweg dort ins freie gelangen kann, so erlaubt mir vorerst, wie es die hirsche ja auch mitunter zu tun pflegen, diesen etwas lästigen hauptschmuck kurzweg abzustoszen! 158.
c) neben dem hirsch ist es auch das zu der gleichen gattung gehörige rennthier, dem die bezeichnung gilt: das geweih (der rennthiere) unterscheidet sich von dem des damhirsches. Oken allgem. naturgesch. 7, 1303; wenn vom geweih gesprochen wird, flieht das rennthier (Finnland). Wander a. a. o.;

rennthiere gab man mir vor meinen schlitten.
doch weil ihr diese thiere noch nicht kennet,
musz ich erlaubnisz sie zu schildern, bitten.
ein rennthier heiszt's, weil es entsetzlich rennet;
die stränge macht man fest an seiner stirne,
die ehern ist, und keine schwäche kennet.
wie gegen sie der schärfste sturmwind zürne,
sie trotzt, mit stattlichem geweihe prangend,
in welches ausgewachsen ihr gehirne.
A. W. v. Schlegel (Kotzebues reisebeschreib.) 2, 337 Böcking;

wolken wie die midgardschlange reihen sich am dunklen himmel,
auf die weisze winterdecke blickt Arktur im sterngewimmel,
die bereiften bäume strecken äste aus, die nie mehr blühen,
dürr wie todtenfinger, riesig wie geweih von ellenkühen.
Lingg (elephanten wanderung 4) 15, 227.


d) im allgemeinen sprachgebrauch ist aber das geweih so fest an die gattung des hirsches gebunden, dasz es im poetischen stil tropisch für diesen selbst eintritt. und auch in den fällen, in denen die benennung bewuszt auf andere geschöpfe übertragen wird, bildet die beziehung auf den hirsch doch den ausgangspunkt.
α)

wie der schirmende forst deinem erhabenen
nacken schattet! er nährt stolzes geweihe dir!
dir den schnaubenden keuler,
der entgegen der wunde rennt.
F. L. Stolberg (der Harz) 1, 6;

dazu vgl.:

mein einzig labsal blieb die jägerei;
und ward, bei rings verhegtem königsforste,
mir nie ein wild mit stattlichem geweih
viel weniger ein thier mit stolzer borste,
... doch that mir's gut, auf felsen und in klüften
umherzuklettern und die brust zu lüften.
Uhland (Fortunat u. s. söhne 1, 43) 1, 344 E. Schmidt.


β) 'wie geht's, junger herr? habt ihr ein paar zinken abgerennt?' 'dasz dich die pest! das stärkste geweih wäre

[Bd. 6, Sp. 5439]


gesplittert wie glas'. Göthe (Götz) 8, 94; (wenn ich hörner gehabt hätte wie ein dannhirsch, sie wären gesplittert. gesch. Gottfriedens etc., vgl. werke 42, 120);

und daher ist den löwen gehörnt der ewigen mutter
ganz unmöglich zu bilden und böte sie alle gewalt auf;
denn sie hat nicht masse genug die reihen der zähne
völlig zu pflanzen und auch geweih und hörner zu treiben. (metamorphose der thiere) 3, 99.


e) ob hierher auch die eigenartige verwendung im folgenden gehört? od(er) so sie (die bischöfe) doch gar nichts auff ihre rote schäubenhüt oder geweih, verguldete hirtenstäb, wohlgespickte pfaffenplaten ... halten: so müssen sie ja bedencken. Fischart bienenkorb (1581) 67b (geweih fehlt in der ausgabe von 1579).
 
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geweihausstellung, f., vgl. die Berliner geweihausstellung von 1904.
 
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geweihbaum, m. geweihbaum, Kentucky coffee-tree (gymnocladus canadensis). Muret deutsch-engl. wb. 2a, 875c.
 
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geweihbildung, f.: während der geweihbildung zieht sich der hirsch vom rudel zurück. Behlen 416.
 
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geweihende, n., geweihende, point, branch; die drei untersten geweihenden des hirsches (aug-, eis- und mittelsprosse), the rights. Muret deutsch-engl. wb. 2a, 875c.
 
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geweihfarn, m., geweihfarn, pod-fern (cera topteris). Muret deutsch-engl. wb. 2a, 875c.
 
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geweihflechte, f., geweihflechte, cladonia. Muret deutsch-engl. wb. 2a, 875c.

 

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