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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
gewässeruntersuchung bis gewebebaum (Bd. 6, Sp. 5376 bis 5392)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gewässeruntersuchung, f. Seligo gewässeruntersuchungen 1903.
 
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gewässert , participiales adjectiv zu wässern (s. d.). das particip ist in attributiver function neben einigen substantiven gern gebraucht, mit denen es feste verbindungen eingeht. die bedeutungsentwicklung steht ganz unter dem einflusz dieser substantiva und zweigt von einer grundlage ab, wie sie etwa in gut gewässert ist halb gebleicht (Rensberg-Düringsfeld sprichwörter d. germ.-romanischen sprachen 1, 672) zu tage tritt. dagegen bleibt eine andere richtung der bedeutungen von wässern (vgl.: es hat ihm das maul lang darnach gewässert. Kramer 2, 1269b) ohne wirkung auf die sonderentwicklung des particips. wenn man für diese eine gliederung anstrebt, könnte man sich an Chomel anschlieszen: gewässert, heist entweder so viel als in wasser eingeweicht, oder mit wasser vermischt. 4, 1040. in der that handelt es sich beim einen theil der verbindungen mehr um eine sättigung mit flüssigkeit, im anderen um ein untertauchen im wasser, aber auch hiefür giebt im grunde doch die eigenart der objecte den ausschlag.
1) die beziehung auf grund und boden, vgl. bewässert: und wirst sein wie ein gewesserter garte. Luther Jesaias 58, 11 (dasz du einem wohlbewässerten garten gleichst. Kautzsch);

wodurch manch fruchtbar thal sich zieht,
und grün sich hin und wieder wendet, von mancher kühl- und klaren fluht
des reinen haupt-strohms Tweed gewässert.
Brockes Thomsons jahreszeiten (herbst 827) 375;

und kam zu der grotte der nymfen,
an der gewässerten au.
J. H. Voss (Orpheus d. Argonaut 646) Hesiod 293.


2) die verbindung mit anderen flüssigkeiten: gewesserter wein, under den wasser thon ist, vinum dilutum. Maaler 179b; gewässerter wein, vinum dilutum, vin trempe. Emmel nomencl. quadriling. 323; gewesserter wein, vin auquel il y a de l'eau. Hulsius (1614) 163b, ebenso ausgabe von 1616 (s. 137b gewässerter wein ... vino adacquato). ebenso Henisch 1595. Duez (1664) 198b (du vin accousé, vin baptise); vgl.: sein wein war ziemlich gewässert. Grimmelshmusen Simpl. 286 neudr.; gewässerter wein, gelästerter wein. M. Kramer (1700) 1269b; gewässerter wein, vin auquel il y a de l'eau, vin batisé. Rädlein 1, 382a; ähnl. Weissmann 157a. Bayer 291a. Kirsch 180a.
3) die beziehung auf nahrungsmittel und stoffe. bei der ersterwähnten beziehung kann am ehesten an ein eintauchen ins

[Bd. 6, Sp. 5377]


wasser gedacht werden; bei der zweiten mag zwar manchem, der das wort gebraucht, ein ähnliches bild vorschweben, aber über die thatsächliche zubereitung dieser stoffe geben die belege andere auskunft.
a) gewässerter häring, harenga macerata. Emmel nomencl. 143; gewesserter hering, hareng mortifie. Hulsius (1614) 163b, ebenso ausgabe von 1616 (gewässert); gewässerter hering, brathering, harengus maceratus. Henisch 1595; ähnl. Duez (1664) 198b. Rädlein 1, 382a. Kirsch 180a; gewässerter stockfisch, gewässerter hering. M. Kramer (1700) 2, 1269b; gewässertes fleisch, caro macerata. Steinbach 2, 949.
b) gewässerter chamelot Henisch 1595; camelot ondé, gewässerter schamlott. Duez (1652) 49, ebenso (1664) 198a; gewässerter tafet etc., taffeta etc., ondata, ondolata, marezzata. M. Kramer 2, 1269b; gewässertes zeug, vestis undata, undulata. Weissmann 157a; ähnl. Bayer 291a. Kirsch 180a. Steinbach 2, 949;

einen talar voll würde, zur festsamarie, bring' ich,
schön, von gewässertem taft, mit eigenen händen genähet.
J. H. Voss poetische werke 1, s. 46 (Hempel);

gewässerte zeuge, nennt man diejenigen zeuge, welchen glänzende streife, die wie wasserwogen aussehen und daher wasser genannt werden, durch gelindes anfeuchten oder pressen und mangeln gegeben worden. es sind die gewässerten zeuge von verschiedenen gattungen: als doppeltaffete, mohr und einige andere. es entsteht aber die wässerung durch die kupfernen oder eisernen walzen, auf denen die gestalten der wasserwogen eingearbeitet sind. den glanz gibt man diesen zeugen nach der wässerung mit der warmen presse. Krünitz 18, 89 f.; gewässerter stapel, zeigt diejenige kräuselungsform der wolle, wo alle wellungen durchweg die form eines halbkreises zeigen, ohne deutlich abgetrennte stäpelchen erkennen zu lassen. Thiel 4, 420; gewässerte oder moirirte zeuge nennt man solche seidene und wollene stoffe, deren oberfläche glänzende, wellenförmige, jedoch nicht eingewebte streifen hat. Schedel waarenlex. 16, 298b.
c) von hier aus wird das particip in dieser isolierten bedeutung auch weiter übertragen: hauptfärbung (der wildgänse) grau mit braunem und grau gewässertem rücken (gänsegrau). Winckell handbuch f. jäger 33, 136. vgl. auch gewässerlet.
d) dazu vgl. die verwendung in der fachsprache der bildhauerei: in seiner jugend konnte er sich von klumpigen, gewässerten figuren nicht los machen; später gelang es ihm, diesen typus zu kräftiger, voller fleischigkeit zu veredeln. Immermann memorabilien: fränkische reise (werke 20, s. 82).
4) die übertragene verwendung setzt hauptsächlich an der in in der verbindung gewässerter wein entwickelten vorstellung an: La Fontaine gelang es die fabel zu einem anmuthigen poetischen spielwerke zu machen; er bezauberte; er bekam eine menge nachahmer, die den namen eines dichters nicht wohlfeiler erhalten zu können glaubten, als durch solche in lustigen versen ausgedehnte und gewässerte fabeln. Lessing (von dem vortrag der fabeln) 73, 469; und hielt eine lange leichenpredigt, worin sie viel schwatzte von den tugenden der hingeschiedenen ... von einem besseren sein, von liebe, hoffnung und glaube, alles in einem näselnd singenden tone, eine breitgewässerte rede, und so lang und langweilig, dass ich davon erwachte. Heine Italien, cap. 21.
 
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gewässerlet, nebenform zu gewässert, vgl. 3, c: zu seinen hosen wurden auszgenommen elfhundert, fünf ballen und ein drittheil weissen stammet, darausz macht man ihm ein lacinirt schlangenwendig plitzsträmig und geflemmet kleid, welchs dahinden zerschnitten war zerseget, und durchfeihelet auff die weisz der crenelirten, gewässerleten, berechen zänelten, krennirten gelaubwirckten und durchsichtigen seulen. Fischart Garg. (1594) 114a.
 
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gewat, gewæte, s. DWB gewand, vgl. vor allem sp. 5237 ff. 5256.
 
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gewaten I , gewæten, ableitung zu wat, ist ganz durch gewanden (s. d.) verdrängt.
 
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gewaten II , verstärktes waten (s. d.). obwol die form verhältnismäszig spät belegt ist, reicht sie doch kaum über die anfänge der neuhochd. periode hinaus:

gener leget dich in daʒ waʒʒir
dâr dû inde dîne gadin
nemugin geswimmin noch gewadin. könig Rother 4557;

doch mocht er nicht zu in gewaten,
noch ir dekeime zu staten
getreten in derselben zit. passional 238, 41 Köpke;

[Bd. 6, Sp. 5378]



möcht ich gewatten
under ires trostes schatten. dank und grusz an die geliebte bei
Lassberg liedersaal 1, 34;

wan er da von den waʒʒern
hatte manige flut
waʒ ir da hin an in gewut
und sich so hatten dar gehauft,
die wurden alle ab im gedauft. mitteld. evangelienwerk aus St. Paul (Joh. 3, 23) 114b Schönbach.


 
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gewatschel, n., verbalsubstantiv zu watscheln (s. d.): gewatschel Campe 2, 360; gewatschel der gänse, enten. s. Hilpert 1, 463b.
 
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gewätt, s. DWB gewett.
 
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gewe, s. DWB geuwe sp. 4640, vgl. auch Lexer 1, 979.
 
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gewebe, n. , verbalsubstantiv zu weben (s. d.). im bedeutungsumfang unseres wortes sind heute zwei verschiedenartige richtungen vereinigt, die functionen eines nomen actionis und die abstufungen eines collectivbegriffes. die gleichen gegensätze sind es, die bei den ältesten belegen hervortreten und die die geschichte unseres wortes sowol nach form und bedeutung, als auch in bezug auf die stellung im kreise seiner sippe beeinflussen.
1) die abgrenzung von stammesverwandten bildungen. die mannigfaltigkeit anderer ableitungen vom gleichem stamm nötigt zu kurzer auseinandersetzung, um so mehr, als einzelne formen noch bis in die spätere zeit zur seite gehen und vielfachen einflusz ausüben.
a) in wieweit den verwandten bildungen ein nomen actionis zu grunde liegt, läszt sich deswegen schwer entscheiden, weil die lateinischen termini, die in den glossen zur seite stehen, fast alle ebenso gut die handlung selbst als das ergebnis derselben ausdrücken. so ist für das neutrum weppi aus der gleichsetzung mit textura (Graff 1, 646) noch kein anhaltspunkt gewonnen (s. vielmehr unter b). unter dem gesichtspunkt der bildungsweise wäre wiftunga (Graff 1, 649) hierher zu rechnen, es ist aber in den Prudentiusglossen mit texta gleichgesetzt, auch hier ist also der bedeutungsübergang schon vollzogen. wie weit ähnliches für giwift, textura (Graff 1, 644) gilt, läszt sich nicht entscheiden.
b) deutlicher läszt sich dagegen die vergegenständlichung des begriffes nachweisen, die in den compositis mit ge zur collectivbedeutung überführt: hierher gehört das neutrum weppi mit seinen nebenformen woppe, wuppe (Graff 1, 646 ff.), vgl.: also diû spinna huget ze iro unmuʒʒen wuppen (aranea). Notker psalm 89, 10 (Hattemer 2, 326), vgl. die composita giweppi, tela (Graff 1, 646), spinnaweppi (648), gotweppi, vestes (647) (intwatitun inan lahhanes inti gotowebbes. Tatian 200, 4 clamidem et purpuram). noch weiter führt ein bedeutungsgegensatz, der innerhalb dieser und ähnlicher bildungen geltend wird: das substantiv kennzeichnet manchmal die kette beim gewebe, manchmal den einschlag; so führt Graff für weppi auf: die kette beim gewebe; für den einschlag wird als eigene bildung weval gebucht (Graff 1, 649), das aber zugleich auch die kette, den aufzug bedeutet, das also die beiden bedeutungen 'subtemen' und 'stamen' in sich vereinigtbeide lateinischen termini haben bekanntlich zugleich auch die bedeutung 'gewebe' entwickelt.
c) innerhalb dieser bildungen kennzeichnet sich unser verbalsubstantiv als eine prägung, die in form und bedeutung ursprünglich das nomen actionis zum ausdruck bringt, die aber in ihrer äuszeren form, wie andere verbalsubstantiva mit dem präfix ge, an die grosze gruppe der collectivbildungen (vgl. Wilmanns d. gr. II, § 194) angeschlossen wird. wie weit die bedeutungsentwicklung dadurch bedingt ist, wie weit sie dem einflusz der stammverwandten bildungen unterliegt, läszt sich nicht entscheiden. jedenfalls ist dieser übergang schon in den ältesten belegen aus den glossen des 8. auf 9. jahrh. angebahnt, wir finden auf der einen seite: textura, kawep Reichenauer glossen (2 Mos. 28, 8). Steinmeyer-Sievers 1, 336; junctura, kawep Freisinger glossen zu Isidor (de offic. 2, 11, s. 430), ebenda 2, 344. auf der anderen seite textiles, kiwebe Reichenauer glossen (Syrach 45, 12). Steinmeyer-Sievers 1, 586.
d) die ersten litterarischen belege gehören der mittelhochdeutschen periode an und sind auch hier ungemein spärlich; sie beschränken sich auf die letzterwähnte bedeutung und knüpfen nicht an das menschliche erzeugnis, sondern an die thätigkeit der spinne an. wir finden einen beleg für die form webe und einen für gewebe:

tut als di spinne
die nach iemerclichen gewinne
ir gewide spinet uʒ irem leibe,
daʒ in dem webe ein mucke beleibe.
des ist ir mang' missegange,
daʒ man dē dure palk sach hange
in dem webe so sie verdarp. renner 4850;

[Bd. 6, Sp. 5379]



von Sant Augustin man list,
wie er bîhtic worden ist
her von sîner kintheit.
wie sô kleiniu dinc er seit,
daʒ zwên hunt im scherz sich biʒʒen,
dâ von er bîhte und seit sîn gewiʒʒen.
ouch ein spinne er spinnen sach,
ir gewebe, da bîhte er nâch,
daʒ im sîn zît dâ mit verswant,
daʒ er got die wîl niht mant,
die wîle er schout zuo der gespunst. Heinr. d. teichner bei
Karajan anm. 51.

ein mittelbares zeugnis liegt wol in webnetzel vor: diu airl gepernt si (die spinnen) zwischen den webnetzeln. K. v. Megenberg buch der natur 295.
e) die concurrenzformen halten sich hier in der mittelhochdeutschen zeit und gehen auch in der neuhochdeutschen periode noch länger neben gewebe her, ehe dieses seinen eigentlichen entwicklungsgang beginnt.
α)

wir sâʒen unde wâben ...
schiere runn diu weppe
von bluote. Servatius 2884 (zeitschr. d. a. 5, 162) u. a.;

weppeboum, liciatorium Diefenbach 327c, vgl. auch mhd. wb. 1, 229b; tela ... gewäppe, toilé Junius nomencl. (1602) 160; Penelope list darausz dʒ sprichwort erwachsen das gewurcht oder gewepp Penelope wider auftrennen, das ist vergebne arbait thn. Schaidenreiszer Odyssee 6a; z dem al si auch ain wercklichen list erdacht, ain grosz subtils gewepp, oder gewürch angefangen. 99b; webbe, tela: textus, textum, textura. Kilian 654b; vgl. DWB webe, DWB web Kramer 2, 260b. dazu vgl. spinneweppe (mhd. wb. 3, 612a), das auf spinnewebe von einflusz war.
β)

ûf in ein ganziu punder
der Kriechen wart geschicket,
dar în wart er verstricket
als in daʒ wippe ein garnes vaden.
K. v. Würzburg troj. krieg 33483 Keller u. a.;

die gewüpp Rüff trostbüchl. 12; ὕφασμα, ἰσός, tela, textum, gewüp, tuch. Frischlin nomencl. trilingus 179b; gewüpp, tuch, tela, textum. Emmel nomencl. quadrilinguis 331; geweb, gewüpp Henisch 1595. vgl. auch Unger-Khull steir. wortschatz a. a. o.
γ) wepf, gewepf, stamen, tela. voc. von 1429, s. Schmeller 22, 965; dagegen sind zu wefel (mhd. wb. 625b. Schmeller 22, 863), wift (mhd. wb. 3, 612a. Schmeller a. a. o. 865) u. a. keine formen mit ge belegt; doch vgl. geweefsel Schuermans vlaamsch idiot. 154.
2) gewebe in der neuhochdeutschen periode. in bezug auf die form nimmt nur das suffix die aufmerksamkeit in anspruch. wir finden einerseits die apokope, anderseits die bildung nach analogie der collectiva auf ede. vereinzelt wird der stammvocal mit ä geschrieben: gewäb Hulsius (1686), ebenso in Straszburger urkunde von 1646. apokope des suffixes: geweb Henisch 1595. Simpl. 7 neudr.; geweb oder gewebe Duez teutsch-franz.-lat. dict. 198b; geweb, n., tela Gürtler 2, 74b. Aler 935. Bayer 291a. Kehrein volkssprache in Nassau 1, 440; geweb Hans Sachs fabeln u. schwänke 3, 246. 4, 145. Simpl. 127; Abraham a S. Clara (gewöb); Schiller kab. u. liebe (3, 426 gegen gewebe im Fiesko 3, 26); Rückert (im reime auf gekleb). das suffix ede: gewebd, gewebde Duez a. a. o. Kehrein a. a. o.
a) das nomen actionis läszt sich aus neuerer zeit mannigfaltiger belegen, doch wird hierfür nicht der ältere sprachgebrauch zu grunde zu legen sein, vielmehr stehen diese verwendungen unter dem einflusz der neueren nomina actionis mit ge.
α) schon bei Duez a. a. o. ist die function des nomen actionis durchzufühlen, er stellt gegenüber: un tissement ou une tissure ... textura und an zweiter stelle: tuch, leinwand, une toile. noch deutlicher ist Stieler: webung und weberei, textura, dicitur etiam das gewebe, tela. 2451. vgl. Adelung: das gewebe währet den ganzen tag. 2, 652; vgl. DWB gewebe, the act of weaving. Hilpert 1, 463b;

geh' du jetzt hin, geh' an dein kunstgeschäft;
an dein geweb' und deine spindel heim.
Bürger (Ilias 6, 333) 3, 150, vgl. auch
Voss Tibull 147 (2, 1, 65);

fluch, friedlichem werk, dem geweb und gespinnst,
wofern wir sie nur, einst im sklavischen dienst,
zum tode betrübt
die töchter von Argos zu schmücken geübt.
Leuthold ged. (Penthesilea 8) 249.


β) vielleicht gehört hierher auch die präpositionalverbindung mit von: zeug von lockerem, von festem, glattem gewebe. Adelung 2, 652; zwar liesz sich Danischmend ... erbitten, eine manufaktur beizubehalten, welche frau Zeineb mit grosser emsigkeit errichtet hatte, um sich selbst und ihren guten freundinnen ... hemden von feinerem gespinnst und gewebe ... zu verschaffen. Wieland (Danischmend cap. 50) 8, 461;

[Bd. 6, Sp. 5380]


nicht umsonst bereitet durch manche jahre die mutter
viele leinwand der tochter von feinem und starkem gewebe.
Göthe (Hermann u. Dorothea 2) 40, 252;

gewebe, the manner of wearing. Hilpert 1, 463; das gewebe dieses tuches ist ungleich (the wearing ... is uneven). ebenda; ein schleier von reichstem gewebe (of richest texture). ebenda.
b) die sachbedeutung.
α) ein collectivbegriff liegt den verwendungen an und für sich fern; er wird aber vereinzelt von lexikographen mit rücksicht auf die form vorausgesetzt: geweb ... tela, quidquid filis texitur. Henisch 1595; gewebe ... so viel zugleich gewebet wird, a web, what is woven together upon the weavers loom. teutsch-engl. lex. (1716) 770b. auch im satzzusammenhange entwickelt sich gelegentlich collective bedeutung: ... soll hinfüro ein knapp bei allen gattungen leinwats oder gewäbs von der ehle einen heller weniger haben als der meister. taxordnung der leinenweber 1646 (Schmoller 282); ... so blieb es doch nun eine gute zeit bei den bereits gemachten erfindungen in farben, ... sowie bei der alten güte des gewebes. P. v. Stetten 1, 255 (sonst ist dort für den collectivbegriff meist weberwaare gebraucht: war die weberwaare sowohl von leinen als von baumwolle ... ein mächtiger zweig der hiesigen handlung. 209; das gewerbe mit weberwaaren. 207 u. a.);

auf der wies' am erlenbache,
wo sie bei dem morgensang
häuslich ihr gewebe tränkte,
sah es Adelheit, und lenkte
schnell den pfad zu ihr entlang.
Chr. Stolberg (chorgesänge aus Wilhelm Tell) 2, 44.


β) das einzelne erzeugnis aus menschenhand.
1)) gewebe, toile Hulsius (1616) 138a; ähnlich Gürtler 2, 74b. Rädlein 1, 382a. Steinbach 950; geweb, tela, textum, textorium. Aler 935; gewebe, tela ... textum oder toile, heist überhaupt ein ieder auf dem weber oder würckstuhle verfertigter zeug, er bestehe aus seide, wolle oder flächsenem garne. Chomel 4, 1041; gewebe (tissu, web) ist ein flächenförmiges fadengebilde, bei welchem sich zwei fadengruppen (kette und schuss) unter gegenseitiger gesetzmässiger schränkung derart kreuzen, dass die eine fadengruppe (die kette) nur längs durch das ganze gebilde hindurchgeht, während die andere fadengruppe (der schusz) in der querrichtung läuft. Lueger lex. der ges. technik 4, 633; ein gewebe schleiertuch, dreissig ellen oder zwei stück. teutsch-engl. lex. 770b; gewebtuch d. i. stück tuch. Kehrein volkssprache in Nassau 1, 440; gewebe, ... zeuge, stoffe, d. i. jedes gewebte zeug. man unterscheidet a. glatte, schlichtgewebte stoffe; b. geköperte oder croisirte stoffe; c. gemusterte oder faconnierte stoffe. Thiel 4, 291.
2)) disz volcklein (die frauen) wie man weisz, will ungern alt sein, und geht mit ihren jahren um, wie Penelope mit ihrem gewebe; dasz sie nemlich immer wieder welche in zahlen davon abthun. E. Francisci lustige schaubühne 301;

und nun webete sie des tages am groszen gewebe;
aber des nachts, dann trennte sies auf, beim scheine der fackeln.
Voss Odyssee 2, 104 (1781);

trüglich zettelte sie in ihrer kammer ein feines
übergrosses geweb', und sprach zu unsrer versammlung. 2, 94 (1781);

sie spannen daselbst ein doppeltes, aus den dünnesten fäden bestehendes gewebe auf und legen es um den baum. Ovid übers. v. J. S. Safft (1766) 252 (ähnl. Rode [1791] 1, 257); der saum um das werck präsentierte bluhmen im epheu-laub. J. G. Schmidt (1712) 1, 206; den aüssersten rand des gewebes aber umgiebt sie mit friedlichen ölzweigen. Safft 254 (ebenso Rode 1, 257. Heynemann [1797] 1, 202);

es wurden auch goldne
faden durch das gewebe gezogen und alte geschichten
wurden darein gewebt. Ovid übers. v.
Schlüter 6, 67

(jedes gewebe wird ein gemälde alter geschichten. übers. v. Rode 1, 258).
für alle diese stellen hat Voss in seiner übersetzung statt gewebe andere worte gewählt: gespinnst (314, 50. 315, 57); gewirk (315, 65). nur da, wo die engere beziehung auf die spinne hervortritt, führt auch er gewebe ein (s. u.). die älteren übersetzer haben werk, gewirk in solchen stellen (gwirck Wickram [1545]; arbeit, werk J. G. Schmidt).
3)) die tapezereien waren das zärteste geweb auff dem gantzen erdboden. Grimmelshausen Simpl. 7 neudr.; nun kommt mir ein zartes gewebe in die hände, woran zwar nicht so viel maschen sind als stiche an ihrer lieblichen stickerei, doch denken sie sich, es seien lauter freundliche worte, die ich

[Bd. 6, Sp. 5381]


für das allerliebste geschenk erwiedern möchte. Göthe briefe 21, 122;

während die frau, mit der spindel beschäftiget, gerne dem jüngern
auswich, und ihr stühlchen mit grobem geweb' ihm bedeckte.
Voss (idyllen 13) ged. 2, 313;

sie sang mit melodischer stimme,
ämsig ein schönes gewebe mit goldener spule zu wirken. Odyssee 5, 62 (1781);

künstlich gewebe, docte, scite, argute, affabre elaboratum textum. Stieler 2451. andere belege s. unter dem pluralgebrauch: träufelte manche thräne auf das mühsame gewebe herab, das ihre kleinen und sie vor dem nachtfroste decken sollte. Bronner fischergedichte (das erste feuer auf erden) 42;

am tage seiner ankunft, da der könig
vom bad' erquickt und ruhig, sein gewand
aus der gemahlin hand verlangend, stieg,
warf die verderbliche ein faltenreich
und künstlich sich verwirrendes gewebe
ihm auf die schultern, um das edle haupt.
Göthe (Iphigenie 2, 2) 9, 40;

wenn sich aber an einem kleid eine aussätzige stelle zeigt — sei es nun an einem wollenen oder linnenen kleid — oder an einem linnenen oder wollenen gewebe oder gewirke oder an leder ... man zeige es dem priester. 3 Mos. 13, 48 bei Kautzsch (es sei wüllen oder leinen, am werfft oder am eintracht. Luther); ein härenes gewebe, hair lace. Hilpert 1, 463b; im folgenden jahre legte mich ein kleines flusfieber in ein bette, das einen schrägen himmel hatte, durch dessen nicht gar dichtes gewebe ... die weisze wand durchschien. Lichtenberg verm. schriften 2, 148; sie fasste nach einem baumblatt, ihr spitzenärmel streifte sein gesicht, und von der berührung des feinen gewebes röthete sich ihm die wange. G. Freytag verlorene handschr. 3, 5) 7, 108; Karl der grosze bestimmte dasz auf seinen meierhöfen hanfenes gewebe (canava, canavina, canevasium) gehalten werde. Weinhold deutsche frauen2 417; von werg aus flachs und hanf ward ein grobes gespinnst und gewebe gemacht. 2, 240.
4)) die vorzüge des linnen- und wollengewebes. Weinhold 243; seidengewebe 247. vgl. auch: atlasgewebe, florgewebe, sammtgewebe, purpurgewebe, spitzengewebe; doppelgewebe, bildgewebe, buntgewebe, goldgewebe, prachtgewebe (vgl. theil 7, 2046); kunstgewebe (s. theil 5, sp. 2780); schimmergewebe. spinnengewebe vgl. γ).
5)) feste verbindungen mit verbis werden wenig begünstigt, vgl.: ein gewebe anfangen, telam exordiri. Steinbach 950; er verfärtiget ein gewebe, telam texit. ebenda; gewebe entwickeln Göthe 9, 230; anlegen Jean Paul 48, 9; wer ein gewebe angefangen, musz es auch zu ende weben. Wander 1, 1651; ein böses gewebe anzetteln. ebenda u. a.
6)) die immer mannigfaltigere gliederung der einzelnen arten des gewebes (vgl. unter 1)), 3)), 4)), s. o.) entwickelt neuerdings lebhafteren pluralgebrauch. noch Schottel (296) führt gewebe als singularetantum auf, doch schon bei Johann Klaj findet sich der plural:

der fürhang ir der kirch von kunstlichen geweben
mit schönem scharlachrot hat einen krach gegeben. d. leidende Christus 27;

vgl. auch Lohenstein hyacinthia 71 (s. u.), vgl. künstliche geweb bei Aler 935; in diesem gebäude fand zu allen zeiten die 'geschau' der gewebe statt. Th. Herberger Augsburg und seine frühere industrie (1852) s. 54; künstliche gewebe, färbereien und stickereien werden mit auszeichnung genannt. s. 11; auf neue arten von geweben hatte die sächsische regierung i. j. 1771 und 1832 ... eine prämie gesetzt. Peschek gesch. d. industrie ... in der Oberlausitz, neues lausitzisches magazin 29, 13; man versuchte es mit bestem erfolg und der handel mit weiszgarniger, feiner leinwand war im vorigen jahrhundert um Zittau in gröszter blüthe, namentlich mit geweben von Oybin, Jonsdorf. ebenda; die mannigfaltigsten beinkleiderzeuge läszt das Zittauer kaufmannshaus Wäntig gegenwärtig in gröszter menge arbeiten und das kunstreiche Waltersdorf liefert viel gewebe dieser art. s. 21. andere beispiele siehe unter γ) ε) und in c).
γ) gespinnste thierischen ursprungs.
1)) das netz der spinne: die an und für sich schon nahe liegende vorstellung wird in der späteren litteratur immer wieder neu angeregt durch die griechische sage von der Arachne:

aus ihm (dem bauch der spinne) sendet Arachne
faden, und fleissiget noch als spinn' ihr altes gewebe.
Voss Ovid 1, 319 (Arachne);

[Bd. 6, Sp. 5382]


das übrige gehöret zum bauche, woraus sie jedoch ihre fäden ziehet, und als spinne ihr altes gewebe noch fortsetzet. Ovid übers. v. J. S. Safft (1766) 261 (ebenso Schlüter [1786] 6, 142).
a)) gebrauch in der sinnlichen grundbedeutung:

ein alte spinn, die wart ein neczlein weben,
darin sie müecken fahen wolt ...
es kam ein pin, wolt an ir arbeit fliegen,
samlen der suesen pluemen seft,
als die sach das petriegen
der spinnen schalckhaftiges necz ...
scharpf sie die spinnen darümb straft;
die spinn mit laster war pehaft,
sprach zu ir: ...
in mein geweb kan ich mich listig schmüecken,
und so pald fallen in mein necz
die schnacken oder müecken,
on alle müe ich sie verheft.
Hans Sachs (die spin mit der pin) fabeln und schwänke 3, 246;

zaigt regen künftig sein,
wen sich vom gweb die spinnen
verkriechen allenthalb,
im korb pleiben die pinnen,
wen nider fleugt die schwalb. (zeichen des regenwetters) 4, 145;

ferner beschauet die mühsame spinne, deren geweb beinahe ein wunderwerck ist! sehet, ob ihr auch einen einzigen knopff in aller ihrer arbeit finden möget? welcher jäger oder fischer hat sie gelehret, wie sie ihr netz auszspannen, und sich, je nachdem sie sich eines netzes gebrauchet, ihr wildpret zubelaustern, entweder in den hintersten winckel, oder gar in das centrum ihres gewebs setzen solle? Grimmelshausen Simpl. 127 neudr.;

die versteht nur ihr gewebe; jene, nichts als ihr filet:
wer ist klüger? hier die spinne; oder dort Elisabeth.
Göckingk (zur entscheidung) ged. 3, 256;

denn eben diese (die spinnen) beschützen mit ihren geweben die trauben vor den gefrässigen mücken. Jean Paul (grönl. prozesse) 5, 13; da füllte sich der thal-eingang mit einem seltsamen wesen, das eine griechische furienmaske mit vorgewölbten gläsernen augen auf dem gesichte trug, und zwischen dessen gliedern überall spinnen ämsig spannen, um gewebe anzulegen. J. Paul (herbstblumine 3, schönheit des sterbens) 48, 9;

nur kleinheit sollte hier sich ängstlich fühlen,
der neid, der sich zu seiner schande zeigt:
wie keiner spinne schmutziges gewebe
an diesen marmorwänden haften soll.
Göthe (Tasso 2, 3) 9, 157;

den panzer er in die halle hing,
der spinne geweb den helm umfing.
Strachwitz (ein faustschlag) gedichte s. 85;

ich kenne das grosze geheimnisz, und ich will suchen tag für tag, wo nur ein kellerwurm kriecht und eine spinne ihr gewebe anhängt. G. Freytag verlorene handschr. (4, 4) 7, 242; spinnen-gewebe, a cobweb. teutsch-engl. lex. (1716) 770b; alle thränen sind für mich freudenthränen ... und seine spinnengewebe hingen davon voll, wie andere an einem sonnenmorgen voll thau. J. Paul 48, 11; spinngewebe, tela aranea; toile d'araignée, vgl. Singer zeitschr. f. d. wortforschung 3, 328.
b)) bildlicher gebrauch: also fliegen die mucken hauffen-weise in das gewebe der teuflischen spinnerinn. Erasmus Francisci der höllische Proteus (1695) 867; wie man aber der zeiten das böse züchtiget bei uns christen, lasz ich es einem jeden selbst zu erwegen, ob es wahr, dasz zu weilen ein straff seie wie ein spinnen-gewöb, worin die kleinen mucken hangen bleiben, die grösten vögel aber durchfallen. Abraham a S. Clara auff, auff ihr christen 111 neudr.; gleich einer unermüdeten spinne sasz er im mittelpunkt seiner gedanken- und wortgewebe, ewig beschäftigt, den kleinen vorrath von begriffen ... in so klare und dünne fäden auszuspinnen, dasz er alle die unzählbaren leeren zellen seines gehirns über und über damit austapeziren konnte. Wieland (gesch. d. Abderiten 5, 4); wie eine riesenspinne sasz Rom im mittelpunkte der lateinischen welt und überzog sie mit seinem unendlichen gewebe. Heine Norderney.
2)) das gespinnst anderer thiere: setzet ein geschöpf, selbst ein vernünftiges geschöpf, dem das gefühl hauptsinn wäre (im fall dies möglich ist!) wie klein ist seine welt! und da es diese nicht durchs gehör empfindet, so wird es sich wohl vielleicht, wie das insekt ein gewebe, aber nicht durch töne eine sprache bauen. Herder werke 5, 64 (über den ursprung der sprache);

der sorgen-wurm heckt sich ins seiden-wurms geweben,
die unschuld fühlt kein leid in unser schlechten tracht.
Lohenstein hyacinthia 71;

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verbiete du dem seidenwurm zu spinnen,
wenn er sich schon dem tode näher spinnt.
das köstliche gewebe entwickelt er
aus seinem innersten, und läszt nicht ab,
bis er in seinen sarg sich eingeschlossen.
Göthe (Tasso 5, 2) 9, 230;

gewebe ... bau bei den bienen. Thiel 4, 421; gewebe der bienen, the cells of the bees. Hilpert 1, 463b;

ist wachs im honigkuchen,
so ist es dein (der biene) gekleb;
ist honig drin zu suchen,
so ist es dein geweb.
Rückert werke 6, 94;

auch als er über sich in einem loch des baumes ein graues gewebe erblickte, erhob er sich zwar und löste die zellen eines verlassenen wespennestes aus der öffnung, aber er hielt die zellen achtlos in der hand. G. Freytag (geschwister 2) 12, 205; und er schubste das wespennest, das er zum sinnbild der unbeständigkeit gemacht, auf den boden. Dorchen beugte sich nieder, hob das verachtete gewebe auf. (ahnen 5, 2) 12, 207; und zog sie in die gartenecke, um ihr die grösste seltenheit, das verlassene nest eines zaunschlüpfers zu zeigen. die vögel waren längst entflogen, das gewebe hing an halbentlaubten ästen. (verlorene handschr. 2, 1) 6, 231.
δ) übertragung auf ähnliche gebilde der natur.
1))

sie irret fort, so wie der schmale pfad sich windet,
bis sie sich unvermerkt vor einer grotte findet,
die ein geweb' von epheu leicht umkränzt.
Wieland Oberon 8, 69;

wie um ihren stab die rebe
brünstig ihre ranke strickt,
wie der epheu sein gewebe
an der ulme busen drückt.
Bürger (die umarmung) werke 38b;

so nenn' ich meine
geliebte, kleine
einsiedelei,
worin ich lebe,
zur lust versteckt,
die ein gewebe
von ulm und rebe
grün überdeckt. (das dörfchen) 9b;

säuselnd wie das blattgewebe
jenes kranzes dichtbelaubt,
welchen ölbaum, lorber, rebe
schlingen, Hellas, um dein haupt.
A. Grün (Hellas) gedichte 72;

das künstliche gewebe eines blattes, the admirable contexture of a leaf. Hilpert 1, 463b; zwischen den stoppeln hing weisses gespinnst und die thautropfen lagen darauf, bis der wind das gewebe zerriss und aus flur und thal entführte in die blaue ferne. G. Freytag (verlorene handschr. 1, 12) 6, 210;

ein andrer breitet teppich'
milchfarb und rosenrot',
baumwollen das gewebe
der baum die wolle bot.
Grillparzer frühlingskommen;

vgl. auch laubgewebe, pflanzengewebe, rankengewebe.
2)) weniger erfolg hatte Bodmers federgewebe, über das Schönaich (ästhetik in einer nusz 120 neudr.) spottet:

das dritte paar (flügel) deckte
seine beine bis zu den fersen mit federgewebe
lazurblau.er stand, ein Olympier unter den menschen.
Bodmer Noah 373.


3)) wäre die gebirgsart (der Apeninnen) nicht zu steil ... so wäre es eins der schönsten länder in dem herrlichsten klima, etwas höher als das andere land. so aber ist's ein seltsam gewebe von bergrücken gegen einander. Göthe (ital. reise) 27, 177; je weiter einzelne hohe spitzen isolirt aus der kette der alpen hervortreten, desto weitere überblicke werden sie zu gewinnen erlauben. je mehr sie mitten in dem gewebe der gebirge selber liegen, desto tiefere einblicke in ihr wildes getreibe werden sie gestatten. Kohl alpenreisen 3, 362; gewebe ... gefüge der mineralien. Thiel 4, 421;

an den wänden rankt in buntem
formenspiel des grauen tropfsteins
geisterhaftes steingewebe.
Scheffel trompeter v. Säckingen 171.


4)) die entwicklungsfähigkeit dieses metaphorischen gebrauches wird bei der übertragung auf die atmosphäre (luft, duft) noch gefördert durch eine bedeutung des verbums weben, die beim substantiv gewebe litterarisch sonst nicht zur geltung kommt: weben, weberen = sich bewegen, schweben, vgl. DWB geweber. in dieser richtung ist namentlich Herder sehr ergiebig: ein liedchen der wohllust, denkt man, kann doch wohl am ersten ein gesammleter duft, ein schwebendes gewebe, eine blumenlese sein von mancherlei traumzügen: es ists und ists nicht. plastik (werke 8, s. 59); es

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wird himmel! aus waszer und lichtstralen — ein schönes bild, ein feines gewebe! haben nicht lange gnug unsre systematische naturlehrer das blau des himmels wiszenschaftlich aus dem gewebe der luft, durch das lichtstralen fallen, erklärt? (6, s. 52);

sieh hinauf, da blauet sich
hoch der himmel: sichtbarlich
geht er dort aus meeres duft,
spinnet sich zu morgenluft.
zart gewebe! blaues gold! —
gottes stirn, wie hoch und hold,
unabsehlich tief und weit
wölbt sie sich mit herrlichkeit. (die schöpfung, ein morgengesang) 6, 189;

ein leichtes mahl in selbst gepflanzten schatten,
durch deren dünne gewebe die abendsonne scheint
... diesz nenn ich mir ein fest.
Wieland (d. neue Amadis 12, 10);

wie ein gewebe zuckt die luft manchmal,
durchsichtiger und heller aufzuwehen;
dazwischen hört man weiche töne gehen
von sel'gen feen, die im blauen saal
zum sphärenklang,
und fleiszig mit gesang
silberne spindeln hin und wieder drehen.
Mörike (gedichte) ges. schriften 1, 52;

lasz dieser lüfte liebliches geweb'
uns leis umstricken.
Göthe (natürliche tochter 1, 1) 9, 250,

vgl. duftgewebe theil 2, sp. 1505 (aus A. W. Schlegels gedichten); dazu vgl.:

des lenzes duftgewebe
hat jahr für jahr geblüht.
Strachwitz (lebensansicht) ged. 69;

adieu, geniesze der freien luft, denn zu hause hängt immer ein leichtes sorgliches gewebe über den menschen. Göthe brief an Knebel s. 23; das menschengeschlecht zieht wie ein fliegender sommer durch den sonnenschein und das bethauete gewebe hängt sich flatternd an zwei welten an und in der nacht vergehts. J. Paul (Hesperus 3) 7, 259; vor beiden jünglingen senkte sich das gewebe von grauem flor herab, auf welchem die traumgöttin ihre bunten bilder zu zeigen pflegt. G. Freytag (soll u. haben 1) 4, 57, vgl. auch mettengewebe (gewebe von sommerfäden) theil 6, sp. 2148.
ε) einen besonders günstigen boden fand der übertragene gebrauch auf dem anatomischen gebiete. ein älterer gebrauch geht hier von den gebilden aus, die dem bloszen auge des anatomen erkennbar sind; ein jüngerer gebrauch entspringt mikroskopischer beobachtung. der älteste beleg knüpft an die form web an: das web der adern, mesenterium. Vesalius anatomey deutsch von Alb. Torinus (1543). die belege für gewebe folgen viel später.
1)) der terminus der medizinischen fachsprache.
a)) aderngewebe, plexus chorioides. Joh. Jul. Hecker betrachtung des menschl. körpers (1734) 319; ein gleichsam von adern gesticktes netz, welches das adergewebe heisset. 339; die allerdünnesten und feinsten endigungen oder extremitäten derer arterien und venen die sich in die musculos ausbreiten, machen durch ihre häuffige ramificationen oder zweige, wundersame gewebe auf der fleischigten substantz derer bewegenden fibren. Joh. Alex. Mischel institutio anatomica (1744) 1, 208; an einer menschlichen miltz erblicket man nur sehr wenige vasa lymphatica, dahingegen an einer kalbermiltz sehr viele zu finden sind, woran sie ein wunderbares gewebe machen. die nerven sind in grosser anzahl vorhanden, und entspringen sie vom plexu splenico, welcher formiret wird von denen filamentis die um denen vasis plenicis ein gantz unordentliches gewebe machen. 2, 118; auf der äusserlichen fläche der tunicæ nerveæ erblicket man ein wunderwürdiges netz oder gewebe welches gemacht wird von denen nerven, von denen vasis sanguineis und lymphaticis, die in die vesiculam sich vertheilen. 109; das mesenterium ist aus zwo lamellis zusammen gesetzt, zwischen denen ein cellulöses gewebe befindlich, wie auch eine grosse anzahl gevässe, und endlich verschiedene glandulæ conglobatæ anzutreffen sind. 53; inzwischen dasz diese würkung fortdauert, werden die grösseren gefässe von ihrer feuchtigkeit immer mehr und mehr ausgedehnt. die kleinen gefässe aber aus deren gewebe die häute derer grösseren bestehen, werden zusammengedrückt, ausgepreszt, und verlieren ihre feuchtigkeit. Hermann Boerhaavs phisiologie übers. ... von Joh. Peter Eberhard (1754) 752; die andere haut (der drüsen) aber, ist dicker und dichter, sie besteht aus fäserchen die gegen alle seiten zu lauffen, und aus einen in einander geflochtenen gewebe von gefässen. 465; diese (blutadern) machen eben solche krümmungen als die schlagadern, lauffen eben so wie die fort, haben eben ein

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solches gewebe, und befinden sich mit ihnen an einen ort. 392; es zerstreuen sich aber die zweige derer unter der haut befindlichen schlagadern, in ein sehr feines gewebe, und geben ungemein kleine nebengefässe von sich. 705; es geht aber auch eine schlagader zum muskel. diese ist so grosz, zertheilt sich in so viel zweige, und macht ein solches gewebe, dasz man sich leicht könnte verführen lassen zu glauben, sie machte den ganzen körper des muskels aus. 669.
b)) cellulöses gewebe Hecker 335; eine andere art (der fibern) sind die blättchen, wo öfters eine gröszere breite mit einer kleineren länge verbunden wird. das lockere zwischengewebe derselben nennt man das zellgewebe (tela cellulosa, zellstoff). Haller grundrisz der physiologie für vorlesungen (deutsche ausgabe 1788) § 8; dieses zellgewebe besteht aus unzähligen blättchen, zwischen denen in verschiedener richtung, räumchen und kleine hölen übrig bleiben; diese blättchen verbinden alle theile im menschlichen körper gleichsam wie ein breites, festes, aber dabei bewegliches band mit einander. doch ist dies gewebe überaus verschieden, theils in ansehung des verhältnisses der wände zu den räumen, theils der breite und festigkeit der blätter. § 9; noch längere fäden hat dasjenige gewebe, welches die gefäsze, die in die eingeweide, besonders lunge und leber gehen, unter dem namen einer scheide begleitet, und das weit festere gewebe um die gefäsze, welche nach dem kopf und den gliedmaszen laufen. 11; das gewebe dagegen, welches zwischen den muskelfibern liegt, und ihre feinsten elemente von einander scheidet, ist schlaffer und besteht mehr aus blättchen, als aus fasern. ebenda.
c)) gewebe des menschlichen körpers ... die hauptformen von geweben ... epitthelialgewebe ... gewebe der bindesubstanz ... höher entwickelte gewebe, bei welchen sich die zellen in eigentümlicher weise zu fasern oder röhrchen ausbilden, welche sich mit einander verbinden. zu dieser abteilung von geweben sind das muskel- und das nervengewebe zu rechnen. Euler handbuch des ges. turnwesens 1, 398 f.; gewebe in der anatomie und physiologie die zu grösseren massen vereinigten elementaren formenbestandtheile des pflanzlichen und thierischen körpers, die constant in gleichen theilen in derselben weise wiederkehren, complexe von zellen und zellenderivaten. Thiel 4, 421; das zellichte gewebe, cellular tissue. Hilpert 1, 463b, s. DWB zellengewebe; gewebe nennt man den complex von zellen, welcher bei allen höheren gewächsen den pflanzenleib zusammensetzt. Rümpler illustriertes gartenbaulex. 341a, s. bindegewebe, muskelgewebe u. a.
2)) allgemeinerer gebrauch in der litteratur: das gewebe des gehirns wird im nachdenken genöthigt werden, ... harmonisch zu beben. Kant 3, 57; die tiefen empfinder würden uns alle zur herzmuskel, wie die tiefen denker zum hirngewebe machen. Herder (vom erkennen und empfinden 1775) 8, 330; uns ist genug, zu wiszen, dasz das mark der nerven nichts als ein feineres faserngewebe ... ist. 280;

es tobt mein herz, dass das gewebe
der adern schier zerreisst.
Schubart (an gott) 3, 21;

das gewebe der adern, der fibern, the plexus of the veins, fibres. Hilpert 1, 463b;

ich fasz mich schaudernd an.ward ich zum hauch?
nein! unsre sehnen sind ein zäh' geweb'!
es kommt der tag, wo auch der schwächste sich
gerüstet fühlt.
Immermann (die boyaren 5, 6) 15, 263.


ζ) ein ähnliches bild beherrscht auch die übertragung auf einzelne errungenschaften der neueren technik. schienengewebe für schienennetz: den einblick (in den garten) wehrten ungewöhnlich hohe vorsätze von schwarzblauem drahtgewebe. Th. Storm (John Riew) 8, 42.
c) den weitesten spielraum eröffnet jedoch die übertragung auf abstractionen, die in der neueren poetischen sprachevor allem unter dem einflusz Herderseinen ungewöhnlichen reichthum von gebrauchsformen entwickelt. im engsten zusammenhang mit den unter ε) dargelegten verwendungen steht die neigung, an irgend einer erscheinung die innere structur unter dem bilde des gewebes (inneres gewebe) zu erfassen. vielfach wirkt dabei die sondervorstellung des zettels, der kette mit, der bestimmte einzelzüge mehr äuszerlich verflochten werden (grundgewebe). eine andere gruppe wird von der vorstellung des feinen, zarten beherrscht, die an der grundbedeutung von gewebe so vielfach hervortritt: je nachdem nun das kunstvolle oder das vergängliche den ausschlag giebt, stufen sich auch hier die bedeutungen ab.

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am fruchtbarsten aber ist eine andere vorstellung, die das gewebe nahe legt, die anschauung einzelner, oft fremdartiger theile, die in einem gebilde sich vereinigen. auf der einen seite sind es die theile, die die aufmerksamkeit in anspruch nehmen, der widerstreit der elemente. am häufigsten wird dieser widerstreit auf einen dualismus der gegensätze eingeschränkt, und für diesen fall wird das bild von kette und einschlag immer aufs neue aufgefrischt, wie überhaupt sinnkräftige nomina und verba diesen theil der entwicklung reich beleben. wo andererseits das ganze, der zusammenhang, das gefüge die aufmerksamkeit fesselt, gliedern sich die verwendungen wieder unter anderen gesichtspunkten. einerseits sind es ereignisse, handlungen, gedanken, empfindungen, künstlerische ausdrucksmittel, die in einem gebilde sich verweben, andererseits wird solch ein gewebe bald als regelloses spiel der kräfte, bald als planvolle anordnung empfunden. diese letztere vorstellung zweigt als sonderform noch den begriff der intrigue ab. vgl. auch: gespinnst oder gewebe wird nicht blosz in körperlicher, sondern auch in geistiger hinsicht gebraucht. es bilden nämlich auch unsere gedanken eine art von gespinnst oder gewebe, wiefern sie sich, bald mehr bald weniger geordnet, mit einander theils absichtlich, theils unwillkürlich verbinden. Krug philos. lex. 2, 228.
α) anknüpfung an den anatomischen begriff; gewebe, die structur eines organismus, das innere gewebe, das grundgewebe.
1)) unabhängig ... von stolz, von eitelkeit auf meine talente oder gar von eigennutz, welche leidenschaften, wenn sie im gewebe meiner natur wären, ich ja auf andere art befriedigen könnte. Herder (abschiedspredigt von Riga 1769) 31, 122; es wird unläugbar, dasz der schoosjünger Jesu nicht gelegenheiten gnug ergreifen kann, zu zeigen: Johannes der täufer sei nur zeuge von dem licht und nicht licht gewesen. Jesus sei unendlich grösser als Johannes und das selbst nach dem zeugnisse dieses. einmal übers andre läszt er sich Jesum auf dies zeugnisz berufen und machts zum gewebe seines buchs von anfange zu ende. (erläut. z. alt. test.) 7, 407; die allgemeine geschichte, die nur das grosze zeigt und das kleine übergehet, weiset oft mehr pomp, als den wahren zunder der dinge und ihr feineres gewebe. (briefe, das studium der theol. betr. 4) 11, 96; könnte ich nun hier alle enden zusammennehmen, und mit einmal das gewebe sichtbar machen, was menschliche natur heiszt: durchaus ein gewebe zur sprache. (über den ursprung der sprache) 5, 68; wem wirst du es (das moralische gefühl) geben können, dem gott den keim dazu nicht im gewebe, im reiz, im dunkeln harmonischen gefühl gab. (vom erkennen und empfinden 1775) 8, 297; in dem verschiedenen gewebe und bildung der werkzeuge der rede suchet ein berühmter scribent sogar den unterschied der mundarten der italiänischen sprache. Winckelmann (vom ursprung der kunst 1, 3 § 5) 3, 47.
2)) ob es gleich scheint, dasz bei anstrengender arbeit wir die kräfte der sinne und lebensgeister näher ihren pforten und ihrer tafel, dem auge und der stirn; die ewigern kräfte hingegen näher dem mittelpunkt und endlich den hintertheil des haupts als die wand fühlten, die dem ganzen spiel der sinnen und gedanken rückhalt verlieh und mauer schaffte; obgleich zufälle und krankheiten vieles hievon zu bestätigen scheinen, so ist doch offenbar dies innere gewebe von zu verflochtner feiner art, als dasz man mit Huarte ein conclave von cardinalkräften zimmern, oder den innern bau und saft des granatapfels nach seiner äuszern schale entwerfen könnte. Herder plastik (werke 8, s. 42); sie sah den zauberstab, aus dem feinsten urstoffe der schöpfung gebildet, womit du (natur) unser inneres gewebe berührest, und uns die fülle des lebens zu fühlen giebst. Klinger (Sahir 5, 4) 10, 210; du (mutter natur) hast unserm innern gewebe die ahnung deines wesens eingelegt, und wir fühlen, dasz wir ein geliebter theil von dir sind, und uns wieder mit dir vereinigen. 209; der tiefste grund der empfindungen ist allemal individuell; er liegt aber auch so tief, dasz er nicht mitgetheilt werden kann, noch soll. er ist das innigste gewebe meiner einzelnen hülle — wer weisz und solls wiszen, wie sich meine seele in ihm fühle? Herder (übers erkennen und empfinden 1774) 8, 254; der verf. führt uns in ein paradies, wo rosen nicht auf fluren, nicht auf wangen allein blühen, wo in bildung, im innersten gewebe, in den staubfäden (möchte ich sagen) der menschheit, wo im tode und in der verwesung, gottes geist, hofnung, freude, unsterblichkeit, ewiges brudergefühl in liebe und vervollkommnung athmet. (recensionen u. kleine schriften 1776—1778) 9, 445.

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3)) aus gegenwärtigen lächerlichen uberzügen lässet sich leicht urtheilen, aus was vor schönem gewebe das inwendige möge bestanden haben, und ob nicht die meisten eben so ordentlich ausgesehen als wie ein zusammen vermengetes gerichte von kraut und rüben. Simplicissimi albern. briefsteller (1725) 8; jugendeindrücke weben das grundgewebe, in welches spätere schicksale und eine reife vernunft nur den einschlag geben. Herder schriften z. phil. 13, 78.
β) anknüpfung an die eigentliche weberei. einzelne züge beleben die anschaulichkeit und halten das bild fest.
1)) einzelheiten der webertechnik: Phthas und Neitha allerdings! und deuthcher kann im ägyptischen wortverstande nichts sein: sie sind schon gar dem namen nach nur ein name. Phthas war mann und weib, Neitha war weib und mann: und beider name eins und dasselbe, weltordner, weltschöpfer. alle symbole und attribute, die jener als mann hat, hat diese als weib: jener haucht und schafft: diese webt — was? das alte, schöne, so oft miszverstandne bild aller geheimnisse, den grossen schleier der natur! die herrliche lichtgestalt aller wesen! wie da sich gewebe, farben, gestalten gatten! heben! abstechen und halten! Herder (älteste urk. des menschengeschlechts 2, 2) 6, 351; meine facta kann ich nicht auf deine art demonstriren, willt du sie nicht auf meine art erkennen, wie facta erkannt werden müssen, so beneide ich dir dein philosophisches gewebe, das du aus dir selbst willt gesponnen haben, wie viel du mir davon auch schuldig seist, nicht. (briefe, das studium der theologie betr., 3. theil) 10, 290; kein zeitalter spinnt aus sich allein sein gewebe. F. L. Jahn 2, 2, 563; kein unreiner faden läuft durch das reine gewebe seines lebens, und er führte ein sehr thätiges leben. Klinger (betrachtungen 131) 11, 108; wenn ich aber das gewebe der welt unbefangen betrachte, so sehe ich, dass das schicksal seinen weberspul nur so hin und her zu werfen braucht. Wackenroder-Tieck 211; meine ahnungen gründen sich weder auf zufällige zeitumstände, noch auf die gesinnungen, verhältnisse und entwürfe jetzt lebender machthaber. ihre wurzel liegt tiefer, in der natur des menschen selbst, die von ihren fasern so ganz durchwachsen ist, dasz kein gott sie aus ihr herausreiszen könnte, ohne das ganze gewebe zu zerstören. Wieland (gespräche unter 4 augen 11) 32, 250; eine erfahrung lehrt es, die so alt ist als die welt, dasz im gewebe menschlicher dinge oft die gröszten gewichte an den kleinsten und zärtesten fäden hangen. Schiller (schaubühne als moralische anstalt) 3, 517; überall hatte er mit schauder gesehen, dasz jeder stand, vom gröszten bis zum kleinsten, nach einer unbedingten freiheit strebte und nur auf die erste günstige gelegenheit wartete, um das morsche band zwischen sich und dem oberhaupt zu zerreiszen. viele gespräche mit vornehmen und personen des mittelstandes überzeugten ihn, dasz das gewebe, welches jahrhunderte lang gehalten hatte, jetzt bis auf den faden abgenutzt sei. Immermann (d. neue Pygmalion) 8, 30; nur eine schriftstellerin versteht sich auf die entzaserung aller der geheimen fasern und zasern, welche das gewebe solcher nöthe bilden. 1, 59. zu der gegenüberstellung von zettel und einschlag s. unter γ); zu der verbindung ein gewebe anzetteln vgl.δ), 3)).
2)) feines, zartes gewebe.
a)) die vorstellung des künstlichen, kunstvollen: wie fein ist die ehe, die gott zwischen empfinden und denken in unsrer natur gemacht hat! ein feines gewebe, nur durch wortformeln von einander zu trennen. Herder (vom erkennen und empfinden 1778) 8, 233; daher haben auch die Morgenländer von dem, was der theaterdichter die 'führung eines charakters' nennt, wenig begriff und musz ihnen grossen theils, wie ein kinderspiel, ein feines gewebe in der phantasie des dichters scheinen. (lieder der liebe) 8, 542.
b)) die vorstellung der vergänglichkeit: ihr, die ihr unselig die einfalt der natur verliesset, ein mannigfaltigeres glück zu suchen, ihr thoren! die ihr die sitten der lachenden unschuld grobheit, und das wenige bedürfnisz, das die natur aus reichen quellen stillt, verächtliche armut nennet, baut immer gewebe von glück, die jeder wind euch zerreiszt. S. Gessner (Daphnis) schriften 2, 77; 'du muszt sterben' sagte er im enthusiasmus zu ihr; 'es ist gut, dasz dein gewebe so zart ist, damit es das durcheinandergreifen so vieler tatzen entzwei reiszet. was hättest du bis in dein siebzigstes jahr nicht leiden können unter menschen.' J. Paul Titan 4, 23; das alles soll nur soviel andeuten, dasz der dichter, besonders der moderne, der

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lebende, anspruch an die neigung des lesers, des beurtheilers machen und voraussetzen darf, dasz man constructiv mit ihm verfahre und nicht durch eine disjunctive methode ein zartes, vielleicht schwaches gewebe zerreisze oder den etwa schon vorhandenen risz vergröszere. Göthe briefe 17, 197;

mein gedicht,
sie haben dein zartes gewebe zerstört;
da flattern im winde die fäden.
versuchen wir zu reden
mit uns selber, da niemand zu hören begehrt.
K. Immermann Mertin; der Gral (werke 15, s. 113).


3)) einträchtiges, einfaches gewebe: man weisz nicht, durch was für einen uberhand genommenen miszbrauch, die meisten ihr deutsch mit so viel fremden ohne noth eingeflickten worten verstellen, dasz ihre schrifften und reden viel eher einem aus mancherlei lappen zusammen gestückten bettel-mantel als einem einträchtigen gewebe gleichen. Besser schriften 116; dahingegen in unsers verfassers schrifften eine völlige gleichheit, als wie in einem einträchtigen gewebe, durchgehends zu spüren. König vorbericht zu Bessers schriften (1732); der philosoph musz einen faden der empfindung liegen laszen, indem er den andern verfolgt — in der natur aber sind alle die fäden ein gewebe. Herder (über den ursprung der sprache) 5, 62; durch die erzählungen aus seinem manigfaltigen politischen treiben, hebt er meinen geist aus dem einfachen gewebe in das ich mich einspinne, das ob gleich es auch viele fäden hat, mich doch zusehr nach und nach auf einen mittelpunckt bannt. Göthe briefe 4, 215.
γ) die verschiedenartigkeit der in einem gefüge vereinigten elemente als ausgangspunkt der vergleichung. die bevorzugung eines dualismus der gegensätze unter dem bilde von einschlag und kette.
1))

dein feur, religion!
entflamme meinen geist; das herz entflammst du schon.
dich fühl ich ehrfurchtsvoll, gleich stark als meine jugend,
das thörichte geweb aus laster, fehl und tugend.
Lessing (die religion 1) 13, 257;

es ist ein gewebe von undank, ungerechtigkeit und verrätherei. Gotter (die geisterinsel) gedichte 3.
2)) wenn wir den menschen betrachten, so wie er, in unzähligen, ihm selbst grösztenteils unsichtbaren ketten und fäden an Platons groszer spindel der Anangke hangend, von eben so unsichtbaren händen in das unermeszliche und unauflösliche gewebe der natur eingewoben wird. Wieland (Aristipp 3, 3) 24, 21;

wie soll die tochter erst, in dein geschick
verflochten, im gewebe deines lebens,
als heitrer, bunter faden, künftig glänzen.
Göthe (natürliche tochter 1, 6) 9, 272;

das gewebe dieser welt ist aus nothwendigkeit und zufall gebildet; die vernunft stellt sich zwischen beide und weisz sie zu beherrschen. (W. Meisters lehrj. 1, 17) 18, 108. ähnlich Schiller 3, 519, vgl. unten δ);

des menschen schicksal ist, wo wir verwirrung finden,
ein wundersam geweb von folgen und von gründen.
Uz (kunst, fröhlich zu sein 3) 257 Sauer;

wie interessant musz es sein ... das zarte gewebe der entwicklungen seines geistes und herzens ... erzählen zu hören. Wieland (briefe an einen freund über eine anekdote aus J. J. Rousseaus leben) 33, 21; um das ganze herrliche gewebe meiner vernunft und meines herzens zu zerreiszen, erforderte es weiter nichts, als dasz ... Klinger (geschichte Giafars 5, 6) 5, 355; süszer streit der liebe und unschuld, der männlichen entzückung und weiblichen schaamröthe! sanft gewebe, das die hand des zartesten künstlers spann und die hand des menschenfreundes in unsre natur webte. Herder (lieder der liebe 1778) 8, 509; seine sechsundzwanzigjährige regierung von 814—840 war ein einziges gewebe von schwäche und unglück. E. M. Arndt ansichten u. aussichten (1814) 170; wenn gleich späterhin eine art verabredung zwischen den spielenden personen vorangieng, lief dennoch unter dem gewebe von pöbelwitz und possenwerk mancher faden mit durch, der als geburt des augenblicks, einfall aus dem stegreif, durch den gegenwärtigen moment erzeugt, gesponnen ward. Schütze hamburgische theatergesch. 8; Idmon ist ein abgetragenes griechisches gewebe mit moderner sentimentalität aufgemalt. Göthe briefe 20, 214.
3)) die comitia der Deutschen und der stand der priester auf denselben waren das gewebe: der gallische zustand der bischöfe der einschlag: die monarchie maschiene, die sie einschlug und zusammenpreszte. Herder (wie die deutschen bischöfe

[Bd. 6, Sp. 5389]


landstände wurden) 5, 687; indem ich mich zeither mit der lebensgeschichte wenig und viel bedeutender menschen anhaltender beschäftigte, kam ich auf den gedanken: es möchten sich wohl die einen in dem weltgewebe als zettel, die andern als einschlag betrachten lassen: jene gäben eigentlich die breite des gewebes an, diese dessen halt, festigkeit, vielleicht auch mit zuthat irgend eines gebildes. Göthe (sprüche in prosa) 49, 54; indem ich nun daran gehen soll, die fäden, welche das gewebe seiner handlungsweise zusammensetzen halfen, aufzudrehen, fehlen mir fast die worte, um das verhältnisz von kette und einschlag richtig darzustellen. Immermann werke 7, 132; so war jede gewöhnlichste komische situation, ein schwank, eine anekdote, ja mehr noch: ein bloszer plumper scherz, eine zote den bürgerlichen dichtern ein genügender stoff, ihr loses dramatisches gewebe darein einzuschlagen. Prutz vorlesungen z. gesch. d. theaters 20; der freie und unbefangene geist ... erquickt sich an der wundersamen ironie, womit die grosse weberin zeit so häufig die gröbsten fäden menschlichen unverstandes und menschlicher bosheit als einschlag zum ewigen gewebe des gewandes der freiheit zu verwenden weiss. Scherr Blücher 1, 244.
δ) der zusammenhang, die vorstellung eines gefüges tritt bei der vereinigung verschiedener elemente in den vordergrund.
1)) die vereinigung wird als eine zufällige, regellose empfunden.
a)) die verkettung von ereignissen wird meist unter dem gesichtspunkt planvoller ordnung aufgefaszt, fällt jedoch mit manchen belegen auch in diesen zusammenhang: weise und unweise, spinnen und weben wir alle an dem unendlichen gewebe des schicksals. Wieland (antworten .. auf die zweifel .. eines vorgeblichen weltbürgers) 28, 238; mit einem worte: das gewebe der herrschafft in Deutschland war derogestalt verfitzet; dasz es weder der kluge feldherr, noch iemand anders durch ordentliche mittel zu vernichten fähig war. Lohenstein Arminius 1, 1018a;

alle gewebe der tyranneien
haut entzwei und reiszt euch los!
Göthe (d. Epimenides erwachen 2, 7) 13, 307;

im gewebe unsers lebens spielen zufall und plan eine gleich grosse rolle, den letztern lenken wir, dem erstern müssen wir uns blind unterwerfen. Schiller (was wirkt die bühne) 3, 519, dazu vgl. auf sp. 5388 das citat aus Göthe und auf sp. 5387 den beleg aus Wackenroder; der augenblick ist nun gekommen, wo ich dir das dunkle gewebe des unglücks meines lebens enthüllen musz. Klinger (gesch. Raphaels 1, 3) 4, 21.
b)) eine folge von handlungen: du bist tugendhaft gewesen: zeige mir deine tugend auf. sie ist null, sie ist nichts! sie ist ein gewebe von entsagungen, ein facit von zeros. Herder 4, 350; sein ganzes leben war ein gewebe von schönen handlungen, his whole life was a series of noble actions. Hilpert 1, 463b.
c)) eine reihe geistiger bewegungen: unter den mancherlei begriffen aber, die das sehr vermischte gewebe der menschlichen erkenntnisz ausmachen. Kant 2, 118; das gewebe meiner gedanken ist ein stickwerk deiner hand. Herder (briefe, das studium der theologie betr., 3. theil) 10, 328; dasz wir alles alterthum der Aegypter und niedern Asiaten nur durch die brille und das gewebe dieser so genannten asiatischen philosophie sehen, die jeder als ein zauberwort nennet. (erläuterungen z. neuen testament 1775) 7, 347; vergessen sie das schreckliche gewebe eines sinnlosen traumes. Lessing (miss Sara Sampson) 2, 275; wir haben nicht eher eine aufrichtige kenntniss davon, (von Mahomets lehre) erhalten, als durch die werke eines Reland und Sala; ausz welchen man am meisten erkannt hat, dass Mahomet eben kein so unsinniger betrieger, und seine religion eben kein blosses gewebe übel an ein ander hangender ungereimtheiten .. sei. (rettung des Cardanus) 53, 325; sie machen dieses gothische gewebe mit sentenzen der alten erbaulich. Rabener 3, 5; musz ich ... entstricken das gewebe verworrner thorheit? Schlegel Richard II. (4, 1, vgl. dieselbe stelle bei Wieland: musz ich das gewebe meiner thorheiten faden vor faden ausfäseln): erbärmliches gewebe frostigen unsinnes. Spaun d. litt. denkm. 129, 8;

nur zu! und lasz dich ins gewebe
der zweifelei nicht thörig ein.
Göthe (Faust 2, classische Walpurgisnacht) 41, 144;


d)) empfindungen, die sich durchkreuzen: nichts ist betrüglicher als allgemeine gesetze für unsere empfindungen. ihr gewebe ist so fein und verwickelt, dasz es auch der behutsamsten speculation kaum möglich ist, einen einzeln faden rein aufzufassen und durch alle kreuzfäden zu verfolgen.

[Bd. 6, Sp. 5390]


Lessing (Laokoon 1, 4) 9, 29; wenn die natur das gewebe der zärtlichen empfindungen so gewebt hat, dasz einige fäden von liebe und verlangen mit durch das stück laufen, musz denn die ganze webe deswegen zerrissen werden; um sie heraus zu ziehen. Bode Yoricks empfindsame reise 2, 83; nicht unter allen himmelsstrichen ist die menschliche natur, als fühlbar, völlig dieselbe. ein andres gewebe von saiten der empfindung. Herder (krit. wälder) 4, 38; das ganze sympathetische saitengewebe unsrer empfindungen würde in diesen zuruf nachschallen. (üb. d. neuere d. litter.) 1, 476; man sieht eine sehr leidenschaftliche natur, die im beständigen anschauen ihrer selbst, der gleichzeitigen begebenheiten, an denen sie so groszen antheil genommen, und der geschichte, die sie sehr lebhaft übersieht, von den leidenschaften schreibt und das gewebe der menschlichen empfindungen und gesinnungen trefflich übersieht. Göthe briefe 11, 275;

lauter unschuld, eintracht, zärtlichkeit,
kurz der menschen ganze lebenszeit
ein gewebe lieblicher gefühle
welch ein traum!
Wieland (erdenglück) 9, 307;

irdische freude, du eitles gewebe der sinne, zerfliesze! (hymne auf gott 1754);

nur mit wenig worten empfehle ich mich heute ihrem andencken und wünsche dasz die mitfolgenden schneidenden instrumente nichts am gewebe ihrer freundschaft lostrennen mögen. Göthe briefe 20, 169.
e)) verknüpfung künstlerischer ausdrucksmittel: wenn sich der zuschauer bei den Piccolominis aus einem gewissen künstlichen, und hie und da willkürlich scheinenden gewebe nicht gleich herausfinden, mit sich und andern nicht völlig eins werden kann, so gehen diese neuen acte nun schon gleichsam als naturnothwendig vor sich hin. Göthe briefe 14, 34; das elende gewebe der wälschen buffa, das sogar weit, weit unter den deutschen frazen steht, sehe ich gewisser massen als das holzgerippe einer theatralverzierung an. Sonnenfels briefe über die wienerische schaubühne 66 neudr.; die theilnehmung wird durch das gewebe von Agathens entführung getheilt und geschwächt. 219.
2)) die vereinigung wird als planvolle anordnung aufgefaszt.
a)) zudem sinds blos die tempelgesänge, die psalmen, (die oft nicht die besten stücke der orientalischen dichtkunst sind) — sinds blos die lieder, die ein 'singet dem herrn'! widertönen, die diesen parallelismus ursprünglich haben, oder sinds nicht vielmehr alle, auch die vom tempel entferntsten stücke? selbst kurze ausbrüche des affekts mitten in der geschichte? selbst feurige, hingeworfne bilder mitten im erzälen? ja das historische gewebe der geschichte selbst? Herder (archäologie des morgenlandes) 6, 40;

auf! knüpfet an spiesze
das schicksalsgewebe
blutrothen einschlags,
ihr todesschwestern
zu Randvers tod.
sie weben gewebe
von menschendärmen!
menschenhäupter
hängen sie dran! (briefwechsel über Ossian) 5, 180;

es gibt eine vorsehung für jedes einzelwesen, obgleich dessen in das ungeheure weltgewebe verstrickte geschichte den durchgeschlungenen Ariadne-faden schwer aufdeckt. J. Paul (herbstblumine 3, zeitbetrachtungen im wonnemonat Europas) 48, 31; so hoch der himmel über der erde: so hoch, aber auch so verschieden, duldend und allumfassend wird gottes system über jedem menschlichen gewebe bleiben. Herder (älteste urkunde d. menschengeschlechts 1, 1) 6, 208; wem die grosze mutter (natur) keinen plan, keine einheit ihrer gedanken weiset: wer das gewebe dieser Penelope nur von der linken seite ansieht; der schweige, der dichte nicht von ihr. (vom geist der ebräischen poesie, 1. theil) 11, 296; davon bin ich im innersten überzeugt, dasz mein ruhiges vertrauen auf die hand, welche das gewebe unserer schickungen webt, weder mich, noch die meinigen betrügen wird. Wieland auswahl denkwürdiger briefe 1, 167 L. Wieland.
b)) die vernunft äuszert sich unter seiner sinnlichkeit schon so würklich, dasz der allwiszende, der diese seele schuff, in ihrem ersten zustande schon das ganze gewebe von handlungen des lebens sahe, wie etwa der meszkünstler nach gegebner clasze aus einem gliede der progreszion das ganze verhältnisz derselben findet. Herder (über den ursprung der sprache) 5, 32.

[Bd. 6, Sp. 5391]



c))

lasz im gewebe der gesetze, juristen schuldener bestricken.
Brockes Thomsons jahreszeiten 417;

das buch der heiligen natur und des gewissens ward durch den commentar der tradition allmählig aufgeblättert, erläutert, erkläret. mit der zeit wanden sich einzelne wiszenschaften vom groszen knäuel los und die vernunft der menschen spann ihr feineres gewebe. Herder (briefe, das studium der theologie betr., 3. theil) 10, 295; ich gebe ihnen einige wenige proben und merkmale, die sie in entwickelung dieses freien gewebes weiter verfolgen werden. (briefe an Theophron 2) 11, 170; wünschen wir sodann dem Oberrhein glück, dasz er des seltenen vorzugs genieszt, in herrn Hebel einen provinzialdichter zu besitzen, der ... das gewebe seiner talente gleichsam wie ein netz auswirft, um die eigenheiten seiner lands- und zeitgenossen aufzufischen. Göthe (kunstschätze am Rhein. Heidelberg) 43, 430.
d)) die verkettung von empfindungen fällt unter diesem gesichtspunkte natürlich aus, dagegen erfahren die künstlerischen ausdrucksmittel hier mannigfache verwendung.
α)) man sehe das ganze gewebe der strophen und es ist ein frag- und ausrufgewebe. Herder werke 5, 405; verwirrungen statt verwickelungen, schiele charaktere, und eine sprache, die an vielen orten unübersetzlich wird, weil sie voll von wälschen wortspielen ist, das ist ungefähr so immer das gewebe der Goldonischen schauspiele. J. v. Sonnenfels briefe über die wienerische schaubühne 57 neudr. (s. auch oben); je mehr schon die natur, diese beste werkmeisterinn, ihm (d. genie) in die hände gearbeitet: desto bündiger, fester, gleicher wird das gewebe seines plans; desto voller, blühender, lebendiger wird sein werk in der ausführung. J. J. Engel (über Emilia Galotti 4) schriften 1, 180; wie vortrefflich diese von anfang angelegten fäden in einander geschlungen sind, welche köstliche abwechslung der unterhaltung aus diesem gewebe hervorgeht ... mag der verständige leser und wiederleser selbst entdecken. Göthe (anmerkungen zu Rameaus neffe) 36, 200; die in zeitschriften beschriebene zeitgeschichte ist immer nur das schauende vom buchmacherischen gewebe. F. L. Jahn 2, 2 s. 690.
β))

aber der seraph ergriff das seelenvolle gewebe
seiner saiten, und noch in den süssen qualen der freude,
irrt' er mit wankender hand die strahlenden saiten herunter.
Klopstock Messias 12, 636;

durch unmerkliche grade nahm er (d. gesang) immer an stärke zu, bis das liebliche tongewebe zuletzt mein ganzes ohr ausfüllte. Wieland (Agathodämon 6, 5) 32, 376;

und gestern abend
klang's vom Rhein herauf als wie ein
geistergruss des stabstrompeters.
eine fuge hört' ich blasen,
eine fug', ein tongewebe
wie aus Rassmanns besten tagen.
Scheffel trompeter von Säckingen (6. stück);

hierzu gehört vor allen dingen, dasz das zeitmaasz von nicht minderer zartlebigkeit sei als das thematische gewebe, welches durch jenes sich seiner bewegung nach kundgeben soll, selbst es ist. Richard Wagner (über das dirigiren) 82, 291.
γ)) hier ist auch die pluralbildung beliebt: nicht besser ist es mit den geweben gegangen, welche man aus den allerdings herrlichen liedern und mythen der Edda ... heraus- und zusammengesponnen hat. E. M. Arndt schriften f. m. l. D. 4, 301; die älteste, reinste, mit gestalten unvermischte mythologie der Aegypter hatte mitunter gewebe unsrer urkunde gleich: das in Aegypten nur in symbole gehüllet immer noch das hauptsymbol besasz, daraus dort, und wie wir sehen werden, auch hier, alles entstand: die heilige hieroglyphe Hermes! Herder (älteste urkunde des menschengeschlechts) 6, 365.
3)) die sonderentwicklung auf dem gebiete der erdichtung, der intrigue.
a))

ein lügenhaft gewebe knüpft ein fremder
dem fremden, sinnreich und der list gewohnt,
zur falle vor die füsze.
Göthe (Iphig. 3, 1) 9, 49;

jetzt werden sie, was planlos ist geschehn,
weitsehend, planvoll mir zusammenknüpfen,
und was der zorn, und was der frohe muth
mich sprechen liesz im überflusz des herzens,
zu künstlichem gewebe mir vereinen.
Schiller (Wallensteins tod 1, 4) 12, 215;

man ist in **** von allen hiesigen verhältnissen meines herrn unterrichtet, und die verläumdung hat ein abscheuliches gewebe von lügen daraus gesponnen. (geisterseher) 4, 344;

deutlich seh ich nun
die ganze kunst des höfischen gewebes.
Göthe (Tasso 4, 5) 9, 216;

[Bd. 6, Sp. 5392]



nun breitet das gerücht die flügel aus
und nagt mit gift'gem zahn an meiner schönen
und webt ein solch gewebe, dasz ich nicht
die spur der treuen wahrheit finden kann.
K. Immermann Cardenio u. Celinde 1, 1 (werke 16, s. 386);

jetzt lag es kund und aufgethan,
wie Danaer auf treu und glauben halten!
das truggeweb sieht man jetzt schrecklich sich entfalten.
Schiller zerstörung Trojas (1800, anders in 6, 362);

sie muszten erst die wirklichkeit in ein lug- und truggewebe verhüllen, die unschuldigsten dinge zur greulichkeit entstellen, um der jugend und tugend bösen leumund zu machen. F. L. Jahn werke 2, 1, s. 296.
b))

du irrst gewisz!und wie du sonst zur freude
von andern dichtest, leider dichtest du
in diesem fall ein seltenes gewebe,
dich selbst zu kränken.
Göthe (Tasso 4, 2) 9, 204;

ich soll erkennen, dasz mich niemand haszt,
dasz niemand mich verfolgt, dasz alle list
und alles heimliche gewebe sich
allein in meinem kopfe spinnt und webt. (3) 205.


c)) ich dächte doch, das gewebe eines meisters sollte künstlicher sein, als dem flüchtigen anfänger so geradezu in die augen zu springen. Schiller (Fiesko 8) 3, 26; ich gebe mich dir überwunden, schurke! das geweb ist satanisch fein. (kab. u. liebe 3, 1) 426; sie zetteln ihre alten gewebe wieder an, wo sie abgerissen, üben die alten sycophantenkünste, und bald sind sie wieder an alter stelle, von der sie der sturm vertrieben. Görres die heilige allianz 57; ihn schützte nicht das öffentlichste leben vor heimlicher anklage, und seine häuslichste zurückgezogenheit beargwohnte die angeberei als das schau-ende vom geheimen gewebe. F. L. Jahn werke 2, 1, 161; die ganze geschichte ist ein gewebe von lügen und falschheit, the whole story is a series or tissure of lies or forgeries and falsehord. Hilpert 1, 463b; ein durchsichtiges gewebe von intriguen. Auerbach landhaus am Rhein 1, 36; wir haben aber schon früher erzählt, wie hier die energie des prinzen von Preussen dieses bundestägliche gewebe durchrisz, und auf seine weisung Bismarck am 29. juli einen bundesbeschlusz mit der drohung bewaffneter bundesexecution durchsetzte. Sybel begründung d. deutschen reiches 34, 96; es kommt nur darauf an: gibt uns der gegner eine wirklich faszliche, gar keines weiteren eingeständnisses bedürfende rechtliche waffe, mit der wir sein ganzes gewebe zerreiszen, die quellen ihm abschneiden können, mit denen er sein verwerfliches gewerbe der bestechung und corruption betreibt. Bismarck reden 4, 117.
 
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gewebebaum, m. wie andere ähnliche zusammensetzungen von gewebe ist auch dieses substantiv jüngeren ursprungs. bei fast allen diesen compositis gingen bildungen voraus, die entweder an das nomen agentis weber oder an das neutrum weppe anknüpften. das letztere ist hier der fall, vgl. weppeboum, liciatorium, codex Vindob. s. Steinmeyer-Sievers 3, 627, vgl. mhd. wb. 1, 229b; Lexer 3, 766 (eine andere stelle, webpaum als variante zu welpoum s. ebendort 752). jünger ist die bildung weberbaum, vgl. weber- oder garnbaum. Stieler 114 u. a. darnach erst folgt als jüngste form die anlehnung an gewebe: gewebebaum ist ein stücke am weber- oder würck-stuhle, da die werfft aufgebäumet wird, hat auswendig einen dreher, wie ein schleiff-stein, und wird sonst auch der garnbaum genannt. Chomel 4, 1042; gewebebaum ..., bei den webern, derjenige baum, an welchem die werft herunter schleifet, damit sie straff anhalte, und welcher auch der schleifbaum genannt wird. Adelung 2, 652; gewebebaum, weavers beam Hilpert 1, 463a; gewebebaum Beil technol. wb. 242.

 

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