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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
gewartung bis gewässerkarte (Bd. 6, Sp. 5359 bis 5376)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gewartung, f. , älteres nomen actionis zu gewarten. auch hier liegen sowol für exspectare als auch für servire zeugnisse vor.
1) zum funfften soll man inn beschedigungen oder verletzungen war nemen, ob die verdacht person auss neidt, feindtschafft, vorgeender trou oder gewartung einichen nutz zu der gedachtenn missethat ursach nemen möcht. Carolina 25 Kohler-Scheel. ebenso codex Bambergensis art. 32.
2) ich Otte von Hakenberg tun chunt ... dasz ich ... hern Ebrein dem apte und siner samnunge ze Zwetel gegeben mein gt ... umb daʒ guet daʒ si hieten ze Rabensburg und ze Hohenowe und umb alleiʒ ier recht und umbe alle diu gewartunge diu siu auf dem selben gt hieten (1294). stiftungsbuch des klosters Zwetl, s. fontes 2, 3, 293.
 
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gewas, gewass, n., mittelniederd., mitteld. nebenformen zu gewächs, vgl. sp. 4710. 4726.
 
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gewasgewitter, gewaswitter, n., zusammensetzung mit was, wasz, mittelhochd. waʒ, das wehen, der sturm, vgl. mhd. wb. 3, 538a. Lexer 3, 707. diese in Müllenhoff-Scherer's denkm. 22, 391 vorgetragene erklärung verdient den vorzug vor der älteren (vgl. mhd. wb. 3, 610b. Birlinger Augsb. wb. 195a) auffassung, die an das adjectiv wahs, wass, acutus dachte. wetter, gewittere ist ein durchaus neutraler begriff, der eine so deutliche individualisierung, wie sie in den belegen für gewaʒwetter = sturm, windwetter vorliegt, nicht wol aus einem allgemein gehaltenen, mehr verstärkenden beiwort erhalten konnte: dô kam ein grosz gewasz witter von groszen winden. fragm. 297, f. 11b bei Birlinger a. a. o.; do wart ain grôʒ sturmweter ... un ain grôʒeʒ gewaʒgewiter. s. Grieshaber pred. d. 13. jahrh. 1, 64; do kam och ain grôʒ gewaʒgewiter. ebenda; daʒ ist diu sache, die uns der prophête Jonas bewîset, dâ er sprichet 'und ist daʒ diʒ gewâswitter entsprungen ist durch mînen willen, sô werfent mich ûʒ in daʒ mer. predigt aus d. 13. jahrh., s. Germ. 7, 339; doch sô mag eʒ wol zuo verstân sîn, daʒ daʒ êrste gewâswiter entsprang in dem paradîse, und daʒ êrste gewâswiter entsprang under den engeln. ebenda.

[Bd. 6, Sp. 5360]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gewäsch, gewäsche, n.
1) das verbalsubstantiv zu waschen (s. d.) in der grundbedeutung von lavare beansprucht wenig beachtung: er ging hin und gewesche er nam, abiit ergo et lavit (Joh. 9, 7), mitteld. evangel. aus St. Paul bei Schönbach (Wiener sitzungsberichte 137) 111; gewasche, continual wasching Hilpert 1, 463b. andere, litterarische belege lassen sich nur erklären, wenn man den ungleich wichtigeren übertragenen gebrauch (s. unter 2) mit berücksichtigt: der kommt in ein gewäsche. rockenphilosophie 3, 3; schon seit drei tagen regnet es wieder unaufhörlich, und man riet mir ernstlich ab, mich unter solchen umständen in die gebirge zu vertiefen. aber ich dachte, ein ernster menschlicher wille wiege vor gott dem herrn schwerer als das gewäsch von einem paar commèren von wolken. Immermann blick ins Tirol (werke 10, s. 235).
2) um so ausgedehnter und ergiebiger ist dagegen die übertragene verwendung gewäsche = geschwätz, vgl.: gewäsch, vaniloquentia, nugae Gürtler 2, 74b. ähnl. Rädlein 381b. Aler 935a. Kirsch 180a. Steinbach 2, 947. Frisch 2, 279a; gewäsche, n., laverie (meton.) chiacchererie, ciarlerie, ciarle, conta-favole, massime di femine; geplauder, wäscherei, geschwätz etc. Kramer (1700) 2, 1262a; gewäsche ... a slabbering prating, prattling among gossiping women. teutsch-engl. lex. (1716) 770b; gewisch jewäsch = geschwätz. E. L. Fischer plattdeutsche mundart im Samlande 52. nach der allgemeinen erklärung wird diese verwendung von den unter 1) erwähnten verbalsubstantiv abgeleitet und aus übertragung erklärt. allerdings ist auch das verbum verhältnismäszig früh in entsprechender bedeutung belegt: von sinem (des lantgrafen Hermann v. Thüringen) tode ist manchir leie wan unde sage, daʒ iʒ beʒʒir ist geswegin wi her sin ende neme wanne daʒ man da von frevelichiu schrebe unde wusche. leben des heil. Ludwig s. 15 Rückert;

horet zu alle gemeine,
beide grosz und kleine;
ir jungen und ir alde,
horet zu also balde.
und ir alten vlattertaschen,
ir kunnet vil smetzen und waschen,
und wo man icht wil beginnen,
da wolt ir euch auch zudringen. spil v. d. besuchunge des grabes u. v. d. uferstendunge gotes, fundgruben 2, 298;

die alten wiber ich lerne
kebeln, swatzen und waschen. Alsfelder passionsspiel 438, vgl. auch 4531.

auch für Luther liegen noch belege vor: die im thor sitzen, wasschen von mir, und in den zechen singet man von mir. psalm 69, 13 (in der ausgabe des alten testamentes von 1524 und 1525: es redten widder mich, die im thor sassen, ebenso im psalter deutsch von 1525 u. a.). ebenso Sirach 20, 21. doch die zeugnisse für diesen übertragenen gebrauch des verbums sind auf ein bestimmtes sprachgebiet beschränkt, während der des substantivs allgemeiner ist (es fragt sich auch, worauf Frisch seine bemerkung gründet: wegen des lauts, den die plaudernde mit dem maul machen, heist vulg. waschen auch plaudern, schwätzen, garrire, blaterare. 2, 424b). dazu scheint es manchmal fraglich, ob die bedeutungsgemeinschaft zwischen substantiv und verbum nicht erst secundär herbeigeführt ist: narr! macht mir itzo den kopf mit euerm gewäsche nicht warm. Weise kom. opern (der ärndtekranz) 3, 391; nu, nu, gnädiger herr, die weiber waschen, und nicht kluge leute, wie ich. ebenda; 'und ich habe stillgeschwiegen, wenn ihr mit der frau drüben euer gewäsch getrieben habt'. 'unser gewäsch' ... rief die gattin und setzte ihre kaffeetasse klirrend hin ... 'es zeigt wenig gefühl, Hummel, dasz du um eines todten hundes willen deine gattin und deine tochter als waschfrauen behandelst'. G. Freytag (verlorene handschr. (1, 11) 6, 196. andererseits ist auszer dem verbum auch das nomen agentis mit gleicher bedeutung aus demselben sprachkreise belegt, überraschender weise nicht als femininum, sondern im genus des masc.: wescher, schwätzer North. str. 4, 96, vgl. Rückert das leben des heil. Ludwig 111; wenn einer lang geredt, mus er nicht auch hören? mus denn ein wesscher imer recht haben. Luther Hiob 11, 2. Jer. 5, 13. Sirach 21, 37. für einen vergleich, der an die thätigkeit beim waschen anknüpft, scheint auch die stelle zu sprechen:

vil mancher sagt und hât ein mûl,
daʒ halt er niht in twanc ...
sîn herze ist gein der gotheit fûl,
er irret guot gesanc,
sîn zunge glîch eim wescheblûl
sie setzt in ûf ein affenbanc. meisterlieder der Colmarer handschr. nr. 96. Bartsch s. 434.

[Bd. 6, Sp. 5361]


ein bedeutungszusammenhang zwischen der thätigkeit des waschens, des wäschers und dem heutigen gebrauch von gewäsch im sinne von geschwätz ist also gesichert; er fuszt aber nur auf einem engeren sprachgebiet, und es ist nicht gewisz, ob er primärer oder secundärer art ist. nach allen diesen richtungen ist eine andere erklärung günstiger gestellt, die nicht an die function des nomen actionis, sondern an die sachbedeutung, an das collectiv, anknüpft. wir finden: gewäsch, gepflätsch von verschüttetem wasser, gewassch, gepleng van gestoort water. Kramer (Nürnberg 1719) 2, 96c. ähnl. Frisch 2, 279a; gewäsch, verschüttetes wasser, ... lavage. nouveau dict. d. pass. (1772) 2, 279a; das gewäsch (gwasch, gwesch) geschwemme, zu dünn ausgefallenes, z. b. brühe, bier. Schmeller 22, 1039. denn es ist in zahlreichen verwendungen viel weniger das anhaltende sprechen, das den charakterzug bildet, als das inhaltslose, seichte.
zur form musz der bevorzugung der apokopierten form gewäsch gegen gewäsche beachtung geschenkt werden. die kürzere form überwiegt schon bei Luther (sprüche Sal. 27, 6. Jenaer ausgabe 5, 43b. 6, 43b. briefe 3, 83 u. a. gegen Weimarer ausgabe 9, 124. 20, 363) in solchem grade, dasz der bei ihm sonst beobachtete rhythmische wechsel zwischen kürzeren und volleren formen zur erklärung nicht ausreicht, zumal die andern verbalsubstantiva bei ihm (mit ausnahme von geschwätz) die vollere form begünstigen. auf die kürzere form beschränken sich Erasmus Alberus, H. Sachs, die fastnachtspiele, Fischart, Erasmus Francisci, Henisch, Duez. die volle form gewäsche ist auszer den wenigen belegen bei Luther zunächst nur bei Spangenberg und Opitz bezeugt, von da ab gewinnt sie für einige zeit die oberhand, so bei Fleming, Schoch, Kramer, Steinbach, Gellert, Lessing, Nicolai, Kosegarten, Hagedorn, Wieland. einige wenige zeugnisse für die kürzere form sind aus Lessing und Hagedorn anzumerken, bedeutsamer noch sind die schwankungen bei Herder (gewäsch 1, 385. 4, 164. 7, 387; gewäsche 1, 91. 5, 282. 7, 281) und Göthe (gewäsch 16, 24. 33, 117. 53, 193; briefe 2, 82. 103. 11, 149; gewäsche 1, 157. 40, 11. 33, 13). diese schwankungen sind theilweise von litterarischen strömungen beeinfluszt, vgl. DWB gewäsch bei Lenz, Klinger (11, 119 gegen 150), Hölty, Lavater. theilweise beruhen sie aber auch auf rhythmischem gefühl, vgl. Göthe 1, 157. in der neueren litteratur herrscht durchweg die gekürzte form vor, vgl. DWB gewäsch bei Schiller, Tieck, Grillparzer, E. M. Arndt, Hebbel, Moltke.
3) zum gebrauch ist hervorzuheben, dasz das wort auf den singular beschränkt ist. eine vereinzelte ausnahme bildet:

blieb er ein narr vor sich, so möcht es noch geschehen,
was uns nicht blasen macht, das kan ein andrer löschen,
geht hin: ihr werdet ihn in wochen-stuben sehn;
da kützelt er sein ohr mit richtenden gewäschen;
von daraus rennt er flugs die halbe stadt herum,
trägt schwachheits-mängel aus und bringt sie zu papiere.
Günther (d. entlarvte Crispinus) ged. 501.


a) unter den festen verbindungen mit verbis sind einzelne, die den charakter eines nomen actionis stärker ausprägen, während andere mehr der sachbedeutung zuführen.
α) ausprägung eines nomen actionis.
1)) wan ir bethet, solt ir nicht vill gewesche treiben. Luther 9, 124 Weimar;

ir vil der rockenstuben remen,
do rucken ie zwei und zwei zusamen
und spilen ein weil des kleinen genesch
und treiben mangerlei gewesch
mit worten uber ort geschliffen. spil v. d. vasnacht, s. fastnachtspiele 386, 3;

es soll sich auch ein jung gesell selbst wol fürsehen, das er mit denen, so uuzüchtigs gewesche und geberden treiben, nicht viel zu thun habe. Spangenberg ehespiegel (1562) 132a; darnach sollen eltern auch darauff achtung geben, das sie ihre kinder an die ort nicht gehen lassen, da sie wissen, das keine zucht in heusern ist, und da die kinder, aus böser gewonheit, unzüchtig gewesch pflegen zu treibeu. ebenda;

und die auszverschamten frösche
haben hochzeit schon gemacht.
treiben ihr koax-gewäsche
von früh' an bisz in die nacht.
P. Fleming geist. u. weltliche poemata (auf eines seiner besten freunde geburtstag) 419.

zu der beliebten verbindung frösche — gewäsche vgl. 3)) (sp. 5362).
2))

allein das ist die grosse that
des Witzeln, vil gewesch er fürt
mit einem wort den grund nicht rhürt,
man sehe alle sein bücher an.
E. Alberus controfactur, da Jörg Witzel abgemalet ist Aa.

[Bd. 6, Sp. 5362]



3))

ein schiltkrot sah zu wie die frösch
inn eim weirpful han ir gewäsch
und wie sie so ringfärtig waren,
schwummen wohin sie wolten faren.
Fischart ehezuchtbüchlein (1578) D 2b;

diese, wenn sie auf der catheder stehen, oder unter ihren büchern stecken, oder auch ein politisches buch über das andere schreiben, wollen für gewaltige policiiweisen angesehen sein, werden auch offt, von vielen, dafür gehalten; wie der frosch, da er ein grosses gewäsch hören liesz, von den leuen in consideration gezogen, nachmals aber, da dieser ihn sahe, verachtet und mit füssen getreten ward. Erasmus Francisci lustige schaubühne 2, 559. zu dieser übertragung auf die thierwelt, die beim frosch noch durch den reim frösche, gewäsche unterstützt wird (vgl. auch sp. 5361. 5364), ist auch das folgende sprichwort in betracht zu ziehen: am gewäsch den gimpel, den segler am wimpel. Wander 1, 1650.
β) annäherung an sachbedeutung.
1)) weisz auch fast wohl, daz sich viel ärgern, und grosz gewäsch draus machen, dasz ir euer schwester tochter zu der ehe genomen habet. Luther briefe 3, 83 de Wette; und ist gewisz dasz unter 1000 gelehrten kaum 20 rechtschaffene leute gefunden werden, die von der antiquität und studiis politioribus, als von welchen doch herr Antonius und Leonhard am meisten handeln, und ein sehr grosses gewäsch machen, gar wenig oder wohl gar nichts verstehen. Heckel (Jenaer dissertation 1693); aber es (was uns begegnet ist) ist drumb nicht eben ein werk, davon viel plauderns und gewäsches zu machen sei. juncker Harnisch aus Fleckenland 304; ein gewäsch aus etwas machen, far canzone di qualche cose. Kramer (1700) 2, 1262a; der sophist Radowitz hat heute wieder sein trügerisches gewäsch gemacht, aus dem sich gar nichts ergiebt. nach und nach merken es doch die leute, was das für ein jämmerlicher bursch ist. Varnhagen tagebücher 6, 418.
2)) damit sie aber sich an mir rächen möchte, weil ich ihr wegen begangenen leichtfertigen stückgens die köstlichsten worte nicht sagen lassen, richtet sie ein abenteuerliches gewäsche unter den leuten ... an. der grosze klunkermütz (1671) 129.
b) für den gebrauch namentlich der neueren sprache bleiben die verbindungen mit verbis jedoch ohne wesentliche bedeutung; viel wichtiger ist für die gliederung hier die frage, ob das substantiv mit oder ohne attribut, resp. eine entsprechende bestimmung, in den satz einbezogen wird.
α) absoluter und relativer gebrauch.
1)) beim relativen gebrauch ist es die verbindung mit einem subjectiven genetiv, die dem substantiv den charakter eines nomen actionis aufprägt.
a))

sie (die frau) sagt mir offt die warheit fein
und list mir den kalender her.
folgt ich ihr, mir oft nützer wer,
ir und auch meinen kleinen kinden.
doch lasz ich mich ir gwäsch nit binden,
ich geh imer mein alte weisz.
H. Sachs (d. losz man mit d. mumleten weib) 17, 148 Keller-Götze;

ich habe zuweilen mit grosser verwunderung mit angehöret, wie offters ihrer zween oder mehr, nur umb ein eintzig wort sich wohl 3. oder 4. stunden, nicht ohne sonder gelächter oder verdrusz der anwesenden andern, dermassen herumb gekampelt, als wenn alle leibes macht daran gelegen were, ... und wenn sie ihr geschrei und gewäsche endlich mit mühe und arbeit zu ende bracht, hat unter ihnen keiner gewust, warumb er gestritten. Schoch comödie vom studentenleben 1, 1 Fabricius; ich hoffe also, man nimmt mit diesem wenigen vorlieb, oder, vielmehr, verzeiht's mir, um der freude willen, mein gewäsch nicht länger anzuhören. Bräker der arme mann im Tockenburg s. 136 Bülow;

ich kam wol, wie es scheint, zum unglück auf die welt,
weil mir der thoren maul so unerträglich fällt,
dasz ich offt zweiffeln musz, wann ihr gewäsch mich kräncket,
ob zeit und stunden dann so flüchtig, als man dencket.
Hagedorn versuch einiger gedichte: der schwätzer (neudruck s. 45);

'von allem seinem gewäsche verstehe ich blos, dasz er mich gern von hier fort haben will, von welchem verlangen ich nun aber wieder den grund nicht einsehe' sagte der baron. Immermann 2, 51.
b)) sagen sie mir aufrichtig, mein herr, klingt dieses nicht vollkommen, wie das gewäsche eines mannes, der sich gedrungen entschuldigt, und eigentlicb nicht weis, was er sagen soll. Lessing (5. brief an herrn P.) 53, 52; don Sylvio, dem

[Bd. 6, Sp. 5363]


das gewäsche des Pedrillo beschwerlich war, bediente sich des vorwandes, dasz er während der nachmittagshitze ein paar stunden ruhen möchte, um ihn zum schweigen zu bringen. Wieland (Sylvio v. Rosalva 5, 3) 12, 25; man nennt die verse seichter dichter, welche reimen, gereimte prose, wie aber soll man das gewäsche gleich seichter dichter nennen, welche nicht reimen. Lessing (d. neueste aus d. reich d. witzes, april 1751) 43, 399; bei gott! das war nicht das gewäsch eines narren — ich hab einen eid gethan, und werde mich meines kindes nicht erbarmen, bis ein Doria am boden zuckt. Schiller (Fiesko 1, 12) 3, 39. die weiterentwicklung dieser verbindungen vgl. unter c).
2)) der absolute gebrauch andererseits führt das substantiv in die reihe der abstracta über.
a)) etliche leute meineten, er ... vermocht auff wenigst, ein halb latinisch schrifftlin zu machen ... aber nu sehen feind und freund, das sein ding gewesch ist. E. Alberus wider Jörg Witzeln G 8b; seine philosophie ist oft gewäsch, und falsches gewäsch. Biester an Bürger 17. 9. 1777; überall wird die poesie nachahmerin, und die theorie derselben schülerin der schönen künste, oder sie ist gewäsch, wie fast alle, die wir haben. Herder 4, 164; und nicht immer in einer form gelernt, die zum vorbilde der denkart des jünglings, zu seiner anwendung, weisheit und glückseligkeit diente: oft mit gezänk und gewäsch, verbrämt mit zoten und poszen, die für einen weisen, geschweige einen lehrer der jugend, nicht gehören. werke 11, s. 161 (briefe an Theophron 1);

was durch ein testament dir etwan wird bescheiden,
das mehre selber auch, gewäsche zu vermeiden.
Opitz (Cato) 1, 311.


b)) wenn wir gleich teglich schreien mit dem munde ich gleube, gleube, so ist es doch nur ein gewesche. Luther 20, 363 Weimar; die schlege des liebhabers meinens recht gut, aber das küssen des hassers ist ein gewessch. spr. Sal. 27, 6; das ist ein wind und gewäsch dass eine schand ist. Göthe briefe 2, s. 105; indessen ist diese schrift kein gewäsche, wie man sie unter diesem titel dem publico hat aus den händen raisonniren wollen. unter der nachlässigen weitschweifigkeit dieser briefe verkennt man die denkenden köpfe. (recension: über den wert einiger deutscher dichter) 33, 13; genug, auszerordentlich viel anerkennung und so, dasz ein vernünftiger mensch sich darüber freuen kann, kein gewäsch. Hebbel briefe 1, 195; was wird das für ein gewäsche werden? Lessing (der junge gelehrte 3, 15) 13, 361, ebenso 348; was für ein gewäsch, dass der könig Christian die beamten nicht ihres eides entbinden will. Moltke ges. schriften 6, 421; soll ich alles für aberwitz halten, was ich teutsch gedacht, soll ich alles für gewäsch halten, was ich teutsch geredet habe? E. M. Arndt geist der zeit 2, 435.
c)) noch lange zeit nicht aber so kocht mir das blut in allen adern, wenn man hier und dar diesz und jenes, hinten und forn, unten und oben, ein langes, und ein breites von euch redet. ich bin biszweilen so gifftig, wenn ich das gewäsche von euch höre, dasz ich das wasser kaum halten kann. Stranitzky ollapatrida des durchgetriebenen Fuchsmundi (Wiener neudrucke 10) 328; mich verdriesst, dass ich nicht streiten mag mit dem gewäsch und geträtsch. Göthe briefe 2, 82;

einer wollte mich erneuen,
macht es schlecht: verzeih' mir gott ...
ich verfluchte das gewäsche,
rannte meinen alten lauf. (rechenschaft) 1, 157;

sonderlich aber blewen sich etlich des adels mit solchem gewessch. Luther 12, 241 Weimar; miszbrauche meine geduld nicht länger, sagte don Sylvio, der von allem diesem gewäsche nichts begriff; erzähle mir ordentlich und von anfang an, was dir begegnet ist. Wieland (Sylvio v. Rosalva 4, 2) 1, 191; nimm dies gedicht zur hand! dies gedicht? dies gewäsch! das hätte doch eher noch einen sinn, wie wir des weitern sogleich darthun werden. nach einem kurzen gespräch ... treten plappernde bürger auf. blätter für litterarische unterhaltung (1840), nr. 208.
β) den breitesten raum nehmen die charakterisierenden attribute ein.
1)) sonderlich wenn meister klügel drüber kompt, der die heilige schrifft gar auswendig und auff dem negelin kan, der sihet es, aus grossem reichthum seines geists, fur eitel, faul, tod gewesche an. Luther vorrede auf die propheten, s. Bindseil 7, 335;

[Bd. 6, Sp. 5364]


nun kommt das mährchen vom hasen! (dessen anklage gegen Reineke)
eitel leeres gewäsche.
Göthe (Reineke fuchs 1) 40, 11;

den steifen ernst, das wortgepränge
verweist die Alster auf das land.
du leeres gewäsche
dem menschenwitz fehlt!
o fahr in die frösche,
nur uns nicht gequält.
Hagedorn (die Alster) poet. werke 3, 125;

verläumdet nicht, und spielt nicht die kokette,
wird durch kein leer gewäsch entzückt.
Hölty (an einen freund) 72;

es ist nur ein gewäsche, ein blosses, eitles, purlauteres gewäsche, non sono che chiacchere, che ciancie. Kramer (1700) 2, 1262a; verlogen gewäsche, mendaciloquium. Kirsch corn. 2, 151a; dazu kam ein hofmeister, der in die familienverhältnisse genug eingeweiht war, um in das leerste gewäsch ein wort mit hineinwerfen zu können. Grillparzer (selbstbiographie) 19, 113; Bileam sei selbst die eselin gewesen, mit der er den dialog gehalten: 'wie kommts, dasz meine alte eselin plötzlich so scheu wird? mag sie sich nicht etwa gar einbilden, einen engel gottes zu sehen?' u. dgl. unstatthaftes kindisches gewäsch mehr. Herder werke 11, s. 169 (briefe an Theophron 2).
2)) sich zum volke herablassen, hat man geglaubt, heisse: gewisse wahrheiten (und meistens wahrheiten der religion) so leicht und faszlich vortragen, dasz sie der blödsinnigste aus dem volke verstehe. diese herablassung also hat man lediglich auf den verstand gezogen; und darüber an keine weitere herablassung zu dem stande gedacht, welche in einer täuschenden versetzung in die mancherlei umstände des volkes besteht. gleichwohl ist diese letztere herablassung von der beschaffenheit, dasz jene erstere von selbst daraus folgt; da hingegen jene erstere ohne diese letztere nichts als ein schales gewäsch ist, dem alle individuelle application fehlt. Lessing (brief an Gleim 22. 3. 72) 12, 352; alles übrige (in der schrift) ist flaches gewäsch, ohne einen einigen allgemeinen blick, ohne verstand, ohne kenntnisz, ohne laune. Göthe (die erleucht. zeiten) 33, 117; ein paar schriften, die guten, wirst du wohl gelesen haben, und das übrige ist langweiliges wiedergekautes gewäsch ex efficio. K. Lessing (an seinen bruder) bei G. E. Lessing 13, 620; der Deutsche, der wahre, anschauliche begriffe von den sch. k. zu fassen, theils nicht immer gelegenheit, theils auch immer einen härteren kopf hat, als Italiener und Grieche — für den ist nun Batteux ein mann! sein seichtes gewäsche, ohne beispiele, proben und anschauen, ist ihm statt anschauen, proben und beispiele. Herder werke 5, 282 (recensionen); das gespräch zwischen schüler und Mephistopheles ist eine von der haupthandlung ganz isolirte episode, in der einige wahre und isolirte bemerkungen in einem meere platten gewäsches ersäuft werden. Spaun (protestation gegen die Staelsche apotheose des göth. Faustus) litteraturdenkmäler 129, 18.
3)) da er in der vorrede seines unnützen gewesschs, welchs er ein schutzrede nennet, meine dreizehende proposition streiffet. Luther (wider Jacob Hostraten) 1, 61a Jena; obs wol ein gros, vielleicht auch ein unnütz gewessch bei etlichen angesehen wird. 5, 43b; wie sie jtzt alle bücher voll schmieren, und alle kirchen vol speien, mit solchem unnützen gewessche, das sie selbs nicht verstehen. 6, 43b; das heist Christus battologiam ein gewesch, unnutz geschwetz. 28, 78, 2 Weimar; unnütz gewesch, battologia, multiloquium. Henisch 1598; gewäsch, unntz gewäsch, n., un vain caquet, vain discours, babil, causerie. vani-loquentia, nugae, garullitas. Duez teutsch-lat.-franz. dict. (1664) 198a; ein unnützes gewäsche, nugae inanes. Steinbach 2, 947; ich lasse das unnütze und gernwitzige gewäsch weg, was nichts zur sache beiträgt. J. v. Sonnenfels briefe über die wienerische schaubühne (Wiener neudrucke 7, s. 252); was gut (an dem buche) ist, verliert sich unter einem unnöthigen gewäsche. Winckelmann (versuch einer allegorie 1) 2, 477; er hüte sich, dem leser durch unnöthige weitläufigkeit und unzeitiges gewäsche langweile zu machen. Wieland Lucian 4, 134.
4)) Semmelziege. alle nationen haben dergleichen (menschenfleisch zu essen) immer verabscheut, denn es ist zu unnatürlich. Leidgast. unnatürlich? dummes gewäsch! L. Tieck (leben u. thaten d. kleinen Thomas 2, 3) 5, 551; sei meinetwegen ganz ruhig, und glaube mir auf mein wort, es steht mit dem Merkur bei weitem nicht so übel als du dirs nach dem einfältigen gewäsche der H. vorstellen musztest. Wieland an Merck 127; dieses nonsensicalische gewäsche hat man beinahe so verworren,

[Bd. 6, Sp. 5365]


als es im original ist, zu einer probe stehen lassen wollen, von einer dem Shakespear sehr gewöhnlichen untugend, seine gedanken nur halb auszudruken. Wieland Shakespeare (Lear 5, 7) 1, 320 anm.; er mahlet einen rabulisten ab, dessen nichts bedeutendes gewäsche er verlacht. Lessing (3. brief an herrn P.) 53, 48.
5)) o pfui, das ist gewäsche, nichtssagendes gewäsche! Immermann (epigonen) 7, s. 241; siehst du nichts davon in diesen linien? siehst du nichts davon im urbilde — o freund, so ist jedes wort dieser schrift dir unerträgliches, unverstehbares gewäsch in einer fremden sprache. Lavater physiognom. fragmente 1, 209; ich solle ... mein leben selbst beschreiben; damit nicht ... irgend ein ... skribler aus windigen, und übel zusammen reimenden gerüchten, ein gallsüchtiges, kümmerlich zusammengestoppeltes gewäsche über mich zu markte brächte. Kosegarten rhapsodien 3, 144; du bist mir unausstehlich mit deinem schwimmenden, unzusammenhängenden gewäsche. Klinger theater 3, 283; Werther stiesz, für einen so hartverwundeten beinahe mit zu heftiger stimme, viel unzusammenhängendes garstiges gewäsche aus. Chr. Fr. Nicolai freuden des jungen Werthers (Kürschner bd. 72, s. 375); ja ich habe ihr vorgestammelt, was zu sagen ich ewigkeiten gebraucht haben würde und sie hat mein unzusammenhängendes gewäsch verstanden. R. Lenz der waldbruder 2, 1 (ebenda bd. 80, s. 189).
6)) das erbärmlichste gewäsch habe ich auf den kanzeln gehört. K. Ph. Moritz reisen eines Deutschen in England (d. litter. denkm. 126) s. 147; der verfasser hat einen niedrigen geist, da er uns hier ein pöbelhaftes gewäsche über die guten und bösen recensionen von seiner eignen entbehrlichen recension vorlegt. Herder (recension in der Königsberger zeitung) 1, 91; dieser untröstbare gatte setzt sich unter die leichen hin und stellt eine gemeinplatz-betrachtung über den tod an; das schändlichste gewäsche, das jemals ein jesuitenschüler in der rhetorischen classe als ein schulexercitium zu markte gebracht hat. Wieland (die bunkliade) suppl. 5, 121; ich war still und merkte nicht auf das, was er sagte, ja ich hatte ihm den rücken zugewendet. sobald als die bestie ihr ungefälliges gewäsch geendigt hatte, sagte der herzog zu mir. Göthe (Benvenuto Cellini cap. 5) 35, 193; ich speise bei dem grafen ... da tritt herein die übergnädige dame von S. ... mit ihrem herrn gemahl und wohlausgebrüteten gänslein tochter ... und wie mir die nation von herzen zuwider ist, wollte ich mich eben empfehlen, und wartete nur, bis der graf vom garstigen gewäsche frei wäre. (leiden des jungen Werthers) 16, 104; das ist alles garstiges gewäsch, was ich da von ihr sage, leidige abstraction, die nicht einen zug ihres selbst ausdrücken. 24.
7)) indessen war dieses schülerhafte rhetorische gewäsche ... die allgemeine mode in unsers autors zeit. Wieland Shakespeare (Richard II.) 5, 43 anm.; ich bin etliche jahre auf universitäten gewesen und habe das gelehrte gewäsche mit angehört. Gellert 2, 223; wer kritik gekostet hat, den ekelt das dogmatische gewäsche ... an. Kant 3, 295; das politische gewäsch ... über seine (des monarchen) regierung. Klinger 11, 119, 150; eine übersetzung des n. t. im sinn ihres geistes und in der fülle unsrer sprache! — aber freilich schön klaszisches gewäsch könnte sie nicht sein, denn auch die urschrift derselben ist nicht schön klaszisch. Herder (erläuterungen zum neuen testament 1775) 7, 387; das deutsche, schwerfällige, systematische, mit terminologie beladne, auf stelzen gehende, philosophisch-ästhetische gewäsche, — der auf dunstender kohlengluth aufgewärmte enthusiasmus, womit sie es nicht vergulden, sondern verkupfern — ist von allem deutschen gewäsche das unerträglichste für einen mann, der an klarheit gewöhnt ist. Klinger betrachtungen 1, 94; wider frau Schnips hat mir ein geistlicher ... ein langes, frommes passendes gewäsch zugeschickt. Boie an Bürger (1. 12. 1781); wogegen des albernen, oberwähnten präbendarii Sterne, mit so vielem prahlerischen wörterkram versprochene theorie von den knopflöchern, wahres kehricht und sentinisches gewäsch sein müszte. Lichtenberg vermischte schriften 3, 118; ein so altes, herrliches stück (Hamlet) mit aller seiner charakteristischen, rohen stärke aufgeführt, hätte doch, in dieser süszen zeit, wo auch hier die sprache der natur conventionell schönem gewäsch zu weichen anfängt, den fall zuweilen wieder einmal gebrochen. 228; der kunstrichter hält dies fast für nothwendig, und nennt es, ästhetisch gewäsch, wo immer gedanke vom

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ausdruck abgesondert, behandelt wird. Herder 1, 385; das Pariser gesellschaftliche gewäsch, die falschen, lügenhaften wendungen verführen ihn oft, wider besser wissen und gewissen, und auf einmal dringt seine bessere natur, sein groszer geist wieder durch. Göthe briefe 11, s. 149; um so lieber habe ich ihre erinnerungen, wegen des theoretisch-praktischen gewäsches genutzt und bei einigen stellen die schere wirken lassen. 10, s. 268; die einzige streitlose auskunft ist, zur quelle zu kehren, aus der jeder bach und jedes krüglein, vom bache geschöpft, ist: das ist, streitet nicht symbolisches und antisymbolisches gewäsche, wo norm und norm, und bürgerliche rechte und freiheit zu denken, in ewigen verwirrungen der gesichtspunkte bodenlos hadern werden, sondern erkläret, erhellet, erläutert die bibel. Herder (an prediger, fünfzehn provinzialblätter 1774) 7, 281.
8)) auch rühmende epitheta werden, ironisch gemeint, angefügt:

so toll erhaben gewäsch in reimlos ametrischen zeilen,
seh ich für verse nicht an, mir ist es rasende prosa.
A. G. Kästner sinngedichte (Kürschner bd. 73, 114);

Melboe, als der wolf gestern dein lamm stahl, ... in Abels heerde ging ich nun, dir ein anderes zu wählen. da hättest du nur hören sollen, was für kluges gewäsche mir der junge vormachte, von arbeit und mühe, warten und pflegen bei tag und nacht. Fr. Müller (Adams erstes erwachen) 1, 72.
c) im dienste der charakterisierung steht auch die composition, zu der sich die unter b, α, 1)), b)) angeführten verbindungen weiter entwickeln.
α) weibergewäsche Kramer (1700) 2, 1262a. ähnl. Ludwig 770b. Bayer 290b. Aler 935b; 'weibergewäsch!' murmelte er. 'siebzehn jahre fort; der kommt nicht wieder.' Th. Storm (Hans und Heinz Kirch) werke 6, 35; sollten manche berühmte magistri nostri zu unserer zeit ihre vorlesungen herausgeben oder sie ihnen entwandt werden, welch dürftiges knabengewäsch bekämen wir oft zu lesen! Herder (recensionen und kleine schriften) 9, s. 427; wo kann ich auch nur die erste ode mit dem kindergewäsche durchkommen? werke 5, 305 (recensionen);

wer in gedichten den krieg mir erklärt, dem soll es verziehn sein;
doch blos ekel erregt kritisches ammengewäsch.
Platen (verächtliche ohnmacht) 2, 293.


β)

dann aber weiszt du nicht,
was als erfindung rühmen uns romantiker:
histörchen, abentheuer, plattes volksgewäsch,
statt folgerechten gegenstands entwickelung.
Platen (d. romant. Oedipus 5) 4, 185;

(ein stadt-gewäsche), weibergewäsche, comtefavole del popolo ò novelle de vicchie. M. Kramer (1700) 2, 1262a; ein niederträchtiger, neidischer mensch hat hier, bei gelegenheit einer vorlesung, wirklich gebrauch davon gemacht (hat verse vorgetragen, die gestrichen waren) und mich in ein abscheuliches stadtgewäsch verwickelt. Platen (an G. Schwab 1. 4. 1826) 6, 272; unsre recensenten fahren hoch daher, wenn sie nicht brückengewäsch, und statt bücher, bogen lesen sollen; ich schreibe aber für keine recensenten. Herder (erläuterungen zum neuen testament) 7, 351; wie will er lieber hungern, ja verhungern und umkommen, ehe er ihren löblichen weg einschlage und sich durch ein unsinniges kathedergewäsch sein brot erstehle! (denkmahl Johann Winkelmanns 1777) 8, s. 443.
γ) oder wird sie (die nachwelt) glauben, dasz die deutsche sprache ein so niedriges, haberechtiges, lästerndes zänkergewäsch gewesen — als in den gelehrten anzeigeblättern erscheint. Jahn deutsches volkstum (8, 1) 376; liesz (sic!) Johannes im verfolg und suche die sprache in den quellen, die so reichlich fliessen: verachten wirst du die marktbude von elendem naturalismus und proselytengewäsch, in die man die worte Jesus und der apostel, als der hirn- und herzlosesten jesuiten und miszionäre auflöset. Herder (erläuterungen zum neuen testament 1775) 7, 411; seine kenntnisz der geschichte ist wickelwackel und seine kritik kikelkakel, coteriengewäsch der salons nach ausgestandener oper oder nach einem concert, wie wir es täglich vernehmen. Zelter an Göthe, briefw. 6, 174.
δ) er (E. Schlegels erster theatral. versuch) enthält das kalteste, langweiligste alltagsgewäsche, das nur immer in dem hause eines Meisznischen pelzhändlers vorfallen kann. Lessing (Hamb. dramaturgie, stück 52) 93, 403; wir wollen den innern frieden der höher ist als alles kriegs und friedens gewäsche zu erhalten suchen. Göthe briefe 10, s. 249; dies ist auch die geschichte der kunst bei allen völkern. vom himmel entsprang sie: ehrfurcht, liebe, ein funke der götter brachte sie hinunter, schuf

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ihr irrdische form an, und erhielt sie einige, wiewohl kurze zeit lebend. nun ward sie abgötterei, sodann kunst, sodann handwerk, und endlich, die grundsuppe von allem, kennerei, trödelkram und kunstgewäsche. Herder (plastik) 8, s. 79; nicht bald hat mich eine arbeit so angeekelt, ja ich treffe gar den rechten ton nicht. halb ohnmächtig, halb demütig, halb stilisiert, halb aktengewäsch. Grillparzer tagebücher 122.
 
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gewaschen, verb., verstärktes waschen (s. d.), nur vereinzelt und in der älteren sprache belegt, s. Lexer nachtr. 208:

vor Ludewîges seldenlêrte man si daʒ,
daʒ si dô diente heldendaʒ nieman konde baʒ
gewaschen in diu kleiderin Ormanîelande. Gudrun 1058, 3;

daʒ du mir an den fuʒen iht geweschen sollest umb ein har, non lavabis mihi pedes. (Joh. 13, 8), mitteld. evangelienwerk aus St. Paul bei Schönbach 130a, ebenso 130b (Joh. 13, 10. 13, 12); komt aber es von dem bsen magen was man es denn gewscht, so stinckt im doch der atem. Ortolf v. Baierland arzneibuch (s. l. s. a.) 27a.
 
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gewaschen , participiales adjectiv zu waschen.
1) die attributiven verbindungen geben der bedeutungsentwicklung im allgemeinen wenig anregung.
a) busenlöffel, bubenlöffel, stubenlöffel, die thut uns auch herbringen, und gewaschene löffel, eng jungfraulöffel. Fischart Garg. 131 neudr.
b) gewaschen eisen, s. eisen sorten. Chomel (1751) 4, 1040; gewaschen eisen, gehet von denen hohen öfen oder blaufeuern ab, wenn der sinder, nemlich die schlacken, gepocht, im poch-werck gestamffet, das ist, geseigert wird, da denn das leichte im wasser mit weg gehet, das gute aber bleibt, und solches heist wasch-eisen. Zedler univ.-lex. (1735) 10, 1379; gewaschen gold Chomel 4, 1040.
c) 'liebes gewaschenes seelchen' ist der verliebteste ausdruck auf Hiodensee. Göthe (maximen und reflexionen) 49, 56; ich kann hoffen, dasz solchergestalt ein tüchtiger gewaschener kerl aus ihm herauswachsen werde. Bürger (an G. Leonhart 26. 1. 1778). die beiden beispiele weisen auf zwei verschiedene richtungen hin, nach denen sich die übertragung der vorstellung der reinigung entwickelt hat. die eine richtung, die in der älteren geistlichen litteratur gepflegt wurde und die von hier aus wol auf die volksanschauung zurückgewirkt hat, ist schon durch den bibeltext angeregt, vgl.: gisahun sume fon sinen iungoron mit unsubren hantun, thaʒ ist ni giwasganen hantun. Tatian 84, 2 (Marc. 7, 1 communibus manibus, id est non lotis manibus, mit ungewaschenen henden. Luther). dazu vgl. die ausdeutung durch Christus: non quod intrat in os, coinquinat hominem, sed quod procedit ex ore. die volksthümlichkeit, deren sich diese übertragung erfreute, läszt sich am besten an der negierten form des particips weiter beobachten, wobei einige wenige beispiele für die mannigfaltigkeit der abstufungen zeugen mögen: aber die satyra ... das spotlich straffgedicht hat iren namen von den satyris, wölche allwegen ungewäschen und geile abgötter seind gewesen. Alpinus Vergilius deutsch 14b; vergangen jahr hatte auch ein ungewaschen maul geplaudert, ich müste bei dem herrn ambtmann narr sein. Chr. Weise die drei klügsten leute der welt 172; ein ungewaschener verleumbder und falscher bruder. Butschky hochd. kanzelley 2, 325. vgl. dazu die zahlreichen belege bei Stieler 2246.
2) auf einen andern ausgangspunkt weist das beispiel aus Bürger; obwol es sich in der bedeutung mit einigen dieser verwendungen aufs engste berührt, führt es doch deutlich auf eine bestimmte feste verbindung zurück, auf die in der zwangslosen sprache beliebte wendung sich gewaschen haben. zum ursprung vgl. die negierte wendung aus dem 17. jahrh.: er hat sich nicht gewaschen, dicitur de homine inculto, incivili, quasi parum nitidus et dignus ad rem aliquam. Stieler 2446. die positive wendung wird im letzten drittel des 18. jahrh. aus der zwangslosen sprache in die litteratursprache aufgenommen: ich will ein buch schreiben, das sich gewaschen haben soll. Schönaich ästhetik in einer nusz s. 67 neudr.; ich will ein anderweites hocus-pocus machen das sich gewaschen haben soll. Göckingk an Bürger (bei Strodtmann 2, 86). zahlreich ist die redensart bei Bürger selbst belegt, der überdies das bild, das ihr zu grunde liegt, gern wieder auffrischt: von welchen (hexametern) ich mir, gott verzeih' es! einbilde dasz sie so gut, als irgend ein teutscher hexameter, hände und füsze und sich — auch gewaschen haben soll. (an Voss bei Strodtmann 2, 18); ich habe wieder ein paar neue gedichte gemacht, die sich an händen und füszen gewaschen

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haben. (an Dieterich, vgl. 2, 239). doch vgl. auch: in Aschersleben habe ich noch 75 morgen reine schöne länderei, die sich gewaschen hat. (an Dieterich, vgl. 2, 236); das waren doch noch fürsten, pardiöh, die sich gewaschen hatten. F. Ch. Laukhard Eulerklappers leben (1804) s. 125. vgl. Kluge studentensprache s. 92;

allein aus solcher fährlichkeit.
noch eh' wir recht vernommen
dass er gegangen sei, zurück zu kommen
mit ganzer haut, und just zu rechter zeit
zum mittagessen:
das nenn' ich eine ritterthat
die sich gewaschen hat.
Wieland (des maulthiers zaum) 18, 321;

'Genua liege auf dem block, sollst du antworten, und dein herr heisse Johann Ludwig Fiesko', 'was ich anbringen will, dasz sichs gewaschen haben soll'. Schiller (Fiesko 2, 15) 3, 72; lieber Baum! ich hoffe, dasz du dato ein grünender baum seiest, einer, der sich gewaschen hat. G. Keller bei Bächtold 1, 357; die Berliner! die haben sich gewaschen! das ist die hohe schule! M. Halbe mutter erde 2.
3) vereinzelt stehen einige ältere sprichwörtliche verwendungen, die Henisch (1595) bucht:

alte lumpen rein gewaschen
helffen manchem ausz der aschen.

wans der mann selber nicht kompt, da wirdt im das hembd nicht wol gewaschen. ebenda; die ist mit einer schusterschwertz gewaschen, das ist, ich lasz sie sein, wie sie ist. 1598.
 
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gewäschig, adj. , abgeleitet von gewäsche in der übertragenen bedeutung.
1) vom anfang des 17. bis zum ende des 18. jahrh. wird das adjectiv in den wörterbüchern getreulich fortgeführt: dolosa lingua, geweschig Eyering proverb. copia (1601) 1, 750; geweschig, garrulus Henisch 1598. ähnl. Aler 935b. Bayer 290b. Steinbach 2, 947. Kirsch 180a. nouveau dict. (Straszb. 1772) 339b. Campe 2, 360 (aber nicht mehr bei Adelung): gewäschig für geschwätzig, musz heiszen waschhaft. Heynatz 2, 1, 54. für die Wiener mundart führt noch Loritza das adjectiv an: gewaschig, geschwätzig, plauderhaft. neues idiot. Vienense 51.
2) die litterarischen belege setzen ebenso früh ein, reichen aber nicht soweit wie die wörterbuchnotizen: das volk schweiget nit, sondern ist gemeinlich waschhaftig oder gewäschig, was es im hause sieht oder erfährt, das trägts bald in allen häusern aus. Colerus hausbuch 6; derwegen verbeut der heilige Hieronimynus, ... das man nicht sol versoffene, geile, fürwitzige oder geweschige ammen nehmen. Georg Viviennus weiberspiegel, deutsch von Joh. Barth a 3b; aber die bestürtzung seiner leute, oder das gewäschige geschrei verrieth seinen (Gotarts) fall in kurtzem durch das gantze fechtende her. Lohenstein Armin. 1, 1019b; in denen mäulern derer gewäschigen weiber. J. Ch. Kundmann seltenheiten der natur und kunst.
 
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gewässer , collectivbildung zu wasser (s. d.). belege sind erst aus dem ende der mittelhochdeutschen zeit zu gewinnen: gewessere thüringische fortsetzung der sächs. weltchronik 297, 9 u. a.; gewessirde Eisenacher rechtsbuch 94; gewesser Limburger chronik 52, 10. 90, 32. Frankfurter reichscorresp. (aus 1405). Magdeburger chronik u. a.
in der bedeutungsentwicklung tritt zunächst eine erscheinung hervor, die von dem gange, den die collectivbildungen zu nehmen pflegen, stark abweicht: die intensive steigerung der bedeutung des grundwortes in der volleren form. gewässer, grosz gewässer hat in den ältesten belegen und auch später noch lange fast ausschlieszlich die bedeutung 'hochwasser, wassersnot'. man könnte von hier aus bei unserer bildung zuerst an eine verstärkte form zu wasser denken. doch spricht dagegen die so früh belegte form gewessirde, an die die gleiche bedeutung geknüpft ist; und wie es sich bei gethier (vgl. oben sp. 4379) zeigte, läszt sich auch hier diese sonderbedeutung aus einzelnen verwendungen des grundwortes herleiten.
die mannigfaltigkeit, die der bedeutungsumfang des einfachen wortes (wasser) umspannt, fängt erst im sprachgebrauche Luthers an, auch die collectivbildung zu beleben. schon die flüssigkeit, die als atmosphärischer niederschlag wahrgenommen wird, regt zu verschiedenen vorstellungen an, je nachdem sie in flüssen, bächen, quellen oder in teichen, seen und gar im meer sich darstellt. dazu kommt dann die weitere entwicklung des begriffes: das wasser als trinkwasser, die künstlichen wässer, das wasser im menschlichen und thierischen körper.
mit dem einflusz, der von hier aus auf die bedeutungsentwicklung unseres wortes ausgeübt wird, kreuzen sich die abstufungen

[Bd. 6, Sp. 5369]


des collectivbegriffes, der abschwächungen aller art erfährt. auf diesen letzteren beruht dann wieder der pluralgebrauch, der allerdings in manchen fällen die einzelnen spielarten des gewässers zum ausdruck bringt, vorwiegend aber die abgenutzte collectivbedeutung wieder auffrischt. dieser pluralgebrauch ist der festeste stützpunkt für die verwendung des wortes in unserer neueren sprache. der wissenschaftliche und der actenmäszige stil macht neuerdings fast nur vom plural gebrauch, und mit diesem plural findet das wort in zahlreichen zusammenhängen und verbindungen eingang, in denen es früher gemieden war, wie ein vergleich der älteren urkunden zur wasserpolizei mit neueren entsprechenden schriftstücken zeigt.
formell ist auf schwankungen in der schreibung des geschlossenen e der stammsilbe hinzuweisen; wir finden an einer stelle der thür. forts. der sächs. weltchronik gewisser (317, 28). das gleiche auch gelegentlich bei Luther (1 Mos. 7, 24. 8, 7), bei Michael Sac. s (neue kaiserchron. Magdeburg 1614) und noch bei Zesen (Assenat 38). andererseits ist der umlaut unberücksichtigt bei Kirchmair (denkwürdigkeiten 1520: gewasser), ja auch Schottel bildet das collectiv ohne umlaut, und die gleiche form ist bei Kant belegt, wo sie wol die mundartliche aussprache erraten läszt.
1) der singulargebrauch.
a) die sonderentwicklung der bedeutung 'hochwasser, überschwemmung, wassersnot'.
α) die verbindung grosz gewässer.
1)) dies selbe jares was groʒ gewessere in Sachsenlande umbe sente Nicolaus tag, also das manig dorf davon irtrank. sächs. weltchron. 297, 9 (thür. forts.), ebenso 301, 13; des selbin jares (1342) ... da was vil grosz gewiszere in allen landen unde ouch z Erfort. 317, 28; von den pferden abetraden und hinzugingen daʒ zu besehen, want grosze gewesser darumb waʒ daʒ sie nit hinzugerieden konden. Frankf. reichscorresp. (1405) 120; im selbigen jare (1488) mitwochen in der fasnacht schneiete es sehr, und darnach die erste wochen in der fasten dauete es eilendts. davon kam im felde so gros gewesser das es zu Destorf und in andern dorfern viel heuser und scheunen umbwarf und wegtriebe. d. städtechron. 7, 418 (Magdeburg).
2)) Christus sagt, daz ein weiser mann sein hausz baue auf einen felsen, unnd es fiel ein platzregen unnd kam ein grosses gewässer, unnd weheten die windt, unnd stieszen an das hausz, noch fiel es nicht ... aber ein törechter mann bauet sein hausz auf den sandt, und fiel ein platzregen, unnd kam ein gewesser ... da fiel es ein. Albertinus hauspolizei 6, 30a; dise jetzgemelte kranckheit kompt die schafe an, wann sie ... in solchen örteren geweidet sein worden, welche das grosz gewässer uberlauffen und sehr gefeuchtet und genetzt hat. Sebiz feldbau 140; im jahr 690 war im Venedischen ein solch groszes gewisser, dasz man meinte, sieder der sündflut sei so grosz gewisser nicht gewesen. Mich. Sachs neue kaiserchron. (Magdeburg 1614) 2, 98b; alsdann bringen solche stern das gewölck desz himmels mit sich, dardurch folget grosz gewässer, oder brunst, und verderbung land und leut. volksbuch vom doktor Faust s. 72 neudr.; für dem grossen gewässer nicht fortkönnen, non poter ... viggiare etc. per la grossezza altezza delle acque. Kramer (1700) 2, 1269a; für dem grossen gewässer auf den land-strassen ist ietzt übel zu reisen, there standes a great deal of water in the highways, that courses a bad travelling. teutsch-engl. lex. (1716) 770b; grosz gewässer, diluvies, diluvium, undae maximae, inundatio, diluvio; schnelles gewässer, alluvies, alluvio. Aler 935b; grosses gewässer, diluvium. Steinbach 2, 949; letten führt es (das Donauwasser) bei sich, besonders, wenn grosses gewässer anläuft. J. H. Haid Ulm mit seinem gebiet (1786) s. 391.
3)) daneben drängen sich an die stelle des oft wiederholten adjectivs andere kräftiger steigernde epitheta: zum allerhäftigisten sol auch vermergkht werden, das an sannd Augustintag des 1520. jars ain solich graussam gewasser und sundtflus komen, das davon ein ganntze verzagnus des volcks enntstanden ist. G. Kirchmair denkw. (1520), fontes rer. Austr. 2, 1, 448; so halte ich dafür, dasz vom hange solcher berge das regenwasser so wohl als der zerschmolzene schnee in das thal herunter schiesset und unter der gemelten breiten hügelfläche solches gewaltiggrosse gewisser verursachet. Zesen Assenat 38; starckes, hohes, anlauffendes, reissendes etc. gewässer ò wasser ... trabocco di acqua, inondamento, innondatione. M. Kramer (1700) 2, 1269a, doch vgl. auch oben. ähnl. teutsch-engl. lex. (1716) 770b; es (das kloster) liegt aber so tief, das refectorium tiefer als

[Bd. 6, Sp. 5370]


das übrige, so dasz im jahr 1800 bei anhaltendem regen das wasser darin über drei palmen stand, welches uns zu folgern berechtigt, dasz das entsetzliche gewässer, welches 1500 niederging und überschwoll, sich auf gleiche weise hierher erstreckt habe. Göthe (abendmahl L. da Vincis) 39, 103.
β) die gleiche bedeutung läszt sich jedoch am substantiv auch ohne weitere attribute belegen.
1)) item in dem selben jare ... da was ein grosze bescheideliche fluit unde ein geweszer, also daʒ man zu Coblenze mit schiffen fur in sente Castors gaszen uf den kornmarkt. Limburger chronik 90, 32; unde (die feinde) hetten ime noch me schaiden zugefuget, hetten si gut weder gehat, want si der reigen unde geweszer dannen dreif. 52, 10. dazu vgl.: wanne ein gewessirde wirt, daʒ die mullere oberig wassir haben, so sullen si alle flutrinnen uffzcihen, und daʒ er einer dem andirn kunt thun. Eisenacher rechtsbuch 94 bei Ortloff samml. d. rechtsqu. 1, 731.
2)) für Luther gab namentlich der bericht der bibel von der sindflut gelegenheit, das collectiv in dieser bedeutung zu verwenden. bemerkenswert ist das ablehnende verhalten süddeutscher nachdrucke, vgl. Byland der wortschatz des Züricher alten testaments (Basel 1903) s. 45. vgl. auch Reifferscheid Marcusevangel. 120 (zum Augsburger nachdruck des neuen testamentes von 1526): und Noah thet alles was jm der herr gebot. er war aber sechshundert jar alt, da das wasser der sindflut auff erden kam. und er gieng in den kasten mit seinen sönen, weibe, und seiner söne weibern, fur dem gewesser der sindflut ... und da die sieben tage vergangen waren, kam das gewesser der sindflut auff erden ... und theten sich auff die fenster des himels, und kam ein regen auff erden vierzig tag und vierzig nacht ... und die wasser wuchsen, und huben den kasten auff, und trugen jn empor uber der erden. also nam das gewesser uberhand und wuchs seer auff erden, das der kaste auff dem gewesser fuhr. und das gewesser nam uberhand und wuchs so seer auff erden, das alle hohe berge unter dem gantzen himel bedeckt wurden, funffzehen ellen hoch gieng das gewesser uber die berge, die bedeckt wurden ... und das gewisser stund auff erden hundert und funffzig tage. da gedachte gott an Noah ... und lies wind auff erden komen, und die wasser fielen ... und das gewesser verlieff sich von der erden imer hin. Luther 1 Mos. 7, 5—8, 3 u. a.;

morgen wirt kmen her
der grausam narrenfresser,
den ich forcht all mein tag
vr feuer und gewesser
und fer sant Urbans plag.
H. Sachs (narrenfresser) fabeln u. schwänke 3, 122 neudr.;

von Stertzingen ist ain solicher pach mit gewalt komen, daʒ alle prugn, auch die starcke weg und stainen gepeu nicht erschossen haben ... so hat doch solich gewasser das alles zezerret, zerissen und in ainen schwung hingetragen. G. Kirchmair denkw. (1520), fontes 2, 1, 449; Ambrones, Gallicae gentes, die durch ein gewässer ir land verlorn, und nereten sich darnach mit rauben. Erasmus Alberus nov. dict. M 2b; die in hiesiger gegend zu anfang des monat decembers (1570) ausgetrettene wasser und flüsse ... thaten auch hin und wieder an deren dämmen und gestaden grossen schaden, und hätte wenig gefehlet, dasz das gewässer nicht die Wertachbrücke gegen der stadt eingerissen hätte. Stetten gesch. der stadt Augsburg 1, 594;

ruckt er fort mit groszer mühe
gewässers wegen an die brühe.
Fuchs mückenkr. 2, 482, vgl. oben theil 2, sp. 989;

meldet, dasz er und seine spieszgesellen solche weiber gesucht, aber zu ihnen, wegen gewässers nicht haben kommen können. Prätorius Turcicida R 1b; wenn euer gnaden ein pfarrer wäre und auf der kanzel so predigte, das setzte zähren ab! meiner six! es gäbe ein gewässer, dasz man mit nachen in der kirche fahren müszte. Wieland (don Sylvio v. Rosalva 3, 7) 11, 211.
3)) gewässer, wassergusz, überlauff desz wassers, eluvies, aquarum deluvies. Henisch 1595; gewässer, acque inondazione, sboccamento de' fiumi, les eaux. inondation, débordement des rivières. Rädlein 381b; gewässer, alluvies, undae maximae. Weissmann 157a; gewässer, aquae profundiores. Frisch 2, 426a; gewässer, les eaux débordées, débordement d'eaux. nouv. dict. des passag. 2, 279. ähnlich noch Hilpert 1, 463b.
b) der collectivbegriff in seinen abstufungen.
α) der umfassende begriff.

[Bd. 6, Sp. 5371]



1)) weitester umfang:

neben der erde war, wie ein heller kristallener mantel,
alles gewässer verbreitet.
Bodmer Noah 359;

wenn man die geringschätzigkeit der quantität des gewassers mit der grösze der erdkugel ... zusammenhält. Kant 8, 212.
2)) engerer begriff: die wasserläufe einer bestimmten gegend, die massen eines bestimmten wassergebietes.
a)) die wasserläufe einer bestimmten gegend.
α)) nicht immer ist die landschaftliche begrenzung angegeben, manchmal wird sie auch stillschweigend vorausgesetzt: am abend des 3. august ist das gewässer von den starken gewittern und wassergüssen mit macht angestiegen. aus Riemers Leipz. taschenbuche bei Wustmann quellen z. gesch. Leipzigs 1, 453; insofern diese massregeln der verödung des gewässers nicht hinlänglich vorbeugen sollten, wird der bundesrath ermächtigt, die schonzeiten für alle gewässer oder für diejenigen einzelner gebiete temporär auszudehnen. Schweizer bundesgesetz über die fischerei von 1875 bei J. König die verunreinigung der gewässer.
β)) kennzeichnung der landschaftlichen grenzen:

kein schwan sang ihm (Besser) damahlen gleich,
am brandenburgischen gewässer,
auch nicht im gantzen teutschen reich,
wie schön es klang, er sang noch besser.
König vorrede zu Bessers schriften 35, vgl. auch unter β);

im sicilianischen gewässer, an der sicilianischen küste, in the sea near the Sicilian coast. teutsch-engl. lex. (1716) 770b; das gewässer eines landes, the waters of a country. Hilpert 1, 463b (ebendort für die gleiche englische wendung jedoch auch schon der plural, s. u.).
b)) die massen bestimmter wassergebiete: ... da die Weichsel ... die länder oft unter ihrem gewässer zu bedecken trachtet. Kant (ob die erde veralte? physikalisch erwogen 1754) 9, 9;

nächst ihm führte Pyrächmes päonische krümmer des bogens
fern aus Amydon her, von des Axios breitem gewässer,
Axios, der mit lieblichster flut die erde befruchtet.
Voss Ilias 2, 849;

Axios, der mit dem schönsten gewässer die felder bedecket.
Bürger Ilias 205a;

so dünkt mir seltsam und fremd
der flüsse gewässer
der einsame wald.
Novalis (fragment) 1, 387;

wasser überhaupt bildet nur erdengen, das gewässer der see landengen. F. L. Jahn 1, 76; so ... fielen beide hunde zusammen in das gewässer des sees. F. Th. Vischer 'auch einer' 1, 169.
β) in einigen der eben belegten beispiele ist das zusammenfassende moment schon stark in den hintergrund getreten, es ist nicht die gesamtheit der wassermassen eines bestimmten gebietes, sondern ein theil desselben. aber die vorstellung der masse hält an:

töchter der vielgebärenden Tethys und des vaters Okeonos,
der mit schlummerlosem gewässer
umwandelt die ganze erde,
sehet die fesseln.
F. L. Stolberg (Prometheus) 15, 11;

dort wo Ajas die schiff' an den strand und Protesilaos
längs dem grauen gewässer emporzog.
Voss Ilias 13, 682 (ἔφ' ἁλός πολιῆς);

ich sah hinaus in die unermeszliche sphäre von gewässer. Heinse Ardinghello, schriften 1, 83;

aber aus der dumpfen grauen ferne
kündet leisewandelnd sich der sturm an,
drückt die vögel nieder aufs gewässer.
... vor seinem starren wüthen
streckt der schiffer klug die segel nieder,
mit dem angsterfüllten balle spielen
wind und wellen.
Göthe (seefahrt) 2, 76.


γ) in anderen verwendungen ist auch die vorstellung des groszen unermeszlichen aufgegeben, dagegen dient der collectiv der verallgemeinerung insofern, als eine unbestimmte, nicht näher gekennzeichnete quantität zum ausdruck gebracht wird. das collectiv dient der indefiniten bezeichnung: item, ob man müsse den bau solcher befestigung, zugleich allenthalben herumb führen, oder ob solches werck etwan auff einer seiten ein behilffung haben ... als ob etwan ein gemösz, gebrüch oder gewässer herumb. Fronsperger kriegsb. 2, 18b; ir werdet keinen wind noch regen sehen, dennoch sol der bach vol wasser werden, das jr und ewer gesinde, und ewr vieh trinckt ... sihe, da kam ein gewesser des weges von Edom, und füllet das land mit wasser ... und da sie sich des morgens früe auffmacheten, und die sonne auffgieng auff das gewesser, dauchte die Moabiter das gewesser gegen inen rot sein wie blut. Luther 2 kön. 3, 20 ff. (bei Kautzsch durchweg wasser);

[Bd. 6, Sp. 5372]


bei welchem gewässer und liehblichen gründen
enthält sich mein trauter, wi? saget ihrs nicht?
Zesen adriat. Rosemund 99 neudr.;

schwellen ... einen damm von grundbalken an einem gewässer aufführen. Stalder 2, 363; als auf einmal eine weite ebene vor ihm dalag, und er in der ferne ein städtchen, an einem see erblickte ... er konnte seine augen von dem gewässer in der ferne nicht verwenden, das ihn mit neuem muth beseelte, die ferne aufzusuchen. K. Ph. Moritz Anton Reiser s. 347 neudr.;

als mit mir bei mondenscheine
Lavater spazieren ging,
ich am fall des Rheins, von schaume
nasz gesprüzt, ihm, wie im traume,
staunend an dem arme hing:
ach! da war mir wohl! noch besser
(seufzt' ich dann für mich allein)
als am lieblichsten gewässer,
wird am Zorgaflusz dir sein.
Göckingk (auf d. tod meines sohnes) ged. 3, 186;

des abends, war die schule endlich aus,
zogen wir singend in den wald hinaus,
oder im garten am gewässer
sahn wir die sonne glühend niedergehn.
Geibel (auf d. tod eines freundes) ged. 237;

alle diese hochcultivirten flächen dulden an keiner stelle weder ein tümpelchen stehenden gewässers noch einen irgend hochreichenden grundwasserstand. R. Hempel zeitschr. f. gewässerkunde 6, 102; die mit den zuständen im fliessenden gewässer nichts gemein haben. H. Classen ebenda; als unbefugt hat nicht jede verunreinigung von gewässern zu gelten ... für die beantwortung der frage, ob die verunreinigung eines gewässers als eine ... unbefugte anzusehen ist, sind ... die bestimmungen des sonst geltenden rechts maszgebend. L. Holtz fürsorge für reinhaltung der gewässer s. 8; sind nahe der einmündung erheblicher mengen schädlicher abwässer ortschaften gelegen ... so sind vorkehrungen gegen die verunreinigung des gewässers in weit höherem masze erforderlich. s. 19.
δ) der neueren sprache erst gehört diese verwendung auch in solchen fällen an, wo der zusammenhang die geringfügigkeit der wassermasse zum ausdruck bringt.
1)) aus der gegenüberliegenden seite des wassers, nur zwanzig schritte von uns, stieg eine felswand empor, beinahe senkrecht ... ihre steile verkündete, wie tief hier das kleine gewässer sein müsse. G. Keller (d. grüne Heinrich) 1, 248; an dessen fusze flieszt der bach Trotinka durch morastige wiesen südostwärts der Elbe zu: auf der andern seite des kleinen gewässers schlieszt dann der steile Horschizkaberg das bild. Sybel begründung des deutschen reiches 54, 172; dort aber legten die pioniere sehr bald mehrere pontonbrücken über das kleine gewässer. 186.
2))

und herab floss kaltes gewässer
hoch aus dem felsgeklüft.
Voss Odyssee 17, 209

(ausgabe von 1793 und später; in der ausgabe von 1781 dagegen: schäumte das kalte wasser);

ein gewässer hört er endlich rauschen,
und gelangt an einen prächtigen springquell.
Platen Abbassiden 6;

kam an das ufer eines kleinen bergflusses, der einen schmalen dünnen wasserfaden durch ein breites trockenes felsbett rinnen liesz ... forellen musste das gewässer aber doch ernähren. L. Schücking (der böse nachbar 4) erzähl. u. novellen 5, 177; in der tiefe einer felsigen schlucht braust gewässer. Rosegger schriften des waldschulmeisters 3.
c) die erweiterung des bedeutungsumfanges durch übertragung der bezeichnung auf flüssigkeiten überhaupt.
α) regenwasser: schindelte ihm die lücken zu, die tropfend gewässer und unbill des wetters in das dach von Gottschalks blockhaus geschlagen. Scheffel Ekkehard 366.
β) trinkwasser:

in des weinstocks herrliche gaben
giesst ihr mir schlechtes gewässer!
ich soll immer unrecht haben,
und weiss es besser.
Göthe (sprichwörtlich) 2, 255.


γ) köstliches wohlriechendes gewässer, schminck etc. gewässer, acque pretiose, odorifere. M. Kramer (1700) 2, 1269a; dazu vgl. wohlriechende gewässer Adelung 2, 652. Hilpert 1, 463b.
δ) die wasserhelle flüssigkeit im menschlichen körper: solcher wein laxirt den leib und treibt das gewässer von den wassersüchtigen durch den stulgang. Sebiz feldbau 528; dieser wein ... zertheilet den schleim und führet das gewässer durch die harngäng ausz. Verzascha kräuterbuch (1678) 763; gewässer bei

[Bd. 6, Sp. 5373]


den medicis s. colliquamentum ... gewässer des geblúts s. serum. Chomel 4, 1040.
ε) tinte: vetzeihn mir ew. excellenz meine breite geschwätzigkeit, aber sie haben die schwarzen gewässer meines tintfasses heraufbeschworen, und ich fürchte, sie finden nicht so schnell das wort, um sie zu bannen. Bismarck, s. Kohl Bismarckbriefe 111.
2) der pluralgebrauch. eine ergänzung der eben versuchten skizze bietet der pluralgebrauch, der die meisten der oben belegten verwendungen in sich aufnimmt und dann allmählich verdrängt.
a) in der bedeutung von 'hochwasser' hat die neuere bibelübersetzung durchweg den plural eingesetzt: da kamen die gewässer der flut über die erde. Kautzsch 1 Mos. 7, 10; da verlieffen sich die gewässer. 1 Mos. 8, 3 u. a.;

die gewässer sind verlaufen,
die gerichte sind erfüllt,
durch der wolken sanftres traufen
blaut der himmel bald enthüllt.
Gerok (Ararat) palmblätter 290;

die gewässer fallen, the floods are subsiding. Hilpert 1, 463b; als ich von Angermünde kam, war ich durch die fluthen der Zampel von Kniephof abgesperrt ... so muszte ich die nacht über in Naugard bleiben mit vielen handlungs- und andern reisenden, die ebenfalls auf das sinken der gewässer warteten. Bismarck an seine schwester bei Kohl Bismarckbriefe 24;

die wanderende sel die mues zu schiff auch gehen:
sie stost von himel ab, und segelt auff das mer
der ungestümmen wält; da sieht sie um sich her
gewässer foller forcht, und wällen foller schrekken.
Jesaias Rompler v. Löwenhalt reim-getichte (1. gebüsch) 72.

die verbindung grosz gewässer wird nur ganz vereinzelt in den plural überführt: in groszen gewissern wenn die Sahl so an der mawer vorüber fleusset, auszleufft. Mathesius Sar. 125b.
b) ausbreitung des pluralgebrauches im anschlusz an die einzelnen abstufungen des collectivbegriffs.
α) der umfassende begriff.
a)) Bacon vergleicht daher die wissenschaften mit den gewässern über und unter dem gewölbe unserer dunstkungel. jene sind ein gläsern meer, als kristall mit feuer gemengt, diese hingegen kleine wolken aus dem meer, als eine manneshand. Hamann (kreuzzüge) 2, 264 Roth; gott hat mit einer bewundernswürdigen weisheit eine harmonie ... zwischen den gewässern oben und unten eingeführt, dasz sie sich einander ersetzen, gegen einander dienstfertig sind, und in ihrer entfernung einen zusammenhang finden. (bibl. betrachtungen, Ruth) 1, 84; das regime der gewässer wird aber nicht allein durch die wasserstände, sondern durch die fliessenden wassermassen charakterisirt, daher die kenntniss der jedem einzelnen wasserstande entsprechenden abflussmenge ... von besonderer wichtigkeit ist. R. Brauer zeitschr. f. gewässerkunde 6, 130.
b)) ich fürcht, dasz ihr diesen brieff noch lange nicht bekommen werdt: denn die gewesser seindt so abscheüllig grosz, dasz alles überschwommen ist. Elisabeth Charlotte v. Orleans (1698) briefe 120 Holland; anno 1539 ist der merer theil durch die vile der grossen regen der Main und alle gewesser alle vier wuchen oder uber 14 tage sehr gross worden bis an das 40 jar. chronik d. schuhmacher-handwerks, s. quellen z. Frankf. gesch. 2, 22; ebner maszen sind auch andre gewässer, als flüsse, seen, ja das meer selbst, wenn es ruhig ist. Er. Francisci lustige schaubühne 1, 562; all die gewässer da, wie hübsch sie sich auch krümmen, machen uns stille musik. Mörike (der schatz) 22, 59. J. König die verunreinigung der gewässer, Berlin 1887. L. Holtz die fürsorge für reinhaltung der gewässer, 1902 u. a.
β) verengerung des begriffes.
1)) landschaftliche eingrenzung.
a)) von den marken wird ... bemerkt ... dasz ausser den wäldern ... auch die vielen seen, teiche und gewässer, bei kluger benutzung mancherlei vertheidigungsmittel darbieten. königliche verordnung über den landsturm vom 21. april 1813 (gesetzsammlung für die preusz. staaten); gegen die früher beabsichtigte landesgesetzliche regelung der masznahmen zur reinhaltung der gewässer ergeben sich namentlich aus der verschiedenartigkeit der örtlichen und wirtschaftlichen verhältnisse innerhalb der monarchie ... bedenken. allgem. (preusz.) verfügung vom 20. febr. 1901 betreff fürsorge für die reinhaltung der gewässer, einl.; weil in folge der ständigen vermehrung der bevölkerung und der auf benutzung der wasserläufe angewiesenen anlagen die verunreinigung der

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gewässer stetig zuzunehmen droht. ebenda, s. L. Holtz s. 2; bei dem mangel einer gesetzlichen vorschrift, welche die verunreinigung der gewässer allgemein untersagt, ist in jedem falle zu prüfen. ebenda, s. L. Holtz s. 10; mit geldstrafe ... wird bestraft, wer unbefugt ... in gewässern felle aufweicht oder reinigt oder schafe wäscht. fischereigesetz für den preusz. staat (1874) § 27 bei Holtz s. 27; ergiebt sich, dasz durch ableitungen aus landwirtschaftlichen oder gewerblichen anlagen ... der fischbestand der gewässer vernichtet oder erheblich beschädigt wird. § 43, s. Holtz s. 28; die benützung und instandthaltung der gewässer betreffend. badisches gesetz vom 25. aug. 1876, s. J. König a. a. o.
b)) des keisers sprichwort ist: Egyptens kräuter, ähren, gewässer, weiszheit, luft, gesäm und frauen wären die besten in der welt. Lohenstein Cleopatra 2, 42; die gewässer eines landes, the waters of a country. Hilpert 1, 463b; Lord Palmerston sagte dem grafen Apponyi mit dürren worten, das erscheinen dieses geschwaders in den englischen gewässern ... sei eine beleidigung der englischen nation. Sybel begründung d. deutschen reiches 3, 308; vorläufig galt es eine reise mit dem Hamburger schiffe 'Hammonia' in die chinesischen gewässer. Th. Storm (Hans u. Heinz Kirch) werke 6, 15; einen besonderen zweig der hydrometrischen forschung in Oesterreich bildet ... die systematische erhebung der an den österreichischen gewässern verfügbaren ... wasserkräfte. R. Brauer zeitschr. f. gewässerkunde 6, 133; die am nordabhange der alpen entspringenden gewässer gehören sämmtlich dem flussgebiete der Donau und des Rheins an. 59; die gründung einer staatlichen anstalt für gewässerkunde, die beabsichtigte betheiligung der preussischen geologischen landesanstalt an der erforschung heimischer gewässer. 279; Bonne die notwendigkeit der reinhaltung der deutschen gewässer. Leipzig 1901.
2)) die privatrechtliche eingrenzung (beim singular nicht belegt): jeder theilnehmer kann verlangen, dasz ihm die unentbehrliche mitbenutzung der gewässer auf den auseinandergesetzten grundstücken vorbehalten und diese so ausgewiesen werden, wie es zu diesem zweck für beide theile am bequemsten ist. preusz. gemeinschaftstheilungsordn. von 1821 bei R. Nobiling kulturgesetze in Preuszen 202; dass herr Fritz v. Fink eigenthümer des territoriums Fowlingfloor, sowohl des grund und bodens als der darauf befindlichen gebäude, bäume, gewässer und aller daran haftenden nutzungen sei. G. Freytag (soll u. haben 1) 4, 167; zu den privatgewässern gehören: 1) das auf einem grundstück entspringende ... wasser (quellen); 2) die künstlich angelegten wasserleitungen und kanäle; 3) das stehende wasser, welches in seen, teichen, cisternen ... gefangen ist. Bluntschli staatswörterbuch 32, 60.
3)) vor allem beliebt ist der plural, wo die zugehörigkeit zu einem bestimmten wassergebiet gekennzeichnet wird.
a))

schon die anderen alle, so viel dem verderben entrannen,
waren daheim, den schlachten entflohn und des meeres gewässern.
Voss Odyssee 1, 12 (1806);

wo das eismeer mit des deutschen
meers gewässern sich vermengt.
Freiligrath 1, 16;

so ist meine überzeugung, dasz ... diese beiden parlamente nicht länger aus einander zu halten sein würden, als etwa die gewässer des rothen meeres, nachdem der durchmarsch erfolgt war. Bismarck pol. reden 3, 278 Kohl.
b)) diese schaaren ergossen sich dann beinahe widerstandslos über alle theile Jütlands bis zum Lijmfjord, hinter dessen schützende gewässer general Hegermann-Lindencrone zum zweiten male vor der übermacht zurückwich. Sybel begründung d. deutschen reiches 3, 290; indem Sophokles seinen geburtsort, den gau von Kolonos zu verherrlichen strebt, stellt er die hohe gestalt des schicksalverfolgten, herumirrenden königs an die schlummerlosen gewässer des Kephissos, von heiteren bildern sanft umgeben. A. v. Humboldt kosmos 2, 12; die wichtigste verkehrslinie auf den gewässern des Ob ist diejenige von Tjumen nach Tomsk, hauptsächlich dem getreidetransport dienend. zeitschr. f. gewässerkunde 6, 122.
γ) ebenso wird der pluralgebrauch in den fällen begünstigt, in denen aus attributiven bestimmungen oder allgemeiner aus dem zusammenhange eine kennzeichnung der art und ein gegensatz gegen andre spielarten hervorgeht, vgl.: die verfügung bezieht sich auf gewässer jeder art: natürliche wie künstliche, öffentliche wie private, schiffbare, wie nicht schiffbare, stehende wie fliessende, oberirdische wie unterirdische, binnengewässer,

[Bd. 6, Sp. 5375]


wie meeresbuchten und haffe. L. Holtz die fürsorge für reinhaltung der gewässer (1902) s. 1 anm.
1)) gegensätze in bezug auf den umfang.
a)) in der wirklichkeit nun scheint sich für solche poetische äusserungen das baden in unbeengten gewässern am allerersten zu qualificiren. Göthe (dicht. u. wahrh. 19) 48, 136;

so hofft' ich ihr des reichs bebaute flächen,
der wälder tiefen, der gewässer fluth
bis an das offne meer zu zeigen. (nat. tochter 3, 4) 9, 323;

die fluten der beiden ströme waren hoch geschwollen, und deshalb unsere expedition nach der heiligen veste nicht unbeschwerlich, da ohne aufhören neue gewässer, in denen die pferde oft bis an den bug versanken, zu überschreiten waren. Schack ein halbes jahrhundert 1, 190;

nun sterben die laute beseelter natur,
dumpftosend umschäumen gewässer mich nur,
die hoch an schwarzen gehölzen
dem gletscher entschmelzen.
Matthisson alpenreise.


b)) in kleinen gewässern fängt man auch fische (nach dem dänischen). Wander 1, 1650;

wie er (d. mond) vom himmel herab sich im bache besieht,
manchen goldenen streif auf die gewässer mahlt.
Hölty (hymnus an d. mond) ged. 262;

die plätschernden gewässer der springbrunnen. Musäus volksmärchen 4, 123.
2)) gegensätze in bezug auf entstehungsweise und beweglichkeit.
a)) vorerst unter thunlichstem ausschluss mancher in den natürlichen gewässern störenden umstände. C. Weigelt zeitschr. f. gewässerkunde 6, 42.
b)) bei weitem die wichtigsten gewässer sind ... die fliessenden. Bluntschli staatswb. 32, 60 f.; dasz die sommerregen infolge der verdunstung fast ohne einflusz auf das anschwellen der fliessenden gewässer sind. C. Gebauer zeitschr. f. gewässerkunde 6, 240; die hypothese von der selbstreinigung fliessender gewässer. H. Classen ebenda s. 31; preusz. ministerialerlasz vom 7. april 1876 betreffend den schutz fliessender gewässer gegen verunreinigung. bei Holtz s. 41; neue untersuchungen über die grenzen ... der selbstreinigung flieszender gewässer. H. Classen 1898; das röten von flachs und hanf in nicht geschlossenen gewässern ist untersagt. fischereigesetz für den preusz. staat (1874) § 44 bei Holtz s. 29.
3)) sonstige epitheta: sie ... fanden auf ihren spaziergängen durch das gebirg so klare, rauschende, erfrischende gewässer. Göthe (dicht. u. wahrh. 19) 48, 137 (vgl. auch: beim anblick und feuchtgefühl des rinnenden, laufenden, stürzenden in der fläche sich sammelnden, nach und nach zum see sich ausbreitenden gewässers war der versuchung nicht zu widerstehen. [ebenda] 136); dann dünke ich mich reich genug, um jedem, und ob es gott selbst wäre, zu vergelten, was er an mir gethan, dann scheine ich mir ein brunnen, der nur darum aus allen adern der erde die holden gewässer einsaugt, damit er erquicken kann, was ringsum dürstet und schmachtet. Hebbel briefwechsel 1, 72; ich steh' auf des berges wolkigem gipfel, unter mir liegen die schlafenden städte der menschen und blinken die blauen gewässer. Heine harzreise.
c) übertragungen sind nur beim pluralgebrauch belegt:

o hättest du getrunken aus dem bronnen
aus dem lebendige gewässer quillen.
Chamisso Fortunat 51;

wenn nun von einem mann ohne bildung in jeder lage des lebens, in jedem affekt verlangt wird, dass er sich die schranken gegenwärtig halte, die die ehre seines nächsten schützen, dasz er seine zunge im zaum halte und wohl überlege, auch das, was er im zorn sage; dann wollen sie behaupten, dass der hochgebildete gesetzgeber, der beherrscher des wortes und seiner gedanken, der kühne schiffer auf den gewässern der rede, wie wir sie hier haben, ausser stande sei, die klippen zu vermeiden. Bismarck reden 3, 35 Kohl.
3) das collectiv in der composition.
a) meeresgewässer Voss Odyssee 2, 264 (1806); süssgewässer Brehm, vgl. Sanders erg.-wb. 613; sumpfgewässer Görres heilige allianz 137; das kleine waldgewässer K. Immermann das auge der liebe 4; kiesgewässer Göthe (Faust 2. class. Walpurgisnacht); fischgewässer schweiz. verordnung vom 13. juli 1886; grenzgewässer schweiz. bundesgesetz vom 18. oct. 1875.
b) schneegewässer, regengewässer Kramer (1700) 2, 1269a; wintergewässer Voss Ilias 23, 420; am stygischen nachtgewässer Heine (im mai) 18, 252; die offenen weltgewässer H. v. Kleist Penthesilea 14; das urgewässer Göthe (ital. reise) 27, 141.

[Bd. 6, Sp. 5376]



c) wasch-gewässer, spuazzo dal lavore. Kramer (1700) 2, 1269a; schmutzgewässer.
 
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gewässerbeschreiber, m., von Campe (2, 360) als verdeutschung für hydrograph angeführt. ebendort gewässerbeschreibung, f. für hydrographie.
 
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gewässerchen, n., diminutivform in anlehnung an die unter 1, b, δ (sp. 5372) angeführten verwendungen:

siehe, da rieselte still ein gewässerchen ohne gewirbel,
bis an den grund durchsichtig, wodurch in der tiefe mir zählbar
jedes kieselchen war, und kaum floss leise die welle.
J. H. Voss Ovid 1, 302 (Ceres).


 
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gewässerkarte, f.: wirft man den blick auf eine vollkommene gebirgs- und gewässerkarte Europas und rechnet man Russland als eignen steppenerdtheil ab, so findet man in Europa, nicht mehr und nicht weniger, nur folgende neun länder. F. L. Jahn 1, 172.

 

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