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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
gewärtig bis gewäschig (Bd. 6, Sp. 5348 bis 5368)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gewärtig, adj. die bildung ist spät belegt, in einem zusammenhang, dem man wol die auch am verb. gewarten (s. o.) beobachtete grundbedeutung 'aufmerksam' unterlegen darf:

[Bd. 6, Sp. 5349]


ich het eʒ verholn noch lange vrist.
wan daʒ din eltere bruder ist
etlicher maʒe gewertik.
der erblicket des riemen strick
da dirre slussel an hie
zehant er mich nicht enlie
ich must im sagen die warheit. der schlägel ges. ab. 2, 437, vgl. mhd. wb. 3, 531b.

wie hier, so ist auch sonst die verbindung mit dem verbum substantivum der eigentliche hebel für die gebrauchs- und bedeutungsentwicklung. gewärtig sein geht als vollere (umschreibende) form dem einfacheren gewarten zur seite, von dem es die einzelnen abstufungen der bedeutung empfängt und dem es allmählich den boden abgewinnt. dieser entwicklung kam es zu statten, dasz die verbindung von gewarten mit einem dativ der person der bedeutung nach sich eng mit einer festen formel berührt, in der ein lautverwandtes adjectiv platz hatte. die oben unter gewahr (sp. 4763) belegten verbindungen getriu und gewer; getruwe unde gewer unde gehorsam; getrewe, holt und gewær übten auf die jüngere adjectivbildung gewärtig anziehungskraft aus, so dasz sie in diesem zusammenhang das ältere gewære gänzlich verdrängt. von dieser formel, die im 18. jahrh. aus dem engeren rechtsgebiet in die allgemeinere litteratursprache überdrang, ist bedeutung und gebrauch unseres adjectivs auf der einen seite beherrscht. andererseits aber zeigt sich, dasz auch von sonstigen verwendungen, die an gewarten zu beobachten waren, parallelen mit gewärtig resp. gewärtig sein in die neuere sprache überdringen. hierher gehört der absolute gebrauch, der bei gewärtig von anfang an stärker ausgeprägt ist als bei gewarten, und in besonderer ausdehnung und verbreitung gehören hierher die abstufungen des relativen gebrauches in der bedeutung von 'aufmerksam'.
1) der absolute gebrauch: gewärtig sein oder fleisz haben, oder willen haben oder angedencken, intendere. voc. theut. 1482 (Nürnberg); gewärtig, promptus, paratus. Stieler 2442 (vgl. auch gewärtigkeit); ähnlich Spieser 151a. Steinbach 2, 936. Kirsch 180a.
a) das adjectiv auszerhalb der engen verbindung mit dem verbum substantivum: so ist es mir daz kommen, daʒ ich nit lustigs geschmacks, sonder heilsamer artznei, nit frölichs beiwesens, sonder gewärtiger hilff bedörfft. Hutten (vorred z. gesprächbüchlein) 1, 448;

aber ein knecht ich haben musz,
der ehrlich sei und fein auffrichtig,
gewertig, nüchtern und fürsichtig,
wo ich gen hof zum adel kum.
H. Sachs (d. verspilt reuter) 21, 79;

denn ihre kinder saszen schon gewärtig,
mit froher ungeduld am tische pochend.
Lenau neue ged. 12.


b) die verbindung mit negationspartikeln: nit gewärtig sein, eines radt nit volgen, authoritatem alicujus defugere. Maaler 200b. das adjectiv ungewertig läszt sich in zwei bedeutungen belegen: 'nicht gegenwärtig, nicht verläszlich': Hanns Bernher hat sich Oszwalds, seines diczeit ungewertigen sones, solcher richtung halbn gemechtigt (1487). mitth. d. vereins f. gesch. d. Deutschen in Böhmen 39, 200; richter, advocaten und zeugen waren im mindesten nicht verpflichtet, solchen unholden, ungetreuen und ungewärtigen leuten ihre dienste zu weihen. Möser patr. phant. (gedanken v. d. ursprung u. nutzen d. sogenannten hyen) 3, 342.
c) die verbindung mit dem verbum substantivum. auch hier macht sich die bedeutung 'gegenwärtig' geltend, die auf einer verblassung der grundbedeutung ('aufmerksam, erwartungsvoll') beruht. einzelne verwendungen gehören dem secundär eutwickelten absoluten gebrauch an:

ich gelob dir vier lange tuoch von Gint,
dasz alle, die hie gewärtig sind,
gemainklich müeszen jehen,
dasz si pesser tuoch nie haben gesehen. d. Neithartspiel, fastnachtsp. 466, 31;

mit zehen tausent gewapneter mannen gewertig zu sein. Aimon bog. c; der erhabenste hat seine schwachen, lässigen minuten — aber das ich — die selbstigkeit, erhält die kräfte in immer gleicher spannung; sie ist immer wach, immer da — immer gegenwärtig und gewärtig. Klinger (weltmann u. dichter) 9, 119; rechnen sie auf mich, ich stehe zu ihnen, wenn es gilt, und bin gewärtig, in jedem augenblicke, wo man mich ruft. W. Alexis Isegrimm 381.
2) der relative gebrauch.
a) die allgemeinere bedeutung: gewärtig sein, 'seine aufmerksamkeit auf etwas richten'.
α) die beziehung auf ein persönliches object prägt meist die bedeutung 'erwarten' aus: damahl fing ich an zimlich dürr und

[Bd. 6, Sp. 5350]


brechhafftig zuwerden, derowegen zerschnitte mich meine frau zu windeln, weil sie ehistens eines jungen erben gewärtig wär. Grimmelshausen Simpl. 519 neudr.; derhalben trachtete ich, wieder in Teutschland zukommen ... weil der commandant zur L. mir geschrieben, dasz ... er meiner noch vor dem frühling gewärtig sein wolte. (4, 6) 307; das prieflein hab ich heind auf den abend aug empfangen, darin vernumen des Friderigs zukunft, weln wir sein gewertig sein. M. Baumgartner an ihren gatten, briefwechsel 37 Steinhausen; vermelde dem herren mareschall, dasz ich seiner nebest einer angenehmen gesellschafft zu der abend collation in meinem lustgarten gewärtig. Gryphius Horribilicribrifax 55 neudr.; eʒ sien der artzet so vil ze Basel und (man sei) noch viler gewertig. Boos Th. u. F. Platter 220; die Jomsvikinger kamen noch früher als man ihrer gewärtig war, mit nur 60 schiffen. Dahlmann gesch. v. Dänemark 2, 100;

o, der gräuel, die sie sah!
blut in strömen! todte leiber!
Blaubarts alle zwanzig weiber
hingen, wie gewehre, da ...
weinend stürzt sie vor ihm nieder
und bekennet ihr vergehn.
gut! so weiszt du dein geschick!
jene dort sind dein gewärtig.
mache dich zur reise fertig.
Gotter (Blaubart) ged. 1, 53;

geh zur mutter!sie ist dein gewärtig.
Houwald heimkehr, 10. auftritt;

ach kaiserin, bist du noch nicht fertig,
ich bin des kaisers schon lange gewärtig.
Arnim schaub. 2, 33.


β) die verbindung mit einem object der sache.
1)) anknüpfung im genetiv.
a)) die bedeutung 'etwas hüten, pflegen' (vgl. auch sp. 5351): weliche dann der rod gewärtig sein und ain gemaine rod von oben herab und unden hin wider auf und iederman vor sten wer darein sten well und darzu gericht ist mit schiff und geschier. rodbuch von Imst (1485), österr. weisth. 3, 164; aldo irer vormundschafft vleissig pflegen und gewertig sein. Luther 12, 20 Weimar; du must deines nutzes auch gewärtig sein. Witzenbürger 3, 151;

du mst deins nutzs auch gwärtig sein,
das hat Esopus auch getriben.
Scheidt Dedekinds Grobianus 119 neudr.;

indem ich mich meiner frühen jugend erinnere, und immer des spruches gewärtig bin. Tieck S. Notanker 4, 219. vgl. auch 2)).
b)) die bedeutung 'etwas erwarten, auf etwas gefaszt sein': ... durch ergebung an dem teufel, mit dem teufel, und musz, aus dieser letzten verlöbnisz, einer heimholung gewärtig sein. Erasmus Francisci der höllische Proteus (1689) 555;

ich hatt üch geben, das ir götter werend,
auch das ir leben solten in eeren;
wie Adam mach ich, das ir sigen sterblich,
desz valsz gewertig.
Sixt Birck Susanna, s.
Bächtold schweiz. schausp. 2, 42;

er war einer stattlichen verehrung gewertig. Witzenbürger 3, 22; wie es ein sach ware, weisz ich nit, denn es traumte dem bruder, wie er ein kalb geboren und grosser straffe gewertig were. Kirchhof wendunm. 1, 492 Österley; und wiewol er alle mittel, sein gsundtheit wider zu überkommen, nicht underlassen, ist es doch alles umb sonst, darumb er teglich dess todts gewertig. J. Wetzel reise der söhne Giaffers (litter. ver. 208), s. 40; wir aber ettlich wochen lang eines andern schiffs sancta Cristina genanntt, von unsern herrn aus Marsillia abgeförttigt teglich gewertig gewesen. Krafft reisen 77; sein theil und wart an gütern ... daran er nach seiner mutter tode seines erbtheils gewärtig ist. Helfenst. urk. vom j. 1433 bei Schmid schwäb. wb. 517; da waren wir erst eines anderen (sturmes) gewertig, wie dann auch geschach. Rauwolf 12;

gewertig sein die feind kains hails
wann got der herr ist unsers thails.
Schwartzenberg 104, 1;

er ist kaum ihres flehens gewärtig
so hält er zum voraus sich mit der ausflucht fertig.
Hagedorn 2, 147;

alle fragen bestürzen, deren wir nicht gewärtig sind. Lessing (d. freigeist 1, 1) 2, 51; wir bleiben dessen gewärtig, dasz es noch dermahleins geschehen werde, we hope, wait, expect or trust that it will once come to pass. teutsch-engl. wb. (1716) 770;

o ihr sünder, unbuszfertig,
wandelnd auf des irrsals wegen,
seid des götterzorns gewärtig,
der euch allwärts droht entgegen.
A. Grün (gimpel) ged. 284;

[Bd. 6, Sp. 5351]



ihr dölpel, rief der mann, mit greszlichem gesicht,
nichts könnt ihr alle, sagt' ichs nicht?
flieht, oder seid des stocks gewärtig.
Lichtwer fabeln (d. wächserne nase) 172;

hier stand ein rathaus funkelneu —
bis auf die ratsherrn — fertig,
dort war der turm der domprobstei
noch seines knopfs gewärtig.
A. Blumauer Virgils Äneis 1, 354;

es ward der tag der feierlichen wahl
gesetzet und der auftrag mir ertheilt,
dich einzuladen, dasz du unverfehlt ...
erscheinest und der wahl gewärtig seist.
Uhland Ludwig d. Bayer 1;

wie dann der scharfrichter erst von haupt zu haupt, dann je bei dem zehnten mann innehielt und der gnade gewärtig war, ja selbst um dieselbe flehte. G. Keller (d. landvogt v. Greifensee) 6, 238; in dieser hoffnung ergab er sich mit stillen seufzern in sein schicksal und war der nächtlichen rippenstösse und des streites um die decke gewärtig, die es nun absetzen würde. (die drei gerechten kammmacher) 4, 224; er ist des todes gewärtig. Steinbach 2, 936; des krieges, eines besseren glücks gewärtig sein u. a. ebenda; sie ist ihrer niederkunft alle stunde gewärtig, she will soon be brought to bed. teutsch-engl. wb. (1716) 770; bedauere sehr, wars nicht gewärtig. Kotzebue dramat. spiele 1, 22; die morgendämmerung liesz die aus dem dunkel hervorleuchtenden figuren wie belebt erscheinen, als ob sie der dinge gewärtig wären, die da kommen sollten. G. Keller grüner Heinrich 3, 246.
c))

draus zog er mann bei mann hervor,
und raunt' ihm heimlich ding ins ohr: —
'wohlauf, wohlan! seid fertig;
und meines horns gewärtig!'
Bürger (die entführung) 217 Sauer;

und als er diesz mit fleisz gethan,
tritt er als ministrant
dem priester zum altar voran,
das meszbuch in der hand,
und knieet rechts und knieet links,
und ist gewärtig jedes winks.
Schiller (gang nach d. eisenhammer) 11, 253.

andere verbindungen mit dem gleichen object s. unter 7)).
2)) die anknüpfung im dativ, auf die bedeutung 'pflegen' beschränkt: zum achten sol die jaghut dem galdviech gewertig sein. österr. weisth. 4, 376; bist du des keysers geboten nit gewertig, so wirdt er dich hencken. Aimon bog. b; ain jeder geschworen, der gesetzt wurt, soll schwörn ain aid ... das er ... gleichs recht sprechen welle dem armen als dem reichen, dem reichen als dem armen, und darinn kainerlai ansehen darzue, weder schankung, miet noch gab nemen welle bei seiner seel seligkait, und dem rechten gewärtig sein. (lantsprach d. gerichts Schlanders 1490), österr. weisth. 4, 174.
3)) die überführung in den accusativ, auf die bedeutung 'erwarten' beschränkt.
a)) was er jederzeit gegen den feinden gedenckt, berahtschlagt oder fürnimpt, das soll er hergegen von seinen feinden auch besorgen und gewärtig sein. Schwendi discours von bestellung des kriegswesens 56b; also iebte sich in gten sitten und in briederlicher liebe, das man doch seligkait allein durch den glauben gewertig were. Eberlin v. Günzburg (freundl. u. tröstl. vermahnung) 2, 149; hiet dich, das du kain hilff annemst noch gewartig seiest, damit dir zehelffen, dann allain gottes trostlichs wort. 142; vilen ist wissend ... das die warhafftigen trewe diener der grossen fürsten, nit allein böse belonung entpfangen, sonder auch das noch erbärmmiglicher ist keinen danck für ire warhafftigen treüwen dienst, von solchen herren gewertig sein mögen. Hartmuth v. Cronberg schriften 103 neudr.; von welchem wir zeitliche und ewige gütter gewärtig sein können. Butschky hochd. kanzl. 304 (neben: etwas dessen man nicht gewärtig gewesen. 490); seind also ew. keiserl. majest. allergnädigste endlich-und willfährige resolution hierüber gewärtig, deren wir uns zu keiserlichen gnaden gehorsambst befehlen (1613). Londorp 1, 133b; der hofschauspieler herr Unzelmann hat ... sich auf die hiesige hauptwache in arrest zu begeben und weitere verfügung gewärtig zu sein. Göthe briefe 19, 431.
b)) der accusativ hat sich am consequentesten da durchgesetzt, wo eine person, von der man etwas erwartet, mit angegeben ist: am dinstag und mittwoch nach Letare lag die versamelt bawrschaft zu Newsesz, und was der ausschusz von inen uff iren furschlag antwurt gewertig. Th. Zweifel Rotenburg im bauernkrieg, Baumann 95; also muste das bedrängte Kolzester alles trostes, und alles entsatzes, den die belägerten von

[Bd. 6, Sp. 5352]


seiner königlichen hoheit zu wasser, und zu lande gewärtig, entbähren. Zesen gekrönte majestät 72; ein schön spiel ... erfreulich, weil wir von ihr gestr. eine gute verehrung gewertig sind. Gryphius Peter Squenz 18 neudr.;

antwortet ihm, vor mich, mit canoniren
auf diesen brieff. meint er uns zu vexiren:
vor dinten blut, und kugeln vor papir
soll er alsbald gewärtig sein von mir.
Matthäus Lüther belagerung und entsatz der stadt Wien 8 neudr., vgl. auch 5)), a));

du wöllest mögliche dienste von mir gewärtig sein, a me omnia in te studia atque officia, quae quidem ego praestare potero, expectes. Henisch 1594; von gott, der warhafftig ist, alles, so uns beid an seel und leib von nöten, seiner getreuwen und gewissen verheissung nach, wie er weisz, dasz iedem nutz und gt ist, gewertig sein. Kirchhof wendunm. 1, 211 Österley;

dir hat sie (d. gelegenheit) ihn übergeben
meines lebens vollgewinn,
dasz ich nun, verarmt, mein leben
nur von dir gewärtig bin.
Göthe (buch Suleika) 5, 144.


4)) andere formen der anknüpfung: durch diesen ... wirstu gewiesen, der trew und liebe, so du von Rosamunde gewertig bist. buch d. liebe 237;

drugen ein warmen hirsz inns schiff
in einem grosen hafen tif,
z zeigen an, das, wie sie könten
den hirs warm lifern an ferrn enden,
also weren sie allzeit gwärtig,
z dienen iren freunden färtig.
Fischart d. glückhafft schiff 192 (neudruck 8);

es warn auch gestern mitwochs hieher komen der statt Schwebischen Hall erber ratsbotschaften ... und warn der von Nurmberg und Dinkelspuhel ratsbotschaften auch hieher zu komen gewärtig. Th. Zweifel bei Baumann s. 101; auch, sagt er, werdest du dir keine hoffnung machen, jemals gnade zu seinen füssen zu erwimmern, wenn du nicht gewärtig sein wollest, im untersten gewölbe seiner thürme mit wasser und brod ... traktirt zu werden. Schiller (die räuber 1, 2) 2, 38; herr, wenn das ding in den zeitungen erschiene, ich wäre ja gewärtig, die Maria Stuart das nächste mal ganz ohne Elisabeth geben zu müssen. Houwald epilog zu Maria Stuart; sich wenigstens des jahrs zweimal zur communion einzufinden, oder im gegenspiel gewärtig zu sein, dasz ... corpus constit. Brandenb.-Culmb. 1, 253; ich bin es gewärtig, bin's völlig zufrieden, dasz morgen jemand kommt und mir sagt: deine braut hat ruhe, Agnes ist gestorben. Mörike (maler Nolten 2) 44, 245; dann der ritt über stock und block; wie die tonnen auf den kleppern schaukelten! war jeden augenblick gewärtig, einer kippte und purzelte. Alexis hosen d. herrn v. Bredow 2, 1, 96.
5)) von den verbindungen mit hilfsverben, die wir oben an gewarten beobachten konnten, sind es nur die mit sollen und müssen, die bei gewärtig sein günstigen boden gefunden haben.
a)) ir söllen ... gewertig sein gemainer und sonderer leiden, wie si gott auff euch wirt lassen fallen. Eberlin v. Günzburg (freundl. und tröstliche vermahnung) 2, 146; höhers unnd kümerlichers hertzenleid mag einem auff erden nicht zustahn, als so er von dannen, daher er allen guten willen solt gewertig sein, hingegen allerlei widerwillen ... musz erfaren. Fischart Garg. 339 neudr.; wo sie nun also, wie sie angefangen, fortfahren würden, solten sie auch hinfürt allezeit sig und triumpf wider ire feind ... gewertig sein. Josephus deutsch (1569) 142a; meinem getreusten cameraden Spring-insfeld schenckte ich zwölff reichsthaler, der rieht mir dargegen, ich solte mein reichthum von mir thun, oder gewärtig sein, dasz ich dadurch in unglück käme. Grimmelshausen Simpl. (3, 13) 245 neudr.; solte sich heben und fortpacken, oder gewärtig sein, dasz man ihm, als einem bösewicht, was anders wiese. Erasmus Francisci indisch-chinesischer lust-garten (1668) 1, 95; sol auch gewertig sein ihn auf freien, öffentlichen strassen zu attaquiren, und in allen compagnien zu schimpffen. Schoch komödie vom studentenleben 56 neudr., vgl. auch oben 3)), b)).
b)) müssen.
α)) wo die meuse mit den katzen essen wollen, do mussen sie einer scharffen tischzucht gewertig sein. B. Krüger Hans Clawerts werckliche historien 32 neudr.; sonder müssen solcher gnedigen gaben allein ausz lautter götlicher barmhertzigkeit hoffen und gewertig sein. Schwartzenberg beschwerung d. alten teuflischen schlangen 59a; darum ich mich in stich geben, und der sycophanten gifftigen natterbisz auch werde gewertig sein müssen. Hollonius somnium vitae humanae 71 neudruck.
β)) die gröst plag ist ein mensch dem andern auff erden

[Bd. 6, Sp. 5353]


dann einer dem andern beistand thn solt, so ermördet erst einer den andern auff dem lande, ja was schaden msz der mensch auff erden gewertig sein, von mancherlei schädlichen, vergifften und bösen thieren, das ob dem meer nit ist. verdeutschung von Petrarcas trostbüchlein (1559) 78a; was man am andern sihet, das musz man selber auch gewärtig sein. Henisch 1594; dahero betrachte ich, wan wir keinen lohn haben, so wir die feinde nicht lieben, was vor grosse straffen wir dan gewärtig sein müssen, wan wir auch unsere freunde hassen. Grimmelshausen Simpl. 70 neudruck; alle von dieses königs küchen, das ist, von seiner milten hand, alles was sie bedürffen, gewertig sein und entpfahen müssen. Kirchhof wendunm. 1, 207 Österley; also musz das heilig evangelion von der rechten und lincken seiten gewertig sein allerlei lesterung. Eberlin v. Günzburg (mich wundert, dasz kein gott im land ist) 3, 164 neudruck.
γ))

wer uber sich wirfft einen stein,
der musz wol selbst gewertig sein,
das, so derselbe felt herab,
ihn erstlich treff auff seinen kopff.
B. Krüger Hans Clawert 45 neudr.;

wer nun mit solchen leuten gemeinschafft, und gefallen an inen hat, oder vertheidiget sie, der ... musz gewertig sein, dasz ihn gott der mal eins mit den bösen buben hinreisse. Mathesius diluvium 302b; und müste wohl darzu gewärtig seyn, dasz er mit einem gnädigen staupbesen zum überflusz bedacht würde. Weise die drei ärgsten erznarren 96 neudr.; darnach müste er gewärtig sein, dasz ihm allerhand narrenschellen angehenckt, und er mit einem unrechten bericht abgewiesen würde. 31; in sölicher kewschait mag sich niemand verloben, sonder man musz von got gewertig sein, ob er ain mann ain mann wollt lassen bleiben und ain weib lassen ain weib bleiben. Th. Zweifel bei Baumann s. 29; (auf Formosa) mann und weib wohnen jeglicher in absonderlichen häusern und gehet der mann nur des nachts als heimlich zu der frauen, und musz noch gewertig sein, ob sie ihn wil einlassen oder nicht. Olearius anhang = beschreibung etlicher orientalischen inseln zu Mandelslos morgenländ. reise (1696) 161; auszer dieser hätten sie auch noch eine besondere sprache, nemlich die rothwelsche, e. g. uterflæ unsklä ... das wäre: wenn er nichts gesagt hätte, so hätte er nicht zu gewarten, dasz er gehencket würde; weil er aber bekennet, so müste er gewärtig sein, dasz er gehenckt oder gerichtet würde. Hildburghauser wörterbuch (1753 ff.) s. 24 bei Kluge rotwelsch 1, 222; übermorgen ist der siebente tag; dann muszt du gewärtig sein, dasz Landolt herkommt, deine entscheidung zu holen. G. Keller (landvogt v. Greifensee) 6, 203; (Hadlaub musz) im übrigen gewärtig sein, dasz er leib und leben verlieren kann. (Züricher novellen) 6, 103.
6)) verbindung mit dem reflexivpronomen:

die bürger sind sich schon aufruhr und tod gewärtig.
Zachariä 1, 179 (schnupft.);

gnädiger herr, sie werden verzeihen. — ich war mir eines so frühen befehls nicht gewärtig. Lessing (Emilia Galotti 1, 6) 2, 385 (vgl. auch unter gewärtigen); der herzog von Burgund war sich seiner nicht gewärtig, und erschrak heftig, als er den Eckart vor sich sah. Tieck (Eckart u. d. Tannenhäuser) Phantasus 1, 207 (1812); vgl. auch: nicht ... titel, welche akademieen verleihen, sind das errungene gut des durchschmerzten herzens! das gestählte herz selber ist es: die sich alles gewärtige seele. Rahel buch d. andenkens für ihre freunde 1, 310.
7)) das adjectiv ohne verbindung mit dem verbum substantivum.
a)) absolut gebraucht:

denn ihre kinder saszen schon gewärtig
mit froher ungeduld am tische zahnend.
Lenau neue ged. 12.


b)) mit abhängigem genetiv:

wir standen, keines überfalls gewärtig,
bei Neustadt schwach verschanzt in unserm lager.
Schiller (Wallensteins tod 4, 10) 12, 352;

entrollt steht auf dem plan
das heer, des kampfs gewärtig.
A. Grün (d. vogel an d. federn) ged. 273;

da mahnt sie und mustert die reihen in hast.
und tummelt, schon längst
des aufbruchs gewärtig, den thrakischen hengst.
Leuthold (Penthesilea 1) ged. 220;

längst schon dieses tags gewärtig,
nah ich so mich weise vor.
Grillparzer (d. traum ein leben) 7, 192;

während seines redens war der wildmeister, der etwas zu melden haben mochte, in das gemach getreten und, seiner

[Bd. 6, Sp. 5354]


zeit gewärtig, an der thür gestanden. Th. Storm (zur chronik von Grieshuus) werke 6, 156; es (d. pferd) weidet gesellig, unter einem wachsamen führer, dem winde entgegen vorschreitend, mit den nüstern und ohren immer der gefahr gewärtig. Hehn kulturpflanzen u. hausthiere (6. aufl.) 19;

wenn du, keiner list
gewärtig, bei verschlosznen thüren
einst unbeschützt in seinen händen bist.
Wieland (schach Lolo) 10, 337;

dasz die starken gehorchend stehn
jedes winkes gewärtig.
Göthe (Faust 3) 12, 223;

des dichters wink gewärtig,
melodisch klingt die durchgespielte leier. (kurz u. gut) 2, 5;

wedelnd, doch des winks gewärtig
sah der hund zum schulzen auf.
Joh. Friedr. Kind gedichte;

mein hoher herr, hier lieg ich dir zu füszen,
gewärtig dessen, was du mir verhängst!
H. v. Kleist (Käthchen 4, 3) 3, 105;

er fand die römischen provinzen unverändert ruhig und seiner gebote gewärtig. Ihne römische geschichte 8, 302;

ew'gen frieden uns zu stiften,
taucht er in die lebensflut —
steht mit vollen händen in der mitte,
liebevoll gewärtig jeder bitte.
Novalis (geistl. lieder 2) werke 1, 330 f. Heilborn;

die cavaliere waren abgestiegen und standen des danks gewärtig. Immermann 6, 73; gleich schönen, nackten, schlafenden mädchen liegen die dinge um uns her, der empfängnisz gewärtig. (epigonen) 3, s. 181.
c)) mit abhängigem satz:

über einem höllenreiche steht
die bange stadt, gewärtig jede stunde,
dasz es mit donners krachen sich entzünde.
Schiller (jungfr. v. Orteans, prolog 3) 13, 182;

so wandte sie sich nun anscheinend ganz ruhig zum gehen, gewärtig, wer sie begleiten würde, aber sich deswegen nicht unentschlossen aufhaltend. G. Keller (d. grüne Heinrich) 1, 236; er that diese frage mit anständiger wiszbegier, ohne spott, gewärtig, schon wieder etwas neues, vielleicht günstiges und rühmliches zu erfahren. (Martin Salander) 8, 9.
b) die besondere bedeutung der dienstbarkeit und dienstwilligkeit, vgl. dienstgewärtig theil 2, sp. 1126; sie ist an die verbindung mit einem dativ der person geknüpft.
α) der gebrauch auszerhalb der formelhaften verbindung mit synonymen.
1)) die briefe, die ihn in einer gemeinschafft zugehörten, das er die in ein gemein handt legte, do man ihn beiden damit gewertig were. urkunde von 1417 bei Haltaus 712; der meiger sol auch gebunden sin, daʒ er ein recken ziehen sol, domit er dem dorf sol gewartig sin. (weisthum v. Sundhausen) weisthümer 5, 534; zum sibenden ist angedelt, das ain ieder inhaber der zwai mallmiten zu Heisern beim schlosz Petersperg den gemainsleiten zu Haimbingen mit aller zuegeherung, was man zu beiden millen bedarf, gewertig sein solle. (ordnung zu Haimingen), österr. weisth. 3, 64; allhie ist ain ieder gerichtsman ainem hieigen pfleger auf ain pferd, mit welchem er dem gericht in fürfallenden nötten von obrigkait wegen gewertig sein soll, nach seinem gueten willen ain fueter ... zu geben schuldig. (landrecht d. pfleggerichtes Wartenfels), ebenda 1, 158; als ouch Götzman Múnch 6 marck silbergelts uff der stúr ze Múlhusen hat, die im lang nit waren worden, die gab er mir. die bestätet mir unser herr der kúng, und schreib den von Múlhusen, das sie mir dmit gewärtig weren. Henmann Offenburg chronik (1417), s. Basler chron. 5, 239; ock schullen de radt ore borger de up der ffrieheit to sunthe Egidien wonen, bi older ffrieheit latenn. sunder des schotes unde anderer overicheit sullen se sick na dem rade richten unde darmidde wu van older hergebracht, gewerdich sin. d. städtechron. (1510) 16, 545 (Braunschweig, d. schichtbuch); item man bestellet in der zeit ainen hauptman hie, was genant graff Ulrich von Helfenstain, mit 15 pfärden, darauf gab man im 1200 fl. ain jar, und solt hie in der stat mit haus sitzen und der stat gewertig sein als ain hauptman. Burkard Zink d. städtechron. 5, 169 (Augsburg); das wir ... ihn zu unserm rath und diener uffgenommen und bestelt haben ... also ... das er uns ... von haus aus raths und diensts in unserer statt Maintz gewertig sein soll. urkunde von 1521 bei Haltaus 712; mer sol ain jeder burger ainem jeden richter, wann er sein pegert, pei tag und nacht gewerdig sein. (marktartikel von 1590), österr. weisth. 6, 161; auch sol kain ausslender,

[Bd. 6, Sp. 5355]


der ... meinem genadigen herren von Admund und dem gotzhauss in dhainerlai gehorsam nicht gewärtig ist, dhain tuech versneiden. (banntaiding zu St. Gallen, anfang des 16. jahrh.), ebenda 6, 43.
2)) kain fred nit anstossen, pis er die offentlichen feind des römischen reichs ... im gleich und dem römischen reich gewärtig macht. Aventin (chronik) 4, 528; welche gegent ietzo ein tail dem ungarischen künig ein tail dem erzherzogen von Oesterreich gewertig ist. 68, ebenso 36. 543 (bair. chronik, kurz. auszug) 1, 170; alsz nu derselbig dasz schlosz einnam, beschicket er desz gottshausz arme leut und hindersessen, die muesten im schweren, im und der herschaft gewertig sein. J. Knebel chronik von Kaisheim 270 Hüttner; also dasz die bauren sich bewilligten, si woltem dem gotszhausz und seinem prelaten gewertig sein und pleiben und nit zu den pauren ... laufen. 434b; item, dasz ein abt den vier orten gewertig, und alle plätz desz closters ir offne heuser sein söllen. Stumpf Schweizer chronik (1606) 374b.
β) die formelhafte verbindung mit synonymen.
1)) das er uns mit rat und dienerschafft halben bis auf sein abschreiben, verwant bleiben, auch uns zu unsern geschefften gewertig und beraten sein will. urkunde von 1490 bei Haltaus 712; meinethalben lege mir nichts daran, wenn ich gleich noch erger von H. G. schriebe, denn er solt ja schier wissen, das ich nach seinem tollen kopff nichts frage, und im zu recht allzeit gesessen und gewertig bin. Luther (trostschrift für d. christen v. d. Mitweid 1535) 6, 325a Jena; wurde aber ain artzt, zu ainem gar armen ... beruefft, solchen armen dürfftigen kranckhen soll der artzt, on ainiche belonung, umb gottes willen ... gewärtig und willig ... sein. kärnth. policeyordn. fol. 37b bei Haltaus 712.
2)) also namen sie die wag ein an des kaisers stat und satzten den Caspar wider zu ainem wäger und muest in schweren, treulich (und) gewertig (zu) sein ainem kaiser. B. Zink d. städtechron. 5, 276 (Augsburg); er hett vormals auch gehört, wie etlich biderleut, die ... der stat alwegen treu und gewertig gewesen wären, die gar klainen oder üblen lon darvon pracht hetten. 202; ist ime (Isaac) der son gottes erschienen ... sein segen dahin gesprochen, das sein narung ime gediehen, sein weib unnd kind gehorsam, sein leutlein im treu unnd gewertig gewesen. Mathesius hochzeitpredigten 103 neudruck.
3)) aber welcher edelmann eine hofmarch hätte, und seiner gnaden in die landschaft nicht verpflichtet oder gewärtig wäre, demselben edelman soll man seine leute ohne mittel anlegen, es sei der grund sein oder ander. (1488), s. Krenner bair. landtagshandl. 10, 139; und voraus Pannonia hab obg'nant kaiser geben, dan nachdem es mit seiner macht iezo lang her bei dem römischen reich ... anhengig und gewärtig gewesen ist. Aventin (chronik) 4, 977; die hämermaister solten auch all unserm bropst gehorsam und gewärtig sein. (d. stiftes Admont rechte, hammerordnung 18. jahrh.), österr. weisth. 6, 278; es soln auch die obgemelten landleut den vorgemelden anwäldn, vitztumb, pflegern, richtern und ambtman gehorsam und gewartig sein. (landtaiding des landgerichtes zu Windisch Matrei), ebenda 1, 316; begeren darauf an euch ... dasz ir benanten unsern rat Georgen truchsässen alsz unsern obristen veldhaubtmann ... alsz lang diser zug und hilf weret, in billichen sachen gehorsamb und gewertig sein wellet. Georg v. Waldburg an erzherzog Ferdinand bei Baumann s. 534; ist unser ernstlich mainung, das alle inwoner und burger ... ietz geordneten ausschusz als der oberkait samptlich und sonderlichen in stetten, vorstetten, ampten, dörfern und weilern iren zimlichen gebotten und verbotten geharsam, gewertig und gevolgig sein ... sollen. Th. Zweifel Rotenburg im bauernkrieg, Baumann s. 444.
4)) ich n. gelobe ... herrn Ferdinandem dem dritten römischen kaiser ... getreu, gehorsam, und gewärtig zu sein (1615). Londorp 1, 219b; item ein jeder müller solt seiner herrschaft aid pflicht thn und selben mitt seinen diensten ... gehorsam, getrew, und gewertig z sein. Tengler laienspiegel (Straszburg 1511) 28a; soll darauf der vorgenant abbt Gerhart ... glübd und aide thun, unsz und dem h. reich davon getrew, gehorsam, und gewertig zu sein, zu dienen und zu tund, alsz sich von solcher lehen wegen gebürt. Maximilian belehnt d. abt zu Alpirspach mit d. blutbann 1504 bei Reyscher Würtenb. statutarrechte 49; so ihr unsere geschworne dorfrichter zu werden gedenket ... das ihr ... deroselben pflöger, wie auch

[Bd. 6, Sp. 5356]


lantrichter in ambt Märckhtl in allweeg getreu, willig und gewertig sein wollet. (banntaiding d. herrschaft Stein in Märktl), österr. weisth. 6, 391; welicher meins genadigen herrn von Admund hold und hindersäss ist mit hantgelobtn treun on ains geswornn aides statt, sein getreur und gewärtiger hold zu sein ... und das nicht hielt, der ist seine erib und paurecht verfallen. (banntaiding zu St. Gallen, anfang d. 16. jahrh.) 6, 41.
γ) die formel in der neueren sprache.
1)) als rechtsformel: alles, was lieb, getreu, hold und gewärtig war, muszte sich zu einer solchen urkunde verstehen. Möser patr. phant. 3, 345; Aristion sollte ... sich der höchsten gewalt in Athen bemächtigen und dafür seiner majestät in allen billigen und unbilligen dingen gehorsam und gewärtig sein. Wieland (Athenion genannt Aristion 7) 30, 322;

muss dem vaterlande dienen,
muss in rath und that dem herren
hold und treu sein und gewärtig,
muss ihm beistehn mit gewicht.
Herder (Cid 13) 28, 421;

und doch schwur er hernach (es kann ein jahr sein) mir immer treu und gewärtig zu bleiben.
Göthe (Reineke fuchs) 40, 52, ebenso 40, 82;

wir sind ihm (d. könig) unterthan und gewärtig, in dem was ihm zukommt. (Egmont 2) 8, 220; der herzog habe gelobt dem könige, seinen kindern und seiner königinn treu und gewärtig in jeder not zu sein. Dahlmann dän. gesch. 1, 473; herr kurfürst, da ich nun euer mann bin, so musz ich euch treu und gewärtig sein, das versteht sich. Alexis hosen d. herrn v. Bredow 2, 126; gott wolle geben, dasz ... die mannigfachen beweise der huld, ... in den herzen meiner nachkommen gegen das angestammte kaiser- und königshaus stets dieselben gefühle ehrfurchtsvoller liebe und persönlicher anhänglichkeit lebendig erhalten, mit denen ich eurer majestät als allerhöchstdero geborner brandenburgischer lehnsmann stets treu, hold und gewärtig sein werde. Bismarck an kaiser Wilhelm I., vgl. ged. u. er. 1, 244; sie verloren die kaum errungene landesherrliche gewalt ... suchten wie alle mächtigeren reichsfürsten verwaltung und rechtspflege ihres landes vor jedem eingriff der reichsgewalt zu behüten und blieben dabei dem kaiserhause hold und gewärtig. Treitschke d. gesch. 1, 26.
2)) nun, sie sollen meine tochter haben, wenn sie sie in ehren halten und ihr treu und gewärtig sein wollen. Gellert 2, 159;

Euphrosyna! Euphrosyna!
deinem liebsten treu gewärtig! —
seht, sie folgte ihm aus liebe
als ein klausner in die einöd'.
Z. Werner Martin Luther 5, 3;

eigentlich aber hat sich unser dichter zu einer freiwilligen armuth bekannt, um desto stolzer aufzutreten, dasz es ein mädchen gebe, die ihm deswegen doch hold und gewärtig ist. Göthe (noten z. divan, Suleika) 6, 148; wer übrigens viele wörter gebildet, gebraucht und in umlauf gebracht, ist am besten berechtiget und am meisten verpflichtet darzulegen, dasz er mit sprachbewuszt und im sprachgefühl der hochheiligen muttersprache allzeit hold, treu und gewärtig gehandelt. F. L. Jahn werke 2, 2, 610.
δ) die lockerung des formelhaften gefüges in der neueren sprache:

erstgebohrene tochter des ewigen, himmlische liebe,
dir jetzt flücht ich in arm, sei mir gewärtig und hold.
Kosegarten rhapsodien 3, 369;

'warum denn aber bei unsern sitzen
bist du so selten gegenwärtig?'
mag nicht für langer weile schwitzen,
der mehrheit bin ich immer gewärtig.
Göthe 47, 221;

ich weisz mir einen braven mann
mit ehr' und sitten angethan,
löblich höflich und dienstfertig,
der feinde schreck, den freunden gewärtig.
so edler sinn! so kluger verstand!
ein lichtes muster für stadt und land.
Immermann ged. 1, werke 11, 30;

du aber Medea, sei mir gewärtig.
Grillparzer (gastfreund) 5, 18;

seid mir gewärtig, götter. (Argonauten) 5, 50;

in jeder not
gewärtig seinem volke.
Wildenbruch kranzspende auf Th. Körners grab;

wozu denn haben andere neben mir besseren leib und schärfere sinne? werden sie mir nicht immer gewärtig sein zum liebreichen dienste wie jetzt. Schleiermacher (5. monolog).
3) die wörterbücher verzeichnen überwiegend die bedeutungsgemeinschaft von gewärtig sein mit gewarten: gewärtig, gewärtig

[Bd. 6, Sp. 5357]


sein, idem quod gewarten. Henisch 1594. im besondern ist es die bedeutung exspectare, die hier angemerkt wird, vgl. Bayer 290b u. a. Adelung bringt (2, 651) auch die verbindung treu, hold und gewärtig zur geltung, die von da ab namentlich in den historischen wörtersammlungen ihren platz beansprucht. vgl. dazu: gewärtig in der verbindung einem treu, hold und gewärtig sein, gehört zu den halb sinnlosen wörtern, bei denen man sich nichts recht bestimmtes denken kann. am natürlichsten heiszt es wohl so viel, als willig, jemands befehle zu erwarten, folglich auch zu erfüllen. allein wenn nun ein magister der weltweisheit schwört, der philosophischen fakultät, die er nach geschehener erhöhung nie wieder zu sehen entschlossen ist, treu, hold und gewärtig zu sein; wie läszt sich da an erfüllung der befehle denken? Heynatz antibarbarus 2, 1, 53. die mundartlichen wörterbücher zeigen, dasz das adjectiv in der bedeutung 'erwartend' noch heute lebendig ist: g'wärtig, i' bi' 's g'wärtig, ich erwarte es. Hunziker Aargauer wb. 119; gewärtig, adj. kəwætig Lenz, vergleichendes wörterbuch d. nhd. sprache mit d. Handschuhsheimer dialekt 28.
 
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gewärtigen, verb. , ableitung zu gewärtig, die jedoch nur einen theil des bedeutungsumfangs des adjectivs in die verbalsphäre überführt: gewärtigen ist, wenn auch einzelne verwendungen einen umfassenderen gebrauch erschlieszen lassen, doch im wesentlichen auf die parallele mit exspectare beschränkt, innerhalb der es namentlich den reflexivgebrauch sehr entwickelt zeigt. das älteste zeugnis steht isoliert; es gewährt aber einen deutlichen einblick in die entstehungsweise der bildung: ir salt keiner gnaden von mir gewertigen sein. Wickram Galmy 355, vgl.gewartend sein (österr. reimchronik, vgl. oben sp. 5341); gewarten sein (Fronsperger, Waldis, G. Forster frische teutsche liedlein, Sterzinger spiele, vgl. sp. 5342. 5343. 5346). nach einer anderen richtungder transitiven actionsartweist das spätere zeugnis Schottels: gewertigen, etwas zu zahlen gewertigt werden. 635. diese seite der entwicklung blieb jedoch in der litteratursprache wenig ergiebig, vgl.:

der reiche Max verstirbt.sein testament gewärtigt
dem, der die beste grabschrift fertigt,
zweihundert thaler honorarium.
nichts kann so leicht erworben werden.
Kretschmann (d. epitaphium) werke 2, 270.

wenn in diesen belegen die bedeutung 'gewärtig machen' vorspringt, so laufen in ähnlicher richtung auch die ältesten zeugnisse des regeren litterarischen gebrauches, der mit Lessing einsetzt und in der neueren sprache noch fortdauert. sie zeigen die form der reflexivverbindung, die das object der sache ursprünglich im genetiv eingliedert. indem auch hier der accusativ vordringt, weicht zugleich das reflexivpronomen zurück, und die fügung geht in die bedeutungsgemeinschaft mit gewärtig sein, exspectare über. wie weit dieser wandel in zusammenhang mit dem ältesten belege (aus Wickram) steht, entzieht sich bei der dürftigkeit der litterar. zeugnisse älterer zeit einem sicheren urtheil.
1) die reflexivverbindungen.
a) mit genetiv des sächlichen objectes: man hat meinen entschlusz sogleich nach W. gemeldet, und in einigen wochen kann ich mich von dorther der völligen erklärung gewärtigen. Lessing briefe (6. 12. 1771); es ist nicht abzusehen wie mit solchen gliedmassen versehene geschöpfe sich einer andern bestimmung hätten gewärtigen können. Kant 6, 238;

wer konnte
so freudigen besuches sich gewärtigen.
H. v. Kleist d. zerbrochene krug 4. scene;

die enge und beschränktheit der meisten häuser, welche mit unsern begriffen von bequemer und stattlicher wohnung nicht wohl vereinbar ist, führt uns auf ein volk, welches, durchaus im freien, in städtischer geselligkeit zu leben gewohnt, wenn es nach hause zurückzukehren genötigt war, sich auch daselbst einer heiter gebildeten umgebung gewärtigte. Göthe (Zahn's ornamente aus Pompeji) 44, 146; ohne den besitz einer gehörigen zahl fester plätze ... muszte Pyrrhus sich eines langwierigen und schwierigen krieges gewärtigen. Schlosser weltgesch. 3, 291.
b) die casusform des objects ist nicht erkennbar: er konnte sich nichts gutes von ihm gewärtigen, und versprach also demjenigen eine grosse belohnung, der ihn aus dem wege räumen würde. Lessing (hamburg. dramat. 40. stück) 93, 351;

den armen schelm, den hätt' ich abgefertigt;
vielleicht noch besser, als er sich gewärtigt.
Herwegh (die industrieritter) ged. u. krit. aufsätze 2, 9.


c) überführung des objects in den accusativ: ich musz mir in der nächsten woche wieder einen solchen fall gewärtigen.

[Bd. 6, Sp. 5358]


Göthe briefe 11, 46; wir erkennen den fürsten an, weil wir unter seiner firma den besitz gesichert sehen. wir gewärtigen uns von ihm schutz gegen äuszere und innere widerwärtige verhältnisse. (W. Meisters wanderjahre 3, betrachtungen) 22, 237; ein mensch, wie ein buch, kann dem sinne nach zerrissen werden, und dann kann man alles daraus machen. das pflegt sich Fichte beim anfang seiner bücher zu verbitten. dies recht des denkers an ein feindliches publikum, kann sich der mensch bei seinen freunden gewisz gewärtigen. Rahel buch d. andenkens für ihre freunde 1, 473.
2) die allgemeine parallele mit 'gewärtig sein', exspectare.
a) die ältesten belege entstammen auch hier der sprache Lessings, doch bietet dieser die verdrängung des reflexivpronomens nur da, wo das bedürfnis vorlag, das object der sache zum mittelpunkt einer passivconstruction zu erheben:

ja wohl! als wär von christen nur, als christen,
die liebe zu gewärtigen, womit
der schöpfer mann und männin ausgestattet. (Nathan 2, 1) 33, 43.


b) die anfügung des sächlichen objects im accusativ: wir werden von diesem grundsatz in ansehung der wahrheit niemals einigen aufschlusz gewärtigen können. Kant 11, 167; nun, lieber, binnen 3 wochen a dato ... gewärtige von ew. liebden folgendes. Wieland (an Merck) briefwechsel s. 86;

'du sollst hinein gelangen,
geh, Nischader, ohne bangen!'
so von den göttern abgefertigt,
gieng Nala, der nicht das gewärtigt,
eingieng er zum königsschlosse.
Rückert Nal u. Damajanti 27;

die recension des herrn professor Scherer gewärtige ich mit beklemmten herzen. G. Keller (brief v. 18. 3. 1878) bei Bächtold 3, 387; ich musz ... aufrecht erhalten ... dasz der königlichen regierung irgend eine offizielle, dahin zielende, glaubwürdige mitteilung nicht zugegangen ist. ich kann eine negative nicht beweisen. ich gewärtige von dem herrn, der die behauptung aufstellt, den beweis der affirmative. Bismarck preusz. abgeordnetenhaus 2. dez. 1863.
c) anknüpfung in satzform: zuletzt ward beschlossen einen herold an die katze abzuschicken und sie aufzufordern das schlosz zu verlassen, oder zu gewärtigen, dasz gewalt gegen sie gebraucht würde. Grimm (d. drei glückskinder) märchen 210; ich muss gewärtigen, dasz man mich in wenig monaten oder vorher wieder herbeiruft und hier behält. Bismarck an seine frau 23. 5. 1862. andere beispiele s. unter e), α).
d) vereinzelte anfügung eines objectes der person: heute gewärtigte sie dazu die beinah einzige familie, welche bei schönem wetter zuweilen noch gegen abend kam, um den kaffee im freien zu trinken. andere gäste hatte sie seit wochen nicht gesehen. G. Keller (Martin Salander) 8, 26.
e) wie bei gewärtig sein und gewarten, ist auch hier die verbindung mit hilfsverben beliebt; dabei finden sich formen der umschreibung, die nur an gewarten, nicht aber an gewärtig sein zu belegen sind.
α) er sah überdem kein mittel vor sich, seine schulden zu tilgen, ohne sich dem pastor M. aufs neue zu entdecken, dessen achtung und freundschaft er dann völlig zu verlieren gewärtigen musste. Moritz Anton Reiser 332 neudr.; gemäsz der doppelnatur, die in ihm waltete, erschaute er nun plötzlich die seltsamkeit, dasz er predige und lehre, während er allstündlich gefängnisz oder gar den tod gewärtigen muszte. Auerbach neues leben 3, 180; er sang an eine hartherzige oder spröde schöne um erhörung, und dasz diese so lange als möglich ausblieb, muszte er eben gewärtigen und ertragen wie jeder singer. G. Keller (Züricher novellen) werke 6, 70; ob ihre vorhabende Schweizerfahrt in diese oder eine spätere zeit fällt, musz ich freilich gewärtigen. (brief v. 18. 5. 1889) bei Bächtold 3, 623; ob 'Romeo und Julie' ... als einzelausgabe noch glück machen werden, müssen wir gewärtigen. (brief v. 25. 12. 1875), ebenda 219.
β) hätte ich nur geld und an einem andern orte arbeit zu gewärtigen, da reist' ich nach Reutlingen zu meiner bas' und zöge ganz weg aus der hiesigen gegend. Immermann (Münchh. 4, 6) 2, 137; wie ist es, herr hofschulze, von wegen des zweiten käses, welchen küsterei annoch vom hofe zu gewärtigen hat. (2, 9) 1, 383; man habe sonst die kriegserklärung Englands zu gewärtigen. Sybel begründung des deutschen reiches 3, 351; ein solches verfahren beginnt für den einzelnen gewöhnlich damit, dasz er ... von oben gunstbezeigungen und von unten

[Bd. 6, Sp. 5359]


schmähungen zu gewärtigen hat. verhandl. d. nationalversammlung zu Frankfurt (3) sp. 2105b; jetzt weisz er, was er zu gewärtigen hat, rief Leo abermals. Auerbach neues leben 2, 217; nach got. ... thiudinassus 'regierung' hätte man ein got. thiunassus 'das diener-sein, dienst' zu gewärtigen. Kluge etymol. wb. 72; sie sind aber ja ein hexenmeister an fleisz, wenn wir drei neue arbeiten zu gewärtigen haben. G. Keller an Storm (deutsche rundschau oct. 1903, s. 62).
γ) auf einer staubigen strasze balgte sich ein haufe angetrunkener jünglinge ... kurz, es war ... zu gewärtigen, dasz später am tage einige der freiesten männer nicht mehr auf ihren füszen würden stehen können. G. Keller (Martin Salander) 8, 77; letzterer wurde nun beauftragt, sich gehörigen orts zu erkundigen, wann die erlösung des grobschmiedmagisters zu gewärtigen stehe. Immermann (Münchh. 4, 9) 2, s. 152; da die königliche regierung ihrerseits ebenfalls an den auffassungen festhält, welche durch ihre organe bei berathung des budgets für 1862 vertreten worden sind, so steht zu gewärtigen, dasz die ergebnisse einer sofortigen beschlusznahme über den etat ... nicht förderlich sein werden. Bismarck reden 2, 15.
δ) ja, meine herren, wenn wir gewärtigen könnten, dasz, falls wir ihnen eine vorlage machen, sie sie mit besonnener würdigung der interessen des landes ... beurtheilen. Bismarck reden 3, 25. vgl. auch die zahlreichen beispiele unter 1).
 
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gewärtigkeit, f. , substantivbildung zu gewärtig (s. d.), das mit beiden bedeutungen ('dienstbereit' und 'achtsam') übernommen wird: gewärtigkeit, alacritas, promptitudo Stieler 2, 442.
1)

und in die hand des grafen
gelobten sonder scheu
sie ihm in allen fehden
gewärtigkeit und treu.
Reithard gesch. u. sagen aus der Schweiz 45.


2) entfernt von jener schlagfertigen gefasstheit und selbstgewärtigkeit. Stahr fr. 2, 9 bei Sanders nachtrag 610c.
 
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gewärtigung, f., nomen actionis zu gewärtigen (s. d.): gewärtigung, attente, espérance. nouveau dictionnaire (Straszburg 1772) s. 339a; Preussen ... verpflichtet sich, seine sämmtlichen activa aller art einzuwerfen in den concurs der übrigen deutschen staaten ohne gewärtigung eines äquivalents. Bismarck. unter dem einflusz von gewärtig, gewärtigkeit dagegen scheint die folgende verwendung zu stehen: Eugen nickte willfährig und doch konnte er es noch zu keiner freundlichen gewärtigung mit Kronauer bringen. Auerbach neues leben 2, 95.
 
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gewartung, f. , älteres nomen actionis zu gewarten. auch hier liegen sowol für exspectare als auch für servire zeugnisse vor.
1) zum funfften soll man inn beschedigungen oder verletzungen war nemen, ob die verdacht person auss neidt, feindtschafft, vorgeender trou oder gewartung einichen nutz zu der gedachtenn missethat ursach nemen möcht. Carolina 25 Kohler-Scheel. ebenso codex Bambergensis art. 32.
2) ich Otte von Hakenberg tun chunt ... dasz ich ... hern Ebrein dem apte und siner samnunge ze Zwetel gegeben mein gt ... umb daʒ guet daʒ si hieten ze Rabensburg und ze Hohenowe und umb alleiʒ ier recht und umbe alle diu gewartunge diu siu auf dem selben gt hieten (1294). stiftungsbuch des klosters Zwetl, s. fontes 2, 3, 293.
 
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gewas, gewass, n., mittelniederd., mitteld. nebenformen zu gewächs, vgl. sp. 4710. 4726.
 
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gewasgewitter, gewaswitter, n., zusammensetzung mit was, wasz, mittelhochd. waʒ, das wehen, der sturm, vgl. mhd. wb. 3, 538a. Lexer 3, 707. diese in Müllenhoff-Scherer's denkm. 22, 391 vorgetragene erklärung verdient den vorzug vor der älteren (vgl. mhd. wb. 3, 610b. Birlinger Augsb. wb. 195a) auffassung, die an das adjectiv wahs, wass, acutus dachte. wetter, gewittere ist ein durchaus neutraler begriff, der eine so deutliche individualisierung, wie sie in den belegen für gewaʒwetter = sturm, windwetter vorliegt, nicht wol aus einem allgemein gehaltenen, mehr verstärkenden beiwort erhalten konnte: dô kam ein grosz gewasz witter von groszen winden. fragm. 297, f. 11b bei Birlinger a. a. o.; do wart ain grôʒ sturmweter ... un ain grôʒeʒ gewaʒgewiter. s. Grieshaber pred. d. 13. jahrh. 1, 64; do kam och ain grôʒ gewaʒgewiter. ebenda; daʒ ist diu sache, die uns der prophête Jonas bewîset, dâ er sprichet 'und ist daʒ diʒ gewâswitter entsprungen ist durch mînen willen, sô werfent mich ûʒ in daʒ mer. predigt aus d. 13. jahrh., s. Germ. 7, 339; doch sô mag eʒ wol zuo verstân sîn, daʒ daʒ êrste gewâswiter entsprang in dem paradîse, und daʒ êrste gewâswiter entsprang under den engeln. ebenda.

[Bd. 6, Sp. 5360]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gewäsch, gewäsche, n.
1) das verbalsubstantiv zu waschen (s. d.) in der grundbedeutung von lavare beansprucht wenig beachtung: er ging hin und gewesche er nam, abiit ergo et lavit (Joh. 9, 7), mitteld. evangel. aus St. Paul bei Schönbach (Wiener sitzungsberichte 137) 111; gewasche, continual wasching Hilpert 1, 463b. andere, litterarische belege lassen sich nur erklären, wenn man den ungleich wichtigeren übertragenen gebrauch (s. unter 2) mit berücksichtigt: der kommt in ein gewäsche. rockenphilosophie 3, 3; schon seit drei tagen regnet es wieder unaufhörlich, und man riet mir ernstlich ab, mich unter solchen umständen in die gebirge zu vertiefen. aber ich dachte, ein ernster menschlicher wille wiege vor gott dem herrn schwerer als das gewäsch von einem paar commèren von wolken. Immermann blick ins Tirol (werke 10, s. 235).
2) um so ausgedehnter und ergiebiger ist dagegen die übertragene verwendung gewäsche = geschwätz, vgl.: gewäsch, vaniloquentia, nugae Gürtler 2, 74b. ähnl. Rädlein 381b. Aler 935a. Kirsch 180a. Steinbach 2, 947. Frisch 2, 279a; gewäsche, n., laverie (meton.) chiacchererie, ciarlerie, ciarle, conta-favole, massime di femine; geplauder, wäscherei, geschwätz etc. Kramer (1700) 2, 1262a; gewäsche ... a slabbering prating, prattling among gossiping women. teutsch-engl. lex. (1716) 770b; gewisch jewäsch = geschwätz. E. L. Fischer plattdeutsche mundart im Samlande 52. nach der allgemeinen erklärung wird diese verwendung von den unter 1) erwähnten verbalsubstantiv abgeleitet und aus übertragung erklärt. allerdings ist auch das verbum verhältnismäszig früh in entsprechender bedeutung belegt: von sinem (des lantgrafen Hermann v. Thüringen) tode ist manchir leie wan unde sage, daʒ iʒ beʒʒir ist geswegin wi her sin ende neme wanne daʒ man da von frevelichiu schrebe unde wusche. leben des heil. Ludwig s. 15 Rückert;

horet zu alle gemeine,
beide grosz und kleine;
ir jungen und ir alde,
horet zu also balde.
und ir alten vlattertaschen,
ir kunnet vil smetzen und waschen,
und wo man icht wil beginnen,
da wolt ir euch auch zudringen. spil v. d. besuchunge des grabes u. v. d. uferstendunge gotes, fundgruben 2, 298;

die alten wiber ich lerne
kebeln, swatzen und waschen. Alsfelder passionsspiel 438, vgl. auch 4531.

auch für Luther liegen noch belege vor: die im thor sitzen, wasschen von mir, und in den zechen singet man von mir. psalm 69, 13 (in der ausgabe des alten testamentes von 1524 und 1525: es redten widder mich, die im thor sassen, ebenso im psalter deutsch von 1525 u. a.). ebenso Sirach 20, 21. doch die zeugnisse für diesen übertragenen gebrauch des verbums sind auf ein bestimmtes sprachgebiet beschränkt, während der des substantivs allgemeiner ist (es fragt sich auch, worauf Frisch seine bemerkung gründet: wegen des lauts, den die plaudernde mit dem maul machen, heist vulg. waschen auch plaudern, schwätzen, garrire, blaterare. 2, 424b). dazu scheint es manchmal fraglich, ob die bedeutungsgemeinschaft zwischen substantiv und verbum nicht erst secundär herbeigeführt ist: narr! macht mir itzo den kopf mit euerm gewäsche nicht warm. Weise kom. opern (der ärndtekranz) 3, 391; nu, nu, gnädiger herr, die weiber waschen, und nicht kluge leute, wie ich. ebenda; 'und ich habe stillgeschwiegen, wenn ihr mit der frau drüben euer gewäsch getrieben habt'. 'unser gewäsch' ... rief die gattin und setzte ihre kaffeetasse klirrend hin ... 'es zeigt wenig gefühl, Hummel, dasz du um eines todten hundes willen deine gattin und deine tochter als waschfrauen behandelst'. G. Freytag (verlorene handschr. (1, 11) 6, 196. andererseits ist auszer dem verbum auch das nomen agentis mit gleicher bedeutung aus demselben sprachkreise belegt, überraschender weise nicht als femininum, sondern im genus des masc.: wescher, schwätzer North. str. 4, 96, vgl. Rückert das leben des heil. Ludwig 111; wenn einer lang geredt, mus er nicht auch hören? mus denn ein wesscher imer recht haben. Luther Hiob 11, 2. Jer. 5, 13. Sirach 21, 37. für einen vergleich, der an die thätigkeit beim waschen anknüpft, scheint auch die stelle zu sprechen:

vil mancher sagt und hât ein mûl,
daʒ halt er niht in twanc ...
sîn herze ist gein der gotheit fûl,
er irret guot gesanc,
sîn zunge glîch eim wescheblûl
sie setzt in ûf ein affenbanc. meisterlieder der Colmarer handschr. nr. 96. Bartsch s. 434.

[Bd. 6, Sp. 5361]


ein bedeutungszusammenhang zwischen der thätigkeit des waschens, des wäschers und dem heutigen gebrauch von gewäsch im sinne von geschwätz ist also gesichert; er fuszt aber nur auf einem engeren sprachgebiet, und es ist nicht gewisz, ob er primärer oder secundärer art ist. nach allen diesen richtungen ist eine andere erklärung günstiger gestellt, die nicht an die function des nomen actionis, sondern an die sachbedeutung, an das collectiv, anknüpft. wir finden: gewäsch, gepflätsch von verschüttetem wasser, gewassch, gepleng van gestoort water. Kramer (Nürnberg 1719) 2, 96c. ähnl. Frisch 2, 279a; gewäsch, verschüttetes wasser, ... lavage. nouveau dict. d. pass. (1772) 2, 279a; das gewäsch (gwasch, gwesch) geschwemme, zu dünn ausgefallenes, z. b. brühe, bier. Schmeller 22, 1039. denn es ist in zahlreichen verwendungen viel weniger das anhaltende sprechen, das den charakterzug bildet, als das inhaltslose, seichte.
zur form musz der bevorzugung der apokopierten form gewäsch gegen gewäsche beachtung geschenkt werden. die kürzere form überwiegt schon bei Luther (sprüche Sal. 27, 6. Jenaer ausgabe 5, 43b. 6, 43b. briefe 3, 83 u. a. gegen Weimarer ausgabe 9, 124. 20, 363) in solchem grade, dasz der bei ihm sonst beobachtete rhythmische wechsel zwischen kürzeren und volleren formen zur erklärung nicht ausreicht, zumal die andern verbalsubstantiva bei ihm (mit ausnahme von geschwätz) die vollere form begünstigen. auf die kürzere form beschränken sich Erasmus Alberus, H. Sachs, die fastnachtspiele, Fischart, Erasmus Francisci, Henisch, Duez. die volle form gewäsche ist auszer den wenigen belegen bei Luther zunächst nur bei Spangenberg und Opitz bezeugt, von da ab gewinnt sie für einige zeit die oberhand, so bei Fleming, Schoch, Kramer, Steinbach, Gellert, Lessing, Nicolai, Kosegarten, Hagedorn, Wieland. einige wenige zeugnisse für die kürzere form sind aus Lessing und Hagedorn anzumerken, bedeutsamer noch sind die schwankungen bei Herder (gewäsch 1, 385. 4, 164. 7, 387; gewäsche 1, 91. 5, 282. 7, 281) und Göthe (gewäsch 16, 24. 33, 117. 53, 193; briefe 2, 82. 103. 11, 149; gewäsche 1, 157. 40, 11. 33, 13). diese schwankungen sind theilweise von litterarischen strömungen beeinfluszt, vgl. DWB gewäsch bei Lenz, Klinger (11, 119 gegen 150), Hölty, Lavater. theilweise beruhen sie aber auch auf rhythmischem gefühl, vgl. Göthe 1, 157. in der neueren litteratur herrscht durchweg die gekürzte form vor, vgl. DWB gewäsch bei Schiller, Tieck, Grillparzer, E. M. Arndt, Hebbel, Moltke.
3) zum gebrauch ist hervorzuheben, dasz das wort auf den singular beschränkt ist. eine vereinzelte ausnahme bildet:

blieb er ein narr vor sich, so möcht es noch geschehen,
was uns nicht blasen macht, das kan ein andrer löschen,
geht hin: ihr werdet ihn in wochen-stuben sehn;
da kützelt er sein ohr mit richtenden gewäschen;
von daraus rennt er flugs die halbe stadt herum,
trägt schwachheits-mängel aus und bringt sie zu papiere.
Günther (d. entlarvte Crispinus) ged. 501.


a) unter den festen verbindungen mit verbis sind einzelne, die den charakter eines nomen actionis stärker ausprägen, während andere mehr der sachbedeutung zuführen.
α) ausprägung eines nomen actionis.
1)) wan ir bethet, solt ir nicht vill gewesche treiben. Luther 9, 124 Weimar;

ir vil der rockenstuben remen,
do rucken ie zwei und zwei zusamen
und spilen ein weil des kleinen genesch
und treiben mangerlei gewesch
mit worten uber ort geschliffen. spil v. d. vasnacht, s. fastnachtspiele 386, 3;

es soll sich auch ein jung gesell selbst wol fürsehen, das er mit denen, so uuzüchtigs gewesche und geberden treiben, nicht viel zu thun habe. Spangenberg ehespiegel (1562) 132a; darnach sollen eltern auch darauff achtung geben, das sie ihre kinder an die ort nicht gehen lassen, da sie wissen, das keine zucht in heusern ist, und da die kinder, aus böser gewonheit, unzüchtig gewesch pflegen zu treibeu. ebenda;

und die auszverschamten frösche
haben hochzeit schon gemacht.
treiben ihr koax-gewäsche
von früh' an bisz in die nacht.
P. Fleming geist. u. weltliche poemata (auf eines seiner besten freunde geburtstag) 419.

zu der beliebten verbindung frösche — gewäsche vgl. 3)) (sp. 5362).
2))

allein das ist die grosse that
des Witzeln, vil gewesch er fürt
mit einem wort den grund nicht rhürt,
man sehe alle sein bücher an.
E. Alberus controfactur, da Jörg Witzel abgemalet ist Aa.

[Bd. 6, Sp. 5362]



3))

ein schiltkrot sah zu wie die frösch
inn eim weirpful han ir gewäsch
und wie sie so ringfärtig waren,
schwummen wohin sie wolten faren.
Fischart ehezuchtbüchlein (1578) D 2b;

diese, wenn sie auf der catheder stehen, oder unter ihren büchern stecken, oder auch ein politisches buch über das andere schreiben, wollen für gewaltige policiiweisen angesehen sein, werden auch offt, von vielen, dafür gehalten; wie der frosch, da er ein grosses gewäsch hören liesz, von den leuen in consideration gezogen, nachmals aber, da dieser ihn sahe, verachtet und mit füssen getreten ward. Erasmus Francisci lustige schaubühne 2, 559. zu dieser übertragung auf die thierwelt, die beim frosch noch durch den reim frösche, gewäsche unterstützt wird (vgl. auch sp. 5361. 5364), ist auch das folgende sprichwort in betracht zu ziehen: am gewäsch den gimpel, den segler am wimpel. Wander 1, 1650.
β) annäherung an sachbedeutung.
1)) weisz auch fast wohl, daz sich viel ärgern, und grosz gewäsch draus machen, dasz ir euer schwester tochter zu der ehe genomen habet. Luther briefe 3, 83 de Wette; und ist gewisz dasz unter 1000 gelehrten kaum 20 rechtschaffene leute gefunden werden, die von der antiquität und studiis politioribus, als von welchen doch herr Antonius und Leonhard am meisten handeln, und ein sehr grosses gewäsch machen, gar wenig oder wohl gar nichts verstehen. Heckel (Jenaer dissertation 1693); aber es (was uns begegnet ist) ist drumb nicht eben ein werk, davon viel plauderns und gewäsches zu machen sei. juncker Harnisch aus Fleckenland 304; ein gewäsch aus etwas machen, far canzone di qualche cose. Kramer (1700) 2, 1262a; der sophist Radowitz hat heute wieder sein trügerisches gewäsch gemacht, aus dem sich gar nichts ergiebt. nach und nach merken es doch die leute, was das für ein jämmerlicher bursch ist. Varnhagen tagebücher 6, 418.
2)) damit sie aber sich an mir rächen möchte, weil ich ihr wegen begangenen leichtfertigen stückgens die köstlichsten worte nicht sagen lassen, richtet sie ein abenteuerliches gewäsche unter den leuten ... an. der grosze klunkermütz (1671) 129.
b) für den gebrauch namentlich der neueren sprache bleiben die verbindungen mit verbis jedoch ohne wesentliche bedeutung; viel wichtiger ist für die gliederung hier die frage, ob das substantiv mit oder ohne attribut, resp. eine entsprechende bestimmung, in den satz einbezogen wird.
α) absoluter und relativer gebrauch.
1)) beim relativen gebrauch ist es die verbindung mit einem subjectiven genetiv, die dem substantiv den charakter eines nomen actionis aufprägt.
a))

sie (die frau) sagt mir offt die warheit fein
und list mir den kalender her.
folgt ich ihr, mir oft nützer wer,
ir und auch meinen kleinen kinden.
doch lasz ich mich ir gwäsch nit binden,
ich geh imer mein alte weisz.
H. Sachs (d. losz man mit d. mumleten weib) 17, 148 Keller-Götze;

ich habe zuweilen mit grosser verwunderung mit angehöret, wie offters ihrer zween oder mehr, nur umb ein eintzig wort sich wohl 3. oder 4. stunden, nicht ohne sonder gelächter oder verdrusz der anwesenden andern, dermassen herumb gekampelt, als wenn alle leibes macht daran gelegen were, ... und wenn sie ihr geschrei und gewäsche endlich mit mühe und arbeit zu ende bracht, hat unter ihnen keiner gewust, warumb er gestritten. Schoch comödie vom studentenleben 1, 1 Fabricius; ich hoffe also, man nimmt mit diesem wenigen vorlieb, oder, vielmehr, verzeiht's mir, um der freude willen, mein gewäsch nicht länger anzuhören. Bräker der arme mann im Tockenburg s. 136 Bülow;

ich kam wol, wie es scheint, zum unglück auf die welt,
weil mir der thoren maul so unerträglich fällt,
dasz ich offt zweiffeln musz, wann ihr gewäsch mich kräncket,
ob zeit und stunden dann so flüchtig, als man dencket.
Hagedorn versuch einiger gedichte: der schwätzer (neudruck s. 45);

'von allem seinem gewäsche verstehe ich blos, dasz er mich gern von hier fort haben will, von welchem verlangen ich nun aber wieder den grund nicht einsehe' sagte der baron. Immermann 2, 51.
b)) sagen sie mir aufrichtig, mein herr, klingt dieses nicht vollkommen, wie das gewäsche eines mannes, der sich gedrungen entschuldigt, und eigentlicb nicht weis, was er sagen soll. Lessing (5. brief an herrn P.) 53, 52; don Sylvio, dem

[Bd. 6, Sp. 5363]


das gewäsche des Pedrillo beschwerlich war, bediente sich des vorwandes, dasz er während der nachmittagshitze ein paar stunden ruhen möchte, um ihn zum schweigen zu bringen. Wieland (Sylvio v. Rosalva 5, 3) 12, 25; man nennt die verse seichter dichter, welche reimen, gereimte prose, wie aber soll man das gewäsche gleich seichter dichter nennen, welche nicht reimen. Lessing (d. neueste aus d. reich d. witzes, april 1751) 43, 399; bei gott! das war nicht das gewäsch eines narren — ich hab einen eid gethan, und werde mich meines kindes nicht erbarmen, bis ein Doria am boden zuckt. Schiller (Fiesko 1, 12) 3, 39. die weiterentwicklung dieser verbindungen vgl. unter c).
2)) der absolute gebrauch andererseits führt das substantiv in die reihe der abstracta über.
a)) etliche leute meineten, er ... vermocht auff wenigst, ein halb latinisch schrifftlin zu machen ... aber nu sehen feind und freund, das sein ding gewesch ist. E. Alberus wider Jörg Witzeln G 8b; seine philosophie ist oft gewäsch, und falsches gewäsch. Biester an Bürger 17. 9. 1777; überall wird die poesie nachahmerin, und die theorie derselben schülerin der schönen künste, oder sie ist gewäsch, wie fast alle, die wir haben. Herder 4, 164; und nicht immer in einer form gelernt, die zum vorbilde der denkart des jünglings, zu seiner anwendung, weisheit und glückseligkeit diente: oft mit gezänk und gewäsch, verbrämt mit zoten und poszen, die für einen weisen, geschweige einen lehrer der jugend, nicht gehören. werke 11, s. 161 (briefe an Theophron 1);

was durch ein testament dir etwan wird bescheiden,
das mehre selber auch, gewäsche zu vermeiden.
Opitz (Cato) 1, 311.


b)) wenn wir gleich teglich schreien mit dem munde ich gleube, gleube, so ist es doch nur ein gewesche. Luther 20, 363 Weimar; die schlege des liebhabers meinens recht gut, aber das küssen des hassers ist ein gewessch. spr. Sal. 27, 6; das ist ein wind und gewäsch dass eine schand ist. Göthe briefe 2, s. 105; indessen ist diese schrift kein gewäsche, wie man sie unter diesem titel dem publico hat aus den händen raisonniren wollen. unter der nachlässigen weitschweifigkeit dieser briefe verkennt man die denkenden köpfe. (recension: über den wert einiger deutscher dichter) 33, 13; genug, auszerordentlich viel anerkennung und so, dasz ein vernünftiger mensch sich darüber freuen kann, kein gewäsch. Hebbel briefe 1, 195; was wird das für ein gewäsche werden? Lessing (der junge gelehrte 3, 15) 13, 361, ebenso 348; was für ein gewäsch, dass der könig Christian die beamten nicht ihres eides entbinden will. Moltke ges. schriften 6, 421; soll ich alles für aberwitz halten, was ich teutsch gedacht, soll ich alles für gewäsch halten, was ich teutsch geredet habe? E. M. Arndt geist der zeit 2, 435.
c)) noch lange zeit nicht aber so kocht mir das blut in allen adern, wenn man hier und dar diesz und jenes, hinten und forn, unten und oben, ein langes, und ein breites von euch redet. ich bin biszweilen so gifftig, wenn ich das gewäsche von euch höre, dasz ich das wasser kaum halten kann. Stranitzky ollapatrida des durchgetriebenen Fuchsmundi (Wiener neudrucke 10) 328; mich verdriesst, dass ich nicht streiten mag mit dem gewäsch und geträtsch. Göthe briefe 2, 82;

einer wollte mich erneuen,
macht es schlecht: verzeih' mir gott ...
ich verfluchte das gewäsche,
rannte meinen alten lauf. (rechenschaft) 1, 157;

sonderlich aber blewen sich etlich des adels mit solchem gewessch. Luther 12, 241 Weimar; miszbrauche meine geduld nicht länger, sagte don Sylvio, der von allem diesem gewäsche nichts begriff; erzähle mir ordentlich und von anfang an, was dir begegnet ist. Wieland (Sylvio v. Rosalva 4, 2) 1, 191; nimm dies gedicht zur hand! dies gedicht? dies gewäsch! das hätte doch eher noch einen sinn, wie wir des weitern sogleich darthun werden. nach einem kurzen gespräch ... treten plappernde bürger auf. blätter für litterarische unterhaltung (1840), nr. 208.
β) den breitesten raum nehmen die charakterisierenden attribute ein.
1)) sonderlich wenn meister klügel drüber kompt, der die heilige schrifft gar auswendig und auff dem negelin kan, der sihet es, aus grossem reichthum seines geists, fur eitel, faul, tod gewesche an. Luther vorrede auf die propheten, s. Bindseil 7, 335;

[Bd. 6, Sp. 5364]


nun kommt das mährchen vom hasen! (dessen anklage gegen Reineke)
eitel leeres gewäsche.
Göthe (Reineke fuchs 1) 40, 11;

den steifen ernst, das wortgepränge
verweist die Alster auf das land.
du leeres gewäsche
dem menschenwitz fehlt!
o fahr in die frösche,
nur uns nicht gequält.
Hagedorn (die Alster) poet. werke 3, 125;

verläumdet nicht, und spielt nicht die kokette,
wird durch kein leer gewäsch entzückt.
Hölty (an einen freund) 72;

es ist nur ein gewäsche, ein blosses, eitles, purlauteres gewäsche, non sono che chiacchere, che ciancie. Kramer (1700) 2, 1262a; verlogen gewäsche, mendaciloquium. Kirsch corn. 2, 151a; dazu kam ein hofmeister, der in die familienverhältnisse genug eingeweiht war, um in das leerste gewäsch ein wort mit hineinwerfen zu können. Grillparzer (selbstbiographie) 19, 113; Bileam sei selbst die eselin gewesen, mit der er den dialog gehalten: 'wie kommts, dasz meine alte eselin plötzlich so scheu wird? mag sie sich nicht etwa gar einbilden, einen engel gottes zu sehen?' u. dgl. unstatthaftes kindisches gewäsch mehr. Herder werke 11, s. 169 (briefe an Theophron 2).
2)) sich zum volke herablassen, hat man geglaubt, heisse: gewisse wahrheiten (und meistens wahrheiten der religion) so leicht und faszlich vortragen, dasz sie der blödsinnigste aus dem volke verstehe. diese herablassung also hat man lediglich auf den verstand gezogen; und darüber an keine weitere herablassung zu dem stande gedacht, welche in einer täuschenden versetzung in die mancherlei umstände des volkes besteht. gleichwohl ist diese letztere herablassung von der beschaffenheit, dasz jene erstere von selbst daraus folgt; da hingegen jene erstere ohne diese letztere nichts als ein schales gewäsch ist, dem alle individuelle application fehlt. Lessing (brief an Gleim 22. 3. 72) 12, 352; alles übrige (in der schrift) ist flaches gewäsch, ohne einen einigen allgemeinen blick, ohne verstand, ohne kenntnisz, ohne laune. Göthe (die erleucht. zeiten) 33, 117; ein paar schriften, die guten, wirst du wohl gelesen haben, und das übrige ist langweiliges wiedergekautes gewäsch ex efficio. K. Lessing (an seinen bruder) bei G. E. Lessing 13, 620; der Deutsche, der wahre, anschauliche begriffe von den sch. k. zu fassen, theils nicht immer gelegenheit, theils auch immer einen härteren kopf hat, als Italiener und Grieche — für den ist nun Batteux ein mann! sein seichtes gewäsche, ohne beispiele, proben und anschauen, ist ihm statt anschauen, proben und beispiele. Herder werke 5, 282 (recensionen); das gespräch zwischen schüler und Mephistopheles ist eine von der haupthandlung ganz isolirte episode, in der einige wahre und isolirte bemerkungen in einem meere platten gewäsches ersäuft werden. Spaun (protestation gegen die Staelsche apotheose des göth. Faustus) litteraturdenkmäler 129, 18.
3)) da er in der vorrede seines unnützen gewesschs, welchs er ein schutzrede nennet, meine dreizehende proposition streiffet. Luther (wider Jacob Hostraten) 1, 61a Jena; obs wol ein gros, vielleicht auch ein unnütz gewessch bei etlichen angesehen wird. 5, 43b; wie sie jtzt alle bücher voll schmieren, und alle kirchen vol speien, mit solchem unnützen gewessche, das sie selbs nicht verstehen. 6, 43b; das heist Christus battologiam ein gewesch, unnutz geschwetz. 28, 78, 2 Weimar; unnütz gewesch, battologia, multiloquium. Henisch 1598; gewäsch, unntz gewäsch, n., un vain caquet, vain discours, babil, causerie. vani-loquentia, nugae, garullitas. Duez teutsch-lat.-franz. dict. (1664) 198a; ein unnützes gewäsche, nugae inanes. Steinbach 2, 947; ich lasse das unnütze und gernwitzige gewäsch weg, was nichts zur sache beiträgt. J. v. Sonnenfels briefe über die wienerische schaubühne (Wiener neudrucke 7, s. 252); was gut (an dem buche) ist, verliert sich unter einem unnöthigen gewäsche. Winckelmann (versuch einer allegorie 1) 2, 477; er hüte sich, dem leser durch unnöthige weitläufigkeit und unzeitiges gewäsche langweile zu machen. Wieland Lucian 4, 134.
4)) Semmelziege. alle nationen haben dergleichen (menschenfleisch zu essen) immer verabscheut, denn es ist zu unnatürlich. Leidgast. unnatürlich? dummes gewäsch! L. Tieck (leben u. thaten d. kleinen Thomas 2, 3) 5, 551; sei meinetwegen ganz ruhig, und glaube mir auf mein wort, es steht mit dem Merkur bei weitem nicht so übel als du dirs nach dem einfältigen gewäsche der H. vorstellen musztest. Wieland an Merck 127; dieses nonsensicalische gewäsche hat man beinahe so verworren,

[Bd. 6, Sp. 5365]


als es im original ist, zu einer probe stehen lassen wollen, von einer dem Shakespear sehr gewöhnlichen untugend, seine gedanken nur halb auszudruken. Wieland Shakespeare (Lear 5, 7) 1, 320 anm.; er mahlet einen rabulisten ab, dessen nichts bedeutendes gewäsche er verlacht. Lessing (3. brief an herrn P.) 53, 48.
5)) o pfui, das ist gewäsche, nichtssagendes gewäsche! Immermann (epigonen) 7, s. 241; siehst du nichts davon in diesen linien? siehst du nichts davon im urbilde — o freund, so ist jedes wort dieser schrift dir unerträgliches, unverstehbares gewäsch in einer fremden sprache. Lavater physiognom. fragmente 1, 209; ich solle ... mein leben selbst beschreiben; damit nicht ... irgend ein ... skribler aus windigen, und übel zusammen reimenden gerüchten, ein gallsüchtiges, kümmerlich zusammengestoppeltes gewäsche über mich zu markte brächte. Kosegarten rhapsodien 3, 144; du bist mir unausstehlich mit deinem schwimmenden, unzusammenhängenden gewäsche. Klinger theater 3, 283; Werther stiesz, für einen so hartverwundeten beinahe mit zu heftiger stimme, viel unzusammenhängendes garstiges gewäsche aus. Chr. Fr. Nicolai freuden des jungen Werthers (Kürschner bd. 72, s. 375); ja ich habe ihr vorgestammelt, was zu sagen ich ewigkeiten gebraucht haben würde und sie hat mein unzusammenhängendes gewäsch verstanden. R. Lenz der waldbruder 2, 1 (ebenda bd. 80, s. 189).
6)) das erbärmlichste gewäsch habe ich auf den kanzeln gehört. K. Ph. Moritz reisen eines Deutschen in England (d. litter. denkm. 126) s. 147; der verfasser hat einen niedrigen geist, da er uns hier ein pöbelhaftes gewäsche über die guten und bösen recensionen von seiner eignen entbehrlichen recension vorlegt. Herder (recension in der Königsberger zeitung) 1, 91; dieser untröstbare gatte setzt sich unter die leichen hin und stellt eine gemeinplatz-betrachtung über den tod an; das schändlichste gewäsche, das jemals ein jesuitenschüler in der rhetorischen classe als ein schulexercitium zu markte gebracht hat. Wieland (die bunkliade) suppl. 5, 121; ich war still und merkte nicht auf das, was er sagte, ja ich hatte ihm den rücken zugewendet. sobald als die bestie ihr ungefälliges gewäsch geendigt hatte, sagte der herzog zu mir. Göthe (Benvenuto Cellini cap. 5) 35, 193; ich speise bei dem grafen ... da tritt herein die übergnädige dame von S. ... mit ihrem herrn gemahl und wohlausgebrüteten gänslein tochter ... und wie mir die nation von herzen zuwider ist, wollte ich mich eben empfehlen, und wartete nur, bis der graf vom garstigen gewäsche frei wäre. (leiden des jungen Werthers) 16, 104; das ist alles garstiges gewäsch, was ich da von ihr sage, leidige abstraction, die nicht einen zug ihres selbst ausdrücken. 24.
7)) indessen war dieses schülerhafte rhetorische gewäsche ... die allgemeine mode in unsers autors zeit. Wieland Shakespeare (Richard II.) 5, 43 anm.; ich bin etliche jahre auf universitäten gewesen und habe das gelehrte gewäsche mit angehört. Gellert 2, 223; wer kritik gekostet hat, den ekelt das dogmatische gewäsche ... an. Kant 3, 295; das politische gewäsch ... über seine (des monarchen) regierung. Klinger 11, 119, 150; eine übersetzung des n. t. im sinn ihres geistes und in der fülle unsrer sprache! — aber freilich schön klaszisches gewäsch könnte sie nicht sein, denn auch die urschrift derselben ist nicht schön klaszisch. Herder (erläuterungen zum neuen testament 1775) 7, 387; das deutsche, schwerfällige, systematische, mit terminologie beladne, auf stelzen gehende, philosophisch-ästhetische gewäsche, — der auf dunstender kohlengluth aufgewärmte enthusiasmus, womit sie es nicht vergulden, sondern verkupfern — ist von allem deutschen gewäsche das unerträglichste für einen mann, der an klarheit gewöhnt ist. Klinger betrachtungen 1, 94; wider frau Schnips hat mir ein geistlicher ... ein langes, frommes passendes gewäsch zugeschickt. Boie an Bürger (1. 12. 1781); wogegen des albernen, oberwähnten präbendarii Sterne, mit so vielem prahlerischen wörterkram versprochene theorie von den knopflöchern, wahres kehricht und sentinisches gewäsch sein müszte. Lichtenberg vermischte schriften 3, 118; ein so altes, herrliches stück (Hamlet) mit aller seiner charakteristischen, rohen stärke aufgeführt, hätte doch, in dieser süszen zeit, wo auch hier die sprache der natur conventionell schönem gewäsch zu weichen anfängt, den fall zuweilen wieder einmal gebrochen. 228; der kunstrichter hält dies fast für nothwendig, und nennt es, ästhetisch gewäsch, wo immer gedanke vom

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ausdruck abgesondert, behandelt wird. Herder 1, 385; das Pariser gesellschaftliche gewäsch, die falschen, lügenhaften wendungen verführen ihn oft, wider besser wissen und gewissen, und auf einmal dringt seine bessere natur, sein groszer geist wieder durch. Göthe briefe 11, s. 149; um so lieber habe ich ihre erinnerungen, wegen des theoretisch-praktischen gewäsches genutzt und bei einigen stellen die schere wirken lassen. 10, s. 268; die einzige streitlose auskunft ist, zur quelle zu kehren, aus der jeder bach und jedes krüglein, vom bache geschöpft, ist: das ist, streitet nicht symbolisches und antisymbolisches gewäsche, wo norm und norm, und bürgerliche rechte und freiheit zu denken, in ewigen verwirrungen der gesichtspunkte bodenlos hadern werden, sondern erkläret, erhellet, erläutert die bibel. Herder (an prediger, fünfzehn provinzialblätter 1774) 7, 281.
8)) auch rühmende epitheta werden, ironisch gemeint, angefügt:

so toll erhaben gewäsch in reimlos ametrischen zeilen,
seh ich für verse nicht an, mir ist es rasende prosa.
A. G. Kästner sinngedichte (Kürschner bd. 73, 114);

Melboe, als der wolf gestern dein lamm stahl, ... in Abels heerde ging ich nun, dir ein anderes zu wählen. da hättest du nur hören sollen, was für kluges gewäsche mir der junge vormachte, von arbeit und mühe, warten und pflegen bei tag und nacht. Fr. Müller (Adams erstes erwachen) 1, 72.
c) im dienste der charakterisierung steht auch die composition, zu der sich die unter b, α, 1)), b)) angeführten verbindungen weiter entwickeln.
α) weibergewäsche Kramer (1700) 2, 1262a. ähnl. Ludwig 770b. Bayer 290b. Aler 935b; 'weibergewäsch!' murmelte er. 'siebzehn jahre fort; der kommt nicht wieder.' Th. Storm (Hans und Heinz Kirch) werke 6, 35; sollten manche berühmte magistri nostri zu unserer zeit ihre vorlesungen herausgeben oder sie ihnen entwandt werden, welch dürftiges knabengewäsch bekämen wir oft zu lesen! Herder (recensionen und kleine schriften) 9, s. 427; wo kann ich auch nur die erste ode mit dem kindergewäsche durchkommen? werke 5, 305 (recensionen);

wer in gedichten den krieg mir erklärt, dem soll es verziehn sein;
doch blos ekel erregt kritisches ammengewäsch.
Platen (verächtliche ohnmacht) 2, 293.


β)

dann aber weiszt du nicht,
was als erfindung rühmen uns romantiker:
histörchen, abentheuer, plattes volksgewäsch,
statt folgerechten gegenstands entwickelung.
Platen (d. romant. Oedipus 5) 4, 185;

(ein stadt-gewäsche), weibergewäsche, comtefavole del popolo ò novelle de vicchie. M. Kramer (1700) 2, 1262a; ein niederträchtiger, neidischer mensch hat hier, bei gelegenheit einer vorlesung, wirklich gebrauch davon gemacht (hat verse vorgetragen, die gestrichen waren) und mich in ein abscheuliches stadtgewäsch verwickelt. Platen (an G. Schwab 1. 4. 1826) 6, 272; unsre recensenten fahren hoch daher, wenn sie nicht brückengewäsch, und statt bücher, bogen lesen sollen; ich schreibe aber für keine recensenten. Herder (erläuterungen zum neuen testament) 7, 351; wie will er lieber hungern, ja verhungern und umkommen, ehe er ihren löblichen weg einschlage und sich durch ein unsinniges kathedergewäsch sein brot erstehle! (denkmahl Johann Winkelmanns 1777) 8, s. 443.
γ) oder wird sie (die nachwelt) glauben, dasz die deutsche sprache ein so niedriges, haberechtiges, lästerndes zänkergewäsch gewesen — als in den gelehrten anzeigeblättern erscheint. Jahn deutsches volkstum (8, 1) 376; liesz (sic!) Johannes im verfolg und suche die sprache in den quellen, die so reichlich fliessen: verachten wirst du die marktbude von elendem naturalismus und proselytengewäsch, in die man die worte Jesus und der apostel, als der hirn- und herzlosesten jesuiten und miszionäre auflöset. Herder (erläuterungen zum neuen testament 1775) 7, 411; seine kenntnisz der geschichte ist wickelwackel und seine kritik kikelkakel, coteriengewäsch der salons nach ausgestandener oper oder nach einem concert, wie wir es täglich vernehmen. Zelter an Göthe, briefw. 6, 174.
δ) er (E. Schlegels erster theatral. versuch) enthält das kalteste, langweiligste alltagsgewäsche, das nur immer in dem hause eines Meisznischen pelzhändlers vorfallen kann. Lessing (Hamb. dramaturgie, stück 52) 93, 403; wir wollen den innern frieden der höher ist als alles kriegs und friedens gewäsche zu erhalten suchen. Göthe briefe 10, s. 249; dies ist auch die geschichte der kunst bei allen völkern. vom himmel entsprang sie: ehrfurcht, liebe, ein funke der götter brachte sie hinunter, schuf

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ihr irrdische form an, und erhielt sie einige, wiewohl kurze zeit lebend. nun ward sie abgötterei, sodann kunst, sodann handwerk, und endlich, die grundsuppe von allem, kennerei, trödelkram und kunstgewäsche. Herder (plastik) 8, s. 79; nicht bald hat mich eine arbeit so angeekelt, ja ich treffe gar den rechten ton nicht. halb ohnmächtig, halb demütig, halb stilisiert, halb aktengewäsch. Grillparzer tagebücher 122.
 
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gewaschen, verb., verstärktes waschen (s. d.), nur vereinzelt und in der älteren sprache belegt, s. Lexer nachtr. 208:

vor Ludewîges seldenlêrte man si daʒ,
daʒ si dô diente heldendaʒ nieman konde baʒ
gewaschen in diu kleiderin Ormanîelande. Gudrun 1058, 3;

daʒ du mir an den fuʒen iht geweschen sollest umb ein har, non lavabis mihi pedes. (Joh. 13, 8), mitteld. evangelienwerk aus St. Paul bei Schönbach 130a, ebenso 130b (Joh. 13, 10. 13, 12); komt aber es von dem bsen magen was man es denn gewscht, so stinckt im doch der atem. Ortolf v. Baierland arzneibuch (s. l. s. a.) 27a.
 
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gewaschen , participiales adjectiv zu waschen.
1) die attributiven verbindungen geben der bedeutungsentwicklung im allgemeinen wenig anregung.
a) busenlöffel, bubenlöffel, stubenlöffel, die thut uns auch herbringen, und gewaschene löffel, eng jungfraulöffel. Fischart Garg. 131 neudr.
b) gewaschen eisen, s. eisen sorten. Chomel (1751) 4, 1040; gewaschen eisen, gehet von denen hohen öfen oder blaufeuern ab, wenn der sinder, nemlich die schlacken, gepocht, im poch-werck gestamffet, das ist, geseigert wird, da denn das leichte im wasser mit weg gehet, das gute aber bleibt, und solches heist wasch-eisen. Zedler univ.-lex. (1735) 10, 1379; gewaschen gold Chomel 4, 1040.
c) 'liebes gewaschenes seelchen' ist der verliebteste ausdruck auf Hiodensee. Göthe (maximen und reflexionen) 49, 56; ich kann hoffen, dasz solchergestalt ein tüchtiger gewaschener kerl aus ihm herauswachsen werde. Bürger (an G. Leonhart 26. 1. 1778). die beiden beispiele weisen auf zwei verschiedene richtungen hin, nach denen sich die übertragung der vorstellung der reinigung entwickelt hat. die eine richtung, die in der älteren geistlichen litteratur gepflegt wurde und die von hier aus wol auf die volksanschauung zurückgewirkt hat, ist schon durch den bibeltext angeregt, vgl.: gisahun sume fon sinen iungoron mit unsubren hantun, thaʒ ist ni giwasganen hantun. Tatian 84, 2 (Marc. 7, 1 communibus manibus, id est non lotis manibus, mit ungewaschenen henden. Luther). dazu vgl. die ausdeutung durch Christus: non quod intrat in os, coinquinat hominem, sed quod procedit ex ore. die volksthümlichkeit, deren sich diese übertragung erfreute, läszt sich am besten an der negierten form des particips weiter beobachten, wobei einige wenige beispiele für die mannigfaltigkeit der abstufungen zeugen mögen: aber die satyra ... das spotlich straffgedicht hat iren namen von den satyris, wölche allwegen ungewäschen und geile abgötter seind gewesen. Alpinus Vergilius deutsch 14b; vergangen jahr hatte auch ein ungewaschen maul geplaudert, ich müste bei dem herrn ambtmann narr sein. Chr. Weise die drei klügsten leute der welt 172; ein ungewaschener verleumbder und falscher bruder. Butschky hochd. kanzelley 2, 325. vgl. dazu die zahlreichen belege bei Stieler 2246.
2) auf einen andern ausgangspunkt weist das beispiel aus Bürger; obwol es sich in der bedeutung mit einigen dieser verwendungen aufs engste berührt, führt es doch deutlich auf eine bestimmte feste verbindung zurück, auf die in der zwangslosen sprache beliebte wendung sich gewaschen haben. zum ursprung vgl. die negierte wendung aus dem 17. jahrh.: er hat sich nicht gewaschen, dicitur de homine inculto, incivili, quasi parum nitidus et dignus ad rem aliquam. Stieler 2446. die positive wendung wird im letzten drittel des 18. jahrh. aus der zwangslosen sprache in die litteratursprache aufgenommen: ich will ein buch schreiben, das sich gewaschen haben soll. Schönaich ästhetik in einer nusz s. 67 neudr.; ich will ein anderweites hocus-pocus machen das sich gewaschen haben soll. Göckingk an Bürger (bei Strodtmann 2, 86). zahlreich ist die redensart bei Bürger selbst belegt, der überdies das bild, das ihr zu grunde liegt, gern wieder auffrischt: von welchen (hexametern) ich mir, gott verzeih' es! einbilde dasz sie so gut, als irgend ein teutscher hexameter, hände und füsze und sich — auch gewaschen haben soll. (an Voss bei Strodtmann 2, 18); ich habe wieder ein paar neue gedichte gemacht, die sich an händen und füszen gewaschen

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haben. (an Dieterich, vgl. 2, 239). doch vgl. auch: in Aschersleben habe ich noch 75 morgen reine schöne länderei, die sich gewaschen hat. (an Dieterich, vgl. 2, 236); das waren doch noch fürsten, pardiöh, die sich gewaschen hatten. F. Ch. Laukhard Eulerklappers leben (1804) s. 125. vgl. Kluge studentensprache s. 92;

allein aus solcher fährlichkeit.
noch eh' wir recht vernommen
dass er gegangen sei, zurück zu kommen
mit ganzer haut, und just zu rechter zeit
zum mittagessen:
das nenn' ich eine ritterthat
die sich gewaschen hat.
Wieland (des maulthiers zaum) 18, 321;

'Genua liege auf dem block, sollst du antworten, und dein herr heisse Johann Ludwig Fiesko', 'was ich anbringen will, dasz sichs gewaschen haben soll'. Schiller (Fiesko 2, 15) 3, 72; lieber Baum! ich hoffe, dasz du dato ein grünender baum seiest, einer, der sich gewaschen hat. G. Keller bei Bächtold 1, 357; die Berliner! die haben sich gewaschen! das ist die hohe schule! M. Halbe mutter erde 2.
3) vereinzelt stehen einige ältere sprichwörtliche verwendungen, die Henisch (1595) bucht:

alte lumpen rein gewaschen
helffen manchem ausz der aschen.

wans der mann selber nicht kompt, da wirdt im das hembd nicht wol gewaschen. ebenda; die ist mit einer schusterschwertz gewaschen, das ist, ich lasz sie sein, wie sie ist. 1598.
 
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gewäschig, adj. , abgeleitet von gewäsche in der übertragenen bedeutung.
1) vom anfang des 17. bis zum ende des 18. jahrh. wird das adjectiv in den wörterbüchern getreulich fortgeführt: dolosa lingua, geweschig Eyering proverb. copia (1601) 1, 750; geweschig, garrulus Henisch 1598. ähnl. Aler 935b. Bayer 290b. Steinbach 2, 947. Kirsch 180a. nouveau dict. (Straszb. 1772) 339b. Campe 2, 360 (aber nicht mehr bei Adelung): gewäschig für geschwätzig, musz heiszen waschhaft. Heynatz 2, 1, 54. für die Wiener mundart führt noch Loritza das adjectiv an: gewaschig, geschwätzig, plauderhaft. neues idiot. Vienense 51.
2) die litterarischen belege setzen ebenso früh ein, reichen aber nicht soweit wie die wörterbuchnotizen: das volk schweiget nit, sondern ist gemeinlich waschhaftig oder gewäschig, was es im hause sieht oder erfährt, das trägts bald in allen häusern aus. Colerus hausbuch 6; derwegen verbeut der heilige Hieronimynus, ... das man nicht sol versoffene, geile, fürwitzige oder geweschige ammen nehmen. Georg Viviennus weiberspiegel, deutsch von Joh. Barth a 3b; aber die bestürtzung seiner leute, oder das gewäschige geschrei verrieth seinen (Gotarts) fall in kurtzem durch das gantze fechtende her. Lohenstein Armin. 1, 1019b; in denen mäulern derer gewäschigen weiber. J. Ch. Kundmann seltenheiten der natur und kunst.

 

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