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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
gewandschnitt bis gewandsweise (Bd. 6, Sp. 5301 bis 5303)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gewandschnitt, m., nomen actionis zu gewand schneiden in der bedeutung von tuch ausschneiden, verkaufen, vgl. auch DWB gewandkauf. das compositum steht also mit dem worte kleiderschnitt (vgl. theil 5, sp. 1082) in keiner bedeutungsgemeinschaft. es ist aus niederdeutschenspäter auch aus mitteldeutschen quellen belegt; in oberdeutschen denkmälern finden wir die vereinzelte stelle der Augsburger rathsdecrete mit der form gewandschnitz.
1) id si zu wissen, dat gein man, hee sij, we hee sij, geine flockendoich binnen Coelne brencgen ... sall ... bi wilchme brgere sulche doiche vonden wurden, der en sall ouch achter der tzijt numberme mit deme gewantsnede sich geneiren. handel m. fremden tuch (1407), acten z. verfassung d. stadt Cöln 2, 171 Stein; dit is der eit dergheenre, die den gewantsnit bewarent. (1413), 1, 283; item den gewantsnit zo dubbelen, also zo verstain, daevan men bissher 1 marck van einem doiche gegeven hedde, dat men nu vortan daevan 2 marck

[Bd. 6, Sp. 5302]


geve ind so vortan. (1487), 2, 630; auff 24 tag jener anno etc. 1517 hat ein erber rat Jacoben Höchstetter, darumb das er mit verkauffung seines gewands gegen den pauren bisher so gar beschwärlich gehandelt hat, den gewanndschnitz auffgehöpt. Augsburger rathsdecrete, s. d. städtechron. 25, 81 anm.; soll nhiemandt, von den gewandtmechern oder gwandtschneidern alhier ... so das ambacht und den gwandtschnidt nicht haben, iniche gesellschafft zu gewinn ... halten. hallordnung des gewands für Düren bei Bonn materialien zur gesch. von Düren s. 46; niemand soll anderswo, als in seinem laden gewand schneiden, und soll ein jeder in dem erbe, wo er seinen gewandschnitt treibet, ein eigenthümliches anpart ... haben. Danziger willkür (druck v. 1761) 171; dass nicht wenige personen, so nicht ihrer zunft, auch dessen nicht befugt wären, eines gefährlichen gewandschnitts sich unternehmen, und ... allerlei tücher ... vertrieben. kurf. sächs. mandat von 1626 bei G. L. Funke 4, 234; es soll auch keiner, der nicht seines handwercks ein tuchmacher ... einiges gewandschnitts in städten oder dörffern inn- und ausserhalb der jahrmärckte, sich unterfangen, oder untüchtige tuche vertreiben und verschneiden. ebenda s. 235.
2) aus dem bedeutungsgehalt (detailhandel mit tuchen) trat die vorstellung des besonderen objectes zurück, so blieb nur die allgemeinere vorstellung des kleinhandels übrig: sein rath wäre er fienge einen gewandschnitt mit tauben an. denn wo ein paar sechs pfennige gülte, und er verkauffte tausend, so hätte er unfehlbar zwantzig thaler und zwantzig groschen. Chr. Weise die drei ärgsten erznarren s. 106 neudr.
3) die wörterbücher verhalten sich diesem in oberdeutschen quellen so selten belegten substantiv gegenüber lange gänzlich ablehnend. erst Frisch 2, 421 verweist auf Carpzow: den tuchhandel oder gewandschnitt hatten die tuchmacher nicht. zittauische chron. 4, 162; Chomel 4, 1040 bezieht sich auf die oben angeführten sächsischen landesgesetze. bei beiden ist es wie bei Haltaus (700), Scherz (544) litterarische überlieferung, die das wort zur aufzeichnung bringt, nachdem der eigentliche gebrauch schon abgestorben war. daran schlieszen sich an: Adelung 2, 651. Campe 2, 359. Voigtel 2, 80; der gewandschnitt, tuchhandel, le negoce, trafic de drap. Schwan (1782) 1, 743; gewandschnitt, verkoping van 't wolle laken, by de el of in 't kleene. Weissenbach 437a; gewandschnitt, cloth-trade. Hilpert 1, 463a.
 
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gewandschrank, m., gleichbedeutend mit kleiderschrank, vgl. theil 5, sp. 1082:

dann im gewandschrank
nahm sie den festschlafrock von stahlblauwollenem damast.
J. H. Voss Luise 2, 106.


 
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gewandschreiter, m., vgl.: item, ain itlicher sneider oder gewantschreiter, der sol ain tuch aigenlich messen, als pald es im zu pracht wirt, e daʒ ers gesneit. österr. weisth. (Kaltern, Tirol) 5, 303 (variante schneiter). gemeint ist hier jedenfalls nicht der tuchhändler (gewandschneider), sondern der schneider. ob verschrieben für gewandschrœter?
 
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gewandstall, m. die zusammensetzung soll nach Westenrieder in der bedeutung von gewandkammer und ähnl. gebraucht worden sein: nahmen die herzen von dem gewandstall irer verstorbenen leibeigenen das beste gewand. glossar. germ. lat. 205.
 
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gewandstange, f.: gewandstange, furca bicornis, perticas sustinens. Kirsch 180a.
 
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gewandstein, m., s. gewannstein.
 
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gewandstoff, m. zusammensetzung, welche die am einfachen gewand verloren gegangene bedeutung von pannus wieder zurückgewinnt, vgl. DWB kleiderstoff: auch zeigte ich das höchst künstliche und zierliche besteck, da wurde die hausfrau verdrieslich, dasz sie leer ausgehen sollte, nach einer pause um ihre geduld zu prüfen zog ich endlich den gewandstoff hervor, das räthsel war aufgelöst. Göthe (an Bettina januar 1808), schriften der Göthegesellsch. 14, 164.
 
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gewandstricker, m., vereinzelte form für gewandweber: gewandtstricker de sweren ock ... besunderen einen eedt. nd. rechtsbuch 143b, s. Schiller-Lübben 2, 98.
 
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gewandstück, n. zusammensetzung, die den engeren begriff von vestis im gegensatz zu vestimentum hervorhebt, vgl. kleidungsstück theil 5, sp. 1084: der junge könig hingegen schleppte sich in den ungeheuren gewandstücken mit den kleinodien Karls des groszen, wie in einer verkleidung, einher. Göthe (dicht. u. wahrh.) 24, 322;

der du an dem weberstuhle sitzest ...
du beginnest weislich und vollendest
emsig, und aus deiner hand empfängt
jeglicher zufrieden das gewandstück. (vorspiel) 11, 261;

[Bd. 6, Sp. 5303]



zeit und gelegenheit kommt, wir stiften ein schönes gewandstück
oder gerät — ich habe das noch so genau nicht erwogen,
wie oder was — nur dasz wir die kirche bedenken vor allem!
Mörike idylle vom Bodensee, 2. gesang;

an dem in die bretterwand eingelassenen fenster sass eine alte dame, eifrig beschäftigt, an gewandstücken dieser art zu flicken und zu schneidern. L. Schücking in dunkler nacht s. 92; da diese decke oder tapete für keinerlei gewandstück zu brauchen war, so achtete niemand weiter darauf. G. Keller Züricher novellen (Ursula) 2, 146; in den büchern meines groszvaters läuft bis zu seinem seligen ende eine jährliche ausgabepost: zehn pfund taback und ein gewandstück für den armen Krischan Möller. Th. Storm (söhne des senators) werke 7, 309; diesem (tuch) folgte alsbald unter mühseliger und gefahrvoller häutung noch das eine oder andere gewandstück, bis er zuletzt in greuelvoller unbekleidung dasasz. (d. herr etatsrath) 6, 197; die schweren bauschigen gewandstücke, die seine madonnen umwogen, sind die nämlichen, die Bernini 150 jahre später seinen engeln gab. Muther gesch. d. malerei 2, 37.
 
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gewandstütze, f.: gewandstütze, pedamen, pedamentum. Kirsch 180a. wol nicht zu gewand = paries gehörig.
 
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gewandsweise, adv. mit den bedeutungen 'bildlich, zum scherz, uneigentlich'. diese lieszen sich mit Schmeller 22, 942 zur not aus in gewandes wîse erklären, falls diese verbindung aus der älteren sprache zu belegen wäre. da diese anhaltspunkte aber fehlen (vgl. Grimm zu Reinhart v. 2571), liegt es näher, an die verhochdeutschte form zu quantsweise (vgl. theil 7, 2314) zu denken und das compositum von dem noch nicht genau ergründeten niederd. wort quant (tand) abzuleiten.
1) der älteste litterarische beleg entstammt aus Olearius: bedenck einmahl, wie die göttliche kunst dir deinen finger mit sehr vielen zusammenfügungen vereiniget hat, darumb würde es eine rechte vermessenheit oder ein zeichen der thorheit sein, dasz du deinen finger woltest aufrichten, gewandsweise zu bezeigen, dasz du gottes wissenschaft durchgründen köntest. pers. baumgarten 8, 3. daran reihen sich verwendungen bei Lessing und Herder: 'noch', fängt er (d. recensent) an, haben wir die antiquarischen briefe des herrn Lessing ... nicht ausführlich angezeigt.' nein! aber gewandsweise ihnen schon mehr als einen hieb zu versetzen gesucht! Lessing (entwürfe z. fortsetzung d. briefe antiquarischen inhalts) 153, 113; bilden sie sich wohl ein, dass Plinius nirgends von der kunst des steinschneidens ausdrücklich handeln wollen. er gedenkt blos bei gelegenheit der steine ... etwas von dieser kunst ... weil er, wie gesagt, nur gewandsweise von der sache spricht. (28) 103, 318: unverkennbar ist dies der geist des christenthums, seine native gestalt und art. nur dunkle barbarische zeiten haben den groszen lehnsherren des bösen, dessen angebohrnes erbvolk wir sein, von dem uns gebräuche, büszungen und geschenke zwar nicht wirklich, aber gewandsweise befreien könnten, der stupidität und brutalität antichristlich wiedergegeben. Herder werke 18, 296 (briefe zur beförderung der humanität 10, 123); wie nimmt man sich seines eignen baufälligen hauses an? man bessert es ernstlich oder reiszt es nieder und bauet ein andres; in beiden fällen aber erkundigt man sich, was denn eigentlich schadhaftes an ihm sei. der ungenannte gab vieles dafür aus, was es nicht ist; Leszing nahm vieles, was er dafür erkannte, gewandsweise, gymnastisch in seinen schutz. 193 (9, 111).
2) die wörterbücher führen die redensart als eine mundartliche an: Adelung 2, 651 hat sie für Schlesien und Niedersachsen angemerkt, wobei er auf Richey, Kilian u. a. hinweist (vgl. unter quantswise), ihm folgen Campe u. a. Vilmar kurhess. idiot. belegt die verbindung für Oberhessen, seltener für das schmalkaldische; Hertel weist sie aus dem thüringischen gebiet (sprachschatz 253) nach. diese verbreitung zeigt, dasz wir es nicht mit einer vereinzelten mundartlichen wendung, sondern mit einem gemeingut der norddeutschen zwangslosen sprache zu thun haben, wie dies ähnlich schon Voigtel (2, 80) beobachtet.
die erste lexikalische anführung entstammt aus Stieler: gewantsweise, simulate, in speciem, vulgo: pro forma, alio dialecto est quant, unde quanten. s. 2500, vgl. auch 2483; gewandsweise, par finesse, sous quelque pretexte. Pomai 132b; gewandsweise, in schyn, voor't ooge. Weissenbach 437a. als bevorzugte verbindung ist in den wörterbüchern die mit reden, sprechen beobachtet: (was in einer comedie) gewandts weise geredet wird oder zur seiten, what one speaks aside in a play. teutsch-engl. lex. (1716) 770; nur gewandsweise von etwas sprechen, toucher ou parler d'une chose en passant. Schwan 1, 743 (1782); gewandsweise

[Bd. 6, Sp. 5304]


sprechen, zum schein, als vorwand; auch: nur so obenhin, ohne es ernstlich zu meinen. Vilmar 125.

 

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