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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
gewälze bis gewan (Bd. 6, Sp. 5234 bis 5236)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gewälze, n. , s. DWB wälzen. Campe 2, 359, Heinsius 2, 431 verzeichnen für dieses verbalsubstantiv nicht blosz die bedeutung eines nomen actionis (ein wiederholtes, anhaltendes wälzen), sondern auch den übergang zur sachbedeutung: etwas, das sich wälzt, herabwälzt, vgl.schneegewälze. die erste bedeutung ist auch litterarisch belegt. auszuscheiden von diesem zusammenhang ist der mundartliche gebrauch der gleichen wortform in der thüringischen redensart da hab' ich mein gewälze nicht, der hat sein gewälzchen gehabt.
1) das nomen actionis in der grundbedeutung:

wie? oder wenn romantisch im gehölze
ein leiser laut zu deinen ohren drang,
und in der wellen silbernem gewälze
ein mädchen sammetglieder schwang.
Schiller (an einen moralisten) 1, 249;

alles schien
voll gröszter lust, hier auszusteigen
und in dem grün anmuth gen schweigen
der wiesenhügel auf dem grund
des festen landes zu vertreten
die füsze, unter denen rund
die meereswelle mit dem steten
gewälze schon seit tagen rollt',
und fragend sahn sie noch Isold'.
K. Immermann (Tristan u. Isolde) 13, 218.


2) das thüringische substantiv gewälze, gewälzchen: gewälze (gewälz), n. schlenderndes mässiges umhergehen, bequemes faules umherliegen, behaglichkeit, ungeniertheit ... da hab' ich mein gewälze nicht. Regel Ruhlaer mundart 193; do' hät ä üm sî gewälzchen geht, da hat er einmal seine wahre lust gehabt. ebenda. Regel will das wort als verbalsubstantiv zu walzen deuten und erinnert an eʒ muoʒ nu walzen als eʒ mac (mhd. wb. 3, 478) und an den rechtsbegriff der walzenden grundstücke, vgl.welzende stücke landes, theilbare güter, quae pro lubitu possessoris possunt dividi et alienari. Frisch 2, 420c, vgl. Schmeller 22, 911. in beiden fällen ist jedoch die letzt gewonnene bedeutung das ergebnis einer entwicklung von wälzen, volutare, die für den thüringischen ausdruck nicht vorausgesetzt werden kann. viel eher könnte die folgende niederdeutsche belegstelle hier angezogen werden:

de molen jowelck wicbelde
mit truwer hode bestelde,
dat becker unde bruwer
darinne nicht worden schuwer,
de also sulvest to vorheghen ...
de bruwer mit orem molte
hedden denne dar r gewolte. Braunschweiger schichtspiel 1151, d. städtechron. 16, 139.

doch ist sie aus dem zusammenhang nicht sicher zu deuten. dagegen kommt Spiess (beiträge zu einem hennebergischen idiotikon 78) dem ziele näher, indem er auf wälzetag verweist: wälzentag ... der nicht mehr kirchlich begangene dritte feiertag der hohen feste, an welchem besonders die jungen leute aus der stadt aufs land gehen, um sich ein

[Bd. 6, Sp. 5235]


'pläsir' zu machen. ebenda s. 274; wäälzedôk, m., dritter (aufgehobener) feiertag, an welchem man noch nicht arbeitet, sondern aus der stadt hinaus aufs land geht um sich noch etwas zu gute zu thun. besonders von gesellen und lehrjungen der schneider und schuster. vom walzen, walzer tanzen oder vom sich herumwälzen, faullenzen. Spiess volksthümliches aus dem fränkisch-hennebergischen 35. wie weit der Francfurter wäldchestag hierher gehört, läszt sich an diesem orte nicht untersuchen, dagegen vgl.: walstag, wenn der bau gehoben ist, und die zimmerleute schmausen. hess. redensarten bei Estor der teutschen rechtsgelahrtheit 3, 1422; walztag ist ein feiertag der maurer nach beendigung grösserer arbeit. Pfister zweites ergänzungsheft zum iditiokon von Hessen s. 44. fraglich ist nun, ob die sippe auf walzen, wälzen zurückführt im sinne von schlaff, schlendernd gehen (vgl. Pfister ebendort). viel eher haben wir eine ableitung von der sippe, die in unserem wählen und im nd. wehl (vgl. unser wohl) vertreten ist: dat deit he ut wehl, das thut er aus muthwillen. Richey hamburg. idiot. 336; de wehl schall em wol vergahn. ebenda; he kann den wehl nich hauen, er kann die guten tage nicht vertragen. ebenda. der gleiche stammvocal wie in walstag wird auch in dem schwäbischen walen dargeboten: spielen und wahlen. Birlinger schwäbisch-augsburgisches wb. s. 425. vgl. ahd. giwalazta als nebenform zu giwalta, delegavit, commisit. Graff 1, 792.
 
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gewälzen, verb. , in der zusammensetzung mit dem präfix auf die ältere sprache beschränkt, in der es intransitiv und transitiv belegt ist, vgl. Lexer 1, 982, s. DWB wälzen.
1)

wê, künd ich dîn lop sô velzen,
daʒ eʒ wenken, noch gewelzen
möht, mit golde wol dursmelzen
dar nâch als dîn wirde ie wak.
Eberhart v. Sax bei
Bartsch, Schweizer minnes.


2)

do stuenden si unde ahten,
die reinen vrowen unde trahten,
wie si den michel stain
mohten geweltzen inein. antichrist 181, 4, fundgruben 1.


 
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gewälzt, participiales adjectiv zu wälzen, vgl.: dîe uʒer erdo gewalzten ronen, truncos vulsos. Notker Boethius, s. Graff 1, 792; geweltzt, gebraucht, volutatus. Maaler 179a. Henisch 1597; gewälzt, volutus Kirsch cornucop. 180a; gewelzt, adj. et adv., roulé Schwan 1, 743 (1782); walzender stein wird nicht moosig. gewälzter stein begraset nicht. Reinsberg-Düringsfeld sprichw. der germ. und roman. sprachen 2, 390.
 
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gewalzt, participiales adjectiv zu walzen (s. d.). diese form des adjectivs hat in der neueren technik besondere anwendung gefunden: gewalzt nennt man gegenstände, die, um sie nach allen richtungen hin auszubreiten, zwischen zwei auf einander liegende walzen hindurchgezogen werden. dieses findet in der regel zumeist bei metallen statt, die in blechtafeln verwandelt werden sollen. daher man denn auch statt eisen- und kupferblech gewalztes eisen und kupfer sagt. Helfft wb. der landbaukunst (1836) 143; gewalztes blech. die erzeugung des bleches geschieht durch den hammer (geschlagenes blech, plaques faites au marteau, hammered metal, hammered plate), oder durch walzen (gewalztes blech, walzblech, plaques laminées, rolled metal, rolled plate). Karmarsch handb. der mechanischen technologie 1, 158; man verfertigt gewalzte bleiplatten von linie bis 1 linien. 167. vgl. gewalztes tabakblei: die papierdünnen bleiblätter werden hauptsächlich zum einpacken des tabaks gebraucht. man verfertigt sie ziemlîch allgemein durch walzen, zuweilen auch noch nach der älteren art durch gieszen. 123; gezogenes, gewalztes stabeisen, n., walzeisen, n., drawn-out iron, rolled iron. fer laminé, fer cylindré. Rumpf technol. wb. 152b; es unterscheiden sich also die röhren ... in gezogene, gewalzte, gepreszte. Karmarsch 1, 218; gewalzte röhren, tupaux cylindrés, rolled tubes. — das walzen findet hauptsächlich anwendung bei darstellung geschweiszter schmiedeeiserner röhren. 224.
 
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gewämbs, s. DWB gewams.
 
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gewamm, s. DWB gewämp.
 
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gewämmert, participiales adjectiv, das in adverbialer function belegt ist: gewämmerte voll Hertel Thüringer sprachschatz 253. vgl. DWB gewampt, DWB gewammt.
 
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gewämp, n., collectiv zu wampe, wamme (s. d.), vgl.wamba, bauch, wampe, ventra Graff 1, 853: anthropomanteia, budelschetzer, wi das gewämp im mentschen lag, also kundten dise sagen, was sein bedeutung an dem ohrte und zu den zeiten als man noch mentschen opffert. Heroldt heydenweldt (1554) p 5a; das gewämp (gwámp), der inhalt des bauches, das

[Bd. 6, Sp. 5236]


unedle eingeweide. Schmeller 22, 914. vgl.gewam, gewei, ingewand vom visch. De Bo westvlamisch idiot. 1, 853.
 
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gewampt, gewammt, participiales adjectiv, das unmittelbar vom substantiv wampe, wamme abgeleitet zu sein scheint, ohne andere verbalformen neben sich zu haben. Stieler führt zwar an (2427): wammen, und wampen, gewammet, und gewampet, propr. adiposum, corpulentum, et habitu corporis opimo esse: deinde magnificé, et fluctuatim incedere, alias sich spreizen, wie die, denen alle gaszen zu enge sein. die belege weisen jedoch alle auf die participialform hin:

dä gnädig herr pfarrer der gfiel ma ganz bsundä:
er geiget ais abä so gschwind wie dä plundä (teufel)
er hat a grosz gwampetö geign auf dä seit —
es hätt dös Berchtsgadnerisch landl drin weit.
Kagerer salzb. ged. (1759), s. Bayerns mundarten 1, 232;

gewampet, 1. dick, wohlgenährt. 2. (sehr gemein) st. schwanger; auch so viel als trächtig. Loritza neues idiot. viennense 51; der hals ist kurz und dick, vorn gefaltet, nicht aber gewammt. Brehm illustriertes thierleben 2, 629.
 
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gewams, gewäms, gewämbs, n., collectiv zu wams (s. d.): das gewamse (niedriges wort) Campe 2, 359; das gewämbs (gwámps), im scherz oder verächtlich als collectiv für kleider überhaupt üblich. Schmeller 22, 914; gewams (das), schlechte kleidungsstücke. Loritza 51; gewämbs, kleidung Himmelstosz aus dem bair. wald, s. Bayerns mundarten 2, 446.
 
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gewan, m., verstärkte form zu wân, wahn (s. d.):

wand ich habe des gewan,
daʒ mir got nicht geruche lan
aplaʒ umb die missetrite
der mir hat vil gevolget mite. passional 590, 50 Köpke vgl. mhd. wb. 3, 494b;

noch weren dar selszen puncte
in den se hedden ghewan,
doch wolden se na vrede stan. d. städtechron. 16, 106 (Braunschweig, d. schichtspiel), ähnlich 16, 215.

vgl. DWB gewähnen sp. 4758: einem den gewahn laszen. Pfister 2. ergänzungsheft zu Vilmar 44.

 

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