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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
gewaltsamkeit bis gewaltschaft (Bd. 6, Sp. 5217 bis 5220)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gewaltsamkeit, f. , jüngere bildung, die die vorhergehende ebenso verdrängt wie das substantiv gewaltsame. von letzterem hat sie nur den begriff der violentia übernommen, den sie aber in den verschiedenen bedeutungsabstufungen durchführt, die am adjectiv gewaltsam zu belegen waren.
1) die bedeutung gewaltthätigkeit.
a) in verbindung mit den einzelnen verbis, die für gewalt zu belegen waren: welche parthen do des ungehorsam werent und darüber gewaltsamkeit tribent mit frevelm handel, slahen oder stechen, ... so sol der der si des fridens ermanet hette, bi sinem eit, uf stunt, ohne verzog, durch sich oder ieman anders solichs verkünden dem ammeister. Straszburger zunft- und polizeiverordnungen 23 Brucker;

verkehrte sterne lenken meinen fusz und arm,
gewaltsamkeiten auszuüben gegen sinn
und eigne neigung, schlecht erfreut von herbem zwang.
K. Immermann (Eudoxia) 15, 371;

kann man sagen: mit hindanschleuderung des rechts sich der gewaltsamkeit gebrauchen. Schottelius haubtsprache 1231.
b) präpositionalverbindungen: sie halten die seelen derer, welche entweder in der schlacht oder durch andere gewaltsamkeit umkommen der ewigen freuden theilhafftig. christliche kriegstrompete (1664) G 4a; umm solcher that willen ist der landsknecht ins gefängnsz geworfen, und weil er den wirth in dem seinen violenter und mit frevelhafftiger gewaltsamkeit angegriffen, ihme das haupt abzuhäuen und zu richten, zu recht erkennet worden. Prätorius wündschel-ruthen (1667) 102, vgl. auch glückstopf 292; ein volk, das auf den gewinnst so erpicht ist, fragt wenig darnach, ob es ihn mit recht oder unrecht, mit list oder gewaltsamkeit erhält. Lessing (die Juden) 13, 386; das pabstthum mit alle seiner gewaltsamkeit ward in der hand des schicksals maschiene zu einer 'noch

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höhern verbindung, zur allgemeinen erkennung sein sollender christen! brüder! menschen!' Herder (auch eine philosophie der geschichte) 5, 529; nur musz man dem Alexander verzeihen, dasz er gefühle, die einen tiefen quell ächter sittlichkeit in seinem innern verrathen, mit gewohnter despotischer gewaltsamkeit äuszerte. F. v. Schlegel (studien des klassischen alterthums) 4, 223.
c) der freie gebrauch des substantivs.
α) bei individueller begrenzung des begriffes: man sieht nicht den geringsten versuch einiger gewaltsamkeit von seiten des sultans. Lessing (Hamburgische dramaturgie 1, 33) 93, 321; in ansehung seiner wenigen kräfte hat er sich also noch glück zu wünschen, dasz er dem ungerechten Appius nur so viel furcht eingejagt, dasz er nicht nach aller härte seiner gewaltsamkeit verfahren. (auszug aus dem trauerspiele Virginia) 6, 109; über den rothhaarigen knecht fühlte er den heftigsten verdrusz; denn er hatte dessen gewaltsamkeit noch spät in der nacht vor dem schlafengehen erfahren. Immermann werke 4, 16; machte kalte ehrsucht und rücksichtslose gewaltsamkeit den fürsten, wahrlich, nicht der ärmste unter diesen leiblich und geistig armen, sehnte sich dann so heisz, mit mir zu tauschen, als ich mit ihm. O. Ludwig (Agnes Bernauerin) 4, 232.
β) absoluter gebrauch: es ist leicht einzusehen dasz diese drei groszen akte des übermuthes und der gewaltsamkeit die möglichkeit des friedens ganz aufheben muszten. Clausewitz (feldzüge von 1799) 5, 7; diese enthebung darf aber nur — um gewaltsamkeit oder intrigue zu entwaffnen — in derselben weise, wie die wahl geschehen, durch beschlusz des ministeriums und der zwei drittel mehrheit der stimmberechtigten. E. Devrient das nationaltheater des neuen Deutschlands (1849) 38;

heiszt das nicht frieden; ihr miszbraucht das wort,
das holdeste im ganzen kreis der sprache,
das aus der menschheit goldner urzeit blieb
als tröstende verheiszung, da sein inhalt
verscheucht zum himmel floh, gewaltsamkeit
unrecht und trotz, des unrechts feindlich kind,
den ewgen krieg begannen um die herrschaft.
O. Ludwig (Agnes Bernauerin) 4, 243.


d) diese richtung des begriffes bestimmt auch die bedeutungsabgrenzung in den wörterbüchern, die sehr einseitig ist (zu den angaben im teutsch-engl. wb., bei Steinbach, Kirsch s. u.). beachtung verdient, dasz Stieler zwar gewaltsam, gewaltsame und gewaltsamlich, nicht aber unser substantiv bucht.
α) gewaltsamkeit, violence. Hulsius (1614) 163a; gewaltsamkeit, vis, violentia. Gürtler 2, 74. ebenso Frisch 2, 420b; gewaltsamkeit, violentia. Bayer 290; gewaltsamkeit oder gewaltthätigkeit. Chomel 4, 1041; gewaltsamkeit, la violence, la force, vis, la violenza, la forza. Veneroni (1772) 74b; gewaltsamkeit, violence. nouveau dictionnaire 339a; gewaltsamkeit, die eigenschaft, da eine handlung gewaltsam ist (ohne plural). Adelung 2, 649. ebenso Voigtel 2, 80; gewaltsamkeit, geweldegheit, ' l geweld van iets. Weidenbach 436b; gewaltsamkeit, f. force, violence. Hilpert 1, 463a.
β) mit offenbarer gewaltsamkeit, with open strength or force. teutsch-engl. wb. (1716) 769; etwas mit gewaltsamkeit suchen, in re aliqua violentiam adhibere. Steinbach 2, 922; durch des feindes gewaltsamkeit unterdrückt werden, violentiae hostis impetu opprimi. ebenda.
2) gewaltsamkeit = vehementia: gewaltsamkeit, violence, forciblenesz, force, vehemency, fiercenesz. teutsch-engl. wb. (1716) 769; gewaltsamkeit, violentia, vehementia. Steinbach 2, 922; ebenso Kirsch 180a; besonders auch damahls aufm baltischen oceanischen und mitländischen meer fast unzehlbare schiffe eben solche gewaltsamkeit mit empfindung ihres unterganges, haben über sich müssen ergehen lassen. Prätorius diebesdaume (1667) 172; in mineralischen arbeiten ist die gewaltsamkeit des offenen feuers nichts nütze. med. maulaffe 140; aber Kellermann hatte sich zu vortheilhaft gestellt und nun begann die kanonade von der man viel erzählt, deren augenblickliche gewaltsamkeit jedoch man nicht beschreiben, nicht einmal in der einbildungskraft zurückrufen kann. Göthe (campagne in Frankreich) 30, 69.
3) die bedeutungen, die aus der vorstellung des zwangs im gegensatz zu der natürlichen entwicklung erwachsen, vgl. DWB gewaltsam = gezwungen, unnatürlich.
a) es würde nehmlich weniger wahrscheinlich sein, dasz Octav ganz betäubt wird, und nicht weis, was er sagen soll, wenn nicht die auszerordentliche heftigkeit des Scapins und die gewaltsamkeit seines betragens, diesen jungen liebhaber

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so täuschte, dasz er wirklich den fürchterlichen Argante in dem Scapin zu sehen glaubte. Lessing (auszug aus dem schauspieler) 63, 145; so schien es als ob ihr früher kindischer geist mit allen seinen lücken und gewaltsamkeiten wieder erwachte. Göthe (wahlverwandtschaften) 17, 329 (zum plural vgl. 4, a); betracht einmal die ganzen gestalten in unserm stücke! wie edel! länglicht ohne Johann von Leukens hagerkeit; männlich ohne Glozens gewaltsamkeit und überspanntheit. Lavater (physiogn. fragmente) 1, 115.
b) nun begreife ich sehr wohl, wie uns der dichter aus einer jeden leidenschaft zu der ihr entgegenstehenden, zu ihrem völligen widerspiele, ohne unangenehme gewaltsamkeit, bringen kann. Lessing (Hamburgische dramaturgie 1, 27) 9, 295; die situationen sind alltäglich oder unnatürlich, und die wenig guten so weit von einander entfernt, dasz sie sich, ohne gewaltsamkeit, in den engen raum eines schauspiels von drei aufzügen nicht zwingen lassen. (1, 8) 9, 217; das feuer besteht nicht in der heftigkeit der declamation, oder in der gewaltsamkeit der bewegungen, sondern es ist nichts anders als die geschwindigkeit und lebhaftigkeit, mit welcher alle theile, die einen schauspieler ausmachen, zusammen treffen, um seiner action das ansehen der wahrheit zu geben. (auszug aus dem schauspieler) 6, 124; das genaue verständnisz der anatomie erweiterte dieser mächtige genius (Michel Angelo) zu einer wahrhaft tiefsinnigen wissenschaft .. allein sie verführte ihn auch zu manchem übermuth, zu mancher gewaltsamkeit, ja zu mancher gesuchten verdrehung des menschlichen körpers. G. F. Schuppe über die neuere deutsche kunst, taschenbuch auf das jahr 1837 s. 71.
4) der pluralgebrauch entspricht vor allem dieser letzt belegten bedeutungsgruppe, er geht von hier jedoch auch auf die anderen verwendungen über.
a) mit ihrer stimme bezauberte sie die seelen aller, die ihr zuhöreten; ja sie hatte überaus viel anmuthige gewaltsamkeiten, die aller hertzen zu ihrem gehorsam zwungen. Stranitzky ollapatrida des durchgetriebenen Fuchsmundi, Wiener neudrucke 10, 102; diese umbildung oder organisation, wie man dergleichen gewaltsamkeiten nennt, als wenn man in einer neuen provinz nur eine todte masse empfinge, welcher durch den erwerber erst die lebensorgane gegeben werden müszten, scheint mir gänzlich auszer der zeit zu sein. Immermann 6, 156; da nun auch seine (des narren) neueste thorheiten und gewaltsamkeiten zur sprache kamen und kund wurden, fiel es den herren wie schuppen von den augen. G. Keller Züricher novellen 138. vgl. auch oben (3, a) den beleg aus Göthe.
b) wir werden nun sehen, dasz die hieraus entstehende verwirrung ganz in dem grade vorwärts schritt, als diese thüre von anderer seite her auf das rücksichtsloseste zugeschlagen ward, und die gefühlte mangelhaftigkeit der scene wiederum zu willkürlichen gewaltsamkeiten gegen das lebendige drama selbst trieb. R. Wagner (oper und drama 2) 42, 12; je mehr dieser mensch unter dem drucke politischer und religiöser gewaltsamkeiten zur kraftanstrengung eines gegendruckes aus seinem inneren wesen selbst gedrängt wurde, desto deutlicher erkennen wir auch in der vorliegenden dichtungsart das streben ausgesprochen, der masse des vielartigen stoffes von innen heraus herr zu werden. 8.
 
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gewaltsamlich , adverbialbildung zu gewaltsam (s. d.). die form ist weniger durch litterarischen gebrauch als durch die zähigkeit, mit der sie sich in den wörterbüchern hält, bemerkenswerth.
1) als solches verrätherisch stück zu Worms ruchbar worden, hat man alsbald die burgerschaft versammelt, die sind auch mit wiszen und willen bischof Eberhards ernanntem Jacoben von Stein seinem diener in sein haus und hof ... gefallen, was sie drinnen funden geplündert, ... dieweil er ihnen etlich jahr viel leids gethan, auch den vertrag so ernannter bischof Eberhard zwischen ihm und denen von Worms aufgerichtet, nit gehalten, sondern ohn alle ursach gewaltsamlich gebrochen und zerriszen. Zorn Wormser chronik 113 Arnold; dan die aufgewügelte heers-macht unterfing sich nachmahls zwischen dem könige, und den herren des oberhauses gewaltsamlich ein zu dringen. Zesen gekrönte majestät (1661) 81; dann vor eins, hat man sich nicht zu besorgen, dasz deren gestalt, und wenn sie nicht mit gewalt gerüst kommen, Teutschland einigen schaden leiden oder von ihnen gewaltsamblich angetastet werden könne. auszführlicher discurs und bedencken eines teutschen catholischen patrioten bei Londorp 1, 285a.

[Bd. 6, Sp. 5220]



2) violenter, gewaltsamlich. J. Meder (Ulm 1612) 261; gewaltsamlich, violentement, par force. Hulsius (1614) 163a; gewaltsamlich, idem quod gewaltigklich. Henisch 1591; gewaltsamlich, violenter, impetuose, injuriose, immerito, injuria. Stieler 2425; gewaltsamlich, violenter. Spieser 151a; ebenso Steinbach 2, 922; gewaltsamlich, violenter, vi, per vim. Bayer 290b; gewaltsamlich, par force, vi. nouveau dictionaire du voyageur (1704) 145a; ebenso Rondeau-Buxtorff (gewaltsamlich verfahren agir violemment) 254; ebenso nouveau dict. (1772) 339a; ähnlich Veneroni 75a.
 
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gewaltsanblick, m.: das ganze ist ein unwirtlicher urwilder gewaltsanblick. jahrbuch des Schweiz. alpencl. 1891 s. 547.
 
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gewaltsatz, m., vgl. DWB gewalt = violentia: die andere peinliche erinnerung an jene schulzeit sind mir der katechismus und die stunden, während deren wir uns damit beschäftigen mussten ... die pein dieser disciplin erreichte ihren gipfel, wenn mehrere male im jahre die reihe an mich kam, am sonntag in der kirche vor der ganzen gemeinde das wunderliche zwiegespräch mit dem geistlichen zu führen .. weil .. ein letztes feines räuchlein verschollener scheiterhaufen, durch die hallende kirche schwebend, mir den aufenthalt widerlich machte, wenn die eintönigen gewaltsätze hin und her geworfen wurden. G. Keller der grüne Heinrich 1, 95.
 
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gewaltsatzung, f., vgl. DWB gewalt = potestas (vollmacht): wenn ein priester, oder ander geistlich lüt und frawen, uff dem hofgericht ir clag an ein procurator setzen wöllen, die söllend zevor mit weltlichen personen. sunder geborn weltlich frawen, und junckfrowen mit ir genosz bevogt werden: unnd solich gewaltsatzung, durch der vogt hand .. zgon. F. Riedrer rhethorichscher spiegel (1493) 172a.
 
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gewaltsbengel, m.: de gewaltsbengel, wenn he um't boot fragt, so hett he't ock all losknütt. Th. Storm (bötjer Basch) 7, 22.
 
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gewaltsblume, f., vgl. DWB gewalt = violentia: gewaltsblumen riechen nicht. Henisch 1592.
 
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gewaltsbub, m.: am ende schieszt er seine eigene mutter über den haufen, wenn sie nicht gleich thut, was der gewaltsbub verlangt. P. Heyse (mutter und kind) 5, 45.
 
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gewaltsbote, s. DWB gewaltbote sp. 5095.
 
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gewaltsbrief, s. gewaltbrief sp. 5096.
 
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gewaltschaft, f., vgl. DWB gewalt = potestas: ouch so enmach noch ensal nieman van uns sine gewaltschaft vom sime gelende, des si vil off wenich, uisdoin off verpechten den vleischheuwern noch niemant anders alsoe, dat die ire schaife up unse lant iet driven moigen off soelen. Kölnische feldpolizeiordnung (1391), s. Mone zeitschrift 9, 175; gelijchwaell sall der vursecht sijne drijcht ind gewaltschaff behalden in alre maissen, as hei dat van alders gehat ind besessen hait. 176.

 

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