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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
gewaltmensch bis gewaltrecht (Bd. 6, Sp. 5196 bis 5197)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gewaltmensch, gewaltsmensch, m. , in der form gewaltsmensch auch n. in dieser bildung machen sich verschiedenartige beziehungen der compositionstheile geltend, ohne dasz die unterschiede der schreibung sich mit den bedeutungsgegensätzen deckten.
1) der zweite compositionstheil wird nicht mit seiner vollen bedeutung, sondern mehr nur mit seiner function angezogen, er dient der personificierung des beherrschenden begriffes gewalt. je nachdem an diesem letzteren die bedeutung potestas oder violentia vorwiegt, gliedern sich die verwendungen.
a) gewaltsmenschen, die die gewalt haben: die grosze mehrheit der gewaltsmenschen unsrer tage .. verachtet den stand der geistlichen. Pestalozzi (26. abendstunde) 12, 405; bei kräftigen menschen lehnt sich der körper leicht am geiste an, aber bei schwächlingen findet die matte seele am stärkeren körper ihre stütze; nur solche gewaltsmenschen mögen sich spreizen, die keine andere macht haben als die meinung, die man hat von ihrer macht, wie könig Philipp in Don Carlos. Börne über das Käthchen von Heilbronn (dramaturg. blätter nr. 25).
b) anknüpfung an violentia: wenn aber die gewalt .. widerrechtlich gebraucht wird, so heiszt die handlung gewaltsam oder gewaltthätig. jemanden gewalt thun oder anthun bedeutet daher ihn durch übermacht an seinem rechte verletzen. wer dieses thut heiszt ein gewaltmensch. Krug phil. lexikon 2, 260; das ist eine pascha-regierung, eine türkische, wenn auch diese gewaltmenschen sich germanisch-christlich nennen. Varnhagen v. Ense tageb. 7, 306; die hausmutter erkennt ihn als den Toifel, einen halbblöden, berüchtigten gewaltmenschen. Rosegger erdsegen 326.
2) der zweite compositionstheil entfaltet volle bedeutung und drückt den ersten auf die function eines attributs herab: gewaltmensch, gewaltsmensch = gewaltiger mensch.
a) hieher gehört das nach der analogie von gewaltskerl, gewaltsthier u. a. gebildete neutrum gewaltsmensch, das ganz an

[Bd. 6, Sp. 5197]


die form mit 's' gebunden ist: ein gewaltsmensch, eine grosze starke weibsperson. Schmidt schwäb. wb. 531.
b) für die anknüpfung an violentia kommen hier verwendungen in betracht, die eine wandlung in der beurtheilung widerspiegeln: es wird zu vil auf dem volk herumgeturnt, und wir brauchen überhaupt eher robuste gewaltmenschen, deren gefühle nicht auf der drechselbank geschnitzelt wird. Auerbach neues leben 2, 56; sein (Christians von Braunschweig) leben aber ist noch curieuser, denn er ist in der that 'der letzte ritter', von dem die geschichte meldet, und wie dieser abenteuerliche gewaltsmensch der unglücklichen, einem theologischen träumer vermählten stolzen winterkönigin sein ganzes wildes leben zu füszen legt, hat nur in den zeiten der troubadours allenfalls ein gegenstück und wiederholt sich nie wieder. Heyse Merlin 2, 227; einem zeitalter der furcht .. wo der einzelne sich selber gegen gewalt zu schützen hatte und um dieses zieles willen selber gewaltmensch sein musste. Nietzsche fröhliche wissenschaft 74; spruch des gewaltmenschen (bitte nie .. nimm immer). ebenda (vorspiel).
 
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gewaltministerium, n., vgl. DWB gewaltmensch 1, b: es werden insbesondere die namen unseres verehrten abgeordneten Uhland und Schott, welche dabei waren, als gegen den präsidenten gewalt geübt wurde, dazu beitragen, um das gewaltministerium nicht blosz in Würtemberg, sondern in ganz Deutschland zu brandmarken. ber. d. Frankf. nat.-vers. (9) 2877a.
 
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gewaltmittel, n., analoge bildung wie das vorhergehende: die menge von armen nämlich wird käuflich sein und deshalb das dienstvolk eines einzelnen werden, der nach alleinherrschaft strebt, und dieser musz, wenn er zu seinem ziele gelangt ist, die errungene macht durch dieselben gewaltmittel zu behaupten suchen, durch welche er sie sich verschafft hat. Schlosser weltgeschichte 2, 265; obschon er (kaiser Karl V) keineswegs geneigt war, die hartnäckigkeit, mit welcher sich das verblendete Rom gegen die neue religiöse erregung zu befestigen gedachte, durch gewaltmittel zu unterstützen. Becker weltgeschichte 7, 414; die lange beschwerliche reise in meinem vorgerückten alter ... so ganz allein, so als student zu machen, grenzt wirklich an den unsinn. indes hatte ich sie beschlossen, und da meine hypochondrische unentschlossenheit eben eines der hauptübel ist, zu deren heilung ich das gewaltmittel anzuwenden beschlosz, so konnte ich doch mir selbst gegenüber den gefaszten ... plan unmöglich aufgeben. Grillparzer (tagebuch auf der reise nach Griechenland) 205, 149.
 
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gewaltnehmer, m., vgl. DWB gewalt nehmen sp. 5073: also is id umme einen deeff edder rover edder ghewaltnemer unde dwinger etc. summa. Joh. f. 151c. Schiller u. Lübben 2, 100.
 
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gewaltnis, f., vereinzelte substantivbildung, vgl. DWB gewaltmäszigkeit, DWB gewaltsamkeit u. a.: das nünd ist todschleg und gewaltnüs, da ainer den andern zwingt wie er will. Meister Ingold das goldne spiel 54 Schröder.
 
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gewaltpflegung, f., vgl.gewaltes pflegen sp. 4921: es sol auch khein vogt, rihter, oder amptman, noch anders nieman, welcherlai gewaltpflegung der hab des ... closters lut noch gut etc. laidigen noch besweren. urkunde von 1346 bei Haltaus 697.
 
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gewaltpunkt, m., vgl. DWB gewalt, potestas: ich appellire nicht einmal an ihre humanität, indem ich von ihnen verlange, dasz sie auf grundlage der volkssouveränität sich entscheiden sollen ... schieben sie den halt- und gewaltpunkt soweit rechts, als sie wollen, damit begründen sie blosz ein thatsächliches verhältnisz, welches, ohne grundsätzliche unterlage, sich jeden tag verändern kann, und wenn ihr bau dereinst in trümmer geht, so werden sie dieselben immer wieder auf dem boden der volkssouveränetät zusammenraffen. berichte der Frankfurter nationalvers. (3) 2123a.
 
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gewaltrath, m., vgl. DWB gewalt sp. 4956 ff.: gewalträthe, procurator(es) principis oder einer privatperson. Estor 3, 1314.
 
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gewaltraub, m. usurpation: die gewaltsame und daher rechtswidrige oder widerrechtliche besitznehmung oder besitznahme. ich schlug zwar in der preisschrift gewaltraub, d. i. raub durch gewalt, dafür vor ... andere haben machtraub dafür versucht. Campe verdeutschungswb. 600, vgl. Heynatz antibarbarus 53. Hilpert 1, 462c.
 
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gewalträuber, m., nomen agentis zum vorhergehenden (usurpator).
 
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gewaltrecht, gewaltsrecht, n., mit verschiedener

[Bd. 6, Sp. 5198]


bedeutung, je nachdem potestas oder violentia angezogen wird: er gehört jedem gewaltsrecht seiner behörden. Pestalozzi 6, 185; abneigung gegen die königlichen gewaltrechte. A. Fr. W. Meyer Dya Na Sore 4, 291.

 

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