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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
gewältigung bis gewaltlos (Bd. 6, Sp. 5193 bis 5195)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gewältigung, gewaltigung, f., nomen actionis zu gewaltigen, vgl. sp. 5171 ff. von den verschiedenen bedeutungen, die am verbum belegt wurden, sind für das substantiv nur zwei bezeugt, gewältigung im sinne von vergewaltigung und gewältigung = bewältigung. ein dritter typus, die anlehnung an gewaltigen = 'in besitz setzen' ist bei Adelung 2, 649 angeführt, aber nicht durch belege gedeckt. vgl. DWB gewältigung, verleening van magt of volmagd. Weidenbach 436b.
1) violatio, geweltigung, verderbung, zerstörung. Frisius 1385b; gewaltigung, so einem unbillicher weisz zgemessen, durch bitt an röm. keis. oder ander fürsten abtragen, und schirm zu bitten. Hug rhetorica und formulare teutsch. register; ist dann niemand da, der sich unserer noth von hertzen erbarmen und annehmen, und die unteutsche fremde völcker mit ihren fremden lastern von gewältigung, schinderei, marck auszsaugen und gotteslästern, ausz unserem vaterland wegtreiben wolle? Moscherosch Philander (4. gesicht) 1, 260; gewaltigung, violatio. Aler 934b.
2) die bedeutung bewältigung ist wiederum zumeist aus der bergwerksprache und in engerer fassung belegt, vereinzelt nur begegnet die allgemeinere ausprägung.
a) ich sehe die möglichkeit nicht, wie bei dem gegenwärtigen stande des personals, bei bevorstehender rauherer witterung pp. eine so komplicirte operation, wie die gewältigung des wassers immer mehr zu werden scheint, ausgeführt werden könne. Göthe (an Voigt 1789) briefe 9, 154; wenn die summe zur gewältigung nicht reicht, werden sie wohl den rest noch aufnehmen müssen. (1790) 9, 221; die schwierigkeit und kostspieligkeit der gewältigung tief und weit ausgedehnter alter baue kann ... hinreichen, lieber ganz neue gruben zu eröffnen. Gätzschmann die auf- und untersuchung

[Bd. 6, Sp. 5194]


von lagerstätten nutzbarer mineralien (Freiberg 1856) 462; die gewältigung des wassers, the draining of a mine. die gewältigung einer eingefallenen grube, the reparation or lining again of a shaft or pit. Hilpert 1, 463a.
b) gewältigung, bedwinging, overweldiging. Weidenbach 436b; gewältigung, f., act of getting the better of, of subduing. Hilpert 1, 463a (die belege sind der bergwerksprache entnommen. s. o.);

des bösen triebs gewältigung.
Rückert mak. 2, 31.


 
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gewältigungskosten, pluraletantum, vgl. DWB gewältigung 2, a: gewältigungs - kosten, d. i. das geld, so die alten gebäude zu gewältigen angewendet worden. Minerophilus mineral- u. bergwerkslex. (1743) 255. genau so Chomel 4, 1040; die gewältigungskosten (im bergbaue), diejenigen kosten, welche zur gewältigung des wassers, oder zur ausbesserung alter verfallener gebäude angewendet werden. Adelung 2, 649; gewältigungskosten (in mining) the expense of drawing or repairing a mine. Hilpert 1, 463a.
 
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gewaltkraft, gewaltskraft, f.:

streuend
seinen eishauch zwischen alle,
hetzt er die verschiednen winde
widerwärtig auf sie ein.
über sie gab er gewaltkraft
seinen frostgespitzten stürmen,
stieg in Timars rath hernieder,
schrie ihn drohend an und sprach so.
Göthe (divan) 5, 135;

Helidor ist ein mensch, der bei der gewaltskraft seltener anlagen in tiefe schlechtheit versunken ist. Pestalozzi 3, 254.
 
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gewaltkräftig, adj.: ich glaube ohne einen gewaltkräftigen herrscher nicht an die deutsche einheit. Auerbach neues leben 3, 91.
 
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gewaltkrieg, m.: hinwiederumb haben die ungerechten, unnötigen, muthwilligen krieg vor gott, gerad das wiederspiel. darumb die kriegszleut, die solchen gewaltkriegen, ungottsfürchtiglich nachlaufen, ohne pflicht und noth, allein ausz muthwillen, ... ein schwer urtheil auff den tag desz gerichts ober sich laden. Daniel Schaller theol. heroldt (1604) 298.
 
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gewaltleer, adj.: gewaltleer, imbecillis. Stieler 1107.
 
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gewaltleider, m., vgl. DWB gewalt leiden, sp. 5092. gewaltleider, vim sustinens, oppressus, suppressus. Stieler 1135.
 
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gewältlein, n., deminutiv zu gewalt:

swa sich gewalt gewalt(e)linen
lat über kriegen unt die sinen,
da si wafen!
über alle die geschriet, die solich unvuore solten strafen. minnesinger 3, 441a v. d. Hagen;

tumpliche tuot er, der sich gegen sinen rehten herren sezzet
gewalt gesiget vil gerne an gewaltelîne. (
der Meiszner) 3, 104a;

vgl. Lexer 1, 973. nachtrag 207. das deminutiv wird in der Schweizer mundart noch fest gehalten: gwältli. Tobler Appenzell. sprachschatz 247.
 
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gewaltlich, adj. , seltener adv., vgl. Graff 1, 811. mittelhochd. wb. 3, 476a. Lexer 1, 974, vgl. geweldelijc Verwijs und Verdam 2, 1877. geweldelike ebenda 1878, vgl. geweldelic, machtig. Oudemans 2, 656; gheweldelic, gheweldeligk, met geweld, met macht 657. auf deutschem boden ist der verwendungskreis dieser bildung fast ganz auf das adjectiv beschränkt geblieben, und auch hier hat sie sich gegen das lebenskräftigere gewaltig nicht lange halten können. trotzdem ist der bedeutungsumfang als ziemlich weit belegt.
1) das adjectiv.
a) die bedeutung potens:
α) wanda du gemîchellîchot habest dinen namen uber al daz dir gewaltlîches ist, in angelis et hominibus. Notker psalm 137, 2 (variante gewahtlîches; magnificasti super omne nomen sanctum tuum); (superba) gewaltlichiu. glossen der Tegernseer handschr. des 11. jahrh. zu Vergil, Aeneis 12, 877 (nec fallunt jussa superba magnanimi Jovis, nicht täuscht mich der herrische ausspruch des hochsinnigen Zeus). Steinmeyer-Sievers 2, 671;

er (Noah) sprach (zu seinem 3. sohne) ....
der mich hat gedecchet.
vil gutlichen irwecchet ..
der scol der edele unde der frige sin.
unde alleʒ daʒ chunne sin.
êre unde sîn rîche.
vil gewaltliche.
sin herschaft nîmer zergat.
di wile deu werlt stat. d. bücher Mosis bei
Diemer ged. d. 12. jahrh. 14, 29;

[Bd. 6, Sp. 5195]



dû gihst alsô, daʒ iuwer leben
von wîsen liuten sî gegeben,
und von rîcher hêrschaft,
die mit gewaltlîcher kraft
muosten eʒ beschirmen ie.
R. von Ems Barlaam und Josaphat 326, 30 Köpke (varianten: gewaltiger, gewalteclîcher).


β)

dâ von wart ich ir gewaltlich,daʒ si mich niht ensach,
swie sêre si sich werte,sô wart si doch mîn wîp. variante zu Ortnit 173. vgl. oben gewaltig sp. 5117.


2) die bedeutung violentus: dei alduslike geweltlike overdad dede mit vorsate, dat somtlike van unsen medegesellen van unsen rade unde van unsen borgeren gesein unde gehort hedden, dat sal men richten an sime halze. (Dortmunder statuten) hansische geschichtsquellen 3, 140; es erkennen scheffen und geschworen die hern von Thomburgh uf den wildthoffen vur lehn und grundthern uf den kuppen und iren eigenen buschen und gutteren allein und niemantz anders gepot und verpot zu und alle gewaltliche sachen zu straffen. weisthum zu Krahenfort 1586 bei Grimm 2, 700; erstlich erkennen die scheffen zu Meill den volledelen gestrengen herren Johan Quadten von Lanscron, herren zu Meill und ober Vinteren, nunmehr für ihren herren allein zu Meill, und erkennen den selben herren zu gebott und verbott, wassergang, klockenklanck, antäst und alle gewaltliche sachen. weisthum zu Meill, ebenda 4, 762. vgl. auch geweltliche sachen unter gewaltschirmherr.
3) das adverb: libere, giwaltliho. glossen zu Gregors dialogen, Steinmeyer - Sievers 2, 257; und erscheinen fur den menschen so gros geachtet, und gleich zun heubten sitzen, forchtlich und gewaltlich, alle ding durchdringen, frei und sicher wandeln. Luther (auslegung des 109. ps. 1518) 1, 90b Jena (in der Weim. ausg. 9, 183: prechtlich).
 
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gewaltliebend, participales adj.: daher dan nicht unbillig ausz gerechter verordnung des erzürneten gottes, welcher die klugsüchtigen in ihren tükken ergreift und denen gewaltliebenden ihren eisernen nakken zerbricht, entstehet so manches also genantes unglükk. Schottelius friedens sieg 11 neudruck.
 
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gewaltlos, adj. , mit anlehnung an potestas und violentia:
1) gewaltlosz, senza autorità, spotestato, incompetente, sans autorité ou pouvoir, incompétent. Rädlein 381b.
2) jedes urtheil, das innere wahrheit haben soll, musz aus einer umfassenden kenntnisz so reif und vollendet herausfallen, als der gereifte kern vollendet frei und gewaltlos von selbst aus der schale herausfällt. Pestalozzi 5, 42.

 

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