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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
gewaltherr bis gewaltiger (Bd. 6, Sp. 5111 bis 5178)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gewaltherr, gewaltsherr, m. , mit anlehnung sowohl an den begriff der violentia wie an den der potestas.
1) die erstere anlehnung ist die allgemeiner bekannte und gebräuchlichere. meist erscheint hier die form gewaltherr; in Oberdeutschland, wo das masc. vorherrscht, jedoch gewaltsherr, da das substantiv im objectiven genetiv untergeordnet ist: gewaltsherren, über die gefencknusz und übelthätter verordnet, capitales triumviri. Maaler 178b; binnen dem hochweissthumb des hoffs Awell weist man dem herrn von Gerhardtstein alss hochrichter und gewaltherr den fundt und prundt vom himmell biss in den grundt. weisthum zu Awel, Grimm weisth. 2, 587; gewaltsherren über die gefangenen und übelthäter, triumviri capitales. Aler 934b, gewaltherr, m. (obsolete or provinzial) a magistrate invested with criminal jurisdiction. Hilpert 1, 462c. in den wörterbüchern vom ausgang des 18. jahrh. wird gewaltherr vor allem als amtstitel der vom rathe in Köln für den gerichtsdienst abgeordneten mitglieder angeführt: gewaltherr ... zu Cöln gewisse gerichtliche personen aus dem magistrate, welche die befugnisz haben, peinliche verbrecher in verhaft nehmen zu lassen, und sie den thurmherren zur verwahrung und zum ersten verhör zu übergeben, worauf sie an das churfürstliche schöffengericht abgeliefert werden. Adelung 2, 37. vgl. auch Weidenbach 436b. Voigtel 2, 79. in der Kölner verfassungsgeschichte scheint sich diese benennung jedoch erst spät zum compositum zu verdichten. vorher begegnen andere zusammensetzungen (gewaltmeister, gewaltrichter), die im besonderen den obmann des collegiums kennzeichnen, ebenso gut aber auch die gesamtheit zusammenfassen: dit is van den richterin van der gewalt. eidbuch von 1341 (quellen zur gesch. der stadt Köln 1, 27); zwene heirren van me rade of die burgermeistere of die richtere van der gewelde. ebenda u. a.; dat halfscheit sal vallen der stede inde dat ander halfscheit der gewelde meistere. ebenda (1, 36) u. a. vgl. DWB gewaltmeister, DWB gewaltrichter.
2) beschränkter im wirkungskreise, aber wohl älter ist ein terminus der rechtsprache, dem die bedeutung von potestas zu grunde liegt: zu Pölhem werden die herren zu S. Georgen in Cöln für grundherrn und mein gn. herr für schirm und gewalther als die hohe obrigkeit vermög der schöffen wroge erkant. Jülicher urkunde von 1554, archiv für gesch. des Niederrheins 3, 315, ebenso 315. 316. 318 u. a. damit berühren sich verdeutschungen des römischen begriffes der triumviri: triumvir, einer der dreien gewaltsherren z Rom, die mancherlei ämpter zeverwalten hattend. Frisius 1332b; triumviratus, ampt und gewalt diser dreien gewaltsherren. ebenda.
3) auch dem späteren litterarischen gebrauch gehören ähnliche prägungen an, sie scheinen jedoch unter den einflusz von zusammensetzungen wie gewaltherrschig, gewaltherrscher zu stehen (s. d.) und neben der bedeutung von potestas diejenige von violentia wieder vorzudrängen, allerdings unter veränderten syntaktischen bedingungen: der mächtigste gewaltsherr — ohne liebe eine furchtbare menschentrümmer, wo das schönste zur vollständigung fehlt. F. L. Jahn werke 1, 355; unter der herrschaft der 30 tyrannen wurde Sokrates nicht verfolgt, während so viele andere bürger ihr leben verloren oder in die verbannung getrieben wurden, ungeachtet er einst einem an ihn ergangenen befehle der gewaltherren mit derselben ruhe ... den gehorsam versagte. Schlosser weltgeschichte 22, 64.
 
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gewaltherrisch, adj.: despotisch .. gewaltherrisch (von Gerstner vorgeschlagen) s. Campe verdeutschungswb. (1813) 258.
 
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gewaltherrschaft, n., vgl. DWB gewaltherr, DWB gewaltherrscher. die reihe der einschlägigen zusammensetzungen wird eröffnet durch das adjectiv gewaltherrschig (s. d.), das freilich bis jetzt nur spärlich belegt ist. aufschwung und verbreitung gewannen diese bildungen durch die verdeutschungsversuche am ende des 18. jahrh.: despotie, eine zwang-, zwing- oder gewaltherrschaft, das reich der willkühr. Campe verdeutschungswörterbuch 258; despotismus, der willkührliche gewaltsgebrauch, die willkührliche herrschaft, die zwing- oder zwangsherrschaft,

[Bd. 6, Sp. 5112]


die gewalt- oder gewaltsherrschaft. man kann beides sagen, jenes für herrschaft durch zwang oder gewalt, dieses für herrschaft des zwanges oder der gewalt. ebenda; gewaltherrschaft, despotism. Hilpert 1, 462c; dabei war er (Tarquinius) nur sehr schwer zugänglich, begünstigte ankläger und ohrenbläser, liesz das vermögen aller verurtheilten einziehen, und bediente sich desselben zur festeren begründung seiner gewaltherrschaft. Schlosser weltgeschichte (geschichte der Römer 2, 8) 22, 42; mit dem glanze der neuen gewaltherrschaft der fürsten muszten auch die stehenden heere vermehrt, muszte der prunk der hofhaltungen erhöhet werden. E. M. Arndt schriften f. m. l. D. 2, 79; nein, in so betrübten zuständen, wie ich sie mir hier vorstelle, ist es die freiheit nicht, der wir uns jetzt erfreuen, da ist es allein die gewaltherrschaft, die das vaterland retten kann. Mathy in der Frankfurter nationalversammlung 24. juni 1848. vgl. Freytag 22, 287; zuweilen stammelte er dieses ziel verfolgende, irre worte, unheimlich gemischt mit dem lobliede der gewaltherrschaft. C. F. Meyer Angela Borgia 173.
 
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gewaltherrscher, m.: despot, ein herrscher, der kein anderes gesetz, als das seiner willkühr anerkennt. in dem Braunschw. journal 1791 sept. ist ... zwingherr dafür vorgeschlagen worden ... ausserdem habe ich in meinen früheren versuchen gewaltherrscher dafür vorgeschlagen, welches hin und wieder gleichfalls beifall gefunden hat. Campe verdeutschungswörterbuch 258. vgl. dazu Heynatz: gewaltherrscher hat Campe für despot vorgeschlagen. zwangherrscher scheint mir doch etwas besser. Antibarbarus 52; gewaltherrscher, despot. Hilpert 1, 462c; einen groszen gegensatz zu diesem werke bildet das fragment: 'Marius und Sulla'. der verfasser hat es auf nichts geringeres angelegt, als auf die schilderung der damaligen aufgelösten römischen welt, um welche die beiden gewaltherrscher, der eine ein wilder demagogischer held, der andere ein hochstehender, tiefblickender staatsmann, bis zur vernichtung kämpfen. Immermann (memorabilien: Grabbe) werke 19, 16; (es) treffen hier die reichsten kaufleute der damaligen welt ... in einem und demselben geschmack zusammen, und in Italien gesellen sich auch gewaltherrscher hinzu. Burckhart beiträge z. kunstgeschichte Italiens 317; es versteht sich, dasz diese regeln nicht durch willkür eines einzelnen, auch nicht durch den einflusz eines groszen denkers oder dichters auferlegt sein dürfen, sondern dasz sie aus den edelsten wirkungen unserer bühne gezogen, nur das für uns nothwendige enthalten müssen, dasz sie der kritik und der schaffenden kraft nicht als gewaltherrscher, sondern als ehrliche helfer zu dienen haben. G. Freytag (technik des dramas) 14, 6.
 
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gewaltherrschig, adj.: sind on zwifel nit sömlich gewaltherrschig prälaten und bischof gesin wie jetz, als si sprechend, sin müssen. Zwingli (handlung der versammlung in der loblichen statt Zürich) 1, 122.
 
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gewalthieb, m., vgl. DWB gewalt, vis:

Roszlan röchelt' im sand', und schnell, noch ehe der ritter
kommende schar das weisz' im auge des feindes gewahrte,
fiel noch lusuff, und Ismail Beg, und Haroun, der emir,
seines mordenden stahls blutgier und der rechte gewalthieb.
Pyrker (Tunisias 9) 109.


 
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gewalthuhn, n., auf die ältere sprache beschränkt vgl. Lexer 1, 974. die erklärung hat wohl an gewaltbede (sp. 5095) anzuknüpfen: da ist ime (dem grafen zu Wertheim) gewisen worden zu rechtem, daz er oberster herr und faut sei uber wasser und weide ... auch ist ime gewiesen worden von den güttern, die nit sein eigen sein und doch in dem gericht liegen, somer hüner, gewalthüner, frontag und atzung. (Luetzelbach 1421) Grimm weisthümer 6, 387; auch so hat v. h. v. W. von allen guten, die bebuwet sin hie zu M. sine gewalthune on von freihen gute gleicherwise als v. h. von Mentz umb fassnacht. (weisthum zu Mümlingen 1422) 3, 558.
 
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gewaltjäger, m., zu gewalt, potestas: alles wird ein raub eigensüchtiger, zeitkluger, listiger gewaltjäger. A. F. W. Meyer Dya Na Sore 349.
 
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gewaltig, adj. und adv. , eine der ältesten ableitungen von gewalt, die dem substantiv in bezug auf die häufigkeit der verwendung unter allen am nächsten kommt. der entwicklungsgang der bedeutungen des substantivs von potestas zu vis und violentia beherrscht auch den bedeutungsgehalt des adjectivs, nur mit dem unterschiede, dasz er in ganz anderem grade eine chronologische gliederung ermöglicht. denn die bedeutung von potestas ist hier in der neueren sprache nicht etwa blosz zurückgedrängt,

[Bd. 6, Sp. 5113]


sie ist dem freien gebrauch sogar ganz abgestorben und wird nur noch in wenigen isolierten resten festgehalten. um so fruchtbarer ist für den neueren sprachgebrauch die bedeutung von vis geworden, während die am substantiv so ergiebige bedeutung von violentia durch die adjectivbildungen gewaltsam (s. d.) und gewaltthätig (s. d.) aufgesogen wurde. die bedeutung von vis dagegen hat durch die überführung in die kategorie des adjectivs und adverbs neue entwicklungsformen gewonnen, die den gebrauch des wortes in der heutigen sprache wesentlich bestimmen.
zur äuszeren form ist der mit dem ableitungssuffix (i vor dem guttural, vgl. Grimm gramm. 2, 288 neudruck. Wilmans deutsche grammatik 2, § 343. 344) in verbindung stehende umlaut zu beachten. die ältesten belege, die auf fränkisches und niederdeutsches gebiet weisen, bieten nur umgelautete formen, vgl. giweldig Heliand 3186, giweltig Otfrid 1, 3, 43. 4, 23, 37 u. a. die viel zahlreicheren beispiele der übergangsperiode zum mittelhochdeutschen dagegen entziehen sich dem umlaut, weil oberdeutschen ursprungs, vgl. vor allem gewaltîg bei Notker, s. Graff 1, 810. auch in der mittelhochdeutschen periode werden die unumgelauteten formen bevorzugt; überdies trittentsprechend dem allgemeinen zuge der abschwächung unbetonter vocaledie form ec, die auf ag zurückführt, in concurrenz, vgl. gewaltec mhd. wb. 3, 476b, gewaltec, -waltic, -weltic Lexer 1, 973; nachtrag 207. die neuere sprache hat den vollen suffixvocal zurückgeführt. auch die umgelauteten formen, die schon im ausgang der mittelhochdeutschen periode stärker hervorgetreten waren, machen sich bis auf heute im mundartlichen gebrauche geltend; sie halten sich nicht blosz in fränkischem und niederdeutschem sprachgebiete, sondern auch auf österreichisch-bairischem boden und umschlieszen das schwäbische gebiet von westen, norden und osten: geweldic bei Berthold v. Holle; geweltig spec. eccles. 78. Konrad v. Megenberg 322, 11. Frankfurter reichscorrespondenz 1, 161 (aus 1410). Mainzer chronik (d. städtechron. 17, 358). Königshofen (d. städtechron. 8, 336). quellen zum bauernkriege 1, 573. Hans Sachs 3, 228 (fabeln und schwänke). Erasmus Alberus i 4a. Micyllus Tacitus 450b. deutsches kirchenlied 2, 1108b. 1028 Wackernagel. — geweldich sächs. weltchron. 65. 71. Sachsenspiegel, landrecht 3, 44 § 1 Homeyer, ebenso im niederrh. marienlob 23 Piper und der rede von den 15 graden (Germania 6, 148); geweld-, gewald-, gewoldich. Schiller-Lübben 2, 100; geweldic Trebnitzer psalmen 23, 8. 28, 3. 29, 2. 65, 7. 75, 4. 88, 9. 105, 41. 111, 2. 118, 133. 126, 4 (aber 135, 2 gewaldic); geweldigck Alsfelder passionsspiel 1626. 1256. 1275. 2624. 2631. 7174. 7292. 7137 (aber gewaldigk 1801. 3764. 7523). Kölner chroniken (d. städtechron. 12, 118); gheweldigh Kilian K 4b; weldich, woldich, weldeke bei Diefenbach-Wülcker 893; geweldig Eulenspiegel cap. 91; geweldich bei Frisch 2, 420b; — geweltig Vorauer handschr. des Alexander 466 u. a. genesis 55, 26 fundgruben. monum. Boica 4, 175. Aventin 1, 483 und oft (spätere drucke beseitigen den umlaut, vgl. gewaltig im druck von 1566 für 4, 401). Mülichs chronik von Augsburg, d. städtechroniken 22, 139. Sterzinger spiele 1, 172.
der guttural des suffixes erscheint bei Hans Sachs häufig nasaliert; fraglich ist, ob in formen wie geweldiste (Germania 6, 48) der superlativ des adjectivs gewalt (s. sp. 5094) oder unseres adjectivs (mit ekthlipsis) anzunehmen ist. formen wie gewelgiste niederrheinisch marienlob 23 Piper sprechen für das letztere. der auslaut zeigt die bekannten gegensätze oberdeutscher und mitteldeutscher aussprache, die in der älteren schreibung zur geltung kommen: gewaltec, gewaltic, gewaltig gegen geweldich.
präfix und dental weisen die gleichen züge auf wie beim substantiv, der media kommen auch die veränderten bedingungen des adjectivs, das den dental im gegensatz zum substantiv unverändert im inlaut festhält, nicht zu gute. in den mundarten wird der dental vielfach assimiliert oder unterdrückt: gewellig (Selters) Kehrein volkssprache in Nassau 1, 163; gewahlig Richey idioticon Hamburgense 74.
1) der ältere gebrauch: die anlehnung an gewalt in der bedeutung von potestas. die volle verwendung des adjectivs in dieser bedeutung umfaszt das 11. bis 16. jahrhundert. wohl führen einzelne belege in das 9. jahrhundert zurück, von einem befestigten sprachgebrauch läszt sich jedoch erst in der übergangszeit zur mittelhochd. periode reden. auch in den verwandten sprachen gehört das adjectiv einer jüngeren schicht an. die angelsächsische sprache z. b. begnügt sich noch mit dem participialadjectiv, vgl. gewealdende, powerful, mighty; potens, validus. Bosworth 464b; vgl. gewealdendlîce, powerfully. ebenda. dagegen vgl. altnordisch valdugr. Möbius 490, friesisch weldich, mittelniederl. geweldich Verwijs und Verdam 2, 1878 ff., gheweldich Oudemans 2, 657.

[Bd. 6, Sp. 5114]


auf deutschem boden liegt ein höhepunkt der verwendung in der mittelhochdeutschen dichtung, doch halten einzelne gebrauchsformen sich noch bis ins 16. jahrhundert in vollster beweglichkeit, wie namentlich auch aus der bibelübersetzung zu ersehen ist. erst mit dem 17. jahrhundert schrumpft der verwendungskreis schnell ein, weit rascher noch als die verwendungen, die auf gewalt = vis zurückführen, sich ausdehnen. in der späteren sprache sind nur noch wenige spuren, die den alten gebrauch erkennen lassen, und auch da ist es oft fraglich, ob sie nicht ebensogut auf die jüngere bedeutung weisen.
a) althochdeutsche periode. in auffallendem gegensatz zu der ausgedehnten verwendung des bedeutungsverwandten mahtig steht der spärliche gebrauch unseres adjectivs in den älteren denkmälern. die Tatianübersetzung und die Monseer fragmente kennen es überhaupt nicht; der Heliand, der mahtig nahe an hundertmal belegen läszt, hat für gewaltig nur ein einziges beispiel. dies letztere bekundet allerdings schon eine fortgeschrittene entwicklung, die häufigeren gebrauch auch ohne belege erschlieszt. wenn das adjectiv hier unter dem einflusz der engeren bedeutung steht, die das substantiv in verbindungen wie gewalt haben, gewalt geben erworben hat, so führen die wenigen beispiele aus Otfrid mehr auf die allgemeinere und ursprüngliche bedeutung zurück, die das substantiv mit dem verbum gemein hat und die zunächst auch dem adjectiv zukam. das machtverhältnis, das hier angezogen wird, ist in seinem zielpunkt begrenzt und führt auf staatsrechtliche oder privatrechtliche befugnisse. hierin liegt die abgrenzung gegen mahtig, das von hause aus absoluten charakter zeigt und auf kraft- oder willensäuszerungen allgemeiner art abzielt. die verschiebung der ursprünglichen grenzlinie, die durch übertragung fester verbindungen und durch andere erweiterungen des gebrauches von gewaltig erreicht wird, ist bei Notker deutlich schon angebahnt, er bereitet durch verbindungen wie gewaltig sein, gewaltig werden den absoluten gebrauch von gewaltig vor und dringt mit der form des substantivierten adjectivs, das er besonders bevorzugt, weit über den bisherigen bedeutungsumfang hinaus.
α) verbindung mit einer eingrenzenden zielbestimmung: genetiv oder präpositionalverbindung.
1))

ni wirdit thing, ih sagen thir thaʒ,er noh sidor sulichaʒ!
thar sizzent druta sine,thi er zoh hiar selbo in libe,
joh sint ouh therero datogiweltig filu thrato.
Otfrid 5, 20, 18;

kewalt netûot ten sîn selbes kewaltîgen, ten sîne scadohaften geluste bindent, nec potestas fecerit sui compotem. Notker Boethius 82a Hattemer; dô einen gewaltigen man sînes mûotes ter tyrannus wânda genôten, liberum quendam virum. 81a; fone diu ist ter man zeahtônne, chad si, des kewaltîg, taz er gemag, unde ungewaltîg, tes er nîeht negemag, quod vero quisque potest, in eo validus. 166a (ebendort in gleicher bedeutung, aber bei absolutem gebrauch mahtîg ... unmahtîg); bediu neist mennisko gewaltîg an sînero tâte gûotes ioh ubeles, ten got, ter al fore weiz twinget zu demo einen, nulla est libertas humanis consiliis et actionibus. 225a; aber der mennisko was fore sînero praevaricatione beidero gewaltîg wizentheite ioh willen, an dero praevaricatione wurten siu beidiu sô geirret, taz er chîesendo lugi diccho achtôt fure wâr, unde er wellendo ubel wile fure gûot. 219a.
2))

'ni wildu sprechan', quad er, 'zi mir?ni weistu, waʒ ih sagen thir,
thaʒ steit thaʒ thinaʒ entiin mines selbes henti;
joh bin ich ouh giweltigubar ellu thinu thing
in lib joh tod hiutu,so wedar so ih gibiutu?'
antwurtita .. ther .. in warthemo herizohen thar
'ih sagen thir, thaʒ nih hiluh thih:giwalt ni habetistu ubar mih,
oba thir thaʒ gizamifon himile ni quami'.
Otfrid 4, 23, 37;

ter was kewaltig uber alle dîe liute, dîe diu sunna uberskînet, hic tamen regebat sceptro populos. Notker Boethius 83b; also gebôt Antoninus ... daz Papinianum dâr in hove lango gewaltîgen sîne here-chnehta slûogen, diu potentem inter aulicos. 114a; unde in mînen namen wirt irhôhet sîn potentia (gewalt) ... unde tuôn in gewaltig indemo mere, hoc est dominabitur gentibus ... unde tuôn gewaltig sîna zesewun in diên ahon ... alle werdent sie iêo doh imo undertân. psalm 88, 26 (ich wil seine hand ins meer stellen, und seine rechte in die wasser Luther, ebenso schon Trebnitzer psalmen).
3)) an demo gewalte dinero saligheite, wanda du gewaltig pist filius dei fieri. Notker zu psalm 120, 5 (Hattemer 2, 455b); wante mîn sponsus ist deus et homo, so ist er gewaltig per divinitatem sînen holdon zegebene dona spiritus sancti. Williram paraphrase des hohen liedes 89, 4.

[Bd. 6, Sp. 5115]



β) weiterentwicklung einzelner verwendungen auf grund elliptischer ergänzung der zielbestimmung.
1)) die unterdrückte zielbestimmung wirkt in der richtung der engeren bedeutung 'vollmacht, erlaubnis' weiter, vgl. oben unter gewalt sp. 4933. 4935.
a))

thar fundun sie ênan kuninges thegn
unlankan undar themu werode:quað that he wâri giweldig bodo
adalkêsures; ..quad that he wâri gisendid tharod,
that he thar gimanodimanno gehwiliken
thero hôbidscatto. Heliand 3185.


b)) privilegium, primus honor, furista era, kiwaltigaz gipot, lex singularis. glossenhandschr. des 9. jahrhunderts bei Steinmeyer-Sievers 4, 13; inmunem, giwaltigen, al. sihharen. Tegernseer handschriften des 10. und 11. jahrh. zu 1 Maccab. 11, 28 (ut immunem faceret Judeam, das er gantzem Judea ... den schos erlassen wolt. Luther). 1, 695. ebenso in den glossen der gleichen handschriften zu den canones 2, 136.
c)) auf ähnlicher ellipse beruht auch folgende übertragene verwendung: wâr ana mag îoman skeinen sînen gewalt âne an demo lîchamen ... maht tu îeht ûz erdrewen gewaltîgemo mûote, quicquam imperabis libero animo? Notker Boethius 80b. vgl. einen gewaltigen man sînes mûotes. 81a.
2)) die unterdrückte zielbestimmung wirkt in der richtung der befestigung des staatsrechtlichen begriffes von potestas. hier sind es vor allem die verbindungen mit dem verbum substantivum oder mit 'werden', die zugleich als entsprechung für lateinisches regnare, dominari dienen. dadurch wirdnamentlich in übertragener verwendungein freierer gebrauch des prädicativen adjectivs vorbereitet.
a)) die geschlossene verbindung als ersatz für regnare, dominari:

sih, thaʒ herotitheist imo thiomuati
so wito, soso worolt ist,want er ther druhtin ist;
er ist giweltig filu fram.
Otfrid 1, 3, 43;

wis kewaltîg under mitten dînen fienden, dominare in medio inimicorum tuorum. Notker psalm 109, 2 (herrschen in Trebnitzer psalmen, herrsche unter deinen feinden. Luther); tîe wellen selben werden gewaltîg, alde gewaltigên îo mite sîn, vel regnare ipsi .. vel .. adherere regnantibus. Boethius 98a; wîo sie sih einotôn, fure die reges consules zehabenne, dîe iârliches kewehselôt wurtîn, nîo sîe lango gewaltig wesendo ze ubermûote ne wurten. 79b; mit tiu ferlîesent sie nîeht ein gewaltîg wesen, nube ioh selbeʒ taʒ wesen, potentes esse. 170b.
b)) übertragung und lockerung der festen verbindung: wile dû gewaltig werden, potentiamne desideras? Notker Boethius 119a; ter gewaltig welle sîn, der dwinge sîn geilla mûot, qui se volet esse potentem. 115a; sô ubel wiht kewaltîg wirdet, quotiens iniquus gladius additur sero veneno. 84a.
c)) annäherung an den absoluten gebrauch von mahtig: nâh in wâren tribuni plebis kewaltigôsten. Notker Boethius 110b; noh tanne sint îo manige dîete, dero ein chuning so welêr gewaltigôsto ist, nîeht newaltet, quibus regum quisque non imperet. 113a.
d)) prädicative verwendung neben anderen verbis: ahtôst tû den gewaltîgen, der daz ketûon nemag, taz er wile? potentem censes. Notker Boethius 113b.
3)) auch die attributive verwendung knüpft zunächst an die staatsrechtliche ausprägung des begriffes an; so unterscheidet sich ursprünglich gewaltig als beiwort der könige und weltlichen gewalthaber von mahtic, das mit Gott, Christus und anderen machthabern verbunden wird. die erweiterung des gebrauches knüpft an übertragungen an, insofern Gott, Christus u. a. als regenten aufgefaszt werden.
a)) truhten was ouh wunderlîch an diên sô hôhen unde so gewaltigen regibus, mirabilis in altis dominus. Notker psalm 92, 4 (in der hoe. Trebnitzer psalmen; in der höhe. Luther); der die gewaltigen unde die mahtigen chuninga sluôg, qui percussit reges magnos, et occidit reges fortes. 135, 17 (2, 472a) (der do irsluc konige groz unde ir totte di starken konige. Trebnitzer psalmen; grosse könige .. mächtige könige. Luther).
b)) ich kelouben an got fater ... sun unde an den heiligen geist, daz thie drî genenneda ein got ist, kewaltiger unde alemachtiger. St. Galler glaube Müllenhoff-Scherer denkm. 13, 289; wanda er irlôsta sînen durftigen unde armen liût ... fone demo gewaltigen tiêvele, liberavit egenum a potente. Notker psalm 71, 12 (von dem mechtigan. Trebnitzer psalmen; anders Luther).
γ) die syntaktische function des adverbiums, die jedoch bei

[Bd. 6, Sp. 5116]


Notker noch wenig entwickelt ist, trägt ebenso wie die substantivierung in sich die keime zu neuen richtungen der bedeutungsentwicklung. in beiden fällen ist es namentlich die annäherung an gewalt im sinne von violentia, die sich geltend macht: wer daz wîb wâre sô gewaltîgo varentiu, haec mulier tam imperiosae auctoritatis. Notker Boethius 19a; wîo gewaltîgo diu natura iro zoum chêre, quantas rerum habenas flectat natura potens. 102a; curte dîn swert umbe dîn diêh, filo gewaltigo, accingere gladio tuo circa femur tuum potentissime. psalm 44, 4 (der helt Luther; geweldiclichen Trebnitzer psalmen); wafene dih mit demo swerte dînero lero, diû gewaltigo den sun sceîde fone demo fater. zu psalm 45, 4 (Hattemer 2, 157b).
δ) die substantivierung des adjectivs.
1)) objectivierung: alde waz mag tiu gûollichi gewaltiges, unde mahtiges haben, diu mit sô gnôtên marchôn bedwungen ist, amplum magnificumque. Notker Boethius 86b.
2)) personificierung.
a)) wanda diê gewaltigen dirro werlte, die wurden des in ubelmo, daz iro leges (êa) fone Gotes legibus (êon) ferzoren solton werden. Notker zu psalm 45 (Hattemer 2, 163a); niêht ne fersêhent iûh ze gewaltigen, nolite confidere in principibus. 145, 3 (nicht ingetruwet in di vursten. Trebnitzer psalmen; ähnlich Luther 146, 3); dero gewaltigôn bolgenscaft, offensio potentium. Boethius 28a; dero gewaltigôn gûoti, probitas utentium. 80a.
b)) kemag sî danne îeht wider demo gewaltigôsten, potentissimum. Notker Boethius 154a.
c)) übergang in die bedeutung 'violentus, superbus, saevus': fone diu smulzen potentes et superbi (kewaltige und ubermuote) also wahs fone Gotes anasiûne. Notker zu psalm 96, 5 (Hattemer 2, 347b). ebenso 103, 16; waz ist tîen muôdingen, daz sie dîe gewaltîgen furhtent? quid tantum mirantur miseri ... saevos tyrannos. Boethius 25b; mit tiu infûorest tu demo gewaltîgen sîn zorn. 26a.
b) auch der gebrauch in der mittelhochdeutschen dichtung geht kaum über die eben gewonnenen linien hinaus. das Nibelungenlied ist nach dieser seite sogar weit conservativer als etwa Notker.
α) verbindung mit eingrenzenden zielbestimmungen. der unterschied zwischen persönlicher und unpersönlicher bestimmung läszt hier bei der gröszeren zahl einschlägiger belege den einflusz viel deutlicher erkennen, den er auf die bedeutungsentwicklung im einzelnen falle ausübt.
1)) genetivverbindungen.
a)) bei persönlicher zielbestimmung:

Parzivâl sprach zim 'sît ir
sô gewaldec iwerr liute,
daʒ se iwer bîten hiute
und al die wîle ir von in sît?'
Wolfram Parzival 753, 13;

möht ich nu wol iu beiden
mit triwen solhen rât gegebn,
des iwer werdeclîcheʒ lebn
genüʒʒe, ich woldeʒ werben:
des enlieʒe ich niht verderben.'
si sprach 'ir sult gewaldec sîn
des werden küneges unde mîn'. 635, 21;

eʒ (das kind) wart der juden gewaltic sint.
Enikel weltchronik 6188;

ob mich morder oder heiden wollen morden und ob ich ir gewaldic wirde, sol ich sie erslahen? der veter buoch 4 Palm;

Artûs sprach 'daʒ wil ich tuon.
Gâwân mîner swester suon
ist wol sô gewaldec ir,
daʒ si beidiu im unde mir
durch ir zuht die schulde gît'.
Wolfram Parzival 727, 11;

diu fürstin an den fürsten sach:
ir munt dô jæmerlîchen sprach
'nu êret an mir riters prîs.
ir sît getriuwe unde wîs.
und ouch wol sô gewaldic mîn,
ir muget mir geben hôhen pîn'. 136, 14;

mêre denn man iu enphalch,
sagten si dem fruoten
von der frouwen hôchgemuoten,
der er gewaltig wære.
Ottokar österr. reimchr. 90137;

genâde sol bi gewalt sîn zwifaltig.
nu hetzâ her genâden,
lieb, du bist mîn gewalticlich gewaltig.
H. v. Laber d. jagd. 171 Schmeller;

diu ist gar gewaltik min
an genade diu vil guote
lat mich truren, in unmuote
muoʒ ich an min ende sin.
Jacob von Warte, s.
Bartsch 248;

[Bd. 6, Sp. 5117]



liebe, ich ergibe mich an dich,
wan du solt min gewaltig sin
die wile ich han daʒ leben min.
Peter von Staufenberg 583;

dô stuont ich vor ir betteund hôrt waʒ si dô sprach.
dâ von wart ich ir gewaltic,daʒ si mich niht ensach.
swie sêre si sich werte,sô wart si doch mîn wîp. Ortnit 173 (heldenbuch 3), variante gewaltlich.


b)) bei unpersönlicher zielbestimmung.
α))

gedenke, kuninc rîche
Alexander, wer ich wêre,
wer was gewaldigere
der ie geborn worde
lûtis unde burge.
Lamprecht Alexander (Straszburger handschr.) 3841;

dem brâht er guote mære
daʒ er gewaltic wære
des guoten landes zÔsterrîch.
Ottokar österr. reimchr. 1782, ebenso 63832;

doch wart er gewaltic der rîch
und besaʒ diu hêrlîch.
Enikel fürstenbuch 929 Strauch;

ich gibe üch landes darzuo vil,
als ich üch bescheiden wil,
daʒ ir des gewaltig sint
ein herre wol und üwer kint
mit miner muomen werden.
Peter von Staufenberg 869;

do furt er in uf ein hhe.
unt sprach swaʒ er uber sæhe.
daʒ er in des giwaltic tæte.
ob er in nider vallende bæte. anegenge 37, 82;

des helfe mir der süeʒe Krist,
der himel und erd gewaltic ist.
Enikel weltchronik 122 Strauch, ebenso (mit gleichem reim) 25478; fürstenbuch 3896;

er (Jacob) sprach: 'lieber vater mîn,
hie ist Êsaû der sun dîn. ...
du scolt sitzen,
mînes iagides eʒʒen,
und scolt du mich wîhen,
dîne sâlde mir verlîhen,
geweltich tn dînes erbes,
ê du ersterbest'. Wiener genesis 2297.


β))

gewaltic kleiner vogellîn
wart nie sô vaste ein adelar,
sam si dâ wâren maneger schar,
durch die si drungen unde riten.
Konrad von Würzburg Partonopier 15952;

was wil si mein, was wil si mein,
sol ich meines leibes nicht gewaltig sein? Erlauer spiele 106 Kummer;

si sprach 'ich senfte iu schiere.
Cundrîe la surziere
ruochet mich sô dicke sehn:
swaʒ von erzenîe mac geschehn,
des tuot si mich gewaltec wol'.
Wolfram Parzival 579, 27;

si dâht ouch maneger êrenvon Nibelunge lant,
der si was gewalticunde die ir Hagnen hant
mit Sîfrides tôdehete gar benomen,
ob im das ouch immerze leide möhte komen. Nibelungen 1332, 2; ähnl. 1175, 2;

grôʒ triwe het im sô bewart
sîn manlîch herze und ouch den lîp,
daʒ für wâr nie ander wîp
wart gewaldec sîner minne,
niwan diu küneginne
Condwîr âmûrs,
diu geflôrierte bêâ flûrs.
Wolfram Parzival 732, 11;

'für daʒ ors des ir hie gert
habt iu den man derʒ gein mir reit'.
... 'megt irs sô gewaldec sîn,
antwurten in den kocken mîn,
sô kunnt ir werdekeit wol tuon'. 546, 23;

wâ von sol man hine vüre mîn geplätze erkennen?
hie envor dô kande man iʒ wol bî Riuwental.
dâ von solde man mich noch von allem rehte nennen:
nust mir eigen unde lêhen dâ gemeʒʒen smal.
kint, ir heiʒet iu den singen der sîn nû gewaltic sî:
ich bin sîn verstôʒen âne schulde: mîne vriunt, nû lâʒet mich des namen vrî.
Neidhart 49, 5 Keinz.


2)) verdrängung der genetivconstruction durch accusativformen:

der künec sprach 'des sît gewert,
unt dâ zuo alles des ir gert.
besliuʒet vaste die tür.
ich schaffe zwêne dâ vür
die nieman lâʒent dar in
unze ich der êrste bin ...
swaʒ ich ritter gewaltec bin
die müeʒen alle dar in,
daʒ man wol schouwe dâ bî,
wer âne valsch gewerket sî'. pfaffe Amis 579 Lambel.

[Bd. 6, Sp. 5118]



3)) präpositionalverbindungen.
a))

iʒ wârin ouh chunege creftic
uber manec dît gewaltic,
vil michel was ir sâlicheit,
ir list unde ir kundecheit.
Lamprecht, Alexander 52 Vorauer handschr.;

unde nimet mich imer wundersît er dîn eigen ist,
und du über uns beidiusô gewaltic bist,
daʒ er dir so langeden zins verseʒʒen hât.
dîner übermüetesold ich von rehte haben rât. Nibelungen 768, 2;

uber die risen und gezwerg
und uber manchen holen berg
solt du so gar gewaltig sein. Laurin 55 Schade.


b))

diz geschach in eime lantvride,
den hât geboten bî der wide
ein lewe, der was Vrevel genant,
gewaltec über daʒ lant. Reinhart fuchs 1242 Reiszenberger;

er kom da er einen probest sach,
alwære und einvaltic,
und iedoch was gewaltic
über ein vil michel guot. pfaffe Amis 1320 Lambel.


c))

eʒen hilfet gein iu schilt noch swert,
snell ors, hôch purc mit türnen wert:
ir sît gewaldec ob der wer.
bêde ûf erde unt in dem mer
waʒ entrinnet iwerm kriege,
eʒ flieʒe oder fliege.
Wolfram Parzival 293, 1;

do enwolde diu gute.
die der vater. und der sun heten in ir hte.
die groʒʒen wnne nicht vertragen.
daʒ die got eine wolde haben.
do riet si dem vater daʒ.
der gewaltic zegeben was. anegenge 6, 48 Hahn.


β) unter den formen der elliptischen weiterentwicklung tritt die privatrechtliche ausprägung in der dichtung naturgemäsz zurück (vgl. dagegen unter c), um so lebhaftere pflege hat die staatsrechtliche gefunden, vor allem in der verbindung mit dem verbum substantivum.
1)) beziehung auf weltliche machtfactoren.
a)) geschlossene verbindung:

daʒ si gewaltec wæren,daʒ tâten si wol schîn.
swaʒ si gebieten wolden,des torste man niht lân. Nibelungen 739, 2;

sus wart der furste rîche
gewaltic zÔsterrîche.
Ottokar österr. reimchr. 1768;

nu was ein valschafter man
ufgetreten in gewalt ...
und was zu herren erkorn
uber Sicilien daʒ lant,
Quincianus was er genant ...
Agatha wart do gebeten
vil dicke, daʒ si tete,
swes sie der herre bete,
daʒ were ir gut zu eren.
wolde ouch si des entkeren
und sinem willen widerstan,
so mochteʒ ir wol missegan,
wand er gewaldec were. passional 177, 37 Köpke;

dô sprach einer, der künic möhte ez noch baz getuon, wan der wære gewaltic und swaz er gebiete, daz müeste man leisten. Berthold v. Regensburg 2, 134 Pfeiffer; dar wart he geweldich imme lande van Pharaones halven. sächs. weltchr. 71; Pompejus in der stat z Babylon waz gewaltig. gesta Romanorum 7 Keller;

ich sihe (daʒ mir sanfte tuot)
vil rîchen tump und armen fruot.
nieman ist rîche ân argen list
wan der gerne arm ist.
swâ rîcher man gewaltic sî,
dâ sol ouch gnâde wesen bî.
man sol sich gerne erbarmen
über die edeln armen.
Freidank 40, 13 Grimm.


b)) gelockerte verbindung:

welhe wege si füerenze Rîne durch diu lant,
des kan ich niht bescheiden.ir silber unt gewant
daʒ en nam in nieman:man vorhte ir hêrren zorn,
jâ was vil gewalticder edele künic wol geborn. Nibelungen 1369, 3;

von Roten zuo dem Rînevon der Elbe unz an daʒ mer,
sô ist künec deheinersô gewaltic niht.
du maht dich vreuwen balde,sô er dîn ze konen giht. 1184, 3;

abir schribit Salomon der koning
siner vrouwen wundirliche ding ...
zu dem boten sprach si do:
saget mir, wer owir herre si,
ist her wert hoch und do bi vri? ...
si sprach: ist her icht gewaldich?
her sprach: vrouwe daʒ sage ich,
a mari usque ad mare
sin gewalt get von dem mere anʒ mer.
Brun v. Schonebeck das hohe lied 375, vgl. unten sp. 5119;

[Bd. 6, Sp. 5119]



dô wart er richtære,
gewaltich unde mære:
Rôme unde Lâterân
wurden im baide undertân. kaiserchronik 11415 Schröder;

Isac Abrahames sun
wart nâch im gewaltic und frum
unde wart ein êrbær man,
als ich von im gelesen hân.
Enikel weltchronik 4294 Strauch;

dâ von wil ich des verjehen,
daʒ er ist gewaltic und starc
und vil sinnic, wîs und karc. 7687;

do nam uf sinen palas
der keiser Katherinen ..
und mit semften worten sprach: ..
'nach miner kuniginne
saltu gewaldigest wesen
und mir die liebeste uʒ erlesen,
die ich nu indert schowe.' passional 679, 69 Köpke.


c)) verbindung mit factitiven verbis:

swer hilfet rechen mîn leit,
ich gibe im (die) sicherheit
daʒ ich in endelîche
gewaltic unde rîche
wil machen ê ich erwinde.
Moriz v. Craon 210 Schröder.


2)) übertragung auf göttliche macht (vgl. schon die sp. 5118 angeführte stelle aus Brun v. Schonebeck):

dar undir wârin
dî dir von goti lârin:
daʒ wârin dî hêrrin
dî gûtin Israhêlin.
ein andir sî sagitin,
alsô sî gilesin habitin,
daʒ got wêr ûf demo himili
sam giwaltig sami hî nidini. eingang zur älteren Judith nach
Müllenhoff-Scherer denkmäler 13, 133;

der lip ist ce fleischlichen sachen
weich unde haltich (unhaltich?):
so bist ave du herro so gwaltich,
daʒ du in wol gisterchin maht
mit diner gotelichin chraft. litanei bei
Hoffmann fundgruben 2, 216;

nu was ein groʒ gotinne
vil gewaldec da gewesen,
die daʒ volc hete uʒ erlesen
an sunderlicher werdekeit. passional 13, 27;

der vater. der den sun hete gisant.
der bewærte wol daz.
daʒ er gewaltic, weise. unt gut was. anegenge 9, 49 Hahn;

er ist gewaltic unde starc,
der ze wîhen naht geboren wart,
daʒ ist der heilige Krist.
Spervogel, minnesangs frühling 28, 13;

'Silvester', sprach er, 'hore mich!
du spriches so, daʒ swen Christ
an gotelicher mitewist
si gewaldec, starc und daʒ leben,
wie hat er danne sich ergeben,
ist er des gewaldes got,
under schimpflichen spot,
des er vil hat geliden'. passional 81, 53.


3)) übertragung auf unpersönliche träger:

des antwurte Sîfrit,der kreftige man,
'müet iuch daʒ, hêr Hagne,daʒ ich gesprochen hân,
sô sol ich lâʒen kiesendaʒ die hende mîn
wellent vil gewaltichie zen Burgonden sîn'. Nibelungen 121, 4.


γ) die attributive verwendung des adjectivs zeigt vor allem in der geistlichen dichtung eine erweiterung ihres gebietes, da das adjectiv mit bezug auf gott gern angezogen wird. die freiere fügung in der poetischen kunstform begünstigt dabei diejenige form des attributs, die sich der apposition nähert und zur substantivierung führt.
1)) weltliche macht:

fur dem chunige in dem sale
dâ vant er boten Darios
aines geweltigen chuniges.
Lamprecht Alexander 466 Vorauer handschr., ähnlich 1429.

vgl. DWB des waldigen koninges kint. Brun v. Schonebeck hohe lied 294;

du solt ein künec gewalticbî neben Etzelen sîn. Nibelungen 2095, 4;

unt sint erstorbenalle mîne man,
sô hât mîn got vergeʒʒenich armer Dietrîch,
ich was ein künec gewaltichêr unde rîch. 2256, 4;

lâʒ dir mit trûwen wesen leit,
daʒ du ein kunic lobelich
gewaldic und dar bie rîch
hâst dîne gote verlân,
die dînen eldern hân gestân
bie in manchen sachen. livländische reimchronik 6406;

[Bd. 6, Sp. 5120]


und dar umb gepôt der geweltig kaiser Alexander seim volk, daʒ eʒ der veigen nicht æʒ. Konrad v. Megenberg buch der natur 322, 11;

dâ sol ich mîme herrenwerben ein ander wîp,
sît diu ist derstorbender schœnen Helchen lîp.
ich wil nach Kriemhilderîten an den Rîn:
diu sol hie zen Hiunenvrowe vil gewaltec sîn. Nibelungen 1109, 4;

sus kêrte er dannen zehant
unde nam von den mæren,
den gewaltigen Romæren
urloup unde boteschaft,
swaʒ er betwünge mit kraft,
daʒ er daʒ zeigen hæte
und ouch in dâ von tæte
etslîch reht und êre.
Gottfried Tristan 5910;

und alse der zins ûf sîne vart
hin wider Ìrlant geschicket wart
und daʒ fünfte jâr în gie,
sô muosen aber diu zwei lant ie
iemer ze sunnewenden
die boten ze Rôme senden,
die Rôme wol gezæmen,
und daʒ die dâ vernæmen,
welch gebot und welhen rât
der gewaltege sênât
enbute unde sande
einem iegelîchem lande. 5992;

die Joseben chouften do si in z Egypte lande brahten,
si verchouften in sâre z eineme herren hieʒ Putifâr.
der was ein geweltig man, deme was daʒ here undertan. genesis 55, 26 fundgruben,

von sinen gnaden iʒ quam
daʒ der herre siechen began:
daʒ dem gewaldigen man
ze groʒer selicheite quam. Trierer Silvester 45;

warlichen solti dehein richir herre. odir ein geweltigir vriwent z iwerme hûse chomin, mit allim vlîʒʒe werde iwer hûs gechert und gereinit. specul. eccles. 82 Kelle;

nu was bi in ein reiner degen,
beide gewaldec unde wis,
der hete an ime sulichen pris
in dem er trat die anderen vur,
daʒ vil nach die willekur
alleine an sime herzen stant. passional 9, 59;

nû was dâ bie geseʒʒen
ein heiden wol vermeʒʒen,
beide gewaldic und rîch,
dar bie was er tugentlîch. livländische reimchronik 261.

vgl. gheweldich heer, souverain, vorst. Oudemans 2, 658.
2)) übertragung:

vrowe, aller hôgeste minnerinne,
num in dîne hant alle mîne sinne,
aller gewelgiste kêserinne ...
num mînen dînst minnencliche. niederrhein. Marienlob 23 Piper;

er ist, sprichint si, der starche herre, herre allir tugindi, ein geweltiger herre ane sineme wîge, dominus fortis, dominus virtutum, dominus potens in praelio. speculum ecclesiae 78 Kelle; tot ist die henne die do auszzog sollich hüner. ach gott, gewaltiger herre! wie lieb sach ich mir, wann sie so zuchticliches ganges pflag. ackermann aus Böhmen 12;

ouwê, gewaltiger Krist,
waʒ êren uns benomen ist,
mînem herren unde mir!
nu enbirt er und ich enbir
der êren der uns was gedâht.
Hartmann v. Aue armer Heinrich 1297;

got gewaltic, waʒ du schickest
wunderlicher dinge ân allen mein!
für der himele dach du blickest
unde durh der helle dillestein.
Konrad v. Würzburg lieder und sprüche 1, 1;

swer sich unreiner lust irwerit
unde vermidet bose dat
unde setzet sinen rat
an den geweldegen got
unde heldet sin gebot. sächs. weltchronik 65;

sô wil ich dir in nennen,
und wîsen sînes namen sus:
mîn herre Jêsus Kristus
daʒ einborne gotes kint ...
der hôhe ob allen listen
aller wîsheit urhap treit
mit endelôser wîsheit.
in drin namen eine,
heilic, eine, reine,
gewaltic eine lebende,
ân ende leben gebende.
Rudolf v. Ems Barlaam und Josaphat 50, 21;

ich geloub das er da sitzt zu der zeswum sines vatters, im eben gewaltig unnd eben ewig. bekenntnisformel d. abtes Bechtold (1250) bei Zellweger urkunden 1, 1, 58; wat bis dû wan mîn

[Bd. 6, Sp. 5121]


here got? want we is here âne dich here ove we is got âne dich, got. ovirste, beste, geweldiste, allergeweldiste, barmherziste, inde gerehtiste, hêmelîchiste inde offenbâriste stêde inde unbegrîflich, unwandelbêre inde dû wandeles alle dinch, inde die stolzen leides dû in dat aldir, inde si enwizzen es niet. die rede von den XV graden (Trierer handschr. des 14. jahrh.), Germania 6, 148 (vgl. oben sp. 5094); ach herr, wie oft er mich gevangen hât, daʒ mich diu aller tugentleichst ... diu geweltigst allzeit hât erlœst auʒ seinen scharpfen klâen. Konrad v. Megenberg buch der natur 182, 7.
δ) für die function des adverbiums treten die belege in der mittelhochdeutschen periode ganz zurück; hiefür liegen in den formen gewalteclîchen, gewalteclîche (s. gewaltiglich) besondere bildungen vor. auch die substantivierung unseres adjectivs ist hier wenig entwickelt:

Adrianus der wart zornvar.
eines gewaldigen wart her gewar.
zuhant do her den irsach,
weder en her ernstlichen sprach:
mache, daʒ mir Secundus zu rede,
des wel ich dich gutlichen bede.
do sprach der selbe gewaldige man ... Secundus 220 (zschr. f. d. alterthum 22, 393).


c) in der übergangsperiode von der mittelhochdeutschen zur neuhochdeutschen zeit machen sich die einzelnen stilformen der prosa mit ihren besonderen bedingungen für die bedeutungsentwicklung des adjectivs geltend. in älteren chroniken überwiegt die verbindung mit einem persönlichen genetiv, die sich enger an die oben belegten fügungen anlehnt. die rechtsprache bevorzugt verbindungen mit unpersönlichem genetiv, bei denen die parallele von gewalt und besitz durchschlägt. in der geschäftsprache der urkunden tritt die auf elliptischer fügung beruhende attributive verwendung mehr in den vordergrund. vereinzelt werden auch schon ansätze zu der bedeutung violentus bemerklich, so in der verbindung gewaltige hand (s. unter 2); doch ist beim adjectiv diese entwicklung lange nicht so früh belegt wie an der adverbialform gewaltiglich s. d.
α) die zielbestimmung wird hier fast immer im genetiv angefügt, präpositionalverbindungen sind selten: to Babilonie irhuf sik dat rike, die was geweldich over alle land. Sachsenspiegel landrecht 3, 44 § 1 Homeyer; vgl. auch die infinitive mit zu.
1)) mit persönlichem genetiv:
a)) welch gesellen nicht beleiben wolten, der sie nicht gewaltig weren, di solt man lazzen reiten. (bestellung der söldner 1388) d. städtechroniken 1, 172 (Nürnberg); und wollen das für uns und alle die unsern, deren wir gewaltig sind und uns zu versprechen stehen, getreulich und ungefährlich helfen, in kraft dieses briefes. schreiben des herzogs Ludwig von Ingolstadt (1436) bair. landtagshandl. 4, 85 Krenner;

ir wort waren so menchveldich,
si enweren der kneichte neit geweldich.
Gotfrid Hagen (boich van der stede Colne), d. städtechroniken 12, 118;

und verpot allen seinen geschloszen, das man den jungen herren herczog Ludwigen nicht einliesz dann mit einer anzal, das si sein gewaltig möchten sein. d. städtechroniken 4, 122 (Augsburg, zu 1439); wölten die von Auspurg willig sin, so wölten si des kaisers gewaltig sin (einflusz ausüben auf, gut stehen für d. k.) umb 9 tusent guldin. 4, 36;

int want hint din avent is
und des leiven Cristus geweldich bis,
so mois du uns hint maichen hoilt
alle de uns hassent ain unse schoilt.
Gotfrid Hagen (boich van der stede Colne), d. städtechroniken 12, 79.


b)) wer aber, daz kein jud in den vorgenanten steten mit iemant, der in solch gült schuldig were, an der rechnung stözzig würden oder ze hert sein wolten, so sol dez der rat in der stat, do dann derselb jud gesezzen ist, gewaltig sein und uff im bleiben. (vertrag der bevollmächtigten könig Wenzels mit dem städtebund wegen der judenschulden 1385) d. städtechroniken 1, 117; so es sache wehre dasz uns ehehafftige noth antreffen würden als gefängnüsz, krieg oder ander geschichte, unser oder unser manne ehre und leib zu lösen, dasz wir dann derselben unser fürstenthumb, land und leute gewaltig sein, zu thun und zu lassen. urkunde herzog Bolkos von Schlesien (1353) bei Lünig cod. Germ. dipl. 1, 1091, vgl. Haltaus 698; stirbt ain man ân geschaeft, und læt hie hausfraun und chint, so sol deu witeb der chint und des guots gewaltich sein. stadtrecht von München 124 (Auer 49).
2)) unpersönlicher genetiv.

[Bd. 6, Sp. 5122]



a)) do er in die stat kom do fieng er 6 ritter, die die stat und in verkauft hetten gein dem von Mailand, den schlg er ire haubt ab mit sin selbs hand und ward der stat gewaltig piz an den Rocken. d. städtechroniken 4, 92 (Augsburg, zu 1390); auch daden sie die dinere abe, den die porten befolin waren, und sasten sie diner dar, die in swrin, also daz sie der porten und der thurne geweldig wurden und noch sint. 17, 358 (Mainz, zu 1322).
b)) swaz aver er hat des er gewaltich ist, ist daz ein beraitscheffte oder an gute ouff der erde, in der stat oder dervor, daz er mit der stat gedinet hat, swelher hande oder swelher laie daz ist, daz sol er stiüren als ein ander burger. stadtbuch von Augsburg 76 Meyer; swa aber ein huswirt oder ein husfrowe, dú húser hant in ir hant und der gewaltig sint ze den heiligen swerrent, das es ane ir wissende, helffe und rat geschehen si, die súln der bsse mit dem eide ledig sin. (1341) Züricher stadtbücher 1, 167; man soll ihm auch das gutt lassen in geweren etc. das ist, man soll ihn des guts geweltig sein lassen, dass er es auff seinen gewin und vorlust haben und vortretten musz. glosse zum Sachsenspiegel (3, 83) abdruck von Vögelin 1561 s. 472c; da si di sache uz ir hant gaben, da waren si ir nicht me gewaldic. Freiberger stadtrecht 49, 46 Ermisch; gebit und vorreicht ein man in gehegetem dinge vor richter und vor scheppen eime sinir kindir hundirt mark in alle sin gut vor us tzu nemen vor andirn sinen kindirn noch sime tode tzu tune und tzu lasene. di wile her abir lebit so wil her selbir gewaldig sin des gutes und domitte tun und lasen. so sal di gobe bliben. das alte Kulmische recht 4, 21 (Leman 108); vorghift en wat, of he sterve dat men dat dar denne antwarde, de wile he leve so wille he des gheweldich sin, dat ne is nen gave. die Goslarischen statuten 9 Göschen; Cne Dreltz is gekomen vor gehegt ding unde het gegeven L. siner eliken husfrowen sin egen tu eime lifgedinge; selven wil he des gewaldich sin, die wile he levet. Hallische jahrbücher (ende 14. jahrh.) 1, 434 Hertel; unde let he sik dat recht to dren iaren achteren, al dus vor de dörre, legghen, so zal de ghene deme de wort to höret, des ghewöldich wesen. Wisby stadslag 3, 2, 4 Schlyter; so sol der rihter der frowen vormunt sin, unz daz si ir einen geneme, und sol die frowen ires gutes gewaltic tun, des er si ungewaltic hete getan. Schwabenspiegel cap. 44, 1; gestet he also, so hat he daz cinsgelt gewunnen, unde der richter sal is in gewaldic tun. Freiberger stadtrecht 1, 21; so suln si für den rihter varen, in des gerihte daz gut lit, und suln ez dem klagen: der sol si ir guts gewaltic machen. Schwabenspiegel 92, 2; wirdet einem manne ein hus geeigent, als recht ist, daz sal man im rumen in vircehn tagen; oder ienre, der da inne ist, rumet he iz nicht, he verlusit sechzic schillinge ... tut he des dennoch nicht, so sal der richter mit im dar gen unde sal im helfen, daz da gerumet werde ane widerrede ... ist he zu cranc, he sal di burger zu im nemen unde sal ienen uzwisen unde sal disen darin wisen unde sal is in gewaldic machen. Freiberger stadtrecht 5, 20; gesten si abir alle, als recht ist, so muz man ir ir erbeteil leisten unde bewisen in deme dinge. tut man des nicht, der richter sal si is gewaldic machen. 5, 2; do gevil dem vorgen. Merten do mit vrag und urtail, er scholt mir mein recht geben, daz hat er getan, und scholt ich in des haus gewaltig machen und an die gewer setzen. Wiener urkunde von 1350 (aus Duellius hist. equit. teuth. 3, 71) bei Haltaus 698; ich obgenanter Johannes herr zu Abensperg, und ich Niclaus herr zu Abensperg sein sohn setzen den benanten prior, convent und all ihre nachkommen der benanten gült und gelts ein, ausz unser nutz unnd gewier, inn ihr nutz unnd gewier, unnd machen si der gewaltig hiemit in krafft desz brieffs. stiftsbrief des klosters zu Abensberg (1462) bei Hund 2, 229; dieweil wir aber in solch obgenant gült zu ewigen zeiten nit gekauften, und bisz auf ihr bengen derselbigen gewaltig gemacht haben, so soll derselbig hauptstifftbrieff hinder dem ehrw: in gott herrn Conraden abt, oder sein nachkommen und den convent St. Haimeran gottshausz zu Regenspurg still ligen, so lang bisz wir die gült in masz, als oben geschriben stehet, gekaufften und sie derselben bisz auff ihr bengen eingesetzt und gewaltig gemacht haben. ebenda und öfters.
3)) und mac er danne zwene man ze im haben, die daz sahen und horten, daz ez im die lihen, die sin ze den selben ziten gewaltic waren zu lihenne. Schwabenspiegel cap. 34, 1;

[Bd. 6, Sp. 5123]


wir wellen und setzen, daz die schergen und vorsprechen chainer schidung gewaltig sein. stadtrecht von München art. 274 (Auer 106); wir haben uns auch vollen gewalt behalten und uzgenomen swaz wir fürbaz z disen vorgeschriben gesatzten erdencken chünnen und mugen da von gemainlichen richen und armen zuht, fride und gemach wachsen und komen mag, daz wir daz alle zit gewaltig sien ze tn. (zweiter zunftbrief von Augsburg 1368) d. städtechroniken 4, 145.
β) für die verbindung mit dem verbum substantivum läszt sich die bedeutungsverengerung und ebenso die unterdrückung der zielbestimmung an einigen beispielen anschaulich verfolgen: ist er dann gevangen in unsers herren gericht, das zu Fügnër schrann gehört, so sol man in antwurten auf den dingpühel, und wer dann derselben schrann gewaltig ist, der sol uns siczen und unverzogne recht tuen. landrecht im Zillerthal, österr. weisth. 1, 320; wenn der kamrär nicht geweltig möcht in allen sachen sein, so sol im der vogt helfen. öffnung und rechte von Ötzthal, ebenda 3, 74; und hant ch die vorgenanten juden oder den, der dis brieves gewaltig ist, getröstet und gelopt uf dem selben phande getrúwelich ze schirmende. Basler urkundenbuch (1335) 4, 120 Wackernagel; wenn das jar auz chümbt, so sol di fraw von newen anvengen, oder ire kinder, ist dass sie dem guet genüg und gewaltig mag sein mit dem paw an abganck. (urkunde der abtei Chiemsee 1462) mon. boica 2, 513; sölliche stösz ist vor zeiten pei unsern gedingen für recht kummen, und hat recht und urtail erfunden, daz ain ieklicher sol mit sein aigen gut frei und ledig und ganz gewaltig sein und seinen willen darmit tun. civil- und kriminalstatuten von Münsterthal (1427), österr. weisth. 4, 359; parrochianus, qui dicitur vulgariter geweldig man .. poterit sibi ortum construere in campo. Kölner urkunde von 1341 bei Lacomblet 3, 361, vgl. Kehrein 31b.
γ) die attributive verwendung des adjectivs erfreut sich gerade in dieser stilform einer vielseitigen entwicklung, da der kreis der substantiva, die eine verbindung mit gewaltig eingehen, hier sehr ausgedehnt ist. die staatsrechtlichen machtfactoren treten zwar zurück, dagegen nimmt die zahl der auf die vorstellung einer übertragung der gewalt zurückführenden substantiva zu. hier wiederholen sich die bei gewalt oben belegten gegensätze, indem bald die vorstellung der machtausübung, bald die der stellvertretung in derselben überwiegen.
1)) verbindung mit staatsrechtlichen typen: ich grave Hainrich von Werdenberg vergich ouch, daʒ ich ainen gelerten aide gen der hailgen gesworn han, alleʒ daʒ getriwlich stæt ʒe halten und ʒe vollefuern, daʒ hie verschriben ist. ich sol ouch bi der vogtai beliben bis an ainen ain welligen und gewaltigen Römschen kuenig. graf v. Werdenberg verpflichtet sich, der stadt Ulm zu helfen (1328), s. Ulmisches urkundenbuch 2, 82; ich ... mein hausfrau ... veriehen offenbar mit dem briefe, daʒ unser vater Chunrat der alt Torsch ze lehen hat genomen von unsern genädigen herrn herrn Ludweigen dem hochgeporn fürsten ze Bayrn und geweltigen kaiser dez römischen reiches, einen werd. (1381) monumenta boica 4, 173;

ir moicht geweldich sicherliche
koninginne sin over all min riche,
darzo hait uch min herze erkoren,
want ir sit koningis kint geboren.
Gotfrid Hagen (boich van der stede Colne), d. städtechroniken 12, 28;

allen den sie kunt, die disen brief gesehent ..., daz wir Adilheit ... mit verhenknisse und ordenunge dez edeln herren, hern Rdolfis, von gottis gnadin eins geweltigen marggraven von Baden, ... gebin und entwurtin sulent unvirzogenliche von dem zehenden dez dorfis und bannis z Steinbach vier und zwentzig phunt hallere. öffnung und recht im Ötzthal (1312) bei Mone zeitschr. 7, 359.
2)) machtausübung in stellvertretung.
a)) ausprägung der vorstellung der 'machtausübung': wa ich iu erwette den rehten munt, den gewerten munt, den gewaltigen munt, nâh Swâbe ê, nâh Swâbe rehte, so von rehte ain vrî Swâb ainer vrîen Swâbin sol, mir ze mîneme rehte, iu zuo iuwereme rehte, mit mîneme volewerde engegen iwereme vollen werde. Schwäbische trauformel (Müllenhoff-Scherer denkm. 13, 319); ich spriche meinem herrn zu recht, das er zu dreien zeiten gewaltigen ban hat, zu wihenachten u. zu ostern u. zu s. Peters mess und zu ieglicher zeit drei fuder weins ussleget, das ist zu den dreien ziten neun fueder. Grimm weisth. 1, 754 (Unterelsasz, Neuweiler); ich Asm. Pirkner an der zeit meines gnedigen herrn zu Rot etc. richter bekenne offenlich mit dem brief. als ich an offner schrann in der

[Bd. 6, Sp. 5124]


hofmark Pillersee mit gewaltigen stab sass zu rechten: da komen die 12 geschwornen rechtsprecher. landrecht von Pillersee, österr. weisth. 2, 90 anm.; dasz ich mit gewaltigen stab zu gericht sasz. urkunde von 1450 bei Haltaus 1713; so offent man euch, das mein frau oder ir anwalt, wem si gewalt darzu geit, hat einen gewaltigen richttag in irer freien stift ietzo in dem pantäding mit minn oder mit recht umb alles, das ir läut und güeter angehört oder anget. öffnung und recht im Ötzthal, österr. weisth. 3, 73; anno 1282 ist Albrecht der erst hertzog zu Osterrich von sinem vatter kúng Rudolffen zu gewaltigem gesetzt úber das land Osterrich. Basler chron. 5, 17.
b)) machtausübung und stellvertretung halten sich die wage: item ... solle ein apt von Swartzach haben sitzen von sant Peters gnaden einen gewaltigen schultheissen zu Trusenheim an dem gerichte. Grimm weisthümer 1, 734 (Unterelsasz, Drusenheim); ist, daz he ein dinc sitzet oder zwei, ab der underste voit dabi nicht ist, waz vor im geteidingit wirdit an ein zil, daz bezugit man wol mit im, wen he gewaldiger richter ist unde sin gerichte von dem konige hat. Freiberger stadtrecht 34, 3 Ermisch; ich phleger zu Ratenberg bechenn offenleich mit dem brieff, daz ich zu Praitenpach auf eleichen taiding an dem rechten saz mit dem stab als ain gewaltiger richter. (Brandenberg 1434) österr. weisth. 2, 136; es sind unsre landrecht, das ain ieder pfleger ze Kropfsperg ain gewaltigen richter haben sol zu lassen und ze tuen und sol dhainen arm noch reichen nicht gepieten gen Kropfsperg zu taiding. landrecht im Zillerthal, ebenda 1, 318; wir die geweldige ind verdiende scheffenen des hoen gerijchtz zo Cœlne. (1430) acten z. verfassung d. stadt Köln 626; do griffen si ouch zu hant den selben burgermeister unde hiwen on an vier stucke, unnd ouch andere redeliche gewaldige luthe, radmanne, di das mete wusten, den hiw man di koppfe abe. Stolle Thüringisch-Erfurtische chronik 3 Hesse; in des brobstes abwesen mit erlöbnuss zweier oder dreier der gewaltigosten chorherren in namen und stat der andern. ordnung für den stiftsschulmeister zu Münster (Graubünden 1420), sammlung .. pädagogischer schriften 12, 46; meiner swester kint, der got genad, der ich doselben gewaltiger pfleger war. Fürstenfelder urkunde von 1338, mon. boica 9, 177.
c)) die stellvertretung giebt den ausschlag: es gepeut unser genedigister herr kunig Lasslaw zu Hungern ... sein obrister haubtman her Wolfgang von Wallsse, sein gewaltiger lantmarschalh in Österreich. copey-buch d. stadt Wien (1454), fontes rerum Austriacarum 2, 7, 13; item, und mainent si die selben schiltheren, in sol chain richter nicht gepieten umb chainerlai sach ân meinen herren oder seinen gewaltigen hauptman. (gericht im Passeier) österr. weisth. 5, 94; der gewaltige bote. Mühlhauser rechtsbuch 12 Förstemann neben waltpode, gewaltbote (s. d.) und mächtiger bote vgl. Bech Germania 5, 242.
δ) hieran knüpft vor allem die substantivierung: die virde sache der ehaftigen nodt kumpt von herndinste. die ist manchfeldig zcu erkennen, wan des hern dinst mit urteiln geboten wirt, ader der rat gebut in witpilde, ader des herrn gewaldigen ader sein selbst bote; das dinst mus man dan tun. J. Purgoldt rechtsbuch XXXI, s. Ortloff sammlung deutscher rechtsquellen 2, 184; darüber mehr thun wir ihnen die gnade, das sie nirgendt mehr unsern gewaltiegenn, noch unsern voigdten noch mannen unterthenig sollen sein. (Weimar 1310) bei Klingner dorfrechte; do sprochen der fursten gewaldigen, is enwere om nicht nutze das her sie also beschedigete ane redeliche schulde. Johann Rothe thüringische chronik 611; nu hiessen on die herren zu Doringen unde zu Missen dorumbe beteidingen uf eime tage, den ir gewaldigen mit om hilden, worumbe her sie roubete. ebenda; do sy zu deme rathuse quomen, do was das rathusz geuffent, do erschrocken di burgere gar sere und frageten, wy das zu ginge; esz en wolde nymant wisse. eyner fragete den andern under den gewaldigen, si sprochen alle, si woston sie nit. Stolle Thüringisch-Erfurtische chronik 2 Hesse. vgl. Schiller-Lübben 2, 100, vgl. auch gewaltiger.
d) auch hier giebt die bibelübersetzung, der sich die geistliche prosa des 14. und 15. jahrh. anreihen läszt, ein anschauliches bild von den mannigfachen verschiebungen, denen der litterarische gebrauch des adjectivs im übergang zur neuhochdeutschen periode unterliegt. es ist nicht blosz erweiterung und ausdehnung, sondern in mancher hinsicht auch eine verkümmerung zu beobachten. im cod. Teplensis z. b. tritt die verwendung auffallend zurück, während die Trebnitzer psalmen andererseits den gebrauch steigern.

[Bd. 6, Sp. 5125]


bei Luther büszen die charakteristischen formen älteren gebrauches an geltung ein, während einige andere, so namentlich die attributive function und die substantivierung, vorschreiten.
α) die verkümmerung der bisher bevorzugten gebrauchsformen.
1)) die verbindung mit einem genetiv oder einer andern form der zielbestimmung erreicht in den Trebnitzer psalmen ihren höhepunkt und schrumpft dann rasch zusammen. am zähesten wird sie noch in der Züricher bibel festgehalten.
a)) nuo von dem driten wortzeichen, das ist, das ir deste bas merken und gelouben súllent, das got ein herre ist und unser aller gewaltig ist. Nic. v. Basel 155; gott, der mein und ewer gewaltig ist, getrawe ich wol, er werde mich vor euch beschirmen. ackermann aus Böhmen 14; unde he gap si in di hende der leute, unde geweldic sint ir di si haztin. Trebnitzer psalmen 105, 41 (et dominati sunt eorum qui oderunt eos, unde iro fienda wiêlten iro. Notker; und di si hasten, die herschtent ir. Eggestein. Koburger; das uber sie herrscheten, die inen gram waren. Luther. ähnlich Eck. Kautzsch 106, 41); di genge min berichte alna der sprochin din, unde nicht geweldic inwerde min alliz unrecht. Trebnitzer psalmen 118, 133 (et non dominetur mei omnis iniustita, unde nehêin unreht ne walte mîn. Notker; alles unrecht herscht mein nit. Eggestein. Koburger; und las kein unrecht uber mich herrschen. Luther 119, 133. ebenso Eck. Dietenberger. Kautzsch); darzuo so hast du ouch einen nuowen glouben in kuorzen joren gelasan ufgon, und das sint cristonmenschen, und in dem selban glouban so hast du ir also vil gelosen werden und ouch also gewaltig úber uns werden, also das mich ouch wunder hat. buch von den fünf mannen bei Schmidt Nicolaus v. Basel 123.
b)) wiltu aber mînen willen tun, sô wil ich dich êren und wil dich gewaldic tun alles mînes rîchis und wil dich nemen zu einer êlichen vrowen. Hermann v. Fritzlar heiligen leben, deutsche mystiker des 14. jahrh. 1, 156; und dich über dises alles samen gewaltig gemacht. Züricher bibel (Froschauer) Dan. 2, 38 (et sub ditione tua universa constituit; und hat geschickt alle ding under deim gebot. Eggestein, ähnlich Koburger; alle ding in deinen gewalt gestellt. Dietenberger, ähnlich Eck; und dir uber alles gewalt verlihen hat. Luther; den er über alles zum herrscher gemacht hat. Kautzsch); vrowe dich gûtir und getrûwer knecht! wan d in eime cleinen bist getrwe gewesit, du wirdes gewaldic ubir zen stete. Beheims evangelienübers. Lucas 19, 17 (eris potestatem habens; du wirst haben gewalt uber 10 stet. cod. Tepl. ebenso Eggestein. Korurger. Eck. Kautzsch; solstu macht haben uber zehen stedte. Luther. Dietenberger); Katherîna, sich ane dîne jugent und dîne geburt und dîne schônde und kêre dich zu unsen goten! ich wil dich setzen gewaldic in mîme rîche und wil ein bilde nâch dir lâzen gizen daz allez mîn volc muz anebeten. Hermann v. Fritzlar heiligen leben, deutsche mystiker des 14. jahrh. 1, 256; und dô was ein keiser zu Rôme der hîz Phylippus; der hate einen sun der hîz ouch Phylippus, und dise di wurden gewaldic zu Rôme. 174; du bist der herr des läbens und tods gewaltig bist. Züricher bibel, weisheit Salomonis 16, 13 (ebenso Dietenberger und Eck; et mortis habes potestatem, hast gewalt des lebens. Eggestein. Koburger. ähnlich Luther; du hast macht über leben und tod. Kautzsch); aber er was alle zît des vernünftigen willen alsô gewaltig, und was sîn vernünftiger wille als eine mit dem götlîchen willen des vatter (wan ir beider wille was ein wille), daz er einen ougenblik nie gewürkte ûz dem natiurlîchen willen. Nicolaus v. Straszburg von dem liden unsers herren, deutsche mystiker des 14. jahrh. 1, 290; geweldic uf der erdin sal sin das geslechte sin. Trebnitzer psalmen 111, 2 (potens in terra erit semen ejus, sîn sâmo .. kemag filo in terra beatorum. Notker; sein same wirt gewaltig in dem land. Eggestein. Koburger; des same wird gewaltig sein auff erden. Luther. ebenso Dietenberger. ähnlich Kautzsch; bei Luther in den versionen von 1521 und 1524 sein same wird regirn; bei Eck: mächtig .. sein); got ist gewaltig von diesen stainen zersten di sune Abrahams. cod. Tepl. Mattheus 3, 9 (gott vermag dem Abraham aus diesen steinen kinder zu erwecken. Luther).
2)) engere verbindung des adjectivs mit dem verbum substantivum.
a)) der do geweldic ist in der togunt sin ewiclich. Trebnitzer psalmen 65, 7 (qui dominatur in virtute sua, der in sînero chrefte iêmer hêrresôt. Notker. ähnlich Eggestein. Koburger; er herrschet mit seiner gewalt. Luther 66, 7. ebenso Dietenberger. Eck; er herrscht in ewigkeit durch seine stärke.

[Bd. 6, Sp. 5126]


Kautzsch); di da werden gesechen ze sein gewaltig den leuten. cod. Tepl. Marcus 10, 42 (ebenso Eggestein. Koburger, qui videntur principari gentibus; di da gesehin werden vrstinschaftinde. Beheim; das die weltliche fürsten herrschen. Luther).
b)) herre, got der togunde, wer ist glîch dir? geweldic bistu, herre, unde di worheit din ist umme dich. Trebnitzer psalmen 88, 4 (potens es domine, dû truhten bist mahtig. Notker; du bist gewaltig. Koburger. Eggestein. Kautzsch; ein mechtiger gott. Luther. ähnlich Dietenberger). ähnlich Trebnitzer psalmen 75, 4 (hier in der ganzen übrigen bibelübersetzung andere auffassung); wan er hat mir getan michele dink, der da ist gewaltigt. cod. Tepl. Lucas 1, 49 (der do ist gewaltig. älteste drucke; der da mechtig ist. Luther); wer ist der konig der eren? unse herre starg und mechtig, unse herre ist geweldic in dem orleuge. Trebnitzer psalmen 23, 8 (truhten, mahtiger in wîge. Notker; der starck und der gewaltig herr, mechtig an den streit. Eggestein. Koburger; gewaltig und ein held .. ein kriegsheld. Kautzsch; der herr, starck und mechtig, der herr mechtig im streit. Luther. ebenso Eck. Dietenberger); es ist z förhtende, daz dis valsche schedeliche volk vil zarter mürwer menschen an sich ziehende und gewinnende werdent, der ein teil riche und gewaltig werdent sinde, und ir ch ein teil gar behender vernünftiger pfaffen der under werdent sinde. Rulman Merswin buch von den zwei mannen 39 Lauchert.
β) die weiterentwicklung der weniger gepflegten verwendungen trifft in der bibelübersetzung den attributiven gebrauch und die substantivierung, während die function des adverbiums noch zurückbleibt.
1)) der attributive gebrauch erweitert sein gebiet vor allem im zusammenhang mit der abschwächung der bisher beobachteten eigenart des adjectivs und der annäherung der bedeutung von potens an die von robustus, fortis, vehemens. wie sehr diese annäherung durch die bedeutung der substantiva begünstigt wird, mit denen das attribut sich verbindet, zeigt der nachfolgende überblick, bei dem es oft nur auf grund des textes der vulgata möglich ist, zu entscheiden, ob die ältere bedeutung potens für das adjectiv anzunehmen ist, oder ob die jüngeren uns geläufigeren bedeutungen robustus, fortis, vehemens vorliegen. beachtung verdient, dasz für den letzteren fall die ältere bibelübersetzung übereinstimmend an adjectiven wie stark, kräftig festhält, während Luther hier unser adjectiv einbürgert.
a)) die belege, in denen das adjectiv einem potens der vulgata entspricht, weisen nicht blosz weltliche machtfactoren als träger des begriffes auf, sondern auch abstracta und körperliche organe, die dann leicht zu der neueren richtung der bedeutungsentwicklung überleiten, wie gewaltige stadt, gewaltige hand u. a.: einer ists, der allerhöhest, der schepffer aller dinge, allmechtig, ein gewaltiger könig, und seer erschrecklich. Luther Sir. 1, 7 (unus est altissimus creator omnipotens et rex potens, ein gewaltiger kunig. Eggestein. Koburger); jederman weis, das du der gewaltigst fürst bist, im gantzen königreich, und dein gut regiment wird uberal gepreiset. Jud. 11, 6 (quoniam tu solus bonus potens es in omni regno ejus, das du bist allein gt und bist gewaltig. Eggestein. Koburger); Chus aber zeugte den Nimrod, der fieng an ein gewaltiger herr zu sein auff erden. 1 Mos. 10, 8 (ebenso Eggestein. Koburger. Dietenberger. Kautzsch; ipse cepit esse potens in terra, der hat angefangen mächtig zu sein. Eck); (Arphaxad) bawete eine grosse gewaltige stad, die nennet er Ecbatana. Jud. 1, 1 (civitatem potentissimam, und er baute die gewaltigsten stat. Eggestein. Koburger); die augen des herrn sehen auff die, so in lieb haben. er ist ein gewaltiger schutz, eine grosse stercke, ein schirm wider die hitze. Sir. 34, 19 (protector potentiae, er ist beschirmer des gewaltz, ein vestenkeit der tugent. Eggestein u. a.); der do uzleite daz isrehelische volc durch daz mittelunge ir (de medio eorum) in der hant gewaldic unde in dem arme ho. Trebnitzer psalmen 135, 12 (in manu potenti et brachio excelso, mit waltentero hende. Notker; in einer gewaltigen hand. Eggestein. Koburger. Eck; durch mechtige hand. Luther 136, 12. ebenso Dietenberger; mit starker hand. Kautzsch); du hast einen gewaltigen arm, starck ist deine hand. Luther psalm 89, 14 (din arm ist mahtig. Notker 88, 14; din arm mit mechtikeite. Trebnitzer psalmen; brachium cum potentia, dein arm mit ... gewalt. Eggestein. Koburger; dein arm mit macht. Eck; du hast einen arm voller kraft. Kautzsch); so demütiget euch nu unter die gewaltige hand gottes, das er euch erhöhe zu seiner zeit.

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1 Petr. 5, 6 (sub potenti manu dei, under di gewaldige hant gotes. cod. Tepl. ebenso Eggestein. Koburger. Emser u. a.).
b)) in den fällen, in denen die vulgata das substantiv virtus oder die adjectiva fortis, robustus, vehemens bietet, hat das von Luther eingeführte gewaltig vereinzelt in den Trebnitzer psalmen schon einen vorgänger. von den späteren übersetzern folgt ihm meist Dietenberger, während Eck zum älteren gebrauch zurückkehrt; für violentus meidet Luther unser adjectiv, vgl. sp. 5129.
α)) aber du gewaltiger herrscher, richtest mit lindigkeit, und regierest uns mit viel verschonen. denn du vermagst alles was du wilt. Luther weisheit 12, 18 (tu autem dominator virtutis, wann du bist ein herrscher der krafft. Eggestein. Koburger); di stimme unsis herren ist uf di wazzer, der geweldige got ane lutte. Trebnitzer psalmen 28, 3 (deus majestatis intonuit, got dero magen chrefte. Notker. ebenso Eggestein; maiestet Koburger. ebenso Eck; der gott der ehren. Luther 29, 3. ähnlich Dietenberger; gott der herrlichkeit. Kautzsch); und hat sich niemand wider in (Alexander) setzen dürffen, und hatte ein gewaltig gut kriegsvolck. Luther 1 Macc. 1, 4 (et congregavit virtutem et exercitum fortem nimis, und er samelt die krafft und ein heer als starck. Eggestein. ebenso Koburger); er lesst verkündigen seine gewaltige thatten seinem volck, das er inen gebe das erbe der heiden. psalm 111, 6 (virtutem operum suorum annunciabit populo suo, er skeînet sinemo liûte, waz er getuon mag. Notker; di togunt der werke sin sal he gebotschaffen. Trebnitzer psalmen).
β)) gegenüber von fortis weicht Luther gelegentlich zu gunsten von grosz ab, selbst im gegensatz zu älteren übersetzern: der grosse könige schlug .. und erwürget mechtige könige. psalm 136, 18 (et occidit reges fortes, der die gewaltigen und die mahtigen chuninga slûog. Notker 135, 18; die starcken kunig. Eggestein. Koburger. ebenso Eck; konige grosz. Trebnitzer psalmen; majestätische könige. Kautzsch). meist aber macht Luther gerade hier von unserem adjectiv gern gebrauch: die kinder aber Thola waren ... heubter im hause irer veter von Thola, und gewaltige leute in irem geschlecht an der zal zu Davids zeiten zwei und zwenzig tausent und sechs hundert. 1 chron. 8, 2 (viri fortissimi, die stercksten. Eggestein. Koburger. Eck; gewaltige sehr starcke leut in ihren geschlecht. Dietenberger); Naeman der feldheubtman des königes zu Syrien, waz ein trefflicher man fur seinem herrn, und hoch gehalten, denn durch in gab der herr heil in Syrien, und er war ein gewaltiger man und aussetzig. 2 könige 5, 1. ebenso Dietenberger (erat autem vir fortis et dives, sed leprosus, ein starcker man und reich. Eggestein. Koburger. Eck; aber der mann war bei aller vortrefflichkeit aussätzig. Kautzsch).
γ)) aber die kinder Bela waren, Ezbon, Usi ... und Iri die fünffe, heubter im hause der veter gewaltige leute. Luther 1 chron. 8, 7. ebenso 8, 5 (viri robustissimi, die stercksten. Eggestein. Koburger. Eck; starck gewaltiger leut. Dietenberger); da erschracken die fürsten Edom, zittern kam die gewaltigen Moab an, alle einwoner Canaan wurden feig. 2 Mos. 15, 15 (conturbati sunt principes Edom, robustos Moab obtinuit tremor, die fursten der Edom. die kreftigen Moab. Eggestein; die starcken Moab. Koburger); Chus aber zeuget den Nimrod, der fieng an ein gewaltiger herr zu sein auff erden (vgl. oben sp. 5126) und war ein gewaltiger jeger fur dem herrn, daher spricht man, das ist ein gewaltiger jeger fur dem herrn, wie Nimrod. 1 Mos. 10, 9 (ebenso Dietenberger. Kautzsch; robustus venator coram domino, und er war ein starcker ieger vor dem herren. Eggestein; ein stoltzer jeger. Koburger. ebenso Eck).
δ)) es geschach schnelle ein brausen vom himel, als eines gewaltigen windes, und erfüllet das gantze haus, da sie sassen. Luther apostelgeschichte 2, 2 (tamquam advenientis spiritus vehementis, alz ainz starken geistz. cod. Tepl. ebenso Eggestein. Koburger. Emser; als eines starcken gewaltigen winds. Dietenberger; wie wenn ein sturmwind daherfährt. Kautzsch); vortrenkit sint si als bli in den geweldigen wazzeren. Trebnitzer psalmen cantic. fil. Israhel 10.
2)) die substantivierung trifft noch bei Luther wesentlich diejenige seite der bedeutungsentwicklung des adjectivs, die auf der parallele mit mächtig, potens beruht; belege für die eben angeführten bedeutungen liegen hier kaum vor. es ist im gegentheil für Luther in einzelnen fällen anschaulich nachzuweisen, dasz ihm für die substantivierung nicht die gleiche vielseitigkeit des adjectivs geläufig ist, wie für den attributiven gebrauch. in der psalmenübersetzung deckt ein lateinisches potens der vulgata einige

[Bd. 6, Sp. 5128]


male eine bedeutung, die sich mehr den begriffen fortis, violentus nähert. die ältere bibelübersetzung zieht trotzdem getreulich die synonyma gewaltig, mächtig heran und auch Luther folgt dem in den einzelausgaben und auslegungen der psalmen, in denen er mehr von der tradition abhängt. in der gesamtbibel jedoch, wo er die vorlagen selbständig prüft, weicht er durchgehend hier ab: alse di geschos in der hant dez geweldigin, also sint di zone (sone) der uszgeslagener. Trebnitzer psalmen 126, 4 (sicut sagittae in manu potentis, also die strâla in des mahtigen hende. Notker. ebenso Eck; in der hand des gewaltigen. Eggestein. Koburger. Dietenberger; ebenso Luther in den 7 buszpsalmen und in der auslegung des 127. psalms von 1524, während er in der bibelübersetzung übersetzt: in der hand eines starcken, vgl. in der hand eines helden. Kautzsch); ich han gelegt helfe min in einin gewaltigen. fränkische psalmenversion des 12. jahrh. (vgl. Schönbach zschr. d. a. 45, 179), psalm 88, 20 (an den mahtigen sazta ih mîna helfa. Notker. ebenso Trebnitzer psalmen. Eck; ich satzt die hilffe in den gewaltigen. Eggestein. Koburger. Dietenberger; ähnlich Luther in einzelausgaben, vgl. dagegen in der gesamtbibel; ich habe einen helt erweckt der helffen sol; vgl. ich habe ein diadem auf einen helden gelegt. Kautzsch). dazu vgl. auch unter b)).
a)) in der bedeutung, die auf die parallele mit potens, mächtig zurückführt, entwickelt unser substantiviertes adjectiv in der bibelübersetzung eine gewisse mannigfaltigkeit der verwendung. für potens übernimmt es die fälle des attributiven wie des substantivischen gebrauches, es deckt den abstracten plural von potestas ebenso wie relativsätze mit potestatem habere. bevorzugt wird hier der plural, der auch die begriffe duces, optimates, principes wieder giebt; selbst einem magnus der vulgata gegenüber wird von Luther der plural unseres adjectivs eingeführt.
α)) die vulgata zeigt potens. an das attributive potens lehnt sich hierbei nur der singulargebrauch an: welche wird zeigen zu seiner zeit, der selige und allein gewaltiger, der könig aller könige, und herr aller herren. Luther 1 Timoth. 6, 15 (beatus et solus potens rex regum, der alain gewaltig. cod. Tepl. ebenso Eggestein. Koburger; geweltiger könig aller könig. Dietenberger. Eck; der selige alleinige gebieter. Kautzsch); und sihe, ein man aus Morenland ein kemerer und gewaltiger der königin in Morenland, welcher war uber alle ire schatzkamer, der war komen gen Jerusalem anzubeten. apostelgeschichte 8, 27 (eunuchus potens, ain keuscher man mor, ain gewaltiger Candacis der kunigin. cod. Tepl. ebenso Eggestein. Koburger. Emser u. a.). der pluralgebrauch dagegen knüpft an das substantivierte potens an, vgl.: denn den geringen widerferet gnade, aber die gewaltigen werden gewaltiglich gestrafft werden. weisheit Salomonis 6, 7 (potentes autem potenter tormenta patientur, wann die gewaltigen leiden die quelung gewaltigklich. Eggestein. Koburger); er stösset die gewaltigen vom stuel und erhebt die elenden. Lucas 1, 52 (deposuit potentes, die gewaltigen. im cod. Tepl. bei Eggestein. Koburger. Beheim. Dietenberger. Eck. Kautzsch; Luther hat in der verdeutschung des Magnificat von 1521 die grossen herren dafür eingeführt); sehet an, lieben brüder, ewren beruff, nicht viel weisen nach dem fleisch, nicht viel gewaltige, nicht viel edle sind beruffen. 1 Cor. 1, 26 (non multi potentes, non multi nobiles, nit manig gewaltig, nit manig edel. cod. Tepl. Eggestein. Koburger. Emser).
β)) für potestas: welcher ist zur rechten gottes in den himel gefaren, und sind im unterthan die engel, und die gewaltigen, und die krefften. Luther 1 Petr. 3, 22 (et potestatibus et virtutibus, die engel und die gewelt und die kreffte. Eggestein. Koburger; die gewaltigen unnd die kräfftigen. Dietenberger; da ihm engel unterthan wurden und mächte und gewalten. Kautzsch); wenn sie euch aber füren werden in ire schulen, und fur die oberkeit und fur die gewaltigen, so sorget nicht. Lucas 12, 11 (tradent vos in sinagogas et ad magistratus et potestates, in samanunga inti meistartuomun inti zi giweltin. Tatian 44, 13; zu den meisterschafften und zu den gewaltigen. cod. Tepl. ebenso Beheim; zur den gewelten. Eggestein; vor herrschaften und behörden. Kautzsch); er aber sprach zu inen, die weltlichen könige herrschen, und die gewaltigen heisset man gnedige herrn. Lucas 22, 25 (et qui potestatem habent, super eos, benefici vocantur, di da habent den gewalt uber si. cod. Tepl. Beheim. Eggestein. Koburger. Dietenberger. Eck. Emser; ihre machthaber lassen sich gnädige herren nennen. Kautzsch); und er fraget unnd sprach z Arioch des königs gewaltigen. Dietenberger Daniel 2, 15 (qui a rege potestatem acceperat, den der do het entpfangen

[Bd. 6, Sp. 5129]


den gewalt vom kunig. Eggestein. Koburger. ähnlich Eck; sprach zu des königes vogt. Luther; gewalthaber Piscator; befehlshaber Kautzsch).
γ)) für principes, duces: die weisheit sterckt den weisen mehr, denn zehen gewaltigen, die in der stad sind. Luther prediger 7, 20 (ebenso Dietenberger. Kautzsch; super decem principes civitatum, die weisheit sterckt den weisen uber zehen fürsten der stath. Eggestein. Koburger. Eck); im dritten jar seines königreichs, machet er bei im ein mal allen seinen fürsten und knechten, nemlich, den gewaltigen in Persen und Meden ... das er sehen liesse den herrlichen reichthum seines königreichs. Esther 1, 3 (cunctis principibus, stercksten knechten der Perser. Eggestein. Koburger. Eck; den gewaltigsten. Froschauer. Dietenberger); also gab Mose dem stam der kinder Ruben nach iren geschlechten ... das gantze land Sihon des königs der Amoriter, der zu Hesbon sasz, den Mose schlug, sampt den fürsten Midian, Evi, Rekem, Hur, und Reba, die gewaltigen des königs Sihon, die im lande woneten. Josua 13, 21 (duces Sehon habitatores terrae, die hertzogen Seon. Eggestein. Koburger).
δ)) für optimates: könig Belsazer machte ein herrlich malh seinen gewaltigen und heuptleuten, und soff sich vol mit inen. Luther Daniel 5, 1 (optimatibus suis mille, tausent seinen besten. Eggestein. ähnlich Koburger; seinen obersten. Eck; gewaltigen Dietenberger; für seine tausend groszen. Kautzsch); alle ire gewaltigen wurden in ketten und fessel gelegt. Nahum 3, 10 (omnes optimates, alle ire besten. Eggestein. Koburger; all ir obersten. Eck; all ir gewaltigen. Dietenberger; ihre grossen. Kautzsch). ebenso Nehemias 3, 5 (edelsten Eggestein; ihre vornehmen. Kautzsch).
ε)) für magnus: was der fürst wil, das spricht der richter, das er im wider einen dienst thun sol. die gewaltigen raten nach irem mutwillen, schaden zu thun, und drehens wie sie wollen. Luther Micha 7, 3 (magnus locutus est desiderium animae suae, der grosse. Eggestein. Koburger. Eck. Kautzsch; der gewaltig. Dietenberger. Piscator).
b)) für die bedeutungsentwicklung in der richtung von violentus ist ein zurückhaltender zug in der sprache Luthers bereits oben nachgewiesen vgl. sp. 5127. 1528; nicht einmal in fällen, die die vulgata mit potens deckt, liebt er das sonst so gern verwendete gewaltig. zu den oben belegten beispielen vgl.: die weisheit des menschen erleuchtet sein angesicht, wer aber frech ist, der ist feindselig. Luther prediger 8, 1 (et potentissimus faciem illius commutabit, der aller mechtigest wird desselbigen angesicht verendern. Dietenberger. Eck; der gewaltigst. Eggestein. Koburger; die roheit seines angesichts wird umgewandelt. Kautzsch). gleicher weise verhält sich die übersetzung Luthers ablehnend in anderen fällen, in denen einzelne übersetzer gewaltig einführen, obwohl die vulgata die adjectiva violentus oder superbus darbietet: aber von den tagen Johannis des teuffers, bis hie her, leidet das himelreich gewalt, und die gewalt thun, die reissen es zu sich. Luther Matth. 11, 12 (ebenso Dietenberger. Eck; et violenti rapiunt illud, die gewaltigen begriftent ez. cod. Tepl. ebenso Eggestein u. a.; di gewaldigere. Beheim; und di stürmer reissen es an sich. Kautzsch); du schiltest die stoltzen, verflucht sind, die deiner gebot feilen. wende von mir schmach und verachtung, denn ich halte dein zeugnis. Luther psalm 119, 21 (increpasti superbos, die hochfertigen. Eggestein. Koburger. Eck; die .. übermütigen. Kautzsch) u. a.
c)) verschiedenheit der auffassung bekundet sich in einem fall, in dem die vulgata mit fortis, Luther mit gewaltig im sinne von potens operiert: er wird aber an seine gewaltigen gedencken, doch werden die selbigen fallen, wo sie hinaus wollen, und werden eilen zur mauren, und zu dem schirm, da sie sicher seien. Luther Nah. 2, 6 (recordabitur fortium suorum, er besinnt sich auf seine edlen. Kautzsch; er wirt gedencken seiner starcken. Eggestein. Koburger. Dietenberger; seiner helden. Eck).
3)) das adverbium. hier ist es die von virtus, kraft, stärke ausgehende bedeutung, die die wenigen einschlägigen beispiele beeinfluszt, vgl. auch unter gewaltiglich. wir sehen hier zugleich den übergang von der grundbedeutung bis zu der bloszen function einer steigerung anschaulich belegt: denn er prediget gewaltig, und nicht wie die schrifftgelerten. Luther Matth. 7, 29 (erat enim docens eos sicut potestatem habens, er waz si lerent alz habent gewalt. cod. Tepl. ebenso Eggestein. Koburger; als ainer der do gewalt hat Eck. Dietenberger; wie einer, der

[Bd. 6, Sp. 5130]


vollmacht hat. Kautzsch); es wird der zerstrewer wider dich erauff ziehen, und die feste belegern, aber, ja berenne die strassen wol, rüste dich auffs beste, und stercke dich auffs gewaltigst. Nahum 2, 2 (conforta lumbos, robora virtutem valde, sterck gar sere die crafft. Eggestein. Koburger; rüste dich nur sehr starck zu. Dietenberger; dein kraft mach ganz starck. Eck; rüste dich gewaltig. Kautzsch).
e) für die neuhochdeutsche periode hat schon der überblick über die bibelübersetzung einzelne grundzüge erkennen lassen, die die entwicklung des adjectivs weiter bestimmen. der ganze umfang der in der parallele von gewaltig mit mächtig, potens entwickelten verwendungen ist zu beginn der neuhochdeutschen zeit noch in verwendung, zugleich aber tritt die parallele mit violentus, fortis, robustus, validus, vehemens aus den ersten anfängen heraus. vgl. die abschnitte 2 und 3. während das 16. jahrh. noch einen höhepunkt in der verwendung für potens bedeutet, schrumpft dieser gebrauch im 17. jahrh. rasch zusammen. in betracht kommen die verbindung des adjectivs mit zielbestimmungen und die darauf beruhende elliptische fügung, der attributive gebrauch des absoluten adjectivs und die substantivierung. das adverbium fällt ganz in das neue bedeutungsgebiet; vgl. jedoch sp. 5135.
α) verbindung mit zielbestimmungen und weiterentwicklung in der ellipse.
1)) die genetivverbindungen werden, dem allgemeinen zug neuhochdeutscher entwicklung entsprechend, stärker vom accusativ des objects bedrängt: und alles vieh, das si darin geschlagen hetten, gewaltig wurden. Livius von Schöfferlin 84b; gedacht Appius, wie er weg sucht, das er die jungfrauen gewaltig würd und zu seinem willen brächt. 46.
a)) am persönlichen genetiv macht sich der gegensatz zwischen individueller und typischer verbindung geltend. die formen der letzteren beeinflussen, wie wir gesehen haben, den bedeutungsgehalt der wortverbindung stärker und geben ihm die mannigfaltigste richtung.
α))

daruff stăt mein begeren,
fraw, nach den gnaden dein
allzeit uff diser erden,
das du seiest ainig mein,
als dir von mir versprochen ist,
des geleich ich auch beger
wann du mein gantz gewaltig bist,
des ich dir nit vercher.
Clara Hätzlerin 1, 17, 23;

nun het der selb Julianus einen knaben der hochvertig und gar widerspänig was, des er selbs kaum gewaltig was, und den sant er das er den apt solt pald z im pringen. Gregors dialoge (Augsburg 1473) 1. cap. 10; im kurcze antwurt gab, si aller sach bereit und willig wär und ir beider schwester diser sach halben si gewaltig wäre, nicht anders thäten dann ir gefallen wär. dekameron (4, 3) 268 Keller; die münch wöllen also euer gewaltig werdenn, so sie euer kind löcklen in ihre netz. Eberlin v. Günzburh (an den rat von Ulm) 3, 9 Enders; eines gewaltig werden. Livius (1584) H 1b;

so hat mir doch könig Trumphart
nachgestellt also lang und hart,
bisz das er mein durch zauberlist
so weit gewaltig worden ist,
dasz ich mit ihm alher must reiten.
J. Ayrer (Valentin und Ursus III.) 1471.


β)) bis dein selbs gewaltig und gib dein herz niemand dann gott allein. Keisersberg granatapfel F 2b (1510); du bist dein selbs nit gewaltig. anheb. mensch E 5; was der menschen sind, die ire herzen legen auf zeitliche güter, die sind irer nit gewaltig, sondern sie werden von inen in gewalt gehalten. seelenparadies 138b; so baldt ein mann sich der liebe unterwürfflich macht, ist er sein nimmer gewaltig, er verleuret stärck und weisheit. buch der liebe 265b; ich erman dich treffenlich Israhel (das ist, der got sicht und so gwüsz vertruwet, das er sich sin gewaltig weiszt) hörstu mich, so wirt er dir kein nüwer got. Ulr. Zwingli von freiheit der speisen 17 neudruck; der sein selbst nicht gewaltig kan sein, der bleib nicht allein. Paracelsus op. (1589) 1, 286; wann der waitz auf oder abslagt, und die wag an dem proat verändern wellen, so süllen wir das an ainen burgermaister und rat bringen und mit irem willen und wissen sölch veränderung geschehen und ünser selbs darinnen nit geweltig sein, sölch verändrung ze tuen. stadtrecht und gewohnheit von Bruneck, österr. weisth. 5, 495.
γ)) alszo ist er worden Israel, der gottis gewelltig ist, unnd vorhin Jacob geweszenn. Luther (von der beicht 1521) 8, 179 Weim.; ermisz dise wort wol, besich si dick, so sichst das

[Bd. 6, Sp. 5131]


got wil im allein geloset werden, wellen echt wir sin gwaltig sin, so werde in uns kein nüwer gott. Ulr. Zwingli von freiheit der speisen 17 neudruck; du bist gewaltig des allergewaltigesten. Geiler v. Keisersberg anheb. mensch A 7.
δ)) also gab man im z antwurt, sie hetten die hinein geschickt, ee er in abgesagt hett; sie woltent in gern schreiben, aber si wären ir nimmer gewältig. Hector Mülich, d. städtechroniken 22, 139 (Augsburg); dan sie haben wol gehort, dasz sollichs losze umbesessene arme betlerinnen sollen gethan haben, die der hunger ausgetrieben, der sie nicht gewaltig. (Sebastian Langhans an den cardinal 1521) ebenda 27, 207; wer kind hiet, das wären sun oder töchter, die weil er fur si verspricht, des genügt mein fraun wol; würden aber die kind im ze swär, das er ir nicht gewaltig mocht sein, so sol er si stellen und antwurten, das si meiner frawen und dem gotshaus verporgen, das si an ir wissen und willen nicht heiraten. öffnung zu Anget, österr. weisth. 2, 66.
ε))

wann sich das blat würt umbher keren,
das si min gewaltig weren,
und schliegent mir min hut recht vol,
so würt mir dann der narren zol.
Th. Murnee narrenbeschwörung 165 (51, 7) neudruck;

nun wol hin, seid dasz ich durch sie sieghafft, und meiner feinde gewaltig bin worden, so wil ich nun fortbasz alle meine geschäfft und sachen mit irem willen und raht beschliessen. buch der liebe 269a; wie nu die unsern abgezogen, erhebt sich im felde von ihren hakenschützen noch ein heran setzen, derhalb die unsern, die itz bereit im thore waren, sich gewendet und ihne wider zugesatzt, sie sein aber zurücke getrieben, letzlich hat sich das spiel wider gewandt und sein die unsern der feinde gewaltigk worden. (forts. d. hochd. übersetzung d. Magd. schöffenchronik) d. städtechroniken 27, 62; nun besorgten sich die zween könige ieder besonder, es würde der ander die königliche witwe zur ehe nemen, derselben reich dem seinen einverleiben, und alsdann seiner widerwertigen, also auch seiner gewaltig werden. Kirchhof wendunmuth (2, 35) 2, 69 Österley; sampt andern erbern leuten, die damals .. gern bei aim rat bliben wern, damit sie des andern ungeschickten, uffrurigen gemainen gepöfels samt den uffrurigen predigern mechtig und gewaltig gewest wern. Th. Zweifel bei Baumann quellen zur geschichte des bauernkriegs 13; da er (der könig) ir (der Breslauer) also gewaltig was da liesz er ir etwan manigen vachen und die köpf abschlahen. Burkard Zink, d. städtechroniken 5, 88 (Augsburg); nu soll man wiszen, dasz dem künig so grosz volk zu zoch von fürsten und herrn, rittern und knechten, von Meichsen und von allen teutschen landen, der was sovil, dasz man der Hussen wol geweltig möcht sein gewesen. 5, 89; als si ir nun gewaltig wurden, da viengen sie die untrewen verretter, die in den berg eingeben hetten, und muesten schwern, dasz sie iren Hussenglauben wolten han. 90; also gedachten die von Prag an die von Breszlaw, dasz er die also ungnediclich gestraffet hett on alle schuld und aber sie grosz und manigfaltiglich wider in getan hetten, und ob er ir gewaltig wurd, so möcht er sie noch herter straffen. 88.
ζ)) der treip sin wip von im, darumbe daz sü eime bischove z heimelich waz, und sprach, er wer ir nie geweltig worden. Closener, d. städtechroniken 8, 34; Kungund sprach: herr richt heut für keiser Heinrich und für all man, das mein keiner nie gewaltig ward. heiligen leben (1472) 77a;

ich han recht gehalten mein elichen orden,
wan ich pin keins weibs nie gewaltîg worden. fastnachtsp. 323 Keller;

won ich ward nie keiner frowen gewaltig den Elisen, miner lieben gemachel. deutsche volksbücher 192, 11 Bachmann; wie er (Appius) weg sucht, dasz er der jungfrawen gewaltig würd. Livius (Mainz 1551) 1, 46a;

her, ich hab rechtgehalten mein elichen orn
und pin kains weibs nit gbaltig born
under dem napl und ob dem knie. Sterzinger spiele (1510), Wiener neudrucke 9, 29;

ains tags fragt si der eifferer,
wer doch der pfaff ir pulschaft wer.
sie sprach: 'gleich dw, mein lieber mone!
in der peicht warstw mein caplone;
dw pist mein gwaltig, wen dw wilt.'
H. Sachs (der eifersüchtige hört beichte) fabeln und schwänke 3, 313 neudruck.


b)) nach anderer seite entwickeln sich die spielarten des unpersönlichen genetivs.

[Bd. 6, Sp. 5132]



α)) der ving sinen vatter, do er des riches gewaltig waz, und hielt in in starken banden und lies in dinne sterben. Closener, d. städtechroniken 8, 36; zu der zeit da was Honorius des reichs gewaltig. heiligen leben (1472) 56b; die Römer wurden nachmals des alten ganzen Italien geweltig, brachten's alles under iren gewalt. Aventin (bairische chronik) werke 4, 401; solchs bezeugen auch obgemelter herr Veit Arenpeck und gar alte püecher und leben der heiligen, vorausz sand Eustasii, so in unsern stiften und clöstern, nemlich zu Freising im tom und Tegernsê, behalten werden und vor neunhundert jaren bei künig Lauthers des andern, teutsch und französisch reichs geweltigs, zeiten mit alten römischen buechstaben ... beschriben sein worden. 34; was der senat und das römisch volck von iren göttern jhe begert, und inen als hauptleuten bevolhen hetten, das wer, das sie gantz Italien gewaltig wurden, und under ire gehorsam brechten, solches wer durch der götter gnad, iren fleisz, und mit mannheit der römischen ritter volbracht. Livius (Straszburg 1562) 71a; und do nun die Römer der ganzen welt geweltig waren, die Baiern, in Wälschland und Lambardei wonend, zu frid gedrungen hetten, hielten si disen frid nit so gar lang. Aventin (bairische chronik) 4, 464; bestelt darnach all Teutschen, vorausz so umb die Donau auf pêden seiten domals unden sassen, nemlich obgenanten baierischen künig Diethmar, so herehem gegen mittag pisz an Wälschland und venedigischem mer gewältig was. 4, 469; dise land alle sein vor zeiten ein künigreich und herzogtum, in der gemain Baiern genant, und ein einiger regierender fürst in Baiern ist ir geweltig gewesen. 37; do diz lands Alexander geweltig war, besezt er's mit hauptleuten, paut neu stet, kert wider vom aufgang der sun vom end der welt. 363;

gibt dir nn gott die gnad des sigs
dasz du imm sturmm obligst
und gewaltig wirst des schlosz oder statt ... keiser Maximilians leer seiner ersten jugent bei
Frontinus (Mainz 1532) 51a;

uff solche unadeliche pubische Mangold von Ebersteins und seiner helffer handlung haben gemain stende des loblichen bundts zu Schwaben dem wolgebornen herrn, herrn Georgen graven zu Werthaim etc., bevelch geben, das schloss Brandenstein einzunemen und sich aller der Mangolt von Ebersteins hab und gutter gewaltig zumachen. aus d. bayrischen staatsarchiv zu Nürnberg (1522), s. Pallmann Götz v. Berlichingen 7 (programm).
β)) der marggrauff von Brandenburg, der ist der obrost probst des hailgen römischen richs und ist gewaltig des römischen richs kammer, in ze nemen und uszzegeben. Ulrich v. Richental chronik des Constanzer concils 16.
γ))

gott aller dinge gewaldigk;
du bist einigk und drivaltigk. Alsfelder passionsspiel 3764 Grein;

was bedarff der kaiser sich vor dem bapst oder allen seinen helffern zuforchtenn, die weil der almechtig got aller ding in himel unnd erden die seinen nit verlassen wil. Hartmuth v. Cronberg 15 neudruck; nun seind alle ding dem menschen unterworfen, also das der mensch derselbigen gewaltig ist. Paracelsus op. (1589) 9, 130; wir seindt aber die, die des feurs gewaltig seind. 1, 309.
δ))

du begunde mich zu fragen min frawe,
wo ich so lange were gewest.
was wolde sie des?
sal ich mines jungen
libes nicht gewaldigk sin? Alsfelder passionsspiel 1801 Grein;

ob im gleich zuweilen düncket, das ein trawm sei, odder von einem trawm trewmet, dennoch ist er gefangen, das er sich nicht er aus richten kan, noch seiner sinne gewaltig ist. Luther das 5. 6. und 7. cap. s. Matth. (1532) O 3b; welcher auszbrüch der frei will mag gewaltig sein. Geiler v. Keisersberg predigten (1508) 49b; der will ist seines aigen wercks nit gewaltig. J. Eberlin v. Günzburg (kurzer schriftlicher bericht) 2, 186; es vast zierlich steht, das einer seiner begirligkeit gewaltig sei. Hedio übers. des Josephus (1553) 68b.
ε)) die stet wurden ains und satzten 5 man z dem krieg, die solten des kriegs gantz gewaltig sein. (anonyme chronik von Augsburg) d. städtechroniken 22, 495; also ist jederman ires friden gewaltig, on allein sie selber, denn die andern nemen in von inen als dick sie wollen. Keisersberg seelenparad. 72a;

[Bd. 6, Sp. 5133]


die nacht wird schier des himels gast,
des tages glast
will ir gewaltig sein.
Clara Hätzlerin 2, 83, 7.


ζ)) wo aber ein bischoff ie sümig wer ... so ist die weltlich oberkeit des gewaltig und schüldig, das dem evangelio bistand beschech. Judas Nazarei 60 neudruck; die götter hetten sie des gewaltig gemacht, das sie die stätt alle zerreissen, und grosse ödigkeit, und wüstung in Italien machen möchten. Livius (Straszburg 1562) 71a.
2)) die präpositionalverbindungen laufen nur einigen wenigen der oben gekennzeichneten gruppen parallel.
a)) da weist man in (Christophorus) zu einem groszen kunig, der was gewaltig über vil land und leut. heiligen leben (1472) 100a; wie wol er (Rudolph v. Habsburg) gen Rom nit wolt, wann er besorget, der bapst wurd in mit etlichen stucken verpinden, so er die kron wolt haben. aber in teutschen landen was er gewaltig über fürsten und stet, allein ein künig von Beheim setzt sich wider in. Sigmund Meisterlin, d. städtechroniken 3, 107;

ich bin Herodes gnant,
ein geweldigk konig uber alle lant. Alsfelder passionsspiel 1256 Grein;

were ein hertzog von Oesterrich an der statt Basel so gewaltig und hette so vil rechtes darinne als unser herre der bischoff von Basel, er brecht die von Basel gemeinlich darz, daz si sin lidig eigen von söllicher sache wegen sin mstende. (anf. des 15. jahrh.) Basler chroniken 5, 100; herr, du machst nümer me gewaltig über die stat Samum werden, es sie dann, das Esopus, desz raut sie allweg volgen, von danne gebracht werde. Steinhöwel Äsop (49b) 65 Österley; nun hab ich nie begerung gehabt z des küngs ämptern, und so du über vil tier gewaltig bist, so magst da die wol under in finden, die all darz tougenlicher sind, dann ich, und die begird darz haben. buch der beispiele alter weisen 164 Holland; wie er, nach dem er unschuldig für uns gelitten und gestorben, widerumb aufferstanden, und gehn himmel gefahren, uber alles was im himmel unnd erden lebte und schwebte, gewaltig were. Kirchhof wendunmuth 36b; fiengen die von Regenspurg den alten ratt mit namen Degenhartt Graffenriderer und Peter Graffenrider .. die send kamerer gewesen, Notthaft Graffen, war bei dem dom, und den Mildorfer, den Steffan im ratthaus, der das ungelt ein nempt, und den grossen zoll, den Fierer auf dem haus, der ausgeber ist den tagwerckern, den steurschreiber und den Hötzer, der gewaltig über der statt koren ist gewesen. (fortsetzungen der chronik des Hector Mülich) d. städtechroniken 23, 416.
b)) eieröle für sich selbst ist ganz gewaltig zu scharfen rauden. Wirsung arzneibuch 491.
c)) und derhalben mich ietz bewilligt haben, ainen ausz euch znemen, welcher disen bogen meins lieben hauszwirts gewaltig ist z erspannen. Schaidenreiszer 88a; aposteln und pfarner so es befehl haben, wie S. Petrus sagt, sollen dem wort und gebet obligen, bücher schreiben, die schrifft erkleren, gewaltig sein die widersacher einzutreiben. Mathesius Luther 89; also vernimm ich aigentlich, das ich gegen ewer weishait, doch felschlich, versagt und angeben bin worden auf die mainung, als sollt ich Andres von Carolstat ain zeitlang haimlich nit in meiner, sonder in ewer weishait behawsung uff der schul, da doch ewer weishait auch allzeit mit guten ursachen zu spurn gewaltig und mechtig gewest, uffenthalten und beherbergt haben. schulmeister Wendel Pawr an den rath zu Rotenburg bei Baumann quellen zur gesch. des bauernkriegs aus Rotenburg 505.
3)) unter den elliptischen fügungen sind einige, die ungezwungen zu der heutigen hauptverwendung des adjectivs in der bedeutung von validus, vehemens, überleiten. hierher gehört z. b. der folgende beleg, der die erklärung aus einer ellipse des reflexivpronomens nahelegt: rechte kunst macht, dass du gar wenig fehlst, und macht dich gewaltig in deiner erbet, benimmt dir den irrthum und würst unverzagt und behend, und dein werk erscheint allweg der gerechtigkeit gemäss. Dürer nachl. 250. vgl. dazu aus älterer zeit: ez ist also zwisschen unseren vorgnanten brdern und uns gedinget, geredet und geteidingt, daz wir uns verzigen haben, und verzihen uns mit disem gegenwertigen brieve offenlich, mit gesundem libe und mit gewaltigem und besunnem mte, alles des landes, leute, und gutes und vaeterlichs erbes unwiderrflich. apanagevertrag des burggrafen Friedrich mit seinen brüdern (8. april 1333), monumenta Zollerana 3, 10. in der rechts- und geschäftsprache haben noch

[Bd. 6, Sp. 5134]


immer die älteren gebrauchsformen der ellipse geltung, die sich in zwei hauptgruppen gliedern, in die attributive verbindung mit substantiven und in die prädicative mit verbis.
a)) der ersteren gruppe ist die bedeutung bevollmächtigt, berechtigt gemeinsam (vgl. oben sp. 5123 ff.), die in der prädicativen function nur selten zu belegen ist: der truchsäsz zaigt inen an, dasz er in dem val nit mer gewältig, aber alle haubtleut weren bei ainander, denen hat er die mainung wie oberzöllt, fürgehalten. (der schreiber des truchsessen Georg von Waldburg) bei Baumann quellen zur gesch. d. bauernkriegs in Oberschwaben 1, 573.
α)) in disem vall, wo man in kaufen, verkaufen, tauschen auch wechsln, versatzung, verpfantung, beständen verlassen, procureien, rechtfertigung hindergengn, verträgen und verschreibungen mit unvogtpern kinden handln soll, ... so soll man die durch freund und ordenliche herschaft mit gewaltigen gerhaben oder mit versorgern, tragern, vormunden, beistand und verantwurtern notturftiklich versechen. land- oder ehehaft taiding in der Rauris (1565), österr. weisth. 1, 211.
β)) drige geweltige ammeister wurdent vertriben z Strosburg. Königshofen, d. städtechroniken 9, 782; da man zalt 1461 jar, z den zeitten ward dem hochgeporen fürsten und herren herren Albrechten, margraffen z Prandenburg, das römisch reich befolchen als aim gewaltigem fitzdum in disen landen. Joh. Frank, d. städtechroniken 25, 322 (Augsburger annalen); der züns von zünsvüch ist staigerlich und nachlässlich, welchen ein gewaltiger amtmann zu sezen oder zu bestimmen hat. alpenrechte zu Neuhof und Kleinthal, österr. weisth. 6, 363.
γ)) nachdem d nü ein gewaltiger hoptman bist zú Ohingen und da umb, bit ich dich fruntlich, als ich kan, das dú mir umb zwen gút rüden helfft zú den schwein. Heinrich v. Rechberg an Bilgrin von Reischach (1476) bei Steinhausen privatbriefe 1, 384; aber herrn Wilwolten wart bevolchen, den arburgerischen krieg im lant zu Lüttich auszfuren, gewaltiger haubtman uber raisig und fuesvolk gemacht. Wilwolt von Schaumburg 106; es schickt sich nit einem gwaltigen hauptman, auf der gassen zugehn mit einem bäszlin (oder blen). Valentin Boltz Terenzübers. 62b.
δ)) wann einem traumt, wie er in der kälte oder weinpresse den most selber trette und mache, so wird er einem machtigen fursten dienen, und werden ihm gewaltige empter vertrauet werden. traumbuch cap. 185, anhang zu Colerus hauszbuch (1656).
b)) in der prädicativen verbindung mit verbis wird die engere staatsrechtliche fassung des begriffes (vgl. oben sp. 5118) mehr und mehr erweitert und abgeschwächt.
α))

Trusus her in das Riesz kam
und mit derselben hervart
ungevochten da gewaltig wart,
wann dem land die hilf was abgestrickt ...
Küchlin (herkommen der stadt Augsburg 336), d. städtechroniken 4, 354;

in diesem lant was der edel graff Rudolph gewaltig, und do sich wider in setzten die von Basel etc. do ward er erwelt zu kaiser. Sigmund Meisterlin, d. städtechroniken 3, 104 (Nürnberg); auch so waren zu diesen zeiten die herzogen von Ambertal gewaltig auf dem Norgee. 87; item des selben mals da starb der türckisch kaiser, und sein sun ward gewaltig an seiner statt. Joh. Frank, d. städtechroniken 25, 312 (Augsburger annalen); und Aegyptus ward geweltig in dem land. Aventin 4, 159; nach künig Myela und Penno find ich, das bei uns geweltig gewesen sein bei sibenzig jaren Venno und Helto. 4, 263; als er aber uberal freundtschafft und gemeinschafft macht mit denen die gewaltig waren, hat er sich fürnemlich mit der Araber künig verschwägert. Hedio übers. des Josephus vom krieg der juden 9a; hat er aber keinen wein getruncken, unnd ist gleichwol truncken, derselbe wird wol gewaltig werden, aber endlich zerrinnet dieselbe gewalt. traumbuch cap. 185, anhang zu Colerus hauszbuch (1656).
β)) so schreibt der höchste und fürnemste geschichtschreiber der keiser Julius löblicher gedächtnis, wie das etwann der Galler oder Franckreicher sachen mechtiger unnd gewaltiger seien gewesen. Micyllus Tacitus (1535) 446a (Germania); dieselben send auch nit weniger gewältig oder vermöglich. 450b; wie nun kainer mag globen, er wöll sein leben lang weis, kunstreich und gewaltig sein, dieweil er nit waisz, wie lang im gott soliche gab zulassen wöll, also kan kainer geloben, er wöll sein leben lang kewsch sein.

[Bd. 6, Sp. 5135]


supplik der barfüszermönche bei Baumann quellen zur gesch. des bauernkriegs aus Rotenburg 29;

sei fromm, und wart on argelist
des, darz du berffen bist.
wann du das thst, so bistu klg,
gewaltig, reich, und edel gng.
Erasmus Alberus praecepta vitae ac morum 85b;

aber Demea th du eins, bedenck bei dir selbs in deinem gemt, wie gantz rwiglich ir lebent, wie überausz gwältiger, reich, glückselig unnd edel ir seind. Valentin Boltz Terenzübers. 143b;

dann welcher hie des gälts hat vil,
der mag wol werden, was er wil:
fromm, gwältig, húpsch, darz ouch wisz,
man gibt im allenthalb den prisz.
Georg Binder Acolastus v. 877;

dann streng uns nit mit übelnn seer
nach wielichkait der sünden schweer,
sunder mach uns mit dein heilig
ewig zu sein kewsch und gweltig. bei
Wackernagel das deutsche kirchenlied 2, 1108b.


γ)) nach des tod haben sie hertzogen Lotharium usz Sachsen, und hertzog Conraden usz Schwaben an einander gehetzt, uff dz nit wo einträchigkeit under inen were, ir einer sich erhaben möcht, und inen z gewaltig werden. Hutten (wie die bäpst allwegen ..) 5, 370 Böcking; dan Schwaben landt ist Christen worden zu denen zeiten, do fast gewaltig ist gewesen das bapstumb. Eberlin v. Günzburg (an den rath von Ulm) 3, 3 neudruck;

nu du so geweldigk bist,
so sage mer, wo von ist
der din kleit von blude roit. Alsfelder passionsspiel 7137;

dann dasz ich also gwaltig si,
wie wol ich leb in büeberi.
N. Manuel vom papst und seiner priesterschaft bei
Bächtold s. 33;

erhueben sich irs wesen so hoch, und vermainten so gewaltig zesein, das si auch die erbhuldigung den gesannten des landsfursten nicht thuen wolten. Georg Kirchmair (denkwürdigkeiten), fontes rer. Aust. 1, 1, 446, darumb hette ihn Solon gestraffet, unnd gesagt: dasz kein mensch also vermessen sein solt, sich bei leben für selig zu halten, unnd so gewaltig, dasz ihn niemandt stürtzen möchte. Kirchhof wendunmuth 4b.
δ)) und gleich wie einer des gewaltiger ist, der vil freund hat, also vermag auch der mit vilen kindern begabt mehr als der keine oder wenig hat. Fischart ehezuchtbüchlein 3, 192 Hauffen.
c)) statt der verbindung des adjectivs mit dem verbum substantivum werden für die staatsrechtliche bedeutung nach und nach prägnantere verba bevorzugt, dadurch wird das adjectiv vorübergehend in die function des adverbiums übergeführt:

Salomon, der ein künig was,
der würdt mir ouch bezügen das,
(und zu Hierusalem gweltig sasz).
Thomas Murner gäuchmatt 3, 79 Uhl;

als nach Christi geburt fürwar
man zelet fünffzehen hundert jar,
eh das zwei und sechtzigst angieng,
gwaltig zu regieren anfieng
etlich zeit her in unser grentz
die gschwind kranckheit der pestilentz.
H. Sachs (eingang disz vierdten buchs) 15, 17;

in den büchern der alten historien wird gedacht eines königs Arturus, auch wol Artus genennet, und über die mächtige und weitberühmte insul, damals Albion oder Albania, umb des weissen erdreichs und kreidenberg willen, diese zeit aber Engelland geheissen, umbs jahr Christi 542 gewaltig herrschte. Kirchhof wendunmuth (2, 22) 2, 38 Österley.
β) die freiere entwicklung des attributiven gebrauches. die unmittelbare beziehung auf gott tritt mehr und mehr zurück, mittelbar wird sie in der verbindung gottes gewaldige hant festgehalten, die sich dadurch charakteristisch von jüngeren verwendungen der gleichen verbindung unterscheidet vgl. gewaltige hand für violentia sp. 5148; vgl. DWB das ist eine gewaltige hand, ein gewaltiger fusz vgl. sp. 5155. die verbindung mit weltlichen machtfactoren erweitert andererseits den kreis der zuständigen appellativa und nomina agentis.
1))

dasz mer nicht vorterben
in sunden uff diser erden!
des hilff uns, geweldiger got. Alsfelder passionsspiel 2624;

gwöltiger got der mächtikhait
der dw ausz wassers gschöpf berait ... bei
Wackernagel das deutsche kirchenlied 2, 1128;

[Bd. 6, Sp. 5136]



dann uns vallt zu rent, gült und bar gelt
us der armen blutenden schweisz,
der nit anders verstat, noch weisz,
denn dasz ich (der papst) sie g'waltiger gott,
und müssind halten mine gebott.
N. Manuel vom papst und seiner priesterschaft bei
Bächtold s. 35;

sich, wie gar irlich sie dich entphan
mit gesang aller Judden kint,
erkennen als ein geweldigen konigk. Alsfelder passionsspiel 2631;

gelobet sijstu milder Crîst!
want du ein geweldiger konig bist. 7292;

gott hat mir grosse sünd vergeben
und mich erwelt in ewigs leben
durch das verdienen Jesu Christ,
on welches nüt sälig wirt, noch ist.
einiger gott und gewaltiger herr,
der gibt den himmel und sunst niemand mer.
N. Manuel vom papst und seiner priesterschaft bei
Bächtold 90;

reden wird got der stark gewaltig hér,
nt wird di welt berffen na' nt fér,
vom aufgang an bis z der sonnen ris.
Melissus (psalm 50) 191 neudruck;

aber im krig f unsrer seiten
war' der gewaltig her der streiten:
Jacobs gott' ist ain starker schtz
fụr uns, zwider allem trtz. (46) 179;

als nun Jesus Christus als ein gewaltiger triumphirender herr den todt überwunden. Ayrer process. jur. 1; gewaltige hand gottes bei Albrecht von Eyb spiegel der sitten 11b;

ir Juddenfursten, ich thun uch kunt,
dasz mich Jhesus hot gemacht gesunt
mit siner geweldigen hant. Alsfelder passionsspiel 1626;

in gottes willen und gewaltige hand sich gütlich untergeben. Mathesius hochzeitpredigten 159 neudruck; da Moses zuhörer ausz irem eisenern hause, mit herrlicher und gewaltiger hand gottes durchs rote meer geleitet, fahen sie von stund an zu murren. Luther 107;

nu frawe dich, Eva du frauwe min!
ich sehen den geweldigen gottes schin
und sin gebeneditten hant. Alsfelder passionsspiel 7174;

als Samuel disz zum volck geredt, ist von stund an donder, hagel und plitz ausz gottes gewaltigem geheisz herfür brochen. Hedio übers. des Josephus (1553) 97b.
2)) Otto der grosze Heinriches sün richsete 12 jor. der was der erste tutsche gewaltiger keiser. Closener, d. städtechroniken 8, 35; zuhand da das also beschlossen war, wurden die obg'nanten zwên fürsten von rat und gemain ainhelliklichen angenomen als geweltig römisch regirend kaiser. Aventin 4, 931; aber damit ich endlich davon zu reden beschliesse, ist nach keiser Karlen dem grossen kein so gewaltiger keiser, regierer und führer des vaterlands gewesen, als dieser keiser Otto. Bünting Braunschweiger chronik (1620) 96; dise (Esther) wirdt ein grosse unnd gewaltige keiserin, inn der grossen monarchei zu Persen. Mathesius hochzeitpredigten 195 neudruck;

ich bin ein gwaltiger könig werdt.
meins gleichen lebt kaum auff der erdt;
dann mir fehlt nichts an gelt und gut.
J. Ayrer (anklag wider der königin Podagra tyrannei) 2528;

durch solich weisz würst du ein gewaltiger küng der erden, so du vorhin gots handel uszrichtest, dar nah wirt got din handel uszrichten. Eberlin von Günzburg 15 bundsgenossen neudruck s. 13 (an Karl V.); und dann so bald bilder der selben künstrichen menschen, oder gewaltigen künig, uff gericht wurden, so schmucket sich der tüfel dorin. Judas Nazarei vom alten und neuen gott 6 neudruck;

ich pin in potschafft her gesandt
zu euch her in das landt
von Krimhilden der liebsten frauen mein,
ein gebaltige kunigin an dem Rein. Sterzinger spiele (1511; Wiener neudrucke 9, 148).


3)) nun sitzen wir noch inn der welt, darinn der teuffel ein gewaltiger printz ist. Mathesius leichenreden 142 neudruck; Philippus Alexanders vatter, ein gewaltiger, treflicher, löblicher fürst, hatte ein schönes tugendreiches weib seer lieb. Erasmus Alberus ehbüchlein E 2, a; eines fürtrefflichen gewaltigen, unnd derhalben hochberühmbten kriegsfürsten losament, hab ich gesehen. Kirchhoff militaris disciplina 125; und warent da gegenwúrtig die mechtigesten, durlúchtigesten fúrsten und die gewaltigesten edeln des küngriches. (Röteter chronik) Basler chroniken 5, 163; das wolt aber der pfaltzgraff

[Bd. 6, Sp. 5137]


nit tuen, es wär dann, dasz der von Eisenpurg, der bischoff von Mentz, gewaltiger bischoff von Mentz bleiben solt. Burkard Zink, d. städtechroniken 5, 280 (Augsburg); do Adolffus starb ... do wart eindrechtlich erwelt und postuliert zu gewaltigem bischoff zu Mentz der obgemelt herr Diether von Isenburg. M. v. Kemnat chronik Friedrichs I. 126; wo ihr auch andere grosse heüpter, weise und gewalttiger (variante gewaltig), wiszt, und sunderlich die geistlichen, die sich nach uns richten, die zeiget solchen widerwertigen umb merer bewegknusz willen inn alle weg auch an. Schwarzenberg büchlein vom zutrinken 25 neudruck; z dem letzten zoch herr Ludwig von Habsperg (der nun ain gewaltiger ritter an hertzog Jergen hoff war) z Weissenhorn aus und plindert das closter Rogkenburg. Clemens Sender, d. städtechroniken 23, 50 (Augsburg).
4)) ist es nit zu vorwundern und zuerbarmen, wie die münch, sonderlich die bettelseck, also einfeltiglich seint eingangen in die stett unnd landt .. bisz das sie gewaltig herren seint worden aller irer beiwoner. Eberlin von Günzburg (an den rath von Ulm) 3, 9 neudruck; so geben uns die gewaltigen hirin auch nichtes und werden von einem iderman verlasen und verachtet. Margarete von Brandenburg an kurfürst Albrecht 1473 bei Steinhausen privatbriefe 1, 108; des künigs rät und sein gewältig ander herren, ritter und knecht, die wol am hof warn gewesen, die forchten in sêr. Aventin 4, 341;

ihr werdens zweiffels ohn wol kennen,
es ist Berchthold und Erchinger,
und Leutfrid, alle nach und ferr,
bekannte fürsten, gwaltige herrn,
es ist mir leid umb ihre ehrn,
dasz sie empfangen ein solchen lohn.
Frischlin (Wendelgard 4, 2) 48;

und sprach Sibilla zm keiser: 'das kind ist grösser und mehtiger herre denne du, darumb soltu dich nüt lossen anebetten für den geweltigesten. Königshofen, d. städtechroniken 8, 336; dem künig Tuitscho oder Teutsch ... hat im regiment nachgefolgt sein sun, der Mann, im latein Mannus genant; ist geweltiger und regirender herr über all ding, land und leut gewesen zwaiundsibenzig jar. Aventin 4, 89; ein gewaltiger und mächtiger herr, des nammen von unnöten hieher zusetzen auf ain zeit ain bawren bei im gehebt, mit dem er sich allerlai sachen halben underreden müssen. Michael Lindener rastbüchlein 27; Franciscus fiel in ein irthum, denn aus dem gesicht, das im gott gezeiget hatte, lies er sich beduncken, er würde ein grosser und gewaltiger herr in dieser welt werden. Erasmus Alberus der barfuszer münche eulenspiegel und alcoran D 3a;

ich bin Pilatus, ein geweldigk herre
und wel uch sagen war mere,
dasz ich wel ein recht richter sinn. Alsfelder passionsspiel 1275;

ich trag holcz, pet, ker, spüel und thu abhaspen.
also ich ein gweltiger herr
in meim haws thu umb zaspen.
H. Sachs (der bischof von Mainz) fabeln und schwänke 3, 228;

ich sing die siben zit bi dem win,
ich kan ein gewaltiger chorherr sin
und hab ein hüerlin an dem barren.
N. Manuel vom papst und seiner priesterschaft bei
Bächtold s. 61.


5)) da man zalt 1449, da hanckt man ain hie zu Augspurg, der hiesz mit namen Erhart und was ratzknecht auff dem hausz und was ain gewaltiger man, und dem der ratt und gemain wol trauet. Johannes Frank, d. städtechroniken 25, 298 (Augsburger annalen);

der gewaltig man, dem das geticht
ist gemacht, sol sin verswigen nicht.
Küchlin (herkommen von Augsburg), d. städtechroniken 4, 355;

der maler der vast fröwet sich,
das er sölt sagen dem gewaltigen man,
ich wölt im darinn z willen stan. 344;

er was ain gewaltiger, fürnemer man gewesen, er thet den leutten offt das wort in ainem ratt. Wilhelm Rem (cronica newer geschichten), d. städtechron. 25, 126; darnach das was als man zalt 1419 jar kam ich wider gen Augspurg zu ainem reichen man, Jos Kramer, der was ain gewaltig man hie, er was ain paumaister. Burkard Zink, d. städtechroniken 5, 128 (Augsburg); es ist zu wiszen und wol zu merken, dasz ain burger hie was, der was genant Lorentz Egen, der was ain reicher gewaltig man hie in der stat. 5, 196. ebenso 316; ain

[Bd. 6, Sp. 5138]


gewaltiger und gar ain weis man. 238; das was ainer, genant Luz Hörnlin, der ist auch ain gewaltig man gewesen, als darvor von im auch aigentlich geschriben stat 202. ebenso 274;

wer allweg mit jedermann zürnt
und hergeht, als sei er gehürnt,
ist ein solcher ein gwaltig mann,
wer kann da sein und ihm recht than?
Dürer nachlasz 86;

ja Christus wär ein gewaltiger mann worden, und wär wol ausz kommen, wann er sich eingezogen gehalten. Michael Lindener Katzipori 97; der Franzosen antwort was, wiewol inen die Römer unbekannt weren, dannocht msten sie achten, das sie an macht gewaltige unnd mannliche leüt weren. Livius (Straszburg 1562) 51b; traumt einem, wie er auss einen granatbaum gestiegen, so wird er durch einen gewaltigen mann, der eines grossen namens ist, erhöhet werden. traumbuch cap. 189, anhang zu Colerus hauszbuch (1656); do men zalte noch gotz geburte 1385 jor, do worent drige gewaltige manne z Strosburg. Königshofen, d. städtechron. 9, 782; Sebastian Ilsung und Peter Rechlinger sind beid zwen reich, gewaltig mann und ratshern z Augspurg gewessen, doch der Ilsung vil gewaltiger. Clemens Sender, d. städtechroniken 23, 33 (Augsburg); Esau ... ober hat weiber genommen, Ada ein tochter Helonis, und Alibamen Esebeonis, welche under den Chananeern gewaltige männer waren, unnd macht sich selbs zum herren dise heirat zu vergwaltigen, und befragt den vatter nit umb raht. Hedio übers. des Josephus (1553) 16a; wann einem könig traumt, wie er truncken sei, so wird er gewaltige leute ihm unterthänig machen. traumbuch cap. 185, anhang zu Colerus hauszbuch; trincket er das wasser ausz dem flusz Nilo mit zucker, so wird er durch eine gewaltige person wohlfart und wollust erlangen. cap. 187; wilt du vertreiben alle schaden, und uberwinden alle irdischen ding ... so nim den stain der da Agathes genannt wirt ... der selb macht uberwinden schäden, und verleicht krefften dem hertzen, und machet ein gewaltigen menschen, wolgefellig unnd lieb gehabt von jederman. Albertus Magnus buch d. haimlichkaiten von artznei (1540) D 3b.
6))

Augustus, der gros kaiser,
ein gewaltiger raiser,
als er kam aus der schlachte,
wart im ein fogel prachte,
der künt den kaiser grüesen,
mit worten fein durch süesen.
H. Sachs (der schuster mit dem wappen) fabeln und schwänke 3, 242 neudruck;

ich bin nit der mächtigest, besonnder so gang z dem gewaltigen fürer der wolcken, der ist mächtiger dann ich. buch der beispiele alter weisen 116; ich (Fortuna) bin die gewaltige beherscherin über das wilde weite meer. Schottelius friedens sieg 16 neudruck. in der verbindung mit solch einem nomen agentis liegen vor allem die übergangspunkte zu der bedeutung vehemens, magnus, vgl. item Jörg kaltschmid ist ein vorderer und gewaltiger redliszfierer gewesen den krieg, als lang er gewert hat. verhörprotokoll bei Baumann acten zur geschichte des deutschen bauernkriegs s. 359. vgl. sp. 5154.
7)) furnemlich aber ist die sünde, und das gericht derer, so die kirchen spotten, und die geistlichen güter zu sich reissen, schwer und untreglich, die gott ernstlich straffen wirt, wie auffem lande der adel und die scharhansen, in stetten die gewaltigen geschlecht und bürger gemeiniglich pflegen zu thun. Luther tischreden (1567) 249b; wann aber ain weiszer erberer radt gemerket hat, das iene (zr selben zeit meine gwaltige oberkeit) mich wolten veriagen, haben si ainhelligklich mein wider begert. J. Eberlin von Günzburg (kurzer schriftlicher bericht des glaubens) 2, 173; niemant sol szo nerrisch sein, das ehr glewb es sei des bapstes, unnd aller seiner Romanisten unnd schmeichler ernste meinung, seine geweltige ubirkeit sei ausz gotlicher ordenung. Luther von dem bapstum A 4a; deren (städte) ich hie allein die geweltigisten und namhafftigsten erzehlen wil. Micyllus Tacitus (1535) 450b (Germ.); dasz alle hohe gewaltige monarchien von gott eingesetzt nd geordent, die grossen mechtigen potentaten und herrn z straffen, recht wider gewalt auffzrichten, auch wider die selbigen sich nieman setzen, verachten, noch empören soll, wirdt durch das exempel des künigs Samuelis und Saulis klärlich angezeigt. Wolfgang Schmeltzl Samuel und Saul (Wiener neudrucke 5, s. 1).
γ) die substantivierung, soweit sie aus dem rahmen gelegentlicher syntaktischer verschiebung heraustritt und festere prägung

[Bd. 6, Sp. 5139]


zeigt, läszt zwei hauptformen der entwicklung erkennen. auf der einen seite wird durch die function des substantivs die verallgemeinerung der bedeutung besonders gefördert. dieser richtung gehören namentlich die typen an, die der bedeutung von potens einigen anteil an dem neueren gebrauche von gewaltig gesichert haben. andererseits dringen aus den bestimmten überlieferungen einzelner sprachkreise auch die merkmale der bedeutungsverengerung in die substantivierung über, wobei die individualisierenden bestimmungen bald angedeutet werden, bald elliptisch zu ergänzen sind. diese zweite richtung findet ihre hauptpflege in den denkmälern des 16. jahrhunderts und verkümmert nachher rasch. an der substantivierung nehmen auch steigerungsformen theil, der superlativ ist vereinzelt sogar in die isolierten gebrauchsformen übergedrungen.
1)) gelegentliche syntaktische verschiebung:

doch unter ihren feindlichen stürmen,
erscheinst du, gewaltiger, mich zu beschirmen:
sie sehn, wie ich beschirmet bin,
und zagen und stürzen ohnmächtig dahin.
Kramer psalmen 1, 65;

das offt der ring mit listen schwind
den grosz gwaltigen überwind.
H. Sachs 16, 344;

vur ein gwalting erwel er seins geleichen,
vur ein stolczen ein demtigen schlechten,
vür ein dieb erwel ein eren pegaber,
vur ein müesigenger ein arbeitsamen. (die füchsische gesellschaft) fabeln u. schwänke 3, 62;

wer im geringen unvermöglichen schwachen standt sich wider ein gewaltigem will setzen, dem ist zurhaten er lasz den riesen gehen und ziehe den hut für ihme ab. Lehmann florilegium 308; wer ist disz, ein so gewaltiger, mit dieser solchen gab. Valentin Boltz Terenzübersetzung (1563) 58a; so ich doch darin gefallen bin, msz ich dir ein hüpsch stückli zeigen, damit du dich vor dem git der geistlich gwaltigen beschirmen magst also. Ul. Zwingli von freiheit der speisen 20 neudruck; bischoff und pfaffen, gelert und gewaltig, verstendig und tholl, vätter und frembde seind widerwertig gemein seiner (Christi) lere und leben. J. Eberlin von Günzberg (ein buchlein, worin auf drei fragen geantwortet wird) 2, 163 neudruck; do sprach der pretor, das ist der gewaltigest und öberer des volkes. Steinhöwel Äsop (48b) 64 Österley; item ist es zu wiszen, dasz die Hussen zugen fr die Kutten und etlich falsch ungetrewe der allergewaltigisten, die da waren, die gaben den berg hin den Hussen. Burkard Zink, d. städtechroniken 5, 90 (Augsburg); und auf sollichs alles auf den sechs und zweintzigsten tag Julii do bracht man gefangen mit einander achtzehen man, den schlg man auf disen tag die köpf ab zu Durrach, die solten die von den gewaltigisten under in gewesen sein. (auszug des schwäbischen bunds wider herzog Ulrich) bei Baumann quellen zur geschichte des bauernkriegs in Oberschwaben 775; das erste teil waren patricii, öbersten und gewaltigsten. Luther uber das erste buch Mose (1527) i 3b.
2)) festgeprägte formen.
a)) auf grund der verallgemeinerung und abstraction.
α)) im dritten jar seines königreichs, machet er bei ihm ein mal, allen seinen frsten und knechten, nemlich den gewaltigen in Persen und Meden, den landpflegern und obersten in seinen ländern, dasz er sehen liesz den herrlichen reichthumb seines reichs. buch der liebe 298c; da si (die städte) nu die gewaltigen in Egypten wider fodderten, wolt er nicht abtretten. Luther vorrede auf den proph. Daniel bei Bindseil-Niemeyer 7, 374; das wisselchin bedeut unsern lieben herrn Jesum Christum, welcher, ob er wol fr der welt, gering, schwach und veracht war, noch hat er grössere dinge ausgericht, dann alle gewaltigen in der gantzen welt vermögen. Erasmus alberus vom basilisken zu Magdeburg D 2b;

ihr gewaltigen in dieser welt,
herbei und bringt dem herren,
bringt ehr und stärke diesem held,
so wird euch nicht gewerren.
Joach. Sartorius bei
Hoffmann spenden 2, 224.


β))

ein schaf nennt sie (die welt) den einfeltgen,
grosz Hans so heist sie den geweltigen,
den alten mann nennt sie ein fuchssen,
ein gscheid listigen argen luchssen.
Hans Sachs (der welt nachschnaltz) fabeln und schwänke 2, 249;

acht ding sein, die ihnen selbst unnd andern schaden ... ein gewaltiger, der ein schalk ist. Kirchhof wendunmuth 344a; desglichen han ich z Wurms in der samlung aller fursten und des richs botten gebeten, mir zu gunnen die stummenden

[Bd. 6, Sp. 5140]


sund abzstellen ... doch zlest lies ich ab mit mim nochreisen, wen ich sach, daz kein gewaltiger geneigt wer, den rechten weg zu gon. oberrheinisches reformprogramm aus d. zeitalter Maximilian I., westd. zsch. f. gesch. und kunst ergänzungsheft 8, 100; als weit nu die warheit in ir selb besser ist, denn die menschen, in denen sie wonet; also vil sein die gelerten ärger, denn die geweltigen und reichen. Luther (magnificat verdeutscht 1521) 7, 589 Weimar; und sonderlich wenn grosse unnd gewaltige sich wider uns aufflehnen. Mathesius hochzeitspredigten 108 neudruck; item bei den grossen heupteren, gewaltigen und weisen, und sunderlich den geistlichen habt grossen fleisz, sie mit ztrincken inn unseren dienst zbringen, weil uns an den selben gar vil und grosz gelegen ist. J. v. Schwarzenberg das büchlein vom zutrinken 28 neudruck; item die jhenigen, so ausz euch gehör, bei den fürsten und gewaltigen haben, solt den selbigen sagen, ... 25; (sie) haben vil grösseren lust zu allerlai newen gedichten, und seltzamen phantaseien, inn denen sie gemainklich ire kaiser unnd gewaltige, ihrer ritterlichen thaten halb rhümen. Rauwolf 91; wie die gewaltigen, macht und scharrhansen, da sie jetzt vermeldete tyrannei und bubenstück an den armen, entweder ausz neidt oder boszhafftigem muhtwillen brauchen wöllen, oder gebraucht haben, ... gibt uns diese Esopische fabel ein kurtz und schön gleichnisz. Kirchhof wendunmuth 52a; es kumpt gar dik, daz der mechtig nit erkennt, waz im der klein tt ... dorumb so sag ich: den gewaltigen ist nut z vertruwen. in ist weder gloub noch barmherzikeit, und hand die armen lieb, diewil si geben, aber si denken nit, warumb si daz endphohen. oberrheinisches reformprogramm 130; dise fabel warnet und leret die gewaltigen, daz sie in ierem gewalt gütig und senftmütig sien, das kain rauch nach uszgang des gwalcz über sie gang. Steinhöwel Äsop (76b) 99 Österley. ebenso 355; ich hab irn freunden gerathen, bei ettlichen gewaltigen durch schankung zu procurirn, die ich höre sich damit bewegen lassen, deszgleichen bei des bischoff von Crakow hure, die er auff einen wagen mit furt, die hübsch und des geistlichen vatters gewaltig ist. Schwartzenberg zween sehr merkwürdige briefe 3 (ed. Herbst 1773); solchen soll er zum hefftigisten undersagen, und sie vermahnen, erstlich den gerichtsschreiber: dasz er in seinem schreiben kein person ansehe, die gewaltigen den armen nicht vorziehe. Kirchhof militaris disciplina 230; die weltliche könige herrschen, und die gewaltigen heist man gnedige herrn. Bünting Braunschw. chronik 448, vgl. oben (zur bibelübersetzung) sp. 5128.
b)) bedeutungsverengerung und elliptische ergänzung.
α)) unnd er befahl seinen gewaltigen uber ihm, dasz sie ihn geleiteten, und sein weib und alles was er hatt. buch der liebe 304a, vgl. genes. 12, 20; do zoch künig Laslaw von stundan hinab gen kriechisch Weissenburg und mit graf lrich von Zily, des künigs Laslaw hofmaister und gantz gewaltig des künigs. Hector Mülich, d. städtechroniken 22, 119 (Augsburg); item wurde auch iemandt des römischen kaisers gepott von ztrinckens wegen geschehen, fürwerffen, so sagt, ihrer maiestat sei nit ernst geweszt unnd desz also uberredt worden, als sich darausz erfinde, das sein gewaltigste am hoff ztrincken. J. v. Schwarzenberg büchlein vom zutrinken 36 neudruck; Leopoldus, weiland ein hertzog z Osterreich, hielt raht mit seinen obersten und gewaltigen von dem krieg, so er gegen die Schweitzer füren wolte. Kirchhof wendunmuth 1, 426 Österley; so offt er under die gemein gieng, begleiteten in seine amptleut, gewaltigen und hofräht. 463a; seine kriegsleute und gewaltigen antworten ihm, wir fürchten es könne nicht geschehen. Bünting Braunschweiger chronik 53; usz dissem scholder, den man empfohet von den spielern und dem gewin so man erobert von den karten, wurt gelont den knechten derselben stuben, und den gewaltigen koufft der schleck den man nennet ein voruszlin, und wurt usz geteilt an die drii oben dran. das ein obendran macht der ammeister an sinem tisch, das ander der stetmeister ... und das drit ... der statschriber. Geiler v. Keisersberg 21 artikel nr. 8, s. Dacheux Jean Geiler XXIV.
β)) des nam ein gewaltiger des volcks acht, das er gantz kein erbermde mit der lüt und den clagenden het. buch der beispiele alter weisen 178 Holland; so liesz Caius Virgilius ain gewaltiger inn Sicilia briefliche, offenliche gebot wider Ciceronem, und sein enthaltng auszghän. Schwartzenberg teutsch Cicero (1555) xa; kein könig, richter noch gewaltiger auff erden hat nach gott diesen titel ausgeleschet, da er sich nennet

[Bd. 6, Sp. 5141]


... einen rechten richter. J. Jonas Luthers ausleg. d. pred. Salomonis deutsch 1533, s. Luther 5, 1232a Altenb. ausg.; der Ilsung was alter burgermeister und was kein gewaltiger desselben mauls ze Augspurg. d. städtechroniken 4, 233 (Augsburg zu 1425); ich wolt gar vil wider mein anneider schreiben, aber die gewaltigen sagent, ich sol sie verachten, ja verschmehen. S. Meisterlin, d. städtechroniken 3, 33 (Nürnberg). (nisi una autoritas senatus prohiberet ac spernendos iudicaret); da enpfieng in niemant von der stat wegen, denn der gewaltigen ainer von der gemain, mit namen der Herlin ... (Hörnlins verweisung 1415) d. städtechron. 4, 259; es geschachen hie z Augspurg vil beser red von den handwerckleutten, das die gewaltigen gewar wurden, aber man dorft sich nicht rieren. Wilhelm Rem, d. städtechron. 25, 78 (Augsburg); und die aigen leut, die sie wider edel und unedel aufnemen umb järlich zinse zu versprechen, darvon der stat vil verdriesz und unrats zustat, das auch wider ir geschworen statpuech ist, nit mer zu haben auch verpotten worden, und vil mer ander nottürftig ordnung und gesetze und zu halten bei geschwornem aide erkent wurden, damit denselben gewaltigen ir aigen nutz abgenommen und geirrt ward zu notturft und aufenthalt der löblichen stat umb gemains nutz willen. Burkard Zink, d. städtechroniken 5, 300 (Augsburg); ja auch darzu etlich .. so den burgermaistern und alten burgermaistern solich .. conspirationes und handlung .. anprachten und sie warnten, von denselben darumb mit harten, ungeschickten worten angestrengt .. liessen sich etlich der gewaltigen merken mit ernst, als ob man sie darumb strafen sollt. das macht menigen biderman entsetzt, das niemands den gewaltigen solicher ding nichtz anpringen oder sagen dorft. Th. Zweifel bei Baumann quellen zur gesch. des bauernkriegs aus Rotenburg 15; anno domini 1527 .. habend die von Ulm das loblich amt Marie .. abgethan doch haben sich die gewaltigen schön wollen machen und zu dienen, so vor das ampt gesungen haben, gesagt, si mugen wol sungen, werds inen nit weren, aber kain sold mer geben. Nicolaus Thoman bei Baumann quellen zur gesch. des bauernkriegs in Oberschwaben 134; geschähe alles darumb, dz die gewaltigen von den geschlechtern dester basz sie trucken ... möchten. Livius (Straszburg 1561) 48b; da bedacht sich der son, und nam darab, es wer sein meinung, er solt den gewaltigen und hohen in der statt Gabios auch also thn, und hiesz den rahtszherrn und den besten alle ir heüpter abschlagen. (1572) 20a; sölch gesetz nit allain dem gemainen volgk, sunder auch etlichen gewaltigen, und zuvor Caio Antonio ... fast wol gefiel. Schwartzenberg der teutsch Cicero (Augsburg 1535) 5b; die zwölf boten sind mit fröden gegangen für das angesicht der gewaltigen. Keisersberg pred. 40a, vgl. auch die gewaltigen (die regierenden) in den 21 artikeln 24.
γ)) da kam ain solliche flucht under unser volck, welche nit mochten uber die pruck kommen, die fuelen in den graben ... was dan die Schweitzer ereilten, erstachen si alls, flochen etlich edel und gewaltug durch Bregentz, die statt, aus, bisz sie mainten, sicher zu sein. Nicolaus Thoman (Weiszenhorner historie 37 variante) bei Baumann quellen zur gesch. des bauernkriegs in Oberschwaben; (es) wurden von inen ire öbristen darinne ubergeben von hauptleüten, fendrich und andren gewaltigen under in, damit ir daselbst am andern tag 23 man geküpft wurden. (auszug des schwäbischen bunds wider herzog Ulrich) ebenda 765; zu Rottenburg an der Tauber hat margraf Kasimirus in namen des schwebuschen bunds ainem doctor, ach ainem minch und etlichen gwaltigen die köpf ab lassen schlagen. 113; des apts knecht von Roggenburg fuengen ain pauren, der hiesz Peter Sausentaller, keret dem closter zu, wasz ach ain gewaltuger gewesen, fuerten gen Echingen, lag ain gute zeit da gefangen. 125. eine ähnliche bedeutungsverengerung, wie sie hier vorliegt, hat für die militärische terminologie geltung gewonnen, vgl. z. b. aus späterer zeit: wenn es dem regimentspater mit dem gewaltigen und scharfrichter auf die straiff zu gehen trifft, hat er diejenigen, so in flagranti sollen hingerichtet werden, beicht zu hören. bair. infanterieordnung v. 1754, 172. meist jedoch herrscht hier die form gewaltiger vor (s. d.), die nicht als nomen agentis zu gewaltigen aufzufassen ist, sondern als isolierte form des stark flektierten nominativs sing. masc. unseres adjectivs.
δ) die function des adverbiums berührt das bedeutungsgebiet von potens nur in ausnahmefällen im gegensatz zu den ausgebreiteten belegen für gewaltig, violentus einerseits und validus,

[Bd. 6, Sp. 5142]


fortis, vehemens andererseits. zu dem adverb bei herrschen, regieren vgl. sp. 5135; in unsern zusammenhang fällt vielleicht: ewr gott euch allzeit gewaltig retten kan. Chryseus hofteufel F 7b.
f) in den angaben der wörterbücher spiegelt sich die verkümmerung, der die bedeutung potens im gebrauch der neueren sprache unterliegt, natürlich nicht so anschaulich wie in der litteratur. einzelne wendungen werden hier gewohnheitsmäszig von einem wörterbuch zum andern übernommen und so noch lange festgehalten, obwohl sie im thatsächlichen gebrauch ausgestorben sind. bei den wörterbuchschreibern des 18. jahrh. kommt dazu die litterarische belesenheit, die die belege der neueren sprache aus früheren perioden ergänzt. dies gilt namentlich für Adelung (2, 648), dem aus der eigenen sprache die bedeutungen validus, robustus, vehemens nahe liegen, während er die bedeutung potens nur aus der bibelübersetzung erschlieszt. ebenso Schmidt (schwäb. wb. s. 515), der aus einer dem 14. jahrh. entnommenen urkunde (s. Ulmisches urkundenbuch 2, 82 vgl. oben sp. 5123) die definition erschlieszt: gewaltig, der das reich zu behaupten vermag. trotzdem lassen sich auch aus dem überblick über die wörterbücher sichere anhaltspunkte gewinnen, wenn man das augenmerk auf die erweiterung des bedeutungsumfanges in den einzelnen angaben und auf das jeweilige verhältnis zwischen alten und neuen gebrauchsformen richtet.
α) allgemeine begriffsbestimmung.
1)) die beschränkung auf die bedeutung potens findet sich im deutsch-lateinischen theil der ältesten wörterbücher als regel: gewaltig, mechtig, potens. vocab. theut. (Nürnberg 1482) M 5; gewaltig, potens. vocab. incipiens teut. ante lat., vocab. optimus (1504), ebenso Maaler 178b; vgl. multipotens, gewaltig, vil vermögend. Ambrosius Calepinus (1570); gewaltig, mächtig, puissant. Hulsius (1614) 163a (vgl. jedoch auch sp. 5149).
2)) die berücksichtigung der bedeutungserweiterung setzt im lateinisch-deutschen theile der wörterbücher an, vgl. potens, gewaltig. Frisius (1568) 1027a; nervosus aderächtig, voll gäders, starck und gwaltig. 865b (in der ausgabe von 1541: nervosus, aderächtig, starck; nervose dicere, gewaltigklich .. reden 709); valentissimus, gar krefftig und gewaltig. 1344b; vgl. auch 579 unter fortis; nur für violentus musz Frisius (1568) noch umschreibungen heranziehen (voll unbillichs gewalts). hier wird erst Henisch den thatsachen gerecht: gewaltig, mächtig, was mit gewalt geschicht, potens, fortis, violentus, impetuosus. 1591; gheweldigh, potens, fortis, violentus, impetuosus. Kilian K 4b; gewaltig, mächtig, in grossem gewalt, kräfftig, potens, potis, validus, valens. Emmel N 2; gewaltig, potens, valens, pollens, potenter, violenter, quod etiam est gewaltiglich, manus de facto. Stieler 2426.
3)) im 18. jahrh. ist die beschränkung auf die bedeutung potens nur noch selten belegt: gewaltig, puissant, potens. nouveau dictionaire du voyageur (Genf 1703) 145a; gewaltig, mächtig, potens, adv. potenter. Bayer 290b; gewaltig, puissant, potens, potente. Veneroni 74; gewaltig, potens, potestate praeditus, potestatem ac dominium obtinens. Haltaus 698. durchgängig herrscht sonst die mannigfaltigkeit der angaben vor: gewaltig, potens, validus. Gürtler 2, 74; gewaltig, mächtig, potens, validus. Spieser 151, ebenso Steinbach 2, 921; gewaltig, mächtig, potente, possente, poderoso, puissant. Rädlein 381a; gewaltig, violento, vehemente, fervido, violent, véhément, chaud, bouillant. ebenda; gewaltig, grosz, grande, maraviglioso, stupendo, grand, admirable, merveilleux. ebenda 381b; gewaltig sein, to be valiant, high, mighty, great, powerful, strong, magnificent. teutsch-engl. wb. (1716) 769; gewaltig, gewaltsam, starck, it. mächtig, geweldig, heevig. Kramer (Nürnberg 1719) 2, 96c; gewaltig, potens, präpotens, imperiosus, validus. Weismann 156; gewaltig, potens, opibus valens. Frisch 2, 420b; gewaltig, potens, valens. Kirsch 179b; gewaltig, puissant, fort, violent, impetueux. Rondeau-Buxtorff 253; grand, considérable, important. 254; gewaltig, puissant, fort, grand, considérable, violent, impetueux, véhement, d'importance, de consequence. nouveau dictionaire (Straszburg 1762) 339a; Adelung (2, 648) führt als erste bedeutung an: gewalt habend, in der gewalt begründet, doch werden hierfür nur wenige verbindungen zugestanden, in denen überdies stark, heftig vordrängen: gewaltig anpochen, gewaltig schreien. eine sehr gewaltige stimme; aus dem 'gemeinen leben' wird beigefügt: eine gewaltige menge menschen ... ein gewaltiger mensch. dagegen gilt für Adelung die bedeutung macht habend, stark, mächtig als veraltet und nebensächlich. ganz ähnlich Voigtel 2, 79; gewaltig 1) (stark, heftig) powerful, strong, vehement, violent, 2) (mächtig) powerful, potent, mighty. Hilpert 1, 462c.
β) buchung einzelner verbindungen und gebrauchsformen.

[Bd. 6, Sp. 5143]



1)) vix ita compos mei essem, ich wer mein selbs kaum so meister und so gwaltig. Frisius 273a; nec potens mentis truculentus Atreus, er was nit wol bei im selbs, sein selbs nit gewaltig, unsinnig. 1027b; seiner selbs gewaltig sein, compotem sui esse. Maaler 178b; diva potens uteri, dîe gewaltig göttin Lucina den gebärenden frauwen. Frisius 1027b; gewaltig über einen sein, einem z gebieten haben, habere potestatem alicuius. Maaler 178b; ebenso Frisius 1028a; gewaltiger seiner fusz, compes est qui habet potestatem suorum pedum. vocabular. incip. teuth. ebenso vocab. optimus. (1504); seiner glideren nit gewaltig, der seine glider nit mer kan oder mag brauchen, membris captus. Maaler 178b; an ipse imperij potens ... esset, ob er desz reichs herr, gewaltig, oder mächtig wäre. Frisius 1027b (ähnlich schon in der ausgabe von 1541, s. 837); frugum potens, gewaltig über die frucht. ebenda; gewaltig über das wätter, der gt wätter oder bösz wätter mag machen, potens tempestatum. Maaler 178b. ebenso Frisius 1027b; potentes maris, gewaltig und mächtig über das meer. Frisius 1027b.
2)) potiri, mechtig, geweltig sein, werden; potiri victoria, virgine, uberkummen. Aventin (rudimenta grammaticae) 1, 483; gewaltig sein, versari cum imperio et potestate: in magna potentia esse. Weismann (1715) 156b; nomen potens matris, der vil vermag oder gewaltig ist. Frisius 1027b; cum potestate est, er ist gewaltig, hat gewalt. Erasmus Alberus C 4a; der gewaltig ist, qui in magna potentia est. Steinbach 2, 921; gewaltig sein, in magna potentia esse, magnas vires habere. Frisch 2, 420b. dazu vgl. geweldig sein, in besitz haben. ebenda, aus älteren urkunden; gewaltig sein, opibus valere, in magna potentia esse, habere magnas vires magnasque opes, habere magnam potestatem. Kirsch 179b; wann einer gewaltig wirdt, so laszt er sein art sie seie gut oder bösz herfür, und wacht der fuchs oder schalck, so ihm hinder den ohren schlieff, auff. Henisch 1591; wirdt die thorheit gewaltig, so hüete sich der einfältig; gewaltig werden, divenir potente, devenir puissant. Rädlein 381a; gewaltig werden, die gewalt bekommen, prévaler, prévaloir. ebenda; gewaltig werden, potestatem adipisci, potentiam consequi. Bayer 290a. ebenso Kirsch 179b.
3)) potiri rerum, geweltiger herr sein. Aventin (rudimenta grammaticae) 1, 483; dynasta, ein gewaltiger here. Chytraeus nomenclator latinosaxonicus 135; potestates, herrschafften, das ist, gwaltig herren, oder, der gwalt über ein volck. Frisius 1028a; mensarij triumviri, die drei gewaltigen herren über die müntz, müntzmeister. 1332b; gewaltiger grosser herr, puissant prince. Hulsius (1596) G 2a; gewaltiger grosser herr, grande possente signore, puissant prince ou seigneur. Rädlein 381b; ein gewaltiger man, vir strenuus, gravis et autoritate pollens. Stieler 2426; ein gewaltiger herr, a potent or migthy lord. Hilpert 1, 462c; gott ist der allgewaltige herr, deus est dominus potentissimus. Steinbach 2, 921; wo gute ordnung ist auch ein gewaltig grosz reich. Henisch 1591; ein gewaltiges reich, stadt, kriegheer, un roïaume puissant, une ville, armée puissante. Rondeau-Buxtorff 253; sich unter die gewaltige hand gottes demüthigen, to humble one's self under the mighty hand of god. Hilpert 1, 462c.
4)) dictator, der gewaltigest ze Rome. vocab. optimus 39 Wackernagel; gewaltiger, un homme puissant. Hulsius (1596) G 2a; ein schrifftliche antwort eines gewaltigen, rescriptum. Henisch 1591; wilt du sein eines gewaltîgen freund, so verleur die warheit oder freundtschafft. Henisch 1591; gewaltsbott, gewaltiger, der über die übelthäter gesetzt ist, violentiarum praefectus. Bayer 290a; gewaltiger im kriege (ein), a provost-marshal in an army. teutsch-engl. wb. (1716) 769; potentatus, ein gewalt oder herrschafft, der standt der gewaltigen. Ambrosius Calepinus 1182; die gewaltigen seindt nicht den gutten wercken, sondern den bösen zu fürchten. Henisch 1591; er stöst die gewaltigen vom stuhl, he puts down the migthy from their seats. ebenda; die gewaltigen, die grosse herren, le potenze, i potenti, les puissances, les potentats. Rädlein 381b; die gewaltigen der welt, les puissances du monde. Rondeau-Buxtorff 253; die gewaltigen der welt, les puissances de la terre. nouveau dictionnaire (Straszburg 1762) 339a; die gewaltigen der erde, (in theology) the powers of the world. Hilpert 1, 462c;
5)) facundia validus gewaltig redend. Frisius (1568) 1344b; gewaltig, valde, valide potenter. Henisch 1591; gewaltig, gewaltiglich, adv. potentemente, con possenza, bien fort, puissamment. Rädlein 381b; gewaltig oder gewaltiglich, adv. potenter. Frisch 2, 420b; gewaltiglich oder gewaltig herrschen, teutsch-engl. wb. (1716) 769. vgl. gewaltiglich.

[Bd. 6, Sp. 5144]



g) die letzten litterarischen belege der neueren sprache gehören zum theil einer archaisierenden stilform an, wie die fügung mit objectivem genetiv. andere werden durch bevorzugte typen weitergeführt, so in der verbindung mit könig, herr u. a., wobei oft die grenzlinie zwischen der bedeutung potens und der von magnus, validus schwankt. ähnlich in einigen verwendungen des prädicats vgl. 3, b, α; sicherer dagegen sind die typen
α)
1)) ob vor der freiung iemant begriffen wurd, so soll der dorfmaister bitten um den thurn, das er den leich, das man den gfangen da halte, so soll ihm der, der des thuren gewaltig ist, weichen. ehehaft der Wennser gemeinde (handschrift von 1782), österr. weisth. 3, 178; niemals erstarkte die macht des deutschen kaisers zu der stufe, dasz sie gleich der des französischen oder englischen königs auf die dauer der herzöge, fürsten und grafen gewaltig geworden wäre. J. Grimm (reiseeindrücke) kl. schr. 1, 68; er wäre der welt so gewaltig als des apfels. Simrock 4, 440; wer die herde eintreibt, einpfercht, zu stalle bringt, der ist ihrer gewaltig, besitzt sie. J. Grimm (das wort des besitzes) kl. schr. 1, 135.
2)) bald stritten diese beiden gefühle zusammen, bald war der abscheu über die liebe gewaltig. Göthe (Wilhelm Meisters lehrjahre 8, 9) 20, 272; denn besonders seitdem die Aldonbrandinische hochzeit dem weit und breit gewaltigen Buonaparte glücklich entronnen und vor wenigen tagen in Stäfe angelangt war, so konnte der wunsch nicht auszen bleiben, dieses dem moder und den Franzosen entriszne bild schon in Weimar aufgestellt und von ihnen beleuchtet zu sehen. Göthe an Böttiger (21. oct. 1797), briefe 12, 344.
β)
1)) ein fräulein aus einem hohen gräflichen haus heirathen, deren gewaltige anverwandte er nicht vor den kopf stoszen dörfte. Grimmelshausen simplic. schriften 2, 206 Tittmann;

Theseus, Pirithous stiegen hinab
in des Aides finstere wohnung,
der schatten gewaltigem herrn zu rauben
die strahlende gattin Persephoneia.
Grillparzer (Medea 3) 3, 213;

auf dieser trauervollen jagd
euch reiche beute ward;
ihr habt erjagt, gewalt'ger herr,
den edeln leopard.
Uhland 2, 131;

auch Alexander erlag, der gewaltige liebling des schicksals,
eh' sein ziel er erreicht, weil er der götter vergasz.
Geibel juniuslieder 357;

denn so unbeugsam der gewaltige minister in der verfolgung eines groszen zweckes war, ebenso elastisch und vielseitig zeigte er sich in der auswahl der dazu führenden mittel. Sybei begründung 3, 324;

zwo gewalt'ge nationen ringen
um der welt alleinigen besitz,
aller länder freiheit zu verschlingen,
schwingen sie den dreizack und den blitz.
Schiller (antritt des neuen jahrh.) 11, 332.


2))

doch sie sah dich, ich hab' es wohl bemerkt!
wie wir da knieten, rückwärts ich, du vorn
am standbild Hymens, des gewalt'gen gottes,
und sie nun kam, des opferrauchs zu streun:
da stockte sie, die hand hing in der luft.
Grillparzer (des meeres und der liebe wellen) 5, 37;

di ganze nacht täht er kein auge zu, sondern verschlos si mit solchen sühssen verzükkungen, dasz auch der schlahf, wi-wohl er sonst ein sühsser und gewaltiger gast ist, nicht so vihl macht hatte, seine augen zu über-wältigen. Zesen adriatische Rosamund 100 neudruck; minne ist eine gewaltige königin; sie fährt daher unversehens und ergreift, den sie mag, ohne widerstand zu dulden. Immermann werke 3, 91; hört ihr die paszkugeln über uns ... sie kommen aus französischen geschützen und sind die gewaltigen, helfenden begleiter. Grabbe (Napoleon 5, 3) werke 3, 222.
3)) auf den unbuszfertigen unnd verstockten werde sich legen des herrn schwere, gewaltige hand. J. Gotthelf (Käthi die grossmutter I) 1, 9; wahrheit ergriff er mit gewaltiger hand, und wirkte sie reichlich in seine gesichter, und seine stellungen. Lavater physiognom. fragmente 1, 80;

das ist der Karl, der kaiser,
der mit gewalt'ger hand
vor vielen hundert jahren
geherrscht im deutschen land.
Geibel gedichte 392.


4))

es müssen alle seufzend doch gehorchen,
sich schweigend beugen dem gewalt'gen joche,
vom könig alles leiden niedr' und hohe.
F. Schlegel Alarcos 1, 2;

[Bd. 6, Sp. 5145]



vom höchsten,
wie vom gemeinsten, lernt er (der mensch) sich entwöhnen,
denn ihn besiegen die gewalt'gen stunden.
Schiller (Wallensteins tod 5, 3) 12, 375.


γ) substantivierung.
1))

noch hab' ich niemals anarchie begünstiget,
und anzugreifen einen weit gewaltigern,
ist eine that, die sicherlich verderben bringt.
Platen (romantischer Ödipus 5) 4, 175;

wie, es folgt der gewalt'ge dem fackelsenkenden jüngling?
tausende führt er ihm zu, ging sodann selber mit ihm. (Alexanders grab) 1, 189;

gewaltig ist die rohe kraft, aber ein blinder zufall kann sie brechen; stärker noch ist der wille, aber an einem blöden greis, einem sterbenden kind, wird er zu schanden; der gewaltigste — das ist der geist, der auch die rohen kräfte ordnend einreiht in den dienst des ewig schönen. W. v. Hillern der gewaltigste (1892) schluszsatz.
2)) eine über andere ragende höhe machet den menschen ein ansehen, und stehet sonderlich denen gewaltigen und hohen in der welt wohl an. Prätorius collegium curiosum (1713) 7;

gewaltige der welt, ihr führet mit entzücken
das rauschende verderben an?
und euer lächelnd auge kann
die furien des kriegs erblicken?
Uz (an herrn canonicus Gleim) sämtl. poet. werke 152 Sauer;

venatio hominum oppressiva, ein greulich tyrannisches jagen, da die gewaltigen auf erden die armen unschuldigen leute unterdrücken, und zwingen, von einem ort zum andern treiben, und ihnen das ihrige nehmen: wie in der heiligen schrifft dergleichen von dem Nimrod verstanden werden mag, wenn derselbe ein gewaltiger jäger ... genennet wird. Beust jagd- und wildbanns-gerechtigkeit 4; die götter wollen nicht, dasz du rechten sollst mit einem gewaltigen im lande, tragen und dulden ist der schwächeren loos. Musäus volksmärchen 3, 45 (Gotha 1801); auch hies ihn der frantzösische hof, samt allen anwesenden gewaltigen des reichs, ... mit allen ersinlichen freudezeuchen wilkommen. Zesen gekrönte majestät (1661) 50;

es suche, wer da will, die schlüpfferigen höhen,
wo die gewaltigen der königs-höfe stehen.
mir gnügt die süsse ruh und ein geringer stand.
Besser ged. (1732) 785;

dieses hat der kaiser nicht nur seinen laqueien, seinen stalljungen, sondern auch seinen gewaltigen, seinen geheimbsten räthen und vornehmsten officieren befehlen lassen. J. B. Schupp (gedenck dran) schriften 182; welche rede ich ungefehrlich über 3. oder 4. tag darnach bei eines fürsten gewaltigen erfahren, dem sie durch die post von Augspurg ausz zu wissen gethan. Götz v. Berlichingen 55 neudruck.
3)) wenn bei einem der vorigen stücke ein neuer abschnitt sichtbar angeht! so hier. was für ein zusammenhang mit dem vorigen geschlechtregister? vielmehr neue sonderbare begriffe von göttersöhnen, riesen, gewaltigen, weltherrschern, zu denen gar nicht zubereitet worden? Herder werke 6, 109 (archäologie des morgenlandes); dort (in Augsburg) strömte zum reichstag fast alles zusammen, was Deutschland an gewaltigen besasz. G. Freytag (bilder 2, 2) 19, 155; unter der leibwache, die im ringe um den schön geschnitzten zaun seines (Attilas) hofes lag, dienten gewaltige fast jedes volkes zwischen Persien und den Pyrenäen. (bilder 1) 17, 141; unter den gewaltigen dieser wilden zeit ... hat kaum ein anderer so breite spuren in den geschichten der südländer und in den germanischen sagen von Italien bis zum eismeer hinterlassen, als der Hunne Attila. 140; gleichzeitig aber fand sich noch ein anderer hoher gast ein, ein machthaber und gewaltiger sondergleichen (Göthe), der zwar über rosz und reiter nicht verfügte, dessen stimme auch im rate der monarchen nicht gehört ward, der aber dennoch in einer anderen sphäre unumschränkte macht ausübte. Kügelgen jugenderinnerungen 116; der da ist zum glück kein gewaltiger, kein fürst und herr; er ficht blos mit den händen durch die luft und führt kein schwert, sondern nur einen bleistift. Immermann (der carneval) 8, 101; aber auch hier ging das böse leben der gewaltigen der bösen lehre fast zwei jahrhunderte voran. E. M. Arndt schriften an meine lieben Deutschen 3, 56.
h) die form der composition erweist sich als der zäheste stützpunkt für die aussterbende bedeutung von potens. das adjectiv folgt hier meist den gebrauchsformen, die für das substantiv gewalt im sinne von potestas oben belegt sind. die verbindungen

[Bd. 6, Sp. 5146]


scheiden sich, je nachdem der erste compositionstheil auf einen objectiven genetiv oder eine ähnliche bestimmung zurückführt (vgl. dazu oben sp. 5002 ff.) oder auf ein adjectiv resp. adverb (vgl. oben sp. 5030 ff.).
α) die verbindungen mit einem objectiven genetiv oder einer ähnlichen bestimmung haben sich erst in der neueren sprache reichlicher entwickelt. die ältesten belege zeigt das compositum allesgewaltig, allgewaltig, das mit selbstgewaltig (selbwaltig) in einen besonderen zusammenhang gehört (s. unter β). daneben ist aus Notker die form himelgewaltig, alti potens belegt (Graff 1, 811), bei der das verhältnis zwischen den beiden compositionstheilen keinen ausdruck erhalten hat. dieser compositionsart sind die meisten zusammensetzungen unseres adjectivs nachgebildet, während die unterordnung des substantivs in der genetivform bei masculinen wenig beliebt ist (geistesgewaltig, gemüthsgewaltig); häufiger ist sie bei femininen in der pluralform zu belegen (lanzengewaltig, kehlengewaltig, bühnengewaltig, odengewaltig): nachdem der heergewaltige, zweimal gebändigt, auf die öde felseninsel verbannt, die ruhe Europas nicht zu stören vermochte, kehrte ordnung und friede wieder zurück. F. L. Jahn 1, 427. ebenso 1, 431;

doch ich erholte mich bald von dem schreck vor geiste und geistern;
menschen waren am platz, menschen mit fleisch und geblüt —
kehlengewaltige helden! sie waren vom echtesten schrote;
jeglicher, Atlas gleich, stützte die bürde der welt.
Immermann gedichte VI (werke 11, 293);

nur zwei völkergebiether, den rossebändiger Kastor
seh ich nirgends, und nirgends den faustgewaltigen Pollux.
Bürger Ilias 3, 237.

vgl. theil 3, 1382, vgl. lanzengewaltig theil 6, 190;

und wo das getümmel am lautesten schallt,
da funkelt die blendende rüstung, da wallt
das lockige haar
der nahkampfgewaltigen fürstin der schar.
Leuthold (Penthesilea) 290;

mein werden kann sie nie, was wollte auch der ernste, ruhige, gemüthsgewaltige cherub mit mir? Stifter studien 1, 72. vgl. geistesgewaltig theil 4, 1, 2761;

kommt man leer, geschwätzig wol,
auf breitem heerweg, schlenderhaft ins schatzgewölb,
zum schrein der reichskleinodien? weise grub den gang
der sinngewalt'ge meister in verborgenheit.
K. Immermann (Eudoxia) werke 15, 368;

das haben doch in Frankreich mit dem hochfranzösischen die sprachgewaltigen, der hof, das parlament, die akademie nicht gewagt. F. L. Jahn 1, 49; gedankenreich und einfach, lebendig und sprachgewaltig; voll freimut gegen weltlich und geistliche. Goedeke grundrisz 12, 397; nächst der mittelhochdeutschen hatte Lachmann vorzugsweise die ihm zumal wollautende althochdeutsche sprache angebaut, der älteren und formgewaltigeren gothischen sich minder zugewandt. J. Grimm (rede auf Lachmann) kl. schriften 1, 153;

o heimatsee! den einst mit beredtem lob
der sänger pries, der odengewaltige,
liebkost vom glück, im arm der freundschaft,
seines unsterblichen ruhmes sicher.
Leuthold (der Zürichersee) 195;

der bühnengewaltige dichter hat hier lieber die unwahrscheinlichkeit, dasz Cyprianus nicht schon jetzt den satan erkennt, vorgezogen, als dasz er sich den haupteffect des dritten actes hinweggenommen hätte. Immermann (memorabilien: tagebuch) werke 19, 131;

nenne mir doch einmahl den wundergewaltigen mann dort.
Bürger Ilias 3, 166;

demüthig wirst du den zaubergewaltigen ring in ihren schosz legen. Immermann werke 4, 58.
β) in der mitte zwischen dieser und der folgenden gruppe stehen die bildungen allgewaltig, selbstgewaltig. der erste compositionstheil, der deutlich auf objectiven genetiv zurückführt, verliert mehr und mehr seine substantivische geltung und wird als adverbium empfunden.
1)) für allgewaltig ist schon oben (sp. 4911) die stellung zwischen allwaltend und allmächtig hervorgehoben worden, vgl. auch theil 1, 235; spricht der herr got alles gewaltiger. cod. Tepl. 2 Cor. 6, 18 (ebenso Eggestein; deus omnipotens, der herrgot der almechtig. Koburger. ebenso Dietenberger. Eck; der allmechtige herr. Luther), nuo tuo uf dinen munt und enpfoh den grossen algewaltigen herren in dem heiligen sacramente in dirre halben ostien. sogenannter Nic. v. Basel 148 Schmidt; do was mir rehte wie daz er spreche: du hest rehte daʒ du mich alsus besworen hast bi der heilgen ewigen algeweltigen

[Bd. 6, Sp. 5147]


trivaltikeit. 316; es hat mich aber der allgewaltige gott nicht ganz und gar im kummer und sorgen stecken lassen. Schweinichen 3, 241; allgewaltig, omnipotens. Steinbach 2, 921;

vor der strenge seines vaters, vor dem allgewaltigen zar,
floh von Moskau weg Alexis, der aus zarterm stoffe war.
Platen Alexius;

die natürliche bedeutung des ausdrucks 'göttersöhne' ist nach der sprache der morgenländer, die von macht, allgewaltiger herrschaft, herrlichkeit, und hoheit. Herder (lied vom verderben der welt) 6, 109; auch ganze städte hat die allgewaltige zeit begraben. Klinger (betrachtungen und gedanken 1) 11, 214; vgl. DWB des hungers allgewalt'ge noth. theil 1, 235; ach, Wilhelmine, die menschen sprechen mir von alkalien und säuren, indessen mir ein allgewaltiges bedürfnisz die lippe trocknet. H. v. Kleist (an seine braut) 203;

o, warum drängest du
den strahl der liebe, der sich allgewaltig
in dir erschlieszen will, zurück und hältst
die nacht der zweifel fest dir über'm haupt?
F. v. Saar Heinrich IV. (II. 3, 4) 84;

denn seht,
wenn ich die krone und die herrschermacht
ihm nehme, so entfern' ich sorglich nur,
was sein gemüth in argen banden hält:
weil er sich allgewaltig dünkt durch sie. (II. 2, 2) 45;

musz liebesfeuer allgewaltig glühen.
Göthe 2, 16;

wir dünken uns frei, und der zufall führt uns allgewaltig an tausend feingesponnenen fäden fort. H. v. Kleist (an seine braut) 172. vgl. auch sp. 5164.
2)) selbsgewaltig, selbstgewaltig: dasz es musz von der selbsgewaltigen und privat rache zu verstehen sein. Luther tischreden 393a; ein selbsgewaltiger herr. Stumpf 2, 38b, vgl. theil 10, 475; was plündernd, raubend, selbstgewaltig, jahre lang mit den Franzosen umhergezogen war, das hatte die sitte und das gemüth besserer völker abgelegt. E. M. Arndt geist der zeit (1813) 3, 44.
γ) zusammensetzung mit adverbien.
1))

ich pin also scone, ich wil mit minem chore
ebengewaltich ime wesen, ich wil âne in genesen. genesis bei
Hoffmann fundgruben 2, 11;

merke, wie ... die krafthaben und die starkwaltigen leben in entrischen wustungen. ackermann aus Böhmen 13 Knieschek; dise verwaltung aber währete nicht länger als bis in das sechste jahr, da die stat-herschaft, im 742 jahre widerüm einen fol-gewaltigen herzog erwählete. Zesen adriat. Rosam. 178 neudruck; so hatte nunmehr ein solcher fürst, der unlängst das volgewaltige obergebiet über drei königreiche gehabt, so viel raumes nicht, dasz er seine königliche majestät ausbreiten könte. gekrönte majestät (1661) 48; Berliner und Schlesier, Pommer und Märker, alle eine freudige, aber übergewaltige glut, sowie es hiesz 'auf den feind'! Grabbe (Napoleon 4, 5) werke 3, 168; auch jener war ein mensch, aus gut und böse gemischt, und weit mehr von der macht übergewaltiger umstände zu maszlosen thaten entboten, als dieser macht selbst gebietend. Immermann (memorabilien: fest der freiwilligen in Köln) werke 19, 164; vor diesem bilde begann er an so übergewaltige empfindungen zu glauben und vor ihrer macht zu erbeben. C. F. Meyer der schusz vor der kanzel 60;

nicht tragen konnt' ich den mächtigen glanz
und senkte geblendet die blicke,
doch durch der augen geschlossenes lid
noch übergewaltig drang er hindurch.
Schack (nächte des orients) 1, 34.

vgl. auch hochgewaltig unter sp. 5154;

entfesselt ist die urgewalt'ge kraft,
die erde quillt, die jungen säfte tropfen,
und alles treibt, und alles webt und schafft,
des lebens vollste pulse hör' ich klopfen.
Th. Storm (gedichte) 8, 237.


2))

sie aber strebt in mein gebiet. mit taumeltrank
erregt sie frische kräfte jenem ungethüm:
dem dummen, dumpfen, träggewalt'gen widerstand.
K. Immermann (Eudoxia) werke 15, 372;

du machst uns mühe, stolzer Hohenstaufe!
das list'ge altverderbliche geschlecht
erhebt in dir sich schmeichlerisch-gewaltig.
ein groszer meister bist du in den künsten,
ein held in schlachten, und kein frauenherz
verschlosz sich deiner werbung. (kaiser Friedrich II. 1, 6) 17, 178.


2) gewaltig in der bedeutung violentus. wie beim substantiv von der vorstellung der macht je nach den der ausübung entgegenstehenden

[Bd. 6, Sp. 5148]


hemmnissen und nach der art der entfalteten mittel die vorstellung des zwangs sich ablöste und wie diese wieder in gegensatz zu der vorstellung von recht und billigkeit gestellt wurde (vgl. oben sp. 4939 ff. 4969 ff.), so wiederholt sich ähnliches bei dem adjectiv. es wird sich zeigen, dasz diese entwicklung wesentlich auf der attributiven verbindung mit bestimmten substantiven beruht, während der adverbiale gebrauch neben einzelnen verbis die erbschaft von gewaltiglich (s. d.) antritt; andere gebrauchstypen sind hier ganz vereinzelt. der höhepunkt der entwicklung liegt, wie schon aus dem überblick über die bibelübersetzung (vgl. sp. 5128. 29) und aus der zusammenstellung der wörterbuchnotizen (vgl. sp. 5142) hervorging, im 16. jahrh. die verkümmerung, die durch die ausbreitung der concurrenzbildungen gewaltsam, gewaltthätig gefördert wurde, setzt schon im 17. jahrh. ein und trifft vor allem die attributive verwendung, während das adverbium sich noch länger hält.
a) die attributive function.
α) ab sich ein radmann, scheppe, meteburger adir ein gemeine man zue hove libete adir hilde unde das schickete adir irworbe, das der stat recht adir handfesten gebrochen worden von gewaldiger hant, was sin broch were. Magdeburger fragen I, 1, 15 (Behrens 30); di kurschen und das gelt hot mir Niclas Grobnik gegeben czu getrewer hant und di seint mir genomen von gewaldiger hant vor ander lewte, das ich wol mag beweisen ... schöffenurtheile aus Thorn 227, Magdeburger fragen, beilage 3; das em das gut von gewaldiger hant und ane seine vorwarlosunge genomen sei. ebenda; das em das gut ane seine vorwarlosunge mit gewaldiger hant genomen were. ebenda; das em das gut sei genommen mit gewaldiger hant, noch forwarlosunge wart nirne gedocht in dem briffe. ebenda; wiewol unser genedigster herr der kunig Maximilianus nach erobrung (von) Stulweissenburg in fürnemen was, furtan in Ungern und für Ofen ze ziehen und also das künigreich Ungern mit gewaltiger hand ein ze nemen: iedoch ... d. städtechroniken 11, 728 (etliche geschichten. Nürnberg); das man gewaltige hende an die bischove oder andere prelaten leget, sonst allenthalben gedachten volkomenen ablas zu erlangen. Lurher (zwo bullen papst Clemens VII.) 3, 96b Jena;

halt füer, halt füer, und facht den mon
der mich des pferds und meiner kleider
in genem finstren walde laider
mit gweltiger hant hat peraubet!
H. Sachs (der herr mit dem spielsüchtigen knecht) fabeln und schwänke 2, 164 neudruck;

verflcht sigstu, du alter keib
das gwaltîg hand an uns hast gleiht.
V. Boltz der welt spiegel (Basel 1552) C 8a.


β) solicher gewaltigen an- und ingrif beschahen dem alten Hannsen von Landenberg so vil, das, seitmals sein rechts erpieten im reich ine nit furtragen oder helfen wolt, das er sich geen Baden in das Ergew verfuegt, und daselbs vor gemainer aidgnoschaft rathsbotten sich des unaufhörlichen gewalts beclagen musst. Zimmersche chronik 3, 349; impressio, ein gewaltiger infall. Chytraeus 200; da geschach ein ungestümmer gewaltiger einbruch in neuw Rom. A. Reiszner Frundsbergs kriegsthaten (1572) 117b (buch 6); wegen desz gewaltigen uberfalls und einlägerunge, so seither ... durch das königl. Spanische, und ander Nieder-Burgundische kriegsvolck vorgenommen. copei fernern keiserl. ... beschwer, contra das Spanische kriegsvolck 1599 bei Londorp. suppletus 1, 122b; 40 stätte mit gewaltiger belägerung und fortrückung desz geschützes, oder sonsten gefährlichen betrohungen eingenommen (copei der churfürstl. Rheinischen ... versamlete bottschafften und gesandten, an den Fränck. creisz. 1599) ebenda 120a; sondern ist desz gewaltigen, weitern uberziehens und einnehmens, zu den vorigen anderer mehr stätde und œrter, auch raubens, plünderns, brandschatzens ... kein ende. (copei eines ernsten schreibens und keiserlichen befelchs, an admiral von Arragon 1599) ebenda 125b; dann die zwiefache wehre ist schwerlich zu gewinnen, und obgeleich die äusser gemauert schütt mit grossem volk und gewaltigen stürm gewünnen würde, so ist doch die inner schütt hoher dann die äusser und gerüt (ruhig, geschützt). Dürer nachlasz 273; darzu (um die wehren nieder zu legen) ist kein härter, schärpffer und gewaltiger schiessen, dann gute kundtschafft, wie die wehren der festung drinnen gethan. Kirchhoff militaris disciplina 170; unnd wie offt Saul aller seiner wort unnd verbündnusz vergasz, und David nach dem leben stellet, hat sich doch David allzeit, mit gedult und

[Bd. 6, Sp. 5149]


weichen auffgehalten, und nie in einige resistenz oder gewaltiges widersetzen eingelassen, sonnder auf gottes gericht und willen sein sachen gestelt. Wolfgang Schmeltzl Samuel und Saul (Wiener neudrucke 5, 5).
γ) nach söllichem gewaltigem geplünderen habet si Jörgern Funcken zu dem Rappenschech gebunden und gefangen gefiert. beschwerdeschrift bei Baumann acten zur geschichte des bauernkriegs in Oberschwaben 393; wiewol wir uns zu unserm fursten und herren, ir f. gnaden erwirdigen convent gentzlich versechen, das söllich gewaltig furnemen gebeszret und furter in ewig .. abgestelt werden. beschwerdeschrift der Kemptener bauern bei Baumann quellen zur geschichte des bauernkriegs in Oberschwaben 54; demnach in ansehung des ausschusz ernstlichs, gewaltigs furnemen, und das ain gemaind sich an die pawrn und herwiderumb die pawrn sich an ain gemaind, wie aus solicher des ausschusz handlung zu vermercken was, zu vertragen ain ungezweifelten verstand mit ainander hetten, hat ain rat ... aus betrangter not die sach der pawrn ... dem ausschusz entlich und mechtigklich aus der hand zu gutlichem ausspruch und entschied ergeben. Thomas Zweifel bei Baumann quellen zur geschichte des bauernkriegs aus Rotenburg 91; aus inwendiger oder inhaimischer, zwitrechtiger bedrangknuss irren und der versamelten bawrschaft bösem, freventlichem und gewaltigem furnemen anhangen mussen. ebenda 515; versehen uns auch, er werd mittlerzeit mit seinem gewaltigen furnemen still steen. ebenda 394; also kam das hailig evangelium und gottes wort in ain grossen, ergerlichen und schedlichen missverstand, das vil der weltlichen haupter, gemainen adels und gemainen volks sölichs alles uff iren aigen vortail und nutz, auch gewaltig, tetlich, frevenlich, rauplich und mörtlich handlung und furnemen zu ziehen .. understunden. 137 (vgl. DWB gewaltsam furnemen s. 50 u. a.); ain grosse gewaltige handlung, ainem mit gewalt und gewaffneter handt also einzufallen und vergwaltigen über und wider den landtfriden. (Langenmantelsche chronik) d. städtechron. 23, 244 anm. 1; also geet der punt tyrannisch mit den cristlichen brudern umb, sie, die pundischen, wern teufel und nit menschen, gleich als ob die tat zu Weinsperg und ander der pawrschaft tetlich gewaltig handlung ... nit uncristlich oder tyrannisch, sondern recht sein sollte. Thomas Zweifel bei Baumann quellen 367; auch darzu durch sich selbs oder iemants andern von seinen wegen nicht dienen, noch auch einich schlosz, stett, markht, befestigung, dörfer, höf oder weiler absteigen oder on des andern willen mit gewaltiger that, frävenlich einnemen ... sol. landpot in Ober- und Nieder-Baiern (1516) 2b; so sich aber einer solliches obgemellts misshanndells frevenlicher und gewalltiger weise gegen einer unverleumbten frawen oder jungkfrawen unnderstunde ... derselbig ubelthatter soll ... gestrafft werdenn. Carolina 63 Kohler - Scheel; nun haben wir aber ausz allem dem, so oberzehlt, ... unleugbar zu sein befunden, als im jahr 1581. bei obgemeldten königl. stuel und stadt Aach, die erste beschwerliche unruhe und empörung entstanden, durch welche der alte rath und magistrat daselbst seines amptes de facto entsetzt, und bei und in der stadt, beides im geistlichen und politischen stand und wesen eine merckliche veränderung dem alten herbringen gäntzlich zuwider, gewaltiger weis eingedrungen worden. urtheilspruch des kaisers Matthias an die stadt Aachen (1614) bei Londorp 1, 160b.
δ)

ein ieder wart noch sinem dot
der urteil die er geben hat
wer mit sim urteil bschwäret vil
dem ist gesetzet auch sin zil
do er ein gwalttig urteil findt
der stein der felt im uff den grindt.
Sebastian Brant narrenschiff 2, 29;

erlösz mich von der menschen gewaltigem unrecht. Dietenberger psalm 119, 134 (quelungen Eggestein. Koburger, frevel Luther, menschenbedrückung Kautzsch); gestollne, geraubte und gewaltige gewer macht kain recht. land- und ehehaft taiding von Rauris (1561 u. 1624), österr. weisth. 1, 219; gewaltiger raub und nam der güter, ravissement des biens d'autruy. Hulsius (1614) 163a; ob es sich auch begäb bei tag oder nacht, das iemand durch böse verdechtliche leüt mit gewaltigem raub, mort oder prand oder auch anderer gewaltiger that gefräflt wurde, ... das sollen die underthonen alsbald wo sie mügen ainem pfleger anzaigen. landrecht von Wartenfels (1585), österr. weisth. 1, 161; gewaltiger raub der güter, rapimento estremo dell' altrui boni, ravissement extrême des biens d'autrui. Rädlein 381b.

[Bd. 6, Sp. 5150]



ε) darnach zween gleichsam gewältig tyrannen der ainigen vernunfft entgegen gesetzt (zorn und begierdt). S. Franck enc. mor. 12b.
ζ) ein gewaltiger, gewaltsamer tod, een geweldige dood. Kramer (Nürnberg 1719) 2, 96c vgl.gewaltsamer tod.
b) die function des adverbiums, vgl. dazu gewaltiglich.
α) de Russen weren geweldich aver de beke gekamen und vellen in de stædt. monum. liv. 42, 108 s. Schiller - Lübben mittelniederdeutsches wörterbuch 2, 100; dan als auf ain zeit in solichem geschrai ain paur am Meransen mit geladner puchsn und prinenden zuntstrick im marckt gewaltig und frävelich, uber aussgangen gepott, zu Mulbach umbgangen, desshalben ine Sigmund Hagenawer als richter mit worttn straffen ... wolt. Georg Kirchmair denkwürdigkeiten, fontes rer. Austr. 1, 1, 446; als nun Titus Jerusalem gewaltig eingenommen. Fronsperger 291a; siehet man nicht jetzund auch vor augen und vor der thür, dasz Spanien allbereit einen guten antheil deren zum reich gehöriger städt und lande eingenommen, gantz gewaltig besetzt und gestärcket? auszführticher dicurs und bedenken eines teutschen katholischen patrioten bei Londorp 1, 270a; Alexander hat die festen stett gewaltig erobert. Reiszner 2, 47b;

derhalb Hanibal grimmig gar
drei grosser thüren fellen war
mit seim sturmzeug durch krieges-furm
und thet auch gwältig zu eim sturm
mit böcken fellen die stattmawren.
H. Sachs (von zerstörung der .. statt Saguntha) 16, 361;

gewaltig, gewaltiglich, adv., puissament, avec force. Rondeau-Buxtorff 254; einen gewaltig schützen, proteger puissamment quelcun; er bedrückte die Israeliten gewaltig. Kautzsch richter 4, 3 (und drücket sie schrecklich. Koburger. Eggestein; zwang die kinder Israel mit gewalt. Luther);

denn sie rufen zusammen aus allen enden die jugend
wie das alter, und dringen gewaltig vor.
Göthe (Herm. und Dor.) 40, 268.


β) gewaltig hand an etwas legen. Fierrabras G 1; welcher einen gewaltig in sein haus bricht oder dergleichen muetwillen iebt ist dem gericht verfallen. banntaiding der herrschaft Pfannberg (16. jahrh.), österr. weisth. 6, 338; wolt er der kains thuen, so sollen si inen geweltig und zu gerichts handen, wie si kunen bekumen, bringen. rüegat in der herrschaft Kropfsberg (handschrift 16. jahrh.), österr. weisth. 3, 374; und uber das er sich rechts gegen inen erpotten hab, handeln si geweltig daruber in dem seinen und treiben ime seine tagewerker ausz seim holtz. Memminger rathsprotokoll (24. märz 1525) Baumann acten 41; die weil wir aber hiezwuschen so gewaltig und warhaftig gewarnt, hat uns beden mit nichten gepuren zu verharren, dann so ain sterker kompt, musz der schwecher weichen. Rotenburger flüchtlinge an den rat von Rotenburg bei Baumann quellen 524;

gt wiltbret ir auszgespüret haben,
und gwaltig bracht z euwern handen.
Wickram der irr reittende bilger 59a;

der tod kam zu ihm geschlichen,
greiff ihn gewaltig an. bergreihen 89 Meier;

er allain hielt uns und fürnemlich den Anticlo, als er dir wolt antwort geben, unsere münd mit frein henden gewaltig zu, bisz das doch Pallas dich hinweg fürt. Scheidenreiszer 16a; do könnt ihr ja herrlich beweisen, wie so viel ecken erst haben müszen gewaltsam abgerieben werden, ehe das runde, glatte, artige ding erscheinen konnte, was wir sind. Herder (auch eine philosophie) 5, 527 (variante gewaltig).
γ) aber die ungestümigkait des wassers trg in gewaltig zwischen felsz und stain. Schaidenreiszer 22b; sie wusste nicht, ging's zum leben, ging's zum tode. es donnerte und brauste so gewaltig um das häuschen her, das wasser stieg, dasz sie den donner der Emme zu hören glaubte, die gewaltig die dämme durchbrochen und sie dahinreiszen werde. J. Gotthelf (Käthi die groszmutter, 1847) 1, 11;

denn Jupiter, der glänzende, regiert
und zieht das dunkel zubereitete werk
gewaltig in das reich des lichts.
Schiller (Wallensteins tod 1, 1) 12, 209;

umb der blutschuld willen treibt
die furie gewaltig ihn umher.
Göthe (Iphig. 2, 2) 9, 38;

doch hat er, so geübt, so vollgehaltîg
diesz breterne gerüste nicht verschmäht;
hier schildert er das schicksal. das gewaltig
von tag zu nacht die erdenachse dreht. (epilog zu Schillers glocke) 13, 171.

[Bd. 6, Sp. 5151]



c) seltenere gebrauchsformen.
α) die verbindung mit dem verbum substantivum: ist ein man der ime darwider si, der ist meim herrn die besserunge schuldig mit recht. ist der man so gewaltig oder so frevel, das er an meins herren minne nit ... so sol er mein herr dem vogt clagen. Grimm weisthümer 1, 754 (Unterelsasz, Neuweiler) und öfters; Mitio. last mich noch nit mit friden? Äschinus. nein, es sei denn, das ich dich erbitte. Mitio. warlich das ist gewaltig. Val. Boltz Terenzübers. 163a.
β) die substantivierung: alszo werdenn all hoffertigen unnd geweldigenn vorworffen sein von allen creaturen. Luther (auslegung des 109. ps., 1518) 9, 183 Weim.; dann under den gewaltigen und mutwilligen ist es umb sonst das einer gedenckt z frieden sein unnd ruhe z haben. Micyllus Tac. (1535) 448b (Germ.); grassator, ein rouber, schleitzer, gewaltiger, straszröuber. Frisius 610a; sage du, wie schnell bist du? der sechste geist: so schnell als die rache des rächers! Faust: des rächers? welches rächers? der sechste geist: des gewaltigen, des schrecklichen, der sich allein die rache vorbehielt, weil ihn die rache vergnügte. Lessing (Faust) 3, 382; Gocciola stiesz einen schrei aus, als falle die hand des gewaltigen auf seine schulter. C. F. Meyer die hochzeit des mönchs 51.
3) gewaltig mit den bedeutungen vehemens, validus, robustus, fortis, magnus. die entwicklung setzt hier spät ein, namentlich im verhältnis zu der adverbialform gewaltiglich (s. d.). nur vereinzelt stehen litterarische belege vor dem 16. jahrhundert zu gebot (vgl. z. b. a, α, 1))). dem entsprechen auch die wörterbuchangaben, wie oben kurz angedeutet wurde (sp. 5142). für nervosus wird in verbindung mit reden zuerst gewaltiglich angeführt (Frisius ausgabe von 1541), das in anderen syntaktischen functionen zu gewaltig überleitete (vgl. sp. 5159 u. a.). der gleichen verbindung entsprang der erste beleg für validus (bei Dasypodius, ausgabe von 1537, ist für validus nur vermügig, starck angeführt, während valentia = vermögung, gewalt gesetzt wird): facundia validus, gewaltig redend. Frisius (1568) 1344b; valentissimus, gar krefftig und gewaltig. ebenda; die parallele gewaltig, vobustus ist in wörterbüchern nicht beliebt, und die mit vehemens taucht ebenso wie die mit magnus erst spät auf vgl. aber impetuosus bei Henisch a. a. o. dagegen giebt fortis viel früher anlasz, unser adjectiv heranzuziehen. in der ausgabe von 1541 bucht Frisius unter fortis (starck, mächtig, dapffer) die vereinzelte verbindung fortis familia, mächtig und gewaltig s. 579b. dazu kommen 1568: fortis in armis dapffer und gewaltig im krieg 579b; ductor fortissimus, ein gewaltiger dapfferer hauptman. ebenda.
für diese neuen verwendungen nun liegen dreierlei ausgangspunkte vor: einmal die parallele gewalt, virtus, dann die entwicklung der adverbialform gewaltiglich (s. d.) und im besonderen die verbindung des adjectivs mit bestimmten substantiven oder verbis in der attributiven oder adverbialen function (zum prädicatgebrauch vgl. sp. 5133). diese verbindungen zeigen aber doch in allem, dasz das adjectiv gewaltig seinen eigenen entwicklungsgang einschlägt. der bedeutungsübergang in der verbindung mit einem nomen agentis ist schon oben (sp. 5138) hervorgehoben worden. daneben wäre noch besonders auf die verbindung mit substantiven hinzuweisen, die kraft und grösze in ihrem bedeutungsgehalt verkörpern (vgl. sp. 5126). solche verbindungen liebt auch das adjectiv mächtig, und es erlangt hierdurch im gegensatz zu dem substantiv macht bedeutungen, in denen es sich mit gewaltig berührt. unserem adjectiv ist jedoch die gröszere verbreitung in schriftsprache und mundarten eigen vgl. gewahlig groot. Richey idioticon Hamburgense 74; gewellig Kehrein 1, 163 u. a.
a) die attributiven verbindungen lassen sich in der mannigfaltigkeit der bedeutungsentwicklung um die vorstellungen der 'kraft' und 'grösze' gruppieren. innerhalb des bedeutungskreises von 'kräftig' ist es das ungewöhnliche, über das masz hinausreichende, das unser adjectiv gegen seine synonyma abgrenzt: das ungestüme der physischen, körperlichen kraft, das geheimnisvolle, eindringliche der geistigen kraft. von hier aus wird der begriff der 'grösze' vorbereitet, der wiederum je nach seiner belebung durch körperliche oder geistige träger neuen spielarten zustrebt. in der folgenden zusammenstellung sind nicht diese spielarten selbst, die vielfach nur flüssige grenzlinien zeigen, sondern die einzelnen träger der verbindung als ausgangspunkt der gliederung genommen.
α) in der beziehung auf die natur und die einzelnen erscheinungen der auszenwelt tritt der begriff ungebändigter kraftentfaltung in den vordergrund, der in einzelnen verbindungen die vorstellungen des rohen, starren, in andern diejenige der

[Bd. 6, Sp. 5152]


erhabenheit und grösze erweckt. hier reichen die beispiele verhältnismäszig weit zurück.
1)) wo er den benumet, do sal her im volgen mitte. abir obir die geweldigen si (see, meer) nicht. das alte kulmische recht 3, 127 Leman (vgl. 3, 130: mer obir du waldige si nicht);

als du den fremden erschlugst,
den götterbeschützten, den gastfreund,
und raubtest sein gut,
da trugst du einen funken in dein haus,
der glimmt und glimmt und nicht verlöschen wird.
göszest du auch darüber aus,
was an wasser die heilige quelle hat,
der ströme und flüsse unnennbare zahl
und das ohne grenzen gewaltige meer.
Grillparzer (Argonauten 1) 55, 40;

als ich geprüft ward, brausten die hasser
schnell über mich her, wie gewaltige wasser,
allein gott, meine zuversicht,
verliesz mich in meinen bedrängnissen nicht.
Kramer psalmen 1, 61;

ein gewaltiges gewässer, a rapid torrent, a great or mighty flood, a very high tide. teutsch-engl. wb. (1716) 769; der starke wind und die gewaltige strömung machten die fahrt schwierig. Grillparzer (tagebuch auf der reise nach Griechenland) 205, 164;

jene gewaltigen wetterbäche,
aus des hagels unendlichen schloszen,
aus den wolkenbrüchen zusammen gefloszen,
kommen finster gerauscht und geschoszen,
reiszen die brücken und reiszen die dämme
donnernd mit fort im wogengeschwemme,
nichts ist, das die gewaltigen hemme.
Schiller (braut von Messina 1, 3) 14, 24;

erlitten hat das bange herz
begier und furcht und grau'n,
erlitten hat es seinen theil von schmerz,
und in das leben setzt es kein vertrau'n;
ihm werde die gewaltige natur
zum mittel nur,
aus eigner kraft sich eine welt zu bau'n.
Platen (vision) 1, 94.


2)) feuer ist das gewaltigst element, das die andern alle verzehret und aufffrisset. Mathesius Sarepta 33b; ez spricht Albertus, daz er selber mit seiner hant ain snuor in ain geweltigez feur würf. Konrad v. Megenberg buch d. natur 278, 10; ignis sacer, nimiumque potens, das gewaltig fheur der liebe. Frisius 1027b; der zuschauer vom gewaltigen licht der sinnlichkeit geblendet, übersieht offt eben sowohl die feinsten schönheiten, als die untergeflossenen flecken, die sich nur dem auge des bedachtsamen lesers entblöszen. Schiller (erste vorrede zu den räubern) 2, 7;

doch stritt in dem heere, von eifer entfacht,
Zobir, ein gewaltiger blitz in der schlacht;
fort jagt er im zorn,
ihm triefte, der klirrende, blutige sporn.
Platen (Zobir) 1, 136;

ein brausen ... eines gewaltigen windes. apostelgesch. 2, 1; gewaltig wind, venti violenti. Henisch 1591; erhub sich dagegen ein dermassen gewaltiger sturmwind, dasz man auch vor dessen entsetzlichen brausen, wie ich glaube, den knall einer canone nicht würde gehört haben. J. G. Schnabel insel Felsenburg 1, 104; dieszmal aber ging's gar schlecht auf der see, fünf tage und fünf nächte wüthete ein gewaltiger sturm. Auerbach schatzkästlein 2, 36; ein gewaltiger wind oder sturm, a very boisterous, impetuous, mighty, fierce, strong storm. teutschengl. wb. (1718) 769; gewaltiger wind, vent impetueux. Rondeau-Buxtorff 253; gewaltiges ungewitter, violente tempête. ebenda;

wie kamt ihr durch das wasser,
da doch der strom die brücken fortgeführt? ..
ihr wart zu schiff in dem gewaltgen sturm?
Schiller (Wilhelm Tell 4, 3) 14, 395;

ein gewaltiger lärm, sturm, wind, a violent noise, tempest, wind. Hilpert 1, 462c; da nun die gewaltige springflut, die mich in Paris über das gefühl einer beklemmenden einsamkeit soweit erhob, wegfiel und kein entsprechender ersatz eintrat, so brauche ich mich nicht zu schämen, dasz ich mich in Rom nicht augenblicklich, wie im himmel, fühlte. Hebbel an Elise Lensing, briefw. 1, 351; darnach im winter auff den tag Francisci, fiel ein gewaltiger schnee. Bünting Braunschw. chronik 282; ein gewaltiger staub oder dreck, a mighty dust or dirt. teutsch - engl. wb. (1716) 769; ein gewaltiger regen, a shower, a raining as fast as it can pour, a great shower of rain. ebenda; diese vermeinten groszen geister gleichen der mücke des la Fontaine, die von dem heuwagen herunterrief: seht doch, was ich für einen gewaltigen staub mache. Klinger betrachtungen 1, 260; eine gewaltige (bedeutende) hitze, kälte, an intense or powerful heat, cold. Hilpert 1, 462c.

[Bd. 6, Sp. 5153]



3))

zwen ochsen grosz nit cleine
ein matten hant gemeine,
darin getar nieman gan
von mengem tier gewaltic,
die darumb manigvaltic
gant und sechent z.
Liliencron histor. volkslieder (1243) 1, 2a volkslied auf d. bündnis zwischen Bern und Freiburg;

o Smynthen hoher gott geziert,
durch wellichen starck wird regiert,
Cilla und Zenedos vorab,
wo ferr ohn gleisznerei ich hab,
dein heiligen tempel geehrt,
und deinen namen auch gemehrt,
durch viel brandtopffer mannigfaltig,
mit geissen und ochsen gewaltig,
so thu jetzund erhören mich.
Spreng Ilias 3b;

aber alsdenn, alsdenn möchte es um uns alle geschehen sein, wenn es dem gewaltigen löwen einfallen sollte, sich mit dem schleichenden luchse zu verbinden. Lessing (der hirsch und der fuchs) 13, 217;

mit starken schritten ein mädchen
lenkte mit langem stabe die beiden gewaltigen thiere.
Göthe (Herm. und Dor.) 40, 243;

und vor dem pförtchen stehn, mit flegeln in der hand,
zwei hochgewaltige, metallene kolossen.
Wieland Oberon 3, 15 Hempel.


4)) und über das gärtlein weg sieht man die gewaltigen Berner berge so kühn und ehrenfest, auf der erde die gewaltigen füsze, halb im himmel die ehrwürdigen häupter. Gotthelf (Käthi die groszmutter) 10, 11;

hoch rollten die wogen entlang ihr gleis,
und rollten gewaltige felsen eis.
Bürger (lied vom braven mann) 1, 207;

... vorsündfluthliche tannen
sah ich, die mammuths der pflanzenwelt,
und kolben von hochaufragendem rohr
und, funkelnd vom sonnebeglänzten thau,
die stauden gewaltiger gräser.
Schack (nächte des orients) 1, 40.


5)) underwegen ersahen wir in der ebne vil gewaltige alte hohe und grosse gebäw. Rauwolf 206; verhalten sich also der juden durch die Türckey ausz gar vil, sonderlich aber in den fürnemsten handelsstätten, alsz z Halepo, wie auch in diser statt Tripoli, darinnen sie erst ein gewaltige behausung und schöne synagogam erbawet. 35; da hat mon im graben bei dem fichsbag ein gewaltig werck eines springeten prunens auf gericht. Paumgartner briefwechsel 15;

in dem dome zu Cordova
stehen säulen, dreizehnhundert,
dreizehnhundert riesensäulen
tragen die gewalt'ge kuppel.
Heine werke 195 (Almansor);

blickte sich nun der knabe in der stadt um, so sah er den gewaltigen dom mit seinen beiden majestätisch emporstrebenden thürmen und im übrigen lauter häuser, die wie geschnörkelte commoden dagegen aussahen. Immermann (memorabilien) 18, 38; unten vor seinen füszen zog der dunkle strom dem meere zu, ihm gegenüber erhoben sich die gewaltigen massen des alten doms. G. Freytag (soll und haben) 4, 544; schwarze wolken steigen da aus zehn thurmhohen schornsteinen, die eisenhämmer dröhnen aus den gewaltigen werkstätten, in den glühöfen siedet es. Gutzkow ritter vom geiste 4. buch, cap. 11; wie es general Moltke vorausgesehen, hatte man in Kopenbagen beschlossen, den ernsten widerstand nicht an der Eider, sondern erst an der Danewerkstellung zu beginnen, jener gewaltigen, durch tiefe moräste gedeckten schanzenreihe. Sybel begründung 3, 229.
6))

ach du redest umsonst, vordem gewaltiges kelchglas,
heitre gedanken mir zu!
Klopstock an Ebert 3;

der schwarzäugige verwegene richtete im baumgarten mit böcken, blöcken und brettern eine gewaltige lange tafel zwischen den blumenbeeten und unter den fruchtstämmen zu. Immermann werke 3, 10;

sie nahm aus einem schrank gewaltig
kapp', fürtuch und den mantel faltig. (Tristan und Isolde) 13, 45;

man findet daselbst nur grosze tische und gewaltige schränke mit gewundenen füszen und säulen. Gutzkow ritter vom geist 1. buch, cap. 4.
β) in der beziehung auf personen sind es zunächst nomina agentis, die das adjectiv an sich ziehen. die thätigkeit, die durch diese verkörpert wird, liegt meist auf geistigem gebiet, deshalb tritt hier in den älteren belegen die vorstellung körperlicher kraft und grösze zunächst ganz zurück.

[Bd. 6, Sp. 5154]



1))

vater almechtiger Jhesu Crist,
wan du ein gewaldiger scheppher bist. Alsfelder passionsspiel 7523;

so weisz ich doch wohl, welch ein gewaltiger und tausendkünstler der böse geist ist, mit allerlei listigen gedanken einzugeben. Luther (an landgraf Philipp von Hessen 1530) briefe 4, 24; dieweil aber das alte weib sich ein gewaltige meisterin oder künstlerin in denen dingen zusein vermeinet, verlangt sie zu sehen, wie geschickt doch die junge tochter in solcher kunst seie. J. Wetzel reise der söhne Giaffers (litter. ver. 208) s. 147; also würdest du wohl sehen und erfahren, was Moyses für ein gewaltiger und geschwinder jurist ist. Ayrer processus juris 167; ausz dem ismaelitischen geschlecht herrüret die vermaledeite schlangen-bruet Machomet, ... dessen vatter war Abdalas, ein gewaltiger zauberer und hexen-vogt. Abr. a S. Clara auff, auff 11 neudruck; man weis, dasz von Nimrod nichts bekannt ist, als dasz er ein gewaltiger jäger vor dem herrn gewesen, und die erste monarchie gestiftet haben soll. Lessing 53, 9 (vgl. oben sp. 5127); sie war eine fromme frau und eine gewaltige bibelleserin. E. M. Arndt leben 10;

so, von deiner lieb entzündet,
kein gewaltiger prophet,
nur ein herold, der verkündet
seines königs majestät,
selbst ein sünder, will ich rufen.
Gerok palmblätter 29;

sie (meine mutter) gelangte zu einem dritten freunde des vaters, einem schuster, der im geruche tiefen verstandes und eines gewaltigen politikers lebte. G. Keller (der grüne Heinrich) 1, 227.
2)) es kam darauf an in jedem jahrhundert die mächtigsten und gewaltigsten zeugen der sprache zu erfassen und wenigstens ihre grössten werke in das wörterbuch einzutragen. J. Grimm einleitung zu theil 1, sp. 35; jeder gewaltige geist wirft schon in der kindheit, obgleich noch im chaos oder nebel, helle strahlen von sich. Heinse Ardhingello 1, 53 (ausgabe von 1857); was meine wenigkeit anlangt, so teilte ich zwar aufrichtig den widerwillen meiner guten mutter gegen den helden des jahrhunderts, doch hatte mich das nicht abgehalten, mich an jenem morgen auf die strasze zu begeben, um mir den hochgewaltigen mann, dessen name auf aller lippen war, möglichst von nahem zu besehen. Kügelgen jugenderinnerungen 93; tief ist er (Öhlenschläger) nicht, aber empfänglich, keine gewaltige, aber eine schön, kraftvoll in sich abgerundete natur. Hebbel an Elise Lensing, briefw. 1, 102; zuletzt warf er seine augen auf die russische zaarin Katharina, von der er viel erstaunliche abenteuer gehört und gelesen hatte, und nannte sein blondes zartes kind nach dieser gewaltigen dame. Heyse (Franz Algeyer) 4, 34.
3)) du bist ein gewaltiger gesell. Aler 935a; ebenso Weismann 156b; die drei gewaltigen gesellen. Göthe (Faust II) 41, 304; in gewisser hinsicht, sagte Goethe, hatten sie (Varnhagens denkmale) etwas ultra-Plutarchisches damit geliefert; das Plutarchische parallele zöge sich ohnehin durch die drei gewaltigen kerle (graf Bückeburg, graf Schulenburg und baron Neuhof) fein durch. Göthe gespräche 5, 69 Biedermann; du bist ein gewaltiger kerl, held! vouz avez beaucoup de pouvoir; vouz êtes un homme de consequence, d'importance; sans vous rien ne se fait: ironiquement. Rondeau-Buxtorff 254; du bist ein gewaltiger held, kerl, ironiquement à vous entendre, on diroit que vous êtes quelque chose, on n'a pas peur de vous. nouveau dictionaire (1762 Straszburg) 339a; ich weisz es wohl was Jäckel für ein jahren oder etzlichen für ein gewaltiger rotzlöffel wahre. Schoch komödie vom studentenleben 97, 8; das ist der allgewaltigste spitzbube, der jemals einem ehrlichen man halt zugeruffen hat. Wieland Shakespeare 5 (Heinrich IV. 1, 1, 4); fürwahr selbiger gubernator ist gar ein gewaltiger zehendschnapper. B. Schupp lehrreiche schriften (Frankfurt 1684) 607 (kunst reich zu werden).
4)) du bist wohl ein gewaltiger held! thou art a brave man forsooth! thou art like a man of straw for all thy fierceness. teutsch-engl. wb. (1716) 769; du bist ein gewaltiger held, aber ihr gott ist zu mächtig. Hebbel (Judith) 1, 18;

und auf den boden schleudert ihn der hehre
gewaltge paladin so rauh und wild,
dasz tod und leben sich nicht läszt erkunden,
Gries Bojardo 1, 2, 46;

die gärten des südens, sie duften zu stark,
hier lispeln zu süsz die töne
der frauen .. das zehrt wie gift am mark
der gewaltigen nordlandssöhne.
Leuthold (südlicher überdrusz) 41.

[Bd. 6, Sp. 5155]



γ) die vorstellung der körperkraft und grösze des wuchses kam vereinzelt schon in den eben erwähnten verbindungen zur geltung, jedoch nur in solchen aus späterer zeit; ihren eigensten ausdruck findet siefreilich auch erst in jüngeren belegenin der verbindung mit menschlichen organen.
1)) als die menschheit in den kriegern stutzte, ergriff er mit gewaltiger hand das panier. Lessing (ode auf den tod Schwerins) 13, 153; Minerva aber ergriff den drachen, und schleuderte ihn mit gewaltiger hand an das firmament. (Minerva) 219; und hob die gewaltige faust gegen ihn, der Schröder, durch einen sprung aufs theater ... entrann. F. L. W. Meyer F. L. Schröder 1, 58; die Oberländer trugen mit ihren gewaltigen armen die schweizerischen büchsen hinüber. J. v. Müller geschichte der Schweizer 5, 71;

und theilt mit gewaltigen armen
den strom, und ein gott hat erbarmen.
Schiller (bürgschaft) 11, 286;

diese (schergen) faszten schnell den überraschten
sohn des Harun Alraschid und trugen
auf gewaltigen schultern ihn von dannen.
Platen (Abbasiden 1) 4, 236;

dann hieb ich mich durch seinen riesenleib,
durch all das fleisch und die gewalt'gen knochen.
Hebbel (Nibelungen, d. gehörnte Siegfried 1) 5, 39;

ferner gab Zeuxis den gliedern mehr inhalt, und machte sie völliger und ansehnlicher. er folgte hierin, wie man glaubt, dem Homer, welchem die gewaltigste form auch an den weibern gefällt. Göthe (Winckelmann) 37, 41; ein schleswigscher ritter Hans Ravenstrupp, sasz als schloszhauptmann des königs dort, ein mann von gewaltigem körperbau. Th. Storm (ein fest auf Haderslevhuus) 6, 262.
2)) was mir den scharfen warner, den einschneidenden strafredner, den unerschrockenen propheten von damals besonders ehrwürdig macht, ist sein versöhnlicher sinn, sein conservativer charakter inmitten alles zornigen und dräuenden, was der gewaltige mund ausströmt. Immermann (memorabilien, Düsseldorfer anfänge) 20, 117; untergang kommt: er nahet mit jeder zeile. ein neues stück der geschichte beginnet von einzelnen, gebrochenen, gewaltigen stimmen, und jede posaune ruft näher: der richter kommt! Herder (älteste urkunde des menschengeschlechts. 4. theil) 7, 162; sofort beginnet ein andrer ton: triumph der gottessöhne, mähr- und ritterton ihrer heroischen thaten, bis die gewaltige reu- und trauerstimme gottes auch in jeder silbe wiedertönt, eine welt zu verwüsten. 7, 170; eine gewaltige stimme, a very loud, a powerful voice. Hilpert 1, 462c;

ich höre dich, gewalt'ge donnerstimme,
dich herrlichen choral der wolken.
Uhland das ständchen;

ich wollte sie beruh'gen, aber sie,
mich unterbrechend mit gewalt'gem laut,
rief, ihre augen roll'nd: 'er kennt mich nicht!'
und zorn und unaussprechliche verachtung
zuckt' um den mund.
K. Immermann (trauerspiel in Tirol 3, 2) werke 17, 76.


δ) in der verbindung mit substantiven, die eine innere kraftäuszerung des menschen verkörpern, die auf das gemütsleben und das willensvermögen bezug nehmen, macht sich die vorstellung des unwiderstehlichen, des ungestümen, geheimnisvollen geltend, gewaltig = vehemens. auch hier wie oben unter α) ermöglichen es die typen der substantiva, neben denen gewaltig belegt ist, die grenzlinie zwischen vehemens und violentus mit einiger sicherheit zu ziehen.
1)) darumb beleibt es (das herz) auch wie vor, voller gewaltiger neigung z allem bösem. J. Eberlein v. Günzburg (ein büchlein, worin auf drei fragen geantwortet wird) 2, 156 neudruck;

ja, ich hätte mich ihm verbunden in lieb' und umarmung,
könnten Tritogeneien die werke der Kypris geziemen;
aber wie er den freund mit gewaltiger neigung umfaszt hat,
also halt' ich auch ihn.
Göthe (Achilleis) 40, 357;

vor ein paar tagen las ich im globe einen auszug aus einer schrift über Kants letzte lebensjahre, und fand darin, dasz Kant auch eine gewaltige aversion gegen das tier gehabt habe. Körner an W. v. Humboldt 1830; man lasse das wunderbare von dieser erzehlung weg, und es bleibt doch immer noch so viel übrig, dasz Äschylus die tragische dichtkunst nicht studiert, sondern sich dank einem gewaltigen, und gleichsam unwillkürlichen trieb seines genies damit abgegeben hat. Lessing (Sophokles) 8, 317; wenn dann männlicher, die gewaltige nerve der begierden und leiden in deinem pinsel lebt, du gestrebt und gelitten genug hast, und genug genossen,

[Bd. 6, Sp. 5156]


und satt bist irrdischer schönheit, und werth bist auszuruhn in dem arme der göttinn, werth an ihrem busen zu fühlen, was den vergötterten Herkules neu gebahr; nimm ihn auf, himmlische schönheit. der junge Göthe (von deutscher baukunst) 2, 214; die glühendste liebe verlischt, ihre gewaltige begehrung endet mit überdrusz und ekel. F. L. Jahn 1, 111;

jenen ward der gewaltige wille
und die unzerbrechliche kraft.
mit der furchtbaren stärke gerüstet,
führen sie aus, was dem herzen gelüstet.
Schiller (braut von Messina 1, 3) 14, 24.


2)) solch sicherheit und trotz (sage ich) ist ein gewaltig zeichen eines gewaltigen zorns. Luther (auff des bapstesels deutung 1518) 3, 532b Jena; gewaltiger zorn, vehemens ira. Bayer 290a; gewaltige liebe, ansehen, feindschafft, grande affection, autorité, inimitié. Rondeau-Buxtorff 254;

wenn der nordwind schüttelt den distelstrauch
und kühlt der todten brust,
da weckt sein wohlbekannter hauch
die alte, gewaltige lust.
die wilde lust nach der wilden see ..
Strachwitz ged. 143;

zu lange schon erstickt ich der natur
gewalt'ge regung, weil noch über mich
ein fremder wille herrisch waltete.
Schiller (braut von Messina 1, 1) 14, 19;

wärt ihr der leidenschaft selbst, der gewaltigen, fähig, ich sänge
Daphne, beim himmel, und was jüngst auf den triften geschehn.
H. v. Kleist (epigramme) 1, 31;

die gewaltigen kühnen und reichen gefühle, ahndungen, träume, entschlüsse, die sich dunkel und verworren in dieser knabenseele drängten, muszten mitgeteilt .. werden. Schiller (briefe über don Karlos) 6, 41.
3)) Platearius spricht, daz opobalsamum die pesten und die geweltigisten kraft hab. Konrad v. Megenberg buch d. natur 359, 23; er fühlte auf einmal wie eine gewaltige kraft durch seine adern drang. Grimm (der königssohn der sich vor nichts fürchtet) märchen 2, 197; gewaltigere lebenskraft flosz noch einmal durch alle meine nerven. Maler Müller (Adams erstes erwachen) 1, 10 Hettner; ein verwes'tes reich besinnt sich nicht, wie Preuszen that, unmittelbar nach dem entsetzlichen sturz auf gewaltige lebenskräfte; ein heruntergekommenes und abgenutztes volk würde etwas mehr als sechs jahre bedurft haben, um von dem zustande der entkräftung zu dem muthe zu genesen, mit welchem der schild erhoben wurde, als die stunde gekommen war. Immermann (memorabilien: fest der freiwilligen in Köln) 19, 163; der anlage zufolge wird es (das stück) in dem ringen zwischen Marius und Sulla, endlich aber in dem gewaltigeren character des letzteren seinen culminationspunkt finden. Grabbe (vorrede zu Marius u. Sulla) werke 3, 259.
4)) wann lewt durch das land geent, als oft geschehen ist und noch geschiecht, die an die perg geent, und wo läwt an den pergen siczen, an der ain die mit gewaltigen pet pittend und die leüt beswärnt, ... wem das widerfür, der sol sein nachpauern also anruefen. (landrecht im Zillerthal) österr. weisth. 1, 320; so were dennoch ein trew unterthenigs vermanen nicht zu verachten, angesehen, das e. k. und f. g. wie zu vermuten, gar mit statlicher gewaltiger furbit, berandt, besturmet .. und .. ersucht werden müssen. Luther an kurfürsten zu Sachsen und landgraven zu Hessen (1545) A 3a; in hoffnung, dasz wir ein gar geneme sach angreiffen den, die lieb habent laimet, ere, nutz ires vatterlands, und bestetigen unser sag mit gewaltigem schreiben der gescheen ding, als die verstend, den solich erkant seint (qui famam, honorem, utilitatem, patrie amplectuntur, et auctoritate subnixam, ut claret hiis, qui auctorum scripta non ignorant). Sigmund Meisterlin, d. städtechroniken 3, 34 (Nürnberg); das auch s. Paulus umb der sache willen am meisten die epistel an die Römer geschrieben hat, darinnen er auff das aller scherffest und mechtigst eben diesen artickel handelt, mit gewaltigen schrifften, das gott nicht allein der Juden, sondern auch der heiden gott sei. Luther (auslegung des 1. cap. des propheten Jonas 1526) 3, 203a Jena; gewaltige und tappere brieffe. deutsch theologia (1518) A 1b; ein gewaltiger beweis, a forcible argument. eine gewaltige rede, a pathetic or pathetical speech. teutsch-engl. wb. (1716) 769; eine gewaltige rede, un discours bien fort. gewaltige gründe, motifs puissans, raisons fortes. Rondeau - Buxtorff 253; an die leutselige art meines lieben vaters gewöhnet, wollte dessen

[Bd. 6, Sp. 5157]


gewaltige rede mir nicht sogleich gefallen. Th. Storm (Renate) 5, 41; gewaltige wort, verborum fulmina, gewaltige wort führen, gravitur in quem dicere. Aler 934b. ebenso Kirsch 179b; gewaltige, nachdrückliche oder nachdenkliche worte, emphatical, energetical, forcible or significant sayings or expressions. teutschengl. wb. (1716) 769; auch die sprache allein thut es nicht, ob sie gleich allezeit das gewaltige erkennungswort bewahrt. Jahn 2, 2, 485; den gewaltigen trostspruch des herrn Christi, der Joh. 3 sagt: also hat gott die welt geliebt. J. B. Schupp schrifften (die krankenwärterin) 441;
5))

den manen handt vertruwt z fill,
dar für ich si ietz warnen will,
geben gt und geweltig lere
und wider list ein wider were.
Thomas Murner gäuchmatt 19, 85 Uhl;

sollichs hab sich der ursach halben begeben, das dise allain, under den künsten, drei andere, die aller gewaltigsten, des menschlichen gemüts, under sich allain gebracht hat. Alpinus Vergilius 25a; das zwölfft capitel sagt von etlichen gewaltigen heimlichen künsten z den weinen, welche ein vater kaum sein kind solt leren. kellermaisterei, bericht wie man alle wein vor allen zufällen bewaren ... soll (1539); der hang des dichters zu gewaltigen und entlegenen bildern spricht aus beiden gedichten. am liebsten wählt er zu seinen vergleichungen das incommensurable oder die reinen kategorien des seins. Immermann (memorabilien: Grabbe) 19, 17; die vollkommenheit und gewaltige regel des sanskrit muste, obschon auch den weg bahnend zu einer der ältesten und reichsten poesien, recht dazu einladen sich mit ihr um ihrer selbst willen vertraut zu machen. J. Grimm (über den ursprung der sprache) kl. schriften 1, 258;

doch blieb von der zeit des gewaltigen Karls wohl noch ein gewaltiges lied euch,
ein gewaltiges lied von der mächtigen frau, die erst als zarteste
jungfrau
dasteht, und verschämt, voll schüchterner huld, dem erhabenen helden die hand reicht,
bis dann sie zuletzt, durchs leben gestählt, durch glühende rache gehärtet,
graunvoll auftritt, in den händen ein schwert und das haubt des enthaubteten bruders.
Platen (romantischer Ödipus) 4, 186;

dass ein gewaltiges griechisches trauerspiel von Goethe zu erwarten ist, in trimetern oder chorähnlichen chören, hat dir Dorothea glaube ich schon als resultat seines letzten hierseins geschrieben. Friedrich Schlegel an seinen bruder August Wilhelm (24. november 1800); auch Grabbe's Napoleon ist eine gewaltige dichtung. Schack ein halbes jahrhundert 1, 89; ah, der herr kommerzienrat schwärmen auch für dieses gewaltige werk. C. Weitbrecht Phaläna 137.
ε) in der verbindung mit einem nomen actionis oder einem abstractum vollzieht sich die weitere entwicklung, indem der begriff der gesteigerten kraft immer mehr verblaszt und nur noch die function der steigerung übrig läszt, die den bedeutungsgehalt jedes beliebigen substantivs beeinflussen kann. durch die mannigfaltigkeit der verbindungen wird hier freilich eine gewisse vielseitigkeit der bedeutungen erzielt, die in einigen festeren prägungen über den rahmen der gelegenheitsverbindung hinausreicht. die alte bedeutung 'ungestüm' hält sich am zähesten neben substantiven, die vorgänge der auszenwelt betreffen; in der beziehung auf menschliche handlungen und lebensäuszerungen geht der begriff der körperlichen kraft in den der energie und stärke der bethätigung über. in anderen verbindungen, vor allem mit abstractis, entwickelt sich die vorstellung des erhabenen, bedeutsamen; aber in den jüngeren verbindungen wird dem adjectiv der bedeutungsgehalt mehr und mehr durch die blosze function einer steigerung des substantivbegriffes entzogen.
1)) es war ein gewaltiges sausen und brausen und fittichschlagen, und es sah aus, als wenn eine schwarze wolke dahin zöge. Grimm (der zaunkönig) kinder- und hausmärchen 2, 395;

in kühler morgenstunde, da der junge tag,
mit rosenrothen wangen noch auf den bergen lag,
da war auf Alfheims haide gewalt'ger schall erwacht,
von Alfs und Sigurds mannen begonnen wurde die schlacht.
Geibel juniustieder 344;

Aron sah ich, im heiligen schmuck, mit drohender stirne,
gegen micb kommen. sein auge voll feuer, von göttlichem grimm voll,
tödtete! siehe, der brust bild voll gewaltiger strahlen
blitzte, wie Horeb, auf mich!
Klopstock Messias 4, 72.


2)) da aber diese amazonin durch einen gewaltigen hieb über den kopff in ohnmacht gebracht. J. G. Schnabel insel Felsenburg 1, 269;

[Bd. 6, Sp. 5158]


und drei, mit gewaltigen streichen,
erlegt er, die andern entweichen.
Schiller (bürgschaft 78) 11, 287;

.. und mit gewalt'gem fuszstosz hinter mir
schleudr' ich das schifflein in den schlund der wasser. (Tell 4, 1) 14, 376;

Isegrim zeigte sich wild und grimmig, reckte die tatzen,
kam daher mit offenem maul, und gewaltigen sprüngen.
Göthe (Reineke fuchs 12) 40, 215;

sobald er die schmerzlich thränenden augen
seines feindes erblickte, begann er (der fuchs) mit heftigen sprüngen,
mit gewaltigen schlägen auf ihn zu stürmen. ebenda;

die jüngeren verbrachten ihre zeit ... mit leibesübungen, wie steinstoszen und gewaltigem springen. G. Keller Züricher novellen (Ursula) 2, 170; dort rannte das weib in gewaltigen sätzen das thal hinab. Auerbach neues leben 3, 45; der dickhäuter muszte einen gewaltigen purzelbaum geschossen haben. Brehm illustr. tierleben 691; würde hier nicht ein gewaltiger sprung sein, dergleichen doch der menschliche verstand nie, selbst nicht in seinen abweichungen von der wahrheit, begehet? Lessing (Berengarius Turonensis) 11, 161; familiengefühl, religion und stiller landgenusz des lebens schwand: die regimentsform that einen gewaltigen schritt zur freiheit der republik, von der weder Morgenländer noch Ägypter eigentlich begrif gehabt! Herder (auch eine philosophie der geschichte) 5, 492; o anblick über alle maszen ... als ich zum ersten mal über mir aufsteigen die sonne sah ... hätte damals meinen bessern leib ... nicht selige reinheit emporgehalten ... er hätte die stärke, den so gewaltigen schlag dieses wunderanblicks nicht ertragen. Maler Müller (Adams erstes erwachen) 1, 11 Hettner.
3)) siehe, da fieng Lucifer, der höllischen gemein oberster fürst, gegen seinen unterworffenen geistern ein grausames, gewaltiges ... geschrei an. Ayrer process. jur. 1; 'mutter Weiszhuber', sagte der mann, einen gewaltigen zug aus der pfeife thuend, 'müszt das arme dirndl nit erschrecken.' Anzengruber (dorfgänge) ges. werke 3, 11; er that die thüre des zimmers mit dem gewaltigsten herzpochen auf. Immermann 4, 46;

ein gewaltiger schauer
fasste den Seraph, ihm schlug sein herz.
Klopstock Messias 1, 148;

anno 879 ist ein solcher gewaltiger hunger gewesen, das auch ein mensch den andern gefressen hat. Pomarius chronik von Magdeburg (1587) C 3a;

sieh, da kam im schlaf ein seltner traum mir.
an dem strand des unfruchtbaren meeres
irrt ich von gewalt'gem durst gepeinigt
hin und her, zur zeit der sonnenrüste.
Geibel juniustieder 274;

eine gewaltige bewegung, a forcible, impetuous, vehement or violent motion. teutsch-engl. wb. (1716) 769; gewaltige schmerzen, violent pains. it. very large, very great, prodigious. Hilpert 1, 462c; es zeigt sich eine gewaltige abnahme von freundlichkeit, sowol bei allen bedienten, als bei dem herzog und eurer tochter selbst. Wieland Shakespeare 1, 165 (könig Lear 1, 12).
4)) der junge kauffmann stutzte, und wolte nicht glauben, dasz der herr von Leuven so bald nach Antwerpen zurückkehren müsse, da er aber den ernst vermerckte .. ging es an ein gewaltiges nöthigen. J. G. Schnabel insel Felsenburg 1, 95; wir finden die verschiedenen geschlechter und alter, stände, beschäftigungen, gewaltiges wirken und groszes leiden, alles insofern es heroen und heroinen ziemt. Göthe (Polygnots gemählde) 44, 114; bei dem ersten tritt, den ich auf die küsten meines landes jüngst wieder that, durchschauerte auch mich das unbegreifliche, aber gewaltige walten der vorsehung. Grabbe (Napoleon 1, 3) werke 3, 47; denn je die gantze historia vol ist allerlei heilsamer leer, herrlicher tröstung, gewaltiger und ernstlicher rettung. Chryseus hofteufel A 3a vorrede; zu Constantinopel war auf eine zeit ein gewaltiger aufruhr des volkes wider die obrigkeit. Schottelius friedens sieg 5 neudruck; ein gewaltiges verbrechen, an atrocious crime. Hilpert 1, 462c; als Kant regierte, trieben seine leute, sowohl Kantriche, als Kantlinge mit diesen feinen waffen ein gewaltiges wesen. F. L. Jahn (bereicherung des hd. sprachschatzes) 1, 42; denn, so wie man vor Thomasius an hexen und hexenmeister aberglaubte, die böses wetter machen sollten und schlimme zeit, so ist nach dem erscheinen der 'rechtlichen erörterung' ein gewaltig gemäre von umtriebern, die eine böse stimmung hervorbringen. 2, 1, 309; die mutter stellte eine gewaltige brechete

[Bd. 6, Sp. 5159]


an, und es that ihr wohl bis in die schuhe hinab, die meisterfrau zu spielen. Gotthelf (der bauernspiegel) 1, 41.
5)) nervose dicere, vel asserere, gte gewaltige griff im reden brauchen, oder handtlich und dapferlich reden. Frisius (1568) 865b;

da bereitet' er (Reineke) sich zu neuen gewaltigen lügen.
Göthe (Reineke fuchs) 40, 70;

man siehet aus diesen gewaltigen zurüstungen, wie fürchterlich der einzige Evagaras den Persern müsse gewesen sein. Reinhard gesch. von Cypern 1, 40;

es gschach disz gwaltig niderlag,
gleich eben an s. Pelagi tag.
Frischlin (Wendelgard 1, 1) 17;

der löwe und der hase, beide schlafen mit offenen augen. und so schlief jener, ermüdet von der gewaltigen jagd, einst vor dem eingange seiner fürchterlichen höhle. Lessing (der löwe und der tieger) 13, 205;

und wie sie im ewig geschlossenen kreise
vollenden die weite, gewaltige reise.
Platen (die neuen propheten) 3, 9;

über meinen namen aber entstand ein gewaltiger streit. Gotthelf (bauernspiegel) 1, 12; er musste also etwas anderes werden, nämlich lustig. ein gewaltiger kampf arbeitete in seinen gesichtsmuskeln; wir halfen den wehen der fröhlichkeit nach, brachen in lachen aus. Immermann (memorabilien) 6, 117 Muncker; Möllendorf wurde mit der gröszten ehrfurcht genannt; doch erinnere ich mich auch, dasz Blücher schon damals in den gesprächen stark hervorklang, und dasz man wegen eines kühnen und gewaltigen reiterangriffs — welcher? ist mir entfallen — an ihn die aussicht knüpfte, vor ihm sei, wenn er zum einhauen komme, kein bestand; denn er reite alles nieder. 18, 54;

man hörte den rollenden wagen,
der mit gewaltiger eile nun donnert unter dem thorweg.
Göthe (Herm. und Dor.) 40, 243;

gewaltige mühe, gran pena, grand' affanno, très grande peine. Rädlein 381b; den zweiundzwanzigsten august morgens drei uhr ward alarm geschlagen und mit anbruch des tages stand unser regiment Itzenblitz — ein herrlicher name! — das die soldaten wegen der gewaltigen schärfe unseres obristen auch donner und blitz nannten, in der Krausenstrasze schon parade. Bräker der arme mann im Tockenburg 101; damit ihr aber dester christlicher dran gehet, hab ich euch zu dienst, unnd wölchen es gelüstet zu nutz, das sibend capitel aus der ersten epistel s. Pauli zu den Corinthern für mich genomen aus zu legen, ausz der ursach, das dasselb capitel für allen schrifften der gantzen bibel, hin und her gezogen ist, widder den ehlichen stand, und gleich ein geweltigen schein gewunnen hat, für den ferlichen unnd seltzamen stannd der keuschheit. Luther das 7. cap. Pauli zu den Corinthern (1523) A 2a; eine gewaltige noht, a pressing or urging necessity. teutsch-engl. wb. (1716) 769; ein gewaltiger contrast mit unserm letzten beisammensein, 67 in den Tuilerien. Bismarck an seine frau 3. sept. 1870; was das für einen gewaltigen einflusz auf das verständnisz ihrer sprache hat, ist hier nicht der ort zu sagen. Herder werke 5, 14 (über den ursprung der sprache); will er (Coriolan) ein mensch aus dem ganzen sein, so musz er es auch ganz sein, will oder muss er blosz der selbstbestimmung seiner natur folgen, so sollte er nicht der mutter den gewaltigen einflusz auf sich einräumen wollen oder müssen. O. Ludwig (studien) 5, 90.
6)) ist wol eine gewaltige that, sach, scilicet spolia ampla tulisti, magna res; valde magnum facis. Weismann 156b;

da thronen sie beisammen und halten eifrig rath,
bedenken und besprechen gewaltge waffenthat.
Uhland die drei könige zu Heimsen;

hie sihestu, das gar ein lebendig geweltig ding ist umb den glauben. Luther evangelium von den zehen aussetzigen (1520) D 2b; wachholderöhl ist ein gewaltig ding, es heilet alle frische wunden und stiche, zweimal warm damit gesalbet. Colerus hausapothek 25; wu stahme? darümme weel er kornblumen nicht kriegen künnt? gewaltige sache! ich bi so gutt asse kurnblume, und noch wul andertholbe centner besser. A. Gryphius (die geliebte Dornrose) lustspiele 288 Palm; das ist wohl eine gewaltige sache, a great matter indeed, a thing to be laughed at. teutsch - engl. wb. (1716) 769; ein gewaltige sach, magna res. Bayer 290a; eine gewaltige sache, la grande affaire, voila une affaire de grande importance. Rondeau - Buxtorff 254; eine gewaltige sache, ironiquement, la grande affaire. nouveau dictionaire (Straszburg 1762) 339a; (ironically) das ist

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eine gewaltige sache, that is a mighty affair, indeed. Hilpert 1, 462a; die helikonische heerde soff nämlich, wie wir wissen, aus der Hippokrene. diese quelle wirkt nun bei allen, welche sie trinken, die gewaltigsten dinge, jedoch nur bei den durch das schicksal dazu vorbestimmten jenen reizenden wahnsinn, den wir kennen. Immermann 2, 81.
7))

allein des Messias gewaltige wunder
retteten ihn, er verliesz die labyrinthischen irren,
kam zu Jesus.
Klopstock Messias 3, 268;

der wächter auf den zinnen
treibt gar gewalt'gen spuk.
sieht er wohl gäste kommen?
er schreit: 'guck, guck! guckguck!'
Grillparzer frühlings kommen;

dasz ihnen grade in dieser gewaltigen zeit auch solche steigerung ihrer empfindung kommt, ist ein schöner zufall. G. Freytag an Treitschke (7. juli 1866), briefwechsel 103; ungeachtet des allgemeinen entgegenkommens, und obschon die gewaltigen ereignisse des letzten jahres die unentbehrlichkeit einer neubildung der deutschen verfassung zu allseitiger überzeugung gebracht und die gemüther für die annahme derselben empfänglicher gemacht hatten, ... haben wir doch in den verhandlungen von neuem die schwere der aufgabe empfunden. Bismarck (24. februar 1867) 3, 155.
ζ) in verbindung mit collectivbegriffen wird die function der steigerung am einseitigsten herausgearbeitet, und zwar nach der seite der quantitativen werthung. ein anschauliches beispiel für diese entwicklung liegt in der verbindung gewaltiger haufe vor, die zu den ältesten festen verbindungen gehört vgl. auch gewalthaufe sp. 5110. sie führt auf die bedeutung potens zurück mit ausnahme eines vereinzelten belegs, der der bedeutung violentus entsprang: szo hath der rath vor sollicher meinunge des volcks anhe perikel irhes lebens nicht weren mügen, mich derhalbenn mith vleise gebeten, sie kegen c. churf. g. im allerpesten zuverschuldigen und vor sie bitten, das sie mith guten predigern muchten versorgt werden, uff das kein erger zcufall hirus entstunde, dan inhe were unmügklich dem geweldigen hauffen zcuwstewren. Sebastian Langhans (an den kardinal 1521), d. städtechron. 27, 207; in dieser verbindung halten nun die vorstellungen 'macht, kraft, stärke' dem zahlbegriff noch die wage. aber in den nachfolgenden verbindungen gewaltige stadt, gewaltiges reich (im gegensatz zu den sp. 5138 aufgeführten verwendungen der gleichen verbindung) zeigt sich schon die verdrängung der ursprünglichen bedeutung, die in gewaltige menge, gewaltiger reichthum ganz geschwunden ist.
1)) item alls der gewaltig huff z ross und fsz z Hillczingen ir leger gehept hattend, ... do msztend die purn von Hillczingen ir groste glocken usz irm thurn thn. Hug, Villinger chronik 137; disem Mario Nepoti ward der krieg wider die Cimbrischen und Hochteutschen zu fieren bevolchen. aber seitmals die Cimbri und Hochteutschen in zwen underschidliche gewaltige haufen sich gethailt, ist Marius den Hochdeutschen und Ambronern mit ainem gewaltigen hör bisz in Galliam entgegen zogen. Zimmerische chronik 1, 4; aber der gewaltig hauff der versamelten baurschaft zu Brethain, so etwas uff tausend stark, wern hinweg gewest und uff Insingen und Diepach zugezogen, sich diese nacht daselbsten zu legern. Th. Zweifel bei Baumann quellen zur geschichte des bauernkriegs aus Rotenburg 61; alda auf einer eben des felds stuend der geweltig haufen, die hinderhuet het iren vortail, eine höhe, eingenommen. künig Brenner wendt sich von dem geweltigen haufen, platzt und fl in die hinderhuet, tribs ... ausz irem vortail. Aventin (chronik) 4, 320. ebenso 321; hat sich der kaiser auffgemacht und Thonauwerd zu zogen und die statt eingnumen nachgentz weitter herauf geruckt und Dillingen eingenumen ... und ist sein gweltiger hauff hernach geruckt. S. Fischer chronik von Ulm 126 Veesenmeyer; gewaltiger und verlorner hauffe. Frundsberg 118b. ebenso Hortleder 631. vgl. dazu Frisch 2, 420b;

die vögel wie ein pfeil zuflogen:
der verlorn hauff ward erst erschlagen.
darnach die vögel all gemein
setzten zum gwaltigen hauffen ein.
die thier wurden in die flucht bracht:
die vögel gwunnen also die schlacht.
B. Waldis Esopus 1, 1, 34 Kurz;

der gewaltig hauff von eidgnossen rucket darzwischen an die landweere, denen kamen die flüchtigen ab dem berg in die hend. Stumpf Schweizer chronik 647a; 1273 kam grave Rudolf mit einem gewaltigen oberländischen zeug für Basel. Wurstisen chronik 132; dasz man mit keinem gewaltigen zeug darüber kummen möchte. Dürer nachlasz 274; ein gewaltiges

[Bd. 6, Sp. 5161]


heer, a powerful army. Hilpert 1, 462a; nun vor kurtz verruckten tagen war ein mechtiger könig dem keiser Beramo in sein land gefallen, willens ime das einzenemmen, wider welchen Beramus der keiser mit gewaltiger heres krafft aussgezogen, den feind verjagt, und ein grossen sieg erlanget. H. Wetzel reise der söhne Giaffers (litter. ver. 208) s. 29; die einwohner in der alten statt Rom, da sie das gewaltig kriegszvolck an der brücken Sixti sahen, haben si marggraff Albrechten vermöcht und erbetten, dasz er ... bei dem keiserlichen kriegszvolck um fried anruffen wölt. A. Reiszner Frundsbergs kriegsthaten (1572) 119b (6. buch).
2)) dise grohss' und gewaltige stat, deren geringsten schatten mein herr auf diser glahs-scheiben entworfen sihet, hat zur zeit des hunnischen kriges, wi man uhrkundet, ihren uhrsprung genommen. Zesen adr. Ros. 154 neudruck; Kaselarcelan hatte eine gewaltige vestung, die so hoch war als der berg Alwend, und so viel unterschiedliche umbwege hatte, als die haare einer braut, die sie schön gekräuset; die darinnen lagen, fürchteten sich vor keiner gewalt. Olearius der persianische baum-garten (Hamburg 1696) s. 17c;

und wie ihr von ihm selbs gehört,
so hat ihn gott also gemehrt,
mit fünff römischer keiser macht,
den er gedient ohn allen pracht,
in kirchen und in ihren kantzleien,
das er zwölff gwaltiger abteien,
unds Costentzer bistumb erlangt,
damit er doch mit nichten prangt.
Frischlin (Wendelgard, epilog) 62;

diese drei gewaltige, nahend bei einander gelegene königreiche seind mehrer mahlen unter einer herrschafft zugleich gewesen, ietzt hat derer zwei ein könig allein, bald ieglichs ein besonder könig beherrschet. Kirchhof wendunmuth (2, 35) 2, 69 Österley. ebenso 13; sie hatten an niemand adressen gehabt, hatten sich in dem gewaltigen gewühle nicht zurecht zu finden gewuszt. Nicolai reisebeschreibung (1785) 5, 317; thät er (der teufel) dem auch also, schmiert eine gewaltige menge lehm zusammen, rollt's in seinen händen, behaucht' und begeiferte es. Lenz pandämonium 37; eine gewaltige menge volkes, an immense crawd of people. Hilpert 1, 472c; ein gewaltiger schatz, a vast treasure. ebenda; gewaltiger reichthum, richesses considérables. Rondeau-Buxtorff 254.
b) aus dem rahmen dieser verbindungen lösen sich einige bedeutungsabstufungen ab, die in den freien gebrauch des adjectivs übergehen, wie die vorstellungen: 'grosz, stark, erhaben'. diesem freien gebrauch gehören andererseits auch verwendungen an, die unmittelbar auf die unter gewaltig, potens angeführten gebrauchsformen zurückgehen.
α) weiterentwicklung der bei gewaltig, potens dargelegten verwendung.
1)) verallgemeinerung und abschwächung: gleichergestalt wie der mensch ob allen andern creaturen und geschöpfen, die von gott gemacht, das edelst, fürnembst und gewaltigest ist, also auch hin widerumb ist er das elendest. Thurneiszer von wassern (1572) 249; das kind das denn geboren wirt dz wirt gewaltig und rein und demütig. Ortolff v. Bairlandt arzneibuch 55a.
2)) bedeutungsverengerung und ellipse.
a)) wird sie (die gestalt des leibes) nicht in müssiggange und tregheit vorterbet, aber durch die übung und das bewegen gewaltig erhalten? Butschky kanzl. 426; ein meister des schwerts auf hieb und stosz, kurz, rasch, fest, fein, gewaltig und nicht zu ermüden, wenn seine hand erst das eisen faszte. F. L. Jahn 2, 1, 5.
b)) da waren di sündlichen lüste (welche durch gesetze sich erregeten) krefftig in unsern gliedern. Luther Römer 7, 5 (variante geweltig); aber die matrix zeucht die samen nicht allemal an sich, sie ist dann gewaltig. Paracelsus op. (1589) 1, 350;

lies't doch nur jeder
aus dem buch sich heraus, und ist er gewaltig, so lies't er
in das buch sich hinein, amalgamirt sich das fremde.
Göthe (ep. 1) 1, 336.


3)) übertragung: die irdische harmonie ist doch gewaltiger als die himmlische. Göthe (an Charlotte v. Stein 10. febr. 1781) briefe 5, 49; was ist der mensch dasz ein bisgen salz gewaltiger ist als alle seine vernunft. (19. dec. 1783) 6, 228.
β) übereinstimmung mit den in der attributiven verbindung entwickelten bedeutungen.
1)) nervosus orator, ein häfftiger träffenlicher reder, der streng und gwaltig ist, und redt das z der sach dienet.

[Bd. 6, Sp. 5162]


Frisius 865b; des gesetzes stim ist so starck und gewaltig, das sie auch ein lewenhertz erschrecken kan. Erasmus Alberus vom basilisken zu Magdeburg C 2a: was ich mit meinen augen ansehe, das springt auseinander, so gewaltig ist mein blick. Grimm (die sechs diener) märchen 2, 268.
2)) an dem stain ain mensch ist und hât in der rehten hant ain sicheln, der macht seinen tragær von tag ze tag geweltiger. Konrad v. Megenberg buch d. natur 467, 13; gewellig (Selters) dialectform von gewaltig, grosz, stark. Kehrein volkssprache in Nassau 1, 163.
3)) könig, nenn ihn gewaltig, riesenhaft, ungeheuer, — doch nimmermehr grosz, den mörder d'Enghiens, — nun und nimmer den grosz, welcher treue, recht, ehr' und liebe dem ruhm und der macht aufopfert. Grabbe (Napoleon 1, 3) werke 3, 48;

und während er anstürmt in zürnendem groll
wie Ares gewaltig und schön wie Apoll,
bezaubert der glanz
der männlichen schönheit des helden sie ganz.
Leuthold (Penthesilea) 310;

.. gewaltig war er (Sigurd Ring) anzuschaun.
Geibel juniuslieder 351;

die arme gekreuzt, gewaltig und stumm,
so wird er vor euch stehen,
ihr aber ziehet den buckel krumm
und traget seine livréen.
Strachwitz ged. 94;

das bild vom meere in meiner phantasie war allerdings mächtiger, gewaltiger gewesen als die wirklichkeit, und doch fesselte mich der eindruck so, dasz ich mich kaum trennen konnte, ich hatte mir das meer nämlich nicht so schön gedacht, nicht so unbeschreiblich schön. Grillparzer (tagebuch auf der reise nach Italien) 195, 198; der gnade Englands verdankt seinem irrwahn nach könig Ludwig die krone — Frankreichs krone! so leuchtend und so gewaltig, dasz sie selbst einem riesen, der sie trüge ... aug und haupt verblenden und zerschmettern könnte. Grabbe (Napoleon 1, 1) 3, 33; wenn ich dann aber sehe, wi er sonst ist, barmherzig und freundlich sogar gegen die fliegen, die um seine nase tanzen, ... und wie er aller welt das beste gönnen möchte, und wie er sich selber gar nichts gönnt und noch tief in der nacht liest und schreibt, so wird mir seine ganze geschichte gewaltig. Freytag verlorene handschrift 1, 28.
4)) nun wurde freilich der effect, den dies intermezzo machte, um so gewaltiger. Heyse (der letzte centaur) 4, 264; immerhin war der eindruck, welchen der rasche fall des Danewerks hervorrief, ein gewaltiger. Sybel begründung 3, 238; er fragte nach dem stundenplane, niemand hatte einen solchen, wie die verwilderung überhaupt gewaltig schien. Auerbach neues leben 2, 16.
c) die substantivierung ist hier nicht auf das masculinum beschränkt, sie dient im neutrum auch der abstraction. diese ist wesentlich auf die bedeutung 'erhaben' gerichtet. das masculinum andrerseits zeigt hier meist individuelles gepräge und trägt den charakter der gelegentlichen überführung in die categorie des substantivs. typische prägungen treten hier mehr zurück. unter den bedeutungen überwiegt die vorstellung übermenschlicher kraft und stärke, die mit vorliebe körperlich erfaszt ist.
α) personification.
1)) syntaktische überführung in die categorie des substantivs.
a)) mit bezug auf körperliche kraft: gleich wie vil hechten in eim wicher, do alweg der gewaltiger den schwecheren frist und dempt. Karsthans bei Kurz Murners Luth. narr 178; sie nannte ihn den gewaltigen, den starken, deszen uebermacht sie allenthalben sahen, deszen gegenwart sie ungesehen mit schauer der ehrfurcht fühlten. Herder (vom geist der Ebreischen poesie 2) 11, 248;

dasz du auch jenes manns, des gewaltigen, namen mir nennest,
wer der Danaer dort so grosz und herlich hervorprangt.
Voss Ilias 3, 166;

jeder scheute sich
der lanze des gewaltigen (Achilles) zu stehn.
Bürger Ilias 5, 989;

edler ritter,
nicht wollt verschmähen meinen grusz, mit ehrfurcht
betracht ich auf der starken brust das kleinod,
das köstliche, dem mächtigsten gereicht
gebührlich von der hand der schönsten frauen.
es trieb das herz mich meine erste lanze
entgegen dem gewaltigsten zu halten. —
ich ward von euch besiegt.
Chamisso Fortunati glückseckel 15 neudruck;

[Bd. 6, Sp. 5163]



bebst du? schauert dir das gebein?
hast's ja gewollt, warum gehst du nicht?
starker kühner, gewaltiger!
nur gegen mich hast du mut?
bebst vor der schlange?
Grillparzer (Argonauten 4) 55, 109;

ein könig!
spricht doch ein degen so mit einem degen!
wer kann und mag besitzen, wenn er nicht
bewiesen hat, dasz er mit recht besitzt?
und wer erstickt das murren um sich her,
bevor er den gewaltigsten, der lebt,
zu boden warf.
Hebbel Nibelungen, vorspiel 2.


b)) mit bezug auf geistes- und willenskraft: Napoleon. das geschick trieb seine räder zermalmend über noch viel härtere herzen. Bertrand. du, selbst so gewaltiger, glaubst ein geschick? Grabbe (Napoleon 1, 4) werke 3, 59;

doch solltet ihr je übermütig werden,
mit stolz erheben euren herrscherblick,
so denkt an den gewaltigen zurück,
der jetzt nur fiel in gottes strenge hände,
an Ottokar, sein glück und an sein ende!
Grillparzer (könig Ottokar 5) 65, 145;

dich selbst, gewalt'ger, den ich noch vor jahren
mein tiefes wesen witzig sah verneinen,
dich selbst nun zähl' ich heute zu den meinen.
Platen (das sonett an Göthe) 2, 90;

niemand wagt den geradesten weg, man fügt sich dem weltlauf,
da sich der weltlauf doch stets dem gewaltigen fügt.
Geibel juniuslieder (gnomen 9).


2)) typische prägungen: die drei gewaltigen. Göthe Faust 2, 4. vgl. oben sp. 5154;

Willehalm: dich ruf ich gewalt'ger,
tritt hinter mich,
in thales mitten
dort stelle dich,
deine arme von eisen und stahl
recke und strecke über das thal.

(der gewaltige wirft die keule fort, streckt beide arme nach rechts und links aus. in dem augenblick wächst unter seinen füszen aus dem boden ein berg empor, so dasz der gewaltige emporgetragen wird. der berg steigt so lange empor, bis dasz die hände des gewaltigen sich in gleicher höhe mit den thalrändern rechts und links befinden, dann steht der berg fest.)

der brücken-pfeiler
ist aufgestellt —
der nacken trägt mir
die deutsche welt!
Wildenbruch Willehalm 2. bild;

den Cyklopen, riesenhaftigen gewaltigen einer früheren weltordnung. Schlosser weltgeschichte (geschichte der Griechen 1, 2) 12, 142;

der jugendtraum der erde ist geträumt,
und mit den riesen, mit den drachen ist
der helden, der gewalt'gen zeit dahin.
Grillparzer (könig Ottokars glück u. ende 3) 65, 95.


β) die abstraction im neutrum:

nun denn, ich hab' gelernt, gewaltigem mich fügen.
die götter wollten's nicht, da rächten sie's.
Grillparzer (des meeres und der liebe wellen 5) 75, 101;

durch die augen gehet zart zurück, was zart kam; das gewaltige gebiehrt die brust, die zunge spricht es aus. E. M. Arndt geist der zeit (1807) 1, 3;

vieles erlernest du wohl, doch nimmer erlernst du das grosze,
und das gewaltige giebt einzig der strahl der geburt.
Geibel juniuslieder (gnomen 6);

aber du, ein sohn der zeiten
deren schosz gewaltges trägt ...
Roquette gedichte (1859) 117;

derweil in weh'n die erde kreist,
gewaltiges sich vorbereitet,
und ein verderbenschwang'rer geist
geharnischt durch die lande schreitet.
Bodenstedt Mirza Schaffy prolog.


d) in der function des adverbiums erreicht gewaltig nicht die gleiche vielseitigkeit, die wir am attributiven gebrauch festgestellt haben, dagegen übertrifft es diesen an häufigkeit der verwendung in einigen bevorzugten formen. am engsten berührt sich das adverb mit dem adjectiv in den bedeutungen 'ungestüm, stark, heftig, eindringlich', die sich aus der verbindung mit verbis entwickeln, wenn eine bewegung in der auszenwelt oder am menschlichen körper, eine erregung des gemütes oder endlich die nachhaltigkeit einer wirkung dargestellt wird. aber schon hier sinkt das adverbium viel rascher zum bloszen steigerungsmittel herab, als das es namentlich neben verbis wie zunehmen, sich vermehren u. a. gebraucht wird. von hier aus wird auch die verbindung

[Bd. 6, Sp. 5164]


mit adjectiven begünstigt, in die allerdings auch einige participia mit eingreifen. am wenigsten scheint dem adverb die bedeutung 'erhaben' entgegenzukommen die nur vereinzelt begegnet in wendungen wie: und es ist als müszte man jetzt eine neue sprache sprechen, alles gewohnte anders thun, höher, gewaltiger. Auerbach neues leben 3, 66.
α) verbindung mit verbis.
1)) die bedeutung 'ungestüm' bei verbis, die auf einen äuszeren vorgang bezug nehmen oder eine innere bewegung unter ähnlichen bilde zum ausdruck bringen, vgl. das attributive adjectiv in sp. 5151.
a)) äuszere vorgänge.
α)) auch luff alles das seichwasser an den furt zu Vede, unnd schwemmt den flusz so blötzlich unnd gewaltig, dasz alle die daselbst ligenden geschwader der feint schrecklich ersoffen. Fischart Gargant. 232b;

wie? das, was aus dem meer an dünsten das licht der sonnen aufwerts zieht,
ist mehr, als aller ströhme fluhten? wie viel, wie oft, wie stark von oben,
in bittern schauern, auf die wellen, die durch die macht der stürme toben,
gewaltig wieder abwerts fällt; wird uns ein schiffer, der es sieht,
am allerbesten sagen können.
Brockes Thomsons jahreszeiten, der herbst v. 741;

die wellen, die auf diesem breiten mächtigen strome nicht so unbedeutend sind, als die wellen der Oder, ergriffen das schiff an seiner fläche, und schleuderten es so gewaltig, dasz es durch sein höchst gefährliches schwanken, die ganze gesellschaft in schrecken setzte. H. v. Kleist an seine braut 202; Napoleon hat die völker einst zu einander spazieren geführt; das musste aufhören; die reisen der einzelnen sind aber gewissermaszen die leisen äussersten kreise der einst so gewaltig vom mittelpunkt erregten flut. Immermann (memorabilien) 6, 67 Muncker;

wogend hin und her gewaltig, unaufhaltsam, wütend gräszlich
rast vernichtung vielgestaltig ....
Leuthold (vor Cremona) 120;

es fing gewaltig an zu blitzen und zu donnern. Bräker der arme mann im Tockenburg 29; es regnet gewaltig, it rains apace. teutsch-engl. wb. (1716) 769; der wind geht oder bläst gewaltig, the wind blows very hard, is very high. Hilpert 1, 462c; will man diesen versuch mit farbigen papieren, auf die man das sonnenlicht gewaltig fallen und von da auf eine im dunklen stehende fläche reflectiren läszt, anstellen ... so wird man sich noch mehr von dem wahren verhältnisz der sache überzeugen. Göthe (farbenlehre) 59, 236.
β)) der donner brüllt gewaltig, the thunder roars dreadfully. Hilpert 1, 462c;

und ängstlich auf dem horst mit seinen jungen
fand ich das weibchen sitzen. fürchterlich
bekämpften noch bei ihr die männer sich;
wie knoten sah ich hals um hals geschlungen.
gewaltig tönte ihrer flügel schlag.
Houwald heimkehr 13. auftritt;

denn er war unser! mag das stolze wort
den lauten schmerz gewaltig übertönen.
Göthe (epilog zu Schillers glocke) 13, 170;

das geschütz gieng gewaltig, dasz es nicht allein die mauwer, sondern die dächer, heuser und gebeuw nider geworffen. Reiszner Frundsbergs kriegsthaten 2, 26; am pfingst-montag hat Hans Oppersdorff hauptmann 1000 pferde durchgeführet, in der stadt gewaltig geschossen. Mart. Meister Görlitzer annalen in script. rer. Lusat. (1719) 2, 34b.
γ))

der wallfisch kommt gewaltig hergeschwommen,
doch stürmt er mit dem schwanze nicht.
Gleim (13. fabel. Neptun. der wallfisch) 1, 86;

es kamen auch steine gewaltig geflogen,
die den verzweifelten Braunen von allen seiten bedrängten.
Göthe (Reineke fuchs) 40, 28.


b)) übertragung auf innere vorgänge.
α))

die müelnerin sich nider legt,
kert den kopf zu den füesen;
der most sich gwaltig in ir regt.
H. Sachs (das weinperlein der mülnerin) fabeln und schwänke 3, 85 neudruck;

es war ein düerrer fuochse;
in dem gwaltig erwüechse
der hünger gar inprüenstig. (der hungrige fuchs mit dem wiesel) ebenda 3, 244;

(der student) ging im schne zitrent, zanklaffent auf und ab,
sein ganczen leib der frost gewaltig üebergab:
die fraw schawt zu, den spot wart aus im treiben. (der student im schnee) ebenda 3, 362 neudruck;

[Bd. 6, Sp. 5165]


es wäre hier auch ganz artig, wenn nur nicht wie gesagt der brunnen einen so gewaltig angriffe. Göthe (an Christiane 30. juni 1801) briefe 15, 242;

dir aber, welchen schonend ich behandelte,
dir schwillt der kamm gewaltig, bitter höhnst du mich.
Platen (romantischer Ödipus 5) 4, 176.


β)) ist fast kein ander beweisung, die gewaltiger von sünden abzeucht dann so du betrachtest. Melanchton annotat. zu Röm. 9, 7; siehe diesen mann voll kraft und gefühl gottes, aber so innig und ruhig fühlend, als hier der saft im baume treibt, als der instinkt, der tausendartig dort unter geschöpfe vertheilt, der in jedem geschöpfe einzeln so gewaltig treibet, als dieser in ihn gesammelte stille, gesunde naturtrieb nur würken kann. Herder (auch eine philosophie) 5, 480;

doch unerbittlich, allgewaltig treibt
des augenbliks gebieterstimme mich
an das entwohnte licht der welt hervor.
Schiller (braut von Messina 1) 14, 15;

nimmer nun des segels schwinge
stell' ich aus ins weite meer,
denn gewaltig zieht die dinge
frommer liebeszwang mir her.
Geibel juniuslieder 3;

weil uns die materie entschädigt und gleichsam über stock und stein gewaltig mitreiszt. Herder (recension von Klopstocks oden) 5, 358; gewisz, er wird euch halten und retten, wenn euch nicht das verhängnisz gewaltig fortreiszt. C. F. Meyer Angela Borgia 31; bist mein Heinrich und hast's küssen verlernt! wie sonst ein ganzer himmel mit deiner umarmung gewaltig über mich eindrang. Göthe urfaust, kerkerscene; wie sie aber das männliche alter erreicht hatten, und gewahr wurden mit welcher ehrerbietung meinen freunden von dem groszen haufen begegnet wird, ... so stach ihnen das alles gewaltig in die augen und ein mann, dem alle diese vorzüge beiwohnten, däuchte sich ein groszer herr zu sein. Wieland übersetzung Lucians 3, 125 (die entlaufenen sclaven); die vornehme façon und der damascirte lauf des kleinen meisterstückes der damaligen büchsenschmiedekunst stachen dem pfarrer gewaltig in die augen. C. F. Meyer der schusz von der kanzel 66.
2)) die bedeutung 'stark, kräftig' bei verbis die eine körperbewegung zum ausdruck bringen, vgl. das attributive adjectiv in sp. 5155.
a)) der wolf verzog das gesicht gewaltig, doch liesz er sich nicht schrecken. Grimm (der wolf und der mensch) märchen 1, 440;

er nies'te gewaltig von vornen und hinten.
Göthe (Reineke fuchs 12) 40, 226;

Münchhausen ... zog die augenbrauen in die höhe, dasz das blaue und das braune auge noch gewaltiger hervortrat als gewöhnlich. Immermann 1, 104; vor dem schieszhause steht er (der doctor) mit seiner büchse neben dem fleischer Below, der als schützencapitän goldene epauletten auf seiner uniform trägt und so gewaltig um sich sieht, dasz die bürger ihm mit noch gröszerer hochachtung betrachten als an werkeltagen. Freytag (aus einer kleinen stadt) 13, 144; einen jeden blomeuser nähete er in seine kleider, und damit er deren einige in vorrath kriegen mögte, muste ich und sein armes pferd daran sparen helffen, davon kams, dasz ich den treugen pumpernickel gewaltig beissen, und mich mit wasser, oder wans wolging, mit dinn bier behelffen muste. Grimmelshausen Simplic. 181 neudruck;

nun sprech wir all gar düemüetig
und schreien zu got so gweltig
mit wain zum richter hertzigklich,
des zorn zu wenden seer rächlich. bei
Wackernagel das deutsche kirchenlied 2, 1112a;

Johann! fieng drauf der wirth gewaltig an zu schrein,
der dichter (lauft geschwind!) soll von der güte sein,
und mir sein trauerspiel auf eine stunde schicken.
Gellert (das gespenst) fabeln und erzählungen (1748) 1, 33;

gewaltig schreien, to cry as loud as one can. Hilpert 1, 462a; ich fieng gewaltig an zu kollern und sagte: 'worzu halte ich so ein hauffen mägd im hausz, wann ihr alles selbst thun wollt'? Grimmelshausen (vogelnest) 4, 60 Kurz; freilich ist denen, welche für die casse zu sorgen haben, nicht übelzunehmen, wenn sie in diesem falle, als die wächter Zions, gewaltig tuten. Göthe an J. H. Meyer (27. sept. 1807), briefe 19, 416.
b)) so lange ich lebe soll nichts davon gedruckt werden. die finger jucken mir aber gewaltig, meine bemerkungen über das jetzige theaterwesen bekannt zu machen. F. L. Schröder bei F. L. W. Meyer 2, 217; wenn er arbeitete, so fuhr er mit dem draht so gewaltig aus, dasz er jedem, der

[Bd. 6, Sp. 5166]


sich nicht weit genug in der ferne hielt, die faust in den leib stiesz. Grimm (meister Pfriem) kinder- und hausmärchen 2, 414;

mein pferd, ein ungebändigt türkisches,
von hörnerklang und peitschenschall und hundgeklaff'
verwildert, eilt ein eilendes
vorüber nach dem andern ...
gewaltig drück' ich in die zügel; doch,
als hätts ein sporn getroffen, nun erst greift
es aus.
H. v. Kleist (familie Schroffenstein 1, 1) 1, 86 Zolling;

dem fischer gleich wirfst du die angel aus,
willst ferne stehn, belauernd deinen köder.
Libussa ist kein fischlein, das man fängt,
gewaltig, wie der fürstliche delphin,
reiss' ich die angel dir zusammt der leine
aus schwacher hand und schleudre dich ins meer,
da zeig denn, ob du schwimmen kannst, mein fischer.
Grillparzer (Libussa 2) 85, 161;

an dem seile schon zieht man den freund empor,
da zertrennt er gewaltig den dichten chor.
Schiller (bürgschaft) 11, 289;

sie zerrte gewaltig
und es blieb ihr ein viertel des schwanzes im eise gefangen.
Göthe (Reineke fuchs 11) 40, 192;

da kam ein bube gelaufen
ein vertrackter geselle mit einer pike bewaffnet
leicht zu fusz, stach er nach uns und drängt' uns gewaltig. ebenda;

der weise fürst verbürgt sich in ein winkel, und siehet, wie der stallmeister sie (die jungfrau) mit feusten und füssen gewaltig abschmiert. S. Wetzel reise der söhne Giaffers 125 neudruck; (er) gerbte dem einen jungen den rücken so gewaltig, dasz er zum haus hinaus sprang. brüder Grimm (tischchen deck dich) märchen 1, 213;

in der ecke fanden sie ihn (den wolf) und schlugen und gerbten
ihm gewaltig das fell.
Göthe (Reineke fuchs) 40, 53.


c))

die weil ich aber rosz nit hatt
nam ich bald einen an der statt
vom gmeinen volck, der sterckst fürwar
der underm gantzen hauffen war,
den brauchet ich für einen gaul,
er sprang gwaltig und was nit faul.
Fischart flöhhatz 274 neudruck;

es hing ihm an der seiten
ein trinkgefäsz von buchs;
gewaltig konnt' er schreiten
und war von hohem wuchs.
Uhland, der schenk von Limburg;

indessen schritt sein geist gewaltig fort
in's ewige des wahren, guten, schönen.
Göthe (epilog zu Schillers glocke) 13, 170;

(ich) ward aber bald in, dasz ich anstat eines fürsten einen phantasten gefangen hätte, der sich überstudieret, und in der poeterei gewaltig verstiegen. Grimmelshausen Simplic. 207 neudruck;

im kriege wären noch eher
Isegrim und Braun zu gebrauchen, man fürchtet sie beide ...
doch im rathe fehlte gar oft die nöthige klugheit:
denn sie pflegen zu sehr auf ihre stärke zu trotzen.
kommt man in's feld und naht sich dem werk, da hinkt es gewaltig.
Göthe (Reineke fuchs) 40, 160;

hätt'st du Falstaff's ew'ge laune, kränzt' ihn Percy's heldenthum,
sagt' ich, dasz dem toten Percy tapfer du das bein zerstochen.
doch der tropus hinkt gewaltig wie dein prahlen und dein pochen.
Immermann (der im irrgarten der metrik umhertaumelnde cavalier) 17, 496;

die aufwärterinnen trugen die breiten zinnschüsseln in erhobenen händen in der höhe ihres gesichtes heran, mit gemessenem paradeschritt, die hüften gewaltig hin und her wiegend. G. Keller (der grüne Heinrich) 1, 257; so geschah es nur manchmal, dasz er (Luther) mit den bürgern der stadtbehörde, der juristenfacultät seiner universität, den räthen seines landesherrn gewaltig zusammenstiesz. G. Freytag (bilder 2) 19, 137; wenn sich die andern nicht gewaltig angreifen, so ist das haus dein. brüder Grimm (die drei brüder) märchen 2, 216.
3)) die bedeutung 'heftig' bei verbis, die ein körperliches gefühl oder eine gemütsbewegung zum ausdruck bringen vgl. sp. 5155 ff.
a))

lag ich zu tief mit dem haupt? mir schlägt das herz so gewaltig!
Voss Luise 2, 619;

als sich endlich die beiden flügelthüren öffneten, wir kinder hineinstürmten und dann wieder vor überraschung still standen, pochte mein herz gewaltig. Auerbach schatzkästlein 2, 162;

leider hab' ich zu viel von einer speise gegessen,
die mir übel bekommt; sie schmerzt mich gewaltig im leibe.
Göthe (Reineke fuchs 2) 40, 23;

[Bd. 6, Sp. 5167]


er nimmt nun die fuszbekleidung in die hand, und marschirt barfusz weiter. eines tages, als ihn die füsze gewaltig brennen, legt ir sich am saume eines waldes nieder. Auerbach schatzkästlein 2, 98; neue stiefel, die gewaltig drücken. dorfgeschichten 1, 467; für den überschickten Plotin danke zum schönsten. leider fällt seine ideale einheit, auf die er so sehr dringt, mit der realen einerleiheit zusammen, an der ich hier gewaltig zu leiden anfange. Göthe an F. A. Wolf (30. aug. 1805), briefe 19, 53.
b))

hört mich nur aus! — indem
er mir nun aufträgt, diesem juden straks,
wo möglich, auf die spur zu kommen, und
gewaltig sich ob eines solchen frevels,
erzürnt, der ihm die wahre sünde wider
den heil'gen geist bedünkt, .....
Lessing (Nathan 4, 7) 33, 135;

dasz mich dieses gewaltig verdrosz. J. G. Schnabel insel Felsenburg 1, 187; es ärgerte mich gewaltig, wenn ich bemerkte, wie mitten im kriege die verständnisvollen blicke häufiger fielen und der schöne feind seine hände den burschen immer anhaltender und williger überliesz. G. Keller (der grüne Heinrich) 1, 296; jetzt hinterher wurmte es ihn gewaltig, oder er schämte sich, dasz es damit nichts geworden. Anzengruber (dorfgänge) ges. werke 3, 106; die herzoginnen waren gewaltig gerührt bei einigen scenen. F. L. v. Stolberg an die gräfin Bernstorff (6. dec. 1775) bei Janssen 1, 63; und haben alle sich gewaltig gefreut. brüder Grimm (der starke Hans) märchen 2, 381; was kann ich aber von Savignys vorlesungen anders sagen, als dasz sie mich aufs gewaltigste ergriffen und auf mein ganzes leben und studieren entschiedensten einflusz erlangten? J. Grimm (selbstbiographie) kl. schr. 1, 6;

eines tages
als ich mich umsah in des bischofs wohnung,
fiel mir ein weiblich bildnisz in die augen,
von rührend wundersamem reiz; gewaltig
ergriff es mich in meiner tiefsten seele,
und des gefühls nicht mächtig stand ich da.
Schiller (Maria Stuart 1, 6) 12, 421;

anfangs erschrack Rapunzel gewaltig als ein mann zu ihr herein kam. brüder Grimm (Rapunzel) märchen 1, 76; ich richtete mich auf sahe mich um, und entsetzte mich gewaltig. J. G. Schnabel insel Felsenburg 106; nach gethanem schusse stutzten alle lebendigen creaturen gewaltig. 120. genau ebenso 239; entsetzte sie sich so gewaltig vor seinem antlitz, dasz sie aufschrie und fortlief. brüder Grimm (der bärenhäuter) märchen 2, 96.
4)) die bedeutung 'eindringlich, nachhaltig' bei verbis der erkenntnisz oder einer geistigen thätigkeit vgl. sp. 5159.
a))

als die zwen merckten so geweltig
den doctor so schlecht und ainfeltig,
versagtens im sein toricht pit.
H. Sachs (der doctor im Venusberg) fabeln und schwänke 3, 349 neudruck;

ist hier die rede von einem propheten? das hätte ich armer unwissender Berliner mir freilich nicht träumen lassen. ich horchte gewaltig. Thümmel (reise in die mittägl. provinzen) 1, 36; nichts desto weniger aber irret sie sich Lisette; gewaltig irret sie sich. Lessing (freigeist 2, 3) 23, 72; er irrt sich gewaltig, he is egregiously mistaken. Hilpert 1, 462c; das heiszt, die zeiten gewaltig verwechseln; das heiszt sich einbilden, dasz eben der rang, dasz eben die schätzung, die wir itzt den edelsteinen geben, ihnen auch von den alten gegeben worden. Lessing (antiquarische briefe 24) 103, 303; ich dachte, nun sei alles abgethan. aber ich hatte mich gewaltig verrechnet. Immermann (die papierfenster eines eremiten) 9, 48; ohngeachtet aber meine hoffnung, in kurtzer zeit ein glücklicher alchymiste und reicher mann zu werden, sich gewaltig betrogen sahe. J. G. Schnabel insel Felsenburg 1, 7.
b)) er hub an gewaltig deudsch zu reden mit grimmigem gemüt. Luther 3, 458b Jena; der keiser, als er diese jüngling gantz gewaltig und sinnreich stets reden horte, ward er von der letsten red hochbetrübt. H. Wetzel reise der söhne Giaffers (litter. ver. 208) 26; sage an, wann einer schon hübsch, geschwind, zierlich, prachtig und gewaltig von der sache reden kan ... was ist es anders, dann ein unnützes gethön. Petrarcas 2 trostbücher 42b; dapffer und gewaltig reden, graviter dicere, cum auctoritate. Henisch 1591; gewaltig reden, potenter dicere. Steinbach 2, 921; gewaltig reden können, to be a great oratour. teutsch-engl. wb. (1716) 769; gewaltig reden, parler avec force. Rondeau-Buxtorff 254; zu der beilage sage ich nichts, weil sie sich selbst gewaltig ausspricht. Göthe an Schiller (5. juli 1803), briefe 16, 251.
c)) der kann nicht allein die sünder erschrecken, sondern

[Bd. 6, Sp. 5168]


auch die erschrockenen gewaltig trösten. Schupp 484 (Corinna); die oratores und fuchsschwäntzer hielten prächtige orationes, strichen den kaiser gewaltig herausz, dasz er bei den göttern in grossen gnaden were. Prätorius wundschelruthen (1667) 450; einen gewaltig loben oder herausstreichen. teutsch-engl. wb. (1716) 769; einen gewaltig loben, louer grandement quelcun. Rondeau-Buxtorff 254; gewaltig lügen, valde mentiri. Steinbach 2, 921.
d)) ist freilich klar, und gewaltig gnug beweiset, das bilderei im ersten gebot, eine zeitliche ceremonia ist, im newen testament auffgehoben. Luther (der 1. theil wider die himlischen propheten 1525) 3, 42a Jena; das schleust sich gewaltiger aus dem text. 4, 34a; in dieser deutung und meinung, ist alle welt eintrechtig, und das werk und die historien beweisens auch gewaltig. vorrede auf den propheten Daniel bei Bindseil-Niemeyer 7, 359; das sind treffliche wortt unnd streitten gewaltig widder die werckmeister. Luther auslegung der epistel u. des ev. vom christag (1522) V 3a; ich kehre mich um und sehe dich auf einmahl das deinige gewaltig lehrend. Göthe an Lavater (9. aug. 1782), briefe 6, 36.
e)) am gewaltigsten unter allen wirkte aber doch Schiller, während Goethe uns mehr ein gott in unendlichem abstande blieb. K. Immermann (memorabilien) werke 18, 161; nur ihre (der bildenden kunst) höchsten meisterstücke wirken gewaltig auf mich, und auch die nicht immer. Hebbel briefwechsel 1, 351 (an Elise, Rom 14. oct. 1842); er zog erröthend seinen hut, und das fräulein erkannte aus seinem strahlenden gesicht mit befriedigung, dasz trotz der büchertasche ihre erscheinung noch ebenso gewaltig auf ihn wirkte, als früher. G. Freytag (soll und haben) ges. werke 4, 73.
5)) die bisher belegten verbindungen mit verbis hatten schon gezeigt, dasz die sonderbedeutungen 'ungestüm, kräftig, heftig, nachhaltig' nicht in jedem falle gleich scharf hervortraten, dasz sie vielmehr in manchen zusammenhängen der abschwächung entgegen gingen, so dasz oft wenig mehr übrig blieb als die function der steigerung, vgl. z. b. 4 c)). diese function, die zu dem übergang des lateinischen valide in valde eine parallele liefert, bildet nun den rahmen für eine reiche verwendung des adverbiums, die eine gliederung kaum mehr zuläszt. gewaltig, valde, valide, potenter. Henisch 1591; gewaltig, sehr, heftig, stark, über die maszen, geweldig, geweldiglyk, zeer, sterk, boven maaten. Kramer (Nürnberg 1719) 2, 96c; gewaltig, geweldig, hevig, zeer, sterk. Weidenbach 436b; gewaltig wird, wie entsetzlich u. a. auf eine oft sehr auffallende art für sehr oder ausserordentlich gebraucht, (sich gewaltig betrügen, sich gewaltig freuen, gewaltig erschrecken, gewaltig laufen etc.). Heynatz antibarbarus 53, ähnlich Frischbier 1, 232.
a)) eine gruppe für sich bilden die verba, die eine quantitative steigerung ausdrücken: die kirche nahm an zuhörern gewaltig zu, man muste nun stüle machen lassen. Schupp freund in der not 27 neudruck; aber ein herrlichers geschach von tage zu tage in der kaiserlichen stadt Wien; da schickte man noch gewaltiger zu: und wurden auf die commedianten alleine 60 000 fl. gewandt. Prätorius zodiakus mercurialis (1667) 6; welche (hohe schule) von den beiden Fridrichen, den kuhrfürsten und herzogen von Sachsen, kristlicher gedächtniss von dem einem im 1502. jahre gestiftet, und von dem andern gewaltig vermehret worden. Zesen adriat. Ros. 119 neudruck.
b)) gewaltig anfangen, angehen:

.. deshalb die plag auch auff uns schlug
und gweltig angefangen hat
zu Nüremberg wol in der stadt.
H. Sachs (eingang disz vierdten buchs) 15, 17 Keller-Götze;

mancher, den sie (die morgensonne) mit der abendsonne vermengen will, thut die augen wieder zu; aber die lerchen erklären alles und wecken die lauben. dann geht lust und morgen gewaltig wieder an. Jean Paul flegeljahre 1, 29.
c)) gewaltig helfen, nützen: der adlerstein ad inguina gebunden, hilfft auch wunderlich und gewaltig ad promovendum partum. Colerus hauszbuch (1556) 343b; dies würde der aesthetik gewaltig nützen. Herder 1, 288.
d))

der man kan wol von unglück sagen,
der mit eim solchn weib ist erschlagen,
gantz ohn verstandt, vernunfft und sin,
geht als ein dolles viech dahin,
baldt glaubich, doppisch und einfeltig,
der musz er lign im zaum geweltig,
das sie nicht verwarlosz sein gut. (der farendt schuler im paradeisz, v. 310) fastnachtspiele 2 Götze;

[Bd. 6, Sp. 5169]


bald darauf aber überfiel ihn eine furcht, zog die wider Carolomannum geschickte armee wieder zuruck, liesz ihn und die Saracenen in Italien haussen wie sie wolten, und eilte über hals und kopf, gleichsam als flüchtig, wieder nach Franckreich, worbei auch Carolomannus den fleck gewaltig neben das loch gesetzt, und er statt, da er von gantz Italien sich ohne mühe hätte können meister machen, durch eine zeitung, als ob Carolus nebst dem papst mit einer grossen armee wider ihn im anzug wären, schrecken liesz, und unverrichteter dingen aus Italien hinaus gieng. Imhoff historischer bildersaal (1713) 3, 47;

wenn von thau sie herrlich glistert,
senkt die ros' ihr haubt gewaltig:
stirnen, die juwelen tragen,
neigen sich, von kummer faltig.
Platen (sprüche und bilder) 1, 212.


β) den zutritt des adverbiums zu adjectiven und adverbien begünstigen mannigfache verbindungen und verwendungen. eine grosze zahl von verbis, deren verbindung mit unserem adverb im vorhergehenden nachgewiesen oder nahe gelegt war, halten an dieser verbindung auch in der prädicativen oder attributiven function des particips fest: er ist gewaltig in sie verliebt, dafür eingenommen, er war gewaltig betroffen, ein gewaltig niederschlagend pulver, gewaltig rührende stimme, gewaltig beflügelte sehnsucht u. a. ähnlich zu beurtheilen sind die meisten verbindungen eines prädicativen adjectivs mit dem verbum substantivum oder einem ähnlichen verbum, so fern sie mit der unter α, 3)) aufgeführten gruppe von verbis in bedeutungsgemeinschaft stehen (er ist gewaltig böse, wild, froh, lustig u. a.). sie ziehen auch substantiva und adverbia in diesen kreis: ihm wird gewaltig angst, der Türke ist gewaltig auf u. a. den leichtesten zugang eröffnet natürlich die function der steigerung, die das adverbium sowohl mit dem prädicativen adjectiv als mit andern adverbien in verbindung setzt. neben dem attributiven adjectiv ist diese erweiterung seltener.
1)) gewaltig neben dem prädicativen particip oder adjectiv in umschreibenden verbindungen.
a)) Arist ist gewaltig für die reise eingenommen. H. P. Sturz die reise nach dem Deister, deutsche litteraturdenkm. 66, 3; er ist gewaltig in sie verliebt, he loves her mightily, dearly, extremely, vehemently etc. teutsch-engl. wb. (1716) 769; und der alte oheim fragte mich eines tags ganz naiv, wann denn die öffentliche erklärung vor sich gehen würde. wir waren gewaltig betroffen, und ... so lieszen wir nichts unversucht, in der meinung der sippschaft von einander zu kommen. Immermann Münchhausen 2, 6;

Gumpertus nimmt ein schönes mensch und ist gewaltig froh;
o, lieber gümpel, freu dich sacht! es ist gedroschen stroh.
Logau 2, 5, 58;

Alander, hör' ich, ist auf mich gewaltig wild;
er spöttelt, lästert, lügt und schilt.
Lessing (sinngedichte) 13, 13;

wie das die jungen zaunkönige hörten, wurden sie gewaltig bös. brüder Grimm (der zaunkönig und der bär) märchen 2, 101; er war gewaltig (= sehr) böse, he was very or extremely angry. Hilpert 1, 462c; als es mit den sieben jahren zu ende gieng, ward zweien gewaltig angst und bang. brüder Grimm (der teufel und seine groszmutter) märchen 2, 219; dem bedienten aber ward gewaltig angst. (doctor allwissend) 2, 80; es war einmal eine prinzessin gewaltig stolz. (vom klugen schneiderlein) 2, 169; 'ihr seid ja gewaltig lustig, Marx!' Th. Storm (auf dem staatshof) 1, 86; sie werden doch wohl nur diese nacht hier bleiben? sagte mir der wirth zum erbprinzen, als ich ausstieg — gewaltig neugierig! dachte ich. Thümmel (reise in die mittägl. provinzen 1) 1, 19.
b)) und wenn gleich dasselbe nicht were, so ist er mit dem maule so gewaltig fix, und weisz das wetter und das gestirne eins und das andere so straff zusammen zu reimen als ein staudente. Schoch komödie vom studentenleben 28 Fabricius; er ist gewaltig eigensinnig, he is mighty stubborn. teutschengl. wb. (1716) 769; die zeit wird einem gewaltig lang, wenn es so wenig neuigkeiten giebt. Lessing (Minna v. B. 2, 1) 23, 191; dazu ward er noch in den schornstein zum räuchern aufgehängt, wo ihm zeit und weile gewaltig lang wurde. brüder Grimm (Daumerlings wanderschaft) märchen 1, 261; es ist gewaltig grosz, klein, schön, unsauber, starck, schwach etc., it is mighty great, mighty little, mighty fair, mighty dirty, mighty strong, mighty weak etc. teutsch-engl. wb. (1716) 769; gewaltig grosz, reich, schön, bien (fort) grand, riche, beau. Rondeau-Buxtorff 254;

[Bd. 6, Sp. 5170]


der Türk ist aber gwaltig auf
hört man in Polen klagen.
Hans Witzstat landsknecht's sitt und brauch, vgl.
Hoffmann gesellschaftslieder nr. 276;

in dem grauen feldmarschall ist der geist Preuszens am gewaltigsten rege; in seinem verhältnisz stehen die geschicke Preuszens gleichsam zu tage. Immermann (memorabilien: das fest der freiwill.) 19, 167.
c)) wir wollen e. fürstl. gnaden nicht bergen, dasz sich die Zwinglianer allhie gewaltig mausig machen. Christoff v. Ungersdorff erinnerung u. s. w. bei Londorp 1, 321a; einen gewaltig lieb haben, to have a great or violent passion for, to be expressively fond of any one. Hilpert 1, 462c; sie halten's (das häuschen) gewaltig sauber. Th. Storm (drauszen im haidedorf) 3, 100.
2)) neben attributiven participien und adjectiven.
a)) entfernung ist ein gewaltig niederschlagend pulver. Göthe an Hetzler (24. aug. 1770), briefe 1, 243;

nein! du begreifts mir nimmer das hohe, das glühende wesen,
nimmer verstehst du mir so gewaltig beflügelte sehnsucht.
Gregorovius Euphorion 22;

an der könige höfen, an den tischen der reichen, vor den thüren der verliebten horchte man auf sie, indem sich das ohr und die seele für alles andere verschlosz, wie man sich selig preist und entzückt stille steht, wenn aus den gebüschen, durch die man wandelt, die stimme der nachtigall gewaltig rührend hervordringt. Göthe (Wilhelm Meisters lehrjahre 2, 2) 18, 130.
b)) du machst ja ein gewaltig verdrieszlich gesicht. brüder Grimm (tischchen deck dich) märchen 1, 223;

o glücklich! wen die holde kunst in frieden
mit jedem frühling lockt auf neue flur;
vergnügt mit dem, was ihm ein gott beschieden,
zeigt ihm die welt des eignen geistes spur.
kein hindernisz vermag ihn zu ermüden,
er schreite fort, so will es die natur.
und wie des wilden jägers braust von oben
des zeiten geists gewaltig freches toben.
Göthe epilog zu Faust, abschied (Göthe-jahrbuch 9, 6).


c)) so hat doch den homerischen helden nit die honigsiesse speisz der Lothophagier, mit begird übergeen und behefften, nit die wolsingenden mörwunder oder gespenst Sirenes, bethoren mögen, nit die unhold oder zauberin Circe mit irem gewaltig gifftigen getranck bezaubern. Schaidenreiszer (Augsburg 1537) vorrede 3a; so verfinsterte doch ein anhaltender gewaltig-dicker nebel fast die gantze luft. J. G. Schnabel insel Felsenburg 1, 69; das dünkte mich ein königlicher palast und der major der könig selbst zu sein, so majestätisch kam er mir vor, ein gewaltig groszer man, mit einem heldengesicht und ein paar feurigen augen wie sternen. Bräker der arme mann im Tockenburg 87; ein gewaltig grosser mann, an exceedingly tall man, a powerful man. Hilpert 1, 462a.
3)) neben viel heftet sich das adverbium sowohl an die attributiven als an die adverbialen functionen des substantivs.
a)) gewaltig viel korn, geld, fremde leute etc., plenty of corn, a great deal of money, many friends. teutsch-engl. wb. (1716) 769.
b)) man wuszte, dasz ihm gewaltig viel daran gelegen war. Burckhart beiträge zur kunstgesch. Italiens 330.
4)) die function der steigerung neben adverbien.
a)) dieses kleid (narrenkleid) sihet gewaltig ehrbar, und ist billich darüber zu lachen. von eines königs sohne aus Engelland bei Tittmann schauspiele der engl. comödianten 213; als sich das möer bei zwo stund in die nachtt widerumb fridlich machett, furen wir die gantze nachtt mitt dem gutten maistral wind so gewaltig starckh fortt, als niemals auff unserer raisz beschehen. Krafft reisen 30.
b))

idoch oft schwind gleich wie ein polcz
wachsen der kiffarbeis noch meer,
je lenger gewaltiger seer,
so mit grosem schüebel und hawffen,
das ich in entlich mües entlawffen,
wo ich wil anderst haben ruwe.
H. Sachs (das zankkraut) fabeln und schwänke 2, 465;

denn das korn ein grosz theil nicht können reiff werden, das ander ist gewaltig sehr auszgewachsen, etlichs gar ersoffen. Bünting Braunschw. chronik 282; das herz redet uns gewaltig gern nach dem maule. Lessing (Minna von B. 2, 1) 23, 190.
 
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gewältigen, gewaltigen, verbum , das dem eben behandelten adjectiv zwei hauptverwendungen entnimmt, vgl. gewaltig

[Bd. 6, Sp. 5171]


thun, machen und gewaltig sein, werden vgl. sp. 5114. 5118. 5119. 5121. 5122. mit beiden gebrauchsformen reicht das verbum in die mittelhochdeutsche periode zurück (vgl. mhd. wb. 3, 477b. Lexer 1, 974), aber sehr ungleich ist der anteil, den die beiden haupttypen am neueren sprachgebrauche haben. gewaltigen in der bedeutung von gewaltig machen ist mit der älteren rechtsprache ausgestorben und wird nur aus anlasz der substantivbildung gewältigung in späteren wörterbüchern noch gestreift. nachhaltiger ist die bedeutung von gewaltig sein, gewaltig werden. hier spaltet sich die verwendung wieder in zwei hauptformen, je nachdem der begriff von potens oder der später entwickelte von violentus durchschlägt. für den zweiten fall ist das einfache verbum durch das compositum vergewaltigen verdrängt. auch im erstern fall sind die zusammengesetzten formen sehr in aufnahme gekommen, vgl. überwältigen bei persönlichem, bewältigen bei unpersönlichem objecte; aber das einfache verbum hat sich doch bis auf heute lebendig erhalten. im besonderen ist es Göthe, der den gebrauch stützt, und unter seinem einflusz mögen manche späteren verwendungen stehen. daneben hat die bergwerksprache ihren anteil an der erhaltung des verbums und von ihr ist zum guten theile schon der gebrauch Göthes beeinfluszt.
der wechsel zwischen umgelauteten und unumgelauteten formen, der in dem gegensatz zwischen überwältigen und vergewaltigen nunmehr an die unterschiede der bedeutung gebunden scheint, beruht zunächst auf den mannigfachen zufällen und bedingungen der schriftlichen überlieferung. selten, dasz auf bestimmten landschaftlichen brauch geschlossen werden kann, denn aus mehreren denkmälern sind beide formen belegt, vgl. gewaldegen neben geweldegen in der sächs. weltchronik und im alten Kulm (gewaldigen); vgl. gewältigen neben gewaltigen bei Murner, S. Franck, Frisius, Paracelsus und in den österr. weisthümern. auf die unumgelautete form beschränken sich: das stadtrecht von Celle (gewoldegen), das Rolandslied (gewaltigôn), K. v. Megenberg (gewaltigen), ebenso die Augsburger chroniken, N. Manuel, Zwingli, Lorich, der vocab. opt. und der vocab. inc. teuth., der Eulenspiegel, Albinus, der Straszburger Livius und Claudius. umgelauteten vocal vor der media (geweldegen) zeigen der könig Rother, der Sachsenspiegel, die Magdeburger fragen, Kölner urkunden, der voc. rei numm. (Wittenberg 1558) und Kilian (vgl. geweldigen bei Verwijs und Verdam). umgelauteter vocal vor der tenuis (geweltigen, nur selten gewältigen) zeigt sich im Erec, in den Trebnitzer psalmen, in den monumenta Boica, den acten zum bauernkriege, im Karsthans, bei Geiler, Aventin, Hans Sachs, Luther, Henisch. die bindung der einzelnen formen an bestimmte abstufungen der bedeutung läszt sich zuerst in der bergwerksprache beobachten, denn dort ist durchweg (mit ausnahme der notiz bei Albinus) gewältigen belegt, und von hier aus ist denn auch die schreibung bei Frisch, Adelung, Weidenbach, Hilpert, Thiel u. a., ebenso bei Göthe, Grillparzer, Jahn, Rückert und Hebel beeinfluszt.
1) gewaltigen in der bedeutung von gewaltig tun, gewaltig machen ist hauptsächlich in privatrechtlichen beziehungen zu belegen, wo es in syntaktische verbindung und in bedeutungsgemeinschaft mit gewere, geweren tritt. wie dieses führt es accusativ der person und genetiv des objects mit sich und entwickelt schon früh die üblichen verschiebungen (accusativ des objects, dativ der person). weniger ergiebig sind andere richtungen der bedeutungsentwicklung, die an gewaltig = bevollmächtigt oder an die allgemeinere bedeutung von 'mächtig' anknüpfen. vgl. geweldigen ... bekrachtingen. Vervijs und Verdam 2, 1880, vgl. gewaltigen, dare alicui potestatem autoritatem agendi, possidendi. Haltaus 699; gewältigen, gewalt ertheilen, bevollmächtigen (doch nur im oberdeutschen). Adelung 2, 649. ebenso Voigtel 2, 79 u. a.; gewältigen ... magd, volmagd geeven, verleenen. Weidenbach 436b; gewältigen or gewaltigen (einen zu etwas) to authorize or empower any one. Hilpert 1, 436c.
a) gewaltigen, einen in den besitz einer sache setzen. das verbum vermittelt ausschlieszlich privatrechtliche beziehungen, unter ihnen natürlich auch solche, denen wir heute staatsrechtlichen charakter zuerkennen würden. vgl. DWB he geweltegede den hertogen Bernarde dez hertochdomes, dat he ime in der vasten dar voren gelegen hadde. sächs. weltchronik 231.
α) mit accusativ der person.
1)) mit genetiv des objects: tu hant dar na sal he ine geweldigen siner gewere, of it jene, uppe den die klage gat, nicht ne weder redet mit rechte. Sachsenspiegel 2, 25 Homeyer; dries over viertennacht sal man aver jenen vore laden vore to stande

[Bd. 6, Sp. 5172]


sin gut, of he wille; ne dut he 's nicht, man geweldeget is jenen, die dar up klaget. ebenda (landrecht) 3, 5 § 1 Homeyer; hevet en man geklaget uppe gut to dren dingen, man sal ine dar in wisen unde sal is ine geweldigen. 1, 70 § 1; ab ein gast dem andirn in unsirm gerichte sein gut vorspreche is were erbe adir varnde habe, adir ein burger dem andirn und dem das gut vorsprochin were, der were nicht keginwortik und der selbe ansprechir das gut czu den dren dingen uff gebotten hette und irclagit vor sine schult, ab man den des gutis czu virden dingen geweltigen sulle uff burgen adir ane burgin. Magdeburger fragen 2, 2, 3a (Behrend 156); swelich man erve hevet to pande, but he it up he scal it halden seven weken, but he it up ander warve, so sal he it höde unde morghene. to deme dridden male wert he is ghewoldeghet. stadtrecht von Celle bei Leibnitz script. Brunsv. 3, 383; sint si de richtere der vrowen vormünde, unde geweldege se von gerichtes halven irs gudes, des se untweldeget was. Sachsenspiegel 1, 41; so scal ene thes erves weldeghen the voghet unde the rat. recht von Stade bei Haltaus 2024; unt wart Ainweg mit frag unt mit urtail desselben guetes gesaitzt in nutz und in gwer unt wort ime ein fronipot gegeben von mir und von dem Granns Ainweigen ze gweltigen desselben guets. monum. boica 3, 354 (1293).
2)) mit präpositionalverbindung: wolde dan de genne, deme also ein erve vor sine schulde angeweldigt is, dat erve upbeden, dat schall he doen tho dren echten dingen etc. so schall de radt mit des richtes baden den upbeder weldigen und weren laten in dat erve, dat schall he den holden soss weken und dre dage etc. recht von Verden, art. 47, s. Haltaus 2024.
3)) mit ellipse des sächl. objects: dat wir ... si ouch ind ir erfnamen an dat vurschreven erve ind gut brengen ind doin schriven ind geweldigen na rechte ind gewoenden der stede van Cölne. Kölner urkunde von 1349 bei Lörsch und Schröder urkunden zur gesch. d. d. privatrechts 2 nr. 201.
β) accusativ des objects neben dativ der person: wirt eime manne sein gut mit gerichte vorsprochen unde entrinnet der, den bedarff man nicht vorladen, mer der cleger sal das gut zcu dren gehegeten dingen uffbiten. kumpt denne iener nicht, so sal der richter deme cleger das gut vor sine schult geweldigen. Magdeburger fragen 2, 2, 2 (Behrend 155); welch man ein gut hat daz im gesatzt ist umme schult. unde claget das in gehegetem dinge alse lange bes das man im mit rechten orteilen gewaldiget und geeigent daz gut vor sin gelt. der mag denne domete tun und lassen was her wil. das alte Kulmische recht 3, 100 (Leman 83); wirt einem manne ein erbe gesatzt in gehegetem dinge vor tzehen mark das hundertir adir mer wert ist. und das alle dinge tage ufbietet alse recht ist. und das selbe erbe adir gut im geweltiget und geeigent wirt mit rechte. so mag her das gut vorkoufen adir behalden. 3, 104 (84). vgl. auch 3, 106 (85); so vint man man sulles im gewaldigen. Oschatzer handschr. des richtsteigs landrechts 14, 3 (niederdeutscher text: so vintme me scoles eme weldegen. Homeyer).
b) andere richtungen der bedeutungsentwicklung:
α) das di alden ratmanne di nüwen waldigen. wenne di alden ratmanne die nüwen kisen. do swern di nüwen ratmanne. und geloben den alden nicht abe tzu nemen allis das si bi iren getziten von der stat wegin getan han. und wenne das geschen ist. so waldigen di alden ratmanne di nüwen und setzen si an ire stat. von rechts wegen. das alte Kulmische recht 1, 2 Leman; item were sache, dat einich geweldigit scheffin gesunne geboitz oevermitz richter und scheffin, so wat urkunde davan geborint, dei sal hei gheiven. (1387) recht d. schöffenschreins, akten z. verfassung der stadt Köln 562 und öfters.
β) ich sal lobin dich, herre, wen du inphingist mich, noch nicht ingeweldigis di vinde min uf mich. Trebnitzer psalmen 29, 2 (nec delectasti inimicos meos super me; mînen fienden ne willotot an mir. Notker; und lessest meine feinde sich nicht über mich frewen. Luther, ähnlich Melissus).
2) gewaltigen = eines andern, einer sache gewaltig sein, werden. vgl. geweldigen .. overweldigen, bemechtigen, sich mester maken von iemand. Vervijs und Verdam 2, 1880; dieselbe gewältigen, vi resistere. Frisch 2, 420b; gewalt, d. i. überlegene macht über etwas bekommen; in welcher bedeutung es doch nur hin und wieder im gem. leben, besonders im bergbaue im figürlichen verstande üblich ist. Adelung 2, 649. ähnl.

[Bd. 6, Sp. 5173]


Voigtel 2, 79; gewäldigen, bedwingen, overweldigen. Weidenbach 436b; gewältigen, besetzen, zwingen. Thiel landwirthschaftliches conversationslexikon 4, 420.
a) für die ältere sprache kommen, wie schon hervorgehoben, zwei hauptformen des gebrauches in betracht, je nachdem die machtausübung als ein verhältnis zweier sich entgegen wirkender kräfte erfaszt oder an recht und moral abgemessen wird. vgl. den gegensatz von bewältigen überwältigen, und vergewaltigen.
α) die bedeutung von bewältigen, zwingen, überwinden.
1)) beziehung auf persönliches object.
a)) die überwindung durch körperkraft und waffengewalt:

es aver, dat et alsô ergêt,
dat mich geweldeget ofte slêt,
so gedinge ich, dat Ascânius
met frede mœte hinnen varen.
H. v. Veldeke Eneide 11732 (310, 2) Behaghel (varianten beweldeget, zwingt);

er geweltigt mich mit sîner hant
und hât mich, frowe, her gesant,
daʒ ich der selben schulde
gewinne iwer hulde.
H. v. Aue Erec 1247 (handschrift, bei
Haupt gwaltte, bei
Bech gevalte);

de koninc Frederic vor do mit groter craft to Rome unde warf umbe de wîenge; in deme wege gewaldegede he alle de ime wider weren. sächsische weltchronik 221. vgl. Schiller-Lübben 2, 101; haben gesagt, si woln verziehen, bis si sehen, was die erbern stet handlen, und, si werden dan geweltigt, von aim rat nit zue weichen. Memminger ratsprotokoll (1525) bei Baumann acten zur gesch. des d. bauernkrieges s. 43.
b)) bedeutungsverengerung dieser verwendung innerhalb der rechtsprache: künden sie dann diejenigen üblthätter ze wegen bringen und geweltigen, sollen sie daran kainen fleisz sparen. landrecht von Wartenfels, österr. weisth. 1, 161; traut er ime solche leüt selbs zu geweltigen ist es wol unde guet. ebenda; ob ainer des gotshausz untersäsz und zuegehoriger ainen andern oder mer bei tag und nacht in sein hausz oder andern ungewöndlichen stetten oder der herrschaft zu nachtl enthielt, begriffen und denselben nit allain gewaltigen möcht, so sol und mag er ainen oder mer seiner nachbern zu im erfordern. banntaiding von Millstatt (16. u. 17. jahrh.), österr. weisth. 6, 476; wer in diesem gericht begutert und sesshaft ist, dem soll man um kein geldtschuldt gewältigen noch in gefängniss legen. weisthum zu Oberhillersheim, s. Grimm weisthümer 4, 603.
c)) übertragung:

mich machten trunkin mîne man,
daʒ ich hûte alse ên tôre gân,
von dû nekan ich nicheime gôten knechte
geanwarten zô rechte.
mîn drouwe newart nie von sinne getân,
des geloubit mer, hêrre Aspriân,
wan diz mer noch in deme lîbe umbe gât
unde mich sô geweldigit hât,
daʒ ich widir ûweris hêrren man
negeine gôte rede nekan. könig Rother 1027 v. Bahder;

er solte den tiufel alse krefteclîche überwinden dir ze êren unde durch dîne gehörsame, alse lîhteclîche er sich hete gelâzen überwinden unde gewaltigen mit den sünden, dir ze laster. David v. Augsburg vgl. ztschr. f. d. alt. 9, 12; also solt du ... mit vernunfft dich geweltigen. Geiler sünden d. munds 54a; also wie wir euch anzeigen, sollendt ihr merken, das die geist den schuldigen geweltigen. Paracelsus op. (1589) 1, 54; so du magst durch gehorsam der kranken dir schwere sorg und läst abwenden, so gewältige den kranken, ist besser, er greine, dann du. opus chirurg. 3.
2)) beziehung auf objecte aus der thierwelt: nu sage mir .. wer zemit das wilde dier. wende des menshen wisheit .. wer geweldiget daz wilde tier. wen dez menshen undersheit. Salomonis hus 13 bei Adrian mittheilungen aus handschriften 420; ausz dem folget nuhn, so es perficirt ist und gutt gerathen, dasz der traum fisch fahet und sie gewaltiget. Paracelsus op. (1596) 10, 233.
3)) sächliche objecte.
a)) überwindung durch waffengewalt:

ther keiser ist thâ here komen ...
kumet er uber berge.
er gewaltiget unser erbe.
Konrad Rolandslied 418 Bartsch;

alsus geweldegeden se dat lant unde tovorden bischopdome, clostere unde kirken. sächsische weltchronik 254; also zog er für ein stadt Longula genannt, die gewaltiget er bald. Schöfferlin Livius 31;

[Bd. 6, Sp. 5174]


bisz doch der blutig krieg an gaht ...
hat wol offt ein ringen anfang,
doch wird er stercker in dem gang
und thut sich also manigfeltigen,
das man ihn nicht mehr kan geweltigen,
ihn nicht mehr halten in dem zaum.
H. Sachs (d. schedlich gros u. starck thier, d. krieg) 3, 467 Keller;

wo aber jemand der execution wolte widerstehen oder dieselbe gewältigen. Sigismund teutsche constitution in Preuszen (1538) § 13. vgl. Frisch 2, 420b.
b)) übertragung.
α)) wan der rauch, der auf gêt von dem magen in daz haupt, betrüebt die gaist, daz der sêl kreft si nicht gewaltigen mügent in irn werken. Konrad v. Megenberg buch d. natur 8, 29; so hat doch seine adeliche tugent den zorn gesenfftiget, und in etwan so gar geweltiget, dasz ... Aimon vorrede.
β)) so ist ein grosser stock, der sein hertz, und andere grosse wurtzeln hat, nicht leicht zu geweltigen. Mathesius hochzeitspredigten 109 neudruck; land nit mer (des weins) uf einmal in, denn ir wol mögend gewaltigen. N. Manuel an den Berner rat s. Bächtold einleitung s. 33; was geweltiget eisen? eisen allein, daz ist der hammer. Paracelsus op. 4, 258 (1589).
γ)) greiffen mit der hand z, die dunn ist mir z schwer, ich kan dz allein nit gewaltigen. Till Eulenspiegel (1515) 100 neudruck; nun wie kan ich wider das sein, oder das gewaltigen, das mir zu gewaltigen unmöglich ist. Paracelsus op. (1589) 2, 173.
β) die bedeutung gewalt anthun, violare: geweldigen, geweld doen. Verwijs und Verdam 2, 1880; violare, geweltigen, notzwingen, notzogen, beleidigen, verletzen. Frisius 1385; gheweldigen, vim facere. Kilian K 4b. ebenso Henisch 1590. für diese verwendung des verbums liegen zahlreiche concurrenzformen des gleichen stammes vor: wältigen (obe sie ieman von unrecht weltigen. Windeke 104 Altmann u. a.), begewältigen (o mein volk, buben begewaltigen dich und weiber herrschen über dich. Züricher bibel Jes. 3, 12 u. a. vgl. auch Henisch 1590 und oben theil 1, sp. 1292); überwältigen (facere vim alicui, einen übergwaltigen. Frisius 1390b), vergewaltigen (einen verunrechten und vergewältigen. bair. landtagshandlungen 10, 181 Krenner s. Schmeller 22, 909 u. a.) und vergewalten (vgl. ebenda aus Hans Sachs). neben unserem verbum sind in dieser bedeutung besonders häufig persönliche objecte belegt, wobei die beziehung auf das weibliche geschlecht die engere bedeutung 'notzüchtigen' entwickelt. unter den unpersönlichen objecten hat die bibel mit ihren einzelnen textstellen in der polemik der reformationszeit besondere geltung gewonnen.
1)) persönliche objecte.
a)) weitere bedeutung: ich neme nit alles das goldt der gantzen welt, das imandt hant ine zu geweltigen an ihn leget. Aimon bog. e;

ir einer kam herfürhär gan
und wolt den bruder gewaltiget han
stiesz im das sacrament in hals.
Murner 4 ketzer L 2a;

(die einwohner v. Enos) waren fraisam wüetrich, geweltigeten iederman, vermainten grausam zu sein und gewalt treiben wär das recht, wer mêr gewalt hiet und mêr benötiget hiet mêr recht. Aventin 4, 49; darumb si waren umbgefallen, allermeist auch darumb das si selbs herren wolten sein diser mechtigen insel, wie si in diser umgiengen in aller geilheit und mtwillen mit rauben, stälen, und iederman z gewaltigen. S. Franck weltbuch 224b; der herr des landes geweltiget sie und geschendet sie. Keisersberg brösaml. 1, 41a;

o selig wer gantz teutsches land,
wenn es auch hette zu beistand
ein sollichen theuren hauptman,
der im auch liesz zu hertzen gahn
der tyrannen unbilligkeit,
die sie treiben zu diser zeit,
unverschämet mit frefler hand,
mit raub, gefencknus, mord und brand,
die frommen schätzen, gwelting und zwingen,
wider gott, ehr und recht sie dringen.
H. Sachs (Philopomenes, der getreu hauptman) 20, 467 Keller-Götze;

der fchs, welcher (als die fabel laut) vor seinem herren dem lewen, verclagt, das er ein schedlicher amptmann were, die armen leut, nemlich hüner, enten, und gens gewaltiget, und auch etlich umbrecht und uff fresse, sich verantwort sprechende. Reinhard Lorich wie junge fürsten ... underwisen mögen werden (sammlung selten gewordener pädagogischer schriften 11, 54); auff den nechsten tag auf sant

[Bd. 6, Sp. 5175]


Othmars tag feng man ein hie, der ander endrann. waren irer zwenn, hetten ain gewaltiget und im hochmtt angelegt. d. städtechron. 23, 463 (Augsburg, fortsetzung des Mülich); wider recht gewältigen oder verdrucken. r. a. von 1515 § 5; do wurden die stett z raut, daz man si gewaltiget von baiden tailn. d. städtechroniken 4, 72 (chronik von Augsburg); frau Mathild die herzogin gab etlichen clöstern vil freihait .. die wolt phalzgraf Rudolph ir sun nit halten. und wurden also dermassen der sach uneins, das phalzgraf Rudolph ... si .. gefangen gein München füert .. die herzogin .. clagt irem brueder dem künig über den sun, der hiet si geweltigt wider alle pilligkait. Aventin 5, 416;

wir narren stecken kein ander zil
dem, der unsz narren geweltigen wil,
on recht unsz wil mit gewalt vertreiben,
und laszt unsz nit bei recht bleiben.
Murner vom groszen Lutherischen narren 570 Kurz;

einen gewaltigen, alicui vim inferre, adferre, offerre. Aler 935a.
b)) bedeutungsverengerung: gewaltigen und verseren an der iungfrauschafft, violare. vocab. optimus (Lotter) 1504; ebenso vocab. incipiens teuth. (afferre vim mulieri); geweltigen, gewalt an si legen. Frisius 1390a; das andere: si süllend ainander lieb han lebent und tod, und sol kains an dem andern prechen. es schreibt Sant Jeronimus das ain fraw hiess Lucrecia, die ward gewaldegot von des künigs sun ze Rom, die erstach sich selber, das kain fraw geren hernach det, das si vil ungeren det. meister Ingold guldin spiel 19 E. Schröder, vgl. Ch. Schmidt wb. der Elsäss. mundart 143b; da nichts an inen (den juden) wolt helfen, wardens zuletzt bezwungen, kamen in der Römer, ir feind, hand, muesten zuesehen, das man ire hausfrauen jemerlich hin und her flaischt, muetwilliget vor iren augen, weib und junkfrauen notzerret, geweltiget, als die seck und kotzen umbzoch und failfüert. Aventin 4, 831;

'kein frouw sol sprechen durch min thadt
das man ie si geweltiget hat!'
Murner gäuchmatt 47, 210;

vgl. DWB hab ich kein weibsbild je begwaltigt. Hedio Josephus 371b; vgl. vergwaltigter notzwang. bair. landrecht von 1616 s. 801. Schmeller 22, 909.
2)) unpersönliche objecte:
a))

in thûhte wie er zu Âche wâre
unde ein bere vor ime lâge
mit zwein ketenen gebunden.
sâ ze then stunden
ther pere in vaste ane sah.
thie ketenen er bêthe cebrah.
ane lief in ther pere.
thie fursten wolten in weren:
ther keiser nemahte sih sîn niht erhalen.
er gewaltigôte ime then arm,
thaz fleisc er ime alleʒ abe brah. Rolandslied 3077 Bartsch;

ob man gleich die glider gewältigt, den leib fähet, ia gar tödt, ist doch unser will nit gewaltiget, gefangen und getödt. S. Franck paradoxa 165a.
b)) so du nun aber hie zwei mal die heilig geschrifft nit nach irem sin usz legst, sunder wider iren verstand gewaltigest. Murner an den adel .. tütscher nation 17 neudruck; welicher die geschrifft mer gewaltige, Luther oder die in ein ketzer schelten. Zell verantwortung F 3b. vgl. Schmidt Elsäss. mundart 143b; sagt doctor Murner aber in seinem bchlin, 'auch seint vil wie doctor Luther, die solliche wörter des heiligen evangelii bezwingen, und uff iren sinn gewältigen, dann weder die wörter, dann der sinn geben mögen'. Karsthans (Böcking Hutten 4, 641); damit allen menschen iedweders gnüg beschäche oder doch geschickte verantwurt gegnete, dasz weder wir noch die frommen gleerten, die wir der dingen wegen verhört, überdacht möchtind werden, sam wir als die eigensinnigen das wort gottes gewaltigen und nach unsern köpfen verstan, und demnach striten und gachen wellind: habend wir einen gngsamen verzug, namlich länger dann ein halb jar, angesehen. Zwingli (ratschlag von den bildern und der mesz) 1, 573; disz seind n gantz ausz erzcwungen unnd geweltigete auszlegung. Luther (auslegung des 109. psalms) 9, 201.
b) für die neuere sprache, die die parallele mit violare nur noch in dem compositum vergewaltigen lebendig erhält, hat andrerseits die entwicklung des verbums in der bergwerksprache bedeutung gewonnen. die wechselwirkungen zwischen diesem sondergebrauch und der allgemeineren verwendung bedürfen eingehender prüfung.
α) das verbum in der bergwerksprache: eine alte pinge geweldigen, puteum veterem instaurare. Agricola de re metallica

[Bd. 6, Sp. 5176]


(1546) 483. vgl. Berward interpres phraseolog. metallurgic. (1673) 18. Meltzer beschr. der stadt Schneebergk (1684) 510. 522; gewältigen ist die tieffsten entweder von hineingestürzten bergen, oder zugelauffenen wassern saubern und zu sumpff bringen. A. v. Schönberg ausführliche berg-information (Leipzig 1698) 2, 44. genau so Hertwig bergbuch (1710) 178b und Chomel 4, 1040; ebenso Hübner 865. minerophilos 289; alte berggebäude gewältigen, sie säubern und mit neuer zimmerung versehen. eine zeche wieder gewältigen, sie, nachdem sie verlassen worden, wieder mit arbeitern belegen. das wasser in den berggebäuden gewältigen, es fortschaffen. Adelung 2, 649; alte berggebäude gewältigen. Voigtel 2, 79; gewältigen (in mining) das wasser — to draine a mine, to emply it of its waters; eine zeche wieder gewältigen, to work again one mine that had been abandoned, it. to repair or restore a mine. Hilpert 1, 463a. vgl. gewältigen Scheuchenstuel 102. Veith 230; gewältigen ... das in einer grube befindliche wasser durch kunstzeuge herausschaffen. 4. eine verlassene zeche wieder bauen und das verschüttete wegschaffen. Thiel landwirthsch. conversationslex. 4, 420. wie sich aus diesen darlegungen, namentlich aus der buchung bei Adelung ergiebt, sind es verschiedene verwendungen, die in dem bergmännischen gebrauch des verbums zusammentreffen, die wasser gewältigen, einen bau, eine zeche gewältigen. diese unterschiede spiegeln sich auch in den zusammensetzungen wieder, denen das verbum zustrebt, auf der einen seite: abgewältigen (vgl. Veith 6), weggewältigen (565), auf der andern seite aufgewältigen. vgl. besonders wird der ausdruck gebraucht, wenn der grubenbau wegen mangelnder unterstützung zusammengebrochen war. dann besteht das 'aufwältigen' im entfernen der bruchmassen und im wiederherstellen des grubenbaues. Lueger lex. der gesamten technik 1, 537. vgl. auch oben theil 1, sp. 657 und Veith 31. die erste der beiden verbindungen scheint unmittelbar an gewältigen = bezwingen, überwinden anzuknüpfen, und könnte durch erweiterung des kreises der objecte auch die zweite gruppe von verbindungen veranlaszt haben. nun wird aber durch die chronologie der belege gerade diese zweite gruppe in den anfang der ganzen entwicklung gerückt, und hier zeigen sich auch verwendungen, die sich als ausgangspunkte verwerten lassen. denn während die bedeutung gewaltig machen = stark machen, fest machen sich entschieden als eine später entwickelte vorstellung darstellt, die dem zusammenhang einzelner verbindungen erwächst, führen die ältesten belege auf ein gewaltigen = in besitz nehmen zurück, das die an gewältigen 1 (sp. 5171) belegte bedeutung in unserer gruppe wieder aufnimmt. der accusativ des objects an stelle des genetivs läszt sich hier in der gleichen weise erklären wie dort. für die weitere entwicklung hätte man dann mit der beeinflussung durch die bisher belegten verwendungen von gewältigen zu rechnen. so konnte die verbindung einen stollen, eine zeche gewältigen unter dem einflusz von gewältigen = zwingen, überwinden, leicht zu den weiteren verbindungen führen, wie einen gestürzten berg gewältigen, die eingedrungenen wasser gewältigen. von diesen drei erwähnten möglichkeiten kann jeweils eine auf die auffassung dessen, der das wort gebrauchte, einflusz ausgeübt haben.
1)) einen stollen, eine zeche, einen bau gewältigen.
a)) wir geben inen auch frist zu suchen und zu gewältigen dri oder vier schacht oder stollen, bisz sie erfaren, wo hin sie ir funtgrube setzen sollen. (Heidelberg 1476) bei Mone ztschr. f. d. gesch. d. Oberrheins 1, 46; Josaphat macht ein gewerekschafft, mit einem gottlosen herrn, da er in Ophir, Salomonis zeche wider geweltigen und belegen wolte. Mathesius Sarepta 35a.
b)) unter andern hat bapst Clemens II. durch die Fucker etliche erfahrne bergleut .. von Schwatz ins Welschland holen lassen, und ihnen befohlen etliche alte schächte auff den verlegenen bergwercken wider auff zunemen, und zugewaltigen, auch newe gänge ausschürffen und zuschmeltzen. Albinus Meisznische bergchronika (1590) 95; da aber einer oder der ander sich gewaltsam und eigenmächtig unterstehen, und einigen schacht, schürff, püngen, stölln .. verziehen, und die halden einebnen würde, der oder dieselben, so offt sie das übertreten, sollen uns 20 schock gr. Böhm. zur straffe verfallen sein .. da verordnet, dasz solche eingeebnete püngen, schacht, schürffe, über die straffe der 20 schock gr. Böhm. wieder sollen gewaltiget und geräumet werden, wie sie vorhero gewesen. Span bergrechts-spiegel (1698) 183; wo einer oder mehr auff unsern königl. gründen bergwerck oder metall suchen, alte verlegne zechen gewältigen, oder im bauen der zechen oerter belegen wolte, derselbe soll ... zum hoffmeister

[Bd. 6, Sp. 5177]


oder des orts bergmeister gehen. 217; auch wo erstickt und ertrunkene zechen sind, die kein rad noch gewältigen kann, oder gewinnen ... das giebt man ihm darzu. altes Schemnitzer bergrecht s. Wagner corpus juris metallici 166; wenn ein auflässiger stollen verbrochen ist: so haben die gruben ... das recht, den stollen in ihrem felde selbst zu gewältigen. allgemeines (preusz.) landrecht 2, 16; der bau war häufig dem ersaufen ausgesetzt und es ist wiederholt der fall vorgekommen, dass derselbe kaum gewältigt und wieder belegt, auch schon wieder verlassen werden musste. jahrbuch des schles. vereins für berg- und hüttenwesen (1861) 18a.
2)) gebirge, erz, wasser gewältigen.
a)) in alten gebäuden den dahin gestürtzten berg wegräumen und gewältigen. A. v. Schöneberg redensarten bei berg- und schmeltzwercken (1698) 5; edelgestein bestehen in die länge nicht im feuer, sie werden gewältiget, bezwungen, und zu raüblein und körnlein, wie den cementirern bekannt ist. Otho evangelischer krankentrost 320; gebirge aufgeschlossen durch bergbau, bedeutende naturproducte roh aufgesucht, gewältigt, behandelt, bearbeitet, gesondert, gereinigt und menschlichen zwecken unterworfen: dieses war es, was ihn ... höchlich interessirte. Göthe (Bacon von Verulam) 53, 160;

das erz, das spröde gewältigend durchs feuer.
Rückert ged. 1, 46.


b))

frau braut der knapp ist wol der beste
den gruben-compasz braucht er auch,
er wird bald muthen und drauff schürffen
bestätigen und werffen seil,
bisz er wird gar ansitzen dürffen
die fluth verschroten in der eil.
darnach gewältigen und machen,
damit er recht zu tag ausfährt.
H. Mühlpforth teutsche gedichte (1686) 133 (bergreihen auf C. W. hochzeit);

so sind denn die wasser wieder gewältigt! wie sehr beruhigt mich das einstweilen, bisz mir, nach dem versprechen, ihr nächster brief das genauere erzählt. Göthe an Vogt s. briefe 8, 317; wir sind auf dem wege die wasser zu gewältigen die uns vertrieben hatten, eben als wir die ungeheure masse gips durchsuncken hatten und auf das dachgestein, das über dem flöz liegt kamen. an Jacobi (9. sept. 1788), briefe 9, 20; dann ritt ich nach Ilmenau wo sie ernstlich beschäftigt sind die wasser zu gewältigen. an herzog Carl August (1. oct. 1788), briefe 9, 36; sollte der schacht voll wasser stehen, so musz man suchen dieselben durch rober oder auch allenfalls durch handpumpen herauszuschaffen oder zu gewältigen. Köhler bergm. taschenbuch (1791) 153; gewaltigen, die wasser, eine grube mittelst maschinen von den grundwassern befreien. C. Hartmann handwb. d. mineralogie, berg-, hütten- und salzwerkskunde (Ilmenau 1825) 1, 298; gewältigen des wassers ist der inbegriff der arbeiten, durch welche man das wasser aus den fundamentgruben schafft, um das legen der roste oder der fundamente trockenen fusses bewirken zu können. Helfft encycl. wb. der landbaukunst (1836) 143.
β) mit dieser zweiten gruppe von verbindungen steht der allgemeinere litterarische gebrauch des verbums in wechselwirkung. vgl. gewältigen (little used), to get the better of, to subdue v. bewältigen. Hilpert 1, 463a (notiz vor den oben angeführten belegen für die bergwerksprache). dieser allgemeinere gebrauch wurde namentlich in der sprache Göthes von einzelnen forschern beobachtet und ist neuerdings ausschlieszlich aus der bergwerksprache erklärt worden. vgl. Düntzer zeitschr. f. d. phil. 31, 550. Bouke wort und bedeutung in Göthes sprache 265 ff. dem gegenüber ist hervorzuheben, dasz der gebrauch auf Göthe nicht beschränkt ist, sondern vor und nach diesem in einzelnen wendungen belegt wird, die unmittelbar an die unter a, α) aufgeführten anknüpfen. so wird allerdings Göthes besondere neigung für das verbum in dem einflusz des bergmännischen terminus eine erklärung finden, der gebrauch selbst aber darf nicht allein hieraus abgeleitet werden.
1)) persönliches object:

Isis, du gottbegnadete mutter,
die du tränkest alle wesen mit göttlichem licht,
die du, die zarte, die ew'ge,
als jungfrau dich nahend den sündigen menschen,
verkläret, gewältigt durch ewige kraft,
den meister, den heiland gebarst.
Z. Werner templer auf Cypern 2, 1;

'wem dank' ich dies höchste glück?' ..
'ihm, der herrschet ob den herrschern,
der gewältigt die gewalt'gen,
dem das glück des Böhmenkönigs,
was des Ungarkönigs glück!'
Grillparzer (Rudolf und Ottokar) 25, 233.

[Bd. 6, Sp. 5178]



2)) andere lebewesen: der barbier kam in verlegenheit, so ein schwein könne er nicht bezahlen, auch nicht gewältigen in seiner kleinen haushaltung. Hebel (freund in der noth) 3, 59.
3)) sächliche objecte.
a)) Christus war auf erden, das allgemeine hindernisz zu gewaltigen. Claudius 8, 68; er schlief endlich ein und erwachte nicht eher wieder, als bis die sonne mit herrlichem blick hinaufstieg, und die frühsten nebel gewältigte. Göthe (wahlverw. 1, 13) 17, 142;

gewältigt gehorcht uns die wogende macht.
Körner 1, 149.


b)) Deutschlands alte kraft, macht und herrlichkeit haben sie vorzüglich gebrochen und einen seuchenstoff hinterlassen, dessen fluggift erst unsere nachkommen völlig gewältigen werden. F. L. Jahn 2, 2 s. 555; an jener neigung Roger Bacons, das unbekannte durch das bekannte aufzulösen, das ferne durch das nahe zu gewältigen, ... schlieszt sich eine eigenheit an, welche genau beachtet zu werden verdient. Göthe (geschichte der farbenlehre 1) 53, 104; der genialste scharfsichtigste mann selbst hatte die natur nur en gros gewältigen und beherrschen können. (geschichte meines botanischen studiums) 58, 104; daher war die höhere mathematik ihm (Newton) als das eigentliche organ gegeben, durch das er seine innere welt aufzubauen und die äuszere zu gewältigen suchte. (geschichte der farbenlehre 2) 54, 98; denn obgleich die vorliegenden papiere von bedeutung waren und genugsamen gehalt lieferten, so blieb doch die verschiedenartige form desselben schwer zu gewältigen und in irgend ein congruentes ganzes zusammenzufügen. (tag- und jahreshefte) 32, 61; an eben diese betrachtung schlieszt sich die vieljährige richtung meines geistes gegen die französische revolution unmittelbar an, und es erklärt sich die gränzenlose bemühung dieses schrecklichste aller ereignisse in seinen ursachen und folgen dichterisch zu gewältigen. (bedeutende fördernisz) 50, 96; endlich ward eine indische, mir längst im sinn schwebende, von zeit zu zeit ergriffene legende wieder lebendig, und ich suchte sie völlig zu gewältigen. (tag- und jahreshefte) 32, 188; er findet sich in der klemme zwischen dem denkbaren und dem wirklichen, und indem er beide zu gewältigen oder zu verbinden mäszigung anrathen musz, so musz er selbst an sich halten, und, indem er gerecht sein will, vielseitig werden. (zu brüderlichem andenken Wielands) 32, 244.
 
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gewaltiger, m., nomen agentis , das ebenso den bedeutungsgehalt von gewaltigen als den von gewaltig in die categorie des substantivs überführt. die ersten beispiele reichen in die mittelhochdeutsche periode zurück. vgl. gewaldigêre, gewaldigære, gewaltigære. mittelhochd. wb. 3, 477b. (bei Lexer 1, 974 sind die meisten der neu beigebrachten belege zu streichen, weil sie casus- oder steigerungsformen des adjectivs darbieten.) für die ältere zeit schon gabelt sich der gebrauch: einerseits weist das substantiv auf gewaltig, potens, zurück, und zwar in einer engeren abgeleiteten bedeutung, die in der beziehung auf Christus zu tage tritt. in anderen belegen berührt sich das substantiv mit gewaltigen, vim afferere, erobern, wobei der charakter des nomen agentis kräftig gewahrt bleibt. dieser gegensatz beherrscht noch mehr die spätere entwicklung, in die das substantivierte adjectiv gewaltig mit der isolierten form des starken nominativ masc. eindringt, vgl. oben sp. 5141. der wechsel zwischen umgelauteten und nicht umgelauteten formen fällt hier wenig ins gewicht, der umlaut ist spärlich belegt und anfangs auf die erste gruppe beschränkt (geweldiger Muscatplut. geweltiger Dietenberger. Eck. gewältiger Tiroler landesordnung. Thurneiser. Zincgref), erst später dringt er vereinzelt auch in die zweite gruppe über. vgl. geweltiger bei Frisius, gewältiger bei Simrock.
1) die anknüpfung an gewaltig = potens:
a) die ältesten belege zeigen das substantiv, wie schon angedeutet, nur als beiwort Christi, und hier erweist sich aus dem zusammenhang, dasz die function eines nomen agentis, wenn sie überhaupt zu grunde lag, jedenfalls verblaszt ist:

die tûfel alle wunder nam
wer dirre wunderêre,
der êren konic, wêre.
sie riefen 'alle jarâ jâ
wer ist der? wer sturmet dâ'?
dar und dar er aber stieʒ,
in er balde lâʒen hieʒ
einen hôhen konic hêr.
die tûfel wunderte aber mêr,
wer der gewaltigêre,
der êren konic, wêre. erlösung 5032 Bartsch;

[Bd. 6, Sp. 5179]



ein starc gewaltigære.
waʒ ob sich unser swære.
mit dem selbem endet.
er hat mich her gesendet. urstende 124, 56 Hahn;

der gewaldigære,
von dem diu starken mære
die wîssagen hânt geseit.
Reinbot heil. Georg 49a Hagen.


b) ebensowenig macht sich die function eines nomen agentis in einigen belegen aus der älteren neuhochdeutschen periode geltend, die der weitesten und allgemeinsten bedeutung von gewaltig, potens dienen und die sich nur formell vom adjectivgebrauch unterscheiden, indem sie die form gewaltiger auch da fortführen, wo der nom. sing. masc. der starken flexion nicht zuständig ist:

wir sehen die trahten nâch grôʒen êren,
die nie wurden herren kint
und weder gebûre noch ritter sint;
gewaltigêr ûf hôhen pferden
machent in namen hie ûf erden. renner 1091 (oder comparativ?);

ir fursten herren ritter knecht
das ist uff uch gesungen.
wan ir doch sit in duser zit
geweldiger des rechten
und habt dar z in uwer hantlude und lant
eer und gt,dar umb so dt
weder die eer nit fechten.
Muskatplüt 69, 57;

vgl. einer ist der höchst schöpffer als gewaltiger aller ding, ein gewaltiger künig. Eggestein Sirach 1, 7 (ebenso Koburger, omnipotens; allmechtig, ein gewaltiger könig. Luther); der selige und allein gewaltiger, der könig aller könige, und herr aller herren. Luther 1. Timoth. 6, 15 (der alain gewaltig. cod. Tepl.; geweltiger könig aller könig. Dietenberger und Eck; beatus et solus potens rex regum).
c) noch sicherer weisen andere verwendungen auf das substantivierte adjectiv, die die bedeutungsverengerung auf grund der ellipse durchführen.
α) gewaltiger, dynastes vel dynasta. Dasypodius 340; gewaltiger, ein oberoffizier. milliarcha, gewaltiger über 1000 ritter. centurio, gewaltiger über 100 ritter. Brack vocab. 15b, nach Frisch 2, 420b; gewaltiger, gewaltsbott, in einer stadt, oder im kriegsheer. Bayer 290b; indem Titus mit seinen verwanden, sich an den jungferdieb zu rächen rüstet, und die rotte des gewältigers ihm beizustehen verordnet wird, bemühet sich Sinat Paradee zu bereden, dasz sie seines willens zu werden geruhen wolte. Harsdörffer 6, 101; die, so etwas, das den gewältigern miszfelt, thunt. Thurneiser von wassern 271.
β) der mann sei von weibs gut gewältiger, besitzer, niesser und bewarer. landesordnung der grafschaft Tirol von 1603 bei Schöpf 798.
γ) als sich die Jesuiten berühmten, dasz sie so viel .. in der Pfaltz bekehrt hetten, antwort (er), nicht ihr, sondern die provosen, geweltigers und executores. Zincgref 3, 51; überantworteten mich dem gewaltiger, welcher mich seinem befehl gemesz, mit eisernen ketten und banden an händen und füssen, noch ein mehrers zierte. Grimmelshausen Simplicissimus 55 neudruck; wir gefangene wurden strack zum commandanten geführet, welcher sich sehr über meine jugend verwunderte ... darauff befahl er uns zum gewaltiger zuführen, und erlaubte doch dem cornet auff sein anhalten, uns zugastiren. 250; der gewaltiger. Ziegler schaupl. 661b; gewaltiger, oberster feldprofos alias generalgewaltiger. Stieler 1481; gewaltiger, in bello etiam est quaesitor, präfectus rerum capitalium, latrunculator. ebenda; gewaltiger, in einer stadt oder kriegsheer, rerum capitalium praefectus. Aler 934b. ähnlich Bayer 290b; general-profosz, general gewaltiger, rumormeister .. führet das commando über die profosen und stecken-knechte .. und ist sein amt, die strassen rein und sicher zu halten; und die deserteurs, oder die dem landmann wider ordre schaden zufügen, auch so gleich am leben zu straffen. Fasch kriegs-ingenieur lex. (1735) 355 f.; gewaltiger, generalgewaltiger, prevôt de l'armée. Rondeau-Buxtorff 254. ebenso nouveau dictionnaire (Straszburg 1772) 339a; gewaltiger, m. (in military affairs), obergewaltiger, generalgewaltiger, provost marshal of an army. it v. scharfrichter. Hilpert 1, 463a; bei Schmeller 22, 909 sind aus der bairischen infanterieordnung von 1720 beispiele angeführt, die zeigen, dasz die flexion des wortes in der schriftsprache da und dort wieder dem schema des substantivierten adjectivs zustrebt (gewaltiger, uber dem gewaltigen); ebendort wird auch aus einem russischen armeebefehl von 1839 das eindringen in die russische militärsprache belegt (gewaldiger,

[Bd. 6, Sp. 5180]


reserwnoi diwisü 6). zu der bildung generalgewaltiger, die in allen angeführten wörterbüchern bald als synonym, bald als bestimmter typus des simplex verzeichnet ist, vgl. oben sp. 3777.
2) das nomen agentis zu gewaltigen, vim afferre, violare.
a) die ältesten belege entstammen der rechts- und geschäftsprache: wirdet ein man uberloufen in sime huse oder in sime gemache, wo daz ist von gewaldegeren oder von luten, wer si sint die dâ trîben unrechte gewalt, also lange, biz daz der wirt wunt wirdet, ... der mac eine heimsuchunge wol volbrengen mit rechte. Freiberger stadtrecht cap. 28, 1 Ermisch (jüngere handschr. gewaldigen); item all gewaltiger der kirchen und solicher freihait, die der kirchen und sölich gaistlichen personen und durch das götlich und menschlich recht verlihen ist, enpfahen des aplas nit. (jahrbücher des 15. jahrh., Nürnberg) d. städtechron. 10, 183; uff das kein erger zcufall hirus entstunde, dan inhe were unmügklich dem geweldigen hauffen zcusteuren. aber die von Sanct Michel haben von stundt, als mir ihr pfarrer den begrebnisse halben geclaget ... szo viel vleisz vorgewanth, das die gewaldiger abgestanden und dem pfarrer raum gelassen den toden cörper zcu begraben. der Magdeburger möllenvogt S. Langhans an den kardinal (1525), d. städtechron. 27, 207.
b) auch in der sonstigen litteratur wird es vereinzelt angezogen:

Kain mit allen mordêrn, ..
Judas mit allen verrâtêrn,
Pilatus mit valschen rihtêrn,
Nemroth mit allen gewaltigêrn. renner 24357;

abir von den tagin Johannis des toufêres sô lîdet die craft daz rîche der himele, und di gewaldigêre roubin iz. Beheims evangelienbuch Matth. 11, 12 (di gewaltigen. cod. Tepl. Eggestein u. a.; leidet das himelreich gewalt, und die gewalt thun, die reissen es zu sich. Luther); die eebrecher, jungfrawen gewaltiger und ferfeller. Geiler v. Keisersberg brösaml. 1, 89a; von dem höllischen gewaltiger unbewältiget verbleiben. Butschky Patm. 504.
c) unter den wörterbüchern sind es nur die ältesten, die das substantiv verzeichnen: gewaltiger, grassator. Maaler 178b; violator, geweltiger, schädiger, verderber, gschender. Frisius 1385b.
3) fraglich ist ob das nachfolgende beispiel unmittelbar vom verbum aus neu gebildet ist oder auf der nachahmung älteren sprachgebrauchs beruht: der riesenkönig empfand an ihm seinen meister und gewältiger. Simrock 2, 330.

 

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