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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
gewalthandlung bis gewalthuhn (Bd. 6, Sp. 5110 bis 5112)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gewalthandlung, f.: wie dann die catholische sich einiger gewalthandlung oder offension anderer confessionsverwandten niemals unterstanden. acta und handlungen auff dem reichstag zu Regensburg 1613 bei Londorp 1, 134a.
 
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gewalthauen, gewalthaut, participiales adjectiv zu walthauen vgl. Lexer 3, 661 (vgl. oben gewaldrechten): holz, das nit gezimmert oder gewalthawen wêre. Tucher 79, 22; wenn das zimmer gewalthawet ist. 72, 17; das wergk ist gewalthauwet durch die ihenen so dazu geordent. Nürnberger urkunde von 1487, s. Diefenbach-Wülcker 619.
 
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gewalthaufe, gewaltshaufe, m. , in zwei verwendungen belegt, mit engerer und weiterer bedeutung.
1) die engere bedeutung ist an die form gewalthaufe gebunden und wird durch die in der militärischen fachsprache entstandene verbindung gewaltiger haufe bedingt, vgl. der verlorne haufe hiesz der vortrab eines heeres, der gewaltige oder grosze haufe das hauptheer. theil 4, 2 sp. 585, vgl. unter gewaltig; ordneten ein starcke vor- unnd nachhut, zwischen derselbigen und dem gewalthauffen, stelleten sie ihre säumer sampt dem trosz. Stettler Schweizer chronik 1, 148b; auff dasz sie desto eigendlicher durch ihren nachtruckenden gewalthauffen inn allem treffen vor den Zürichern unterscheiden werden mochten. 149a; in zwei treffen rückten sie an, links Hallwyl, der gewalthaufe rechts, Hertenstein hinter ihnen, bereit auf alles. J. v. Müller geschichte der Schweizer 5, 70; zu nichts wurde dem herzog zeit gelassen; indem Hallwyl und nun mit macht auch Hartenstein die höhen von Cour-gevaux reinigten, ... Waldmann aber mit dem gewalthaufen das hauptheer zu keiner fassung kommen lieszen. 5, 1; dann wurde es wieder still um sie her; die schützen hatten das gehölz verlassen, um die bisher zum angriff noch unentschlossene hauptmacht der katholischen heranzurufen. dann nahte das gewitter in Ursulas rücken wirklich heran; zu vielen tausenden brach der gewalthaufe der fünf orte durch wald und gebüsch. G. Keller Züricher novellen (Ursula) 406.
2) die allgemeinere bedeutung wird schon dadurch vorbereitet, dasz der technische terminus in der erweiterung seines gebietes das besondere gepräge abstreifte; sie steht aber zugleich unter dem einflusz der mit gewalt gebildeten zusammensetzungen wie gewaltskerl, gewaltsthier u. a. und wird überdies durch die an gewalt sich vordrängende bedeutung violentia begünstigt.
a) ach, wenn ich mir diesz alles erinnere, und dazu die unmöglichkeit die welt in jener trüben zeit zu fliehen, da ich noch ein sklave war von jedem, der mich dazu machen wollte; ... da ich nicht mehr kraft hatte als ein wurm, indesz ein fürchterlicher gewaltshaufen von vornehmen und vom mittelstande, und zumal vom schönen geschlechte, mit der unerhörtesten hitze und parteisucht, mir täglich auf dem nacken lag und täglich gegen mich schrie. J. G. Zimmermann (über die einsamkeit 9. cap.) 3, 144; ebenso hast du den gewaltshaufen der dummheit auf dem nacken. 3, 109; es war mir als ob sie auch mit dem berühmten Brönz-Ludi ... es war mir, als ob sie mit diesem gewaltsmann drohten und seinem gewaltshaufen, den auserlesenen stadtburgern von B., die an der Trappeten wohnen und in der Kreuzgasse und in andern vornehmen quartieren, und sonstigem gesindel. Gotthelf (bauernspiegel) 1, 418.
b) darum muthig vorwärts auf der eingeschlagenen bahn, Heinrich von Gagern; hinter dir steht die nation, nicht hinter jenen leuten, die, wenn sie mit ihren zur gröszern hälfte ausländischen gewalthaufen irgend ein unbeschütztes städtchen an der grenze überfallen, republik und standrecht zugleich verkündigen. Hebbel 3. october 1848 (beilage zur Augsb.

[Bd. 6, Sp. 5111]


allg. zeit.); einer der dorischen gewalthaufen, welche um 1104 im Peloponnes eingebrochen waren, bemächtigte sich auch der landschaft Lakonien. Oscar Jäger hilfsbuch für den ersten unterricht in der alten geschichte19 7.
 
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gewaltheit, f., vereinzelte bildung, die der ältesten periode angehört, vgl. mhd. wb. 3, 476a. Lexer 1, 974; er tet gwaltheit in arme sinem. er zefuorte die ubermuoten in dem muote (fecit potentiam in brachio). canticum st. Mariae aus der Windberger psalmenhandschrift, s. zeitschr. f. d. a. 8, 140 (bei Notker: mahtigo teta er mit sinemo arme). vgl. gewaltigheit.
 
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gewaltherr, gewaltsherr, m. , mit anlehnung sowohl an den begriff der violentia wie an den der potestas.
1) die erstere anlehnung ist die allgemeiner bekannte und gebräuchlichere. meist erscheint hier die form gewaltherr; in Oberdeutschland, wo das masc. vorherrscht, jedoch gewaltsherr, da das substantiv im objectiven genetiv untergeordnet ist: gewaltsherren, über die gefencknusz und übelthätter verordnet, capitales triumviri. Maaler 178b; binnen dem hochweissthumb des hoffs Awell weist man dem herrn von Gerhardtstein alss hochrichter und gewaltherr den fundt und prundt vom himmell biss in den grundt. weisthum zu Awel, Grimm weisth. 2, 587; gewaltsherren über die gefangenen und übelthäter, triumviri capitales. Aler 934b, gewaltherr, m. (obsolete or provinzial) a magistrate invested with criminal jurisdiction. Hilpert 1, 462c. in den wörterbüchern vom ausgang des 18. jahrh. wird gewaltherr vor allem als amtstitel der vom rathe in Köln für den gerichtsdienst abgeordneten mitglieder angeführt: gewaltherr ... zu Cöln gewisse gerichtliche personen aus dem magistrate, welche die befugnisz haben, peinliche verbrecher in verhaft nehmen zu lassen, und sie den thurmherren zur verwahrung und zum ersten verhör zu übergeben, worauf sie an das churfürstliche schöffengericht abgeliefert werden. Adelung 2, 37. vgl. auch Weidenbach 436b. Voigtel 2, 79. in der Kölner verfassungsgeschichte scheint sich diese benennung jedoch erst spät zum compositum zu verdichten. vorher begegnen andere zusammensetzungen (gewaltmeister, gewaltrichter), die im besonderen den obmann des collegiums kennzeichnen, ebenso gut aber auch die gesamtheit zusammenfassen: dit is van den richterin van der gewalt. eidbuch von 1341 (quellen zur gesch. der stadt Köln 1, 27); zwene heirren van me rade of die burgermeistere of die richtere van der gewelde. ebenda u. a.; dat halfscheit sal vallen der stede inde dat ander halfscheit der gewelde meistere. ebenda (1, 36) u. a. vgl. DWB gewaltmeister, DWB gewaltrichter.
2) beschränkter im wirkungskreise, aber wohl älter ist ein terminus der rechtsprache, dem die bedeutung von potestas zu grunde liegt: zu Pölhem werden die herren zu S. Georgen in Cöln für grundherrn und mein gn. herr für schirm und gewalther als die hohe obrigkeit vermög der schöffen wroge erkant. Jülicher urkunde von 1554, archiv für gesch. des Niederrheins 3, 315, ebenso 315. 316. 318 u. a. damit berühren sich verdeutschungen des römischen begriffes der triumviri: triumvir, einer der dreien gewaltsherren z Rom, die mancherlei ämpter zeverwalten hattend. Frisius 1332b; triumviratus, ampt und gewalt diser dreien gewaltsherren. ebenda.
3) auch dem späteren litterarischen gebrauch gehören ähnliche prägungen an, sie scheinen jedoch unter den einflusz von zusammensetzungen wie gewaltherrschig, gewaltherrscher zu stehen (s. d.) und neben der bedeutung von potestas diejenige von violentia wieder vorzudrängen, allerdings unter veränderten syntaktischen bedingungen: der mächtigste gewaltsherr — ohne liebe eine furchtbare menschentrümmer, wo das schönste zur vollständigung fehlt. F. L. Jahn werke 1, 355; unter der herrschaft der 30 tyrannen wurde Sokrates nicht verfolgt, während so viele andere bürger ihr leben verloren oder in die verbannung getrieben wurden, ungeachtet er einst einem an ihn ergangenen befehle der gewaltherren mit derselben ruhe ... den gehorsam versagte. Schlosser weltgeschichte 22, 64.
 
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gewaltherrisch, adj.: despotisch .. gewaltherrisch (von Gerstner vorgeschlagen) s. Campe verdeutschungswb. (1813) 258.
 
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gewaltherrschaft, n., vgl. DWB gewaltherr, DWB gewaltherrscher. die reihe der einschlägigen zusammensetzungen wird eröffnet durch das adjectiv gewaltherrschig (s. d.), das freilich bis jetzt nur spärlich belegt ist. aufschwung und verbreitung gewannen diese bildungen durch die verdeutschungsversuche am ende des 18. jahrh.: despotie, eine zwang-, zwing- oder gewaltherrschaft, das reich der willkühr. Campe verdeutschungswörterbuch 258; despotismus, der willkührliche gewaltsgebrauch, die willkührliche herrschaft, die zwing- oder zwangsherrschaft,

[Bd. 6, Sp. 5112]


die gewalt- oder gewaltsherrschaft. man kann beides sagen, jenes für herrschaft durch zwang oder gewalt, dieses für herrschaft des zwanges oder der gewalt. ebenda; gewaltherrschaft, despotism. Hilpert 1, 462c; dabei war er (Tarquinius) nur sehr schwer zugänglich, begünstigte ankläger und ohrenbläser, liesz das vermögen aller verurtheilten einziehen, und bediente sich desselben zur festeren begründung seiner gewaltherrschaft. Schlosser weltgeschichte (geschichte der Römer 2, 8) 22, 42; mit dem glanze der neuen gewaltherrschaft der fürsten muszten auch die stehenden heere vermehrt, muszte der prunk der hofhaltungen erhöhet werden. E. M. Arndt schriften f. m. l. D. 2, 79; nein, in so betrübten zuständen, wie ich sie mir hier vorstelle, ist es die freiheit nicht, der wir uns jetzt erfreuen, da ist es allein die gewaltherrschaft, die das vaterland retten kann. Mathy in der Frankfurter nationalversammlung 24. juni 1848. vgl. Freytag 22, 287; zuweilen stammelte er dieses ziel verfolgende, irre worte, unheimlich gemischt mit dem lobliede der gewaltherrschaft. C. F. Meyer Angela Borgia 173.
 
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gewaltherrscher, m.: despot, ein herrscher, der kein anderes gesetz, als das seiner willkühr anerkennt. in dem Braunschw. journal 1791 sept. ist ... zwingherr dafür vorgeschlagen worden ... ausserdem habe ich in meinen früheren versuchen gewaltherrscher dafür vorgeschlagen, welches hin und wieder gleichfalls beifall gefunden hat. Campe verdeutschungswörterbuch 258. vgl. dazu Heynatz: gewaltherrscher hat Campe für despot vorgeschlagen. zwangherrscher scheint mir doch etwas besser. Antibarbarus 52; gewaltherrscher, despot. Hilpert 1, 462c; einen groszen gegensatz zu diesem werke bildet das fragment: 'Marius und Sulla'. der verfasser hat es auf nichts geringeres angelegt, als auf die schilderung der damaligen aufgelösten römischen welt, um welche die beiden gewaltherrscher, der eine ein wilder demagogischer held, der andere ein hochstehender, tiefblickender staatsmann, bis zur vernichtung kämpfen. Immermann (memorabilien: Grabbe) werke 19, 16; (es) treffen hier die reichsten kaufleute der damaligen welt ... in einem und demselben geschmack zusammen, und in Italien gesellen sich auch gewaltherrscher hinzu. Burckhart beiträge z. kunstgeschichte Italiens 317; es versteht sich, dasz diese regeln nicht durch willkür eines einzelnen, auch nicht durch den einflusz eines groszen denkers oder dichters auferlegt sein dürfen, sondern dasz sie aus den edelsten wirkungen unserer bühne gezogen, nur das für uns nothwendige enthalten müssen, dasz sie der kritik und der schaffenden kraft nicht als gewaltherrscher, sondern als ehrliche helfer zu dienen haben. G. Freytag (technik des dramas) 14, 6.
 
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gewaltherrschig, adj.: sind on zwifel nit sömlich gewaltherrschig prälaten und bischof gesin wie jetz, als si sprechend, sin müssen. Zwingli (handlung der versammlung in der loblichen statt Zürich) 1, 122.
 
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gewalthieb, m., vgl. DWB gewalt, vis:

Roszlan röchelt' im sand', und schnell, noch ehe der ritter
kommende schar das weisz' im auge des feindes gewahrte,
fiel noch lusuff, und Ismail Beg, und Haroun, der emir,
seines mordenden stahls blutgier und der rechte gewalthieb.
Pyrker (Tunisias 9) 109.


 
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gewalthuhn, n., auf die ältere sprache beschränkt vgl. Lexer 1, 974. die erklärung hat wohl an gewaltbede (sp. 5095) anzuknüpfen: da ist ime (dem grafen zu Wertheim) gewisen worden zu rechtem, daz er oberster herr und faut sei uber wasser und weide ... auch ist ime gewiesen worden von den güttern, die nit sein eigen sein und doch in dem gericht liegen, somer hüner, gewalthüner, frontag und atzung. (Luetzelbach 1421) Grimm weisthümer 6, 387; auch so hat v. h. v. W. von allen guten, die bebuwet sin hie zu M. sine gewalthune on von freihen gute gleicherwise als v. h. von Mentz umb fassnacht. (weisthum zu Mümlingen 1422) 3, 558.

 

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