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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
gewäling bis gewaltact (Bd. 6, Sp. 4909 bis 5094)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gewäling, s. gewälmig.
 
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gewalke, n., verbalsubstantiv zu walken s. d., aufgeführt bei Campe 2, 357; die ältere sprache kannte eine verstärkte form gewalc, gewalk zu walc (das durchbläuen, gefecht, mhd. wb. 3, 469b):

ouch sant er mit im, als ich las,
vîrzic brûdre ûzirwelt
unde manchin rischin helt
zu strîtis gewalke.
Nikolaus v. Jeroschin 5675.


 
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gewalkt , participiales adjectiv zu walken s. d.: gewalkt. Chomel 4, 1040; gewalkt, coactus. Kirsch 179.
1) gewalcht tuch .. gevolt laken. Kramer nieder-hochdeutsch. wb. (1719) 2, 96c; gewalckte tücher, coacta, coactilia. Aler (1727) 932b; in deinem neu gewalkten rock. Wieland 34, 316 (Leipzig 1855).
2) gewalchte strümpfe .. gevolte koussen. Kramer (1719) 2, 96; gewalkt, foulé, des bas. nouveau dictionnaire (Straszburg 1762) 338; gewalkte strümpfe. Nemnich 1, 354.
3)

hier, auf gewalkten lumpen, soll ich
mit einer spule von der gans
hinkritzeln ernsthaft halb, halb drollig,
versificierten firlefanz.
Heine (in Mathildens stammbuch) romancero.

[Bd. 6, Sp. 4910]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gewäll, n. , nebenform zu gewell (s. d.), gewöll. in ihr sind die beiden bedeutungen belegt, die für gewell zu beobachten sind, die von fluctus, tempestas sowohl als die von vomitus. vgl. Schmeller 22, 887. Lexer 1, 982.
1) gewäll, fluctus. Maaler 178a; schiffleut die im gewäll daher farend, nautae fluctivagi. ebenda; so der see winterszeit klein ist, sieht man noch alte fundament allerlei gebeuwen, die etwan alda gestanden und aber von dem gewäll des ungestümmen wassers an sich zogen, auszgeflötzt, überschwemmt und ertrenkt ist. Stumpf 2, 546.
2)

die husfrow Loth
aber do sie nit hielt das gbott
und wider umb sach hinder sich
bleib sie do stan gantz wunderlich,
ein narr loufft widr z sinr schäll
glich wie ein hundt z sim gewäll.
Sebastian Brant narrenschiff 82, 34 Zarncke.

vgl. der bi der stägen leidt gewell
oder msz das von jm purgieren. 81, 44.


 
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gewallen, verbum , verstärktes wallen (s. d.). hier müssen verbalformen in betracht gezogen werden, die auf zwei verschiedenartige stämme zurückführen. die einen gehören dem starken verbum wallen = aufwallen an (vgl. althd. wallan. Graff 1, 797) und leiten von da zum compositum über. in den andern liegt das verstärkte schwache verbum wallen = wandern vor, vgl. althd. wallôn. 1, 799.
1)

nu han ich ie gehört
von der alten lewt wort,
daʒ der paum von einem slage nie viel
noch der hafen nie gewiel.
er küm dan vor zue dem fewr. der minnen klefferer; erzählungen aus altd. handschriften 129 Keller (bibl. d. lit. vereins);

sô sol er nimer brôtes ezen, wan sô lanch sô eines huones lit ist, und alles andern ezens als vil als des brôtes, unde trinch gewalnes wînes, niht ein michel trinchen. arzneibücher aus dem 12. und 13. jahrh. 2, 16a, Wiener s. b. 42, 154; und trinch gewallen wîn ein wênigez trinchen ebenda. anfang 3, 4; ez ist unmugelich daz nu nicht ergerunge zu gefallen, we dem, von dem sie uz gewallen. mitteldeutsche evangelienübersetzung von St. Paul, vgl. Schönbach Wiener s. b. 137, 5, 109. Lucas 17, 1 (ut non veniant scandala; es ist unmuglich daz betrubsal nichten kumen. cod. Tepl. ebenso Luther).
2)

wer andriu dinc ze schaffen hât
oder vil gewallet oder gevert,
dem wirt diu minne wol erwert
von zweierhande sachen.
Heinzelein v. Konstanz von dem ritter und von dem pfaffen 243 Pfeiffer;

und auch gefangen hin gewallent (et captivi ducentur). mitteldeutsche evangelienübersetzung (Schönbach). Lucas 21, 24 (und werdent gefurt gefangen fur alle die leut. codex Tepl. ebenso Luther).
 
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gewälmig, adj., nebenform zu quälmig, quelmig, vgl. theil 7, 2311: mit sunder dazu beraiten kugeln und stucken die visch in dem waszer gewälmig (betäubt) machen. bair. landordnung von 1553 fol. 151 vgl. Schmeller 22, 1393. in der Pfalzneuburger ordnung findet sich hier die nebenform gewäling, s. Frommann 7, 119, vgl. geweling bei Birlinger schwäbischaugsburgisches wb. 195.
 
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gewälmisch, nebenform zu qualmisch, vgl. theil 7, 2311 unter qualmig: gewelmisch werden im kopfe. Inchenhofer mirakel vgl. Schmeller 22, 1393.
 
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gewalmtrunk, m., nebenform zu qualmtrunk, vgl. theil 7, 2311, vgl. Schmeller 22, 1393: wi auch der zum frsten gemachte bawr Menacar mit dergleichen gewalmtrunck dämisch gemacht und geschmikt worden. Hörl von Wätterstorff Bacchusia (München 1677) A 7a; den andern tag hernach hat man mir an statt desz giffts einen gewalmtrunk eingeben. ebenda 407.
 
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gewalt , masc. und fem. (in der heutigen schriftsprache ebenso wie in unseren ältesten denkmälern nur femininum), verbalsubstantiv, frühzeitig neben dem verbum (giwaltan, giwaldan) belegt; vgl. angelsächsisch geweald, -wald m. n. (power, strength, might, efficacy ... empire, rule, dominion, mastery, sway, jurisdiction, government, protection, keeping, a bridle-bit, potestas, facultas, imperium, dictio, arbitrium, jus, cannus). Bosworth 464a; weald, power. ebenda 1171b; altnordisch vald n. (macht, gewalt, kraft, ursache) Möbius altnordisches glossar 489; altsächsisch giwald fem., friesisch wald, mittelniederdeutsch wald vgl. sp. 4913. die häufigkeit der verwendung und die ausdehnung des bedeutungsumfangs, die schon das erste litterarische

[Bd. 6, Sp. 4911]


auftreten kennzeichnen, haben sich bis in die neuere zeit nicht vermindert, sondern in hohem grade gesteigert, vgl. DWB gewalt .. potestas, potentia, facultas, efficacitas, vis, violentia, injuria, indignitas .. mandatum .. plenipotentia .. robur imperii .. jurisdictio, potestas magistratus .. casus fortuitus. Stieler 2426 vgl. unten I 4, α, γ. für die bedeutungsabgrenzung kommt zunächst das verbum in betracht, dem das substantiv in den ältesten und ursprünglichsten verbindungen, wie gewalt haben, einfach zur umschreibung dient. die parallele mit lat. valere, die für waldan bislang angenommen wurde, ist neuerdings aus lautlichen gründen wieder bestritten worden. vom standpunkt der bedeutung aus findet sie in den älteren verwendungen weniger unterstützung als in den jüngeren. in den denkmälern germanischer zunge ist das verbum von anfang an seltener belegt als das substantiv. das simplex weist die breiteste entfaltung im Beowulf auf, wo es die bedeutungen 'kraft haben, macht haben, über etwas verfügen, etwas beherrschen' in mannigfachen verbindungen bloszlegt. dasz diese richtung der bedeutung ursprünglich ist, zeigt die in allen sprachzweigen verbreitete participialbildung waldand, allwaldand (vgl.waltant got Hildebrandslied 49, waldand god Heliand 20 u. a.), die auf hochdeutschem gebiet allerdings durch gewaltig, später mächtig (almahtico cot schon im Wessobrunner gebet) ersetzt wurde: qiþiþ frauja allvaldands. Ulfilas 2. Cor. 6, 18 (κύριος παντοκράτωρ, deus omnipotens; spricht der herr got alles gewaltiger cod. Tepl., ebenso Eggestein; der herrgot der almechtig Koburger; ebenso Dietenberger, Eck; spricht der allmechtige herr Luther. der herr der allherrscher Kautzsch). Ulfilas zeigt das einfache verbum jedoch nur in eingeengter bedeutung (garda valdan 1. Tim. 5, 14 οἰκοδεσποτεῖν, dem haushalt vorstehen Kautzsch; ähnl. Lucas 3, 14), ebenso wie der Heliand:

thar ic allun scalirminthiodun
dômos adêlien,than motun gi mid iwomu drohtine thar
selbon sittien endi môtunthera saca waldan:
môtun gi Israheloedili folcun
adêlien aftar iro dâdiun. 3317 Behaghel, ähnl. 1321.

die umfassendere bedeutung dagegen wird bei Ulfilas und im Heliand durch das compositum vertreten: vituþ þatei þuggjand reikinôn þiudom, gafraujinond im, iþ þai mikilans ize gavaldand im. Ulfilas Marcus 10, 42 (κατεξουσιάζουσιν αὐτῶν; dominantur eis et principes eorum potestatem habent; daz di, di da werden gesehen ze sein gewaltig den leuten, die herschent in, und ir fursten habent irr gewalt cod. Tepl.; habent ir gewalt Eggestein, Koburger; habin gewalt ubir sie Beheim, Dietenberger. Eck; das die weltliche fürsten herrschen, und die mechtigen unter jnen, haben gewalt Luther; und ihre groszen sie vergewaltigen Kautzsch);

that ic an mînumu hugi ni gidar
wendean mid wihti, of ic is giwaldan môt. Heliand 220 Behaghel;

ni mahte is lîchamon
wiht gewaldan. 2302 ähnl. 5890;

sîdor ic môsta thesas erlo folkes,
giwaldan theses wîdon rîkeas. 560 ähnl. 45. 344. 767. 2048. 2211. 3502. 5335 vgl. 3073;

ni mahte imu thar ênig frumu werden
fan themu hêroston,the thes hûses giweld. 3345;

mi hebbiat thi thesa liudi fargeban,
werod Judeono,that ik giwaldan muot
sô thik te spildiannean speres orde,
sô thi quellianne an crûcium,sô quican lâtan,
sô hweder sô mi selbonsuotera thunkit
te gifrummiannemid mînu folcu. 5345.

auf solcher breiten grundlage der bedeutung, wie sie der Heliand für das zusammengesetzte verbum gewinnen läszt, entfalten sich die verwendungen der einzelnen substantivbildungen, die dem verbalstamm zur seite gehen. hier zweigt sich von den linien, die anfänglich meist parallel laufen, an diesem und jenem punkte eine neue richtung ab, die unter dem besonderen einflusse der neuen wortklasse (des substantivs) steht, in die der begriff übergetreten ist. in lockeren und festen wortverbindungen wird so schon früh an unserem substantiv die parallele mit potestas, potentia, mit auctoritas, imperium, dominatus und vis, copia, facultas entwickelt, ja sogar die gegensätze jus und violentia werden im bedeutungsumfange von gewalt vereinigt. diese letztere thatsache hat auf das sprachgefühl unseres volkes den lebendigsten eindruck gemacht, eine grosze zahl von sprichwörtern knüpft hier an, vgl. DWB wer gewalt hat der gebraucht gewalt. Henisch 1592; syndetische verbindungen und andere ähnliche gebrauchsformen führen das wort immer wieder gerne mit bedeutungsverwandten bildungen in zusammenhang: gewalt und macht; kraft und gewalt; gewalt und vollmacht; gewalt und unrecht.

[Bd. 6, Sp. 4912]


neben diesen hauptgruppen stehen einzelne verwendungen, die entweder nur vorübergehend auftauchen oder an engere kreise gebunden sind, wie z. b. gewalt = ansehen, glanz, herrlichkeit, vgl. gotisches vulþus. hieher gehören in gewissem sinne auch die zahlreichen formen der objectivierung und personificierung des begriffes: gewalt = gewaltthat, gewalt = kriegsschaar; gewalt = amtsperson, gewalt = mündel, hausgenosse, dienstbote; gewalt als subject bei verbis mit activer actionsart, vgl. auch DWB Gewalt als eigenname. bei einem worte das wie gewalt von den ältesten bis in die jüngste zeit den wortgebrauch beherrscht, musz der bedeutungsentwicklung sowie der feststellung der gebrauchsgrenzen in den einzelnen perioden und stilformen vor allem das geschichtliche interesse sich zuwenden (theil I). für die grammatik wird der zweite theil manches bieten, der die lautlichen verhältnisse in form und flexion zusammenfaszt, die schwankungen im gebrauch von numerus und genus und die syntaktische verwerthung der einzelnen casusformen überblicken läszt. der dritte theil stellt die lockeren und festen verbindungen mit gewalt aus der neueren sprache zusammen, soweit diese die bedeutung des wortes verschieben oder erstarren lassen.
I. gebrauchsgrenzen und bedeutungsentwicklung.
1) vorgeschichte. das substantiv in der gotischen sprache. Ulfilas weist zwei substantiva auf, die etymologisch in betracht kommen: einmal das in der form nächst verwandte vulþus, das aber in der bedeutung (herrlichkeit, glanz, ehre, vgl. Matth. 6, 13. 6, 29; Röm. 9, 13 u. a.) bahnen einschlägt, die unserem worte gewalt nur vereinzelt offen stehen vgl. 4, b; andererseits die ableitung mit ufni (valdufni), die in der bedeutung am engsten mit unserem worte sich berührt.
a) valdufni prägt nur einen theil der an gewalt zu beobachtenden vorstellungen aus, es deckt sich in allen einzelnen fällen mit dem lateinischen potestas, griech. ἐξουσία der vorlage: jah qeþun du imma: in hvamma valdufnje þata taujis? jah hvas þus þata valdufni atgaf, ei þata taujis? Ulfilas Marcus 11, 28 (aus waser macht thustu das? und wer hat die die macht gegeben, das du solchs thust Luther; in welchem gewalt tustu dise dink? und wer hat dir gegeben disen gewalt, daz du si tust cod. Tepl.; in qua potestate, ἐν ποία ἐξουσία); in þaimei simle iddjeduþ bi þizai aldai þis aivis, bi reik valdufnjis luftaus, ahmins þis nu vaurkjandins in sunum ungalaubeinais. Epheser 2, 2 (principem potestatis, τῆς ἐξουσίας. nach dem fursten dez gewaltes des luftes cod. Tepl.; in welchen jr weiland gewandelt habt, nach dem lauff dieser welt, und nach dem fürsten, der in der lufft herrschet, nemlich nach dem geist, der zu dieser zeit sein werk hat in den kindern des unglaubens Luther); all saivalo valdufnjam ufarvisandam ufhausjai; unte nist valdufni alja fram guþa, iþ þo visandona fram guþa gasatida sind. Römer 13, 1 (potestatibus, ἐξουσίαις. jederman sei unterthan der oberkeit, die gewalt uber jn hat. denn es ist keine oberkeit on von gott Luther; dem obersten gewelten, wan der gewalt ist nit, neur von gott cod. Tepl.) u. a.
b) schon in dieser parallele mit potestas, ἐξουσία, treten die hauptsächlichen verbindungen und verwendungen hervor, die bei gewalt geltung gewinnen.
α) die verbindungen mit geben und haben, die je nach dem zusammenhang auf die bedeutungsentwicklung einflusz ausüben.
1)) jah mikilidedun guþ þana gibandan valdufni svaleikata mannam. Ulfilas Matth. 9, 8 (τὸν δόντα ἐξουσίαν τοιαύτην, qui dedit potestatem talem. der da gab solchen gewalt den menschen cod. Tepl.; der solche macht den menschen gegeben hat Luther); svasve atgaft imma valdufni allaize leike. Johannes 17, 2 (ἔδωκας αὐτ ἐξουσίαν, dedisti ei potestatem. alz du im gebt den gewalt alles fleischz cod. Tepl.; wie du jm macht hast gegeben uber alles fleisch Luther). ebenso 19, 11. Lucas 10, 19. 19, 17.
2)) vas auk laisjands ins sve valdufni habands. Ulfilas Matth. 7, 29 (sicut potestatem habens, ἐξουσίαν ἔχων. wan er waz si lerent alz habent gewalt, und nit alz di schriber cod. Tepl.; denn er prediget gewaltig, und nicht wie die schrifftgelerten Luther); aþþan ei viteiþ þatei valdufni habaiþ sa sunus mans ana airþai afleitan fravaurhtins. 9, 6 (ὅτι ἐξουσίαν ἔχει, habet potestatem. daz der sun der maid hat gewalt die sund ze vergeben cod. Tepl.; das des menschen son macht habe auff erden, die sünde zu vergeben Luther). ebenso Marcus 3, 15. Joh. 10, 18. 19, 10.
β) die objectivierung des begriffes: in imma gaskapana vaurþun alla in himina jah ana airþai .. reikja jaþþe valdufnja. Ulfilas

[Bd. 6, Sp. 4913]


Colosser 1, 16 (ἐξουσίαι, potestates. oder die fursten, oder die gewelt cod. Tepl.; denn durch in ist alles geschaffen .. fürstenthümern und oberkeiten Luther). vgl. Römer 13, 1 oben in α.
γ) gegen das sinnverwandte 'macht', das von Luther im gegensatz zur älteren bibelübersetzung in die meisten der eben belegten stellen eingeführt wurde, grenzt sich valdufni bei Ulfilas in consequenter beobachtung des sprachgebrauches der vorlage ab. wo diese ἐξουσία, potestas verwendet, setzt Ulfilas valdufni ein, wo diese δύναμις, virtus aufweist, macht er von mahts gebrauch: gahaitands þan þans tvalif apaustauluns atgaf im maht jah valdufni ufar allaim urhulþom. Ulfilas Lucas 9, 1 (virtutem et potestatem super omnia demonia. δύναμιν καὶ ἐξουσίαν. und er gab in kraft und gewalt uber alle die teufel cod. Tepl.; und gab jnen gewalt und macht uber alle teufel Luther); ahma veihs atgaggiþ ana þuk, jah mahts hauhistins ufarskadveid þus. 1, 35 (δύναμις, virtus. und di kraft des höchsten beschettent dich cod. Tepl.; und die krafft des höhesten wird dich uberschatten Luther). ähnlich Marcus 14, 62; jah alla managei sokidedun attekan imma, unte mahts af imma usiddja jah ganasida allans. Lucas 6, 19 (δύναμις, virtus. wan die kraft gienge aus von im cod. Tepl.; denn es gieng krafft vm jm, und heilet sie alle Luther); unte þeina ist þiudangardi jah mahts jah vulþus. Matth. 6, 13 (ὅτι σοῦ ἐστὶν ἡ βασιλεία καὶ ἡ δύναμις καὶ ἡ δόξα. denn dein ist das reich, und die krafft, und die herrligkeit Luther). die bedeutung von kraft, stärke, die hier durch synonyma gedeckt wird, ist, wie sich später zeigen wird, auch dem worte gewalt nicht verschlossen.
δ) unvertreten bleibt in diesem kreise der verwendungen von valdufni, ebenso wie im gemeingermanischen gebrauche von gewalt auch eine vorstellung, die im bedeutungsinhalt des deutschen wortes besonders fruchtbar werden sollte, der begriff der vis, violentia, gewaltthätigkeit. Ulfilas nimmt hier zu ableitungen von mahts seine zuflucht, vgl. anamahts (2. Cor. 12, 10) und anamahtjan, vgl.framuh þan þaim dagam Johannis þis daupjandins und hita þiudangardi himine anamahtjada, jah anamahtjandans fravilvand þo. Matth. 11, 12 (βιάζεται, καὶ βιασταὶ ἁρπάζουσιν αὐτήν; vim patitur, et violenti rapiunt illud. daz reich der himel daz leidet kraft und die gewaltigen begriftent ez cod. Tepl.; von den tagen Johannis des teuffers, bis hie her, leidet das himelreich gewalt, und die gewalt thun, die reissen es zu sich Luther).
2) althochdeutsche zeit. vgl. gawalt Graff 1, 808. die ältesten deutschen denkmäler geben neben einzelnen vorübergehenden bildungen (wie kiwaltida u. a.) übereinstimmend unserem substantiv dem ein eigentliches ableitungssuffix mangelt, den vorzug; sie weichen nur darin ab, dasz die einen (Otfrid, Tatian, Heliand) giwalt als femininum nach der i-klasse flectieren, während andere (so Notker) es als masculinum nach der a-klasse abwandeln. das präfix in giwalt, gawalt, kawalt führt auf das zusammengesetzte verbum (giwaltan) zurück und hat mit der substantivbildung als solcher nichts zu thun. präfixlose formen, wie sie in anderen germanischen sprachen stärker hervortreten (vgl. oben sp. 4910) dürfen auch für das althochdeutsche sprachgebiet vorausgesetzt werden. bildungen wie anawalt, jure (Keronische glossen. Steinmeyer - Sievers 1, 194 ff.), walt-ambaht, centurio. Tatian 212, 5 und waltpoto (procuratorem, waltpotun. Steinmeyer - Sievers 2, 601; vgl. DWB waltbote mhd. wb. 1, 184a. Lexer 3, 658) führen darauf zurück, ebenso wie die variante jure, pi walti Pariser handschr. der Keronischen glossen. Steinmeyer - Sievers 1, 194 (pi kiwalthidu St. Galler handschr.); für die späteren beispiele aus der mittelhochdeutschen periode (vgl. DWB walt mhd. wb. 3, 474b. Lexer 3, 658) ist neben der sprödigkeit einzelner sprachgebiete gegen das präfix auch mit einer verkümmerung desselben zu rechnen.
a) die parallele mit lat. potestas. am consequentesten wird sie in der Tatianübersetzung festgehalten, mit der auch die wenigen reste des alten Matthäusevangeliums übereinstimmen (hier einigemale auch kawaltida). der bedeutungsumfang des wortes dehnt sich jedoch schon innerhalb dieser parallele über die bisher gezogenen linien aus.
α) erweiterung des gebrauchs in der richtung, die schon für Ulfilas als grundlegend festgestellt wurde.
1)) in freier verwendung.
a)) am wenigsten ergiebig ist der allgemeinere begriff, der beim Tatian mehr durch megin gedeckt wird (vgl. sp. 4915): in welihhero giwelti tuos thû thisu. Tatian 123, 1 (Matth. 21, 23); vgl. oben 1, a. Marcus 11, 28.

[Bd. 6, Sp. 4914]



b)) zweimal belegt ist die staatsrechtliche einengung des begriffes, die auch hier bis zur objectivierung führt: ih bin man untar giwelti 47, 5 (homo sum sub potestate. Matth. 8, 9; thoh ic undar geweldi sî adalcuninges. Heliand 2113; ich bin ein man geschikt von der gewalt cod. Tepl.; under dem gewalt. Augsburger bibel von 1487; der oberkeit underthan Luther); thanne sie iwih selen in samanunga inti meistartuomun inti zi giweltin. Tatian 44, 13 (in sinagogas et ad magistratus et potestates. Lucas 12, 11; zu den meisterschafften und zu den gewaltigen cod. Tepl.; fur die oberkeit und fur die gewaltigen Luther).
c)) am fruchtbarsten erscheint die einengung des begriffes durch die beziehung auf einzelne inhaber, die bei Ulfilas nur einmal belegt ist (manna im habands uf valdufnja meinamma gadrauhtins. Matth. 8, 9; ὑπ' ἐμαυτὸν, sub me, untar mir. Tatian 47, 5): inti so her tho forstuont thaz her was fon Erodeses giwelti, santan widar zi Herode. 196, 3 (quod de Herodis potestate esset. Lucas 23, 7; hwand he fan is heriscepi was, fan is werodes gewald. Heliand 5264; daz er were von dem gewalt Herodes cod. Tepl.; das er unter Herodes öberkeit gehöret Luther); gitago was ih mit iu lerenti in themo temple, inti ir ni fiengut mih: oh thiz ist iuwer zit inti giwalt finstarnesso. Tatian 185, 8 (sed hac est hora vestra et potestas tenebrarum. Lucas 22, 53; der gewalt der vinster cod. Tepl.; aber dis ist ewer stunde, und die macht der finsternis Luther).
2)) in festen verbindungen.
a)) gewalt geben.
α)) allgemeinster begriff, der auch durch nähere bestimmungen keine einschränkung erfährt: gigeban ist al giwalt mir in himile inti in erdu. Tatian 242, 1 (data est mihi omnis potestas in caelo et in terra. Matth. 28, 18; mir ist gegeben aller der gewalt cod. Tepl.; mir ist gegeben alle gewalt im himel und erden Luther; forgeban ist mir alles kawalt in himile enti in aerdu. Monseer fragmente Hench).
β)) einengung durch nähere bestimmungen.
1))) diurisotun got, thie thar suliha giwalt gab mannun. Tatian 54, 9 (dedit potestatem talem hominibus; dher solihhe gawaltida forgab mannum. Monseer fragmente; der gab solchen gewalt den menschen cod. Tepl.; solche macht Luther).
2))) inti gihaloten sinen zuelif iungiron gab in giwalt unsubarero geisto. Tatian 44, 2 (dedit illis potestatem spirituum. Matth. 10, 1; gab in gewalt uber die unrainen geist cod. Tepl.; gab jnen macht, uber die unsaubern geister Luther); ebenso Tatian 177, 1.
3)))
a))) gab sinen scalcon giwalt giwelihes werkes. Tatian 147, 6 (potestatem cujusque operis. Marc. 13, 34; gab den gewalt ainz iegleren werkes sein knechten cod. Tepl.; gab seinen knechten macht, einem jglichen sein werck Luther).
b))) inti giwalt gab imo tuom tuon, wanta her mannes sun ist. Tatian 88, 8 (potestatem dedit ei et judicium facere. Joh. 5, 27; gab im gewalt ze tun daz urtail cod. Tepl.; und hat im macht gegeben, auch das gerichte zu halten Luther). genau so 13, 6 (Joh. 1, 12); 54, 7 (Lucas 5, 24); 67, 5 (Lucas 10, 19).
b)) gewalt haben.
α)) was her tho sie lerenti soso giwalt habenter. Tatian 43, 4; vgl. oben (sp. 4912) Matth. 7, 29.
β))
1))) bist giwalt habenti obar zehen burgi. Tatian 151, 5 (eris potestatem habens. Lucas 19, 17; du wirst haben gewalt uber 10 stet cod. Tepl.; soltu macht haben uber zehen stedte Luther).
2))) ni habetos giwalt widar mir eininga, nibiz thir gigeban wari fon ufana. Tatian 197, 9 (non haberes potestatem adversum me ullam. Joh. 19, 11; giwalt ni habetistu ubar mih. Otfrid 4, 23, 41; that thu giwald obar mik hebbian ni mohtis. Heliand 5350; du hetez kainen gewalt wider mich cod. Tepl.; du hettest keine macht uber mich Luther).
3))) ih haben gewalt zi sezzenne sia inti giwalt haben abur sia zi nemanne. Tatian 133, 14 (potestatem habeo ponendi eam et potestatem habeo iterum sumendi eam. Joh. 10, 18; ich hab gewalt si ze seczen, und hab gewalt si aber ze nemen cod. Tepl.; ich habe es macht zu lassen, und habe es macht wider zu nemen Luther). ebenso 197, 8; vgl. oben (sp. 4912) Joh. 19, 10; daz ir auh wizit, dhaz mannes sunu habet gawalt in herdhu, za forlazanne suntea. Matth. 9, 6 Monseer fragmente Hench (habet potestatem); vgl. oben (sp. 4912).
β) in der abgrenzung gegen synonyma folgt der Tatianübersetzer ähnlichen neigungen wie Ulfilas. maht setzt er zwar

[Bd. 6, Sp. 4915]


nur einmal ein, für potentia: teta maht in sinemo arme, zispreitta ubarhuhtige muote sines herzen. Tatian 4, 7 (fecit potentiam in brachio suo. Lucas 1, 51; gatavida svinþein in arma seinamma. Ulfilas; er tet den gewalt in seim arme cod. Tepl.; er ubet gewalt mit seinen arm Luther). dagegen führt er für virtus überall megin durch: thes hohisten megin biscatwit thih. Tatian 3, 7; vgl. oben Lucas 1, 35; ebenso 190, 3 (Matth. 26, 64; im cod. Tepl. und bei Luther kraft); 2, 7. 17, 18. 244, 1. 127, 3. 145, 19 (Matth. 24, 29; hier auch in den Monseer fragmenten megin belegt); ih gab in gewalt ze tretanne ubar natrun inti .. ubar al megin thes fiantes. Tatian 67, 5 (potestatem calcandi .. supra omnem virtutem inimici. Lucas 10, 49; gab euch gewalt ... uber ein ieglich kraft des feintz cod. Tepl.; ich habe euch macht gegeben .. uber alle gewalt des feindes Luther).
γ) schon hier, im rahmen der wiedergabe des lat. potestas wird in einem falle die vorstellung der violentia für gewalt nahe gelegt: inti thie dar meron sint giwalt bigangent in sie. Tatian 112, 3 (potestatem exercent in nos. Matth. 20, 25 s. oben).
b) dem bedeutungsumfang gegenüber, wie er auf grund der in der vorlage für lat. potestas dargebotenen verwendungen sich hier entwickelt, musz zur ergänzung der gebrauch in der geistlichen dichtung und in kleineren prosadenkmälern angezogen werden. wenn auch nicht ganz selbständig, führt er doch sicherer auf germanischen grund und boden zurück. das ergebnis dieser vergleichung ist eine gebundenheit der verwendung, die am deutlichsten im Heliand hervortritt (in den hochdeutschen denkmälern der allitterierenden dichtung, im Hildebrandslied, Muspilli, Wessobrunner gebet ist gewalt nicht belegt). hier ist das wort trotz der zahlreichen belege wesentlich nur in zwei formen gebraucht: entweder wird die bedeutung von gewalt durch die kennzeichnung eines bestimmten trägers eingeengt oder sie erscheint in der verbindung gewalt haben durch eine zielbestimmung specialisiert. mannigfaltiger erweist sich Otfrid, wenn auch die hauptmasse seiner beispiele die gleiche richtung einschlägt. bei ihm tauchen daneben die ersten anhaltspunkte auf für die später so üppig entwickelte präpositionalverbindung mit gewalt (mit gewelti), die von der grundlage des allgemeineren begriffes aus einer eigenen bedeutungsentwicklung zustrebt. diesen allgemeineren begriff hält er auszerdem in der verbindung mit synonymen fest, während er ihm andererseits in gelegentlicher personificierung wieder individuelles leben giebt.
α) der allgemeine, umfassende begriff.
1)) im freien gebrauch:
a))

'nist iu', quad er, 'noh mannethaz zi wizanne,
thaz min fater so githwanginti innan sinaz dreso barg;
theiz hiar in woroltfristiman nihein ni westi,
zi wizanne iz firbari,war thiu zit wari.
thoh quement iu thio mahti,giwalt joh gotes krefti,
thio gibit iu mit mir meistther selbo heilogo geist',
Otfrid 5, 17, 9.


b))

themo (waltantemo Kriste) si guallichiubar allaz sinaz richi,
ubar allo woroltisi diuri sin io wonanti; ...
si guallichi thera ensti,thiu mir thes io gionsti,
lob ouh thera giweltiana theheinig enti. 5, 25, 102.


2)) präpositionalverbindungen.
a)) mit gewalt:
α))

ferit er ouh thanneubar himila alle,
ubar sunnun liohtjoh allan thesan worolt thiot.
er quimit mit giweltisar so ist woroltenti,
in wolkon filu hoho,so scowon wir nan scono. 1, 15, 37; vgl. 4, 4, 52;

thaz er noh tho woltisin kuning mit giwelti
ofono zi ware. 3, 8, 5; vgl. 4, 27, 11.


β))

thaz sie uns thiu wintworfain themo urdeile helfa,
iz unsih mit giweltini firwac unz in enti. 1, 28, 6; ebenso 3, 26, 16.


b)) in gewalt sein:

bizeinot in giwissither duah thaz gotnissi,
thaz ist in giweltiana theheinig enti.
ther duah, ther wirdit funtanzisamane biwuntan.
ni mahtu irsehan, wizist thaz,ni wedar enti sinaz;
so ist druhtln in giweltiana theheinig enti
joh ist ana anagengi. 5, 6, 60 ff.


β) einengung des begriffes durch verbindungen.
1)) die verbindung mit einer den träger des begriffes kennzeichnender bestimmung.
a)) in freiem gebrauch:

tho Krist in Galilea quam,ward thaz tho mari, sos iz zam,
joh ward gikundit sin giwaltubar allaz thaz lant. 3, 2, 2; vgl. 1, 22, 58. 2, 13, 22. 5, 12, 30;

[Bd. 6, Sp. 4916]



iac wirdidthe man gode;
habad sô giwehslodte thesaro weroldstundu
mid is hugiskeftiunhimilrîkeas gidêl,
welono thene mêstan:farid imu an giwald godes,
tionuno tômig. Heliand 2488 (vgl. dagegen undar thiu he thuruh is selbes craft, manno drohtin, thene meti wîhide. 2853 u. a.);

ih mag giwinnan heriscaf,
engilo giweltiob ih iz duen wolti.
Otfrid 4, 17, 16;

thuo im Satanas giwêt ...
wissa that te wâron,that hie (Christus) im scoldi thia giwald biniman,
that hie sia obar thesan middilgard,sô mikila ni habdi. Heliand 5448;

thes bittêm wir thoh .. thaz gotes rîchi sî in uns endi thes diufles giwalt werdhe arfirrit fona uns. Weiszenburger katechismus 11, Müllenhoff-Scherer denkm. 13, 204; lôse unsih fone des tiefeles chorungo unde fone sînemo gewalte. Notkers katechismus. 13, 250;

thiz ist todes giwalt.
Otfrid 5, 23, 85;

thô ward fon Rûmuburgrîkes mannes
abar alla thesa irmintheodOctavianas
ban endi bodscepiobar thea is brêdon giwald
cuman fon them kêsure. Heliand 341; vgl. 5264;

Ludowig ther snello,thes wisduames follo
er ostarrichi rihtit al,so Frankono kuning scal;
ubar Frankono lantso gengit ellu sin giwalt,
thaz rihtit, so ih thir zellu,thiu sin giwalt ellu.
Otfrid an Ludwig 3. 4;

der inphangan ist fona wîhemu keiste, kiporan fona Mârîun macadi êwîkeru, kimartrôt in kiwaltiu Pilâtes. St. Galler credo, Müllenhoff-Scherer denkm. 13, 209;

wanta si (Karitas) ist in war min druhtines drutin,
ist furista innan husessines thionostes.
thes selben thionostes giwalt —thaz gengit thuruh ira hant.
Otfrid 5, 25, 17.


b)) in festen verbindungen:
α))

ne lâtad iu silobar nec gold
wihti thes widigthat it eo an iuwa gewald cuma. Heliand 1852;

the scal mi an banono gewald,
fiundun bifelhen,thaz man mînes ferhes scal,
aldres âhtien. 4611;

hwat he thurh is ênes craft
an thesaro middilgardmârida gefrumide,
wundres gewarhte,hwand al an is geweldi stâd,
himil endi erde. 2166; genau so 3757. 2889.


β))

det er mit giweltisineru henti,
thaz er ubarmuotigisciad fon ther guati.
Otfrid 1, 7, 13;

mit thineru giweltisie dati al sprechenti. 1, 2, 35; ähnlich 5, 25, 20.


γ))

er wessa, thaz sin fater gab,so wit, so himil umbi warb,
al imo zi henti,zi sineru giwelti. 4, 11, 8 (die gleiche zusammenslellung, ebenfalls im reim, 2, 13, 30. 1, 16, 28).


2)) die festen verbindungen mit verbis weisen überwiegend eine einengung der bedeutung auf. meist ist diese durch besondere bestimmungen deutlich gekennzeichnet, vereinzelt wird sie erst durch den allgemeinen zusammenhang nahe gelegt:
a))

hwand iu is thiu dâd cuman,
that gewit endi the wîsdôm,endi iu thea gewald fargibid
alloro firiho fadar,sô gi sie ni thurbun mid ênigo feho côpon. Heliand 1846;

ik fargibu thi himilrîceas slutilas,
that thu môst aftar miallun giwaldan
kristinum folke:kumad alle te thi
gumono gêstos;thu habe grote giwald,
hwene thu hêr an erdueldibarno
gebinden willies:themu is bêdiu giduan,
himilrîki biloken,endi hellie sind imu open. 3075;

that fridubarn tholode
unrêdes willeonendi im giwald forgaf,
that he umbi is craft mikilcoston môsti. 1077; ebenso 5728. 1840. 3253 (sulica giwald fargaf, that).


b))

ni welda an is kindiskithô noh is kraft mikil
mannun mârean,that he sulik megin êhta,
giwald an thesaro weroldi. 842; ebenso 2070 (maht godes, gewald an thesoro weroldî);

that he sô lêrde,liudeo drohtin,
wârun wordun,sô he gewald habde. 1832, vgl. oben sp. 4912 zu Matth. 7, 29;

'ef thu sîs godes sunu', quad he,
'be hwî ni hêtis thu than werdanef thu giwald habes,
allaro barno betstbrôd af thesun stênun'? 1065; ebenso 4485; ähnlich 5356;

zeichono eigit ir giwaltzi wirkenne ubar woroltlant.
Otfrid 5, 16, 35; genau so Heliand 2162;

ic gelôbiu that thu gewald habas,
that thu ina hinana mahthêlan gewirkean. Heliand 2107; ebenso 3442; altsächs. genesis 200;

[Bd. 6, Sp. 4917]



unsar trohtîn hât farsaltsancte Pêtre giuualt,
daz er mac ginerianze imo dingenten man, bittgesang an den heiligen Petrus 1. (denkmäler 13, 21);

er sprah: ih sento îuwih also dei scaf unter die wolfe. er gab in den kiwalt prediginnis unte hiez siu haben die mitewari des lampis, so daz si ire crimme nieth ni uôbten in dîe ire untertanen, so sumelichere site ist, so si kiwalt kiwinnet, daz si denno den tarent, den si frúme scolten. predigtbruchstücke aus dem 10. jahrh., fundgr. 1, 64, 17;

ik fullon scal
willeon thînen:thu habes gewald obar al. Heliand 4768; ähnlich 3339;

that he wâri selbosunu drohtines
wâr an thesaru weroldiendi gewald habdi
obar middilgard. 2970; ebenso 5388. 2419. 2876. 4063;

than lang hie giwald êhta,
Êrodes thes rîkeas. 70; ebenso 3830: ähnlich 763 (thera marca); 1680 (alles theses landes);

habdun liudeo giwald
allon elitheodon. 59; ebenso 4406; ähnlich 5556 (thes gisîdes);

ne forhteat iro fiundskepi: thoh sie hebbean iuwas ferahes gewald. 1904; ebenso 1909;

than scalt thu eft word sprekan,
hebbean thînaro stemna giwald. 169; genau so 238. 4978: ähnlich 2696;

giskerit ist thiu hieruuist sô lango sô uuili Krist.
uuili her unsa hinavarth, thero habêt her giuualt. Ludwigslied 38 (
Müllenhoff-Scherer denkmäler 13, 26).


c) in den glossen, die vom 10. jahrh. ab das wort zahlreich belegen, können die eben gekennzeichneten festen verbindungen natürlich nur den untergrund bilden für die begriffsbestimmung. doch auch sonst verschiebt sich hier das bild: für manche der nächst liegenden gebrauchsformen treten synonyma ein, während der verwendungsumfang in anderer beziehung über den rahmen wieder hinausgreift.
α) im vordergrund steht hier die staatsrechtliche ausprägung des begriffes macht, die sich bald in der allgemeineren bedeutung, bald in der besonderen beziehung auf eine bestimmte person darbietet.
1)) imperium, gewalt (Tegernseer handschr. 10. jahrh.), glossen zu Gregor, cura pastoralis 3, 16 (alteri imperium, atque alteri patientiam proponat). Steinmeyer-Sievers 2, 190; ähnlich glossen zu Prudentius (Berner handschr. 11. jahrh.) in Symmachum 1, 557 (et Ausoniam Christo inclinare securim). Steinmeyer-Sievers 2, 528; vgl. dagegen: imperium, ac imperium regale, potestatem cheisartuom, chunniclih macht, pipot. Hrabanisch-Keronische glossen. ebenda 1, 186.
2)) majestas giwalt (Tegernseer und Wiener handschriften des 10. jahrh. u. a.), glossen zu apostelgeschichte 19, 27 (der tempel der groszen göttin Diana wird fur nichts geachtet, und wird dazu ire maiestet untergehen Luther, ebenso schon Koburger, später Dietenberger und Eck; vgl.magenkraft im cod. Tepl. und bei Eggestein; glanz bei Kautzsch) Steinmeyer - Sievers 1, 748.
3)) auctoritate, giwalte (Tegernseer handschr. 10./11. jahrh.), glossen zu Gregors homilien 1, 14 (innocentes contra perversorum injusticiam ex justitiae auctoritate vindicamus). Steinmeyer-Sievers 2, 286; vgl. auch auctoritatem, gewalt (concil. Ancyr. praefatio), ebenda 145. dagegen vgl. auctoritatis, hertuomes, glossen zu 1. könige 21, 7 (grandis auctoritatis es; du bist grosses gewaltz. Eggestein, ebenso Koburger, Dietenberger; ains grossen ansehen. Eck; übst du jetzt königsgewalt? Kautzsch). 1, 441.
4)) personam, kewalt, hertuom (Karlsruher handschr. 11. jahrh.), giwalt, hêrdoom (Mainzer handschr. 11. jahrh.), gewaltherduom (Brüsseler codex 9. jahrh.) glossen zu Matth. 22, 16 (daz pilde des menschen. cod. Tepl. und Eggestein; person der menschen. Koburger, ähnlich Kautzsch; ansehen der menschen. Luther. Dietenberger. Eck). Steinmeyer-Sievers 1, 716; vgl.hertuomo antfang, in personarum acceptione. glossen zu Jacobi 2, 1, ebenda 1, 787.
5)) jura, giwalta (Münchener und Pariser handschriften des 11. jahrh.), glossen zu Prudentius contra Symmachum 1, 455 (quae domitis leges, ac jura dedisti gentibus). Steinmeyer-Sievers 2, 468; jus, giwald (Münchener handschr. 11. jahrh.), zu Prudentius, passio Laurent. 430 (quo magis jus Christiani nominis, quodcunque terrarum jacet, uno illigaret vinculo). ebenda 2, 435.
6)) tyrannidi, giwalte (Tegernseer handschr. 11. jahrh.), glossen zu Rufinus historia ecclesiastica. Steinmeyer-Sievers 2, 601.
7)) die personificierung dieses begriffes wird in den glossen durch synonyma gedeckt: magistratibus, hertuom. glossen zu

[Bd. 6, Sp. 4918]


apostelgeschichte 16, 20 (maistern cod. Tepl., meisterscheften Eggestein und Koburger; heubtleuten Luther; öbersten Dietenberger. Eck; prätoren Kautzsch). Steinmeyer-Sievers 1, 747; vgl. dagegen gewaltes, regentis. Monseer fragmente 39, 19 Hench; himilischin kawalte, caelo. 28, 30. vgl. die zahlreichen späteren belege für gewalt im sinne von obrigkeit, amptsperson in 4).
β) gegenüber dieser breiteren entfaltung des begriffes der äuszeren machtstellung tritt diejenige seite der bedeutungsentwicklung in den glossen zurück, die mehr die individuellen äuszerungen des machtgefühls am träger der gewalt ausarbeitet. theilweise versagt nach dieser seite das bedürfnis, dem die glossen dienen, theilweise aber überwiegen hiefür synonyma. einige feststellungen sind jedoch auch hier zu verzeichnen, die theilweise dem späteren sprachgebrauch entgegenstehen.
1)) brachium, giwalt (Tegernseer und Monseer handschriften des 10. jahrh. u. a.), glossen zu Esaias 40, 10 (denn sihe, der herr kompt gewaltiglich, und sein arm wird herrschen. Luther; ähnlich Eggestein. Koburger. Dietenberger. Eck. Kautzsch). Steinmeyer-Sievers 1, 611; vgl. dagegen: brachium sterchida zu Esaias 32, 2 (sei ir arm früe Luther; arm oder sterck Eggestein. Koburger, arm Dietenberger. Eck. Kautzsch). ebenda 1, 608.
2)) cornibus, giwaltun (Tegernseer und Monseer handschriften des 10. jahrh. u. a.), glossen zu Gregors homilien 1, 19 (illic nos a sorte humilium judex separat, qui se hic in superbiae cornibus exaltant). Steinmeyer-Sievers 2, 293.
3)) ad nutum ejus, za kiwaltidu sinera (Karlsruher handschr. 8./9. jahrh.), glossen zu Hiob 26, 11 (die seulen des himels, zittern, und entsetzen sich fur seinem schelten. Luther; wirckung Eggestein; willen Koburger. Dietenberger. Eck; vor seinem dräun Kautzsch). Steinmeyer - Sievers 1, 510b; vgl. nutu, kiwalti (Oxforder glossenhandschr. des 9. jahrh.) 4, 8; nutus (handschr. nurus) kiwalt, potestas deifica. 4, 9.
γ) am wenigsten entwickeltim gegensatz zu späterem gebrauchist die annäherung des begriffes an den von kraft, stärke: vi, chrefti. glossen zu apostelgesch. 27, 41 (von der sterk dez meres. cod. Tepl.; das hinder teil zubrach, von der gewalt der wellen. Luther). Steinmeyer-Sievers 1. 753.
d) für Notker, der von der althochdeutschen litteratur zur mittelhochdeutschen dichtung überleitet, ist namentlich die psalmenübersetzung ergiebig. die vorlage arbeitet hier mit abstracten vorstellungen, die in bilder eingekleidet sind. der auf verdeutlichung bedachte übersetzer fand hier oft gelegenheit mittelst unseres wortes dem verständnisz der leser zu hilfe zu kommen, während spätere übersetzer sich enger an die vorlage anschlossen (vgl. auch oben die glossenbelege für manus, brachium): vgl. wanda in gotes kewalte ist lex data (êha gegebin) Judeis .. si ist der calix; quia calix in manu domini. Notker psalm 74, 9 (denn der hat einen becher in der hand. Luther; ebenso Trebnitzer psalmen); siê ne irhiûgeton sînes kewaltes, den er scêinda, do er siê lôsta, non sunt recordati manus ejus qua die liberavit eos. 77, 42 (sie dachten nicht an seine hand. Luther; ebenso Trebnitzer psalmen). ebenso 78, 11 (Luther: arm); nube dîn zesewa daz chit din potentia (kewalt) unde dîn arm daz chit filius tuus. 43, 4 (151b Hattemer); ebenso 44, 5 (158a); aber got irlôset mîna sêla fone hello gewalte, de manu inferi. 48, 16 (aus der hellen gewalt. Luther 49, 16; von der hant des tufels. Trebnitzer psalmen); ebenso 21, 21. 106, 2 (bei Luther änderung). vgl. DWB da er sich freweta, daz mit sînemo tôde diu werlt irlôset wart vone des tûiveles gewalte unte vone demo êwegen tôde. Williram 53, 18 Seemüller. andererseits nötigte die kunstform des parallelismus, in der die vorlage erscheint, den übersetzer zu einer ähnlichen mannigfaltigkeit im wortgebrauch, sofern er die variation der termini an einem und demselben begriffe in gleicher weise durchführen wollte. hierdurch wurde wieder die sonst so reinlich durchgeführte abgrenzung unseres wortes gegen die synonyma durchkreuzt, vgl. din gewalt, Christe, werde in iudicio .. allen dînen fienden .. unde danne irvare din chraft alle diê dih hazzent, inveniatur manus tua omnibus inmicis tuis, dextera tua inveniat omnes qui te oderunt. Notker psalm 20, 9 (Luther und Trebnitzer psalmen folgen genauer der vorlage).
α) consequent ist gewalt nur in den bereits belegten festen verbindungen durchgeführt: er ne gibet imo neheinen gewalt an sînero sêlo. Notker zu psalm 36, 33 (Hattemer 2, 130a); got netemet sie, sie ne habent iro gewalt 54, 24 (191a); vgl. zu 68, 16 (236b). 113, 1 (408a) u. a. hier wird auch das lateinische potestas noch immer durch gewalt gedeckt. nehêin anderer ne was potestatem habens ponendi animam suam (kewalt habinde

[Bd. 6, Sp. 4919]


sînin lîb ze lazzene). zu psalm 87, 6 (2, 312) vgl. Hattemer 2, 319a. 342a. 405a und 3, 70a (Boethius).
β) sonst ist potestas schwankungen in der wiedergabe ausgesetzt, die sich nicht immer ungezwungen aus dem zusammenhange erklären. wenn potestatis maris durch machte des meres gegeben wird (Notker psalm 88, 10 tu dominaris potestatis maris, waltest dero mahte des meres Hattemer 317b), so finden wir an anderer stelle lîezist tû dînen segel demo winde ze gewalte, si committeres vela ventis. Boethius 49a (von Eiselein 565 als sprichwort angeführt). und so kann auch für die verschiedenheit in den folgenden belegen der grund nicht in der bedeutung gesucht werden: vgl. waz kewalto mag taz sîn, diu manne nîeht penemen nemag, in nebîzên sorgûn quae est igitur haec potestas. Boethius (Hattemer 113b); daz ander gewalt tero goto neheiner nebestât, quod nulla potestas superum. Marcianus Capella (Hattemer 282a); ube chuninges kewalt sâligheit machôt (regnorum potestas). Boethius 113a; und vgl. dagegen: wanda gotes ist diû maht, quia potestas dei est. psalm 61, 12 (das gott allein mechtig ist. Luther; wen gotis ist gewalt. Trebnitzer psalmen); iro potestas (maht) ne gibet in escam. zu psalm 103, 28 (Hattemer 374b.)
γ) das gleiche gilt für potentia: nube dînin gewalt unde dîn reht, potentiam tuam (Trebnitzer psalmen starcheit. Luther kraft). Notker psalm 70, 18 gegen ich faro in mînes truhtenes maht, interibo in potentiam domini. 70, 16 (ich gehe einher in der krafft des herrn Luther; machtheit Trebnitzer psalmen); din arm ist mahtig, tuum brachium cum potentia. Hattemer 2, 318a.
δ) die allgemeinere bedeutung einer aus der inneren anlage des subjectes erwachsenden kraft und machtfülle ist für gewalt noch wenig erschlossen. lat. virtus z. b. wird auch bei Notker noch durchweg durch 'kraft' u. a. wiedergegeben: in brachio virtutis, an dînero chrefte. psalm 88, 14 (du hast einen gewaltigen arm Luther). in einzelnen fällen nur wird durch die eigenart des zusammenhanges auch gewalt solcher bedeutung näher gebracht: târ an dero stete ist is knûoge zedero zestôredo selb — waltiges willen, wanda nôt nimet ten gewalt. Boethius 223a.
ε) dagegen wird mit sicherheit diejenige machtfülle, die aus der stellung des subjectes flieszt, durch gewalt gekennzeichnet. die staatsrechtliche prägung des begriffes entfaltet sich also auch bei Notker durchweg im rahmen des wortes gewalt, er strebt hierbei vielfach die personificierung und vergegenständlichung an und giebt deshalb auch für den gebrauch des plurals einige beispiele: waz mag ih rachôn fone hêrskefte unde fone gewalte, quid autem disseram de dignitatibus et potentia. Notker Boethius 79a; gib mir dînemo chinde gewalt, da imperium puero tuo. psalm 85, 16 (Luther macht. Trebnitzer psalmen); tû lêrtôst unsih ouh mit sînemo munde, allên wîsên nuzze wesen, in dîen worten gewalt ze gwunnene. Boethius 27b; hanc causam capessendae rei publicae necessariam esse sapientibus. alle helfa scazzes, friûndo, gewaltes, unde al daz zeguôllichi triffet, ferlîesent siê dâ. psalm 48, 15 (Hattemer 172b); in allên diên steten dâr sin gewalt sî, dar lobo gote mîn sêla, in omni loco dominationis ejus. 102, 22 (an allen orten seiner herrschaft Luther; ebenso schon Trebnitzer psalmen). ebenso Boethius 13. ähnlich psalm 113, 1 (für potestas, Trebnitzer psalmen gewalt); hêrsceffe, furstûoma, kewalta, sulen dir daz siê sint (potestates tibi debent quod sunt). psalm 70, 19 (Hattemer 247a); alliu rîche unde alle andere gewalta danne wesen sâlige ube iro vlâgîn wîse respublicas beatas fore, si vel regerent eas studiosi sapientiae. Boethius 27b.
ζ) in einigen fällen wird durch die eigenart des zusammenhanges schon die vorstellung einer steigerung der machtfülle, eines missbrauches der macht vorbereitet. hier liegen die ansätze zu der parallele gewalt, violentia: taz ist tero chûningo gewalt, ter ofto die rîchen insezzet. Notker Boethius 25b; wanda er ne lâzet den gewalt dero sundigon uber den teîl dero rehton, non derelinquet virgam peccatorum super sortem justorum. psalm 124, 3 (der gottlosen scepter Luther; die rute der sunder. Trebnitzer psalmen); mîna eînigun bring tu widere fone lowon .. (sela einichlicho geborna) lôse diâ fone iro sarfen gewalten. 34, 17 (Hattemer 119b).
e) als gesammtergebnis läszt sich für die althochdeutsche periode feststellen, dasz die verwendung im sinne von 'macht' nur in festen verbindungen auf rein deutscher grundlage beruht und dasz diese verbindungen ein bestimmtes verhältnis zwischen dem träger der gewalt und andern machtfactoren feststellen. dieses verhältnis findet in der staatsrechtlichen ausprägung des begriffes

[Bd. 6, Sp. 4920]


seinen natürlichsten ausdruck, während es in den beziehungen des menschen zu gott auf den einflusz fremder vorlagen in der geistlichen dichtung zurückführt. die abgrenzung gegen den begriff 'kraft', namentlich im sinne eines aus der naturanlage einer persönlichkeit oder eines objects erwachsenden vermögens, ist ziemlich reinlich durchgeführt und die bedeutung eines miszbrauchs der macht ist fast gar nicht entwickelt.
3) die mittelhochdeutsche periode. vgl. DWB gewalt mhd. wb. 3, 474b. Lexer 1, 972. der bedeutungsumfang greift schon hier weit aus. nicht immer beruht dies auf der entwicklung neuer bedeutungen, häufiger vielmehr auf der befestigung oder gebrauchserweiterung solcher verwendungen, die in älteren quellen vereinzelt waren, so vor allem der parallele vis, violentia in allen ihren abstufungen von der 'gesteigerten kraft' bis zu 'gewaltthat' und 'unrecht'. noch mehr ins gewicht fällt für die mittelhochdeutsche zeit die verschiebung und ausdehnung der gebrauchsgrenzen. die engste fühlung mit den älteren typen hält nach dieser seite die lyrik, die ihrerseits manche für die beziehung auf gott geprägte form nunmehr für den minnedienst nutzbar macht. die epik läszt manche verborgene wendung älterer herkunft ans licht treten, oder sie verschafft einzelnen wendungen damaliger umgangsprache eingang. theilweise knüpfen diese an die formeln an, die die rechtsdenkmäler des 13. jahrh. in die litteratur einführen, theilweise finden sie ihre parallele in den urkunden und in dem stil der chroniken, die beide voller aus dem leben schöpfen als die kunstform der dichtung.
a) abgrenzung von gewalt und macht.
α) die engste annäherung an die bedeutung von macht gewinnt unser wort in der verallgemeinerung, die es unter abstreifung der ihm anhaftenden verbindungen und näheren bestimmungen erzielt. man vgl. den satz gewalt ist aber sô manicvalt inmitten einer reihe von festen wortverbindungen mit gewalt im folgenden beispiel:

owê, owê hêr Tristan,
daʒ ich iuwer ie gewalt gewan
sô guoten, alse ich iezuo hân
und der alsô niht ist getân,
daʒ ich in alsô geüeben müge,
als es mir wege unde tüge!
gewalt ist aber sô manicvalt:
ich wæne; ich mac wol disen gewalt
an mînem vînde üeben.
Gottfried Tristan 10350 ff. Bechstein.

diese art der verallgemeinerung ist in der mittelhochdeutschen periode sonst wenig entwickelt:

nu sehent wie wirdiclîche
die herren konege rîche
empfîngen ir heilant,
und wie hôhen prisant
sie hatten da zustund bereit.
daʒ was ein offenbarkeit
gewalt und hêrlikeite.
die menschheit ouch gereite
alsus wart offenbêre,
daʒ er ein heilant wêre. erlösung 3364 Bartsch;

daʒ süll wir alleʒ varn lân,
wan got der uns geben hât,
der gît uns an der selben stat
vich und ros, swenn er wil,
wan er hât gewaltes vil.
Enikel weltchronik 13260 Strauch.


β) wo unser wort in der mittelhochdeutschen periode über die grenzlinien der einzelnen verbindungen hinausgreift, ist ihm meist die nebenbedeutung herrschaft, regierung beigemischt, es ist dann auf das staatsrechtliche gebiet eingegrenzt: die gewalt stet an den burgern, also daz iz der stat zu nutze unde zu gute kumen muge. Freiberger stadtrecht 242 Ermisch.
1))

er kunde wol ze rehte leben,
wan im diu mâʒe was gegeben
von des heilegen geistes lêre.
des rehten huote er sêre.
eʒ ist reht daʒ man behalte
deumüete in gewalte
(dâ genesent die armen mite),
und sol doch vrevellîche site
durch die vorhte erzeigen
und die mit rehte neigen
die wider dem rehten sint.
Hartmann v. Aue Gregorius 3798 Paul;

nun ist niht mêre mîn gedinge
wan daʒ si ist gewaltic mîn.
bî gwalte sol genâde sîn.
ûf den trôst ich ie noch singe,
genâde diu sol überkomen
grôʒen gwalt dur miltekeit:
genâde zimt wol bî rîcheit.
ir tugende sint sô vollekomen
daʒ durch reht mir ir gwalt sol fromen.
Rudolf von Fenis minnes. frühl. 84, 12ff.;

[Bd. 6, Sp. 4921]



sit daʒ du, minne, merest,
swaʒ in dinen hulden ist,
truren unde hohen muot,
swie so du 'ʒ danne kerest,
sit daʒ du also gewaltik bist,
so wis minen vröuden guot.
weistu wol, daʒ genade bi gewalte zimt?
Rubin minnesinger v. d. Hagen 1, 316a;

vgl. DWB so sol ouch der herre gnade han. wan herren zimet gnade. bischofs- und dienstmannenrecht von Basel (13. jahrh.) § 12 Wackernagel;

der kaiser dô ân allen strît maht vride unt guot gerihte.
mit sîm gebet gein got er schuof
daʒ im sîn gemeinlîch half der lande ruof.
gewalt hât niht gunst, hât got mit ir niht pflihte. Lohengrin 7590 Rückert;

hie sint die bigent den gewalt.
si sein iunc oder alt.
die sich nicht chunnen erbarmen.
unt die roubent die armen .... Tnugdalus 57, 42 Hahn.


2))

an ime brast aller tugende niht,
der hêrre haben solde,
wan daʒ er ze verre wolde
in sînes herzen lusten sweben
und niwan nâch sînem willen leben;
daʒ ime ouch sît ze leide ergie.
wan leider diz ist und was ie:
ûf gêndiu jugent und volleʒ guot,
diu zwei diu füerent übermuot.
vertragen, daʒ doch vil manic man
in michelem gewalte kan,
daran gedâhte er selten;
übel mit übele gelten,
kraft erzeigen wider kraft:
darzuo was er gedanchaft.
Gottfried Tristan 268;

si waren menlich unde balt.
dô si in êr und in gewalt
den kunic drungen unde schuben.
Ottokar österr. reimchronik 22283;

der chunich Ludweich behielt den hof acht tag mit gewalt und mit grozzen eren. sächs. weltchronik. 335 (1. bair. forts.); do weiht und chront in pischof Peter von Maegenz ze rmischem chnig. doran was er ... jar mit gewalt und doch mit grozzer arbeit. ebenda.
3))

ir herren nemet selbe war,
mir sint verwandelt vil gar
der sin, der lîp, dar zuo die site,
die dem von rehte wonent mite
der grôʒes gewaltes pflegen sol:
ichn zime ze bâbest niht wol.
Hartmann v. Aue Gregorius 3561 Paul;

die gebruoder wârn von hôher art
vor Nînus, der gewaldes pflac
ê wurde gestiftet Baldac.
Wolfram Parzival 102, 11;

ich hab in reht alsam mîn kint,
oder mich mach got gewaltes blint.
Enikel weltchronik 10434 Strauch;

glicherwis als ich bin
und mir ein ieglich keiser na
uber die werlt hie unde da
herre ist mit gewaldes hant,
sus wil ich daʒ eʒ si gewant
umme die reinen pfafheit. passional 70, 27;

sente Peter von gotes genaden gab
itslichem babiste des gewaldes stab
daʒ her beide mort und slag
und alle sunde vergeben mag.
Brun von Schonebeck 12082.


4))

zuo ir ingesindeein teil si lûte sprach,
dô si ze ende des ringesden helt gesunden sach,
'balde komet her nâher,mâge und mîne man:
ir sult künic Guntheralle werden undertân'.
.. er gruoztes minneclîche:jâ was er tugende rîch,
dô nam in bî der hendediu maget lobelîch:
si erloubte im daʒ er soldehaben dâ gewalt.
des freuten sich die degnevil küene unde balt. Nibelungenlied 440, 3;

do sach ein Hiunen reckeRüedegêren stân
mit weinenden ougen,unt hetes vil getân.
der sprach zer küniginne:'nu seht ir wie er stât
der doch gewalt den meistenhie bî Etzelen hat'. 2075, 4;

waʒ half, daʒ Nabuchodonosor
gewaltes hete und rîcheit vil? Wínsbeke 75, 4;

ich wil dir machen unterthan
wol fünffzehen könig herre
dann ich hab gewaltes vil mere
dann nie kein könig ward erkant. Laurin 70 Schade;

ich gebe dir lûte und lant
ûf dîne sêle in die hant
und gebe dir gewaldis vil. Livländische reimchronik 423 Meyer;

[Bd. 6, Sp. 4922]



si habent eʒ vergramaziert
und daʒ rîche verirt
maniger êren und gewalt,
diu im vor war bezalt.
Ottokar österr. reimchronik 51587;

Selhen, Sîven, Letten lant
wâren in der Rûzen hant
vor der brûder zîten komen.
der gewalt wart in benomen:
er treit sie zû lande wider. Livländische reimchronik 648.


5))

Rômêre duo sin infiengin,
einen nûwin sidde aneviengin:
si begondin igîzen den hêirren —
daʒ vundin sime cêrin,
wanter eini duo habite allin gewalt
der ê gideilit was in manigvalt.
den sidde hîʒ er duo cêrin
Diutischiu liute lêrin. Annolied 471 Rödiger;

sît daʒ noch beide lebten,Sigmunt und Sigelint,
niht wolde tragen krôneir beider liebeʒ kint:
doch wolder we en hêrrefür allen den gewalt
des in den landen vorhteder degen küene unde balt. Nib. 44, 3 Lachmann;

sô si werdent verstôʒen
von dem gewalt und von dem amt,
dem fursten man dennoch samt
daʒ guot und den gewin ze hûf,
daʒ si gesetzet habent ûf,
und belîbet in diu sunde.
Ottokar österr. reimchronik 24360.


γ) engere grenzen der bedeutung, die sich aus der kennzeichnung des trägers der gewalt ergeben.
1)) beziehung auf gott, Christus, auf religiöse vorstellungen.
a)) die gewalt als inbegriff göttlicher macht, vgl. Rödiger zur Milstätter sündenklage zsch. d. a. 20, 301.
α))

du got mit sîner gewalt
sluoch in êgyptisce lant, ...
mit zehen blâgen er se sluoch. Ezzolied 23, 1 (
Müllenhoff-Scherer denkm. 13, 89);

got mit sîner gewalt
der wurchet zeichen vil manecvalt.
der worhte den mennischen einen
ûʒʒen von aht teilen. (13, 79) 3, 7;

daʒ fuir slûg in îngegini,
iʒ virbranti ir michil menigi.
god mid sînir giwalt
machit in den ovin kalt. drei jünglinge im feuerofen (ebenda 13, 135) 7, 7;

ähnlich Annolied 163 Rödiger. kaiserchronik 8744 Seemüller. 16687 ebenda. Crescentia 25 Schade. Mar. 172, 6. exodus 135, 28 Diemer; daz dritte was gelîh einem vlieguntem arne, der gap urchunde, daz unser herre sweimet mit sînem gwalte ob aller geschefte und ob allen dingen. predigten aus St. Paul s. 103; unse herre got umbegurt sich mit sînen tugenden und mit sînem gewalte. ebenda 108.
β))
1)))

gotes gewalt was iê.
unt verwandelte sich nie.
noch nimmer gett. anegenge 2, 60 Hahn;

ähnlich 2, 65. 6, 25. 7, 17. 7, 39. 7, 52. zu der personification von gewalt als dem inbegriff gottes, vgl. unter ζ);

gott aller gütte urspring,
in des hant der welte ring
ist beslossen und des gewalt
ist ungezalt und manigvalt,
kam also gegangen dar,
do Adam lag, ...
Lutwin Adam und Eva 536;

des (gottes) gwaltes ist alsô vil,
er mac den rîchen swenner wil
dem armen gelîchen
und den armen gerîchen.
Hartmann v. Aue Erec 540;

dîn kraft gewinnet niemer ort,
dîn gewalt, dîn geist, dîn wort
got vater mensche unde kint
gewaltes ungescheiden sint,
als ie ân anegenge was,
dîn einic drîvalt unitas.
B. v. Ems Barlaam und Josaphat 1;

do scein der gotes gwalt: Michahel hûb ûf sîne hant,
er tete demo tieuele einen slach, daʒ der himel under ime brast. genesis bei
Hoffmann fundgruben 2, 11;

ei wel gedruwe mahelschaft,
seliger lestenunge craft,
ei wi geneme otmudekeit
an dise frouwen was geleit,
zu der sich neigete also balt
di hohe godelich gewalt! Elisabeth 5336 Rieger;

dîn väterlîch gewalt gebôt
des himels wernde stætekeit,
wie unde in welher mâʒe er treit
der sterne louf der sunnen schîn.
Rudolf von Ems der gute Gerhard 326.

[Bd. 6, Sp. 4923]



2)))

dis was siner genoden spil
und sins gewaltes kraft.
Lutwin Adam und Eva 285;

ich wil iuh behuoten mit mînen tugenden gotliches gwaltes. predigten aus St. Paul s. 90; er (der könig von Ninive. Jona 3, 6) virgaz sinis kûnichriches, do er den obristin rihtâre mit vurhtin anrfte; gehugte sines gewaltis, da er die gewaltlichen gotheit erchanti. specul. eccles. 71 Kelle.
3)))

sunder missewende
bist dû der urhap genant,
daʒ ende stât in dîner hant;
der beider name wær dû ie,
doch gewunne dû sie nie
und müeʒen dem gewalte dîn
versaget unde vremede sin.
R. v. Ems Barlaam und Josaphat 1.


4)))

ander namen hat er vil.
die ich den geleichen wil.
die hrent alle an den gewalt.
der zedem vater ist gezalt. anegenge 5, 47 Hahn;

der bâbes viel die dritten venie
vur aller der menige,
ûf huob er sîne hant.
er besceinte mînes trehtînes gewalt.
er sprach: 'ich gebiut dir tier wilde
in tôtlîchem pilde.
daʒ dû sciere wider lebendich ûf stêst'. kaiserchronik 10306;

nu erkanden sî den gotes gewalt
sô starken und sô manecvalt,
ob er sîn geruochte pflegen,
daʒ in harte wol sîn segen
gefriste vor aller freise.
Hartmann v. Aue Gregorius 3362; ebenso St. Pauler reimbibel 77, vgl.
Schönbach zsch. d. a. 45, 250;

dar nâch gap in got ein stiur
daʒ daʒ wilde fiur
kam gewalticlîche
und verbrant daʒ hûs rîche,
daʒ von gold was bereit
herrn Nerôni, als man seit.
dâ sach man gotes gewalt an,
daʒ wider got nieman kan.
Enikel weltchronik 24253 Strauch.


γ))

got rîcheset aine
uber alle di werlt gemaine.
er gibet lîp âne tôt,
er gibet genâde âne nôt,
iʒ ist alles in sîner gewalt,
niemen nimet eʒ ûʒ siner hant. kaiserchronik 2389; ebenso 11020 (variante hende);

der kunic biʒeichinôt den got,
der dî werilt hât gibilidôt,
in des giwalt alliʒ stât
daʒ daʒ gistirni umbi gât. lob Salomonis 16, 3;

eea karissima
nu vernim den rat min.
swie ich niht sinnes han.
ez mac dir doch ze gte ergan.
sit dich zekinde erwelt hat.
uf des gewalt stat.
diu erde und des himels craft. altd. blätter 1, 343:

er troste sie aller beste:
er sprah 'nu muoz uh got gevristen',
beide iunc unde alt
daʒ stet in siner gewalt. Maccabäer 72 Kraus s. 28;

aldaʒ der sun der muoter enbieten solte:
ob si ir zorne entlîben wolte,
unt wolte si ain sent loben,
lieʒe zesamene chomen
der haiden wîse scrîbære
unt di der ê under den juden phlægen,
vernæmen di rede allenthalp.
got hête in sîner gewalt,
daʒ er selbe eroffenôte,
swelhe under in reht hêten. kaiserchronik 8355;

wie lange denne diu werlt sul stein,
daʒ ist allin geliche unchunt.
Crist sprah selbe durch sinin munt:
eʒ in soltde wiʒʒen der iunge noch der alte
daʒ der vater hat in sime gewalte. antichrist, fundgruben 2, 126;

dô wart diu selbe frowe wol inne, daz daz zeichen chom von gotlichem gwalte und wart si bechêrt. predigten aus St. Paul s. 125.
δ))

so scol diu erbarmede von uns gan.
uber einen iegelichen man,
dise tugende bringet uns der rat.
unser gehucht der der gebe chunde hat.
durch die himele er si fret.
so si nah gote cheret ......
der rat der sol si fren.
si senent sich nach sinem gewalte. vom leben Jesu 278, 13 Diemer;

[Bd. 6, Sp. 4924]



ich geben mich an des almehtien godes gewalt,
wande mîne sunden sinth sô manichfalt,
dat ich si alle nîth nemach genennen. Upsalaer sündenklage 9 Waag;

nû wil ich gote genâde sagen
daʒ er in mînen jungen tagen
mir die sinne hât gegeben
daʒ ich ûf diʒ brœde leben
ahte harte kleine.
ich wil mich alsus reine
antwürten in gotes gewalt.
Hartmann v. Aue armer Heinrich 699.


ε)) 'gottes gewalt' wurde vom mittelalterlichen menschen in allen fällen empfunden, wo eine schicksalsfügung den kreis menschlicher berechnung und menschlicher machtfülle zerrisz. als feste verbindung unterlag diese wortgruppe daher je nach dem zusammenhang und nach der stilform, in der sie verwendung fand, den mannigfaltigsten bedeutungsänderungen.
1))) charakteristisch ist, wie schon Konrad von Megenberg mit dieser verbindung als einer überkommenen sich auseinanderzusetzen sucht: nu werte der sterb laider lenger wan ain jar .. dar umb sprich ich, daz er sô lang wert, unz der vergift dunst den luft raumt .. die andern sprâchen, ez wær der gotes gewalt. sicherleichen, daz was wâr, wan alliu dinch würkent in der kraft gotes, ân den sünder allain .. ich sprich aber mit urlaub, daz got die welt möht niderslahen in aim augenblick ân aller siechtagen hilf. 112, 3. später verengert sich die bedeutung in dieser verwendung bis zu dem begriffe schlagflusz, s. unter III.
2))) nach anderer seite wendet sich der gebrauch, der aus der naturanschauung in gebirgsgegenden überliefert ist: darumb ob gotz gewalt auschäm, daz man möcht zimmerholtz finden (aus 1350). Schöpf tirolisches idiotikon 79.
3))) in der rechtssprache ist eine ähnliche verwendung viel belegt, in der die wortgruppe heute durch andere verbindungen (vgl. unter III verdrängt ist: unde gelobet denne ein man dem anderen zwenzic marc vor gerichte uf einen tac unde der richter ge abe under des von gots gewelden unde dirre spreche, he si im nicht schuldic, alse iz kumet zu deme tage, solde he umme di rede sin gelt verlisen, daz were unbillich. Freiberger stadtrecht 29, 3 Ermisch; were aber, daz he sturbe in dem gevencnisse geelingen oder von gotis gewalden oder wi daz were, so antwerte he zop unde zagel wider unde ist ledic zu rechte. 5, 32; swelch man sinen richter irsetcen wil oder muz an eime gezuge, deme he abe ist gegangen von gotis gewelden oder gevarn ist beteverte ... der muz haben siben man an desselben richters stat erhafter lute. 29, 1.
b)) der hinweis auf Christus:
α))

nu wil ich iu zellen.
di iz vernemen wellen.
wer die waren.
di mit ir giengen.
daʒ selbe was Maria Magdalena.
di dir unser herre hailant.
erloste mit siner gewalt.
von den ubelen gaisten. vom leben Jesu 265, 24 Diemer;

in dem Jordâne
wurde wir ze wâre
alle frîge gezalt,
er holte uns ûʒ der helle mit sînem gewalt. wahrheit 91 Waag;

nu bitte ich iuch chnaben drî
daʒ ir mir helfunde sît
und daʒ du (Christus) erlôsest dînen schalch
mit dîner gewalt. Millstätter sündenklage 792, zsch. f. deutsches alterthum 20, 280;

und doch swie dc der gotes sun wêre bedecket in den häntschhe der menschait. doch so waz er diu hant diu himel. unde erde. und dar z alliu dinch. mit sinem gewalte und mit siner wisehait hât geschaffen. und da von sprichet er durch dez wissagen munt Isaias. predigten d. 13. jahrh. 1, 159 Grieshaber; do wart der mensch der ain stumme vor waz gewesen. der wart redende. und do dc die schara sâhen. do nam ez si groz wnder. und sprachen sumeliche under in. in beelzebub principe demoniorum eicit demonia. swie dc wêre. dc got den tiefel mit sinem gtelichen gewalte den bsen gaist hete ûz geworfen. do sprachen si. er tête ez mit dem gewalte des tiefels. 2, 99.
β))

id was ein michel wunder,
dad die magit iunge
gebar ein kint an alle wiseit
des gewalt so michel is inde breit. von Christi geburt 91; vgl.
Kraus d. ged. d. 12. jahrh. 5; ebenso im Baumgartner Johannes Baptista 55 (
Kraus s. 14);

[Bd. 6, Sp. 4925]



er was mennisch unte got.
also suoze ist sîn gebot:
mit uns er wantelôta
driu unte drîʒʒich jâr,
durch unser nôt daʒ vierde halp.
vil michel ist der sîn gewalt:
sîniu wort wâren uns der lîp;
durch unsih alle erstarb er sît. Ezzolied 16, 12 (
Müllenhoff-Scherer denkm. 13, 87);

daʒ du dich lieʒe trîben
an die stat, dâ man dich hie
under die dâ wâren ie
z den scâchêren gezalt?
ôwî dîn gotlich gewalt! Vorauer sündenklage 827 Waag;

vil michel was sîn magenchraft.
uber alle himelisc hêrscaft,
uber die helle ist der sîn gwalt,
michel unte manicvalt. Ezzolied 21, 8 (
Müllenhoff-Scherer denkm. 13, 89);

also hab wir uns berait,
von orient sei wir chomen,
sein gewalt hab wir vernomen
an dem stern, der uns derschinen ist. Erlauer spiele 19 Kummer;

wie der gotes sun von himele an die erde chom:
von ainer magede wart er uns ze trôste geborn ...
dô er sich niht langer newolte tougen,
er newolte sînen gotelîchen gewalt ougen,
als in der vater her hête gesendet. kaiserchronik 9387;

dô vil sanctus Felix ûffe sîne knie und sîn bruder, der dô heizet der Austus, wan her prister was alsô sîn bruder, und sprâchen: 'herre Jêsu Kriste, wîse hûte dînen gotlîchen gewalt daz dise apgote und dirre tempel verstôret werde unde diz heidenische volc gloubic werde'. Herm. von Fritzlar heiligen leben (deutsche mystiker des 14. jahrh.) 1, 191.
γ))

wir wellen den ze hêrren hân
der himel unde erde enpore hât,
in des gewalt nû stât
baide lîp unde tôt.
(er dolte selbe marter und nôt)
daʒ er relôste unsich. kaiserchronik 10873.


δ))

unser hêrre der heilant
nam wider în sînen gotelîchen gewalt,
dem vater und dem hailigen gaiste ebenhêre und ebenrîche.
dannen sint die drî namen wærlîche
ain got genennet. 8853.

(Êrec sprach) 'frouwe, nû gehabet iuch wol ...
nu bevalch in diu guote
mit worten und mit muote
in unsers herren gewalt.
ir gebet wart vil manecvalt.
Hartmann v. Aue Erec 5373;


c)) beziehung auf wesen, die in gegensatz zu gott gestellt sind:
α))

wie der man getâte,
des gehuge wir leider nôte.
dur des tiefels rât
wie schier er ellente wart!
vil harte gie diu sîn scult
uber alle sîn afterchunft
sî wurden alle gezalt
in des tiefels gewalt. Ezzolied 5, 8 (
Müllenhoff-Scherer denkm. 12, 82);

nu verlîch mir ze lebenne
unze ich verworvener scalh
von des tiuveles gewalt
inphre mîne sêle. Vorauer sündenklage 642 Waag;

daʒ begunde irweichen
sumelîche bôse heidenschaft,
dô sie der apostolen craft
ir gote shen touben
und ires gewaldes rouben. Livländische reimchronik 72.


2)) beziehung auf einen weltlichen kreis von personen als den träger der gewalt.
a)) allgemeinere und umfassendere kreise. hier überwiegen pronomina und substantiva als begleiter des wortes:
α)) nu merchet och mêre: der tage sind zewene, ein tach des mennischen, der ander gotis. der tach der mennischen wert also lange unz si langest lebint. hie sint die mennische in ir selbir gewalte, swedir si wellin nach deme himelrich arbeitin, oder nach der helle werche. aver ist der tac dirri mennischen also lange, so si in der lûte gewalte sint. specul. ecclesiae 49 Kelle; wir tun als die sunn, die scheint uber bose und uber gut: wir nemen gut unde bose in unser gewalt. ackermann aus Böhmen 8.
β))

duo daʒ wâre ôsterlamp
chom in der Juden gwalt
unt daʒ opher mâre
lag in crûcis altâre,
duo wuoste der unser wîgant
des alten wuotrîches lant. Ezzolied 24, 6 (
Müllenhoff-Scherer denkm. 13, 90);

[Bd. 6, Sp. 4926]


do heten de Romere geten van ere alle de lant de dar waren in ire gewalt. sächsische weltchronik 81.
γ))

mannechlîch wil reht hân
als sîn gewalt ist getân,
unde wil daʒ im selben haben
unde wilʒ deheinem anderen geben. vom rechte 45 Waag;

so wurstu dicke verseret
von mannes gewalte,
so das er din walte
und dich habe in sîner pflege.
Lutwin Adam und Eva 609;

swaʒ dirre gebûre gerne tete,
des dûhte sînen herren gnuoc:
dar zuo er in übertruoc
daʒ er dehein arbeit
von frömdem gewalte leit.
Hartmann v. Aue armer Heinrich 280.


b)) einengung des kreises der betheiligten personen. berufliche oder ständische gliederung:
α)) so sal ok de geistliche gewalt helpen deme wertlikem rechte, of it ir bedarf. Sachsenspiegel 1, 1;

mit dem selben râte
giengen si zdem mâl
zuo dem cardinal,
der zuo der wîle dâ lac
und des bâbstes gewalt phlac.
Ottokar österr. reimchronik 45514.


β)) al schat under der erde begraven deper den ein pluch ga, die hort to der koningliken gewalt. Sachsenspiegel 1, 35; ne tiet de erven nicht ut ut der koningliken gewalt binnen jar unde dage mit irme ede. 1, 38; wi sich das gerichte nicht kan vorswigen an gute, das an die konigliche gewalt fellit. Magdeburger fragen 1, 2, 25 (Behrend 54); welchir kebiszkindir gut, is sei erbe ader varnde habe, das si dirarbeit haben adir vorkoufft vor gehegetem dinge nicht vorreicht noch vorgeben were noch habin, unde nicht elicher kinder recht haben, das stirbet unde fellet an di konigliche gewalt noch irem tode. 1, 14, 8 (135); ab ein man von ungerichtis wegen zcu deme galgen vorteilet worde unde von koniglicher gewalt adir durch andir lute bete wille ledig worde geloszen, wi man den man vorbasz halden sulle. 1, 17, 2 (144); ich Tilemannus Elhen von Wolffhau, ein paffe usze Mentzer bischtome, wonehafftig zu Limpurg in Trire bischtom, ein uffinbar schriber von keiserlicher gewalt, want ich bi diser schicknge und ordinacien ... gezugen gewest bin. testament der Limburger bürgerin Grete Meinhard 20. april 1371 in der Limburger chronik 122; wo erbe ane erben stirbet. ab ein erbe vorstirbet. das sich nimant dortzu tzuhet mit rechte binnen iar unde tag. das nimpt di konicliche gewalt. Leman das alte Kulmische recht 4, 70; hirnoch so gingen des dirhangen frund zcu der koniglichen gewalt durch der minsten unlust wille unde betrubnisz unde beten, das man den toden muste begraben. Magdeburger fragen 3, 6, 2 (Behrend 195). zu den beiden letzten belegen vergleiche auch die für die objectivierung und personificierung zusammengestellten beispiele sp. 4937 ff.
γ)) sve nenen burgen hebben ne mach, dar he ok nen erve ne hevet, den sal de vrone gewalt behalden, of he um ungerichte klaget, oder die klage up ene gat. Sachsenspiegel 1, 6 Homeyer; adir luthe, die nahe gesessen sin, das si gehegetes dingis warten muszen, der eide mag der richter wol vorschiben. haben si abir keinen burgen, so sal si di fronegewalt behalden zcu offin tagin unde zcu gehegetem dinge, daz si di eide leisten. Magdeburger fragen 1, 16, 5; wenne ein man den andern in di fronegewalt adir in das gefengnissze brengit mit rechte umb sine bekante schult. 2, 2, 19. vgl. auch 3, 1, 7.
δ)) dusse bleven alle riddere und heilden sik in ridderlikem gewalde. (Magdeburger schöppenchronik) deutsche städtechron. 7, 352.
ε)) di munzmeistere haben ouch gewalt, aber ane gerichte nicht. Freiberger stadtrecht 229 Ermisch; man sol schriben allen reten, das ein ieglich rat, der danne gewalt hat, teglich klag sol hrren swenne er sitzet. (1324) Züricher stadtbücher 1, 34; wer, dz der egenant Sleipfer die vorgeschriben artikel deheinen nicht stêt hielt, dz si dann die vorgeseiten hundert pfund weren súln an gnad oder aber den vorgenanten Rdin Sleipfer wider gen Zúrich in des rates gewalt antwúrten und bringen súln. (1385) 1, 280; si hant ouch gesetz, das ein ieklicher rat, wenn er an sitzet, swerren sol, wz under inen klagt wirt, dz si dz alle richten súlent und ouch gericht súlent han, wenn ir zil und ir gewalt us gat. (1371) 1, 184,

[Bd. 6, Sp. 4927]



ζ)) wennte he ghewalt hebbe, so spreke de scultechte. die Goslarischen statuten 73 Göschen.
η)) her mag is (das vieh) ouch wol pfenden ane des richteres orlob, und sal is triben in des richteres gewalt. das alte Kulmische recht 5, 26 (Leman 158); und ob ein manslek dreistunt geladener nicht fúr chumt, der richter chund in in die âcht und zwei teil seins guets stên in dem teil seiner hausvrowen und seiner chinder, und der dritteil seines guets stê in dem gewalt des richters. Augsburger stadtrecht 50.
θ)) dienest manne egen ne mach in koningliken gewalt nicht komen, noch buten irs herren gewalt, of se sik verwerket an irme rechte. Sachsenspiegel 1, 38 Homeyer; dinstman ervet unde nemet erve alse vri lüde na lantrechte, wen allene, dat si buten irs herren gewalt nicht ne ervet, noch erve ne nemet. 3, 81; das hulffe im got von des herren gewalt usz deme lande. Magdeburger fragen 3, 9, 3 (Behrend 204); in molne unde in münte unde in tolne unde in wingarden unde in tegeden oder in süsgedanen dingen, of en man belent wert, deme lene volget die man unde erft it, al hebbe die herre des lenes stat in siner gewalt to bestadene. Sachsenspiegel lehnrecht 11; svat aver den mannen an irme lene gebrict, die wile it die herre hevet an siner gewalt des lenes stat, unde die bestadet, die wile sal de herre den mannen irvullen iren scaden. ebenda; wer unser ainer stirbet und hawsfrawen und erben lezzet, der richter ader foit, noch imand anders schol sich seines gutes nicht unterwinden, sunder das gut bleibt in der gewalt der frauwen und der erben. Iglauer stadtrecht (13. jahrh.) Tomaschek 201.
ι)) dekeins burgers sun von Colmer der under des vatters oder der mutter gewalt dennoch ist, der mag irs gutes niemanne nicht gegeben noch verspilen, noch in dekeine wis in enphúren. (Rothweil. 1293) bei Schöpflin Alsat. diplom. 2, 58.
c)) einengung durch nomina agentis:

ze rehter zît er entran
ûz der mordære gewalt.
Hartmann v. Aue Gregorius 99 Paul.


3)) die beziehung auf ein bestimmtes individuum als den träger der gewalt wird überwiegend mittelst des possessivpronomens hergestellt.
a)) das substantiv ist subject:

der künic bat in vür sich komen
und bat den helt mære
daʒ er immer bî im wære:
er wolde im sînen gwalt lân
und gerne wesen undertân. herzog Ernst 4987 Bartsch;

wande er de geweltigeste chunich was,
dâ man von ie gelas.
vil wîten ginch sîn gewalt. Vorauer Alexander 1431;

din gewalt wirt also vil,
daʒ dir in ertriche
nechein kuninc ne mac gelichen. Trierer Silvester 501;

sîn hôher küniclich gewalt
schein harte maneger hande.
Konrad von Würzburg Partonopier 238;

dô sprach ich 'sun, vil lieber man,
disiu rede hœrt dich an'.
'wie vater mîn?' 'daʒ sage ich dir.
ich wil dich biten daʒ dû mir
niht verzîhest hie swes ich
von rechten herzen bite dich'.
'vater mîn es ist gezalt
über mich dîn gewalt.
R. v. Ems der gute Gerhard 4272.


b)) präpositionalverbindungen, die die gewalt als ziel einer bewegung erscheinen lassen:
α))

unlangeʒ zît hine chom, ê in sin herre sazte ze ambtman:
al daʒ er hête daʒ pevalh er z sîner gewelte,
daʒ ime al daʒ ware undertân daʒ ter ime scolte dienen,
nieht er uʒnam wane sin wib lussam. genesis 55, 34 (
Hoffmann fundgruben 2);

er nan den dînstman bî der hant
er beval 'n den konich in sînen' gewalt, Crescentia 30, 23 Schade.


β))

er (Rother) sprach: 'swer danne wil scat nemen,
dem sal ich in âne zale geben;
wil er aber burge unde lant,
des gibich im in sîne gewalt. könig Rother 193 Bahder;

daʒ wil ich immer gote klagen
daʒ dîn müeder lîp zerslagen
ie wart gegeben in mîn gewalt,
sît dû von mînen schulden salt
dîn dienest allen hân verlorn. Moriz von Craun 1299;

[Bd. 6, Sp. 4928]



doch wil ich iuch durch zuht biten
ergebet iuch in mîne gewalt;
oder ir sît schier von mir bezalt,
daʒ iwer vallen rüert den snê.
sô tæt irʒ baʒ mit êren ê.
Wolfram Parzival 287, 28;

und nam des sîne sicherheit
daʒ er gevangen wider reit
in der vrouwen gewalt.
Hartmann v. Aue Iwein 3779.


γ))

ein keiser was bi den citen, ein gewaltiger voget wîten,
Augustus was er genamet, der hete diu riche elliu ensamet
in sinen gewalt betwngen.
Wernher Maria 158, fundgruben 2, 191;

die iuncfrowe zuhant nam
den sperewer an ire gewalt. der sperber, zsch. f. d. a. 5, 429;

des amtes er nicht abe trat
biʒ daʒ meister Werner quam
von dûtschen landen und nam
die meisterschaft an sîne gewalt. Livländische reimchronik 6327.


c)) die gewalt haftet an der durch das pronomen gekennzeichneten person: auch hier überwiegen präpositionalverbindungen:
α))

herre, nû habt guoten muot!
über alleʒ ditze guot
weiʒ ich in mîner gewalt
kleinât manicvalt.
Ottokar österr. reimchronik 3695;

ich gebiute dir, edeliu wurz verbena, ... daz dû neheine tugende in dirre erde verlâzest, dune sîst immer in mîner gewalt mit der chreft unde mit den tugenten unde dich got beschaffen hât unde gezieret. zwei arzneibücher aus dem 12. und 13. jahrh. 2, 13d, Wiener s. b. 42, 150; of die burch unde dat burchlen in ene gewalt nicht ne horet, unde na des herren dode sünderliken herren ledich werdet, unde dat burchlen getweiet wert von der burch, die borgere volgen irme borchlene dar't horet, wende it is denne ire rechte len, sint sie der burchsate dar af ledich sin. Sachsenspiegel lehnrecht 72 Homeyer;

daʒ ... lant,
des diu schœne lrekel wielt
und eʒ in ir gewalte hielt
vil stæteclîche und in ir wer.
Konrad v. Würzburg Partonop. 11082.


β))

der von Francrîch hât
in sîner gewalt
des rîchs guot ungezalt.
Ottokar österr. reimchronik 74809;

ich hân gehôrt alsô,
sîn ene, hieʒ Joachim,
von dem sulle gevallen im
und zerbe sîn bezalt,
swaʒ in sîner gewalt
hete der kunic Davit. 47500;

also het in der marggraf ein ganz jar in seiner vänchnüsz und in seinem gewalt. sächsische weltchronik 375 (vierte bair. forts.);

brûder Juries ûʒ den brûderen las,
wen er was an des meisters stat,
einen brûder, den er bat
mit der brûdere râte,
daʒ er wolde drâte
vort rîten mit dem her
kein Kûrlande bie dem mer
unde hette sîne gewalt
uber jung und uber alt,
die zû der reise wâren komen. Livländische reimchronik 5897.

vgl. auch gewalt haben unter δ) sp. 4931 ff.
d)) die gewalt geht der betreffenden persönlichkeit verloren:

mir sint diu rîche und diu lant undertân
swenne ich bî der minneclîchen bin;
unde swenne ich gescheide von dan,
sost mir al mîn gewalt und mîn rîchtuom dâ hin. minnes. frühl. 5, 26;

dô er (Gregorius) von sînem gewalte gie
und in der vischære enpfie
in sînem hûs sô swache.
Hartmann v. Aue Gregorius 3677;

ûʒerthalp sîner gewalt
Uolrich der helt balt,
der von Kappellen was geheiʒen,
datze Stîre in den kreiʒen
wol anderthalp hundert man
zuo einander gewan.
Ottokar österr. reimchronik 36320.


4)) dieser individuellen begrenzung des begriffes giebt die sprache der dichtung eine bestimmte richtung, theils durch übertragung, theils durch verknüpfung mit personificationen:
a))

ûf daʒ selbe wunschleben
sô het ich mînen vliʒ gegeben
in mîner frouwen gewalt:
dar inne wolt ich werden alt.
Hartmann v. Aue 2. büchlein 81;

[Bd. 6, Sp. 4929]



weistu niht, waʒ er hîute fruo
sprach zuo Meliûre? ...
er hæte ir süeʒen lîp gesehen
ze schaden und ze maneger nôt.
er sprach, sîn leben und sîn tôt
diu stüenden beide in ir gewalt.
der selbe ritter wol gestalt
ûf jâmer leite sînen vlîʒ.
Konrad v. Würzburg Partonopier und Meliur 14577.


b))

dannoch dô Grêgôrjus was
in der sünden gewalt,
als iu dâ vor was gezalt.
Hartmann v. Aue Gregorius 3675;

Minne diu verwerrærinne,
die endûhte es niht dâ mite genuoc,
daʒ man si in edelen herzen truoc
verholen unde tougen,
sine wolte under ougen
ouch offenbæren ir gewalt:
der was an ir zwein manicvalt.
Gottfried Tristan 11917;

der got sich wunderlîch versan
der ir gewalt (der minne) sô wîten maʒ. Winsbekin 36;

möhte ich verslâfen des winters zît!
wache ich die wîle, sô hân ich sîn nit,
daʒ sîn gewalt ist sô breit und so wît.
Walther 39, 8.


5)) in der rechtssprache wird durch diese individuelle begrenzung des begriffes, ebenso wie durch die anknüpfung an appellativa als die träger der gewalt eine bedeutung entwickelt, die sich der von besitz nähert. den ausgangspunkt bildet die vorstellung, dasz das betreffende individuum die volle verfügung über etwas ausübt, wie diese namentlich in der verbindung gewere und gewalt aus der gegenüberstellung eines rechtlichen anspruchs und des thatsächlichen innehabens erwächst. diese berührung mit der bedeutung 'besitz', die mit dem übertritt des wortes vom staatsrechtlichen gebiet auf das privatrechtliche sich ergiebt, ist an bestimmte feste verbindungen gebunden und bleibt für den schärferen beobachter immer nur eine annäherung. so wird namentlich in der juristischen litteratur die grenzlinie gegen besitz um so kräftiger hervorgehoben, je mehr sie sich im allgemeinen sprachgebrauch verwischt. an der letzteren entwicklung nehmen nicht nur volksthümliche rechtsquellen theil, sie findet auch in der allgemeinen litteratur nahrung, sofern die dichtung wendungen der umgangsprache aufnimmt.
a)) weniger entwickelt ist diese neue bedeutung in der verbindung mit verbis der bewegung:
α)) wer sin vihe tribet uf eines andir mannes korn adir gras. her sal im sinen schaden tzwevalt gelden ... her mag is ouch wol pfenden ane des richteres orlob. und sal is triben in des richteres gewalt. das alte Kulmische recht 5, 26 Leman; ist das vihe so getan, daz her is nicht gevoren mag alse wilde ros sin und rinische pfert adir andir wilt. daz man vor tzam heldet. adir gense das sal her in sine gewalt triben. 158.
β)) dem (H. Zwick) wrden ch die pfenninge alle geantwrt in sin gewalt. (1318) Züricher stadtbücher 1, 14; wer ouch, ob ir dekeiner in dirre frist der burger bedrfte, dem sol nieman von der burger wegen sin behulffen, er habe danne ein hus kouffet, oder so vil gtes geleit in der burger gewalt, darumb er daz hus kouffen solte. (1316) 1, 12; ouch sal nimant hinne vort mer ... kein achter ouz der achte lazen noch keine berichtunge von im nemen noch in keine seine gewalt geleiten. einigung zwischen den herrn von Elsterberg und denen von Plauen (1327), Haltaus 695; wer ouch tch herin in unsere stat bringet, von wannen die sint, und si in sinen gewalt leit, der sol sie verungelten, also dovor stot. kaufhausordnung von Straszburg (1401) bei Eheberg 1, 6.
γ)) hedde ein man to jarmalen land gewunnen unde hedde dat korn, dat dar oppe stonde vort verkoft enen anderen manne, unde hedde der kopere dat vorgenant korn gebracht in sin gewalt unde behalt, dar en is de kopere vorgenant deme genen nicht van schuldich, des dei erftale is. Dortmunder urtheilsbuch, Hansische geschichtsquellen 3, 122; es sollent och der schulths und die amptlüte so si iemand frömder der ein erbe anspricht, in gwalt und gwere setzen und das erb XX pfund pfen. älteste gerichtsordnung von Basel 1457 (Schnell Basel 1841) 6a.
δ))

mit disen dingen unde alsô
nam den hort sîn muoter dô
snelliclîche in ir gewalt.
Konrad v. Würzburg Partonop. 3217;

ob zwene man sprechent uf eines mannes gt. vor gerihte. nach sinem tode. so sol der rihter daz gt in sine gewalt nemen. ane schaden. und si suln vor im dar umbe rehten.

[Bd. 6, Sp. 4930]


Schwabenspiegel § 273 Laszberg; als iuh dô der veint in sîn gewalt genam und iu in michel ungenâde tet, dô erzeigt ich an iu vaterliche triwe und gnâde. predigten aus St. Paul s. 90; und söllent darz der meister und ein ammanmeister ieglicher einen slüssel haben und z ime in sinen gewalt nemen. neuordnung der stadtverwaltung in Straszburg (1405) bei Eheberg 1, 31.
b)) noch mehr verbindungslinien mit der parallele gewere, possessio, zeigen die präpositionalverbindungen, die sich an ein verbum des beharrens anschlieszen.
α)) schon unter gewähr (sp. 4791) sind aus rechtsquellen zahlreiche beispiele zusammengestellt, die in der verbindung in seiner gewalt und gewere haben die bedeutung 'besitz' vorbereiten. von hier aus geht die wendung auch in die poetische sprache über, wo sie jedoch die anlehnung an gewere abstreift:
1))) ab ein man eins andirn mannis gut vorwircken mag, das her in siner gewalt und geweren hat. Magdeburger fragen 3, 6 distinction 3 (vgl. sp. 4791); hat ein man einen unrechten bu in gewalt unde in gewere vir iar, sechse, cehne oder ioch zwencic iar von sinen nakeburen, iz si von gunst oder von gewalt, den hat he nicht mit rechte. Freiberger stadtrecht 5, 21 u. a.;

der selbe hât daʒ guot lant
in gewalt und in gewer.
Heinrich v. Neustadt Apollonius 4254, vgl.
Strobl glossar;

vgl. in der gewalt haben heiszt besitzen und gewalt ist gleich gewer potestas. J. Grimm (das wort des besitzes) kl. schr. 1, 135.
2))) lên in siner gewalt hebben. Sachsenspiegel lehnrecht art. 11 § 3; wann ainer ain wittiben anspricht umb anerstorbens erb, das si in irer gewalt hat, da mag die wittib nicht aisch umb haben. steiermärkisches landrecht 108 Bischoff; welchem verierts vüech oder ander gut zue seiner behauszung oder auf ander sein gründ kombt oder darbei gefunden wurde, der soll das nicht lenger dan uber nacht in seiner gwald haben. rechte des stiftes Göss (15. jahrh.), österr. weisth. 6, 300.
3)))

er lie sich niht verdrieʒen,
er lêch unde gap,
swaʒ er varunder hab
het in sîner gewalt.
Ottokar österr. reimchronik 21038;

nû westen die herren karc
wol sehs tûsent marc
in sîner gewalt. 55875.


β)) unde beheldet he daz also in gewalt unde in gewere iar unde tac ane ansprache, so ist ienre ledic, der iz im ufgap. Freiberger stadtrecht 1, 35 Ermisch; und sein also darin gesessin in stiller nutzlicher geruhiger gewehr und gewalt, länger denn landts-recht und gewohnheit ist. (1345) Haltaus 695.
γ)) als mich min geselle Petir vormals zcu sime gute mit offinbaren schrifften und instrumenten offinbar bestetigit hatte bi sime gesunden leibe, dornoch an sime sichbette vor erbaren luthen alle sin gut unde erbe unde gerethe gegeben hat ... so lat ein recht werden, nochdemmole das sin gut do min was, und alle sin gerete do in miner gewere unde gewalt irstorben ist. unde her selbir spricht, das is bi mir ist, ab mir das icht nehir bliben sulle, wenne mirs imand entwenden moge. Magdeburger fragen 1, 6, 5; wann ain mensch dem andern zuspricht umb weu das ist, hat sich daz veriêret in des antwurter gewalt, so verantwurt ers im banttaiding, an der dinstherrn aigen. steiermärkisches landrecht 109 Bischoff; gebe ich einem manne gut tzu vorkoufen. und gebit her mir sine andir habe doran und daz gut blibet in miner gewalt. und wirt is mir vorstolen der schade blibet sin und min nicht. das alte Kulmische recht 5, 33 (Leman 163); wirt gelt in aines mannes gewalt verpoten, daz er einem andern gelten sol, da sol man in paiden tag umb geben, der daz gelt verpoten hat, und dem, der daz gelt sol, auf vierzehen tag. Münchener stadtrechtbuch von 1437 art. 17 wie man gelt in aines gewalt verpeut; alleine er des heiligen reichs obrister marschalch und churfürste sei ... als er es auch von seinen eltern hergebrachtt hat, und in gewehre und gewaldt ist. Caroli IV. dipl. ms. quod an. 1361 Rudolpho duci Sax. dedit bei Haltaus 695.
δ))
1))) swer über den andern tac sin diubic oder sin roubic gut bi iemande vindet, der daz offenlich gekoufet hat .. und des geziuge hat: den mac man deheiner hantgetat geschuldigen .. vindet man ez in des gewalt, er muz dar

[Bd. 6, Sp. 4931]


umbe antwurten ienem, des ez da was. der sol sin gut wol anevangen mit des rihters urloube ... er vellet ez selber an und füeret ez in des rihters gewalt. Schwabenspiegel c. 268 Gengler; so sol ez jener gelten, in des gewalt er sin gut da vant. und der sol uf den klagen, der im daz gut da gap. 298 § 8. vgl. auch Haltaus 695; fund man in ains gewalt guot, daz auz chirchen, auz müln, auz smitten oder von dem pfluog verstoln ist. rechtbuch kaiser Ludwigs 1346, bei Freyberg 406 (art. 34).
2))) der einen menschen stilt. das ist ouch eine ofene dubheit. und wirt is in siner were adir in siner gewalt begrifen man schubit is uf in alse andir dubheit. das alte Kulmische recht 5, 31 (Leman 162); unde ist. das ein mensche deme andirn retet. daz ist stele und spricht also. gang hin und stil deme das und brenge mirs. und gib mirs halb ich wil is dir behalden. und tut her das. und das gut wirt begriffen in des gewalt deme is do bevolen wirt. nu ist der vor nicht belougenmundet. wi sal man das richten. 5, 30 (161).
3))) so mac man suchen mit rechte in deme huse unde in siner gewalt in kasten, in kameren unde allen enden ab man der pfenninge icht me vinde. Freiberger stadtrecht 230 Ermisch; weliche aber mit stahel, eisen und dergleichen hanndeln und umbgeen, den ist zugeben, in iren hewsern, kramen oder gewalt einen zentner oder darunter mit frongewicht ausserhalb des geswornen wegers ausszuwegen. Nürnberger polizeiord. 273.
ε)) swie lange ez uz ir gewalt ist und uz ir gewer. Schwabenspiegel c. 373 § 6 bei Haltaus 695; ez mag chain diepisch gût aus chains juden gewalt bestetigen, wie wissentleich es sei. steiermärkisches landrecht 165 Bischoff; wer ein hawss in der gewalt verkawfft und es aus der gewalt nit gibt, do ist weder der kawfft, oder der dohin gibt, keinem forster nichts umb schuldig. und hat ein man, der in der gewalt sitzt, gezimert oder prennholtz gefuret, will er des geraten und verkawfft das, und gibt das inn die gewalt, do ist weder der do kaufft, oder der dohin gibt, keinem forster nichts umb schuldig. wer stock und kaimen furet, der in der gewalt siczet, der ist nimants nichts schuldig, dann dem vorster inn des hut er hawet uber iare zwen pfenning. Karl IV. bestätigt die Nürnberger waldordnung vom jahre 1294 (23. aug. 1365), monumenta Zollerana 4, 65.
δ) bedeutungsdifferenzen, die sich aus der kennzeichnung des zielpunktes der gewalt ergeben. das charakteristische an den hierher gehörenden verbindungen ist das fehlen des possessivpronomens, trotzdem stets auch der deutliche hinweis auf einen träger der gewalt vorliegt. solcher mangel des possessivpronomens läszt sich an den unter γ) (sp. 4922 ff.) aufgeführten verbindungen nur selten belegen:

do Abraham finf und sibenzîch ich zehenzich iare alt wart,
do ms er leisten die vart
die wir alle sculen leisten swîe alt wir werden.
der lip den ente genam, diu sela fr ze gotes ewen,
die himel wunne manichvalt, die hat si da in gewalt. genesis 35, 40 (
Hoffmann fundgruben 2);

sîn vart diu ist unsüeʒe:
jane gêt er nie sô balde,
ern benahte in dem walde.
engeʒʒent in die wolve niht,
daʒ aber lîhte geschiht,
sô muoz er dâ ungâʒ ligen
und aller gnâden verzigen.
lâ mir daʒ ze gewalte
daʒ ich in noch behalte.
Hartmann v. Aue Gregorius 2873 Paul;

vater und muoter sint ir (der muhme) tot.
der gewalt wol an mir stot,
daʒ ichs üch gibe zuo der e. Peter von Staufenberg 864.

dagegen treten hier andere verbindungen in den vordergrund, vor allen die schon in der althochdeutschen periode belegten gewalt geben, gewalt haben.
1)) die zielbestimmung wird durch den zusammenhang angedeutet:
a))

'ir sult ouch, vrouwe, habenallen den gewalt
den iu tet ê Sîfritkunt, der degen balt.
daʒ lant und ouch diu krônesî iu undertâu.
iu sulen gerne dienenalle Sîfrides man'. Nibelungen 1015, 1; ähnlich 661, 2. 1177, 3. 2075, 4.


b))

got, dû scuof alles daʒ ter ist:
âne dich nist niewiht.
ze aller jungest scuofe dû den man
nâh dînem bilde getân,
nâh dîner getâte,
daʒ er gewalt hâte. Ezzolied 4, 6 (A: so du gewalt hete vgl.
Müllenhoff-Scherer denkm. 13, 58);

[Bd. 6, Sp. 4932]



dir sint genâde bescert —
und gench hin widere
ze des herzogen burge,
unt swer dir sîne sunde
offenliche chunde,
den haile an sînem lîbe.
den gewalt verlêch sante Peter dem wîbe. kaiserchronik 12392;

swaʒ winde in der lufte sint,
die bringent dunre und regen:
leslîchem ist sîn art gewegen.
obe sie under stunden
strîten begunden,
daʒn mochte wunder werde,
daʒ sie mer und erde
met alle zuriʒʒen,
die erde zufliʒʒen:
hêten sie die gewalt
des wurdeʒ ertrîche gevalt.
A. v. Halberstadt 1, 111;

iz insal kein man, der uf den lip sitcet gevangen, lenger sitzen wen biz zume neisten dinge ... wollenz abir di burger ufcihen durch ein recht oder durch eine sache, di haben di gewalt wol. Freiberger stadtrecht 19, 4 Ermisch; ich Marckart Leutenpeck zu Eschershofen mein elich hausfraw und alle unser erben. bekennen offenbar mit dem brieff umb den traidd zehend zu Eschershofen den wir kauft haben von dem erwirdigen geistlichen herren hern Görgen apt zu Castell. und dem convent gemeinclich do selbs noch lawt und sag der hantvest die wir von in darüber innen haben vollen gewalt haben süllen. urkunde des klosters Castel (1403) monumenta Boica 25, 530; der zolner hat ouch keine gewalt ane gerichte. he muz ouch schozzen unde wachen mit den burgeren. Freiberger stadtrecht 40, 1 Ermisch.
c))

si viengen swen si wolden: des hêten si gewalt. Nibelungen 218, 1; ebenso 379, 3;

ob ich gewalt des hête,si müese werden mîn wîp. 380, 4:

wir haben deste grœzern ruon
welln wir genâde an im begân,
sît wir es nû gewalt hân.
wære uns der gewalt verseit,
sô wære ein ringiu arebeit
daʒ wir im danne tæten wol.
R. v. Ems der gute Gerhard 4306 ff.;

got herre, sît diu kleinen kint
von ir gebürte tages alt
niht gar von sünden reine sint,
wie wirt es danne umbe mich gestalt?
des hât dîe barmekeit gewalt. Winsbeke 70, 5;

wenn er en ist, wellin den sin nachkommin, und ich disz stæte habin, oder min kinde, so ist ez och stte. nœder aber ez aindern will der hätte es gewalt. St. Galler urkunde von 1299 bei Zellweger 1, 1, 91.
2)) die zielbestimmung trifft personen.
a)) der kreis der einschlägigen verbindungen ist nicht grosz, er beschränkt sich wesentlich auf gewalt haben:
α))

lîp unde sinnedie gap ich für eigen
ir ûf genâde:der hât sie gewalt.
Rudolf v. Fenis minnes. frühl. 82, 35;

er möht ir sîne hulde
versagen, swenne er wolde:
nieman daʒ wenden solde,
ob (der) man des wîbes hât gewalt.
Wolfram Parzival 264, 19;

uber alle dise vorgesprochene sache unde uber alliz daz recht, daz di beckere gehaben mugen mit innunge oder ane innunge, so haben die burger in di hoiste gewalt uber si. Freiberger stadtrecht 244 Ermisch.
β))

sô junc ist nieman noch sô alt
der sîn selbes habe gewalt,
swer sînes mundes hât gewalt,
der wîl mit êren werden alt.
Freidank 52, 16.


b))

owê, owê hêr Tristan
daʒ ich iuwer ie gewalt gewan.
Gottfried v. Straszburg Tristan 10350 Bechstein, vgl. oben sp. 4920.


3)) die zielbestimmung trifft ein concretes object. hier treffen mehrere verbindungen zusammen.
a)) gewalt haben:
α)) swenne in die paves wiet, so hevet he des rikes gewalt unde keiserliken namen. Sachsenspiegel 3, 52 Homeyer; der bercmeister hat ouch gerichte unde gewalt uber lip unde uber gut uf allem gebirge in des koniges lande. Freiberger landrecht 37, 1 Ermisch;

der aller dinge gewalt hât,
der ruoche dîner sêle phlegen. herzog Ernst 1314;

die vleischower haben ouch eine innunge zu Vriberc in der stat. aber keine gewalt haben si an nichte den also vil,

[Bd. 6, Sp. 4933]


als in di burger verhengen, unde also, daz kein man vleischwerc sal veile haben ane innunge. Freiberger stadtrecht 43, 1 Ermisch.
β)) ein iklich man hat gewalt uber sin gut, di wile he lebit. Freiberger stadtrecht 1, 11 Ermisch; und haben das thon durch gott und unser frawen willen verthtlich und williglich, an der weil und zeit wir da desz und anders unsers guts gewalt und macht haben gehabt, und mit recht wol gethun mochten. urkunde über die gründung des Carmeliterkloster zu Abensperg (1392), Hund metropolis salisburgensis 2, 227.
b)) gewalt behalten: hat der tote man der frouwen di achczig marg zcu morgengabe gegebin sundir undirscheit, unde her im doran keine gewalt behalden hat in gehegetem dinge, so sullen ir di 80 mark volgen. Magdeburger fragen 1, 11, 3; gebit ein man und vorreicht in gehegetem dinge vor den scheppen eime andirn manne ein erbe noch sime tode ane undirscheit also das her im keine gewalt beheldet an deme erbe tzu tune und tzu lassene, diwile her lebit; so mag her di gobe nicht gewandiln noch entvremden noch entfuren deme, deme her di gobe sundir undirscheit noch sime tode gegebin hot. das alte Kulmische recht 4, 15 (Leman 106).
c)) gewalt geben: ich geschuof iuh nâch mînes selbes pilde; ich gab iu gewalt uber allez, daz ich gescaffen hat. predigten aus St. Paul s. 90; do got den menschen geschup, do gaf he ime gewalt over vische unde vogele unde alle wilde dier. Sachsenspiegel 1, 61 Homeyer; derstet der chlager auf den antwurter berait phenning mit einem rechten, wan im der richter phant wil geben, begert er sein, der richter schol in ens gewalt gen und berait phenning suechen und vinter dez, er schol seu dem chlager geben. stadtrecht von Brünn 402 Rössler.
4)) die zielbestimmung trifft ein abstractes object. hier steht gewalt haben wiederum allein da, und die belege entstammen durchweg der poetischen sprache:

der aller dinge gewalt hât,
der ruoche dîner sêle phlegen. herzog Ernst 1314 Bartsch;

sun, gip em, der dir hât gegeben
und aller gâbe hât gewalt. Winsbeke 4, 2;

enpflæge er sîner grillen
und het ouch der gewalt!
Neidhart 139 Keinz;

swen der meie trœsten mac
der leb âne herze swære;
diu zît wart nu baʒ gestalt;
so fröit mich kein sumer tac;
niewan, wan diu sældebære,
diu hat fröide an mir gewalt.
Konrad der schenk von Landegge bei
Bartsch 225;

si hat maniger tugende gewalt,
diu vil süeʒe, sælik reine,
diu mich hat in senenden kumber braht,
so ist ir twingen manikvalt,
der die ich in triuwen meine:
si lat mich verschinen in ir aht.
v. Suonegge, in minnesinger 1, 194 Hagen;

sie vreunt sich daz sie dich habent. (swer dich hât der hât aller wünsche gewalt.) David v. Augsburg, deutsche mystiker des 14. jahrh. 1, 373, 13. die ältere dichtung läszt in der verbindung wunsches gewalt (vgl. mhd. wb. 3, 819a), wunschgewalt (Lexer 3, 999) eine andere beziehung vortreten:

mit wunsches gewalte
segnite si der alte. genesis bei
Hoffmann fundgruben 107, 23;

zwêne riter gestalt
sô gar in wunsches gewalt
an dem lîbe und an den siten. Iwein 6916 (vgl. anmerkung).

vgl. auch unter III 1.
5)) eine bestimmte richtung hält der bedeutungswandel in solchen verwendungen ein, wenn die zielbestimmung in einem untergeordneten satz zum ausdruck kommt. hier nähert sich gewalt, ähnlich wie macht in solcher verwendung, der bedeutung 'vollmacht, erlaubnis', eine bedeutung, die vielfach durch verbindungen wie volle gewalt, vollkommene gewalt gekennzeichnet wird. wie sehr diese bedeutung auf der art und weise der eingliederung des nebensatzes beruht, zeigen entgegengesetzte verwendungen, in denen der nebensatz nicht die zielbestimmung anfügt, sondern etwa eine einschränkung nachträgt, vgl. ein iklich man, der hus unde hof hat, der hat gewalt und vride also verre, alse sine troufe vellet, daz da niemant gesten noch gevarn mac wider sinen willen. Freiberger stadtrecht 1, 34.
a))

nu ist dir der selbe gwalt verlaʒʒen
den sant Peter din geselle hat
daʒ er den suntæren die meintat
mugit behaben olde verlan. litanei bei
Hoffmann fundgruben 2, 228;

[Bd. 6, Sp. 4934]



her berichte dem pabise sinen stûl,
als her von rechte solde tn.
her sazte im ûf die cronen —
dit gab her ime ze lone —
unde intfienc sie wieder von siner hant,
unde lieʒ ime den gewalt,
daʒ her immer meister were
ubir alle irdische richtere. Trierer Silvester 364;

wer gap dir, minne, den gewalt,
daʒ dû doch sô gewaltic bist?
du tringest beide junc und alt:
dâ für kan nieman keinen list.
Walther 56, 5;

der furste gab ir di gewalt
unde volleist aber me
dan si mohte haben e,
waʒ si ummer mere
in godelicher ere
gudes iht gedede,
daʒ si des urlob hede
nach allem irem mude. Elisabeth 2262 Rieger;

wan Christus gab sant Peter den gewalt: 'waz dû pindest auf ertreich, daz ist gepunden in dem himel'. Konrad v. Megenberg 214, 35; wir Karl .... bekennen und tun chunt .... das wir unsern lieben getrun Cunraden von Valkenhein, unserm hauptman zu Bresslawe, und den ratluten der selben stat zu Bresslawe vollen und ganczen gewalt und auch maht gegeben haben .... ze rihten .... ber alle die, die unser juden ... ermrt und erslagen haben. (Bautzen 21. februar 1350) archiv f. österr. gesch. 31, 110.
b)) hat ouch der man uff das steende erbe vor gehegittem dinge czinse uffgesaczt, das mus di vrowe ouch an irem teile ledegin, noch dem mole als her der gobe czu thunde unde czu lossene gewalt hatte im behaldin, di wile her lebete. Magdeburger fragen 2, 2, 12a; auch habent reich und arme diszer stat Augspurg in dien gewalt vorbehebt, das man dehain grosz gte von dem commune diser stat, das ist über zwaintzig guldin nicht ussgeben, versprechen noch verhaissen sol. rathsurkunde über die erhebung des ungelds in Augsburg 1398 (d. städtechron. 4, 164).
c))
α))

ez enlebet dehein muoter barn
wan daʒ der geist den gewalt habet
daʒ diu sêle alterseine lebet. Crescentia 49, 38 Schade;

die von gote den gewalt heten,
daʒ sie irquicten die toten. Trierer Silvester 841;

etelîche hânt die gewalt
daʒ sie sich mugen verstellen
in swaʒ dinge sie wellen.
Albrecht v Halberstadt 20, 10;

die unselige heidenschaft
hete in der zit den gewalt,
daʒ manic cristen wart gevalt,
den man leitlichen sluc. passional 25, 13 Köpke;

wer sint die lûte? daz sint die êwartin. die habint den gewalt von gote, daz si den menschin ir sunti vergebin mugen, bintin, swen si wellint, lôsin swen si wellint hie in dirre werelt. verror gereichet ir gewalt niht. got hat eine den gewalt, zegebenni ieglichem nach dem tôde gnâde oder ungenâde. von diu ist unsers herrin tac nâch unserme tôde. denni sint diu mennischen in gotis gewalt. speculum ecclesiae 49.
β))

des bâbstes brief man dô las,
an dem man sach unde hôrt
des bâbstes willen unde wort,
daʒ die drî die ich hân gezalt,
von im heten den gewalt
den erwelten ze bestætigen.
Ottokar österr. reimchronik 22397.


γ)) so hevet die vrone bode gewalt, dat he panden unde bestedegen mut, unde vronen jewelken man unde sin gut mit rechte, dar he mit ordelen to gegeven wert. Sachsenspiegel 3, 56 Homeyer; hat ein man ein hus, das cinshaft ist, unde koufet ein ander hus bi im darzu, daz ouch cinshaft ist, unde brichet di husere zusamene, di zwene cinsmeistere haben gliche gewalt zu pfendene uf deme sinen also verre, alzo daz went, unde nicht uffe des anderen. Freiberger stadtrecht 1, 25 Ermisch; der bercmeister hat ouch zu rechte di gewalt, daz he vrie genge sal lien in dem lande uf unde nider. 37, 12; der (der vogt) hat den gewalt, daz er in suochet, unde sol im der wirt tür unde tor ûf tuon unde sol im daz niht wern. Augsburger stadtrecht 28; hinder dem Nochstain hat der richter ganzen vollen gewalt ze richten tief, morde und das pluet und umb all sach. stiftrecht des gotteshauses von Chiemsee in der Koppel (1405), österr. weisth. 1, 109; so sullen

[Bd. 6, Sp. 4935]


die fiere, die alle iar von der gemeinde gekorn werden, gewalt haben, daz sie alle bruche in judischim rechte berichten sullen undir in. (Schweidnitz, 21. märz 1370) archiv f. österr. gesch. 31, 131.
δ)) wo er vollen gewalt und fuegs urlub haben soll, mit denselben stucken, und guetteren ze werben und ze wandlen, mit lässen, mit haben, mit schaffen und mit thun, ze end siner will, was er wull. dipl. comitum de Montfort (1395) Herrgott geneal. Habsburg. 22, 773; oder ob der vorgeschriben artikel einer, oder sie alle also nicht gehalden würden, als oben geschriben stet, so hat er oder sein erben, oder sein getrewehander maht unde gewalt, die hernach geschriben man zu leisten. urkunde burggraf Friedrichs zu Nürnberg (1373), monum. Zoll. 4, 242; darumb geben wir ... dem burgermaister ... und gemeinen rat der vorgenanten statt zu sant Gallen ... vollkomen recht und gewalt mit urkund und krafft dis briefs .., daszelb reht ze erforderen. (1403) Zellweger urkunden 1, 2, 46; und sllent die zalschillinge, die rechenschillinge, die schillinge von angonden und abgonden meistern, die hosen, die 10 gulden oder fünf pfunt pfennige, die man ir iegelichem iors zu vertrinckende gap, ganz und garwe ab sin und sol kein meister, ammanmeister noch der rat weder maht noch gewalt haben in ützit vürbasser oder anders z erloubende in deheinen weg. neuordnung der stadtverwaltung in Straszburg (1405) bei Eheberg 1, 21.
ε)) an swem ch die ungelter ir ungeltes nit wol sicher sint, des si sich versehent, dem suln si nit ufslan fúr zwei pfunt, und suln danne dez gewaltes sin, daz si im sin kelr besliessen mit des rates knechten. Züricher stadtbücher (1342) 1, 95.
ζ)) er sprichet. ez ist iwers gewaltes niht, zewizzenne die cît oder die wîle, die min vater in sîner gewalt hât. non est vestrum nosse tempora et momenta, que pater posuit in sua potestate. speculum ecclesiae 143 Kelle.
ε) die verengerte bedeutung 'vollmacht', die sich in den letzt belegten verbindungen entwickelt hatte, bleibt an dem worte auch auszerhalb dieses engeren rahmens haften, namentlich in präpositionalverbindungen und im besondern in der verbindung mit gewalt. in dieser sind auch etwas weitere vorstellungen, so die bedeutung 'zustehendes recht' mit dem worte verknüpft.
1)) die bedeutung 'vollmacht':
a)) beklaget ein vormunde von siner gewalt wegen einen man umme eine sache unde antwertet im der man der sache, iz si worumme iz si, biz an ein ende, ist daz denne, daz der vormunde ufgibet sine gewalt, als recht ist, unde sprichet, he wolle nicht me vor in antwerten, unde tut daz, ee in ienre mit klage begrifit umme diselbe sache, da he im vor umme schult hat gegeben, he darf im nicht antwerten zu rechte. Freiberger stadtrecht 25, 2 Ermisch.
b)) ich Hilpolt von Maiental, lantrichter zu Nurenberg, tu kunt mit disem brief, daz für mich kome in gerichte Ulrich Stromair zu Nurenberg bei unser frawen capeln gesezzen anstat und mit vollem und gantzzem gewalt, den er noch reht uebe ist, der richter, der scheppfen, des ratz und der burger gemeinclichen der stat zo Kœln. aufhebung der reichsacht über die stadt Köln (1386) bei Ennen quellen z. gesch. d. stadt Köln 5 nr. 377; dasz fur uns quamme daselbst in gericht der geistlich bruder Friderich von Lobenberg ... an stat und von wegen des ersamen Friderichs, apts und des convents zu Kempten, und mit irem gantzen und vollin gewalt, derselbe gewalt auch da vor uns in gerichte mit derselben apts und convents offen briefe und insiegeln redelich bewiset ward als recht ist. urkunde von 1403 bei Haltaus 696; dasz fur mich kame in gerichte Johannes Seereuter, an statt von wegen mit vollen und gantzen gewalt des hochgebohrnen fursten ... den er nach recht beweist. dipl. judicii provinc. Norib. an. 1403 ebenda.
2)) die bedeutung 'zustehendes recht':
a)) wir .. ratman .. tun czu wissen .. daz wir von sundirlichim gebot und bevelunge unsers herren des keizirs ... sichirn und globin allen den Juden, di iczunt in der stat czum Gor wonende sin und in czukumftigen cziten darkomen czu wonen, also, daz si hi czwischen und dem nesten sante Walpurge tag der kumftig ist, und dornoch von dem selben sante Walpurge tag ubir czwei gancze jar in der selbin stat czum Gor wonen mögen, umbeswert beide, an bete, beschaczunge, gewalt und geschosse. (Breslau, 19. februar 1359) archiv f. österr. gesch. 31, 125.
b)) ab ein man clagete von sines wibes wein czu einer

[Bd. 6, Sp. 4936]


frauwen umme ein erbe, das si anirstorben ist von irem rechten eömen, das hette si sich undirwunden unde sesse dorinne mit rechter gewalt unde bette also gerichtis unde gerte der antwort. Magdeburger fragen 1, 4. 5 Behrend; wann ainer ainem andern ain urtail für das recht traid, so muess, der di urtail fürtraid des andern prüef haben, der die urtail bei im gesambt hat, und muess der prüef sagen, das der man di urtail fürtrag mit vollem gewaldt in allem dem rechten, sam ener selbs da wär. steiermärkisches landrecht artikel 10 Bischoff; unde konig Johans son von Beheim genant Carolus quartus der vurleif romischer konig unde wart keiser mit rehter gewalt. Limburgische chronik 30.
ζ) die personification des begriffes.
1)) im allgemeinen wird die personification durch mehrere der bisherigen verwendungen so gut vorbereitet, dasz die weiterentwicklung rasch einsetzt; im besondern ist auszerdem für die beziehung auf gott eine solche schon in der theologischen litteratur überliefert. nach der scholastischen lehre, wie sie Augustin entwickelt hatte, wie sie der bischof Hildebert v. Mans, der dem deutschen dichter des 'anegenge' die vorlage bot, eingehender ausführt, sind macht, weisheit, güte namen für die substanz gottes. sie kommen den einzelnen personen der gottheit in gleicher weise zu, sehr oft sei aber in der heiligen schrift unter 'macht' der vater, unter 'weisheit' der sohn, unter 'güte' der heilige geist verstanden, vgl. Kelle (zum anegenge) 2, 111; hierauf beruhen folgendefür sich selbst betrachtet weniger einleuchtendeverwendungen;

den wîstuom schouwet Cherubim.
di gte minnet Seraphim
deme gewalte dienent di trône. bücher Mosis 3, 19 Diemer; ähnlich anegenge 36, 63;

ouch het der weistum die ere.
swaz er geordenote.
daʒ der gewalt und diu gute.
des nicht widern salte. anegenge 8, 62 Hahn;

der sun ordenot elliu dinc.
als si noch immer mere sint.
ê icht geschaffen wære worden.
doch het er den orden.
vil gærlich verlorn.
het unz der gewalt nicht geborn.
do tet der gewalt durch den sn.
der da ist sein weistm.
daʒ er guten machte.
nach des weistmes achte. 6, 39;

der vater ist. der gotes gewalt.
der wirt von rechte der zu gezalt. 5, 11; ähnlich (mit dem reim gewalt: gezalt) 5, 81. 6, 7;

die engel beschff d'gotes giwalt.
durch seiner gute einvalt. 3, 79;

do sprach der gewalt zedem weistum.
wie er im sein stat solde tn. 6, 57. 8, 51 u. a.


2)) annäherung an die personification auf grund der bisher belegten verwendungen.
a)) aus der geistlichen litteratur:

an dir, ewigir vater, stet der gewalt
des werch die sint manichvalt. litanei bei
Hoffmann fundgruben 2, 216;

mit des gewaldes prise
warf in din gerechtekeit
do zu maniger arbeit. passional 2, 6;

einen namete er engele, den andern hochengele,
den dritten gestle, den vierden herscefte,
den vinften namete er gewalte, den sehsten fursten,
einen namete er cherubin, den anderen seraphin. genesis bei
Hoffmann fundgruben 2, 11;

aller künege ein keiser grôz.
âne gelîchen genôz,
aller herren ein gewalt,
den eine in einer drîvalt
diu menscheit anbeten sol.
R. v. Ems Barlaam und Josaphat 50;

die ordenunge (ordnung der engelchöre) dar enmitten
in drou sich ouch geteilet hat
als der gotliche rat
uf sin lof si hat geschaft
gewalt vursten herschaft. passional 339, 74 Hahn.


b)) in der dichtung greift sonst der allgemeinere begriff mit der personification über den rahmen von potestas, macht hinaus, hier liegen mehr berührungen mit der bedeutung 'kraft, zwang' (sp. 4938) vor:

fruo grîsen, ê zît alten
muoz ich von disem hunde,
ich mein den hunt Gewalten,
des ich mich leider nie entslahen kunde.
er tribet Helfen ab mit sînem schalle,
ach, ich besorge in leider,
daʒ er gewalticlîchen an eʒ valle.
Hadamar v. Laber die jagd 546;

[Bd. 6, Sp. 4937]



al von den storken wirt dô langer niht gebiten,
sie fliegent alle mit im heim und haltent ganz gerihte.
diu gewalt gêt dann übr die storkinne. Kolmarer meisterlieder 58, 22.


c)) personification des staatsrechtlichen begriffs: alsô schol in ainem iegleichen convent sein ain haupt, dem man volg an witzen, und ain gewalt, der twinge. K. v. Megenberg 185, 14 Pfeiffer;

er bevalech sinen mannen die wol redinen chunden,
ub in sin brder gagente unde si vragete wer si waren
oder weme dei scolten den si volgeten,
daʒ si denne sprachen vile gezogenlichen
'din scalch Jacob sante dir dise gebe gt.
er chumet selbe z dinere gewelte.
waʒ ube ime got gebiutet daʒ er mich arges vermidet'. genesis bei
Hoffmann fundgruben 2, 47, 33;

ab sich ein radmann, scheppe, meteburger adir ein gemeine man zcu hove libete adir hilde unde das schickete adir irworbe, das der stat recht adir hantfesten gebrochen worden von gewaldiger hant oder koniglicher gewalt, was sin broch were. Magdeburger fragen 1, 1, 15 (Dresdener handschrift, in andern fehlt koniglicher gewalt); ein man besessende habin elich wip und kinder, der hinge sich in sime husze unde das queme zcu wege von czweifel adir von rechter torheit. dorczu so queme dez dirhangen diner einer unde hip in abe und legete en nedir. hirnoch so gingen des dirhangen frund zcu der koniglichen gewalt durch der minsten unlust wille unde betrupnisz unde beten, das man den toden muste begraben. 3, 6, 2.
d)) für die personification auf grund der privatrechtlichen verwendungen lassen sich zwei ausgangspunkte feststellen: gewalt = besitz, gewahrsam und gewalt = vollmacht. aus der einen richtung ergiebt sich hierfür die bedeutung 'diener, schutzverwandter', aus der andern diejenige von 'bevollmächtigter'. beide richtungen treffen wiederum in der viel belegten verwendung für 'bevollmächtigter diener, untergeordneter stellvertreter' zusammen. manche der einschlägigen belege scheinen nach form und bedeutung die zurückführung auf das schwache nomen agentis nahe zu legen, das in anwalt vorliegt, vgl. theil 1, 513. dem gegenüber wird durch das femininum, das an den entsprechenden mitteldeutschen beispielen durchgängig beobachtet wird, die ableitung von unseren nomen actionis unzweifelhaft gesichert.
α)) hat ein man gesinde, iz si knecht oder mait, di in sinem brote sin, he habe si gemietit oder ungemiettit, di heizen sin gewalt, also daz he vor si klagen unde antwerten mac, ab he wil. Freiberger stadtrecht 257 (49, 5); cetar uber einen Herman, der mine gewalt Cunrate gewunt unde gewatschart hat. 194 (30, 10); ez sein ze rat worden die burger durch gemaines frides willen, daz fürbaz dehein burger noch sein gewalt oder sein untertan nicht turniren sol weder hie noch anderswa. (Nürnberg 1362) d. städtechron. 1, 475.
β)) gewalt, procurator, vicarius, per meton. adiuncti. Haltaus 697; swelch man des anderen vormunde wirdet, der mac vor in antwerten alse lange, als in lustet. beklagit in ein man umme eine marc in unde sine gewalt unde he antwerte des unde he beklage in danach umme cehn marc an derselben stat unde he spreche, he ne wolle nicht me vor in antwerten, des mac nicht gesin zu rechte. Freiberger stadtrecht 35, 1 Ermisch; ist, daz ein man pfandunge irteidinget uf einen vormunden unde uf sine gewalt, so sal der richter pfandes helfen zu deme vormunden unde zu siner gewalt. 147; ist aber, daz die vrowe vor kumet di rechtschuldige mit irer gewalt, so sal der vorderer den voit biten, daz he si vrege, wi si sich irvarn habe. 142; so muz der vorderer schult geben der vrowen also: 'her richter, he klaget uch zu der vrowen und zu irer gewalt Cunrate, daz si quam unde ir gewalt an di stat, da Heinrich unde sin vrunt Friderich vride unde genade solde haben unde brach den vride an im unde an sinem vrunde ...' nu mac sich di vrowe biten zu irvarne an irer gewalt umme di sache, als he ir schult hat gegeben mit rechte, ab si wil. 23, 3.
γ)) he klaget uch uber einen Rudiger, daz der quam an di stat, da der richter unde sine gewalt Cunrat, der in uf den heiligen gewunnen hat, vride unde genade solde haben, unde was an volge unde an geverte, da sine gewalt gewunt unde gewatschart wart, unde brach den vride an im unde an siner gewalt. Freiberger stadtrecht 192 Ermisch; wo die munzmeistere einen man ufhalden mit valschen pfenningen oder mit valschem silber, iz si uffen velde oder in der stat, den sullen si brengen dem richtere oder siner gewalt zu huse

[Bd. 6, Sp. 4938]


unde zu hove mit denselben pfenningen. 7, 1, ebenso 19, 9 u. a.; darnach steet der schultheis oder sein gewalt, der den ban hat, auff, etc. brücken-gerichts-ordn. zu Würzburg, Haltaus 697; daz für mich kom in gericht der gewalt des conventes ze Holsprunne. Nürnberger urkunde von 1303, ebd. 697; wir lazzen iwch wisen daz dem erbernn weisen Hartman Ansorgen dem eltern diu ander clag hincz ertailt worden ist ieczund vor uns auff dem lantfrid tz Kirchain under Tegg an dem nehsten afftermentag vor sant Ulrichs tag umb daz ir dez lantfridz gemant worden sind von Hartman Ansorgen wegen tzu frischer tat, do man im daz sin fr iwch getriben und gefrt hat, daz im Jacob Bütrich und sin gewalt räplich genomen hat, daz ir nicht darcz getan hand alz der landfrid stat und ausweist. (Kirchheim 1393) d. städtechron. 4, 189; also dasz wir und all unser erben ... sie daran nichts bekrnken, leidigen noch beschweren, noch keinem unsern gewalt, noch amptman, und wie der genandt sein mag, noch keinem unserm diener gegenwertigen oder knfftigen ... si mit weltlichen rechten, noch on recht, noch mit gewalt anzufallen, noch sie zu hindern, zuleidigen noch zu beschweren nit verhengen. gründung des Carmeliterklosters zu Abensperg (1392), Hund metropolis Salisburgensis 2, 225 f.; und welche wir dan oder unser gewalt us den die also kamen zu sulchem unsern hoffgericht zum rechten nidersizen heissen. in unione inter epist. Herbip. et capitulum an. 1422, bei Haltaus 697.
η) die objectivierung des begriffes wird ebenfalls durch einige der bisher belegten verwendungen vorbereitet, sie bleibt jedoch in den belegen mehr vereinzelt.
1)) poetische übertragung:

alz Protêus ûz dem mer
dicke kumt zu lande her.
der mac verschaffen sîn gestalt
an manecvalden gewalt
wand er wart eteswanne
zu louwen ûz manne.
Albrecht v. Halberstadt 20, 16;

zeinem boume wart sie dan,
dâ hangt er mit den armen an —
die mêre maget wart gestalt
an den dritten gewalt
als ein wisent vreissam,
daʒ sîn Pelêus erquam
und lieʒ von im die hende
zu sîner missewende. 24, 181.


2)) der staatsrechtliche begriff gewalt = dominium:

eʒ wâren disiu driu lant ..
daʒ dâ er den grâven sluoc,
und abe des wênigen man
von dem er die wunden gwan,
und des künec Artûses gwalt
disiu driu schiet niuwan der walt. Erec 6756;

der hôhe bois hiez sîn gewalt. 1937;

hie mite bat er sich wîsen
hin, dâ des vâlandes barn
mit dem roube solte wider varn.
Tristan zehant bewîset wart
vil rehte ûf Urgânes vart
in einen harte wilden walt,
und stieʒ der an des risen gewalt
des endes, dâ der roup ie
über eine brucke wider gie.
Gottfried Tristan 15970.


3)) entwicklung aus den privatrechtlichen verwendungen.
a)) gewalt = bevollmächtigungsschreiben: mit namen so hatte der romesche konig und konig zu Behemen genant Wenzelaus sine gewalt dar gesant. Limburger chronik 93.
b)) gewalt = besitzobject: deme manne oder dem boten sal man volgen zu rechte biz zu dem huse und sal vregen den, uf den he geiehen hat, ab he im di pfenninge gegeben habe. sprichet: 'ia', so ist der bote ledic. unde so mac man suchen mit rechte in deme huse und in siner gewalt in kasten, in kamern unde allen enden, ab man der pfenninge icht me vinde. Freiberger stadtrecht 38 § 3 Ermisch; ist aber, daz der herre oder di vrowe loukenen der pfenninge, daz si dem manne oder deme boten icht gegeben haben, so sal man da nicht suchen zu rechte in keiner siner gewalt. § 4.
b) die abgrenzung von gewalt und kraft. es sind nur wenige beispiele, die für die mittelhochdeutsche periode in betracht kommen und auch diese sind nicht immer ganz sicher, denn die bedeutungsannäherung an den begriff der 'kraft' erwächst mehr dem jeweiligen zusammenhang, in dem das wort occasionell gebraucht erscheint, als dasz sie mit bestimmten festen verbindungen gewohnheitsmäszig verknüpft wäre.

[Bd. 6, Sp. 4939]



α) gelegentliche verwendungen.
1)) in verbindungen mit dem substantiv 'kraft' oder mit einer ableitung von diesem zeigt sich für gewalt oft noch ein weiter abstand gegen die neue bedeutung. trotzdem sind gerade diese geeignet, die annäherung zu entwickeln:

si wâren liute, als ir nû sît,
wan daʒ ir krefteclich gewalt
was michel unde manicvalt
von kriutern und von steinen.
Konrad v. Würzberg troj. krieg 861;

Alphâ et Ô, künec Sâbâôt,
got, des gewaltes kraft gebôt
leben ân urhap.
R. v. Ems Barlaam und Josaphat 1 Pfeiffer;

swenne das harn ist rôt unde dicke, daz bediutet daz daz bluot rehte chraft unde guoten gewalt hât in dem lîbe. zwei arzneibücher aus dem 12. u. 13. jahrh. 2, 1b, Wiener s. b. 42, 128.
2)) in anderen fällen ergiebt sich die bedeutung 'kraft' aus der art und weise des substantivs, das als träger der gewalt erscheint:

da ergienc ein sölhiu hôhgezît
swer der hât gelîchet sît,
des hant iedoch gewaltes phlac.
Wolfram Parzival 102, 25;

daz der peinn kaiser kainen angel hab, dâ mit er stech, sam die andern peinn habent, wan er ist genuog gewâpent mit seim gewalt, den er hât. Konrad von Megenberg buch der natur 288, 31 Pfeiffer; ez (das cinamom) hât die maht, daz es anderr wolsmeckender ding gewalt widerdruckt. 362, 23.
β) aus der letzterwähnten verwendung scheinen zuerst auch feste verbindungen sich abzulösen, hierher gehört z. b.:

er (Sigfrid) wolt in (Liudgast) füeren dannendô wart er an gerant
von drîzic sînen mannen:dô werte des heldes hant
sînen rîchen gîselmit ungefüegen slegen ..
Liudgast der reckewas gefüeret dan
von Sîfrides gewaltezuo Guntheres man. Nibelungenlied 192, 2.


γ) auch in der präpositionalverbindung mit gewalt läszt sich die annäherung an die bedeutung 'kraft' nachweisen, die hier freilich von den beispielen für violentia schwer abzugrenzen ist:
1))

ouch vant ich einen brunnen kalt
dâ under grüenem boume,
der eine mülen mit gewalt
wol tribe an sînem stroume.
Konrad v. Würzburg klage der kunst 1, 7 Joseph;

ir vröut iuch junge und alte,
der Meie mit gewalte
den Winter hât verdrungen,
die bluomen sint entsprungen.
Neidhart 8, 13 Keinz;

ich bin in den wîngarten brâht
durch bûwen houwen unde jeten,
und hân mich leider überdâht
daʒ ich vil fruo wart dar gebeten,
daʒ ich den rât hân übertreten
und hât das alter mit gewalt
in sînen stric mich sô geweten
daʒ ich verslâfen hân die zît.
dâ von muoz ich ze danke nemen
ein lôn daʒ mir der meister gît. Winsbeke 67, 6.


2))

die brut sprach aber mit gewelde:
dilectus meus candidus et rubicundus
electus ex milibus caput eius aurum optimum.
Brun von Schonebeck 7634;

der keiser hiez allerwegen
den christen schaffen gemach.
mit gewalde er do sprach
ein wort an dem ersten tage,
do im zurgienc sin notklage,
und er den gotes touf enpfie. passional 69, 92 Köpke.


3))

die reine was iesa zu stunt
von godelicher minne wunt,
wande ein bitterlicheʒ swert
was durch ir zarten sele wert
mit gewalt gedrungen. Elisabeth 965 Rieger.


c) die bedeutung von violentia. wie im lateinischen vis und violentia einen gegensatz zum ausdruck bringen, der aus einer wurzel erwächst, so hält auch der begriff der 'gewaltsamkeit', der sich in zahlreichen verbindungen und redensarten ausprägt, vorstellungen zusammen, die in mannigfacher sonderentwicklung einander gegenübertreten. als mittelpunkte neuer gruppen lassen sich hier vor allem zwei hauptbegriffe scheiden: eine kraftfülle, die jeden widerstand niederzwingt, und eine anwendung der macht, die das recht beugt. so ergeben sich die bedeutungen 'zwang' und 'unrecht', die in der mittelhochdeutschen periode ihre eigenen kreise für die verwendung des wortes gewalt ziehen. beide führen im grunde auf die bedeutung 'macht' zurück in

[Bd. 6, Sp. 4940]


jenem engeren sinne, wie wir ihn oben an gewalt nachgewiesen haben; es sind nebenumstände, begleitmomente, die zur sonderentwicklung drängen. in einem falle fällt der schwerpunkt auf die wirkung und den thatsächlichen erfolg bei der ausübung, im anderen falle wird diese ausübung an dem maszstabe des rechtesweltlichen oder göttlichen ursprungsgemessen oder besser an recht und moral. diese letztere entwicklung ist vielleicht die ursprünglichere und frühere, sie liegt schon in den sp. 4915 aus dem Tatian und sp. 4919 aus Notker belegten beispielen vorbereitet vor. die erstere ergiebt sich ungezwungen aus der präpositionalverbindung mit gewalt.
α) die bedeutung 'widerstandskraft, zwang'.
1)) entwicklung aus der präpositionalverbindung mit gewalt:
a))

'waʒ mag uns gewerren?'sprach dô Sîfrit.
'swaʒ ich friuntlîcheniht ab in erbit,
daʒ mac sus erwerbenmit ellen dâ mîn hant,
ich trouwe an im erdringenbeidiu liute unde lant'.
dô sprach der fürste Sigmunt'dîu rede ist mir leit ..
mit gewalte niemanerwerben mac die maget'. Nibelungelied 58, 1;

zwei auffassungen sind hier für die verbindung möglich; der einfache gegensatz zu friuntlîche, vgl. z. b.

alleʒ daʒ ich ie gewan,
mönt ich daʒ mit gewalte hân,
daʒ wolde ich dar umbe geben,
sold ich dir bî sîn gelegen. Laurin 1744 Müllenhoff;

und die besondere beziehung auf die entfaltung kriegerischer macht.
b)) diese letztere wird durch eine reihe von verwendungen nahegelegt und führt zu besonderen prägungen:
α))

'sô hât hie mangen soldier
von Normandie Gaschier,
der wise degen hêre.
noch hât hie rîter mêre
Kaylet von Hoskurast,
manegen zornigen gast.
die brâchten alle in diz lant
der Schotten künec Vridebrant' ...
der gast zer wirtinne
sprach mit ritters sinne
'saget mir ob irs ruochet,
durh waʒ man iuch sô suochet
zornlîche mit gewalt'.
Wolfram Parzival 26, 5.


β))

er kom uf daʒ palas,
dâ der kunic Philippus was: ...
Dêcius mit gewæfen,
der cunic mit almuosen.
Dêcius mit gewalte,
der cunic mit ainvalte. kaiserchronik 6137 Schroeder (variante gewalt);

duo vrouwite sich der junge man,
daʒ er diu rîche al gewan.
her vuor duo mit gewelte
ci Rôme, suî so her wolte. Annolied 463 Rödiger;

die heidenen dachten ubile:
sie wanden mit gewalde
in romischeme lande
al iren willen volle bringen;
dar nach begunden sie vaste ringen. Trierer Silvester 546;

des erlôste sie Hercules
und eischete ze lône des,
daʒ er ir balf daʒ sie genas,
eine stût die gelobet was.
durch die wart anderweide
Lâomedon meineide.
der untrûwen er untgalt,
daʒ Hercules mit gewalt
Troye belac und abe gewan.
Albrecht v. Halberstadt 24, 113.


γ))

zuo den rossen gienc der degen.
dannoch was dâ nieman bî.
ûf sâʒen si dô alle drî
und riten dan mit gewalt,
sô daʒ mit den recken balt
nieman streit noch envaht. herzog Ernst 1319;

dô sich der herzoge sus gewach
und der künec daʒ gesach
daʒ sîn neve tôt was
und der herzoge genas
und mit gewalt enwec reit,
daʒ was im ein herzeleit. 1355;

der vurgenante grebe Engelbrecht was so hochmudig unde wolgefrunt unde entboit einen mant vur dem bischofe von Colne, daz he in mit gewalt in sime lande oberzigen unde oberriden wolde. Limburger chronik 84.
δ)) da flugen si wider enweg unde qwamen vur Straspurg unde alle in dem lande umb unde Elsaszen me dan zwene

[Bd. 6, Sp. 4941]


mande mit ganzer gewalt unde vurdarften daz lant jemerlichen. Limburger chronik 71; in der zit irhup sich der erwerdige furste her Cone von Falkenstein erzebischof zu Trire mit groszer moge unde gewalt unde hisch di name widerumb, di in sime gebide unde geleide geschen was. 62; unde lag der konig mit sime selbes libe zu velde mit groszer gewalt mit solicher herlicheit und herschaft, als sit her an disen dag numme gesehen wart in Duschen landen. 81, ebenso 68; unde dez zoch der vurgenante lantgrebe Heinrich mit groszer gewalt vur eine burg di hisz Haldersen. 38; di zogen mit ein me dan mit sibenzig dusent rittern unde knechten mit groszer gewalt ober den herren von Meilan. 55; unde zog der keiser ober in mit groszer pompen unde gewalt, unde gewan he ime vil lant unde lude ane. 48; da zog di frauwe ein herzoginne von Brabant ober den herzogen von Geller unde herzogen zu Gulch mit groszer gewalt unde herschaft. 95.
ε)) so doch behilt Adolf bischof vurgenant das bischtom zu Menze genzlichen mit allen schlosszen, landen unde luden mit rechter gewalt wider den babest, den keiser unde alle marcgreben von Missen. Limburger chronik 68; unde gewonnen das huis binnen eime halben dage, unde was in dem erne unde daden daz mit rechter gewalt ober heupt. 50; item in disen ziten da zoch lantgrebe Otto, lantgreben Henriches son von Hessen vurgenant, ober einen abet von Fulde mit zwelf hundert gleven unde lag virzen dage in sime lande mit rechter gewalt. 49; unde fur ober Rin in das Bungowe unde lag darin mit rechter gewalt zu velde zehen dage und zehen nacht. 84.
ζ)) daraus erwächst am ende eine objectivierung, die über die bedeutung 'kriegsmacht' zu der von 'kriegsschaar, menge' führt: unde hatten ir moge unde gewalt alda vur Elnerhusen ligende unde helligten si mit den groszen bossen, mit bliden unde mit andern sachen, also daz nit wol spise doruf mochte komen, bit daz si di burg unde den dal gewonnen mit rechter gewalt in dem jare darnach uf den ersten dag julii des mandes. Limburger chronik 90; item da man schreip dusent druhondert unde zwei unde nunzig jar da was der romische konig Wenzelaus genant unde konig zu Behemen vigent der von Straszburg, unde sin gewalt zug vur Straspurg. 85;

daʒ dritte was ouch wol getan
einem manne wol glich
daʒ warf, uf den esterich
blumen harte manicfalt
und hette an blumen sulchen gewalt
swie vil ez ir nîder sprete
daʒ ez ir ie mer hete.
Herbort v. Fritzlar trojanischer krieg 9343.


c)) der weitere begriff: die bedeutung 'widerstandskraft gegen hemmnisse aller art':
α))

waz half dô sîn sterkeund ouch sîn kraft,
wan si im erzeigteir lîbes meisterschaft?
si truoc in mit gewalte(daʒ muos et alsô sîn)
und dructe in ungefuogebî dem bette an einen schrîn. Nibelungenlied 620, 3;

gedanken nâch der künegin
begunden krenken im den sin:
den müese er gar verloren hân,
wærʒ niht ein herzehafter man.
mit gewalt den zoum daʒ ros
truog über ronen und durchez mos:
wandez wîste niemens hant.
Wolfram Parzival 224, 19;

Laurin der könig also reich
schlug mit gewalt hern Dieterich
das im sein fessel riem zerbrach. Laurin 2360 Schade;

und jn der ungefüge stich
mit gantzer krafft und auch gewalt
hernider zu der erden falt. 551.


β))

diu gewaltærinne minne
diu was ouch in ir sinne
ein teil ze sturmelîche komen
und hæte ir mit gewalte genomen
den besten teil ir mâʒe.
Gottfried v. Strazburg Tristan 962;

die frouwen nâmens mit gewalt
und lêrtens tugend manicvalt.
Enikel weltchronik 20671 Strauch;

da brachen si den vride an im unde an sime gute unde roubeten im daz abe mit gewalt. Freiberger stadtrecht 134.
γ)) ab imand sinen schuldiger, der im entgehin wolde, moge begriffen, so her den richter noch sinen botin nicht gehaben moge, unde mit gewalt uffgehalden moge adir vor

[Bd. 6, Sp. 4942]


gerichte brengen adir was recht sei. hiruff sprechen wir scheppin zcu Magdeburg recht: nimand mag mit gewalt sunder den richter adir richters boten sinen schuldiger uffgehalden. Magdeburger fragen 2 cap. 2, 20; werdet oc en man mid ghewald unde sunder sculd. an eneme huse besloten. wert we des vorwunnen. de betere deme beslotenen XII marc. Wisby stadslag 1, 52 § 9 Schlyter 8; und namen den man, den daz gerichte vurorteilet hatte, unde furten in mit gewalt in di stat zu Collen, unde meinten, daz si in irlosen wolden. Limburger chronik 61 Wyss.
δ)) ab ein man vor gehegit ding worde brocht, deme eine dube, welcherleie di were, warde uff den hals gebunden unde also der selbe mon brocht vor gehegit ding, derselbe spreche unde clagete, di dube were im mit gewalt uffgebunden, e denne der cleger sine clage stellte. Magdeburger fragen 3, 2, 1 Behrend 188; also behilt her Cone erzebischof mit gewalt sinen willen unde nam in lant, lude und daz far ober Rin lit an disen hudigen dag. Limburger chronik 62.
ε)) wer ain iunkfrawen oder eczleiche frawen mit gewalt und unkewschlich niderdruckt unde notzerret, den schol man enthawpten. Iglauer stadtrecht, artikel 55 Tomaschek 248.
2)) von dieser präpositionalverbindung aus nimmt 'gewalt' auch in andere verwendungen eine ähnliche bedeutung mit. freilich liegen hiefür aus der mittelhochdeutschen zeit nur wenige beispiele vor; sie lassen mit ausnahme der oben für die objectivierung angeführten belege durchweg den gegensatz gegen vriuntlîche in allgemeinster fassung hervortreten.
a)) verbindung mit verwandten präpositionen:

dô underwunden si sich sint
des landes unt der bürgeunt maneges recken balt:
daʒ muos in sider dienenbêdiu durch vorhte unt gewalt. Nibelungenlied 171, 1 Zarncke;

ob mich der kunic noch vertrib
daʒ hûs ich wærlich nieman gib
durch sîn gewalt noch durch sîn kunst.
Ottokar österr. reimchronik 5761.


b)) freie einbeziehung in das satzgefüge:

dô der künic Guntherbat und ouch gebôt,
si habten ûf mit swertenin des strîtes nôt.
daʒ was gewalt vil grôʒerdaʒ dâ niemen sluoc.
er vrâgte den von Berneder mære schiere genuoc. Nibelungenlied 1927, 3 Lachmann;

daʒ alsus werlîchen man
ein wîp enschumpfieren kan
wohrî woch, waʒ sol daʒ sîn?
dâ tuot frou minne ir zürnen schîn
an dem der prîs hât bejagt.
werlîch und unverzagt
hât sin iedoch funden.
gein dem siechen wunden
solte si gewalts verdrieʒen:
er möht doch des genieʒen,
daʒ sin âne sînen danc
wol gesunden ê betwanc.
Wolfram Parzival 585, 1;

wê daʒ mich sô manger hât von lieber stat gedrungen
beidiu von des guoten unde ouch wîlent anderswâ.
œdelichen wart von ín ûf mînen tratz gesprungen.
ir gewaltes bin ich vor in mînem schophe grâ.
Neidhart 49a, 40 Keinz;

darnâch dô man des wart gewar,
daʒ daʒ rîch was herren bar,
dô wart eʒ übele gestalt:
ieglich herre wart so balt,
daʒ er tete unde lieʒ,
als vil als in sîn wille hieʒ.
eʒ wart ouch in den steten,
daʒ eʒ die rîchen heten
an gewalt über die armen:
swaʒ in niht wold erbarmen,
daʒ siʒ durch got niht lieʒen,
gerihteshalp si stieʒen
daʒ zil swar si dûhte guot.
Ottokar österr. reimchronik 1059.


c)) poetische personification:

stîg unde wege sint in benomen:
untriuwe ist in der sâʒe,
gewalt vert ûf der straʒe:
fride unde reht sint sêre wunt.
diu driu enthabent geleites niht, diu zwei enwerden ê gesunt.
Walther 8, 25;

gewalt noch mangem an gesiget,
daʒ hœret man die wîsen jehen,
dâ man genâde niht enpfliget,
daʒ solm an miner frouwen spehen.
Jacob v. Warte (I 25) bei
Bartsch Schweizer minnes. 248;

gewalt den witzen an gesiget
da man rehtes niht enpfliget.
ist ieman witzic âne guot,
son ist der armen keiner fruot.
Freidank 80, 2.

[Bd. 6, Sp. 4943]



d)) ansatz zur objectivierung:

sint lieʒen sie den sturm bestân
und bereiten sich zû strîte
zû der selben zîte
und vûren hin kein Kûrlant.
der meister kegen in zû hant
quam mit zwein schônen hern,
er wolde in iren gewalt wern.
sîn her was michel und grôʒ
des iʒ doch wênic genôʒ. Livländische reimchronik 5594 Meyer.


β) die beurtheilung unter dem gesichtspunkte des rechts und der moral: gewalt = unrecht.
1)) wie oben schon bemerkt, wird diese wendung durch mannigfache wandlungen des zusammenhanges vorbereitet, die präpositionalverbindung kommt hier mehr neben anderen factoren in betracht, wird abernamentlich in rechtsquellenebenfalls viel dargeboten.
a)) die wile man aver en gut under enem manne beklaget na rechte, svo lange he't halt dar boven mit gewalt, nimmer ne gewint he dar rechte gewere an, di wile man de rechten klage gefügen mach. Sachsenspiegel 2, 45, 1; doch ne het dat nen recht gewere dat die man mit gewalt besitt, of man die gewalt ervolget mit rechter klage unde dat getügen mach. Sachsenspiegel lehnrecht 14; ab eine stat gemeinlich adir irre burger einer breche in sachen, di dem borggreven ammecht angehoren, unde der obirste herre des borggreven unde der stat di stat adir den burger dorumme anspreche, ab der herre das mit rechte sal usgehen adir mit gewalt richten, wi das sal varen. Magdeburger fragen 1, 6, 10 Behrend 92.
b)) wenn ainer spricht, er hat mir das genomen mit gwalt oder an recht, so muess der antwurter wissen, wo das geschechen sei. steiermärkisches landrecht 87 Bischoff; wenn ainem daz sîn mit gewalt ân recht vorbehebt wurd, derselb verlürt numer kain gewer nit. civil- u. kriminalstatuten von Münsterthal (1427), österr. weisth. 4, 357; mit sô vil genâden, daz wir den himel mêr besitzen mit gewalt wan mit reht. Konrad von Megenberg buch der natur 361, 11.
c)) da brach he vride an hern Cunrate an sime gute unde roubete im daz abe mit unrechter gewalt. Freiberger stadtrecht (20, 4) 131; wen he der stat recht brichet an im unde he mit vrevel unde mit gewalt suchet in sime huse wider sinen willen, waz der wirt darumme tut oder begeht, di wile si in sime huse sin, da hat ne nichein unrecht an begangen. 230.
2)) andererseits wirdebenfalls in rechtsquellendie verbindung unrechte gewalt als technische formel der mannigfachsten verwendung unterstellt:
a)) sineme wechverdigen gesellen unde sime werde, dar he geherberget is, unde sime gaste unde svie to sinen gnaden vlüt, dem sal die man helpen weder allis manlikeme, dat he sik irwere unrechter gewalt, unde ne dut weder sine trüwe nicht. Sachsenspiegel 3, 78 Homeyer; wante de stad van Dorpmunde in groten oirlaghe geleghen hevet und sich unrechter ghewalt gheweret hevet, ... so sal ein iclich dei binnen der stad van Dorpmunde wonachtich is ... gheven van hundert marken viiff mark. Dortmunder statuten, hansische geschichtsquellen 3, 212; were oik imand dei sine borgerschap op hedde geseghet offte noch op sechte umme der behelpinge willen, dat hei nicht ene wolde helpen betalen dei schuld, dei wii schuldich sint, dar wii in der vede unrechte ghewolt mede wederstonden, des begheret unse borger, dat men en dat segge und do verstaen, wei sei sint. 3, 213; wenne wir uch vormals unser brive geben haben, czu schirmen und czu sichern alle Juden in unsir stat czu Bresslow vor allem unrechte und gewalde ... dorumme bevelen und gebiten wir uch ... (Breslau, 25. jan. 1359) arch. f. österr. gesch. 31, 122.
b)) ne dut he's nicht binnen rechter degedingen, ime ne hilpt sin unscult nicht die he gedan hevet; man ne verdele ime dat gut, is ne erre ine unrechte gewalt unde he die beklage mit rechte. Sachsenspiegel lehnrecht 59 Homeyer; unde di lute, di sulche unrechte gewalt begehen, wi vil der ioch ist, di volbrengit man alle wol mit einer kamperer wunden also samfte alse mit cehenen. Freiberger stadtrecht 170.
3)) aus solchen verwendungen entwickelt sich für unser wort in der rechtssprache leicht sachbedeutung, es nähert sich der bedeutung gewaltthat. ein kennzeichen für diese entwicklung liegt in der verbindung mit dem artikel:
a)) umb ain gewalt, umb den gewalt:
α)) wan ainer fürpot gesambt hat umb ain gwalt und

[Bd. 6, Sp. 4944]


zeucht er den gwalt enen selber, der den gwalt than hat, so muess der fürpot sagen, das der clager um den gwalt an den antwurter zeucht. steiermärkisches landrecht 75 Bischoff; wann der antwurter engegen ist, so zeucht der clager wol an im selb umb ain gwalt. 79; umb ain gwalt mag ainer nicht dingen. 85; umb ain gewalt muess man antwurten auf den andern tag. 87.
β)) ez mag umb gewalt nimant gerichten, den der hawbtman in Steir. steiermärkisches landrecht 96 Bischoff; man mag umb gewalt wol an ainen selben ziehen. 107; wer also nicht lat umb gwalt, so muess der clager hinz dem antwurter bewären, und der clager ist selbdritt. 77.
γ)) cumt oc en man van butene to to deme anderen in sine herberghe gudes modes, unde werdet se scelende mid quaden worden, oder sleghen; dat betere malk deme anderen, dar na se sin, wo dat ghescen si up der menen strate. jodoch tyt we den wert ut deme hus, so betere he vor de ghewold, deme cleghere XII marc. Wisby stadslag 1, 52 § 8 Schlyter.
b)) wir wissen vur ein recht, so schire eime amptmanne worte geklaget eine gewalt, so sal he bescheiden ein gericht von der herren wegen. Limburger chronik 69; da hait here Niclais ein gewalt von ime geclagt, daz er solicher gebot nit gehalten hait. der Ingelheimer oberhof 266 Lörsch; wann man ainem ainen gewalt anbehaht, der chümpt umb zechen markch. steiermärkisches landrecht 107 Bischoff; ebenso 86 vgl. 82.
c)) were dat dat sei dei nicht en kunden ghescheden, queme dat an gherichte, wei in den vorghesprokenen reden sculdich ghevnden wrde, de were brochaftich an einer ghewelde. Dortmunder statuten, hansische geschichtsquellen 3, 72.
4)) auch die poetische sprache, die in der personificierung von gewalt (vgl. sp. 4942) die beurteilung unter dem gesichtspunkte der moral schon durchblicken läszt, stellt gewalt und unrecht gelegentlich zusammen:

diu sunne hât ir schîn verkêret,
untriuwe ir sâmen ûz gerêret
allenthalben zuo den wegen:
der vater bî dem kinde untriuwe vindet,
der bruoder sînem bruoder liuget:
geistlich leben in kappen triuget,
die uns ze himel solten stegen:
gewalt gêt ûf, reht vor gerihte swindet.
wol ûf! hie ist ze vil gelegen.
Walther 22, 1;

bî dem Lugebach
einer mit gewalte vert:
der wænet in den lüften sweben.
sîne triuwe habent aberhâken als ein gêr.
michel ungemach
was mir ie von im beschert.
Neidhart 58, 50 Keinz;

der (graf) het sô hôhez lop bejeit
an triwen und an manheit,
daʒ si sich des lieʒen an in,
swar daʒ reht zuge hin,
daʒ er dem gestüende bî
und den andern mahte frî
gewaltes unde unrehtes.
Ottokar österr. reimchronik 3945;

es hat gewalt das grois unrecht
des rechten hort verdrungen.
Muscatblüt 69, 57 Groote.


γ) die festen verbindungen mit verbis leisten der eben beobachteten sonderentwicklung, die in die bedeutungen 'zwang' und 'unrecht' ausmündet, wenig vorschub. hier herrscht viel mehr eine allgemeinere bedeutung vor, die beide vorstellungen umfaszt. diese unbestimmtheit der bedeutung steigert sich, je formelhafter die verbindungen werden, vgl. den gegensatz zwischen gewalt treiben, üben und gewalt thun. auch hier lassen sich die schwankungen schon an der empfänglichkeit oder sprödigkeit gegenüber dem artikel erkennen. mittel- und niederdeutsche quellen bevorzugen diesen, vgl. besette ein borgere des anderen körn up den velde mit gherichte, queme dat mit einen ordele an den raed, weliker van en sich des körn underwunne sunder gerichte unde recht, eir dat ordel gewiset were, dei breke ene gewalt unde sal dat weder doen. Dortmunder statuten, hansische geschichtsquellen 3, 134 u. a. vgl. sp. 4946.
1)) gewalt begehen, treiben, üben:
a))

waʒ wil diu minneclîchiu eht an mir enden?
des muoʒ mich iemêr wunder hân.
si wil gewalt an mir begân,
wil si niht schiere mînen kumber wenden.
v. Toggenburg bei
Bartsch 78.


b))

wær frumer landes herre niht,
so tribe gewalt manec bœsewiht
mit armen liuten, die er mit fride
muoʒ sitzen lân durch swert, durch wide. renner 1121;

[Bd. 6, Sp. 4945]


der keiser unde das concilium tatin die von Meideburgk in swere benne unde in die achte, doran die von Meideburgk sich wenigk karten unde gewonnen gleichwol des bischoufes slosser unde stete unde trebin grosze gewalt mit irem herren unde seime lande. Johann Rothe thüringische chronik 678.
c))

ich mac wol disen gewalt
an mînem vînde üeben.
Gottfried v. Straszburg Tristan 10353;

ist ouch, daʒ in des gezeme,
daʒ er mich wil betruben
und sinen gewalt uben
und vrevelich her in gan,
so wil ich aber im widerstan. passional 248, 14.


2)) gewalt thun:
a))

dô sprach des künec Lotes suon
'hêrre ir wolt gewalt nu tuon,
sît ir mir grüeʒen widersagt'.
Wolfram Parzival 300, 24;

frou minne, ir tâtet ouch gewalt,
dô Parzivâl der degen balt
durch iuch von sînen witzen schiet
als im sîn triwe dô geriet. 293, 5.


b))

doch erbarmte unserm schephære.
unser ewigeʒ læit.
doch enwolde er die warhæit.
noch daʒ recht nicht schenden.
er wolt eʒ anders wenden.
er wolt ouch dem tivel nicht gewalt tn.
sein erbarmde und sein weistm.
die gedachten einer wage.
sam ob dar uf læge.
elliu diu schulde.
da mit si verluren gotes hulde. anegenge 34, 62:

als ichs mich versinne,
mîn hêrre wil gewalt mir tuon
durch daʒ ich hân decheinen suon.
Wolfram Parzival 367, 19;

kunt ir dan ritters fuore spehen,
ir müeʒt im rehter dinge jehen.
sîn lîp gein valsche nie wart palt.
swer im darüber tuot gewalt,
wærʒ mîn vater ode mîn kint,
al die gein im in zorne sint,
mîn mâge ode mîn bruoder,
die müesn diu strîtes ruoder
gein mir ziehn. 364, 4;

'für wâr, si (die minne) tæte mir gewalt,
ob si betwunge mir den sin
daʒ mir mîn herze würde balt
ûf mîner sælden ungewin
und wider mînen muot dâ hin
dâ von mîn êre würde kranc,
des ich dâ her erlâʒen bin.
wil ir gewalt mich niht verbern,
sô twinge nâch ir êren mich:
des muoʒ ich ûf genâde gern. Winsbekin 38;

ich hân alsô von dir vernomen,
daʒ sich diu kunigin übersan,
dâ gebest dû mir schulde an.
daran tuost dû mir gewalt.
Ottokar österr. reimchronik 18195;

wer dem andern gewalt tuot ân recht, also, daz er sich seins guots underwindt, wie daz genant ist, mit frävel, der geit dem richter ain pfunt pfenning, der stat zwai pfunt pfenning. stadtrecht von München art. 438 (Auer 164).
c))

er hât unhufschen mannes site.
er hât gar einn unhüfschen muot,
der den wîben gwalt tuot.
Thomasin der welsche gast 1220 Rückert;

papen unde jüden die wapen vüren unde nicht geschoren ne sin na irme rechte, dut man in gewalt, man sal in beteren als eme leien. Sachsenspiegel 3, 2;

hœrstûz, junger künie vrî?
stêstû dem rîchen edeln bî,
daʒ er dem armen tuot gewalt,
dîn missetât ist manicvalt. könig Tyrol 37, 4.


d)) (er) sprach daz er im gewalt und unrecht tet. (1365) Züricher stadtbücher 1, 183.
e))

er klagt im sêre den gewalt,
den im der kunic Wêlân
hie ze Stîre het getân.
Ottokar österr. reimchronik 2236;

sleht ein cristen einen iuden ze tode oder ein iude einen christen oder wundet ir einer den andern oder swelhen gewalt ein cristen einen iuden oder ein iude einen cristen anleit oder die iuden under einander, ... daz sol man eime vogte buzzen als in sime rehte geschriben stat. stadtbuch von Augsburg 56 Meyér; item anderwerbe fragete der vurgenante ritter von der herren wegen, obe einer ein gewalt dede zu Limpurg, obe dan ein amptmann der herren den

[Bd. 6, Sp. 4946]


mochte anegrifen unde halden bit uf di scheffen uf daz he nit vurfluchtig enworde. Limburger chronik 69. ebenso 70; spreke dei richtere enen an vor gherichte, dat hei antworde op ene claghe; entgenge dei deme gherichte sunder antworde, dei dede ene ghewalt. Dortmunder statuten, hansische geschichtsquellen 3, 91; spreke dei richtere enen man an, dat hei pale hedde uth getoghen unde wellen to broken hedde unde hedde dar ein selfgerichte an gedn, spreket dei man, hei en hebbe neine pale uth getrecket noch neine wellen to broken noch neine ghewalt ghedan unde si der tiicht alinck unschuldich, dei man is siner unschult naer, dan dei richtere dei klage op ene to winnende si. 3, 114.
3))
a))

dem künege Fabruîne
geschehen ist mit rede gewalt,
der zeinem baschelier gezalt
von iu wart in spottes wîs.
Konrad v. Würzburg Partonopier 4335;

gescheghe eine ghewalt umme sleghe oder umme missehandelinge, dar scal he sinen woldener umme sculdighen. Stendaler urtheilsbuch (14. jahrh.) 26, 3 Behrend.
b))

in diz lant hât er gesprochen
einen angestlîchen tac,
dâ diu witwe wirt gerochen
und der weise klagen mac
und der arme den gewalt
der da wirt mit ime gestalt.
Walther 16, 12;

got larte in selbe verdoln
den gewalt, der im geschach,
wand man wol an im sach,
daʒ er vil ungerne entphie
daʒ amt, daʒ man uf in lie. passional 10, 51;

zu stunt so qwam der richter vur den rat unde klagete unde schrei ober di gewalt di da geschen was. Limburger chronik 61.
4) die neuhochdeutsche periode. im gegensatz zu der mittelhochdeutschen periode, die an unserem worte von den hauptlinien des gebrauches immer neue verästelungen abzweigen liesz, zeichnet sich die neuhochdeutsche periode vor allem durch befestigung und verbreiterung der übernommenen verwendungen aus. freilich kommt diese steigerung nicht allen gebrauchsformen gleichmäszig zugute. einzelne verwendungen verkümmern allmählich ganz, andere schwellen ins ungemessene an. für diese ungleichmäszigkeit ist die hauptursache in den verschiebungen zu suchen, die nach der seite der stilform an der masse der belege zu beobachten sind. je nachdem kirchliche oder weltliche interessen die litteratur beherrschen, je nachdem der phantasie spielraum gelassen ist oder feste überlieferung den sprachgebrauch einengt, je nachdem das beschauliche oder das geschäftliche leben auf die weiterentwicklung einflusz gewinnt, je nachdem werden die einzelnen verwendungen und verbindungen des wortes erhalten, fortgebildet oder zurückgedrängt. daher ist es bei gewalt im besonderen geboten, über einzelne stilformen und verwendungskreise der neueren sprache in zusammenfassendem überblicke zu berichten. der umfang, den die bedeutungsentwicklung in der neueren sprache erreicht, soll hierim gegensatz zu der darstellung der früheren periodennur mit solchen beispielen belegt werden, in denen die bedeutung über den rahmen einzelner wortverbindungen hinaus absolute geltung gewonnen hat. diese wortverbindungen, die für das geschichtliche verständnis der bedeutungsentwicklung bis jetzt die voraussetzungen geboten hatten, sollen in theil III zum gegenstand eigener untersuchung gemacht werden, da das aufkommen neuer, das verkümmern alter verbindungen wesentliche züge für das neuere bild unseres wortes liefert.
a) verschiebungen der gebrauchsgrenzen.
α) anschaulich läszt sich ein theil des entwicklungsganges in der bibelübersetzung verfolgen, bei der freilich der gegensatz zwischen älterem und neuerem gebrauch unter zwei gesichtspunkten zu beurtheilen ist. einmal kommt allgemeiner die fortgeschrittenere, auf neuerem sprachgebrauch beruhende übersetzungstechnik in betracht, wie sie sich theilweise in der redaction bei Koburger, in den ausgaben von Dietenberger und Eck, noch mehr im 18. und 19. jahrh. zeigt. andererseits musz der gegensatz individueller sprachgebung in betracht gezogen werden, der in der überragenden persönlichkeit Luthers zugleich mundartliche färbung gewinnt. auf dieser grundlage der betrachtung darf das beharren, das zurückweichen und das vorschreiten unseres wortes die aufmerksamkeit in anspruch nehmen.
1)) verkümmerung des gebrauches bei Luther im gegensatz zu den älteren übersetzern.
a)) wie schon aus den oben (sp. 4913) zu Ulfilas gegebenen andeutungen hervorgeht, ist es hauptsächlich die grenzlinie gegen macht, die sich zu ungunsten von gewalt verschiebt.

[Bd. 6, Sp. 4947]



α)) vorwiegend tritt die verschiebung in den festen verbindungen mit verbis zu tage. hier wird sie in der verbindung gewalt geben consequenter beobachtet als in der von gewalt haben. aufmerksamkeit verdient das verhalten in Beheims übersetzung, die vielfach als vorläufer Luthers im gegensatz zu den oberdeutschen übersetzern erscheint.
1))) und er rieff seine zwelff jüngere zu sich, und gab jnen macht, uber die unsaubern geister, das sie die selbigen austrieben. Luther Matth. 10, 1 (ebenso Dietenberger, Eck; und gab ihnen vollmacht über unreine geister. Kautzsch; her gap en gewalt ubir di unreinen geiste. Beheim, ebenso cod. Tepl. Eggestein. Koburger); gleich wie du im macht hast gegeben uber alles fleisch. Luther Joh. 17, 2 (ebenso Dietenberger. Eck; vollmacht bei Kautzsch; alse du ime gigebin hâst gewalt allis vleisches. Beheim; ebenso cod. Tepl. Eggestein. Koburger); ebenso Marcus 13, 34 bei (Beheim macht); denn wie der vater das leben hat in jm selber, also hat er dem son gegeben das leben zu haben in jm selber und hat jm macht gegeben auch das gerichte zu halten. Luther Joh. 5, 26 (und gab im gewalt ze tun daz urtail cod. Tepl.; ebenso Beheim. Eggestein. Koburger; macht bei Dietenberger und Eck; und hat ihm vollmacht gegeben Kautzsch). ebenso Lucas 10, 19 (hier aber schon bei Beheim macht); wie viel jn aber auffnamen, denen gab er macht, gottes kinder zu werden, die an seinen namen gleuben. Luther Joh. 1, 12 (ebenso Beheim. Dietenberger. Eck; ihnen hat er die macht verliehen. Kautzsch; den gab er gewalt ze werden di sun gotz cod. Tepl.; ebenso Eggestein. Koburger); ähnlich prediger 6, 2 (bei Eck gewalt).
2))) gewalt haben wird von Luther gelegentlich entgegen der älteren übersetzung erst eingeführt, während er da, wo die älteren übersetzer die verbindung verwenden, seinerseits macht einsetzt: und auff das er durch den tod die macht neme dem, der des todes gewalt hatte, das ist dem teufel. Luther Ebreer 2, 14 (κράτος ἔχοντα τοῦ θανάτου, mortis imperium. daz gepot dez todes cod. Tepl.; ebenso Eggestein und Koburger. des todes gewalt hat Dietenberger. Eck. Emser. Froschauer). da, wo Luther macht einsetzt, folgen ihm die späteren übersetzer nicht immer. nicht nur Eck, der gewalt überhaupt mehr bevorzugt, sondern auch Kautzsch tritt hier gegebenen falls in gegensatz zu Luther; ei du fromer knecht, dieweil du bist im geringsten treu gewesen, soltu macht haben uber zehen stedte. Luther Lucas 19, 17 (ebenso Dietenberger; ἐξουσίαν, potestatem. du wirdes gewaldic ubir zcen stete Beheim; du wirst haben gewalt cod. Tepl.; ebenso Eggestein. Koburger. Eck; so sollst du nun gewalt haben über zehn städte Kautzsch); und sahen, das das feuer keine macht am leibe dieser männer beweiset hatte. Daniel 3, 27 (das daz feu'r kein ding des gewalts hat gehabt an iren leiben Eggestein, ebenso Koburger; das feur het kain gewalt gehabt in iren leiben Eck, ähnlich Dietenberger und später Kautzsch); wisset, das des menschen son macht hat auff erden, sünde zu vergeben. Joh. 5, 24 (so schon Beheim, ebenso später Dietenberger. Eck; vollmacht bei Kautzsch; hat gewalt auf der erde ze vergeben cod. Tepl.; ebenso Eggestein. Koburger); ebenso Joh. 19, 10 s. oben (hier halten Beheim und später Kautzsch an gewalt fest).
β)) andere verwendungen werden von dieser verschiebung seltener berührt: und als er in den tempel kam, tratten zu im, als er leret, die hohenpriester und die eltesten im volck, und sprachen, aus waser macht thustu das? und wer hat dir die macht gegeben. Luther Matth. 21, 23 (ebenso Dietenberger. Eck. Emser; in waz gewalt tst dise dinc? und wer hât dir disen gewalt gegebin Beheim; ebenso cod. Tepl. Koburger. Eggestein); aber dis ist ewer stunde, und die macht der finsternis. Lucas 22, 53 (ebenso Dietenberger. Eck; dicz ist eur stund, und der gewalt der vinster cod. Tepl.; ebenso Beheim. Eggestein. Koburger und später Kautzsch).
b)) nach anderer seite verschiebt sich bei Luther die gebrauchsgrenze in den fällen, in denen der begriff der macht staatsrechtlich bestimmt erscheint. selten, dasz er hier gewalt oder macht zuläszt: durch Jhesum Christ, welchem sei ehre und gewalt von ewigkeit zu ewigkeit. Luther 1. Petri 4, 11 (ebenso Dietenberger. Eck; cui est gloria et imperium. dem sei wunniclich und gepot cod. Tepl.; ebenso Eggestein. Koburger; herrschaft bei Kautzsch); und weiset jm alle reich der gantzen welt, in einem augenblick, und sprach zu jm, diese macht wil ich dir alle geben, und jre herrligkeit. Lucas 4, 6 (ebenso

[Bd. 6, Sp. 4948]


Dietenberger. Eck; potestatem. disen gewalt allesament Beheim; ebenso cod. Tepl. Eggestein. Koburger); sonst zieht Luther hier synonyma wie regiment, herrschaft, majestät oder (übergang zur personification) oberkeit vor.
α)) das regiment auff erden stehet in gottes handen. Luther Sirach 10, 4 (ebenso später Kautzsch; potestas. der gewalt der erd ist in der hant gotz Eggestein; ebenso Koburger. Dietenberger. Eck. Ulenberg; die macht über das lant. Piscator. holländische staatenbibel); ist nicht herrschaft und furcht bei im, der den frieden macht unter seinen höhesten. Hiob 25, 2 (ebenso Dietenberger; potestas et terror. der gewalt und di vorchte Eggestein; ebenso Koburger und Eck; sein ist die herrschermacht und majestät, der frieden schafft in seinen höhesten Kautzsch); und sein reich ist ein ewiges reich, und seine herrschaft wehret für und für. Daniel 3, 33 (et potestas ejus. sein gewalt Eggestein. Koburger. Dietenberger. Eck u. a.); das er sehen liesse den herrlichen reichthum seines königreichs, und den köstlichen pracht seiner maiestet. Esther 1, 4 (die erhebung sein gewaltes Eggestein. Koburger; den kostlichen pracht seiner grösse und gewalts Dietenberger; den bracht seiner macht Eck; die pracht seine grösse Kautzsch).
β)) und als er vernam, das er unter Herodes öberkeit gehöret. Luther Lucas 23, 7 (ebenso Dietenberger. Eck; daz her von Hêrôdis gewalt was Beheim, ebenso cod. Tepl. Eggestein. Koburger; dasz er aus der herrschaft des Herodes sei Kautzsch). ähnlich Matth. 8, 9; jederman sei unterthan der oberkeit, die gewalt uber in hat, denn es ist keine oberkeit, on von gott. Römer 13, 1 (ausgabe von 1545; der ubirkeit und gewalt, denn es ist keine gewalt, on von gott. ausgabe von 1522; ebenso Dietenberger. Eck; gewelten cod. Tepl. Eggestein. Koburger; der obrigkeitlichen gewalt Kautzsch; potestatibus sublimioribus); wiltu dich aber nicht fürchten für der oberkeit, so thue gutes. 13, 3 (wiltu nit furchten den gewalt cod. Tepl.; ebenso Eggestein. Eck. Dietenberger).
c)) bei der wiedergabe von vis, violentia weicht Luther nur in ganz seltenen fällen zu ungunsten von gewalt gegen die älteren übersetzer ab: herr wie lang sol ich schreien, und du wilt nicht hören? wie lange sol ich zu dir ruffen uber frevel, und du wilt nicht helffen. Luther Habakuk 1, 2 (ausgabe von 1545, ruffen uber unrecht. ausgabe von 1524; vociferabor ad te vim patiens; leidentt gewalt Eggestein, ebenso Koburger u. a. wie lange schon rufe ich dir zu 'gewalt'! Kautzsch). andererseits schlieszt Luther eben diese stelle im gegensatz zu allen übersetzern mit dem sprichwort es gehet gewalt uber recht s. u.
2)) vordringen der gebrauchsgrenze von gewalt bei Luther im gegensatz zu den älteren übersetzern.
a)) am wenigsten wird das gebrauchsgebiet von macht durch das vordringende gewalt berührt. einzelne verwendungen, die sich hierher ziehen lassen, stimmen alle darin überein, dasz die lat. vorlage den gebrauch von potestas vermeidet, weshalb die älteren übersetzer auch nicht auf gewalt zurückgreifen. nur zum geringsten theil sind es verwendungen, die den oben gekennzeichneten sich anreihen: und gebe dir gewalt eigene müntze in deinem lande zu schlahen. Luther 1 Maccab. 15, 6 (permitto tibi; ich verheng dir z machen die schlagung eigner muntz Eggestein, ebenso Koburger; vergünn dir Dietenberger. Eck, gestatte dir Kautzsch). im allgemeinen wiegen vielmehr poetische einkleidungen des staatsrechtlichen begriffes vor, die schon in den glossen theilweise durch gewalt wiedergegeben wurden, während spätere übersetzer sich mehr an den wortlaut hielten: solchs ist im rat der wechter beschlossen und im gesprech der heiligen beratschlagt, auff das die lebendigen erkennen, das der hhest gewalt hat uber der menschen knigreiche, und gibt si, wem er wil; und erhöhet die nidrigen zu den selbigen. Daniel 4, 14 (ebenso Dietenberger; quoniam dominatur excelsus in regno hominum. daz der höchst herscht in dem reich der menschen Eggestein. Koburger; ebenso Eck; dass der höchste über das königthum der menschen macht hat Kautzsch). ähnlich Daniel 3, 30. 2, 38; und der herr gab Israel einen heiland, der sie aus der gewalt der Syrer füret. 2 könige 13, 5 (ebenso Dietenberger und Piscator; et liberatus est de manu regis Syriae. aus der obergewalt Arams Kautzsch; von der hand des künigs Syri Eggestein. Koburger. Eck); ebenso 1. Mos. 16, 6 (hier auch bei Piscator hant). psalm 49, 16 (hier auch bei Dietenberger gewalt); aber da sie des herrn jres gottes vergassen, verkaufft er sie unter die gewalt Sissera, des heubtmans zu Hazor,

[Bd. 6, Sp. 4949]


und unter die gewalt der Philister, und unter die gewalt des königs der Moabiter, die stritten wider sie. 1 Sam. 12, 9 (ebenso Dietenberger. Züricher, Straszburger bibel. Kautzsch; et tradidit eos in manu Sisarae; und er antwurt si in die hand Sisare .. und in die hand der Philistiner Eggestein; ebenso Koburger. Eck u. a.); denn du hast meine nieren in deiner gewalt, du warest uber mir in mutter leibe. psalm 139, 13 (ebenso Dietenberger. Züricher, Straszburger bibel. Piscator; possedisti renes meos; wann du hast besessen mein lancken Eggestein, ebenso Koburger. Eck).
b)) lebhafter dringt gewalt gegen die synonyma 'kraft, stärke' (virtus, fortitudo) vor, die in der älteren sprache sich so zäh und spröde erwiesen hatten.
α)) bei jm (gott) ist weisheit und gewalt, rat und verstand. Luther Hiob 12, 13 (apud ipsum est sapientia et fortitudo, ipse habet consilium et intelligentiam; bei im ist die weisheit und die sterck: er selb hat den rat und die vernunft Eggestein, ebenso Koburger. Dietenberger. Eck; bei ihm ist weisheit und stärke, sein ist der rat und die einsicht Kautzsch). ähnlich 36, 19; hilff mir gott durch deinen namen und schaffe mir recht durch deine gewalt. psalm 54, 3 (ebenso Dietenberger. Züricher, Straszburger bibel. Piscator; in virtute tua judica me; und erlösz mich in deiner kraft Eggestein. Koburger. Eck; door uwe macht. Holländische staatenbibel; und führe meine sache durch deine stärke Kautzsch). genau so psalm 66, 7. ähnlich Lucas 9, 1 (virtutem et potestatem, gewalt und macht Luther). ebenso Lucas 10, 19 (hier bei Eck und Kautzsch gewalt). ähnlich apostelgeschichte 4, 7.
β)) aber das hinder teil zubrach, von der gewalt der wellen. Luther apostelgeschichte 27, 41 (ebenso Dietenberger. Eck; a vi maris, von der sterk des meres cod. Tepl. Eggestein. Dietenberger. Koburger; gieng durch den anprall auseinander Kautzsch).
γ)) und als er an die stuffen kam, musten in die kriegsknecht tragen, fur gewalt des volcks. Luther apostelgeschichte 21, 35 (ebenso Dietenberger. Eck; propter vim populi; um di sterk des volkz cod. Tepl. Eggestein; von getreng wegen. Augsburger bibel von 1477; Koburger, wegen des andrangs des volkes Kautzsch).
c)) am sichtbarsten aber ist die vorwärtsbewegung innerhalb der bedeutung von violentia.
α)) denn gleich wie ein born sein wasser quillet, also quillet auch jre bosheit, ir frevel und gewalt schreiet uber sie. Luther Jeremia 6, 7 (iniquitas et vastitas auditur; ungangkeit Eggestein; missetat Koburger; gewaltthat Kautzsch); umb gewalt, unrecht und geitzes willen kompt ein königreich von einem volck auffs ander. Sirach 10, 8 (propter injustitias et injurias et contumelias; umb die ungerechtigkeit und die krieg und die laster Eggestein, ähnl. Koburger. Eck. Kautzsch; unrecht, der frevel gewalt, mancherlei betrug Dietenberger; wegen ungerechter und gewaltsamer thaten Piscator).
β)) und zwang die kinder Israel mit gewalt zwenzig jar. Luther richter 4, 3 (ebenso Dietenberger. Piscator. Holländische staatenbibel; vehementer oppresserat eos; gewaltig Kautzsch; stercklich Eggestein. Koburger: fast Eck; hart Ulenberg). ähnlich Jeremias 13, 22 (hier in der vorlage, und dem entsprechend bei den übrigen übersetzern andere auffassung); beschediget niemand, behelt das pfand nicht, nicht mit gewalt etwas nimpt, teilet sein brot mit dem hungerigen. Hesekiel 18, 16 (ebenso Dietenberger. Ulenberg. Piscator; rapinam non rapuerit; und nimpt nit den raube Eggestein. Koburger. Eck; verübt keine erpressung Kautzsch).
γ)) antwortet wider mich fur dem herrn und seinem gesalbten, ob ich jemands ochsen oder esel genomen hab? ob ich jemand hab gewalt oder unrecht gethan. Luther 1 Samuelis 12, 3 (ebenso Dietenberger. Züricher, Straszburger bibel. Eck; si quempiam calumniatus sum, si oppressi aliquem; ob ich ieman hab verdruckt Eggestein. Koburger). ebenso 12, 4. ähnlich Jeremias 22, 3. psalm 119, 21. sprüche 14, 31. Lucas 3, 14.
δ)) der recht schaffet denen, so gewalt leiden. Luther psalm 146, 7 (ebenso Eck. Piscator; fecit judicium iniuriam patientibus; den die do erleiden daz unrecht Eggestein. Koburger. Dietenberger. Ulenberg; den verdruckten. Holländische staatenbibel; den unterdrückten Kautzsch). ebenso Hosea 5, 11 (hier auch bei Dietenberger und Kautzsch gewalt).
ε)) hier in der bedeutung von violentia nimmt der gebrauch von gewalt nach Luther bei den späteren übersetzern noch zu: ir die auff dem gebirg Samaria wonet unnd gewalt

[Bd. 6, Sp. 4950]


mitt den armen treibet Dietenberger Amos 4, 1 (ir die vergewaltigen Eck; die ihr den dürfftigen gewalt thut Ulenberg. Piscator; ir do tht leid den gebrestigen Eggestein; tut zwancksal den dürftigen Koburger; und den durfftigen unrecht thut Luther; die die geringen bedrücken Kautzsch); daz sie gewalt thn Piscator Habakuk 1, 9 (gewaltthaten Kautzsch; raub Koburger; schaden thun, freveln Luther; rauben Dietenberger. Eck. Ulenberg). ähnlich Jesaias 53, 9 (Luther: unrecht thun). sprüche 28, 17; ich rufe über gewalt und verstörung Piscator Jeremias 20, 8 (vergewaltigung Kautzsch; verwüstung Eggestein. Koburger. Eck. Ulenberg; zerstörung Luther. Dietenberger).
3)) übereinstimmung im gebrauche zwischen Luther und den anderen übersetzern.
a)) in der wiedergabe von potestas waren oben die meisten belege für das vordringen von macht an die stelle von gewalt zu verzeichnen. trotzdem bleibt dem letzteren noch eine reihe von verwendungen gesichert. wo der begriff durch die beziehung auf einen bestimmten träger eingeengt erscheint, hält sich gewalt durchweg, und auch in den verbindungen mit einer zielbestimmung sind es mehr die festen formeln, die an macht anheimfallen. der allgemeine begriff wird in freier verwendung nicht leicht mehr durch gewalt gedeckt; ausnahmen bieten stellen, in denen das bedürfnis der variation entscheidet: über alle fürstenthum, gewalt, macht, herrschaft. Luther Epheser 1, 21 (furstentum und gewalt und kraft und herschaft cod. Tepl.; ähnlich Eggestein. Koburger u. a. principatum et potestatem et virtutem et dominationem; über alle herrschaft und macht und gewalt Kautzsch).
α)) erscheine, der du sitzest uber Cherubim. erwecke deine gewalt, der du fur Ephraim, Ben Jamin und Manasse bist, und kome uns zu hülffe. Luther psalm 80, 3 (erstee deinen gewalt Eggestein; erwecke deinen gewalt Koburger u. a.; excita potentiam tuam .. wecche dîna macht Notker; herr biete deine macht auf Kautzsch); und deine gewalt langet bis an der welt ende. Daniel 4, 19 (et potestas tua pervenit in terminos universae terrae; und dein gewalt Eggestein, ebenso Koburger; dessen macht bis an das ende der erde reicht Kautzsch); und die ehre deines königreichs rhmen und von deiner gewalt reden, das den menschenkindern deine gewalt kund werde, und die ehrliche pracht deines königreichs. psalm 145, 12 (potentiam tuam; di gewalt din. Trebnitzer psalmen; ebenso Eggestein. Koburger u. a. Kautzsch; nur Eck hat hier macht); das sie sich bekeren von der finsternis zu dem liecht, und von der gewalt des satans zu gott. apostelgeschichte 26, 17 (von dem gewalt Sathanas zu got cod. Tepl.; ebenso Eggestein. Koburger. Dietenberger. Eck; von der macht des satans Kautzsch; de potestate Satanae); dein rat stehet nicht in menschen gewalt. Tob. 3, 21 (dein rate der ist nit in dem gewalt dez menschen Eggestein u. a.; non est enim in hominis potestate consilium tuum).
β)) mir ist geben aller gewalt im himel. Luther Matth. 28, 18 (gewalt cod. Tepl. Beheim. Eggestein u. a.; alle gewalt Kautzsch); denn du hast gewalt, beide uber leben und uber tod. weisheit Salamonis 16, 13 (du bist es der do hast gewalt dez lebens und dez tods Eggestein. Koburger u. a.; du hast macht über leben und tod Kautzsch; ebenso schon Holländische staatenbibel); las deinem weibe nicht gewalt uber dich, das sie nicht dein herr werde. Sirach 9, 2 (nichten gib dem weib den gewalt deiner sel Eggestein. Koburger u. a.; überliefere dich nicht selbst deiner frau Kautzsch; ähnlich schon Piscator; non des mulieri potestatem animae tuae); halt dich von denen so gewalt haben zu tdten. 9, 14 (der do hat gewalt z derschlahen Eggestein; ebenso Koburger u. a. auch Kautzsch; ab homine potestatem habente).
b)) da die bedeutung von virtus, fortitudo in der älteren übersetzung nur durch kraft oder stärke gedeckt wird, so kann sich Luthers vorliebe für gewalt hier nirgends an die allgemeine überlieferung anlehnen.
c)) um so mehr parallelen findet Luthers neigung, vis, violentia durch gewalt wieder zu geben: der niemand etwas mit gewalt nimpt. Luther Hesekiel 18, 7 (per vim nihil rapuerit; nimpt nit durch gewalt Eggestein; ähnlich Koburger u. a.; keine erpressung verübt Kautzsch); auf das si di sachen der armen beugen, und gewalt uben im recht der elenden unter meinem volck. Jesaias 10, 2 (ähnlich Dietenbfrger. Eck u. a.; et vim facerent causae humilium populi mei; und tetten gewalt der sach der demtigen meins volckes Eggestein; ebenso

[Bd. 6, Sp. 4951]


Koburger). ebenso Sirach 20, 4 (hier auch bei Kautzsch gewalt), Jacobi 2, 6 (vergewaltigen bei Kautzsch), Hiob 22, 8. Hesekiel 18, 18; welche sie gelüstet, also treiben sie gewalt mit eins jedem hause und mit eins jedem erbe. Micha 2, 2 (violenter tulerunt et rapuerunt domos; haben sie geweltigklich genomen Eggestein; ähnlich Koburger; treiben sie gewalt Dietenberger; ähnlich Eck u. a.); bessert euer leben und wesen, das jr recht thut einesz gegen dem andern und den frembdlingen, waisen und widwen keine gewalt thut. Jeremias 7, 6 (non feceritis calumniam; tht nit gewalt den fremden Eggestein; ebenso Koburger u. a.; bei Kautzsch bedrücken). ebenso Hesekiel 22, 29; und wirst gewalt und unrecht leiden müssen dein leben lang, und niemand wird dir helffen. 5 Mos. 28, 29 (omnique tempore calumniam sustineas et opprimaris violentia; und wirst betruckt mit gewalt Eggestein. Koburger; Dietenberger u. a. wie Luther). in den gleichen zusammenhang greifen auch einige verwendungen ein, in denen die vorlage potestas aufweist: und wer sich viel gewalts anmasset, dem wird man gram. Sirach 20, 8 (qui potestatem sibi sumit injuste; der im nimpt den gewalt ze unrecht Eggestein u. a.); ir wisset, das die weltliche fürsten herrschen und die uberherren haben gewalt. Matth. 20, 25 (ausgabe von 1545; faren mit gewalt ausgabe von 1522; potestatem exercent in eos; uben den gewalt uber si Eggestein; ebenso Koburger u. a.).
β) das fortleben des wortes in den verschiedenen stilformen der sprache. die verkehrsform, wie sie sich in den abstufungen der umgangsprache darbietet, beschränkt sich mehr auf die erhaltung des besitzstandes, sie führt die meisten verwendungen und verbindungen fort, ohne sie aus eigener kraft weiter zu entwickeln. daneben nimmt sie einzelne verbindungen aus den fach- und standessprachen auf, die durch die fortschreitende verfeinerung der terminologie in die niederungen des sprachlebens abgedrängt werden. charakteristisch ist, in welchem grade die verbindung gottes gewalt davon betroffen ist. in der ärztlichen sprache wurde sie ganz auf die volksmedizin eingeschränkt (vgl. Höfler deutsches krankheitsnamenbuch 198b), während sie in der rechtsprache durch allgemeinere formen wie höhere gewalt ersetzt wurde vgl. unten III 1.
1)) hier in der rechtsprache bildet sowohl die wahrung des besitzstandes als die verschiebung der gebrauchsgrenzen bemerkenswerthe züge aus; der staatsrechtliche begriff der gewalt, der freilich für die ältere zeit der neuhochdeutschen periode mehr aus chroniken und litterarischen denkmälern bezeugt wird, als aus urkunden und rechtsquellen, hält sich im groszen und ganzen ungeschwächt. weniger in der allgemeineren fassung (herrschaft und gewalt) als in der einengung durch besondere verbindungen (gesetzgebende gewalt, vollziehende gewalt, amtsgewalt, dienstgewalt) lebt er weiter und greift durch übertragung über die rechtsphäre hinaus. eine empfindliche einbusze hat die privatrechtliche verwendung des wortes zu verzeichnen. in der parallele gewalt und besitz wird die trennungslinie wieder schärfer gezogen und gewalt dadurch auf die selteneren fälle eingeschränkt, in denen die einschränkung des begriffes auf die 'verfügung über etwas' hervorgehoben werden soll. die objectivierung und personificierung, die an diese seite von gewalt anknüpft, ist hier mit der zeit ganz untergegangen, mandatum wird durch vollmacht wiedergegeben, mandant und mandatar haben die zusammensetzungen gewaltgeber und gewalthaber an die stelle des einfachen wortes rücken lassen; in den einzelnen fällen haben sich die genaueren bezeichnungen mündel, client, dienstbote, anwalt u. a. festgesetzt, schon bei Estor 3, 1314 werden die älteren bezeichnungen nur noch aus veralteten rechtsquellen belegt, vgl. unter gewaltführer. dem gegenüber ist eine verhältnismäszige steigerung des gebrauches in der strafrechtlichen verwendung zu beobachten, der das vorschreiten der bedeutungen vis, violentia in erster linie zu gute kommt. so kennt Holtzendorff rechtslexikon 2, 156 neben den familien- oder hausgewalten aus neuerer zeit nur noch die bedeutung von vis, violentia und ein ähnliches ergebnis bieten die sachregister neuerer rechtsquellen.
2)) in die schöne litteratur findet gewalt für die ältere zeit der neuhochdeutschen periode wesentlich durch solche verwendungen eingang, die der umgangs- oder geschäftsprache angehören. noch bei Gellert z. b. ist von einem lebendigen gebrauch des wortes keine rede mehr, und auch der poetische aufschwung, den die sprache seit Klopstock nimmt, hat dem wort mehr die verbindung mit neuen adjectiven ermöglicht (ist warnung vielleicht die geheime gewalt, die mich fesselt. Messias 13, 355; ähnlich 16, 411). aber neues leben spiegelt sich bei Göthe und ebenso bei Schiller

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in den kühnen verbindungen mit subjectiven genetiven, die den bedeutungsgehalt erweitern und vertiefen (vgl. unter III); seiner augen gewalt; ich höre staunend die gewalt des mundes; unseres haders wild ausbrechende gewalt. hieraus zieht namentlich die parallele gewalt = kraft ihre nahrung, wie auch die neueren formen der personification an diesen poetischen gebrauch anknüpfen.
γ) in den wörterbüchern nimmt die aufzählung der vielen festen verbindungen, mit denen gewalt in der sprache des täglichen lebens wie in der geschäfts- und schriftsprache wurzel geschlagen hat, den breitesten raum ein. die begriffsbestimmung trägt durchaus nicht in allen fällen den beispielen, die aufgehäuft sind, rechnung, vielmehr sind die umfassenderen definitionen verhältniszmäszig selten.
1)) umfassende aufzählung: gewalt .. potestas, maiestas .. macht, krafft, potestas, dicio, facultas, potentatus; gewalt oder unrecht, violentia, violamen oder enterung, vel frevelkeit; gewalt, maisterspruch, auctoritas, dignitas. vocab. theut. (Nürnberg 1482) M 5; gewalt, potestas, vermügligkeit und gewalt, ansähen und herrschaft. Frisius 1027b; facultas, macht und gewalt und vermügenheit etwas ze thun. 539a; authoritas, gewalt, vermögen und ansähen. 148b; authoritas legatorum. ebenda; potentatus herrschaft und gewalt. 1027b; coercio, eine herrschung, gwalt oder ansähen, das einer gegen seinen underthonen hat. 240b; vis, gwalt oder ungestümigkeit. 1390a; gewalt, macht, potestas, vis, jus, recht, herrschaft; .. unrecht, unbilligkeit, vis, violentia, injuria. Emel silva (1592) O. 07; gewalt, macht, vermügen, potestas, potentia .. gewaltsamkeit, frevel, hochmut, unrecht, vis, violentia, vehementia, impetus, .. herrschung, regiment, dominium, principatus, imperium, autoritas, kompt her von walt, weltig, valens, validus, oder ἐλεῖν, valere, integris esse viribus. Henisch (1616) 1590; ghewald, gewald, potestas, potentia, vis, violentia, vehementia, impetus, auctoritas, imperium. Kilian (1639) K 4b. ähnlich, nur mit einfügung von efficacitas, mandatum, plenipotentia. Stieler (1691) 2426; gewalt, macht, stärke, unrecht, erlaubnis. N. Gürtler (Basel 1702) 2, 74; ebenso Spieser 151; gewalt, stärke, zwang, forza, violenza, vehemenza, impetu, force, violence, ... macht, vermögen, potere, potestà, potenza, autorità, commando, imperio, pouvoir, autorité, puissance, commandement. Rädlein (1711) 380b. 381a; gewalt, dominium, auctoritas, vis, potentia, potestas, imperium, unrecht, vis, injuria. Weismann (1715) 156. ähnlich Bayer 290a. Steinbach (1734) 2, 921; gewalt, pouvoir, puissance, autorité; gewalt, gewaltsamkeit, force, violence. Rondeau-Buxtorff (1740) 253; gewalt, pouvoir, puissance, autorité, droit, force, faculté, jurisdiction, disposition, violence, force, véhémence, impétuosité, oppression, tyrannie, dictature. nouveau dictionnaire allem. franç. (1762) 338; gewalt .. geweld, magt, overweldigung, onregt, ongelyk, vermogen, mogendheid. Weidenbach deutsch-holländ. wb. 436b.
2)) die begriffsentwicklung auf grund feststehender verbindungen führt zur einschränkung des bedeutungsumfanges: gewalt, wird in verschiedenem verstand genommen: einmal verstehet man darunter ein vermögen, etwas zu thun, welches sich entweder auf gewisse kräffte des leibes, der seelen und des glücks; oder auf ein gewisses recht gründet, dasz man dem andern was befehlen, und ihn daher zu etwas zwingen kan, daraus wir die redensart, in unserer gewalt stehen, nicht in unserer gewalt stehen, leicht verstehen können. es steht etwas in unserer gewalt, wenn wir durch den gebrauch unserer kräffte etwas thun, oder nicht thun, erhalten oder vermeiden können; und hingegen steht etwas nicht in unserer gewalt, wenn das zur ausführung einer sache nöthige vermögen fehlet, folglich was in unserer gewalt stehet, kan seine wircklichkeit erlangen, wenn wir die kräffte appliciren wollen. hernach verstehet man insonderheit dadurch den äusserlichen zwang, der entweder rechtmäszig, und sich auf ein gewisses recht gründet; oder unrechtmäszig, der ohne recht aus bosheit ausgeübet wird, welches die strafbare gewaltsamkeit. Walch philosophisches lexicon (1733) 1, 1309; gewalt, heist die macht, oder das vermögen, etwas auszurichten, entweder mit fug und recht, und so denn ist es eine rechtmäszige gewalt, lat. potestas, fr. pouvoir oder puissance, oder ohne recht und aus muthwillen, und alsdenn ist es eine straffbare gewaltsamkeit oder gewaltthätigkeit, lat. vis oder violentia, welchen falls man befugt ist, gewalt mit gewalt, wenn und so gut man kan, abzutreiben. diese letztere aber wird wiederum in die öffentliche und heimliche, vim publicam et privatam eingetheilet. Chomel oec. u. physical. lex. (1751) 4, 1040; die gewalt. vgl.

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auch Estor 3, 134. Voigtel versuch eines handwörterbuches (1794) 2, 79. Krug philosophisches lexicon (1833) 2, 260.
3)) abgrenzung gegen synonyma. beachtung verdient, dasz in den gemmae gemmarum seit 1512 macht an stelle von gewalt vorrückt. noch 1508 ist für potestas, jurisdictio etc. gewalt eingeführt, 1512 tritt dafür macht ein. ebenso 1513.
a)) gegen macht und kraft: die macht ist eigentlich ein vermögen, etwas zu thun, oder zu wirken, doch das vermögen kann theils physikalisch, theils auch moralisch und politisch sein .. die gewalt wird zwar bisweilen auch von der macht gesaget: als wenn man saget, ein könig habe die höchste gewalt in seinem lande, oder die gewalt, gesetze zu geben .. er thut mir gewalt an .. die kraft ist eine wirkliche bemühung zu wirken wie die weltweisen lehren. gott erhält durch seine unendliche kraft die welt. die kräfte der natur nehmen nicht ab .. mit allen seinen kräften nach etwas trachten. Gottsched beobachtungen über den gebrauch und misbrauch vieler deutscher wörter (1758) 180 ff.; vermögen, kraft, stärke, macht, gewalt. alle diese wörter, zeigen eine gewisse beschaffenheit an, wodurch man etwas zu thun, oder zu verrichten in den stand gesetzet wird. das vermögen, bestehet blos in einer solchen einrichtung der eigenschaften eines dinges, wodurch es zu gewissen wirkungen tüchtig wird. oder es ist eine möglichkeit etwas zu thun. die kraft, bestehet in einer fähigkeit oder bemühung, das vermögen zu gebrauchen und anzuwenden. die stärke, ist eine grössere kraft. die macht, beruhet auf der freiheit, welche wir haben, unser vermögen, kraft oder stärke zu gebrauchen. die gewalt, kommt von einer überlegenheit der stärke her. Stosch bestimmung einiger gleichbedeutender wörter (1777) 1, 430 ff.
b)) abgrenzung gegen macht allein: die macht eignet uns ein gewisses recht zu, eine sache zu thun, man erlanget die gewalt durch eine überlegenheit der stärke, es sei nun, dasz wir solche stärke von uns selber haben, oder sie mit hülfe anderer bekommen. jemand gewalt thun heisst, blos nach der überlegenheit der stärke, mit ihm verfahren, ohne darauf zu sehen, ob es recht und billig sei. die gewalt bringet eine herrschaft zuwege. fürsten und obrigkeiten, haben die gewalt in händen, aber sie müssen dieselbige allezeit nach den regeln der gerechtigkeit und billigkeit brauchen. Stosch bestimmung einiger gleichbedeutender wörter (1777) 1, 430 ff.; die macht ist das vermögen, das jemandem seine kräfte geben, um das auszurichten, was er beschlossen hat; die gewalt, das vermögen mit dieser macht allen widerstand zu überwinden, der sich seinem willen entgegen setzen könnte, also die freiheit über etwas zu disponieren, indem man die macht anwendet, das was man will, zu erzwingen. Eberhard versuch einer allgemeinen deutschen synonymik 3 (1798) 282. im gegensatze zu anderen begriffsbestimmungen, die eben so wenig aus der geschichtlichen betrachtung entwickelt sind, hat dieser versuch Eberhards, die widerstrebenden verwendungen des wortes unter einem allgemeineren begriff zu vereinigen, ausnahmsweise das richtige getroffen. gewalt und macht stehen sich von anfang an darin gegenüber, dasz bei gewalt immer ein verhältnis mit gedacht wird, in dem die kräfte des trägers der gewalt an anderen kräften gemessen werden; bei macht dagegen ist ein solches heraustreten des begriffes aus der sphäre des jeweiligen subjectes nicht geboten.
4)) unvollständige aufzählungen des bedeutungsgehaltes pflegen meist einer ausprägung der begriffe vis, virtus, violentia zu ermangeln, die ihrerseits oft in den mit aufgeführten festen verbindungen um so deutlicher zum ausdruck kommen oderin zweitheiligen wörterbüchernin demjenigen theile aufgeführt werden, der die fremdsprachlichen termini verdeutscht. so haben Kirsch, Calepinus u. a. den begriff der gewaltthätigkeit nur im lateinisch-deutschen theile ausgeprägt (s. vis, violentia), ebenso das nouveau dictionaire, das ihn im franz.-deutschen theile unter violence bucht.
a)) vereinzelt bleibt dieser theil der begriffsbestimmung in ansätzen stecken: gewalt, potestas, autoritas, dictio, potentia. gewalt des rechtens, gewalt des gebiets, jurisdictio, id est potestas judicandi, gewalt der uberwindung, gewalt der zwingung, potentatus, id est potestas vincendi et ejiciendi. vocabular. optimus (Lotter 1504); potestas, gewalt, vermügligkeit. Dasypodius (1537) 191a. vis ... aliquando gewalt, ungestüme. ebenda 261c. vgl. DWB gewalt oder gerechtigkeit gericht zu halten, jurisdictio. 341a; gewalt, pouvoir, puissance .. force. Hulsius (1596) G 2a. die gewalt, macht, das vermögen power, might, authority, dominion, sway, force, right, faculty etc. Ebers 644.

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b)) der begriff der violentia bleibt ganz unberücksichtigt. meist giebt hier das staatsrechtliche moment für die begriffsbestimmung den ausschlag: gewalt, potestas, autoritas, dictio i. potentia. vocab. incipiens teut.; gewalt (der) unnd ansähen, potentia, authoritas, potestas; gewalt und macht copia. gewalt oder gerächtigkeit, recht unnd gericht ze halten, jurisdictio. Maaler (1561) 178c; gewalt, authoritas, ansehen, gewalt, wirdigkeit. Calepinus (1570) 150b; potentia, macht und gewalt, vermögenheit. ebenda 1182b; gewalt (die), macht, herrschafft, autorität, power, authority, might, dominion, sway. teutsch-engl. wb. (1716) 768; gewalt, vis, potentia, herrschaft, potestas, dominatio, dominatus. Kirsch cornucop. (1764) 179b; ähnlich (etwas kürzer) Frisch (1741) 2, 420b.
5)) bedeutungen, die in der entwicklungsgeschichte des wortes nur vorübergehende oder bedingte geltung gewinnen, erfreuen sich in einzelnen wörterbüchern einer beachtung, die das sonstige verhältnis verschiebt.
a)) der aus der verbindung mit zielbestimmungen entwickelte begriff der erlaubnis wird besonders hervorgehoben: gewalt, macht, potestas, potentia; erlaubnusz, copia, licentia. potestas, potentia. Spieser (Basel 1700) 1511; gewalt m. macht, le pouvoir, la puissance, potestas, erlaubnis, le pouvoir, la permission, venia. nouveau dictionaire du voyageur (1703) 144. 145. ebenso Bayer (1733). zu beiden vgl. auch unter b)); gewalt, erlaubnis, la permission, venia. Veneroni (1766) 74.
b)) die bedeutungsgemeinschaft mit kraft, stärke wird gepflegt: gewalt, stärcke, la force, potentia, vis. nouveau dictionaire du voyageur 144b. Bayer 290a; gewalt, kräfften, potentia, vires. Aler (Köln 1727) 934a; gewalt, stärke, la force, vis, la forza. Veneroni 74b; gewalt s. DWB kraft. Chomel 4, 1040. hierher müssen auch die meisten mundartlichen wörterbücher gerechnet werden, die in den verbindungen oder redensarten, die sie anführen (mit gewalt, gewaltsmensch, gewaltskerl u. a.) vorwiegend auf die berührung von gewalt und kraft zielen, vgl. gewalds swin. Woeste wb. der westphäl. mundart 37 u. a.; gewaltsmensch, eine grosze starke weibsperson. Schmidt schwäb. wb. 515; e g'waltskärli. Seiler Basler mundart 157. vgl. Schmeller 22, 909.
b) überblick über die bedeutungen, die über den rahmen der einzelnen wortverbindungen (vgl. theil III) hinausreichen.
α) die bedeutung von potestas, berührung mit macht.
1)) die allgemeinste fassung des begriffes hat in der neueren sprachevor allem in der poesieihr gebiet ausgebreitet:

wer gwalt hatt der hat angst und nott,
vil sint durch gwalt geschlagen dott,
den gwalt man nit langzit behalt,
den man msz schirmen mitt gewalt.
Sebastian Brant narrenschiff 37, 15 u. ö.;

sie mein knecht der ist glert und weisz,
er scheust vor mir auff wie ein reisz,
gott ist er von natur und gwalt,
im fleisch gieng er in knechtes gestalt.
Mathesius teichenreden 63;

kein grösser gewalt auff erden, dann der mund. Henisch 1592.
a))

da gewalt und macht den vortantz hat,
das recht gar weit dahinden gaht.
Kirchhof wendunmuth 53a;

nimm darnach war, wie weisz der sein msz der alle dise geschaffne ding ordenet, regieret, richtet ... gegen des macht aller gewalt ist, wie ein spinnen wepp, dem nitt verborgen bleibet, denn er ist ein durchseher der hertzen. Geiler v. Keisersberg seelenparadisz (1503) 4b;

magnae potestati sunt juncta pericula magna,
qui moderatorem se cupit esse, furit.
'grosz gwalt und macht vil unrh hat,
gefährlicheit, unttrewen rath.
der ist ein thor, dem herrschafft liebt,
ein grosser herr, der tugent übt'. Franeisci Petrarche zwei trostbücher (1559) 88a;

mein gott und herr ich dancke dir,
das du dein gnad erzeigest mir,
in all meim leben bisz in todt,
errettet hast ausz alles noht,
und mich begabt mit gwalt und macht,
mit haab und gut ohn allen pracht.
J. Frischlin (frau Wendelgard 1, 1) 12;

viel seind deren die an gewalt und macht grosse riesen, unnd an weiszheit pasteten mänlin seind. Lehmann florilegium 307; man kann überall in der welt und in allen verhältnissen nur durch macht und gewalt etwas durchsetzen. Frauenstädt Schopenhauer-lexikon 1, 288.
b))

pfenning, nid, früntschafft, gwalt und gunst
zerbrechen ietz recht, brieff, und kunst.
S. Brant narrenschiff 46, 61;

alle dinck is underdan dem gelde;
de gelt hefft, kricht ock wol gewelde.
Brandes jüngere glosse zum Reineke d. V. 145;

[Bd. 6, Sp. 4955]



die thorheit hat ein grosz gezelt,
bei ihr sich lagert alle welt,
voraus was hat gewalt und geld.
Petri der Teutschen weisheit bei
Hoffmann spenden 1, 16;

geld, gewalt und herrengunst,
bricht ehr, recht und alle kunst.
Lehmann florilegium 1, 56;

gwalt, gunst und gellt
den bracht behelt
ietzund uff disser erden.
Herman Franck der binder, bei
Wackernagel das deutsche kirchenlied 2, 1079b;

wann eim traumt, wie er lautern wein, oder wein mit wasser gemischt trinke, derselbe wird geld und gewalt bekommen, nachdem er viel getruncken. traumbuch cap. 185, anhang zu Colerus hausbuch (1656); ist er von solchen trincken truncken worden so wird er geld mit gewalt gewinnen, auch einen sehr hohen stand, nach dem er sehr truncken gewesen. ebenda;

geld und gewalt, gewalt und geld,
daran kann man sich freuen,
gerecht- und ungerechtigkeit
das sind nur lumpereien.
Göthe (zahme xenien) 56, 111.


c)) derhalben kan kain mensch von sich selbs die ewsserlich und innerlich kewschhait globen, dann sie kompt von oben herab, und wiewol sie von oben herab kompt, ist es doch unmuglich, auch unvernunftig, sich ewig darein zu globen, dann soliche kewschhait ist ain gab gottes, wie andere gaben, als weishait, kunst, gewalt, reichtumb. Thomas Zweifel (Rotenburg an der Tauber im bürgerkriege 29) bei Baumann quellen 2;

hie sol ein man petrachten,
wo er hat etlich gottes gab,
das er kein thu verachten,
der gleich der seinen gab nit hab,
es sei gwalt, reichtm oder kunst.
H. Sachs (der pfau mit dem kranich) fabeln und schwänke (neudruck) 3, 184;

alsz ihr gar viel unnd wol betrachten, dasz der mensch sein glück und geschickligkeit hab von dem gestirn, also, das einer mehr auffwechst dan der ander: einer in künsten, der ander in reichthumb, der dritt in gewalt, unnd dergleichen. Paracelsus (1591) 1, 16; wann einem traumt, wie er wein mit rosinen zugericht trincke, und davon truncken werde, so wird er von einem weibe reichthumb und gewalt, mit furcht vermischt uberkommen. traumbuch cap. 185, anhang zu Colerus hauszbuch (1656).
d)) was sol gewalt on gots forcht und kunst der heiligen geschrifft? Judas Nazarei vom alten und neuen gott 62 neudruck; wann einem traumt, wie er most in einem gefäsz trage, so wird er reichthumb, doch ohne gewalt erlangen. dann von most wird keiner truncken. traumbuch cap. 185, anhang zu Colerus hauszbuch (1656); die gemachten träncke aber haben deszhalben die deutung der arbeit und beschwerung, weil sie mit dem feuer gesotten werden, auch bedeuten sie gewalt ohne tadel. ebenda.
e))

unbedacht ist bei gewalt; wer gewalt hat, pflegt zu dencken,
nachwelt musz ihm alles frech gar vergessen oder schencken.
Logau 1. zugabe 87;

steht die gewalt bei einem, so ist die menge unterwürfig, ist die gewalt bei der menge, so steht der einzelne im nachtheil. Göthe 6, 96;

der tyrann
des landes ist gefallen, wir erdulden
keine gewalt mehr, wir sind freie menschen.
Schiller (Tell 4. 3) 560b;

ich bin grundsätzlich kein freund der gewalt, ich halte die gewalt an und für sich nicht für sittlich, mag sie als stehendes heer organisirt sein, mag sie als revolution ungeordnet auftreten. die gewalt bekommt ihren sittlichen werth nur durch den inhalt desjenigen, wofür sie verwendet wird. ber. d. Frankf. nat. vers. 4, 2663; eben so kommt hierbei nicht dasjenige recht des volkes in betracht, welches wir demselben aus dem besitze der gewalt vindicirten und stets vindiciren werden; denn von diesem durchaus politischen standpunkte aus dürften wir nur kurz sagen: das volk hatte im märz das recht, das prinzen-palais für nationaleigenthum zu erklären, weil es die gewalt dazu hatte. Locomotive, zeitung für die politische bildung des volkes. Berlin 1. januar 1849.
f))

ihr mattes hertz verlangen trug, ihn bald
zu sehen, weil sie nun schier fühlte die gewalt
welch' alles sterben macht; er kam mit furcht beladen.
Rist Parn. 646;

[Bd. 6, Sp. 4956]


da die würde ein ausdruck des widerstandes ist, den der selbstständige geist dem naturtriebe leistet, dieser also als eine gewalt musz angesehen werden, welche widerstand nöthig macht, so ist sie da, wo keine solche gewalt zu bekämpfen ist, lächerlich, und, wo keine mehr zu bekämpfen sein sollte, verächtlich. Schiller (über anmuth und würde) 1157a.
g)) herumb hastu ein namen grosser dan Hercules name, o du seliger deutscher, dweil dich innen hatt das edel haus von Beiern, kein gewalt mag dich nummermehr geletzen. M. v. Kemnat chronik Friedrichs I., quellen z. bair. u. deutsch. gesch. 2, 23; und wider den felsz sol nicht vermügen irgent ein gewalt, auch nicht pforten der hellen. Luther ein christlicher sermon, von gewalt sand Peters A 2a;

du mst mit mir es darff nit wort
dann ich gantz niemant übersich
er sig grosz, klein, arm oder rich
deszglich bapst, keiser, fürsten, herren
mögend sich mins zorns nit erweeren.
da hilfft kein gwalt, da hilfft kein gunst
da hilfft kein wiszheit noch kein kunst. spiel vom reichen mann und armen Lazarus von 1529, vgl.
Bächtold s. 75, vgl.
Stumpf (1548) 2, 164;

Shakespeare zeigt ihm (dem leser) gleichsam das buch der vorsehung, und die entzückte, prophetische seele, über den zusammenhang der begebenheiten hinausgesetzt, wird gedrungen, diesen (den erfolg), als den einzigen zu erkennen — welche gewalt könnte, wenn die ursachen bleiben, den erfolg hindern! — ist dies nicht gebrauch der geschichte und novelle gnug? Herder werke 5, 243; nein, da ist keine gewalt auf erden, die sie zwingen könnte. Gotter (1802) 3, 91; keine gewalt ist hinreichend, meinen willen zu beugen. Tieck Don Quixote 2, 187.
h))

gewalt ist wie ein kind; wo nicht verstand sie leitet,
so stürtzet sie sich selbs, weil sie zu frevlich schreitet.
Logau 2, 8, 15;

denkst du, die pflicht soll sich scheuen zu reden, wenn sich die gewalt vor der schmeichelei bükt? Wieland Shakespeare 1, 138 (könig Lear 1, 2);

von allem glanze jener hoffnung mich
auf ewig trennen! das vermag ich nicht!
o fasse mich, gewalt, mit ehrnen fäusten;
geschick, du blindes, reisze mich hinweg.
Göthe (natürliche tochter 5, 6) 9, 371;

ja wenn, was einem schön und löblich dünkt,
auch jedem andern schön und löblich dünkte,
kein streit noch zwist entzweite dann die welt!
so aber sind's die nahmen nur, worüber
man sich versteht; in sachen denkt man anders.
sieh .. in der erde tiefen taucht' ich unter,
die höchste der göttinnen, die gewalt,
mir zu erringen! mutter, und diesz gut
sollt' ich in andern händen lieber sehn,
als in den meinlgen? und wie
erniedrigend für mich, wenn dieser da
mit feu'r und schwert, was er nur will, von mir
ertrotzen könnte.
Schiller (die Phönizierinnen 2, 4) 6, 142;

bunt gemengt aus manchen stoffen
ist das roherz der gewalt,
kaum der brand von zehen reichen
gnügt, die mischung auszugleichen,
die im tiegel kocht und wallt.
Grillparzer (der traum, ein leben 4) 5, 243;

doch räthsel geben ziemt nur der gewalt,
die räthsel lösen eignet dem gehorsam. (Libussa 3) 6, 200.


2)) der staatsrechtliche begriff. gewalt soll güetig sein. Henisch 1592 (vgl. oben sp. 4920. 21); gewalt auff erden so hoch nie kam, der nicht ein end mit trawren nam. Lehmann florilegium 307; je höher gewalt, je höher abfall. Henisch 1592; kein gewalt bleibt fest. ebenda.
a)) das vierde und das mehtigeste rich ving ane zu Rome, do es ouch noch ist und bliben sol untz an den jungesten dag, noch dem nammen z nemene und nüt noch dem gewalte oder geslehte. Königshofen, d. städtechroniken 8, 317; und die von Friburg noment zu an gewalde und die groven abe. 317 Schilter; denn das schwert und die gewalt, als ein sonderlicher gottesdienst, gebührt den christen zu eigen für allen andern auf erden. Luther ordnung eines gemeinen kastens (1523) 22, 77 Erl.; dann Appius Claudius begundt sich gantz zuverkeren inn übermt unnd hoffart, das thatten auch die andern neün, dann sie sich des gewalts zvil überhben. Livius (Straszburg 1562) 42b; laszt euch niemandt verfüren, folgend gtem rath, so werden jhr gunst von den göttern und menschen erlangen, unnd die statt Rhom wider z allen ehren und gewalt, darinn sie ie vor gewesen, kürtzlich bringen.

[Bd. 6, Sp. 4957]


54b; dann die herrligkeit des Römischen reichs sich weitter erstreckt, und auch über den Rhein hinüber griffen hat, und damit die reverentz und den gewalt über die alten grentzen oder marckstein hinaus erweittert. Micyllus Tacitus (Germ.) 446b;

jetzt lieg ich da ohn allen sinn,
hab weder macht noch gwalte,
und ob ich schon ein herzog bin
traurig in tods gstalte.
Opel und
Cohn lieder auf den dreiszigjährigen krieg 348;

wie ich dan den gottsehligen herrn sich dessen selber habe hören rühmen, sagendt, er wüsste wohl, dass, ob er gleich an macht undt gewaldt dem könige in Franckreich undt Engelandt nicht gleich wehre, so übertreffe er sie doch in diesem stück, dass er ... sicher reisen ... kunte. Detlev v. Ahlefeldt memoiren s. 16; von Pipin Heristalls zeiten hatten die Austrasischen majores domus, die schon principes et duces Francorum waren, aussicht zur krone; es kostete aber, so völlige könige sie an amt und gewalt waren, mit dem namen etwas mühe. Herder (wie die deutschen bischöfe landstände wurden) 5, 687;

könig. in alle dem zum reichsgehilfen nenn ich —
tritt vor, Bancbanus! — hier! — ernenn' ich dich!
sei du ihr aug und ohr, sei hand und arm,
sie wird der geist sein, der durch dich gebietet.
Bancbanus. ach herr, bedenkt .. ich bin ein schwacher mann.
könig. so minder wohl verlockt dich die gewalt.
Grillparzer (ein treuer diener 1) 65, 170.


b)) herumb sehet uff die ding, das kein ander keiser, konig oder furst in Deutschlande und in euwern gewalt und furstenthum nit niste oder betzwinge. M. v. Kemnat chronik Friedrichs I. 96; ich bins gewisz, das weder tod noch leben, noch engel, noch fürstenthum, noch gewalt ..... mag uns scheiden von der liebe gottes. Johann Eberlin v. Günzburg (wider die schänder der creaturen gottes) 2, 6 neudruck; es ist in allen historien von anfang der welt zu sehen, und zu finden, wie ein unsaglicher groszer gewalt das reich des teufels sei. Justus Jonas apologia der confession verdeutscht (1536) bei Luther 6, 384b;

dast khummen seist ist unns wissen,
unnd khünftig werden vest glauben,
darumb beschirmb, durchleuchtiger,
dein reich unnd gwalt vill mächtiger. hymnarius bei
Wackernagel das deutsche kirchentied 2, 1110b

(vgl. dazu die verbindungen mit dem possessivpronomen unter III); als aber die Behem unbillich daucht, das ein solcher mechtiger gwalt durch ein weibsbild solt gregiert werden, da sprach Libussa in einer grossen versamlung und menig ires volcks. S. Münster cosmographie (1537) C 2b; Franciscus ist gleich den seraphim, mag auch durch sie und jre figuren bedeut und figuriert werden, durch alle chür der engel, der cherubim, der thron, herrschafften, der krefften, der gewalt, furstenthumen, der ertzengel etc. es figuriert alles Franciscen. Erasmus Alberus der barfusser mönche Eulenspiegel und alkoran B 3a; so würde solch ein beständige justitia, darauff alle königreiche, gewalt und herrschafften gegründet, im h. röm. reich nit mehr zu finden sein. ob der kaiserliche hoffrath ... bei Londorp 1, 14b; der district oder die gewalt, wo jemand zu gebiethen hat. Voigtel versuch eines neuhochd. handwb. (1794) 2, 79.
c))

dan unserm got nichts zu vergleichen,
und aller menschen macht musz seinem dunder weichen,
für ihm der herren stoltz vergebet wie ein dunst,
für ihm wird ir gewalt selbs dem gewalt beschwerlich,
so ist der fürsten zorn für seinem zorn umbsunst,
sein ruhm ist unvermehrlich.
Weckherlin gedichte 1, 306 (psalm 93, 5);

dann die auff der höchsten spitze stehen, die stehen nicht satt, es wird jhnen nichts meher, dann dasz sie wie im spil der faulen brucken, einmal die händ zusammen schlagen unnd jauchtzen, unnd alsdan wider herab springen, rutschen unnd bürtzeln: ja wann sie sich nit recht vortheilhafftig inn die wag stellen, darff sie die spitze des gewalts durchtringen unnd umbringen. Fischart Gargant. 314 neudruck;

wohlan, so sei der ring sogleich gebildet.
man pflanze auf die schwerter der gewalt.
Schiller (Tell 2, 2) 14, 323;

ich kam herein, als eine bittende,
das heil'ge gastrecht fodernd, in den arm
der blutsverwandten königin mich werfend —
und so ergriff mich die gewalt, bereitete
mir ketten, wo ich schutz gehofft —. (Maria Stuart 1, 7) 12, 438;

[Bd. 6, Sp. 4958]


Nebucad Nezar, vor dem die erde sich krümmt, und dem macht und herrschaft gegeben ist vom aufgang bis zum niedergang, entbietet seinem feldhauptmann Holofernes den grusz der gewalt. Hebbel (Judith) 1, 13; wir kannten weder die schöne griechischer götterbilder, noch andererseits jenes Cäsarische wesen, in dem bilde des jemaligen herrschers der aufstrebenden jugend ein drohendes symbol der gewalt entgegen zu halten. Th. Storm (der amtschirurgus) 3, 134.
d)) sü sattent ouch 4 meister noch der alten gewonheit und einen ammanmeister, der ein houbet solte sin der antwerke und des eit solt vor allen eiden gon, daz vormals ungewonlich waz ... sus kam der gewalt us der herren hant an die antwerke, daz doch den antwerken ein gros notdurft waz, wand die herren begingent groszen gewalt an in. Closener, d. städtechroniken (Straszburg) 8, 123; da er sich aber in sattel geschwungen (d. h. abt geworden war), und den gaul bei dem zaum erwüschet hette, gab jm die gewalt einen muht, unnd truge sein haupt auffgerichtet denn ein hinde. Kirchhof wendunmuth 394b; für den menschen soll E. K. F. G. also sich halten: nämlich der oberkeit, als ein kurfürst, gehorsam sein .. und ja nicht wehren noch widersetzen, noch widersatz oder irgend ein hindernisz begehren, der gewalt, so sie mich fahen oder tödten will. denn die gewalt soll niemand brechen noch widerstehen, denn alleine der, der sie eingesetzt hat; sonst ists empörung, und wider gott. Luther an kurfürst Friedrich (5. märz 1522) 2, 140 de Wette; selig were aber der, der desz gewalts ist (ich meine die oberkeit). Paracelsus chirurg. schr. 1, 303; gerere potestatem am gewalt oder regiment sitzen, ein oberkeit verwalten. Rimelius 1590; so verordene unnd will ich, das Lobkund uber alle vitzthom pfleger, verwalter, schösser und amptleut ein .. landshauptman und oberhaupt, mit genugsamer dazu erheischter authoritet verwaret seie: und mit dem königlichen kind so lang zu gewalt und rhat sitz, bisz er das reich für sich selber zu regiren sich teuglich befind. Fischart Gargantua 432 neudruck; wellichen ainem sein hausz aufstost, hader oder zank anfieng, fenster einwurf und schaden thete, solle strakts in ein gefenknusz geworfen werden und dem herrn der gewalt haimbgesetzt. bannteiding von Neuberg (16. jahrh.), österr. weisth. 6, 131; immer war er gelassen, führte seine geschäfte mit festigkeit durch, ohne sich auf die gewalt zu berufen und als regierungsperson zu brüsten. G. Keller (der grüne Heinrich) 1, 380; (ich) habe gleichwohl erkundet, dasz die räte und bürger, die zweihundert und das volk auf der landschaft in groszer mehrheit einig gehen und die gewalt bei ihnen ist nach wie vor. Züricher novellen 363; zu herrschaft und gewalt, zu geld und besitz führen viele wege, zur erkenntnisz des guten und bösen nur der eine, den die schlange zeigt. Hebbel (charakteristiken) 4, 80.
e))

wer ein gwalt uff erden treit
der si zu gttem bispil bereit.
Thomas Murner narrenbeschwörung 168 (53, 27 neudruck);

vil besser hettens vor bsunnen
das aller gwalt von gott allein.
Wolfgang Schmeltzel Samuel und Saul (Wiener neudrucke 5, 15);

wen aller gewalt der kumpt darumb,
dz man straffen sollt ...
was übel ist gethane.
Hermann Franck bei
Wackernagel das deutsche kirchenlied 2, 1075b;

darumb ist disem unsern geben der gewalt (tradita est provinzia) Terenzübersetzung von 1490 80a; vgl. DWB gewalt geben unter III;

weil du nun alt und schwachheit vol
wie sie dann sehen, wissen wol.
gwalt regiment habst ubergebn
dein sün, die fürn ein böses lebn
verkhern das recht und nemmen gab
von deinem weg gantz fallen ab
drumb sie begern und haben wölln
solst jn ein andern künig stelln.
Wolfgang Schmeltzel Samuel und Saul (Wiener neudrucke 5, 15);

allen gewalt, den kunig Fridrich doran hatte, was schatzes und gtz und brieff er z Wien in dem huse und vesten hatte, wart als genomen von sime gewalt. Erhard v. Appenwiler, Basler chroniken 4, 309;

was meszt jhr euch z den gewalt
der euch gar nicht ist z gestalt.
Fischart flöhhatz 1025 neudruck.

[Bd. 6, Sp. 4959]



f)) ich törst alle mine heimlicheit entdecken; vor dem einem verbüt es der gwalt, vor dem andern verdrüst mich des geschichtz dz ich nit' ungeschickt noch stützig gesehenn wurd. Terenz (1499) 86b (heautont. 4);

wie kumpts das dir allzit nit gfalt
was ich hie radten und der gwalt. tragödie Johannis des täuffers (1549) F 7a;

auff die laster acht haben, gebürt allein den priestern, auff das nit der gewalt, sonder gott durch die priester die laster und übelthat straffen. S. Münster cosmographie B 4b; das der gewalt sölichs nit welte noch sölte lassen liggen. U. Zwingli von der freiheit der speisen 4 neudruck; wölche der gewalt widerstreben, die werden ain gericht sich uberkommen. Luther wider die mordischen und reubischen rotten der bawren Ab; so doch gott wil die gewalt gefürcht und geehret haben, ob sie gleich heidenisch were und eitel unrecht thete. vermanung an die bawerschafft 3, 108a; er glaubt nit, das er (Jesus) ein herr sei der feindt; wenn er beleidigt wirt oder feindt hat, so lauffens z dem gewalt, der sie verhüte. predigten (1523) 12, 459; dan wiewol derselbich lanzknecht, genant Niclas vann Han uis der Sclesen, van dem tag an, er gesclagen war, 4 ganser wechen uff der strassen gink und minen swager vur der gewalt beclagete, ... so wart er doch nach 4 wochen eirst krank. buch Weinsberg 2, 28; a. 1526 im vurs. rumor hat sich Henrich Lutzekirchen kufferscleger ... auch under die rumorischen ingelaissen, weiters als im gezimt hat, darumb sollt er auch angetast werden und wart zu Cronenberch gesocht von der gewalt, aber nit fonden. 1, 47;

der glaub hat allweg so gestanden,
das er nichts gilt inn allen landen,
und sonderlich bei der gewalt
da hat der glaub schier kein gestalt.
Erasmus Alberus Esop 34 neudruck;

nach dem der frumm Caspar Tawber, die christlich freihait offt und vil, mit worten und wercken, als ein rechter christ bei den widerchristen erzaigt und verfochten hat, ist er von dem widertail dem gewalt ubergeben ... worden. ein warhafft geschicht, wie Caspar Tawber bürger zu Wiene etc. (1524) B 2a.
g))

jm (dem päpstlichen reich) aller gewalt gar under liegen
demtiglich sein knie musz biegen,
B. Waldis das päpstisch reich A 1b;

ein yglicher gewalt hat sich von des teufels banden tzureyssen, durch erkantnusz unszer grewlichen szunden. Hartmuth v. Cronberg 59 neudruck; gewalt, regum apices. Maaler 178b; ebenso Frisius 104a; gewalt m. consul, der oberste gewalt zu Rom. Pinicianus bl. 15; da er dem volck die ursach öffnet, legeten sie grosz gebet an den obern gewalt umb genad den hirten zu erwerben. Pauli schimpf und ernst 106a (1563); tribuni militares, sive tribuni militum. oberster gwalt z Rom auff ein mal. sunst schirmherrn der kriegsleuten, sunderlich wider den unbill desz vldherrens. Frisius 1328b; ebenso Rihelius (vgl. die wortverbindung oberster gewalt, oberste gewalt unter III); da durch disze zeit aus der massen ferlich ist, mussen wir gar weislich handlen, und ihe zusehen, das wir die ubirkeit und gewalt in allen ehren haben. Luther (sermon vom bann 1520) 6, 72; da nun die Römer durch jr hohe vernunfft ... wol erkennen kondten, das jr stand und wesen nit langwärig sein möcht, wo sie nit under jnen ordentlich gewalt und oberkeit hetten, ... erdachten sie ein mittel. Livius (Straszburg 1562) 22a; und wurden burgermeister und zunfftmeister, und alle andere ämpter und gewalt abgethon. 42a; so were noth, das man einigen hauptmann und gewalt mcht .. 27a; aber heimlich hett er den anschlag, so andere gewalt z Rom abgethon wrden, das er etlicher der reichsten gter under die gemein theilen, und des ursach erdichten wolte .. 49a;

und so entkleid' ich denn, mit deinem urlaub,
mich all' der würden, ämter und gewalt,
die deine huld an deinen knecht verschwendet.
Grillparzer (ein treuer diener 5) 65, 253.


3)) in privatrechtlichen beziehungen steht die bedeutung von gewalt im allgemeinen unter dem einflusz der wortverbindungen, in denen der träger des begriffes oder die zielbestimmung gekennzeichnet wird. vielfach liegen hier auch staatsrechtliche befugnisse zu grunde, die aber in ihrer beziehung auf bestimmte träger privatrechtlichen charakter annehmen. die neuere sprache zeigt hier die meisten einbuszen.
a)) von vornherein beschränkt ist die verwendung in der bedeutung 'auftrag, gerechtsame, privilegium', vgl. oben sp. 4935. wo sich diese bedeutung von den verbindungen loslöst, denen sie

[Bd. 6, Sp. 4960]


entstammt, prägt sie meist die allgemeinste fassung aus. in einzelnen fällen nimmt sie jedoch von unterdrückten ausführungsbestimmungen eine engere bedeutung mit.
α)) dasz wir und all unser erben und nachkommen noch niemand von unsert wegen, von keiner sach wegen, in keinem gewalt, keinen einfall .. daran thun sollen. urkunde von Abensperg (1399), Hund 2, 225; sölicher gewalt sich nit weiter erstrecken sol, den z ere dem fürsten und nütz dem land. wo ein amptmann die burger schinden tede on schuld, oder die gütter im selber z eigen machen wölt, oder dz land einem seiner findt übergeben, wil nit glauben, daz der fürst sölichs gestattet, oder der massen den gewalt im verlichen hab. Karsthans 174 Kurz; und so der (träm oder balken) alt wrd, oder verwesz, und wolte eigens gewalts ... andere trm und balcken auszwechseln ... das hat er nicht macht. Fronsperger bau-ordnung (1567) 22a; derhalben soll sich kainer underwinden, darvon aignes gewalts was einzefahen, ze hülzen, ze pauen. landrecht vor Wartenfels (1585), österr. weisth. 1, 161; als gebieten wir dir, krafft unsers von gott dem allmächtigen habenden gewalts, dasz du ... allhier zu Jerusalem vor uns ... erscheinest. Jac. Ayrer proc. 144; wir Christian fürst zu Anhalt .... von wegen herrn Joachim Ernst, marggrafen zu Brandenburg .... krafft habenden gewalts. tractat zwischen den unirten fürsten und ständen 1614 bei Londorp 1, 166a; ich gib und lasz jhm z, es ist nit not alle ding gegen jhm, nach meinem gewalt zuhandlen. Valent. Boltz Terenzübers. 128a; eo jure, quo qui optimo, dasz ers habe mit allem gewalt (das imperium) und solchem vorzug, wie man es ihm in dem fall ubergeben mag. Rihelius 1590; jus, pro potestate, macht und gewalt. ebenda; jus, die macht, gewalt. Gürtler (1762) 1, 454; gewalt, recht, jus. Bayer 290a; per potestatem auferre aliquid alicui, ausz gewalt und von der oberhand. Rihelius 1590; derhalben geben wir, aus bepstlichem gewalt, mit gutem wissen, laut gegenwertiger schrifft, volkomen freien und gantzen gewalt unsern geliebten sönen hierunden geschrieben. Luther (zwo bullen papst Clementis VII. 1525) 3, 96a; du sagst ausz unvernunft von der trifaltigen kron, so unser aller heiligster, die er pillich ausz gewalt seiner öbrigkeit tragt. ein unterred des bapsts und seiner cardinalen bei Schade satiren 3, 92; den (druck) gemelter Iro durch sich selbs oder ein andern von seinet wegen, wo er den bei jr jedem finden wirt, aus eignem gewalt on verhinderung meniglichs z sich nemen und damit nach seinem gefallen handeln und thn mag. Carolina (druckprivilegium) 2 Kohler-Scheel; da ist Bartholome Rem aus aignem gewalt zgefaren in der kaiserlichen stat und in dem glaid und hat den rossen an den wägen die strangen abgehauen. Sender chronik von Augsburg, d. städtechron. 23, 148; usz eignem angenommenen gewalt. Judas Nazarei 26; das sich über den vertrag, zwischen der stat- und lantgericht Rattemberg ausgangen, kain frembter hantwercher in der Briggslegg, Krämsach und Radvelden auszer der verordneten ausz aignem gewalt nit nidersetze. ehehaft taiding von Rattenberg, österr. weisth. 2, 107; anno 1517 hat angeregter pabst Leo X. ausz sonderm gewalt, welchen er vermeinet ausz altem herkommen und gebrauch seiner vorfahren über alle christlichen kirchen zu haben, hin und wider durch alle land brieff und ablasz auszgeschickt. Kirchhof wendunmuth (1, 2, 14) 1, 459 Österley.
β)) engere bedeutung auf grund ausführender bestimmungen, die bei gewohnheitsmäsziger wiederholung leicht unterdrückt werden: die macht odder gewalt zu regirn. Luther vier trostliche psalmen B 8a; dazu gehört folge der unterthan, und hoheit, das ist, gewalt zu gebieten, güter und eigenthumb. Melanchthon (loci theolog.) corpus doct. christ. 286a; und soll allein den dütschen z stan gewalt und gerechtigkeit einen künig oder keiser z erwelen. Judas Nazarei vom alten und neuen gott 32; ward dem gemeinen römischen volck der gewalt und chur, ein andern könig zu kiesen, zgelassen. Livius (Straszburg 1562) 8a; dieweil mir mein gnädigster herr in seinem abschied mir allen gwalt übergeben hat, das unrecht z straffen. Wickram Galmy 142; ausz der von gott ihr, der geistlichen hochheit, ertheilten gewalt und macht .. in geistlichen bann zu thun. Abele künstl. unordnung 3, 250;

gewalts und richtens ich beger,
das mir werd bald mein seckel schwer.
Schwartzenberg 135b;

weil si (die curtisanen) da selb alleine han
alle gewalt und jurisdiction.
B. Waldis das päpstisch reich M 2a;

[Bd. 6, Sp. 4961]


und sollen nimmehr haben einige gewalt, recht oder gericht. Kirchhof wendunmuth (2, 46) 2, 89 Österley; überantwort der pabst .. dem keiser .. gerechtigkeit und gewalt z erblon. Judas Nazarei vom alten und neuen gott 27 neudruck; jurisdictio, rächtspruch oder rächtsatz, oder gerichtsatz, gewalt oder gerächtigkeit, rächt und gericht ze halten, gerichtszwang. Frisius (1568 und in späteren ausgaben) 744b. vgl. oben Maaler 178b; gewalt, oder gerechtigkeit, gericht zu halten, jurisdiction. Hulsius (1596) G 2a (fällt in der ausgabe von 1614 weg).
γ)) eine andere ellipse reicht mit einzelnen mundartlichen verwendungen noch in die neuere sprache herein: gewâld, m.; .. in der kanzleisprache die von einem landammann oder statthalter ertheilte erlaubnis zu rechtlichen einschritten, bewilligung zu rechtseröffnung, bevollmächtigung, befehl. Tobler Appenzell. sprachschatz 247; gwald wird von wisig (weisung) unterschieden. der übertretung einer wisig folgt keine strafe. ebenda.
b)) allgemeiner entwickelt sich auf grund der gleichen verbindungen, die den eben dargelegten sonderbedeutungen zu grunde liegen (gewalt geben, gewalt haben, etwas zu thun, vgl. oben sp. 4933 ff.) die bedeutung 'vollmacht', vgl. DWB gewalt, mandatum procuratoris cujusvis. Haltaus 696. diese engere bedeutung ermöglicht eine reihe freier verwendungen und neuer verbindungen, während die allgemeinere bedeutung 'erlaubnis' an den alten verbindungen klebt, vgl. unten III.
α)) die wurben an den raut, daz man ain erber pottschaft mit vollem gewalt santi gen Kirchhain. d. städtechron. 4, 36 (Augsburg); Karsthans: wie meinst dan, wan es darz komen wlt, das allein der gewalt recht wer. ja wann der bapst einen gouch von Rom schickt mit gewalt: ja fach mir den, verbren disen, schmir mein pflegel würt sich regen. Karsthans 174 Kurz; bittend und ersuchend, ir wollent zu hertz nemen, was den erbern obern steten an dem allem gelegen, und ewer erber ratzbotschaft wol underricht mit gewalt und bevelch. ausschreiben der stadt Memmingen 23. märz 1525, Baumann acten 161; als der keiser darein bewilligte, schrieben sie am 22. tag des herbstmonats, beiden stedten, und forderten sie, das sie auf den 2. des wintermonats, zu Augszpurgk auff ein frei geleit, zur handlung erscheinen, und jhre gesandten mit volmechtigem bevehl und gewalt, etwas endlich zu schliessen, dahin abfertigen solten. Pomarius chronik von Magdeburg (1587) Z 3a; derhalben begert und ermanet der pabst, dasz die fürsten, ieder in sonderheit, ihre gesandten mit vollmechtigem gewalt dahin wöllen abfertigen. Kirchhof wendunmuth (1, 2, 19) 1, 467 Österley; ich gedachte aber bei mir, und wider ihn, das könne einmal nit sein, weilen der mit nichtigem gewalt und vollmacht versehne bauer nit weis, noch wissen kan, auf was für weis-articul und fragstuck sein nachbaur etwann, und also entweder de facto alieno oder proprio, gefragt werden möchte. Abele künstl. unordnung 2, 318; ich wurde zornig, und murrete bei mir, wer hat den schlenckel mit gewalt und vollmacht versehen, im namen der ehemänner, ein so feine und kurtze vermahnungs- oder warnungs-predigt abzulegen. 2, 102; einen mit gehöriger gewalt versehen. donner un bon pouvoir (pouvoir en bonne forme) à quelcun. Rondeau-Buxtorff (1740) 253; wo aber .. der antworter oder jemand mit vollem gewalt an seiner statt auf dem gesetzten rechttage erschiene. protokoll über die reformation des bair. landrechts (1487) Krenner 12, 83; die herschinen all gehorsamlich mit iren ferornaten uff sontag z nacht hie mit folem gewalt. Hug Villinger chronik 154; zu diesen mären kam die legation von Rom, mit vollem gewalt und commission in der sach zu handeln. Kirchhof wendunmuth 411b; darum in allen not und gebürlichen were, zu setzen ire procuratores und syndicos, die solch ir sach mit vollir macht und mit gantzem gewalt handelten und wandelten, zu gewine und zu verluste. urkunde von 1453 bei Haltaus 696; das er darumb freuntlich recht vor des reichs richter hie zu Nuremberg durch sich selbs oder durch seinen macht botten mit seinem vollen gewalte nemen wulle und niendert anders. Nürnberger polizeiord. 326; der do hingeben will der soll am ersten das guet dem probst aufgeben mit gegeben oder angenomen gewalt, so des not thut, von allen eriben und miterben .. stiftrecht zu Wieting (15. jahrh.), österr. weisth. 6, 510; vor üch offen geschwornen notarien, und den hiebisteenden glöbwürdigen gezügen, wir Jeronimus abbt zu Alberspach in namen und an statt von unsers gotzhusz wegen, und mit gewalt unsers convents legen

[Bd. 6, Sp. 4962]


für und sprechen, als dann das genempt unser gotzhusz nit mit merckhlicher heller-gült beleit ist, sondern uff falbare güeter gewidmet. appellation des abtes v. Alpirsbach an das kais. hof- oder kammergericht (1488) bei Reyscher sammlung altwürt. statutarrechte 45.
β)) aber die fraw die mit irem man zegelten nit schuldig ist. mag iren man one besonndern gewalt nit vertretten. Nürnberger reformation (1479) titel 3, gesetz 3; deszgleichen uff begeren der männer an statt derselben mit erscheinenden weiber, und (das doch ganz schimpflich ist) auf begeren der weibspersohnen, in nahmen ihrer abwesenden männer, sonder caution und gewalt handlen. Frankfurter schöffenbescheid vom 17. januar 1586 (anmerkungen über die erneuerte Frankfurter reformation 1, 344); wie dann der hieher gehörige schöffenbescheid vom 26. jenner 1663 .. dahin lautet 'demnach eine zeit hero verspürt worden, daz die procuratores gar viel one gewalt gehandelt, und darnach sich der sachen abgetan. anmerkungen zur Frankfurter reformation (1757) 1, 345; sonder gnugsamen gewalt oder vollmacht, sollen sie (die procuratoren) von keiner frembden noch auch abwesenden parthei wegen, sich in recht einlassen. Frankfurter reformation von 1578 1, 5 § 11.
γ)) der gestalten, dasz ihnen gewalthabern allwegs der völlige gewalt und die vollmacht zuegelegt und eingeraumbt sein solle. gemeindeschlusz und ordnungsbrief zwischen Elbigenatz und Köplen (1716), österr. weisth. 3, 122; es soll auch daneben zu gleich, wider wen, und was sachen halben, auch welcher gestalt, der gewalt geben werde, angezeigt, und solchs alles, darzu auch wann, und für welchen scheffen, es geschehen, durch den gerichtschreiber in sein prothocoll eigentlich geschrieben, und folgends zu den acten registrirt werden. Frankfurter reformation (1578) 1, 6 § 3; ich endesunterschriebener bekenne hiemit, dasz ich zu rechtlicher vollführung meines vor dem (gerichte) vorseienden proceszes ... den z. b. Paul, zu meinem ohngezweifelten gevollmächtigten angenommen und darstelle, so fort nicht allein alles dasienige, was er bereits vorhin hierinnen getan, hiermit genemhalte und bestätige, sondern auch demselben noch weiter unumschränkte gewalt und volmacht gebe, alles das zu tun, was die zierlichkeit des proceszes und die rechtliche ausführung der sache ... erfodert. muster einer beim kurpfälzischen hofgericht gebrauchten vollmachtsertheilung (anmerkungen über die erneuerte Frankfurter reformation [1757] 1, 351); ob aber der ehemann für seine ehefrau einen andern bevolmächtigten sezen und ihm den gewalt dabei bestand zu tun geben kan? dis verneinet Berger. 1, 375; ich habe mich an dem stücke so müde gearbeitet. du verbesserst das mit einem federzuge. ich gebe dir volle macht und gewalt. Göthe an Herder (13. januar 1787), briefe 8, 134 (vgl. DWB gewalt geben in III); auf solches haben wir uns ... auf ein gantzes ende vertragen und geeint durch den andächtigen herrn Friederichen Schecker, an den zeiten prior desz gottshausz der obgenenten unser lieben frawen brüder ordens zu Straubing, der den gantzen vollen gewalt gehabt hat von einem gemeinen general provincial und capitel desz genannten ordens. kopie der stifftsbrieffsverenderung bei dem Carmeliterkloster zu Abensperg (1463) bei Hund metropolis salisburgensis 2, 228; nach etlichen tagen, als sie sich bedacht und underredt haben, da handt sie z andtwurt geben, sie haben seit volkomen gewalt von iren herrn, von den sie hieher geschickt seien, und sind also wider haimzochen. Sender chronik von Augsburg, d. städtechroniken 23, 172 (vgl. DWB gewalt haben in III); wann aber der principal nicht selbst zugegen, soll sein anwaldt, in seiner partheien, und sein eigen seel, obgesetzten eidt schweren, ob er das mit gutem gewissen thun möge, nemlich, dasz er das jenig, so er fürbringt und begert, nicht ausz gefährde, oder böser meinung, noch zu verlängerung der sachen, sondern allein zur notturfft thue, und dasz er das also zu thun von seiner partheien unterrichtung und gewalt empfangen habe. hoffgerichtsordnung der hindern graffschafft Spanheim (Frankfurt 1587) 51; es soll auch ein jeder, so sich also der anwaldtschaft underziehet, und von einem andern gewalt annimpt, sich befleissigen, demselben durch sich selbst, oder seine rechtmessiglich substituirte, gnug zu thun. erneuerte Frankfurter reformation (1578) 1, 6 § 11; von keiner frembden noch auszlendischen personen sollen sie (die procuratoren) generale mandatum oder gemeinen gewalt zu allen sachen, darinn an unserm stadt gericht zu procuriren, annemen. 1, 5 § 13; da kam für uns in gerichte

[Bd. 6, Sp. 4963]


der ... anwälde und völlige machtbotten ... welches gewalts sie alspald für gericht urkundt gnug fürbrachten. urkunde von 1455 bei Haltaus 696; wiewol aber niemand von eines andern wegen vor gericht, ohn gnugsamen gewalt, es sei im klagen oder antworten, zugelassen soll werden: so lassen doch die keiserlichen recht, ausz sondern ehehafften bedencken, auch ohn fürbringung gewalts, beide zu klagen und zu antworten, etliche personen zu. erneuerte Frankfurter reformation (1578) 1, 6 § 8; an sant Johanns baptisten tag ist der bischof von Ferrer hie gewesen und hat unserm cardinal den gewalt vom bapst pracht, das er obroster legat soll sein auf dem tag zue Nürmberg. Hector Mülich, d. städtechron. 22, 212 (Augsburg); ein jeder, er sei kläger oder antworter, mag seinen gewalt vor gericht in schrifften, oder mit folgenden ausgedrückten worten seinem anwald übergeben. Henneberger landesordnung (1720) 51.
δ)) sonst ist auch noch der unterscheid zwischen einem gemeinen und besondern gewalte, welcher lezte nur, in ansehung gewiszer besonderen verrichtungen, allemal nötig ist, zu bemerken. anmerkungen über die erneuerte Frankfurter reformation (1757) 1, 346; der unterscheid im § 7, zwischen einem gemeinen und bei einigen fällen in rechten nötigen besondern gewalte ist aus den rechten genug bekant und bei allen gerichten bräuchlich. 1, 373; dasz solcher gewalt auch auf die nicht ausgedruckten fälle oder wenigstens dieienigen, die mit den ausgedruckten eine gleichheit und zusammenhang haben ... erweitert werden kan. 1, 374; da ermelter anwalt eines weitern gewalts, dann hierin begriffen, bedürfftig wäre, oder sein würde, demselben wolle ich hiemit in allerkräfftigst und beständigster form, dasselbe vermög der rechten, und dem stilo hochermelter kais. majest. reichshofrahts gemesz beschehen sol, kan, oder mag, auch gegeben haben. reichs-hof-rahts-ordnung (Regensburg 1654) bei Londorp 1, 219a; und da ermelder mein anwald eines weitern gewaltes, dann hierin begriffen, bedürftig wäre, denselbigen wil ich ihm auch hiermit am allerkräftigst- und beständigsten ... auch gegeben haben. aus der Frankfurter formel bei ertheilung der gerichtl. vollmacht (anmerkungen über die erneuerte Frankfurter reformation 1, 347); welche geschäfte also entweder einen besondern gewalt darüber erfodern, oder doch, nach der gemeinen lere, nötig ist, dasz si im gemeinen gewalte ausdrücklich und besonders mit benennet werden. 1, 373.
c)) die objectivierung des begriffes 'vollmacht', gewalt im sinne von beglaubigungschreiben: gewalt, gewaltsbrief, pouvoir. Rondeau-Buxtorff 253.
α))

Severius sagt: notari, den gwalt lesen thut!
Dietlieb, der notarius, list den brieff oder gewalt also.
wir könig Priamus von Troia ...
nach dem sich ein zwispon erhelt
zwischen uns klägern eines theils.
wegen zugefügten unheils,
Podagra als der königin
an andern theil, geben forthin
unsern vollkommen macht und gwalt,
das jetzund herr Hans Sachs, der alt,
fürtrefflich und sinnreich poet,
der zu Nürnberg sein wohnung het,
Podagram solt lassen citirn,
klag eingeben und zeugen führn ...
Severius, der keiser, sagt zu Francisco Petrarcha:
nun sagt uns, ob jhr darfür halt,
dasz disz sei ein gnugsamer gwalt.
so kan man weiter procedirn, ...
Franciscus Petrarcha sagt:
die zeit nicht unnütz zu verlirn,
so lasz ich jm disen gwalt zu
und dargegen aufflegen thu
mein gwalt, den mir Podagra gab
und bitt ihn auch zu lesen ab.
J. Ayrer procesz wider der königin Podagra tyrannei (litterar. verein 79, 2549 f.);

weil jr dann mit uns seit zu friden
so verlest auch desz herrn gewalt. 2551,

groszmechtiger keiser, ich will nicht sehen
eur maiestat commission,
weil Podagra die göttin schon
in eur gnad hat compromittirt,
wie im gewalt gelessen wird. ebenda;

dasz er unser gewalt und instructiones zu sehen ... begehrt. vortrag und werbung des admirantischen gesandten ... wegen der abführung des span. kriegsvolcks (1599) (Londorp. suppletus 1, 138b); ein kriegs-obrister, begehrte etwas neues an eines orts inwohner, die begehrten hinwieder von ihm seine gewalt, umbzusehen, von weme er die vollmacht hette. Zinkgref apophthegmata (1653) 1, 268; welcher auszerhalb des pittelstabs von

[Bd. 6, Sp. 4964]


andern enden. einen gewalt fürbringt. und als anwalt ze clagen oder geantwurten vermeint, der soll ... Nürnberger reformation (1479) titel 2, gesetz 2; wo er aber nicht selbs, sonder durch einen anwaldt erschiene, soll derselb anwaldt seinen gewalt neben obbestimpter ladung und articulierten klag einlegen unnd fürbringen. hoffgerichtsordnung der hindern graffschafft Spanheim (Frankfurt 1587) 41; ac porro, si mandatum non est sufficiens, aut si quis litis instrumenta habeat; admittitur pronunc: sed cum cautione, das er in künfftig einen gnugsamen gewalt einbringen solle. Besold thesaurus practicus (1679) 1070 Diether; darnach zog er seinen gewalt herfür, seine person zu diesem vertrag und handlung damit zu legitimiren, und bat seinen gewalt offentlich zu verlesen. J. Ayrer proc. (1680) 29; dasz, wo sie einigen gewalt, von ehrlichen leuthen gegeben, vorweisen werden, so wolle ich ihnen ferners antworten, und sonsten nicht. Moscherosch gesichte s. 395 Kürschner; seinen gewalt vorweisen, montrer, communiquer son pouvoir. Rondeau-Buxtorff (1740) 253; auch wol gewalt producirt, aber nicht präsentiret. anmerkungen über die erneuerte Frankfurter reformation 1, 345.
β))

das stehet in unserm gwalt nit geschriebn. abdankbriefl einer evangelischen gmain Wien 1619 bei
Opel und
Cohn 27;

aber die abwesenden auszlendischen, mögen einen anwalt, wen sie wöllen, ausz unsers statt gerichts-procuratoren, oder auch einen frembden ... durch einen schrifftlichen gewalt, es seie zu klagen oder antworten, vollmechtigen: welcher gewalt auch in recht ... zugelassen und angenommen werden solle. erneuerte Frankfurter reformation (1578) 1, 6 § 4; wann sie von des abgestorbenen und nachgelassenen weibern und kindern, eltern oder schwestern genugsame gewalt und schein finden. Reutter v. Sp. kriegsordnung s. 18; nach dem nun der kläger oder appellant, in gericht, wie obstehet, gehandlet hat, so ferrn denn der antworter oder appella(n)t, oder ein anderer, so gewalt von seinetwegen fürbracht, oder bestandt derohalben thun würde, copei dessen, so also schrifftlich einbracht, begert, die soll jhme erkandt und gegeben ... werden. hoffgerichtsordnung der hindern graffschafft Spanheim (Frankfurt 1587) 43; copia vero gewalts enim signatura ist, wenn einer einer gemeinen gewalt eingegeben, in causa primi mandati, und dann zu mehr sachen sich legitimiren soll, als in causa secundi, tertii, quarti vel quinti mandati, musz er in einer jeden sache legitimirt sein, so übergiebt er copien desz gemeinen gewalts, und schreibt darunter, huius mandati originale ist einkommen in den ersten sachen mandati, dasz heiszt man signaturam. Wehner observationes (1614) 225; vgl.formulam eines gerichtlichen gewalts in der continuatio thesaur. pract. Besoldi (1679) 237; so sollen sie copiam desselben jhres gemeinen gewalts, wann die constitutio geschehen, oder solcher gewalt erstmals gerichtlich einkommen seie, cum signatura fürbringen und beilegen. Frankfurter reformation (1578) 1, 5 § 14; zu urkund haben wir diesen gewalt und syndicat mit unserm gewöhnlichen secret insiegel besiegelt. J. Ayrer proc. (1680) 89; es sol auch hirrfüro kein supplication, schreiben, schrifft oder anders, wie das namen haben mag, übergeben, noch auf- und angenommen werden, sie seien dann entweder von denen anwesenden partheien selbst, oder von deren procuratoren und agenten, so dessen genugsamen gewalt zu vorderst beigelegt, ... mit eigener hand unterschrieben. reichs-hof-rathsordnung (1654) bei Londorp 1, 218a; indem sie die procuratores von fremder und hiesiger partheien wegen, in dero abwesen, ohne einiges mandat oder caution handeln, ja biszweilen sich mit unwahrheit anwälde nennen, da doch keine constitutio noch gewalt in actis. Frankfurter ordnung von 1551, s. anmerkungen zur erneuerten reformation 1, 344.
γ)) die objectivierung begünstigt den pluralgebrauch (vgl. unten II): dweill .. ausz den gewelden so es uns uberantwort. Casseler urkunde von 1537 Diefenbach-Wülcker 619; von gewälten, die anderswo gefertigt oder auszgepracht werden. erneuerte Nürnberger reformation (1564) 2. gesetz, 5. titel; ähnlich 1. gesetz, 5. titel; 3. gesetz, 5. titel; mandata procuratoria Germanis seind vollmachten, gewalt der anwalden und procuratoren. Wehner observationes (1614) 225; allerhand formulas der gewält. Besold thesaurus pract. (1641) 352; als werden sie hiemit alles ernstes erinnert und verwarnet, die gewälte alsobald in primo termino zu produciren. Frankfurter schöffenbescheid von 1663, s. anmerkungen zur erneuerten reformation 1, 345.

[Bd. 6, Sp. 4965]



δ)) verbindungen geht das objectivierte substantiv gern mit possessiven bestimmungen ein: weil euer lieb und unnser gewalt der, als wir uns erinnern, auf doctor Lupfdich gestelt gewest. Casseler urkunde von 1515 Diefenbach-Wülcker 619; ain ieder mag in burgerlichen sachen personlich erscheinen, oder seinen gwalt und volmacht in gericht ainem andern bevelhen. Nürnberger reformation (1564) fol. 18a. ähnliches auch in den oben angeführten beispielen. andere verbindungen, die in der umgangs- oder geschäftsprache üblich gewesen sein mögen, lassen sich nur aus gelegentlichen notizen erschlieszen, vgl. z. b. aus Würzburger acten; mögen wir euch gnediger freundtlicher meinung nicht bergen ... dasz bei unsern stifft nicht preuchlich noch herkommen, uff gewalt zu leihen. (bischof Julius 1576) Haltaus 696.
d)) die personificierung. zur parallele mit anwalt und zum geschichtlichen verhältnis zwischen beiden bildungen vgl. oben sp. 4937.
α)) der stellvertreter in rechtsangelegenheiten: erschine aber er in aigner person. oder durch seinen vollen gewalt zu der hawpt sach. so sol darnach verrer procediert werden. Nürnberger reformation (1479) titel 2, gesetz 5; ain iede fraw mag irenhalb in sachen siselbes oder ir besonnder habe oder gt berürend. personlich oder durch jren gewalt clagen. titel 3, gesetz 4; und kommt er also auf den tag, als man ihm denn ersetzet, oder sein voller gewalt, da soll geschehen, was recht ist; käme er aber oder sein gewalt nicht, so soll aber geschehen, was recht ist. Baseler festsetzungen kaiser Sigmunds bei Lünig corpus iuris feudalis Germanici 1, 199; und wo auf das nächste recht der antworter, oder sein gewalt aber nicht erschiene. protocoll der reformation des bair. landrechts (1487) bei Krenner 12, 83; item darnach am donnerstag kamen des alten babsts gewalt, drei legaten. d. städtechron. 1, 410 (Nürnberg); wa ers nit zalen wurd, so sol ain jetliche oberkait sein volmechtigen gewalt schicken, so soll darauff gehandelt werden, wie sich gepürn wirt. Wilhelm Rem cronica newer geschichten, d. städtechron. 25, 125; und dem die stift und pantäding chunt ist getan von meiner frawen und der richter boten, käm der nicht, der ist umb das wandl, er hab dann seinen beredtboten, der stee meiner frawen oder irem gewalt still, umb wen si zu im ze sprechen hat. öffnung und recht zu Axams (1462), österr. weisth. 2, 253; man offent euch, wem her auf den heutigen tag meiner frawen stift mit dem ambtman oder mit seinem boten kunt wär getan, und der nicht komen wär, wär der freisätz, der wär umb das wandel chömen, und von dem guet, er hab dann seinen beredboten, der ste meiner frawen oder irem gewalt still umb wen si zu im ze sprechen hat. öffnung zu Anget, a. a. o. 2, 66.
β)) der stellvertreter einer amtsperson: wann ein armeni stirbt, an gottes leichnam oder an peicht, so gewint man im den freithoff von dem pischolff oder von seinem gewalt. Hans Schiltberger reisebuch 107; es soll auch der amman noch sein gewalt mit dem Vischpach noch Lanckwasser nit wessern. Tucher baumeisterbuch 217; und so das zimmer auffgerichtet wirdt, soll es durch den amptman oder seinen gewalt beschawet und ie von einem gesperr .. ein ort eines gulden genummen werden. Nürnberger waldordnung von 1535, d. städtechron. 1, 490a; und wann man herschau hat, so sol der richter hinein reiten oder sein gewalt und sol herschau darin haben. recht der hofmark zu Pillersee, österr. weisth. 2, 98.
γ)) der stellvertreter in ausübung des gewerbes oder berufes: unnd wo iemant derselben vogelherd in vorgeschribner mass einen hette und sich dess durch sich selbs oder seinen anwaldt allein für sich, seine geprote (die in seinem brode stehenden) kinde, eehalten und gesinde geprauchen wolt, demselben solt der ambtman darzu einich annder holtz nit erlauben oder vergunnen dann vorhin ... doch daz diejenen, so soliche vorgeschribne vorhein, vichtein oder tennin este zu solichem vogelberd geprawchen und hawen wolten, durch sich selbs oder iren gewalt nicht auff die stammen steigen. Nürnberger polizeiordnung 314; es sollen alle fleischhacker und fleischhackerin, die ie zu zeiten schwein stechen, prüen oder würst machen, weder durch sich selbst oder eehalten oder gewalt in allerlei würste nichtz anders einhacken noch geprauchen dann von schweineim fleisch. 235; do mag er woll hawen doch also, das er noch sein gewalt seinen nutz mit dem holtz noch loe nicht suchen, und das sunst nirgen furen dann für der stat kalcköfen in keinerlai weisse on alles geverde. Tucher baumeisterbuch 90; ez sol auch kainez angiezzers wirtin

[Bd. 6, Sp. 4966]


niht schencken, er noch kaine sein gewalt. Nürnberger polizeiordn. 206; daz der meister der hamersmit selber z den heiligen swern sol, daz er und sein gewalt dhein coln nizzen und brennen sol von beden welden. 170; das fürbass kein pierprew noch pecke oder ir gewalt oder eehallten zu dem bier zu mültzen oder zu prewen, noch zu der arbeit des taigs des vischpachs nemen oder gebrauchen sollen. 277; ob im ein wirt sein wein liezz machen, daz er oder sein wirtin oder sein gewalt, den er darzu schicket, niht dabei weren, daz si sehen, wamit man in den wein machte, der wirt mz geben 5 pfunt haller. 204; der wirt, schennck oder ire weiber oder gewalt, die also iemand mit were oder waffen in seinem hawss trincken, zechen oder sitzen liessen, der sol von einem ieden derselben were trager zu puss verfallen sein. 53; dann welcher burger, burgerin oder ir gewalt an solichem betretten oder sunst darumb furbracht wurde, und sich des für sich und seinen gewalt mit seinem rechten nit benemen mochte, so sollte abermals soliche habe und ware ... dem zollner von gemeiner stat wegen verfallen sein. Nürnberger polizeiordnungen 143; ebenso 82. 151. 158; welher unser burger oder burgerin oder ir gewalt einem andern unserm burger schaden tt an sinen gerten. oberrheinische stadtrechte 1, 92 Schröder; es sollen auch die meister noch die knecht weder klupfel noch spenn noch keinerlai holtzwerck auch keinerlai eisenwerck noch anders, das zu dem pawe gehort, von der arbeit tragen, auch in die pauherren, ir frawen noch ir gewalt des nit vergonnen. Tucher baumeisterbuch 274; und gepietten ernstlichen, das nun hinfur kein pauherre, fraw oder ir gewalt hie in der stat den obgemelten arbeittern nit mer suppen oder sunst zu essen und trincken geben soll, sunder das bei dem gesetzten lone beleiben lassen. 276; ain iegkliche frow mag die anndern in irer kinndtpet vor oder nach mittag oder tischzeit wol haimsuchen und besehen, doch also, das ainiche frow oder ir gewalt auf ainen tag inn derselben kinndtpet weder kinnden oder amen uber vier pfenning nit gebe. Nürnberger polizeiordn. 70.
4)) der begriff der macht wird durch die vorstellungen der ehre, des ansehens, der äuszerlichen geltung zurückgedrängt. vgl. oben sp. 4912 zu gotisch vulþus.
a)) potentia, gewalt und ansähen. Frisius (1568 und später) 1027b. in magna potentia esse in grossem gewalt und ansähen sein. ebenda. ebenso Rihelius; gelt bringet ehr, ansehen und gewalt. Henisch 1592; den do unser her got hertzog Bugslaffen mit so mechtigen landen und lewten ... mit gewalt und ansehen und mit fried und aller wolfhart erhaben hette. Kantzow Pomerania 2, 323 Kosegarten;

wenn ich mich aber tratzlich hallt
denn hatt min ansehensz ein gwallt
sunst wenn ich säsz bi den buren
hieltens mich wie sunst ein luren.
Val. Boltz der welt spiegel F 4b.


b)) wer sinen veind in hohen eeren oder gewalt findet, der sol sich vor jm hüten, als vor der schlangen. buch der beispiele alter weisen 119; umb solcher lere willen, tödtet der teufel niemand, kan sie wol leiden, ja gibt jnen grosse reichthum, ehre und gewalt dieser welt, das sie ruge haben und süsses leben füren. Luther (auslegung des 9. psalm. 1525) 3, 28a Jena; es haben aber hie bei diesen Suionen auch die reichthumb und gewalt, ir ehr und ansehens. Micyllus Tacitus (Germania) 451a; darumb so schreiben wir den eseln kein ehr oder gewalt z, wie die Egyptier den crocodilen unnd nattern. Hedio Josephus wider Apionem 164a; zum andern, trachtet der gemein hauff in dieser welt allein dahin, wie sie können und mögen, es sei mit ehrn, oder unehrn, grosse reichtumb, ehr, wollust, gewalt, gesundtheit, und was dieser stück mehr sind erlangen. Gretter erkl. der ep. a. d. Römer (1566) 743; wie nun derselbige (könig Artus) seiner stillen und gerechten regierung wegen an gewalt, grosser reichthumb und ehren mehr, denn iemand dencken möchte, zuname, also wolt er, dass seine königliche freigäbige miltigkeit nicht allein seinen Engellendern und unterthanen bekannt, sondern auch bei allen aussländischen völckern ruchtbar würde. Kirchhof wendunmuth (2, 22) 2, 38 Österley;

der welt macht, herrligkeit, reichtum,
gwalt, ehr, kunst, gunst, gnad, rhum, zier, pracht,
und alles was hoch wird geacht
auff dieser erd, und nicht besteht,
ja wie ein schem und schatt' vergeht.
Hollonius somnium vitae humanae 69 neudruck;

[Bd. 6, Sp. 4967]


reichtuhm, grosse gewalt, ehre und ansehen, etc. sein eitel; nichts. Butschky hochdeutsche canzellei 2, 389.
c)) festung nennet man die stätte und schlösser, für andern darzu abgesondert, welche mit thürnen, mauren, wällen, brust- und streichweren, bollwercken, pasteien und tieffen gräben, nicht zur lust, pracht, seine gewalt reichthumb und grosse weiszheit, dadurch, wie Nebucadnezar zu ostentiren, ... erbawet, sondern mit grossen kosten auffgericht, und der gantzen landtschafft zum besten erhalten worden. Kirchhoff militaris disciplina 10;

sih doch, o mensch, was ist die welt,
wie prechtig sie sich immer helt,
gegen gott und seiner allmacht?
sie wird verfinstert wie die nacht.
all ihr gewalt, ihr pracht, ihr ruhm,
was ist sie anders, denn ein blum?
Kirchhof wendunmuth (3, 5) 2, 272 f. Österley;

ich habe dir oben herab erzelet, wie dein schöne reichthumb, gewalt hoffnung und anders, so gar nit solle nach werdt sein, sihe auff dich, du würdst in vilen betrogen, dein gewalt würdt dir zum neid geradten. Franc. Petrarche zwei trostbücher 104a; weit entfernt, einen frieden zu wünschen, der ihn aus dem mittagsglanze der grösze und gewalt in die dunkelheit des prlvatstandes herunterstürzte, wollte er nur den schauplatz des krieges verändern. Schiller (dreiszigjähriger krieg) 8, 132.
d)) der könig ausz Engelland kam auch mit einem solchen gewalt, dasz unmúglich davon zu schreiben ist. buch der liebe 10b; cum potestate proficisci in provinciam. herrlich und prachtlich aufreiten, mit grossem gewalt und herrligkeit auff ein vogtei reiten. Frisius 1028b; denn in dieser sach wird inn keinem weg gesucht, den bischoffen jhre herrligkeit oder gewalt zunemen. Melanchthon confess. August. (corp. doct. christ. 18c); Telemachus war vormals nie in dem gewalt und herrlichait seins vaters gesessen, hat auch nie kain red vor der gemain gethon. Schaidenreiszer Odyssee 5b; möchte dir wol hie exempel anzeigen, die von grosser herrlichkeit, macht und gewalt zu armen knechten unnd bettlern worden seind. Franc. Petrarche zwei trostbücher 80a; mein her sihet nuhn, was mein vaterland und meine gebuhrts-stat fohr herligkeit, pracht, gewalt und reichtühmer hat. Zesen adriat. Ros. 170 neudruck.
β) die bedeutungen 'kraft, stärke', berührung mit virtus. auch hier sind es natürlich einzelne verbindungen, die diese bedeutungsentwicklung begünstigen.
1)) voran stehen präpositionalverbindungen neben bestimmten verbis: das kriegszvolck vor der statt Verona hat auff beiden seiten eilff gantze tag in die statt geschossen, mit solchen gewalt und anharrigkeit, dasz die Venediger die mauwer mehr dann hundert und fünfftzig schuch breit nidergeworffen. Frundsbergs kriegsthaten 2, 26a; unnd damit er deren eins zu end führet, nam er sein schwerdt in beide hände, mit welchem er ausz allem seinem gewalt den juncker uberfiel. Amadis 102; dann fren wir widerumb mit solchem gewalt hinunder, das einer wol het gedencken mögen, es wurde alles zu grund gehn. Rauwolf 16; dieweil die barbarische völcker ihres nutzes halben die wurtzel sambt den blättern zerschneiden, und den safft mit gewalt berausz trucken, damit sie es viel verkauffen können. Verzascha kräuterbuch (1678) 739; einige spannen die sehne zu straff und drücken den pfeil mit gröszerer gewalt ab als nöthig ist. Wieland Lucian 1, 50; mig g'walt cha-me-ne geiss hindenumme lüpfe. Seiler Basler mundart 157a u. a. s. unter mit gewalt (III, 3).
2)) auch aus der eigenart des jeweiligen subjectes wird diese bedeutung vielfach bestimmt und bedingt:

von der wüsten Romanie,
von Chärnten chom ein chrie,
daʒ walt und perch zeinander schal,
mit gewalt den Rin herab zetal.
Liliencron volkslieder 1, 13a (1298);

der In rint aus Engedein bei einem gar hohen perg, so man die Vinstermintz nent, felt bei fünfzehen meilen, so das ober Intal ist, über fels und stain mit solchem gewalt, prast und sausen, das man darauf gar nit faren mag. Aventin (bairische chronik) 4, 39; am ersten soll der mülpach mit vollem gwalt gen durch das dorf winter und sumer. dorfrecht von Partschins (abschrift von 1815), österr. weisth. 5, 32; dasz niemandts kan ein brunnen abgraben noch verstellen, in dem, man musz jm seinen lauff lassen, und jm sein gewalt lassen. Paracelsus chirurg. schriften 1, 310; so ist auch ain gemainer

[Bd. 6, Sp. 4968]


offner jochwal zwischen dem haus am ort in niderndern dorf und der Geirin hof, der die herrschaft angehört, und der selbe wall soll alzeit offen sein, und wan ein grosser gwalt kumbt von wassers wegen, was dan der ober jochwall nit tragen mag, das solt durch den untern jochwall rinnen. dorfbuch von Naturns, österr. weisth. 5, 22; allwo in einem kranenrade ein ochs gehet und soviel gewalt darin thuet, als er selber wieget. Becher 207; item die kranräder, welche grosze gewalt thun. ebenda; geschütz grobes, hat grosse gewalt. Abraham a. S. Clara gehab dich wohl, register (Nürnberg 1729). vor allem gilt dies für die verbindung mit einem subjectiven genetiv oder einem entsprechenden pronomen (vgl. auch unter III, 1): solche grosz gnad und gewalt der tauff und des christlichen stands, haben sie uns durchs geistlich recht fast nidergelegt und unbekant gemacht. Luther an den christlichen adel 8 neudruck; allein gott durch sein gottlichs wort, und durch sein gotlichs gnedigs warhafftig tzusagen, wurdet uns helffen, nit durch unszern verdienst, sonder einnigk und allein, damit sein gottlich barmhertzigkeit, die gewalt und ere seines gottlichenn wortes, offenbar werde. Hartmuth v. Cronberg 47 neudruck; da sie durch den bericht des tuchhändlers auf den gedanken gekommen war, es könne wohl die gewalt der töne gewesen sein, die an jenem schauerlichen tage das gemüth ihrer armen söhne zerstört und verwirrt habe; so fragte sie die klosterschwester. H. v. Kleist (die heilige Cäcilie) 4, 203; sie (die scheiben) sind sämmtlich von 1570, aber an der starken stellung der gerüsteten männer, an der gewalt der heraldischen thiere, an den tüchtigen körpern der zierrathen, an der lebhaftigkeit der farben, sieht man den kerngeist der zeit. Göthe (Schweizerreise vom jahre 1797) 43, 163; alles ist an ihm (dem torso) in flusz und bewegung in den allergelindesten umrissen. man sieht alle theile und ihre macht und gewalt, jede fiber ist in regung. Heinse (Ardinghello) 1, 225; er drückte an der klinke der thüre. da sie sich aber so nicht öffnen lassen wollte, so stemmte er sich mit der ganzen gewalt seiner schultern gegen sie. Immermann werke 3, 135;

die lanze traf
geführt mit sicherheit mir das visir.
dasz, eurer nicht ein würd'ges, euer rosz
gefällt ward unter euch vom kräft'gen stosz
zeugt der gewalt allein des lenkenden.
Chamisso Fortunati glückseckel 15 neudruck.


3)) über diese und andere verbindungen hinaus hält das wort in der neueren sprache die bedeutung 'kraft' gerne fest, es strebt namentlich nach der verbindung mit entsprechenden synonymen.
a)) bittet und ruft gott an umb hülf und stärcke, oder umb seine gewalt, damit er den bischoff und tyrannen hindere oder ändere. Luther (an die christen bei Freiberg 1531) 54, 238 Erlangen; was gewalt und sterck die liebe verborgen dreit. darumb du dich mit höchstem fleisz davor bewaren unnd hüten solt, ein ebenbild ab mir nemmen und dich diszem gewalt nimmer mehr underwürfflich machen. Wickram Galmy 9;

dan böser leut ms ir arm' nt gewalte
brechen entzwai: gott' aber wunderlich
ist immerdar der frommen aufenthalte.
Melissus (psalm 37) 138 neudruck;

gewalt und stärke giebt kein recht, die schwachen zu unterwerfen. Wieland (goldener spiegel 2, 6) 7, 117; ich bin über die stärke und zartheit, über die gewalt und ruhe so erstaunt und auszer aller fassung gebracht, dasz ich nur mit sehnsucht auf die zeit warte, da ich mich in einem zustande befinden werde, weiter zu lesen. Göthe (Wilhelm Meisters lehrjahre 3, 2) 18, 310; weil nie dergleichen oder nicht in solcher gewalt und stärke erlebt worden war. Stifter studien 1, 382.
b)) do ist denne wiltnisse und wasser z eime zeichen, das irdensch gewalt und kraft gegen gotte nut verfohet. d. städtechron. 8, 248 (Königshofen); der eingang ins bad soll gemach und langsam sein, damit die krafft und gewalt des bades ... nicht etwa eine gute wirckung verhindert. med. maulaffe 590;

wie nu des herren stim gefährlich
als voll kraft, macht, gewalt und wuht,
so herrlich ist sie und vermehrlich,
vermänget mit dampf, hitz und glut.
Weckherlin gedichte 2, 105;

im stillen krafft und fähigkeit (das heist gewalt) zu sammlen, zu halten, und auszuarbeiten und auf glück zu warten wo das mögte zu brauchen sein. Göthe (an Charlotte von Stein 1780) briefe 4, 216; denn ihr bildet euch ein, ihr seid kräftig,

[Bd. 6, Sp. 4969]


und seid doch alt; ihr denkt, ihr habt gewalt, und seid schwach. Tieck don Quixote 2, 49; das ist eine grosze rarität; es ist das schwert Caroli Magni, seit tausend und mehreren jahren beim oberhofe aufbewahrt und noch in voller kraft und gewalt. Immermann 1, 166; wenn ich an die kraft und gewalt ihrer figuren mich erinnere, an den tiefsinnigen, freien, groszen, unerschrockenen humor in Octavian, Zerbino, Kater, Däumchen, Blaubart, Fortunat und in der verkehrten welt so weisz ich nur ein gegenbild zu diesem lustspiele in der ganzen geschichte der poesie zu finden: es ist das des Aristophanes. 4, 9; als dieser aber ihm nun die hand gab und die seinige mit einem prahlerischen drucke schüttelte, um ihm seine grosze kraft und gewalt anzukünden, erwiderte der sohn unverweilt diesen druck, so dasz die gewalt wie ein blitz in den arm des alten zurückströmte und den ganzen mann gelinde erschütterte. G. Keller (leute von Seldwyla) 4, 211.
c)) das gewissen erferets, das ein nachdruck und gewalt bei dem göttlichen wort ist. Luther 16, 118 Weimar; bei der stelle: viel böses zu erzählen pp. haben sie ganz recht, die gewalt auf: böses zu legen. Göthe (an Kayser 26. oct. 1785) briefe 7, 112; Schiller hat deswegen einen guten gedanken gehabt, dasz er ein kleines stück die Wallensteiner als exposition vorausschickt, wo die masse der armee, gleichsam wie das chor der alten, sich mit gewalt und gewicht darstellt. (Schweizerreise 1797) 43, 10.
d)) dann viel mittelmässiger bild sind dorzwischen zu finden, und es ist auch ein grosse kunst, welcher in groben bäurischen dingen ein rechten gewalt und kunst kann anzeigen und recht brauchen. Dürer nachl. 247; der feurigste maler darf nicht sudeln, so wenig als der feurigste musikus falsch greifen darf; das organ, in dem die gröszte gewalt und geschwindigkeit sich äuszern will, musz erst richtig sein. Göthe (an Fr. Müller 21. juni 1781) briefe 5, 137; man musz überhaupt eine gewalt, die nach und nach wirkt, nicht mit der gewalt vergleichen, die plötzlich wirkt. ein tropfen wasser ist, denke ich, doch wohl ein schwächerer körper, als ein stein; und dennoch bleibt der alte satz wahr: gutta cavat lapidem. Richter chirurgische bibliothek (1777) 4, 574.
γ) die bedeutungen 'zwang, überwältigung, vergewaltigung, gewaltthat'. die vorstellung der kraft, wie sie sich in der parallele mit lat. virtus in wendungen nach art der eben belegten entwickelt, beruht auf der unterdrückung oder verdrängung des relativen momentes, das dem worte gewalt von hause aus beiwohnt. die factoren, an denen die kraft sich miszt, haben in solchem zusammenhang auf den bedeutungsinhalt des substantivs keinen einflusz gewonnen, und so wurde der absolute begriff vorbereitet. eine ganz andere richtung nimmt die bedeutungsentwicklung, wenn der widerstand, den andere machtfactoren ausüben, lebhafter empfunden wird; von hier aus breiten sich je nach dem zusammenhang, je nach der verbindung mit synonymen oder gegensätzen, nach der anknüpfung an einzelne anlässe, die verschiedenen abstufungen des begriffes 'überlegene kraft' in der paralle mit vis, violentia aus.
1)) übergänge zwischen den bedeutungen 'kraft' und 'zwang' in der präpositionalverbindung mit gewalt: dies saamenkorn fällt in die erde! da liegts und erstarrt; aber nun kommt sonne es zu wecken: da brichts auf: die gefässe schwellen mit gewalt auseinander. Herder werke 5, 532; der jüngling fühlt den eindruck innig und unauslöschlich: er fühlt ihn nachher wieder und wenn der dunkle, abentheuerliche, nichtssagende eindruck nach den guten gesetzen der seele von selbst anfängt, schwächer zu werden; so verstärkt er ihn mit gewalt! er erzwingt sich andacht — welche andacht! (fragmente zu einer archäologie des morgenlandes) 6, 93; mitten unter schönheiten der alten wird das gefühl an schönheit verhärtet, und der geschmack mit gewalt gezwungen, dasz er sich verwahrlose und nach elenden, kindischen, unsinnigen zwecken laufe. 5, 652 u. a. (vgl. mit gewalt III, 3); ähnlich ich hab das durch gewalt gezwungen gethan vi ac necessitate coactus, et irritus hoc feci. Aler (1727) 933a.
2)) ausprägung des momentes der überlegenheit über andere machtfactoren.
a)) macht ist ein vermögen, welches grossen hindernissen überlegen ist. eben dieselbe heisst eine gewalt, wenn sie auch dem widerstand dessen, was selbst macht ist, überlegen ist. Kant 7, 111;

von der gewalt, die alle wesen bindet,
befreit der mensch sich, der sich überwindet.
Göthe (die geheimnisse) 13, 185;

[Bd. 6, Sp. 4970]



unsägliche gewalt, die mich beherrscht,
entfliesset deinen lippen. (Tasso 5, 4) 10, 237;

drum eben ist gewalt gewalt genannt,
weil sie entgegen tritt dem widerstand.
Grillparzer (ein bruderzwist 5) 7, 142;

der engel zu pferde in der kirche ist etwas ungereimt; aber er macht ein herrlich bild von schnelligkeit und unwiderstehlicher gewalt. Heinse Ardinghello 1, 192; jenes überwältigen des besseren durch unwiderstehliche gewalt zertrümmert das augenblickliche glück, aber vermehret die innere kraft, sie weckend und in sich zurückdrängend. W. v. Humboldt geschichte des verfalls der griech. freistaaten 156 (d. litteraturdenkm. 58);

verwegner traum! doch wie du immer seist:
mich treibt zu dir allmächtige gewalt,
gebannt in deine kreise liegt mein geist.
Geibel juniuslieder 288;

unwiderstehlich war die anziehungskraft, die Tasso auf die prinzessin ausgeübt, sie ist von dieser gewalt nicht blind ergriffen und fortgerissen worden, denn sie weisz mit voller klarheit, was sie bewegt und zu ihm hingezogen hat. K. Fischer Göthes Tasso 403.
b))

de sint di al gesat vor ein exempel,
ok holt men se grôt in godes hilgem tempel,
alse Paulus, Antonius, Jeronimus unde Macharius, ....
mit al den anderen vaders, der er name gode ist bekant,
der ere sele in dessem levende heft geholden de overen hant,
unde den lîcham undergeholden in groter spengicheit,
unde hebben alsus den hemmel gekregen mit gewalt unde strengicheit. des dodes danz 868 Baethcke;

nach dem er vor aller litis contestation, das ist, vor aller rechtfertignusz willig und frei, auch mit keinem gewalt, noch zwang gedrungen .. ein warhafft geschicht, wie Caspar Tawler bürger zu Wiene ... (1524) 3; da hat den bundsstenden der bischoff und capitel solichen zwang und gewalt aines rats anzeigt, und das inen beschech wider recht, bundsordnung und alte gewonhait. Sender chronik von Augsburg, d. städtechroniken 23, 357; es wirt kainer under allen des gewalts werden, der mich nöten wolt, den bogen jm, und nit dem gast zraichen. Schaidenreiszer Odyssee 90a; alsdann wird die nothwendigkeit eingebracht, wenn der thäter dasjenige, was er gethan hat, aus noth und gewalt gethan habe. ausführlicher discurs und bedencken eines teutschen katholischen patrioten bei Londorp 1, 269b (vgl. Cicero de juvent. 2: necessitas infertur, cum vi quadam reus, id quod fecerit, fecisse defenditur);

gewalt und zwang
hat kein fortgang
und weret nicht lang.
Lehmann florilegium 935; vgl.
Hoffmann spenden 1, 68;

ein thorheit der menschen ists, da gott jedem sein land und leut, sein hausz und nahrung hat zugeeignet und verzeunt, das einer den zaun will brechen, und sein hausz mit ander leut zwang und gewalt ergrössern. Lehmann florilegium 310; gewalt geschicht durch zwang und uberreden. 305; die gewalt hat ihn gezwungen, vis eum adegit. Steinbach 2, 921;

wer weisz, wo sie der wüthende verbirgt,
welcher gewalt sie frevelnd sich erkühnen
ihr herz zu zwingen zum verhaszten band.
Schiller (Tell 4, 2) 557a.


c)) gegen gewaldt ligt witz zu füssen, ubi vi res geritur, sapientia e medio pellitur. Lehmann florilegium 307; weisheit übertrifft gewalt und macht. rechtssprichwörter von Graf und Dietherr 529; das exempel des Orpheus, welcher durch die gewalt seiner saiten, Eurydicen von den unerbittlichen richtern, ob schon unter einer allzustrengen bedingung erhalten, wird ziemlich weitläufig berührt, und endlich wird geschlossen, dasz ein sieg, der über das reich der schatten durch gesänge erhalten worden, auch wol durch gewalt zu erreichen sei. Lessing (von den trauerspielen des Seneca) 6, 177; damahls geschah es, dasz einer den andern mit gewalt oder mit list von dem throne drang. Steinbach 2, 921;

und wann gewalt nicht hilft, so zittre vor der list.
Uz (sieg des liebesgottes) 295 Sauer;

dies konnte das volk beantworten, nicht aus staatseinsichten, sondern weil jeder bürger streiten muszte, und das in einem feldzuge, wo es mehr auf list und gewalt, als klugheit und wiszenschaft ankam. Herder (haben wir noch jetzt das publikum und vaterland der alten) 1, 16; eure artigkeit wird uns stärker nöthigen, als eure gewalt. Wieland Shakespeare 2, 66 (wie es euch gefällt 2, 8); als ich mich hier mit

[Bd. 6, Sp. 4971]


bitten und gewalt bis an die barriere durchgearbeitet hatte, stand ich dicht neben ihr. Th. Storm (auf der universität) 2, 117; gewalt ist nicht tapferkeit. Logau überschrift zu 1, 4, 55; Lomellin. aber sie werden eine buhlerin suchen, und eine empfindlerin finden. Gianettino. gewalt ist die beste beredsamkeit. Schiller (Fiesko 1, 5) 3, 21;

mit welchem schlosz verwahr' ich eure treue,
das nicht Sankt Peters schlüssel öffnen kann?
gewalt nur ist die einz'ge sicherheit,
kein bündnisz ist mit dem gezücht der schlangen. (Maria Stuart 3, 4) 12, 499;

so vil leuchtet ein, dasz sich weder der wille bei der absichtlichen, noch der affect bei der sympathetischen bewegung, gegen die von ihm abhängende natur als eine gewalt verhalten dürfe, wenn sie ihm mit schönheit gehorchen soll. (über anmuth und würde) 10, 95;

nie war natur und ihr lebendiges fliessen
auf tag und nacht und stunden angewiesen.
sie bildet regelnd jegliche gestalt
und selbst im grossen ist es nicht gewalt.
Göthe (Faust 2, 2) 41, 150.


d))

ich (Venus) zwing allein all fürsten herren,
mins gwalts kan sich kein man erweren.
Murner die geuchmatt n 3a;

vim vi pellere jura sinunt; das ist, die rechte gebenz zu, das man gewalt mit gewalt were. Luther (sermon vom wucher 1529) 6, 37; sich wider gewalt wehren, contra aliquem decertare. Weismann 156; ebenso Aler 933a; item dieweil alle recht zlassen, dasz mann gewalt mit gewalt abtreiben möge, so ist niemandt verwert sich selbs bei seiner habenden possession mit gewalt zubeschirmen. statutenbuch (Franckfort 1558) 102a; vim vi repellere, gwalt mit gwalt abtreiben oder widerston. Frisius 1390a; ebenso noch Weismann 156; dero wegen gedachten sie gewalt mit gewalt abzutreiben, da fieng man an stösse auszzutheilen von beiden seiten her. Grimmelshausen Simplic. 172 neudruck; es ist gleichwohl zu recht versehen, dasz man wohl gewalt mit gewalt vertreiben möge. Jag. Ayrer proc. 4 (1680); gewalt musz gewalt vertreiben. rechtssprichwörter von Graf und Dietherr 590; ein man mag wohl gewalt mit gewalt vertreiben; gewalt mag man wohl mit gewalt, macht mit macht wenden. ebenda; sie hätten eben gewalt mit gewalt vertrieben, und da sei könig Teleklos umgekommen. Lessing (Kleonnis) 3, 361; gewalt ist eher mit gewalt zu vertreiben; aber ein gut gesinntes, zur liebe und theilnahme geneigtes kind weisz dem hohn und dem bösen willen wenig entgegenzusetzen. Göthe (dichtung u. wahrh. 2) 24, 105; da wieder verhoffen unsz oder den unserigen von den soldaten einige beschwerung zugefugett werden solt, wir alszdann gewaldt mit gewaldt zu steuren unvorgeszen sein wolten. (Greifswald 1624) balt. stud. 15, 39; gewalt! gewalt! wer kann der gewalt nicht trotzen? was gewalt heiszt, ist nichts: verführung ist die wahre gewalt. Lessing (Emilia Galotti 5, 7) 2, 448; wir konnten darauf nichts antworten, weil wir der gewalt nicht trotzen konnten. Frankfurter nationalvers. (9) 6879;

denn wer der list sich wohl noch fügen will,
wird der gewalt sich widersetzen.
Göthe (Epimenides erwachen) 13, 277;

in Kopenhagen hatte man nicht übel lust, bei dem erscheinen von bundestruppen an der Elbe gewalt der gewalt entgegen zu setzen. Sybel begründung des deutschen reiches 3, 96; wider den gewalt ist kein rath ohne das gebet. Henisch 1592; wer kan wider gewalt. 1591; wer kan für gewalt, ferenda est vis et injuria, cui resisti non potest. Weismann 156; ich glaube aber, dasz wir hier uns ganz unnütz der gewalt entgegenstellen würden, oder dasz es ein comödienspiel wäre, wenn wir noch länger versuche machen wollten, hier noch länger sitzungen zu halten, nachdem man die gewalt gegen uns consumirt hat. die gewalt ist consumirt. Frankfurter nationalvers. (9) 6884a; die Athener waren unvermögend der gewalt zu widerstehen, und Klisthenes muszte mit den seinen in die verbannung ziehen. Schlosser weltgeschichte (1844) 1, 323;

ihr schönen in Britannia! .... verschönert durch die zärtlichkeit,
durch ein erröhten und durch furcht, hierinn, wenn ihr nicht sicher seid,
bestehet euer gröszter reiz: bei jeder handlung, jedem wort,
in eurem freundlichen gesicht, mit süsser röthe, schnell zu wallen,
und vor der mindesten gewalt zu zittern, wird uns stets gefallen.
Brockes Thomsens jahreszeiten (der herbst) 343;

ich war einmal in den händen des stärkern: ich muszte der gewalt weichen, und folgte meinem führer, wohin er mich leitete. Uz 338 Sauer; ich weiche der gewalt. Kotzebue almanach

[Bd. 6, Sp. 4972]


dramat. sp. 2, 255; wir haben unsere pflicht gethan, sind nur der gewalt gewichen, und das war vorerst alles, was hier zu thun war. Frankfurter nationalvers. (9) 6879a; ich bin für eine öffentliche sitzung und wir dürfen erst einer ganz anderen gewalt weichen, als der, welche heute angewandt worden ist. 6879b.
3)) bei der überlegenen kraftentfaltung, bei der ausübung unwiderstehlichen zwangs, wirkt ein moment der überraschung, des ungestüms mit, das im bedeutungsgehalt von gewalt ebenfalls raum gewinnt. an menschlichen handlungen wird es als leidenschaft empfunden und in gegensatz gestellt zu besonnener überlegung. bei sonstigen ereignissen entwickelt es die vorstellung des schreckhaften. vgl. hierzu die adjectiva als attributive begleiter unter III, 2.
a)) das moment der leidenschaftlichkeit wird ausgeprägt: und das grössest, dz diser unwissendt gewalt theologus will den christenlichen glauben uff zitlich, liplich fürstenthm und heidnisch herschafft gründen. Karsthans 163 Kurz; gewalt und hochmut stürtzet manchen man und statt. Henisch 1592; gewalt und zorn zusammen ist der todt. ebenda; gewalt und zorn, machen alle ding verworn. Lehmann florilegium 304;

namen in bald mit zorn und gwalt
und warffen auff die erde,
durchschlagen wardt mit nagele hart
sein hend und fuosz mit gferde.
Martin Myllius bei
Wackernagel das deutsche kirchenlied 2, 1105;

was mit gewalt geschieht, das hat jmmer seine mängel. Lehmann florilegium 309; weiszheit regiert über gewalt. Henisch 1592; weiszheit regiert durch wort, nicht durch gewalt. kunst gehet über gewalt. ebenda; aller gewalt ist unbewust, auser des jägers verfolgung. Butschky hochdeutsche canzellei 2, 300; (Julian) nahm so viel er konnte, philosophie, pythagorism und platonism zu hülfe, um allem den feinsten anstrich der vernunft zu geben — setzte alles auf den triumphwagen des gröszten gepränges, von den zwei unbändigsten thieren, gewalt und schwärmerei gezogen, von der feinsten staatskunst gelenkt — alles umsonst! sie erlag! sie war verlebt! Herder 5, 518 (auch eine philosophie der geschichte); vis, gewalt oder ungestümigkeit. Frisius 1390a; violentia, ungestümer gewalt. Calepinus (Basel 1570) vgl. sp. 4952 und 4953 (unten); ich achte aber, das sie erstlich nit mit gewalt oder ungestümmiglich, sonder mit einer listigkeit, und kunst, z sollichen sachen kumen sein. Hutten (Vadiscus: arte .. non vi aut violentia) 4, 191;

der jüngling tet sich keren,
er hb sich auf die vart
zu ainem frawenkloster ...
drein trat er pehende,
das schafft der gewalte sein.
Uhland volkslieder 2, 859;

bis dir der helle sieg gelingt,
der durch des irrthums blendwerk dringt
und ihm gewalt und nebel raubet.
Hagedorn poet. werke (1770) 1, 14 (moralische gedichte).


b)) die daller verlieren sich mitt gewaltt. Paumgartner briefwechsel 2; es wird mit gewalt warm = plötzlich, schnell und stark. Albrecht Leipziger mundart 122 u. a. vgl. III, 3; das is der e gewalt! Estor (1767) 3, 1409; vgl. Schmeller 22, 908.
4)) besondere abstufungen der bedeutung ergeben sich je nach der art der angewendeten mittel und des verhältnisses zwischen object und subject der gewalt.
a)) der staatsrechtlichen prägung des begriffes 'macht' läszt sich auch aus dem bedeutungsgebiete des 'zwangs' ein analogon zur seite stellen: das übergewicht, das eine machtgruppe über die andere durch anwendung kriegerischer mittel gewinnt. hier steht das verhältnis zwischen object und subject mit der eigenart der angewendeten mittel in einem gewissen causalzusammenhang.
α)) ein torechter regent, der da stat auff dem tach des gewalts zeigt sein unvolkummenheit und laster, die vor verborgen waren. Geiler v. Keisersberg der hellisch löw a 6b; mit dem horn des auffsatzes unnd betrügs stossend auch die behenden kouffleut, und würfft ie einer den andren über das seil .. mit dem andren horn des gewalts, stossend die gewaltigen herren in denen wenig kunst ist, deren decretal und landtrecht ist ... wir wöllens, es musz sein. das irrig schaf A 3a;

auch jener hohes horn,
gewalt, heerzug und zorn
ist nu dahin, zerschlagen und vernichtet.
Weckherlin gedichte 2, 61;

[Bd. 6, Sp. 4973]


vim suscipere contra rempublicam, gewalt wider ein regiment fürnemmen, ist schier einer statt absagen. Frisius 1390a; gewalt musz haben grosz gelt, grosz rüstung, guten rath, beistand und glück. Lehmann florilegium 310;

ach dasz der grosze gott bald gnädiglich von oben
mit starkem donner-arm zerschlüge alles toben,
zertrennte die gewalt und richte gutes auf,
und liesze wiederm der tugend freien lauf!
Schottelius friedens sieg 39 neudruck;

es lehret zwar die erfahrung, dasz mehrentheils einige gewalt darbei mit unterlauft, wenn besonders der andere theil sich widersetzet, und kein pfand abnehmen lassen will. Klingner dorfrechte 2, 259; es scheint also dem gang der dinge gemäszer, dasz der erste könig ein usurpator war, den nicht ein freiwilliger einstimmiger ruf der nation (denn damals war noch keine nation) sondern gewalt und glück und eine schlagfertige miliz auf den thron setzen. Schiller (erste menschengesellschaft) 9, 143; was eine jede religionsparthei in dem Augsburger frieden rettete oder gewann, verdankte sie der gewalt, dem zufälligen machtverhältnisz, in welchem beide bei gründung des friedens zu einander gestanden. (dreiszigjähriger krieg 1) 8, 18 (gewalt fällt in den ausgaben von 1802 und bei Körner aus); allen krieg- und frieden-schlüssen liegt durchaus noch ein höheres bindmittel, als die gewalt .. unter, nemlich vertrauen auf irgend ein abgewonnenes wort. Jean Paul Levana 2, 156; herr Uhland aber hatte die güte, mir sagen zu lassen, dasz seine meinung wäre, wir müszten uns in einem zuge, alle die abgeordneten, die sich gerade zusammenfänden, an ort und stelle begeben, um, wenn es sein müszte, die gewalt an uns consummiren zu lassen. Frankfurter nationalvers. (9) 6877a; wer im kriege ohne erlaubnisz des kommandirenden generals oder gegen ein ausdrückliches verbot, bewegliches gut der landesbewohner im diesseitigen oder fremden, selbst feindlichen staatsgebiet, mit androhung oder ausübung von gewalt sich zueignet, ist wegen plünderung mit ... mehrjähriger festungsstrafe zu belegen. preusz. milit. strafgesetzbuch § 148 (bundesgesetzblatt von 1867 s. 219).
β)) die bedeutungsverschiebungen, die sich aus solchen verwendungen der präpositionalverbindung mit gewalt ergeben, sind schon in der mittelhochdeutschen periode (vgl. oben sp. 4940. 4941) belegt und in den verzweigungen 'heer', 'volksmasse', 'menge' nachgewiesen worden. sie haben in der neuhochdeutschen periode ihren besitzstand vermehrt und leben in einzelnen mundartlichen wendungen noch heute fort.
1))) auch musz ich die könige ausz Engelland, ausz Schottland, unnd den könig ausz Irland, umb hülff und beistandt bitten, dasz sie nicht lang auszbleiben, und mit allem jren gewalt kommen, und mir zu helffen sich nicht säumen. buch der liebe 10b; sie bezwongen die Frantsosen wider, sie verdriben, verdrungen sie mit gantzem gewalt und buwetten die statt von mueren und vestigten die mit gewalt. M. v. Kemnat chronik 95; anno domini 26 umb Martini zoch der edel und streng her Jorg von Fraintsperg zu Mundelhain in das Welschland mit einem fuszzewg in groszer geferlichhait, wan er mit gantzer gewalt hinein musset, alle clausen und strassen verlegt waren. Nicolaus Thoman (Weissenhorner historie 145) bei Baumann quellen 1; wie nun der patriarch angezeiget was er gesehen, ist Ferdinandus Gonzaga für andere dieser meinung gewesen, man solte das geschütz und die knecht auff das landt lassen, und vor allen dingen das schlosz Prevesa mit gantzem gewalt durch den sturm erobern. Fronsperger kriegsbuch (1596) 3, 121a; sich mit aller gewalt vertheidigen, se obnixe defendere. Steinbach 2, 921. vgl. auch unter III.
2))) sie zugen auch auf dasmal mit groszem gewalt für Zürich und lagen darvor mit drei velden. Burkard Zink, d. städtechroniken 5, 173 (Augsburg); rückten also mit groszer gewalt für die mordergruben. Bünting Braunschweiger chron. (ausgabe von 1584) 2, 26a; darnach zog der küne held hertzog Heinrich als ein frewdiger lew, mit dem gantzen hellen hauffen für Oldenburg, belagert da graff Christian mit grosser gewalt, dasz er sich besorget, er würde das hausz zu stücken reissen. ebenda (ausgabe von 1620) 147; der ertzbischoff von Bremen kam davor, und stürmet mit grosser gewalt, kundte doch gleichwol nichts auszrichten. 273. ähnlich 304; hertzog Heinrich griff die stad Bremen an, stürmet und erobert sie mit grosser gewalt, und gab sie den krigsleuten. 146; erobert das schlosz und setzet sich mit groszer gewalt hinein. 414; als nun Georg von Frundsberg ... nicht kondten zu hülff kommen,

[Bd. 6, Sp. 4974]


weil die Frantzosen und Venediger mit gröstem gewalt darvor lagen, beschossen und stürmeten ... Frundsbergs kriegsthaten (1568) 2, 25a;

solchs bluetrots feur habt ihr anzündt
in Mähren, Ungern und geschwind
in Österreich und auch
in Schlesien und Lausnitz bald,
ins römisch reich mit groszem gewalt
ist gflogen dieser rauch.
Opel und
Cohn lieder auf den dreiszigjährigen krieg 142;

anno 1474 seind 12 tausend auszerlesene Türcken mit sondern gewalt in die Wallachei eingebrochen, ausz befehl ihres groszfürsten Mahomets alda alles zu verheeren. Abraham a S. Clara auff, auff ihr christen (Wiener neudrucke 1, 68); sich auch gewislich zu versehen, wann sie mit einem gewalt in diese land kommen solten, dasz sie durch deroselben anleitung und beistand ihren intent wol durchtreiben werden. gutachten ... wegen der Holländer conföderation (1614) bei Londorp 1, 173a; so entsteht die neue frage was man thun will, oder vielmehr thun musz wenn sie mit verstärckter gewalt wieder kommen. Göthe (an Karl August 1779) briefe 4, 8 (s. 9 mit verstärckter macht).
3))) Hohenkonigsbergk ... hoit er durch sein lantvogt und hewbtleut im Elsas mit gewalt uberzogen und erobert. M. v. Kemnat chronik Friedrichs I. von der Pfalz 30; darnach lies der pfaltzgrave ziehen mit gewalt vor Hohenburg. 28; do zoch die stat Augspurg uz mit gewalt gen Pairn mit offner banier. d. städtechroniken 4, 82 (Augsburg 1388); do erclagten sich die von Augspurg, wie die herrn von Bairn den frid so barlich geprochen hetten, den der kunig, fürsten und herrn gemacht hetten, und wurden überain, dasz man wolt ain zug ton mit gwalt durch das land ze Bairn gen Regenspurg. Burkard Zink, d. städtechron. 5, 34 (Augsburg); ähnlich 5, 33. 5, 27; do zoh man hie mit gewalt ausz, gereisig und fuszvolck, und zugen den Sweitzern entgegen bisz enhalb Czenn; do chomen die Sweiczer hergegen von Winsheim bisz enhalb Czenn und komen do zu den unsern und zugen do mit gewalt herein. Nürnberg's krieg gegen Albrecht 1450, d. städtechroniken 2, 217; und ist unser meinung hierauf gestelt, wie ir uns beistant hett wöllen thn, wolten wir mit macht und gewalt für den himel ziehen. ein unterred des bapsts und seiner cardinalen bei Schade sat. 3, 84; die in der cleinen stat zugent mit gewalt, mit drigen bannerin, mit den metzsgerin fúr das richthus. Erhard v. Appenweiler, Basler chron. 4, 298; da lagents (die Baiern) mit gewalt fünff tag und prannten die gantzen strasz. d. städtechron. 4, 311 (Augsburg 1372); in der zeit rait kaiser Karl in die mark geen Prandenburg mit groszer ritterschaft und mit groszem volk von herrn und von stetten und lag darinnen mit gewalt. Burkard Zink, d. städtechron. 5, 8 (Augsburg); ähnlich 5, 21;

die stat (Jerusalem) die ward umbgeben gar
vom kaiser mit gewalt. bei
Wackernagel das deutsche kirchenlied 2, 1164;

do offneten die in der statt ein pfortlein, wasser zu tragen ... das wart inne von dem pfaltzgraven abgelauffen und inne gedrungen mit gewalte. M. v. Kemnat chronik Friedrichs I. 64; nobiles homines in possessionem agri publici grassari .. mit gewalt darein gon, oder darz kommen. Frisius (1568 u. a.) 610a; si haben uns mit gewalt angegriffen, lapidibus, ferro .. vi, manu, copiis nos adorti sunt. Aler (1727) 933a; mit gewalt überwinden, aliquem debellare. ebenda; mit gewalt eine stadt erobern. Steinbach 2, 921.
4))) im 1027 jar zoge käiser Conrat gehn Rom mit heeresgewalt. Wurstisen (1765) 99 (mit heereskraft 100); darinn erzellet er (Comines) neben anderem, das nach absterben hertzog Carols von Burgund, so für Nancey bliben, könig Ludwig aus Frankreich, .... die graffschafft Arthois und bede Burgund, dem frewlin von Burgund, mit heeres krafft und gewalt genommen hat. Pantaleon Sleidan übers. (vorrede an den leser) 1557.
γ)) das objectivierte substantiv auszerhalb der präpositionalverbindung: und sampten sich do, und brachten am pfincztag darnach an dem abent vil volcks für daz haus zum Neunhoff, zu rosz und zu fuszen, und ein grosze puchsen; und daz selbig haus was neur ein lusthaus, nit weit von Eschenaw gelegen. darauf waren etlich gesellen, und do sie den gwalt sahen, do ergaben sie sich, und daz haus ward auszgebrant. d. städtechron. 2, 183 (kriegsbericht Nürnbergs von 1449); sie hetten sich auch solchs gen hertzogen Ludwigen nit getrawet und schickten herausz, was der grosz gewalt mainte, den

[Bd. 6, Sp. 4975]


sie ungewarneter sach vor ir stat und umb ir stat allenthalben ziehen sahen. Burkard Zink, d. städtechroniken 5, 238 (Augsburg); do waren dannoch in Lüttich wol sechzig tausent man und hetten die stat wol behalten, sie hetten aber kain hauptmann und forchten den grossen gewalt. Hector Mülich, d. städtechron. 22, 216 (Augsburg); und als er an die stuffen kam, musten jn die kriegsknecht tragen, fur gewalt des volcks, denn es folgete viel volcks nach. Luther apostelgeschichte 21, 35 (um die sterck cod. Tepl., von getreng wegen. Augsburger bibel von 1487) vgl. sp. 4949;

all frid und daidung war zu mat,
derhalb kaiserlich maiestat
hin auf Mailand zu-zohe;
als der Franzos den gwalt vernam,
zu-ruck er eillent flohe, ja flohe.
Hans Sachs (der kriegszug in Sophoierland) 22, 180 Keller-Götze;

darnach aber als sie jre grentz und marck umbher auffgericht und jre besatzungen und gewalt fürtgerückt, seind sie nn ein schlosz und ort des römischen reichs, und zm theil einer provintzen oder vogteien gleich worden. Micyllus Tacitus (Germania) 447a; ein grosser gewalt von feinden, magna manus hostium. Fronsperger 234a; derhalben ein grosser gwalt der leüten z den thoren härausz gangen, mitt höchster freud unnd gottesdienst. Herold Dictys 70;

denn blieb mein Maydel gleich auf unser wahlstatt liegen;
ist es doch nur durch list und meuchelei geschehn;
weil sie, durch redlichkeit, nicht eintzeln konten siegen;
so muste zu dem streit gewalt und menge gehn.
Besser gedichte (1732) 305;

die kaiserlichen haben ihre mögliche gewalt an die Lahn gezogen und wehren sich von Wetzlar bis an den Rhein hinunter was sie können. Göthe an J. H. Meyer (20. juni 1796), briefe 11, 102; ẽ gwald, ẽ ganze gwald, ẽ gwald leut. Schmeller 22, 908; wenn de' gwalt kimmt (menge, übermacht). ebenda; item ein gwalt büecher zur librei khaufft worden. künstler, kunstsachen und gelehrte, so anders betreffend (1590) bei Westenrieder beiträge 3, 71; under tags da haben die Suedischen soldaten weiber und menner allerlei sachen in die statt zuverkhauffen gebracht, ganzen gewalt und menge der rind, vil rosz, noch mehrer reuerent: schwein, weiberschlair, allerlei leinwath. gewiser bericht und urkhundt desz entstandnen ubls und unruehe in Minchen im jar 1632. 7, 316; daraus man achten khan, was eine grosse gewalt fische dar mus gefangen werden. Kantzow chronik von Pommern 412 Gäbel; ain sollicher gewalt von marmelstainen ist kommen, also das dreihundert und sechtzig marmelstainine seulen ... zu ainem gemach des temporarischen dantzhausz, dahin gefürt seind worden. Alpinus Vergilius 67b; gewalt, menge, eine gewalt breite. Schmid schwäb. wb. 515; weld die, überflusz, fülle. J. Müller und W. Weitz die Aachener mundart (1836) 259.
b)) manigfaltig gliedern sich die bedeutungen, wofern einer der beiden factoren individuell bestimmt ist, während im andern das collective moment überwiegt, namentlich sofern dieses letztere corporativ zusammengefaszt ist.
α)) bleibt dieses corporative moment auf der seite des trägers der gewalt, so entwickelt sich die vorstellung einer steigerung oder überspannung der amtsgewalt, dienstgewalt gegenüber von unterthanen und untergebenen:

ob schon mir Rom nit aplasz gibt,
und wil umb wahrheit hassen mich,
so wil ichs leiden gedultiglich.
wer weisz, was noch mag begeben sich.
villeicht ob leid mir widerfert,
würt funden werden hand und schwerdt,
und gegen solchem gewalt gekert.
Hutten (Vadiscus) 4, 148 Böcking;

doch mögen sie davon, und ob sonst andere wege zu finden, rathe suchen zu hofe; denn widder offentlichen gewalt ist sonst wenig rathe, denn allein geduld odder gewalt. Luther (bedenken in wiefern protestantische edelleute in religionssachen .. 1532), briefe 4, 429; damit erlangt er auch sovil, das ime gemaine aidgnossen gepots und gelaitsbrief wider die von Rottweil für allen gewalt zum rechten erkannten. Zimmersche chronik 3, 354; dann es seind doch ie noch redlich leüt under den geistlichen, und solt man sie mit einem gewalt überfallen, so wär z besorgen, dasz der unschuldig mit dem schuldigen gieng. neu Karsthans bei Schade satiren und pasquille 2, 3; Cato der älter hat ihnen vor zeiten zu Rom gesagt: 'die amtleut, und regenten sollt man mit steinen zu tod werfen, die g'walt vermöchten zu erwehren, und erwehrens nit'. Hutten (verteutscht klag an herzog Friedrich) 5, 13 Münch; sie lehren, dasz

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man alle diejenigen, so vom bapst excommunicirt sind, mit gutem gewissen, mit gifft oder gewalt könne, ja solle hinrichten. auszführlicher discurs und bedencken eines teutschen catholischen priesters bei Londorp 1, 280a; Caraffa fieng an wieder gewalt zu protestiren. Kuhnau mediz. quacksalber 58; so wird man zum voraus wohl zu überlegen und sich zu entschliesen haben, ob man im weigerungsfall ihn arretiren und aus dem land bringen, und wie weit man mit der gewalt wenn er sich widersezzen sollte gehen wolle. Göthe (an Karl August 1779) briefe 4, 8; als anstifter wird bestraft, wer einen anderen zu der von demselben begangenen strafbaren handlung ... durch miszbrauch des ansehens oder der gewalt ... bestimmt hat. strafgesetzbuch für den norddeutschen bund (1870) § 48, bundesgesetzblatt von 1870 s. 205; das ist nach meiner meinung der wahre begriff germanischer freiheit, welche nicht mit wüthenden rotten durch die straszen läuft, sich selbst ausrufend, sondern der gewalt eine unsichtbare und stumme schranke entgegensetzt. Immermann (memorabilien) 18, 33 Bobertag; der gerichtsvollzieher ist ... wenn er widerstand findet, zur anwendung von gewalt befugt und kann zu diesem zwecke die unterstützung der polizeilichen vollzugsorgane nachsuchen. strafgesetzbuch für den norddeutschen bund (1870) § 678.
β)) dem gegenüber entwickelt sich da, wo das collective und corporative moment in dem zielpunkt der gewalt liegt, der begriff 'aufruhr':

da zerret an der glocke strängen
der aufruhr, dasz sie heulend schallt,
und nur geweiht zu friedensklängen
die losung anstimmt zur gewalt.
Schiller (glocke 368) 11, 317;

ist bei einem auflaufe gegen die beamten oder die bewaffnete macht mit vereinten kräften thätlicher widerstand geleistet oder gewalt verübt worden, so treten .. die strafen des aufruhrs ein. strafgesetzbuch für das deutsche reich § 116, vgl. auch § 106 und ähnlich § 113 (s. schon bundesgesetzblatt von 1870 s. 218) vgl. auch unten sp. 4986. 4983.
c)) wenn beide factoren individuell bestimmt sind, nimmt das wort zunächst privatrechtlichen charakter an, greift aber von hier aus in das strafrechtliche gebiet über.
α)) das machtverhältnis wird nicht näher angedeutet: wa iren ainem von iemands ainicher gewalt und schad beschehen wellte, das die andern alle disen betrengten bei recht handthaben und leib, blut und gut zu ainandern setzen wellten. Zimmersche chronik 1, 146 u. a. (vgl. die zahlreichen ähnlichen verbindungen unter III, 4); also vermaint der Fugger, es sollt im das auch also hingeen, man derft in nit anfechten, aber Matheisz Öhen kham für ain rhat, beclagt sich solliches gewalts. Langenmantelsche chronik, d. städtechron. 23, 244 anm. 1; doch soll dem gegentheil seine notturfft und einrede (da er einige zu haben vermeint) wider solchen gewalt fürzubringen, hierdurch unbenommen, sondern vorbehalten sein. Frankfurter reformation (1578) 1, 6 § 5; wär es dann sach, das ain gerichtsman, so weit von der obrigkait, durch böse leüt angriffen wurde, mag er seine nachtbarn umb hilf und beistand anrüefen, damit er sich des gewalts erwerth. landrecht von Wartenfeld (1585), österr. weisth. 1, 161; da er mir sagte, dasz Gabrias bereit wäre, über gewalt gegen mich zu klagen. Wieland (Peregrinus Proteus) 28, 100; die nothwehr findet aber nur gegen eigenmächtige gewalt, und auch gegen diese nur alsdann statt, wenn die obrigkeitliche hülfe die beleidigung weder abwenden, noch den vorigen zustand wieder herstellen kann. landrecht der preusz. staaten (1832) 2, 20 § 518; gegen gewalt musz jeder inhaber und besitzer geschützt werden. 1, 7 § 141. vgl. auch § 142. § 143; ist die gewahrsam oder der besitz, obigen vorschriften zuwider, jemanden mit gewalt entnommen worden, so müssen ihm dieselben, ohne rücksicht auf ein besseres recht dessen, der die gewalt verübt hat, wiedergegeben werden. § 146; eben so wenig können durch gewalt erzwungene, oder durch betrug veranlaszte handlungen oder duldungen den besitz eines rechts bewirken. § 97; wer mit gewalt gegen eine person oder unter anwendung von drohungen mit gegenwärtiger gefahr für leib oder leben eine fremde bewegliche sache einem andern in der absicht wegnimmt, sich dieselbe rechtswidrig zuzueignen, wird wegen raubs mit zuchthaus bestraft. strafgesetzbuch für den norddeutschen bund (1870) § 249; wird die erpressung durch gewalt gegen eine person oder unter anwendung von drohungen mit gegenwärtiger gefahr für leib oder leben begangen, so

[Bd. 6, Sp. 4977]


ist der thäter gleich einem räuber zu bestrafen. § 255; wer einem kameraden ... eszwaaren, getränke, taback oder gegenstände zur reinigung oder zum ausbessern der sachen zum eigenen gebrauch ohne anwendung von gewalt an sachen entwendet oder veruntreut, wird das erste mal disziplinarisch mit strengem arrest bestraft. geschieht dies aber zum zweiten mal, oder ist bei verübung der that gewalt an sachen angewendet ... so tritt die strafe des einfachen diebstahls ein. kriegsartikel für das preusz. heer (1852) § 46, bundesgesetzblatt von 1867 s. 315.
β)) das verhältnis des stärkeren zum schwächeren:

ja, was heiszt
bei dir gewalt? mit feu'r und schwert? nein, nein,
was braucht es mit den schwachen für gewalt,
als ihre schwäche.
Lessing (Nathan 2, 3) 3, 55.

mit vorliebe wird dieses verhältnis an dem unterschied der geschlechter ausgeprägt und der begriff der gewalt von hier aus auf das sexuelle gebiet übergeführt.
1))) nimmermehr, mein herr; ich geb es nimmermehr zu. — es geschieht ohne meine einwilligung. — das heiszt gewalt brauchen, mit gewalt besitz nehmen. — aber gewalt wider eine schwache, unglückliche; — ein mann sollte sich dieser gewalt schämen. Lessing (die matrone von Ephesus) 3, 460; lasz ab! beschöne nicht die gewalt, womit du ein wehrloses weib zu zwingen denkst. Göthe (Iphigenie in prosa 5, 3) 57, 87 (vgl. die sich der schwachheit eines weibes freut in der späteren fassung).
2))) so jemandt einer unverleumbten ehefrawen, witwen oder jungfrawen mit gewalt unnd wider jren willen ihre junckfraulich oder fräwlich eer neme, derselbig ubellthatter hat das lebenn verwurckt. Carolina 62 Kohler-Scheel; doch bei langem wirdt der bruder gar entzündet unnd schendet die schwester mit gewalt. Pauli schimpf und ernst 176b; violare notzwingen, mit gewalt schwechen, verletzen. Ambrosius-Calepinus (1570); violatio, verletzung, anfallung mit gewalt z schenden. ebenda; violator, verletzer, gewalt an thuer, geschender. ebenda; meine jungfräuliche ehre — diese nacht — gewalt! Schiller (Fiesko 1, 10) 3, 33;

die wilde begierde
dringt mit gewalt auf das weib, und macht die lust zum entsetzen.
Göthe (Hermann und Dorothea) 40, 292;

mit zuchthaus bis zu zehn jahren wird bestraft, wer mit gewalt unzüchtige handlungen an einer frauensperson vornimmt. strafgesetzbuch für den norddeutschen bund (1870) § 176. vgl. strafgesetzbuch für das deutsche reich § 176. 177, vgl. auch gewalt anthun unter III, 4.
5)) die objectivierung knüpft an die verschiedenen eben belegten bedeutungen an, bevorzugt aber die individuell gebundenen. ein äuszeres kennzeichen der objectivierung liegt in dem zutritt von pronominalformen zum substantiv. die neuere sprache hat diese abgestreift.
a)) dann es ist kein gewalt vordriszlicher unnd unleidlicher, dann wo man des vorgewältigten noch darz spottet, und in z seinen unglück übet und trötzet. Hutten (Vadiscus) 4, 158 Böcking.
b)) dwile here Niclais Petern geschuldiget hait umb ain gewalt und nit umb ein frevel, und mit recht gewiset ist, daz es keine gewalt ist dann ein frevel, so sal here Niclais den kosten gelden. der Ingelheimer oberhof (1448) 267 Lörsch; eine unscholt geboden vor den ofgemessen schaden und umb einen gewalt. (Oberwesel 1449) 283; das ist ein gwalt wann es geschicht on offen ursach. Terenz (1499) 112b (anmerkung des übersetzers); wa aber jemandt uss forcht eins gewallts unnd nit der meinung, jemandt vom rechten zu dringen, ann unverdachtlich ende enntwichen, der hat dadurch disse vorgemellte straffe nit verwurckt. Carolina 66 Kohler-Scheel; so ein fehler befunten wiert, von der herrschaft dasz gehörige einsechen und die verdiente bestraffung vorgekert wiert, ohne dasz man ditszfahlsz einen richter einen gewalt oder bestraffung zuelaszet. marktordnung von Pöllau (1547), österr. weisth. 6, 141.
c)) derhalben, als sie den gewalt und straf gottes augenscheinlichen sachen, baten sie gott umb gnad und verzeihung. Zimmersche chronik 1, 283; kumbt iemant, der zu schaden gen wolte, das sullen sie understen und denselben davon weisen, wolt sich aber derselb oder mer darinn frävenlichen halten und in gwalt beweisen oder mit gwalt in die hueten prechen, desselben gwalts si sich sullen wern nach irm vermügen. dorfrecht der gemeinschaft zu Tirol (1462), österr. weisth. 51, 57; aller der gewalt, schad, ungemach der dem gotzhaus geschicht

[Bd. 6, Sp. 4978]


an leuten oder an gut, den schol der an unser stat vogt ist, ze hant und er daz vernimmt, pezzeren. übersetzung einer lat. urkunde (Seckau 1207) aus der 1. hälfte des 14. jahrh. bei Zahn urkundenbuch von Steiermark 2, 85; aller gewalt odder betrübung, die einem inn seiner possession zugefüget, sollen inn dem gericht, darinn dieselben beschehen, gerechtfertiget werden. Frankfurter statutenbuch (1558) 103b.
d))

denn ist
nicht alles, was man kindern thut, gewalt? —
zu sagen: — ausgenommen, was die kirch'
an kindern thut.
Lessing (Nathan 4, 2) 3, 117;

es ist gewalt! es îst verwegner raub!
nicht pflichtvergessen konnte meine tochter
aus freier neigung dem entführer folgen.
Schiller (braut von Messina) 515b;

vgl. DWB gewaltthat (s. d.) im gegensatze zu gewaltthätigkeit (s. d.).
e)) gewalt schreien (zu anderen ähnlichen accusativen bei schreien vgl. theil 9, 1719):

der häscher steht erstaunt und schreit zuletzt: gewalt!
dasz von dem lauten ruf die höhle widerschallt.
Zachariae (renommist 5) 1, 93;

gewalt schreien, chiamare aiuto, crier haro, réclamer, apeller à son secours. Rädlein (1711) 380b; gewalt, gewalt! o rettet! kommet mir zu hülffe, die ihr ehre und keuschheit achtet. Gryphius Horribili. 69 neudruck;

herbei, ihr männer, gute leute helft!
gewalt, gewalt, sie führen ihn gefangen.
Schiller (Wilhelm Tell 3, 3) 14, 353;

gewalt! gewalt! .. ach gnäd'ger kaiser!
sie plündern drin im haus, sie zünden an
und gönnen selbst den todten nicht die ruh!
ach schützt uns, herr.
Grillparzer (könig Ottokar 5) 65, 143.


δ) gewalt = frevel und = unrecht. die ausübung der überlegenen kraft wird an dem maszstab der moral oder des rechtes gemessen: gewalt, gewaltthätigkeit vis, violentia. Bayer 290. Aler 1727 u. a. vorbereitet und angedeutet war diese beurtheilung auch schon in manchen der eben belegten beispiele, doch fehlte die besondere ausprägung dieses momentes, die in den folgenden belegen hervortritt.
1)) die beurtheilung unter dem gesichtspunkt der moral:

den armen man nit underdruck
durch biebari und falsche stuck:
dez grosen gwalts miszbruch nit sich;
got leit das nit im himmelrich.
Thomas Murner badenfahrt 15, 50 Martin;

richt nun dein thun und lassen
nach gottes gesatz und lehr,
halt dich auff rechter strassen
und gang kein miszgang mehr,
die gerechtigkeit thue da suchen
vor andern tugenden all,
den gewalt thut gott verfluchen
vor andern lastern all. deutsche lieder auf den winterkönig 68 Wolkan.


a)) (die aufrührerischen Gascogner) erwehleten derhalben allerlei befehlhaber, ja einen könig, welche mit grossem stoltz und hochmuth viel städt und leuth durch list und gewalt einnamen und zwungen. Kirchhof wendunmuth (2, 46) 2, 85 Österley; dieweil aber d. Luthers christliche lehre, von allen seiten mit listen und gewalt angefochten, .... schrieb d. Luther an disz edle blut (an Karl V.). Mathesius Luther 48; drei mauren kan noch wohl ein starckes heer besteigen, so feste als sie sind, bricht sie gewalt und list. med. maulaffe 77; er faszt hierauf den entschlusz, seine wuth zu verbergen, ein ruhiges und freudiges ansehn anzunehmen, um seine absichten desto gewisser zu erreichen, in der that aber gewalt, list, betriegerei und alles anzuwenden, wodurch er über das hartnäckige weigern der Virginia siegen könne. Lessing (auszug aus dem trauerspiele Virginia) 6, 95; ich mögte doch auch wider des teufels list und gewalt, die litteratur aufs trockne bringen. Göthe an herzog Karl August (18. jan. 1781), briefe 5, 35;

ausgeartetes kind der bessern menschlichen mutter,
das mit des Römers gewalt paaret des Tyriers list!
aber jener beherrschte mit kraft die eroberte erde,
dieser belehrte die welt, die er mit klugheit bestahl.
Schiller Carthago (nach dem für die prachtausgabe der gedichte angefertigten manuscript; in den ersten drucken: des Römers trotz) vgl.
Gödeke 11, 95;

in der höhle liegt's verwahrt,
vertheidigt von allen gräueln
der list und der gewalt.
Grillparzer (Argonauten 3) (1874) 3, 121;

die ausübung des unrechts geschieht entweder durch gewalt oder durch list, welches in hinsicht auf das moralisch

[Bd. 6, Sp. 4979]


wesentliche einerlei ist. gewalt ist zwang des fremden individuums durch physische causalität. Schopenhauer welt als wille und vorstellung 1, 398 vgl. Frauenstädt Schopenhauerlexikon 1, 288; wer sich eines menschen durch list, drohung oder gewalt bemächtigt .. wird wegen menschenraubes mit zuchthaus bestraft. strafgesetzbuch für den norddeutschen bund (1870) § 234, bundesgesetzblatt von 1870 s. 239; wer eine minderjährige person durch list, drohung oder gewalt ihren eltern oder ihrem vormunde entzieht. § 235.
b)) dez wir aber für uns, helffer und dienner und wenn wir dir zu schaden bringen müssen, gern vertragen wären, als ferr wir dez von hindernüss gross gewalz und mütwillens verderiblichen, den du mit unserm vatter und auch mit uns manig jar bissher getriben hast, müssig und entladen möchten sein. Oswald der jüngere und Gotthard von Wolkenstein an Hans von Vilanders (1441) bei Steinhausen privatbriefe 1, 355; dann man helt das volck gar nahe für knecht ... under denen ergeben sich viel den edlen, wenn sie mit frembdem gelt, mit grossem tribut, oder durch gewalt und mutwillen der potentaten beschwert werden. Ringmann Cäsar (1588) 59a; weil sie, die alte schlange, mit lügen und gewalt die auffsteigende warheit nicht dempffen kondte, erreget sich aus d. Martini zuhörern allerlei zerrüttung und ergernus. Mathesius Luther 76; er traib vil büeberei und gewalt mit dem armen volck. Hector Mülich, d. städtechron. (Augsburg) 22, 241;

(wir sehen) gewalt inn poszheit schweben hoch,
di tugent ghat weit hinden nach.
Schwarzenberg 157a;

gewalt in boszheit itzundt swevet hogh,
de döget geit verne hindernach. jüngere glosse zum Reineke d. V. 128 Brandes;

geitz, gewalt und ubermuth,
verderbet manchen schreiber gut.
Henisch 1592;

glaubt nicht, dasz ich fasele, dasz ich dichte,
seht hin und findet mir andre gestalt!
es ist die ganze kirchengeschichte
mischmasch von irrthum und von gewalt.
Göthe (zahme xenien) 56, 108;

zu Trifels, auf der alten kaiserburg,
dort liegen herrenlos die reichskleinode
im öden saal, den heldengeister hüten,
derweil in deutschen gauen überall
gewalt und zwietracht ungebändigt toben.
Uhland (Ludwig der Baier) 3, 107.


c)) ohne allein ob frevel, gewalt oder andere sache geschehe, das halsz und hand anträfe. Meiszner urkunde von 1384 bei Haltaus 695; bischoff Niclaus war zornig uber die bürger, sagt, sie hetten grosz gefreffelt, und die freiheit der kirchen an jm zerbrochen, wolte das sie jm den freffel und gewalt abtrügen. Aventin chronik 485b; darum geschähe ihnen, nach solcher ihrer lehre, kein unrecht so man sich wider solche unleidliche gewalt und frevel mit gewalt setzete. Luther (predigt am 24. sonntag nach trinit.) 14, 275 Erlangen; darumb lasszt ewer frevel und gewalt und denckt das er mitt recht handlet. von weltlicher oberkeit (1523) E 3a; gewalt ist öffentlicher frevel. glossen zu Lucas 3, 14; dat he ome enjegen wedder sinen willen mit frevell und eigener gewolt, wone und sitte in einen huse. urkunde von 1533 aus Leineberg bei Haltaus 695; unnd lesset jhm unrecht thun, unnd das seinige mit freuel und gewalt abdringen unnd rauben. Mathesius hochzeitspredigten 115 neudruck; ebenso 105; gewalt und frevel bringt endtlich den todt. Henisch 1592;

wer weist nicht, dasz ohn dich ihr wort erloschen wär
im blut-bad frommer leuth, und falscher lährer schwäzen,
die sich an gottes statt mit trotz und frefel säzen,
wenn du nicht dem gewalt stehts hättest abgewehrt
und durch verfolgung erst die glaubigen gemehrt.
Rompler reimgedichte A 3a:

ich wasche, gott, in unschuld meine hände;
wenn ich an mir gewalt und frevel fände,
wie dürft ich meinem gotte flehn.
Kramer psalmen 1, 98;

aver gesten sol man ze allen zeiten richten und umb frävel und umb gewalt und umb unzucht sol man auch richten. rechtbuch von Brixen, österr. weisth. 51, 382.
d))

gewalt, notzwang, ehebruch und schand
zerreissen offt das ehelich band;
wenn aber allweg folgt die rach,
die übern sohn der vatter sprach,
denn ehebruch, unzucht, frawenschänden,
schetzt man kaum werth, sich drumb zu wenden.
Kirchhof wendunmuth (2, 53) 2, 104 Österley;

er (der teufel) kam an eines füersten hoff,
da man spilt flücht, hüert und zusoff;
schinterei, gwalt, krieg rawb und mort,
der füerst sach durch die prillen.
H. Sachs (der teufel sitzt im tanz) fabeln und schwänke 3, 326 Götze;

[Bd. 6, Sp. 4980]


dieweil der satan das evangelium mit keiner gewalt noch ketzerei vertilgen kundt, practicieret er noch weiter. Er. Alberus wider die verfluchte lere der Carlstadter, vorrede;

hör' ich nicht den krieg schon kommen?
steur ihn doch, du frommer gott!
er hat zu gehülff genommen
hunger, armuht, g'walt und tod.
Schottelius friedens sieg 56 neudruck;

gehütet wie den apfel meines auges
hab' ich dies land und diese arge stadt,
und während alle welt ringsum in krieg,
lag einer blühenden oase gleich
es in der wüste von gewalt und mord.
Grillparzer (ein bruderzwist 4) 85, 105.


e))

hie geht vor billigkeit gewalt,
hie hat unschuld kein aufenthalt.
Hutten (klag über den Luterischen brandt) 5, 48 Münch;

violentia notzwang, unbillicher gewalt. Frisius 1385b; ebenso Rihelius; ohn einigen unterscheid hat man alle diejenigen, so nur mussitirt, gegen und über den unbillichen gewalt, dessen sich dann Spanien in dieser occupation gebraucht, ein wörtlein fliegen lassen, hinweg geräumt. spanische sturmglock (1616) bei Londorp 1, 289a; u. a. vgl. auch unter III, 2; sein recht in der scheide tragen, und den gewalt für billigkeit achten. Schottelius hauptsprache 1232.
2)) gegenüberstellung von gewalt und recht.
a))

Hanns Waldman, man seit von dir,
du wellest im land jagen schier, ....
z Zürich brachstu mit gewalt
die armen lte manigfalt,
recht mocht nieman gehelfen,
die hunde hastu all ertöt
mit deinen jungen wölfen.
Liliencron volkslieder 2, 272 (Hans Waldmann 1489);

wer den grösten kolben hat,
der kum von dem galgen uff das rat,
und setz sich da in das wasserbat.
wir narren stecken kein ander zil
dem, der unsz narren geweltigen wil,
on recht unsz wil mit gewalt vertreiben,
und laszt uns nit bei recht bleiben.
Murner vom groszen Lutherischen narren vers 569 Kurz;

denn man helt es dar für gewisszlich, das soliche gewalt nicht rechte sach hatt, und wider recht handle, weil sie on gottes wort feret und sich sonst nicht denn mit blosser gewalt z helffen weisz, wie die unvernünfftigen thier thund. Luther von weltlicher oberkeit (1523) E 2a; darnach theten si (die päpste) das tüchlin recht vom angesicht, namen sich gewalts an, doch mit forcht, einen künig z machen, deszhalb mit den fürsten einen bescheid machten. Judas Nazarei vom alten und neuen gott 26 neudruck; wer zur gewalt schweigt, der verliert sein recht. Lehmann florilegium 307;

gewonheit wird gebot durch brauch und lange zeit.
krieg hat durch dreissig jahr gewalt in recht gefreit.
Logau 3, 1, 38;

den ausspruch rechtens durch den weg der gewalt hintertreiben. Schottelius hauptsprache 1232; die gewalt musz unrechtmässig sein. mancher verbrecher wird zur urphede gezwungen; dieser zwang ist gerecht. alle kriegesgewalt hat die vermutung des rechtens für sich. Estor teutsche rechtsgelehrtheit (1767) 3, 1196;

ein schnöder eigennutz steht itzo an der stelle
des alten götterschwarms des himmels und der hölle.
ihm weiht, ihm opfert sich das menschliche geschlecht,
sein tempel ist die welt und die gewalt sein recht.
Hagedorn poet. werke 1, 88;

was ist gesetz und ordnung? können sie
der unschuld kindertage nicht beschützen?
wer seid denn ihr, die ihr, mit leerem stolz,
durch's recht gewalt zu bänd'gen euch berühmt.
Göthe (natürliche tochter 4, 2) 9, 340;

nicht ist von recht, noch von gericht die rede;
hier ist gewalt! entsetzliche gewalt,
selbst wenn sie klug, selbst wenn sie weise handelt. (4, 1) 9, 329;

geh zu raub und krieg!
hin, wo gewalt gesetz macht! denn wo sich gesetz,
wo vaterwille sich gewalt schuf, taugst du nicht. (Pandora) 40, 396;

dieser religionsfriede also, der die flamme des bürgerkriegs auf ewige zeiten ersticken sollte, war im grunde nur eine temporäre auskunft, ein werk der noth und gewalt, nicht vom gesetz der gerechtigkeit diktiert. Schiller geschichte des dreiszigjährigen krieges 1 (nach den ausgaben von 1802; in den älteren von 1791 ab: ein werk der nothwendigkeit und der stärke, vgl. Gödeke 8, 18);

[Bd. 6, Sp. 4981]


denn nicht vom rechte, von gewalt allein
ist zwischen mir und Engelland die rede.
Schiller (Maria Stuart 1, 7) 12, 439;

schrecklich immer,
auch in gerechter sache, ist gewalt,
gott hilft nur dann, wenn menschen nicht mehr helfen. (Tell 2, 2) 14, 330;

das werk der gewalt, freien männern unziemlich, musz vermieden werden, so lang das recht stimme hat. J. v. Müller geschichte der Schweizerischen eidgenossenschaft 4, 414;

mein heer erwartet mich, dasz wir versuchen,
was die gewalt vermag im dienst des rechts.
Grillparzer (ein treuer diener 1) 65, 169;

herold. beglückt wer hat; das ist ein alt gesetz.
kanzler. so nennt ihr das gesetz? das ist gewalt. (könig Ottokar 4) 6, 109;

nicht der arm der gerechtigkeit, die gewalt nöthigte mich ein land zu räumen, in das man mich berufen, wo ich acht jahre in treuem, ehrenvollem dienste zugebracht hatte. J. Grimm (über meine entlassung) kl. schr. 1, 25; nein, ich erwarte, dasz sie sich als männer und disciplinirte soldaten benommen haben würden, die das recht da gesucht hätten, wo es zu finden, und nicht auf dem wege der gewalt, um es sich selbst zu verschaffen. Frankfurter nationalversammlung (1) 105a; an die stelle der ewigen ordnungen des rechtes, die nach vorübergehender verdunkelung alle zeit nur um so heller leuchten, hat er das banner der gewalt zu pflanzen versucht. darum kann er nicht sitzen unter den männern, denen unser volk die gründung der einheit, die festigung seiner freiheit anvertraut hat, in den wegen des rathes, der mässigung, der weisheit, der geduld. E. Simson (über Hecker) (2) 1489a; wir haben etwas bei uns, was von heut ab in diesem walde stärker sein soll als die gewalt, und das ist unser recht und das gesetz. G. Freytag (soll und haben) 5, 34; von natur, also ursprünglich, herrscht nicht das recht, sondern die gewalt auf erden, welche vor dem recht den vorzug des primi occupantis hat. Schopenhauer parerga 2, 265 vgl. Frauenstädt.
b)) warum lessestu mich sehen mühe und arbeit? warum zeigestu mir raub und frevel umb mich? es gehet gewalt uber recht. Luther Habakuk 1, 3 (et factum est iudicium et contradictio potentior; und es ist urtail worden, unnd das wider sprechen gewaltiger Eck; bei den älteren übersetzern andere auffassung); darumb ist dieser spruch Habacuc; gewalt gehet uber recht, wol bleiben inn der welt. der prophet Habakuk i 4a; der wellt lauff ist, wer frum sein wil, der mus leiden, solt man ein sache vom alten zaun brechen, denn gewalt gehet fur recht, wenn man dem hunde zu wil, so hat er das ledder gefressen, wenn der wolff wil, so ist das lamb unrecht. fabeln 16 (neudrucke 76);

gewalt der geht gar offt für recht,
als ir inn diesem beispiel secht.
H. Sachs (fabel des wolffs mit dem lamb) 5, 80;

es ward auff erden nie so schlecht,
gewalt gieng underweiln für recht,
und hat der hundt schon nichts gethan,
musz er doch ledder fressen han.
Erasmus Alberus fabeln 32 neudruck; ebenso in der schrift 'wider die verfluchte lere der Karlstadter' L 6b;

denn das klagt auch jener armer knecht, das gewalt gehet für recht, unnd ein quintlein gunst wolbereit, uberwigt offt ein centner gerechtigkeit. Mathesius hochzeitpredigten 111 (bibl. d. schriftsteller aus Böhmen);

gewalt gehet für recht
das klaget mancher frommer knecht.
Lehmann florilegium 305;

wo gewalt gehet fur recht
da bin ich lieber herr dann knecht.
Henisch 1592;

es ward auff erden nie so schlecht,
es gieng gewalt stets uber recht. ebenda;

gewalt geht vor recht. Pistorius sprichwörterschatz 296; gewalt gehet für recht jus vi obruitur. Spieser (1700) 151b; ebenso Weismann 156a. Bayer 290a. Aler 933a; gewalt geht vor recht, dov' è la forza, la legge non hà ragione, forza cede alla ragione, se vien la forza, sene parte la ragione, la ragione cede spesso alla forza, la force passe le droit. Rädlein 380b; gewalt für recht jus in armis. Kirsch 179b; es geht gewalt für recht, das ist der welt bekannt. Joseph Kurz prinzessin Pumphia (Wiener neudrucke 1) 34; gewalt geht vor recht und die gesetze verstummen vor furcht. Lessing (von den trauerspielen des Seneca) 6, 171; gewalt geht über recht. Wieland 31 (