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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
zwielicht bis zwienamig (Bd. 32, Sp. 1156 bis 1159)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) zwielicht, n. , im späten 18. jh. aus dem nd. in die hd. schriftsprache übernommen, gehört das wort nicht zu den alten zwi(e)-bildungen des hd.; bedeutungsgleich und bildungsverwandt sind me. twilight (seit 1440) Murray 10, 1, 530, Skeat (1888) 670b, mnl. tweelicht, twe-, twilicht (im 16. u. 17. jh.) Verwijs-Verdam 8, 804, mnd. twêlicht (15. jh., s. u.), über deren formale beziehungen zu den ahd. mhd. zwi-, nhd. zwie- composita das unter zwie- sp. 1126f. gesagte zu vergleichen ist. dem ersten bestandteil schon dieser me., mnl. und mnd. wörter wie auch der jungen hd. bildung liegt nicht eigentlich die bedeutung 'doppelt' zugrunde, sondern die vorstellungen 'halb, gespalten, geteilt' oder 'zweifelhaft, schwankend', wie sie von 'doppelt' aus sich leicht ergaben und auch in hd. zwie-bildungen früh zutage traten, s. z. b. zwiefalt, adj. 3, zwiefältig 4, vgl. auch zweifel sp. 996; auch die vorstellung zwischen könnte hineinspielen, s. dazu crepusculum zwischanlieht (14. jh.) Wackernagel voc. optim. 47, 56; zwischenliecht (1521) Diefenbach gl. 157a; zwischen liechtes (Augsburg 15. jh.) städtechron. 4, 75; vgl. 226; Fischer schwäb. 4, 1219; noch in lebender ma., vgl. Fischer a. a. o.; Unger-Khull steir. 661a; Frommann deutsche maa. 6, 448.
der vereinzelten mnd. bezeugung entspricht die verzeichnung des wortes in einer reihe älterer nd. wörterbücher, als twelicht brem.-nds. wb. 5 (1771) 136, twelichten Dähnert plattdt. (1781) 500a, twilicht Danneil altmärk. (1859) 229b, dazu: 'das zweilicht oder zwielicht für dämmerung, besonders abenddämmerung, ist niedersächsisch' Heynatz antibarb. 2 (1797) 684. seit etwa 1775 dringt, durch schriftsteller nord- und nordmitteldeutscher herkunft wie Bürger, Musäus, Matthisson, J. H. Voss u. a. vermittelt (s. u. 1), das wort in die hd. literatursprache ein, wo es sich rasch verbreitet, begünstigt durch die entfaltung des naturgefühls im zeitalter der empfindsamkeit, das die stimmungswerte in den naturvorgängen entdeckte. lexikalisch verzeichnet das wort zuerst Campe (1811). für die entlehnung aus dem nd. spricht auch die besonders anfangs nicht seltene wendung im zwielichten: Musäus physiogn. reisen 4 (1779) 45; Kotzebue s. dram. w. (1829) 43, 227. vereinzelt bei einem obd. autor: Mörike w. 3, 163 Maync (wozu ein seltsames [pluralisches?] in zwielichten allg. dtsche bibl. 32 [1777] 140; Chr. Fr. Sintenis Theodors glückl. morgen [1789] 2, 462). sie deutet auf ein substantiviertes adj. neutr., wie es offenbar schon in der einzigen mnd. bezeugung vorliegt: do yd (des morgens) noch duster was, dat ys, do yd noch yn deme twelichten was (15. jh.) bei Schiller-Lübben 4, 639; s. dazu auch im twelichten brem.-nds. wb. 5 (1771) 136 (neben im twedunkern ebda; im twêdüstern Doornkaat-Koolman 3, 454b), im twelichten Dähnert plattdt. (1781) 500a und in vergleichbarer anwendung das lichte unter licht, adj. 18a, teil 6, 860 sowie schles. zum lichten gehn abendbesuche machen Weinhold beitr. z. e. schl. wb. 54a. mit der wachsenden schriftsprachlichen verbreitung zieht sich das wort aus den nd. wörterbüchern zurück; die md. idiotica verzeichnen es gar nicht, die westobd. nur ganz vereinzelt, s. Fischer schwäb. 6, 1457. im österr. dagegen ist zwielicht verbreitet, bair.-österr. liechte, liechten, f., entsprechend (s. Schmeller-Fr. 1, 1431, Loritza id. Viennense 84a) als fem. zwieliecht'n Mareta österr. 41b; Hügel Wien 201a; zwieliachten Jakob Wien 113b; von da aus: wie ich da in der zwielichten meinen letzten nachtwachtergang mach graf Pocci lust. komödienbüchl. (1859) 59. neben zwielicht steht anfangs gelegentlich zweilicht, vgl. oben Heynatz, Voss unter 1 a und Campe 5 (1811) 963.
1) das schwache tageslicht an der scheide zwischen tag und nacht: wer wandelt nicht gerne im zwielichte, wenn die nacht am lichte und das licht an der nacht in höhere farben und schatten zerbricht Novalis schr. 4, 66 Minor.
a) für die beginnende abenddämmerung: der durchsichtige mystische schleyer ... kleidet alle gegenstände in ein unerklärlich behagliches zwielicht. kennen sie dies provinzial-wort? es bedeutet die lichtmasse, wenn tag und nacht sich scheiden und geht vor der dämmerung vorher (1776) Bürger an Wieland in: br. 1, 369 Str.; in

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eine dispüte verwickelt, die im zwielichten, als sich tag und nacht scheidete, noch nicht entschieden war Musäus physiogn. reisen 4 (1779) 45;

unterm grün im abendlichte
kosen bräutigam und braut ...
tanzt, beweht von blüthenflocken!
wallt im zwielicht paar um paar! (um 1790)
Matthisson schr. (1825) 1, 197;

jezo war vergangen der tag, und es rückte die zeit an,
welche man licht so wenig als finsternis möchte benennen,
sondern scheide des tags und der nacht, ein dämmerndes zweilicht (1798)
Voss Ovids verwandl. (1829) 1, 186;

ich hatte im zwielicht bei offenem fenster (geige) gespielt Hauff s. w. (1890) 3, 236; eines ermahnte das andere aufzuhören und sich die augen im zwielichte nicht zu verderben W. H. Riehl Eisele und Beisele (1848) 207; im letzten zwielicht zog eine schaar von norden her den bach entlang Freytag ges. w. 8 (1887) 191; nun dämmerte schon der zweite abend ... sie sah ihn ... im zwielicht in dem öden rittersale auf- und abwandern Storm s. w. (1897) 1, 126; eines abends kam Claire ... bei einbrechendem zwielicht nach hause M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 3, 283; abkühlungen entlegener himmel fiebern hell ins letzte zwielicht, die augen finden den treuen blick des ersten sterns Carossa schicksale dr. Bürgers (1930) 13.
b) für die lichter werdende morgendämmerung:

rasch ritt das paar im zwielicht (des morgens) schon (1778)
Bürger s. w. 54 Bohtz;

wenn ... neben mir die lieben vögel aus dem busche flogen, im zwielicht taumelnd und begierig nach dem tag Hölderlin ges. dicht. 2, 202 Litzmann; ich asz nun im zwielicht (denn der mond war untergegangen und es dämmerte im osten) Cl. Brentano ges. schr. (1852) 5, 191;

aus osten langen purpurrothe streifen,
hoch lerchenlieder durch das zwielicht schweifen
Eichendorff s. w. (1864) 1, 512;

schon hatte des morgens zwielicht sich über den himmel ergossen Freytag ges. w. 1 (1887) 313; starr in die finstere nacht und hernach in das ungewisse zwielicht des grauenden morgens hinausstarrend M. Greif nachgel. schr. 305;

da kniete sie bleich und beklommen
bang, mit brünstigem flehn in dem zwielicht grauender dämmrung
Jul. Grosse ausgew. w. 2, 1, 188 Grundel;

das fenster wird sichtbar, der milchweisze himmel, berg und wald im zwielicht des morgens H. Waggerl mütter (1935) 58.
c) im sinne von a oder b oft als eine art zeitbestimmung verwendet:

komm, Peter, komm! wir wollen in mein haus!
es ist um zwielicht schon
Grillparzer s. w. 6, 218 Sauer;

es war die stunde des ersten zwielichts (am abend), als ich den fast menschenleeren marktplatz betrat Carossa eine kindheit (1922) 97;

er selbst und Thomas graf von Surrey gingen,
im ersten zwielicht eben, durch das heer,
von schaar zu schaar, ermunternd unsere leute Shakespeare 9 (1810) 193;

den 26. bei zwielicht stieg der prinz ... ins boot A. v. Arnim s. w. 12 (1842) 178.
2) später erweitert auf schwache, unbestimmte, dämmerige beleuchtung überhaupt:

steigt, geister, auf um mitternacht, im blassen
zwielicht der sterne!
M. v. Collin dramat. dicht. (1813) 4, 241;

vom zwielichte des mondes erhellt Laistner nebelsagen (1879) 133; der rittersaal ist ... beleuchtet durch das zwielicht der alten farbigten fenster K. J. Weber Deutschland (1828) 4, 411; das gefäsz wie die kette war gänzlich oxydiert und schillerte grünlich im zwielicht der krypta G. Keller ges. w. (1889) 3, 228; (die besonnte

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berghalde) warf ein geheimnisvolles zwielicht in die schattigen hallen unseres tannenwaldes ders. 1, 394; den malerischen reiz der schmalen gassen mit ... ihren in trauliches zwielicht getauchten hausfluren L. Kämmerer Chodowiecki (1897) 8a; durch die scheiben drang nur ein trübes zwielicht, so dasz eine brennende lampe das beste thun muszte, um den raum zu erhellen G. Freytag ges. w. 9 (1887) 10; die seide musz an einem dunklen ... orte aufbewahrt werden, da sie ... schon im zwielicht bleicht Muspratt chemie (1888) 1, 1930. seltener von trübem künstlichen licht:

bei matter ampeln zwielicht droben lag
der kranke cäsar auf den purpurkissen
Geibel ges. w. (1883) 3, 99.

ungewöhnlich, in singulärer bezeugung bei Göthe, vom schillernden wechselspiel der farben zwischen hell und dunkel: seine nachfahren mahlten wohl auch mitunter auf gemodelten damast ... ohne farbgrund; dadurch erhielt das ganze ein gewisses zwielicht, das dem damast eigen ist, und die einzelnen theile gewannen ein unbeschreibliches leben, da die farbe dem beschauer nie dieselbe blieb, sondern in einer gewissen bewegung von hell und dunkel abwechselte (1825) I 47, 221 W.
3) bildlich für 'unbestimmtheit, unklarheit', besonders im bereich seelischen erlebens oder geistiger verhältnisse: mich drückte eine stockung der empfindung, ein banges zwielicht zwischen heller freude und dunkler trauer (1796) Jean Paul w. 5, 25 Hempel; daher lebt jeder so sehr im geistigen zwielicht (ein schönes wort für dämmerung) (1807) ebda 55, 34; angeschaut nur in dem dämmernden zwielicht der sinnlichen vernunft Brinckmann filosofische ansichten (1806) 277; die zukunft aber in trüber dämmerung und im täuschenden zwielicht, ängstlich und ungewisz wie ein schatten Fr. Schlegel s. w. (1846) 15, 86; jeder mensch hat ... lichtmomente in dem lieblosen zwielichte seines schicksals Körner w. 4, 297 H.; noch liegt für uns im dunkel oder zwielicht, wann eigentlich die zischende aussprache des lateinischen -ci, -cio und -tio entsprungen sei Jac. Grimm kl. schr. (1864) 2, 361.
4) literarisch nicht zu belegen ist die in der jüngeren umgangssprache allgemein verbreitete, wenn nicht vorherrschende bedeutung von zwielicht als 'doppellicht', d. i. zweifaches, gemischtes licht, wenn tageslicht mit einer künstlichen lichtquelle sich vermengt als ein für die augen besonders angreifender und schädlicher zustand. in dieser jüngsten bedeutung scheint, in anpassung an den vorherrschenden sinn der meisten übrigen zwie-composita, eine art volksetymologischer umdeutung vorgenommen zu sein.
 
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zwielichtig, adj.: das ... gedicht brachte mir den Lohengrin in einer zwielichtig mystischen gestalt R. Wagner ges. schr. u. dicht. (1897) 4, 288; (meine jugend,) die anders dunkel war und anders zwielichtig, als heute jugenden sind Rilke br. 1921 -26 (1935) 245; etwas ..., das dem daheim Joachims seine schmerzlich zwielichtige färbung verlieh W. Bergengruen am himmel wie auf erden (1940) 22; Schuberts immer zwielichtiges, vom tode berührtes genie Th. Mann Faustus (1948) 125. in seltsamer nebenform: wer hat dich bewogen, dich in das zwielichtrige dunkel jenes kabinetts zu begeben? Nestroy ges. w. (1890) 6, 251.
 
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zwielichtschein, m.:

mit kosenden frühlingswinden
beim dämmernden zwielichtschein,
da schleichst du dich in mein stübchen
und in mein herz hinein
H. Leuthold ged. 50 Schurig;

vgl. Hoffmann v. Fallersleben ges. w. (1890) 4, 48; Liller kr.-ztg. auslese 1, 242. —
 
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zwielichtstimmung, f.: ein landschaftsmaler ..., welcher der natur aus lust am eigenthümlichen hie und da eine geheimnisvolle zwielichtstimmung ablauschte Hebbel br. 4, 5 Werner; (frau v. Krüdener) war nur die ... gelegenheitsmacherin der von enttäuschungen aller art genährten zwielichtstimmung, welche nach dem wahnsinnigen getöse

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der Napoleonischen kriege herrschend wurde J. Scherer gröszenwahn 179. —
 
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zwielichtstunde, f.:

vorüber geh, geliebte zwielichtstunde
zu glücklicheren menschen in der runde
Dingelstedt s. w. (1877) 7, 89;

dass wir uns freuen auf die zwielichtstunde
Stefan George das jahr der seele (1908) 51.


 
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zwielicht(s)weisheit, f.: das ist eine zwielichtsweisheit; aber im zwielicht denkt man am besten Langbehn Rembrandt als erzieher (1890) 272.
 
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zwieling, m., s. zwilling.
 
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zwiemähdig, adj., zweimal zu mähen (vgl. zweimähdig, sp. 1062): wie manches schönes gold-gelbes kühblümlein ich also ... von den zwiemätigen wiesen deiner rothen backen mit der küsz-sensen abgemähet Joh. Riemer polit. hasenkopff (1689) 202. —
 
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zwiemannl, zwiemandl, n., als bezeichnung handwerklicher geräte, die von zwei männern bedient werden, s. ob. zweimännig, -männisch: wird diese (handramme) von zwei männern gehandhabt, so wird sie auch von den männern zwiemandl genannt Prechtl technol. encyclop. (1830) 11, 524. ähnlich von einem hobel bei J. Blau Böhmerwälder hausindustrie (1917) 1, 362. —
 
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zwiemark, f.: 'ein zweyseitiger gränzstein, die gränze zweyer herrschaften zu bezeichnen; zum unterschiede von einer drey- und viermark' Adelung vers. 5 (1786) 471; Campe 5 (1811) 970a. —
 
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zwienamig, adj., in der mathematischen fachsprache des 16. jh.: binomium heysset ein zwinahmig zal (ein zal von zweyen nahmen) M. Stifel die coss Rudolffs (1553) 112a. —

 

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