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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
zudecken bis zudenken (Bd. 32, Sp. 317 bis 321)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) zudecken, v. , mhd. nur vereinzelt Lexer 3, 1181:

als die brudere sint gelegen
und ir slafes sulen pflegen
nach gewonlicher ru,
so decke ich um und umme zu,
uf daʒ si lange bliben
an slafe und den triben
verre uber die maze passional 369, 16 Köpke;

er dackt mich wider warm z
und sprach: gesell mein, nun r
und cher dich gen der wend!
Hätzlerin 130.

auszerdem in spätmhd. wbb. Diefenbach 14b; 149b, dann von Frisius 40b; 318b ab regelmäszig. die häufigste anwendung u. 3 ist offenbar älter als die literar. belege.
formen mit rückumlaut in nhd. zeit ganz selten: und leit die ermurten lewte in dasselbe loch und dacke si mit dem gebein wider zu Endinger judensp. 96 ndr.;

[Bd. 32, Sp. 318]


zugedackte rach ist süsse
Logau 424 Eitner.

die bedeutung ergiebt sich aus der zusammensetzung, s. o. sp. 157 b. dazu gesellt sich früh, s. d. beleg der Hätzlerin, die vorstellung der decke, s. u. 3 und bei verdecken th. 12, 203. das gegentheil ist aufdecken: man sol nicht ein altar auffdecken und den andern zu Luther 19, 324 W.
1) gegenständlich ohne nebensinn gebraucht.
a) etwas freiliegendes wird über-, verdeckt: got hat dem möre ein zil gesetzt, ... domit es nit ... zdecke das gantz ertrich S. Münster cosmogr. 4; heute ..., da der schnee unsere gärten wieder zudeckt Göthe IV 23, 295 W.; so viel ducaten ..., als nöthig sind die platten zuzudecken IV 20, 24 W.
b) etwas wird von oben, wie mit einem dach verdeckt: scena ein zgedeckte büne Frisius 1186a; wo die pasteyen oben nit zugedeckt werden, wurden die .. gewelb ... schadhafft Dürer befest. d. stett c 2b; pileata major das grob gedackt, eine 16- oder 8-füszige orgelstimme, so oben zugedeckt ist und gleichsam einen hut trägt J. G. Walther mus. lex. (1732) 481; auf den zugedeckten hutwagen steigen Joh. Riemer pol. maulaffe (1679) 305. so wird feuer zugedeckt, um es zu ersticken: so war ... die flamme der wahrheit ..., abermals mit schulasche zugedeckt Göthe II 4, 172 W. ferner vergrabenes, in der tiefe befindliches: und fuhren hinunter ... in die helle ... und die erde decket sie zu 4. Mos. 16, 33; nun begrub Gockel die asche und deckte den stein ... wieder mit erde zu Brentano 5, 87, dazu beleg aus dem Endinger judensp. o., auch werden öffnungen, wie fenster, luken, löcher einer flöte zugedeckt.
c) zugedeckt werden gefäsze u. ä., die oben offen sind: cavea ein zgedeckt grb Er. Alberus dict. (1540) 2a; fossae caecae oben zdeckt Frisius 170b. man deckt fässer, kessel, töpfe, näpfe, gläser, brunnen, quellen, auch särge zu. vielfach sprichwörtlich:

merck, wann ein topff ist zugedeckt,
weis niemandt, was darinnen steckt
B. Krüger Clawerts werckl. hist. 23 ndr.

(ähnl. Lehmann floril. 1, 83); man soll den brunnen nicht erst zudecken, wenn das kind hineingefallen ist Fontane I 2, 134 (ähnl. Lehmann 3, 89; Lüpkes seemannsspr. 124). so wird auch das, was in dem gefäsz ist, zugedeckt: sie haben .. alles unter einander gemischt und in einen reinen tiegel gethan und zugedeckt Ercker beschr. aller miner. ertzt (1580) 51b; an einem tage legten wir .. den samen in die mit erde gefüllten vertiefungen und deckten ihn wohl zu Stifter 2, 289; die männchen (der wespen) reiszen die noch nicht zugedeckten maden ... aus den zellen Oken 5, 2, 968. häufig von speisen: wir deckten sodann die pastete wieder zu Leipziger avanturieur 1, 70. dabei kann die anschauung manchmal wie in b sein.
2) das zugedeckte wird dem blick entzogen.
a) zudecken ist 'verhüllen, verbergen': verhüllen, das ist zudecken Harsdörfer t. secret. 1, 540; Pilatus ... die bildnissen des keysers hab lassen zdecken C. Hedio chron. Germ. (1530) b 3b;

eur karten er all sehen kan,
weil ihr ihns also für thut recken,
künd ihr eur karten nicht zuðecken
J. Ayrer 4, 2460 Keller;

eine häszliche, kahle wand, die heute freilich mit einer ungeheuren, schneeweiszen marmordecoration zugedeckt worden ist H. Grimm Michelangelo 1, 379. dazu der beleg aus Luther oben vor 1. besonders von wetter- u. himmelserscheinungen. dabei tritt an die stelle des überdeckens oft die vorstellung von etwas, das sich zwischen auge und gegenstand schiebt: dieses phänomen erklärt sich wohl aus dem perspectivischen gesetz, dasz uns der kleine nähere gegenstand den gröszern entfernten zudeckt Göthe II 1, 9 W.; wie eine mächtige gebirgskette, die alles zudeckte was jenseits lag Justi Winckelmann 1, 282;

[Bd. 32, Sp. 319]


da sah ich nichts grössers an im,
denn sein nasen, als mich gezim,
die im schier zudeckt sein angsicht
H. Sachs 21, 107 G.


b) um sie zu verhüllen, werden haupt und gesicht zugedeckt, um nicht zu sehen, die augen. mit halb zugedeckten augen ist so viel als blinzelnd. insbesondere heiszt es aus scham die blösze des leibes verdecken: da nam Sem und Japheth ein kleid ... und deckten ires vaters scham zu 1. Mos. 9, 23; (Adam u. Eva) giengen hyn, ... gürteten und decketen sich zu Luther 24, 94 W.
c) in diesem sinne wird es auf das sittlich - religiöse gebiet übertragen, u. zwar heiszt eine sünde, eine schuld, eine schande, einen fehler zudecken nicht blosz sie verbergen, sondern sie nicht sehen wollen, vergeben, tilgen und, von der anderen seite, sie wieder gut machen: weyl er das werck hat aus eygenem kopff frevelich angefangen, wollt er sich hernach gerne flicken und die schande mit feygenblettern zudecken Luther 18, 67 W.; dagegen ist die liebe ein köstlich ding, decket alle sünde zu 34, 1, 447 W.; weil ... das geld aber alles zuzudecken und unterzudrücken vermögend ist, so wurde auch diese that verheimlicht Leipz. avanturieur 2, 116; etwas mit dem mantel der liebe zudecken th. 6, 1609. es heiszt auch geradezu entschuldigen: er eilte mir nach, suchte das gesagte zu entschuldigen, mit eifer für mein bestes zuzudecken Klinger w. 4, 66. allgemeiner ist es dann 'in vergessenheit bringen': dein vormund hat überall einen guten willen, aber der tisch, auf dem er schreibt, deckt ihm die welt ... und alles zu Stifter 3, 379; dann freilich wird das frühere von dem späteren zugedeckt Steffens was ich erlebte 1, 17.
d) ein gedanke, ein sinn, eine wahrheit wird durch worte zugedeckt: denn unser erkenntnis ist noch im glauben zugedeckt und verschlossen Luther 10, 1, 1, 109 W.; dasz sein geheimnusz under dem umhang desz bchstabens verdeckt, in der schl blib, vor den gottlosen zdeckt, und allein seine kinder vernemen S. Franck paradoxa (1558) vorr. 3a; die verschiedenen auslegungsarten .., die man auf den text anwenden, die man dem text unterschieben, mit denen man ihn zudecken konnte Göthe II 3, 141 W.
3) die menschlich, täglich häufigste anwendung ist die auf den ruhenden, über den eine decke gelegt wird, s. o. die mhd. belege:

mit hermlin weis er mich zudegt
H. Sachs 22, 500 Götze;

ein matrose deckte mich freundlich mit seiner theerjacke zu Moltke 6, 223; die sternlein haben sich schlafen gelegt und mit schneewolken zugedeckt Kotzebue 4, 157; einen warm zudecken Frisius 294b, 1131b. ähnlich gut, vorsorglich, anständig zudecken u. dgl. mit einfachem personalobj.: wo aber das nit seyn möcht, ... mag ... die hebamm die schwanger frauwe ... zudecken und ruhen lassen Ruoff hebammenb. (1580) 84. ebenso sich zudecken. dadurch erhält das wort den nebensinn des sorgens, hütens und bewahrens: ist er (der mann) kranck, da solt du erst die recht eefraw erzaygen, ihn trösten, warem zdecken und verschoppen Chr. Bruno underweysung e. christl. frauwen (1544) 67b; (pflanzen) mit erdtrich allenthalben verdecken oder zdecken Frisius 226a; und reite es (das kranke pferd) dann umbher, dasz es erhitze, decke es warm zu J. Walther pferde- u. viehz. 78. deutlich in verbindung mit für, vor oder gegen: die pflantzen vor der kälte zudecken Corvinus fons latin. (1548) 1. die gleiche vorstellung beim zudecken der toten mit dem laken, durch schlieszen des sarges, durch das erdreich des grabes.
4) in scherzhafter umkehrung heiszt einen zudecken ihn 'verprügeln', überhaupt 'einem gegner hart zusetzen', allgemein seit dem 16. jh.: das man sie zudecke und straffe Luther 19, 519 W.; als sie (die ameisen) mich ... auf solche weise zudeckten, kneipten und peinigten Göthe 25, 162 W.;

[Bd. 32, Sp. 320]


mit docken und schulsecken
thetens (die kinder) mich schier zudecken
H. Sachs 3, 314 K.

in der studentenspr. vom fechten Kindleben 225 ndr. danach übertragen: Sommer hat den herrn Vollmer ganz gut zugedeckt Lachmann an Haupt 117; ich sehe dich so deutlich mit den kindern wirthschaften, Miechen zudeckend mit vernünftigen reden Bismarck br. a. s. braut u. gattin 295.
5) ähnlich heiszt es 'einen beim trinken unterkriegen': Aler 2, 2259a; ich deckte meinen pettern vollends mit wein zu Grimmelshausen 1, 720 K.; während welchen der oncle ... seinen neffen so wacker zugedeckt hatte, dasz dieser zwar nicht betrunken war, aber sich doch ziemlich weinselig fühlte J. J. Chr. Bode gesch. des Tom Jones 5, 304. neuerdings nur in südd., bes. österreichischen belegen.
 
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zudecker, m.: er will, dasz ein jeder seines nechsten schande .. zudecken helffe, und solcher zudecker ihre schande wiederum mit dem purpurmantel Christi verhüllen Er. Francisci trauersaal 3, 182. —
 
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zudeckkissen, n. Jean Paul 32, 60 H.
 
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zudeckpolster, n., 27—29, 210 H.
 
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zudeckung, f. Hulsius (1618) 2, 270a: die jährlich neue zudeckung des grundeigenthums (durch die Nilüberschwemmung) Ritter erdkunde 1, 880; alle nation ... haben ire lange kleider und gewönliche zudeckung des leibs, ... behalten Musculus hosenteufel 18 neudr.; unserer sünden zudeckung J. Böhme 2, 279.
 
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zudeichen, v., nd. ursprungs, mnd. todiken Lübben - Walther, 'durch einen deich absperren', vgl. DWB zudämmen: also dasz die Nord-Eyder ihren alten breiten lauff wiederumb bekommen, bisz sie nachgerade zugedeichet und zu landt gemachet worden Danckwerth Schleswich u. Holstein (1652) 143a. im Oldenburgischen sprichwörtlich: dat wil bi em nich todiken (nicht ausreichen) W. Lüpkes seemannsspr. 21. —
 
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zudeichung, f.: die letzte zudeichung eines dammes durch eine braacke oder andern strom Jacobsson 4, 729a; Benzler deichbau 2, 300.
 
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zudel, f., faule magd Steinbach 2, 1124, liederliches frauenzimmer Bernd Posen 363;

disz ist der zudeln aller arth
das, was sie sind, sich nirgend part
A. Calagius Susanna (1604) e 1b.


 
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zudeln, v., pissen, bair. Schmeller 22, 1168, auch niederösterr. Castelli 274.
 
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zudem, conj. , zusammengerücktes zu dem, vgl. DWB auszerdem th. 1, 1032. im 16. jh. schon fest für ad hoc, ad haec neben uber das, darz Frisius 28a, für tum autem 147b, für immo 652a. Heynatz antibarb. 2, 674 hält es für veraltet, Adelung, der auszerdem und überdies nennt, verschweigt es. dem ursprünglichen am nächsten steht zudem dasz (nur im südwesten, 16. jh.): zdem das er seines vatters mannheit und dapfferkeit an im hatt, was er auch fast geleert Frisius 14a. ohne jeden satzzusammenhang ist schon zudem so Kramer 2, 1478a. kaum übers 17. jh. hinaus üblich.
1) zudem ist in der regel satzanknüpfende conj. und bedingt inversion des verbs: zdem auch hast du gelernet Frisius 14a; zdem wiszt er keinen verwanten mer dann in Wickram 2, 135 Bolte; er hatte ... sein physisches zerrüttet; zudem schienen seine ökonomischen umstände nicht die besten Göthe 33, 228 W. es knüpft auch einzelne satzglieder an: ein .. hochgelarter mann ... und zudem ein wolbelesener theologus B. Ringwaldt evangelia a 2b; Reichel ist verheiratet, zudem nicht gesetzlich Herwegh briefe 16 M. Herwegh; Diodor endlich und Vitruv, die zudem den menschenursprung der sprache mehr geglaubt als hergeleitet, haben die sache am offenbarsten verdorben Herder 5, 21 S. es verbindet sich mit causalen conjunctionen: zudem, dieweil ich gemerkt Fischart Eulenspiegel 12 Hauffen; zudem weil kundtlich ist Sebiz feldbau 4. so bekommt es selber causalen sinn: dieweil ... und zudem

[Bd. 32, Sp. 321]


im kirchendienste sich nit ein bruder auf den andern zu verlassen oder zu beruffen, sondern es mus ein jeder pastor ... getrew sein B. Ringwaldt lauter warheit vorr. a iiib;

zudem nun pferd und wagen
mit starkem ungestüm' hart auf einander jagen
P. Fleming d. ged. 1, 151 Lappenberg.


2) zudem wird auch dem satze selbständig gegenübergestellt, gern abbrechend und vor rhetorischen fragen: zudem, wann die herren medici ... den ... zustand eines krancken wissen wollen Moscherosch gesichte (1650) 1, 176;

sechzehnmal
bin ich zu feld gezogen mit dem alten,
zudem — ich hab sein horoskop gestellt
Schiller 12, 109 G.;

zudem, was hat
der jude gott denn vorzugreifen? ...
Lessing 3, 117 M.


 
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zudenken, v. , mnd. todenken Lübben-Walther 406b, in eigener bedeutung 'hinzudenken':

hürmydde endet sick dyt speel,
nicht ghedichtet, men geschen veel,
myt togedachten gheswenken chron. d. städte (Braunschweig) 16, 254.

im hochd. erscheint das wort erst seit dem 16. jh. (s. 8): der son, dem er das königreich zudachte M. C. Schütz hist. rer. pruss. (1592) 3, r 4b. andere frühe belege A. Pape Jonas rhythmicus (1605) b 3a; Prätorius vom Katzenveite (1665) d 4a; Stieler 295; Kramer 1, 215a; 2, 1483c. von anfang an ist es mit sachlichem und persönlichem obj. verbunden und bedeutet, eine sache in gedanken einer person zuwenden. Adelungs beobachtung, dasz 'am üblichsten daran das part. prät.' sei, trifft zu, insofern als es überwiegend in den zusammengesetzten formen verwandt wird, weil in der regel erst nachher davon gesprochen wird. es ist durchweg ein wort des gewählten, oft des verbindlichen, höflichen ausdrucks (s. d. bel. aus briefen). geschichtlich hat es wahrscheinlich seinen ausgang von der verfügung über erbgut genommen, s. 3, hat sich aber so rasch und vielfach entfaltet, dasz die thatsächliche entwicklung nicht erkennbar ist.
1) bei dem zudenken ist vor allem das subj. thätig, von dem das zugedachte ausgeht:

stadt, volk und land ist voller liebestriebe,
und hat, was ich ans licht gebracht,
dir längstens zugedacht
B. Neukirch ged. (1744) 243;

er nannte ihm endlich den preis, den man ihm dafür zudenke Ranke 2, 233; warum gewährt man dem beklagten ein mittel, das man ihm einmal zugedacht hat, nicht zur rechten zeit? Jhering geist d. röm. rechts 4 3, 1, 50. daraus ergiebt sich der unterschied von bestimmen, bei dem der nachdruck mehr auf dem obj. liegt, vgl. Weygand syn. 3, 1170.
2) das zugedachte ist nicht immer das erfüllte: es ist offt einem zugedacht oder vermeint, und dem andern beschert Petri d. Teutschen weisheit 2, b b via;

wir haben dir es anders zugedacht
Göthe 12, 120 W.;

und von zugedachten küssen
wird ein magres herz nicht fetter
Heine 2, 16 E.

so heiszt es geradezu 'wünschen': wenn auch dieser Claudius wäre 120 jahr alt geworden, hätte man ... ihm den todt nicht wündschen oder zudencken sollen Chr. Weise polit. redner 596;

... nach verlauf der jahre,
die du mir hast zugedacht
Gottsched ged. (1751) 1, 344.


3) wahrscheinlich die älteste anwendung und noch heute neben zuwenden beliebt ist die bei verfügung auf todesfall: zuegedacht in testamentis pro fideicommissis habetur Stieler 296; er soll den genusz zeitlebens behalten, und hernach hat sie der herzog der universität Jena zugedacht Nicolai reise durch Deutschland 1, 59; dasz

[Bd. 32, Sp. 322]


sie ihr nichts von der erbschaft sagten, die sie ihr zudenken Fr. L. Schröder dram. w. 2, 277. dazu den bel. oben aus M. C. Schütz.
4) ähnlich verfügt ein vater oder sonst berufener über die hand seiner tochter zugunsten eines werbers: als wenn es sein .. ernst wäre Ismenen .. Catumern zuzudencken Lohenstein Arminius 2, 522b; gegen den willen seiner verwandten, die ihm vornehmere und reichere verbindungen zudenken Göthe 7, 210 W. auch freier: Elise hat ihnen gleich eine der beiden als frau zugedacht Droste-Hülshoff an L. Schücking 144;

ein unsichtbarer zwang
verräth beym ersten blick den unbewuszten hang
einander zugedachter seelen
Wieland I 1, 324 ac.


5) in weiterer verwendung liegt im zudenken allgemein etwas in gedanken für einen als gabe bestimmen: man denkt einem etwas gutes, eine gabe, ein geschenk, eine belohnung, einen besitz zu; ich will ihr die aussteuer einhändigen, die ich ihr zugedacht habe Tieck 3, 187; die eventuelle vergröszerung in Polen, die man ihr (der krone Preuszen) zudachte, kam einer abfindung gleich Ranke 31/32, 97. das zugedachte ist auch allgemein etwas angenehmes, eine handlung oder ein vorgang: er (der Angerbauer) wartete mit der anrede die er Ludwig zudachte M. Meyr erz. aus dem Ries 1, 31; man denkt einem einen besuch, einen empfang, einen urlaub zu, noch allgemeiner etwas gefühltes, eine ehre, eine auszeichnung, ein vergnügen, eine freude, ein glück.
6) als eine auszeichnung wird einem ein amt, eine stellung, eine rolle zugedacht: der h. reichscantzler hatte solches (d. directorium in den oberkreisen) rheingraff Otten ... zugedacht Chemnitz schwed. krieg 2, 632; die gnädige herrschaft hat ihm .. die ledige einnehmerstelle zugedacht Eichendorf 3, 15. dabei tritt meistens die mit dem amt verbundene aufgabe oder mühe so in den vordergrund, dasz der begriff der gabe zurücktritt: und mir ward die gnade zugedacht, dasselbe (ein stammbuch für die erbgroszherzogin) durch vorstehendes sonett einzuweihen Göthe 4, 75 W.; dieser vizekönig, welchem Bedemar eine der ersten rollen in seinem trauerspiele zudachte, war der herzog von Ossuna Schiller 4, 128 G.; unserer brigade .. war dabei der löwenanteil zugedacht Fontane I 1, 520. so wird einem ein dienst, eine arbeit, eine bemühung zugedacht.
7) ähnlich verblaszt der begriff des gebens, wenn etwas durch höhere fügung dem menschen als schicksal zugedacht wird, dem 18. jh. besonders geläufig:

endlich, wenn nun ganz vollbracht,
was gott hier in dieser welt
frommen kindern zugedacht
P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 435b;

denken die himmlischen
einem der erdgebornen
viele verwirrungen zu
Göthe 10, 59 W.

gelegentlich danach refl.:

o könnte dich ein schatten rühren
der wollust, die die herzen spüren,
die sich der meszkunst zugedacht!
A. G. Kästner verm. schr. (1755) 1, 198.


8) ähnlich auch sonst von dem, was der eine dem anderen zudenkt: einem widderferet eben das man einem andern zugedacht hat Agricola t. sprichw. (1534) b 3b, und es schlägt ins gegentheil um, indem es gerne von strafen u. ä. gebraucht wird: dasz die preschen, welche ich bekommen, einen andern waren zugedacht gewesen Chr. Reuter Schelmuffsky 91 ndr.; die von ihm durch predigten oder anderwärtig mir zugedachte beschimpffung Chr. Thomasius ernsthaffte ged. u. erinn. 3, 123; (Natalie) war zufrieden, der kleinen überraschung und beschämung, die man ihnen zugedacht hatte, ... zu begegnen Göthe 23, 188 W.: diese frau v. P*** hat mir verdrusz und leiden zugedacht Schiller 3, 572 G.
9) allgemeiner hiesz zudenken früher gelegentlich 'etwas in gedanken mit einem in zusammenhang bringen', dabei berührt es sich mit zutrauen: ich hätte ihm disz nicht zugedacht Stieler 296; er wäre der brunn alles

[Bd. 32, Sp. 323]


guten, und daher die ärgste gotteslästerung, ihm einiges laster zuzudencken Lohenstein Arminius 2, 274a; doch messe ich mir allein die schuld bei, aber nicht diese, die sie mir vielleicht zudenken Pückler briefw. und tageb. 1, 130; eine halbvoglichte sirene, die er dem Homer zudenkt J. H. Voss antisymb. 1, 253.
10) das part. zugedacht ohne angabe der zudenkenden person heiszt einfach 'bestimmt für': als anhang war dem fünften teile zugedacht ein ... schriftchen Herder 12, 379 S.; iedoch bedung sich Abaxar zuvor dieses aus, dasz sein sieg die prinzessin gäntzlich befreyen, und die ihr zugedachte glut des erlegten feindes cörper verzehren solte Ziegler asiat. Banise (1689) 635; das ... ihnen längst zugedachte büchlein Göthe IV 22, 195 W.; das mir zugedachte laboratorium ... nehme ich .. mit vorläufigem dancke an Lichtenberg br. 2, 234. ebenso das subst. das zugedachte: das mir zugedachte Görres br. 1, 22; nachdem er das ihm zugedachte empfangen Chamisso 1, 152.

 

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