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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
zuckel bis zucker (Bd. 32, Sp. 282 bis 294)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) zuckel, f., holzschuh der gebirgler Schmeller 22, 1084, vgl. DWB zockel. auch als schelte für weiber olla patrida 374 Wiener ndr. nd. tukel als kosewort für kinder Doornkaat 3, 443.
 
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zückel, n., merkzeichen: machten .. im brawhausze in der groszen butten ein zückel und gemerck, darüber nicht solte goszen werden Kirchhof wendunmuth 2, 465 Österley.
 
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zuckeln, v. , verschieden aufgefaszt.
1) wiederholtes und gesteigertes zucken.
a) unruhig ziehen, zucken: diese heutigen aber zuckeln an ihren degen, als wenn sie in der scheide festgewachsen säszen Fr. Arndt bei E. M. Arndt für u. an s. l. Deutschen 1, 123; zuckelte im takt mit den beinen J. Schlaf frühlingsblumen 93.
b) von lässiger, schlendernder bewegung, vgl. DWB zockeln Schrader d.-fr. wb. 2, 2728; zschr. f. d. wortf. 13, 313, nachzuckeln Vilmar 473. besonders vom traben, wobei entweder der nachlässige sitz Richey 300; Schütze holst. id. 4, 223, oder die kurze, stoszende bewegung mehr betont wird: und der dicke pater Benjamin ist auf seinem maulthier hinter drein gezuckelt Kotzebue dram. w. 3, 34. auch vom ermüdenden marschieren Imme soldatensprache 120.
2) 'zögern, warten müssen', vgl. oben sp. 22, Stieler 2636; Kramer 2, 1481c; Vilmar 479; Crecelius 937: an irgend einem ort lang zuckeln (mit den schiffen) in erwartung gutes windes Kramer.
3) 'saugen', Pfalz Klein d. prov. wb. 2, 250.
 
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zückeln, v., wiederholt zucken, mundartlich im Elsasz in verschiedenen bedeutungen, die altem zucken entsprechen Martin-Lienhart 2, 900b. eigenthümlich in der

[Bd. 32, Sp. 283]


Ober-Lausitz zückelnd sein etwas kaum erwarten können, entzückt sein: wenn sie den sieht, ist sie ganz zückelnde, das zückeln haben über unwichtige dinge nicht aufhören können zu lachen Anton Oberlaus. wörter 6, 10.
 
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zuckeltrab, m., kurzer trab: und so muszten die alten generäle .. sich in einen sehr drolligen zuckeltrab setzen O. J. Bierbaum ges. w. 7, 217; der theaterfriseur Schulze, der beständig in einem kurzen zuckeltrabe lief Eberty jugenderinn. e. alten Berliners 9.
 
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zuckelung, f., zögerung Kramer 2, 1481c. im wortspiel: und mit der preuszischen zwickelung und zuckelung? Fr. Arndt bei E. M. Arndt für u. an s. l. Deutschen 1, 115.
 
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zucken, zücken, v. , westgerm. ableitung von *tiuhan, ahd. zucchen Graff 5, 621, mhd. zucken, zücken mhd. wb. 3, 932a; Lexer 3, 1165, mnd. tucken Schiller-Lübben 4, 627a, nd. brem.-nsächs. wb. 5, 127; mnl. tucken Verdam mnl. handwb. 603a (im heutigen nl. scheinbar nicht mehr üblich, es fehlt bei Sicherer-Akveld), ags. tucian Bosworth - Toller 1018a, me. tucken, Stratmann 622b. daneben hatte das ahd. eine ô-bildung gazuchôn carpere, zocchôn rapere Graff, die im mhd. noch im prät. zuckete, neben dem vorherrschenden zucte und zuhte, fortlebt.
die formen mit umlaut erscheinen im mhd. selten, und nur auf mitteldeutschem gebiet (Wilmanns d. gram. 12, 264; Behaghel gesch. der d. spr.3 135), abgesehen von der mangelhaften bezeichnung in der schrift. im wesentlichen beschränken sich die sicheren belege auf das part. gezücket. auch im nhd. ist zucken die herrschende form, die meisten wbb. von Frisius, Maaler, Dasypodius bis Adelung haben nur zucken, Frisch ü nur in entzückung, Steinbach in entzücken, während Stieler als stichwort gibt zucken et zücken 2635. in den literarischen belegen erscheinen beide formen in beliebiger verwendung, im 17. und 18. jh. aber schwindet zücken immer mehr aus der literatur. die belege hören in der mitte des 19. jhs. völlig auf, mit ausnahme der festgehaltenen formel den degen zücken, s. u. 4 d. der vorgang ist also anders als bei drucken und drücken, s. Fischer geogr. d. schwäb. ma. 74 a. 2, und umgekehrt wie bei bücken und rücken. zücken hat in den letzten 2 jhh. den klang eines literaturwortes, wie es auch seine dauer zum groszen theil seiner reimfähigkeit verdankt:

zum blutstuhl bin ich schon entrückt.
schon zuckt nach jedem nacken
die schärfe, die nach meinem zückt
Göthe 14, 237 (Faust 4594) W.;

viele reimbelege bei Brentano, der sonst zucken hat 1, 167; 449; 2, 281; 341; 3, 313. späte belege:

und die helle freude zücket
durch die schwere, so mich drücket
wonniglich in meiner brust
Mörike w. 1, 110;

und als ich länger blickte,
bis auf den grund hinein,
wie blitzes flammen zückte
mir's da durch mark und bein
Hebbel w. 7, 144.

auszer dem reim, als 'gehobenes' wort: das herz arbeitet und glüht und möcht sich luft machen und zückt B. v. Arnim Günderode 2, 266; meine arme zückten von selbst nach ihm Hölderlin 2, 188 Litzmann;

da zückt herab wie ein donnerstreich
erzengel Michael sogleich
Mörike w. 1, 197.

besonders häufig sind solche belege für plötzliche lichterscheinungen; vgl. u. II 2 c, eigentlich und übertragen, so dasz an auffassung als lautbild gedacht werden musz:

seht ihr den zeugen des nahen den zückenden strahl?
Klopstock oden 1, 136 M.-P.;

am zückenden blitze
maler Müller (1811) 2, 226;

lasz blitze zücken
Tieck 2, 52;

ähnlich Schiller 11, 359 G.; Jung-Stilling 3, 104; Herwegh ged. e. lebendigen 179; Ulr. Hegener ges. schr. 161. ganz vereinzelt ist schon im 18. jh. die achseln

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zücken H. Lindenborn Diogenes (1742) 1, 86; Sonnenfels ges. schr. 1, 269; 2, 24; 45, vgl. u. II. dagegen erhält das schwert zücken als einzelne formel abweichender bedeutung seit Gottsched den vorrang: d. schaubühne 2, 178; 4, 221; d. sprachkunst (1748) 115; d. neueste aus der anmuth. gelehrs. 1, 517; Weichmann poesie der Niedersachsen 1, 28; Schönaich Heinr. der vogler 43. das sprichwort frisch gezuckt, ist halb gefochten sch. w. klugreden (1548) 23a; S. Franck sprüchw. (1541) 2, 64a heiszt nun frischgezückt ist halb geglückt Schellhorn sprichw. (1797) 136. späte belege für zucken: nur aus scharfen, gezuckten schwertern kann ein gehege um sie (die wölfe) geflochten werden Görres ges. schr. 2, 427; indem er sich umkehrte und seine waffe gegen den unbekannten zuckte Hebbel w. 8, 19. bedeutung.
das schwinden des umlauts hängt zusammen mit einer veränderung der bedeutung. als ableitung von ziehen war zucken ein kräftiges ziehen, zerren, reiszen, von wo aus sich weitere anwendungen ergaben. der zusammenhang mit ziehen war der sprache bewuszt:

daz mich der werlte süeze
zuhte under füeze,
als sî vil manegen hât gezogen
Hartmann v. Aue d. arme Heinrich 702.

so noch ende des 17. jhs.: zuckt ... ist geschwinde an sich ziehen, mit füssen, händen, auch dem gantzen leib Gueintz d. rechtschreib. (1666) 170. damals hat sich aber eine veränderung angebahnt, welche seit etwa 1700 herrscht. das wort wird als lautbild für eine heftige, unwillkürliche, unrhythmische bewegung empfunden wie etwa mucken, jucken, rucken, vgl. auch zuck. die belege für die ältere bedeutung erscheinen nach 1700 ganz vereinzelt, meist alterthümelnd. nur in der formel das schwert zücken, s. u. 4 d, ist die ältere bedeutung allgemein geblieben.
I. zucken als 'kräftig ziehen, zerren, reiszen' u. daraus abzuleitende bedeutungen, vielfach in berührung mit reiszen.
1) mit deutlicher anschauung des ziehens, zerrens:

die zwen engel griffen hinausz
und zuckten Lott hinein das hausz
H. Sachs 1, 182 K.;

also das ie eins (huhn) das ander hinder zuckt Eulenspiegel 11 ndr.; und in disem schnellen lff zukt das stürrder den einen schifman über us H. Brennwald Schweizer chron. 2, 159; (der bär) streckt die ... zungen ... auff den hauffen ... bisz dasz sy voller omeyssen wirdt, als denn zuckt er sy mit den omeyssen in rachen Herold-Forer Geszners thierb. 15b. mit hinzugedachtem obj.: so ihm (dem bären) der thierlin ein gantzer hauffen drauff (auf die zunge) kommen, zückt er geschwinde und verschlündet sie Heyden Plinius 186; was soll ... das von - und - zu - dir - zucken und drucken? Moscherosch gesichte 2, 92. refl., selten: denn da diese .. zuschauen solten, zückten sie sich unzeitig herfür Lohenstein Arminius 1, 419a. in festen verknüpfungen: das man bey zeit den mtigen und frechen jungen gesellen ... den stoltz prechen, den zygel zucken ... soll Steph. Vigilius de rebus memorandis (1541) 58b; die scheinschöne laster (welche alle man doch für edele, herrliche, grosse dinge achtet, den hut dafür zücket) Moscherosch ges. 1, 336;

hüt dich vor solchem kappen rucken,
mit neigen und paretlin zucken.
im winter ist der lufft zu kalt
Scheit Grob. v. 1187 ndr.

bis heute von netzen und angeln:

wenn ich das snüerlin zucke
in ainer hütten wolgedeckt
O. v. Wolkenstein 48, 21 Schatz;

wann er empfindet .., dasz ein fisch sey am angel, soll er zum ersten starck zucken fischbüchl. 163; jetzt zuckte er die schnur aus dem wasser Ganghofer gartenlaube 1905, 131b (der mann im salz). daher auch 'fangen': dannoch

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muss es in unser netze fallen, mit unserem garne muss es gezucket werden ackermann aus Böhmen 61 Bernt. nd. tucken 'mit der tuckangel barsche fangen' C. Schumann volksreime aus Lübeck 39.
2) ans 'reiszen' schlieszt sich das 'wegreiszen':

so schleicht der bitter tod herzu,
zuckt im den stul; denn musz er fallen
H. Sachs 1, 440 K.;

das bier war gtt, het uns die saw den zapffen nit zuckt S. Franck sprüchw. (1541) 2, 192b; aber die Römer zuckten nachmals aus dem wort Galatia ein sylb S. Münster cosmographia 91, dies entwickelte sich nach verschiedenen richtungen.
a) wegreiszen ist zugleich an sich reiszen, packen, zu eigenem besitz oder gebrauch, besonders von 'reiszenden thieren', s. III 2 a und 1zucker: da springt hertzog Cristoff von seinem pfärd und zuckt ainem lantzknecht ain schweitzer lantzen U. Füetrer bayer. chron. 263; und der wolf zuckt und zerstreut die schaff erste d. bibel 1, 378 K.; ich will under die schauff louffen und wil aines von inen zuken und hinweg fliehen Steinhöwel Äsop 220 lit. ver.; aber ein unglück hat darzu geschlagen, dasz ... ein elementsloser rab ihn hat herabgezuckt und verschluckt Fischart geschichtklitt. 59. danach zucke 'fressen' Müller-Weitz Aachener ma. 267. es heiszt dann schlechthin rauben: er wút als ob einer berin wúrden gezúckt die welff in dem wald erste d. bibel 5, 196 K. (Luther: geraubt);

was der vatter rupfft und zuckt,
das hat syn sun in wyn verschluckt
Th. Murner narrenbeschwör. 64 ndr.;

ein theil griff jhe den andern an, in Francken ward ein wilder lermen, rauben und zücken S. Franck chron. Germ. (1538) 157b. übertragen auf politische rechte u. ä.: sîn nevo Alderih zuhta daʒ rîche ze sih Notker 1, 6 P.; der ist der erst, der monarchiam, das ist ein einig fürstenthumb über die welt, hat in sein hant gezuckt chron. d. st. 3, 35; disz privilegium wirt hie auch dem keyser zuckt S. Franck chron. Germ. (1538) 125b. viele belege durchweg aus oberdeutschen quellen, dort als hauptbedeutung empfunden, wie die stehende glossierung der wbb. durch rapere und seine composita zeigt Dasypodius 467b; Diefenbach nov. gl. 313a; voc. pred. (1486) y 4b; Calepinus undec. ling. 492b; Hulsius (1618) 1, 284a; rauben und zucken voc. theut. (1482) a a 5a. für die ältere zeit Graff u. die mhd. wbb., viele belege aus elsäss. literatur Ch. Schmidt 444a, bayr. Schmeller 22, 1083 f., s. auch cimbr. wb. 245, und vgl. reiszen th. 8, 758 ff. vereinzelt 'sich aneignen' in gutem sinne: wie stumpf ich bin, wie wenig ich han zu sinnereichen meistern weisheit gezücket ackermann aus Böhmen 26 Bernt.
b) personen zucken, gewaltsam wegführen, entführen frühnhd. allgemein wie mhd.: do Jhesus derkannt, das sy waren kúnfftige, das sy in zuckten und machten ine z eim kúnig erste d. bibel 1, 357 K.;

Medea liesz sich Jason zucken
Murner geuchmatt v. 2639 Uhl.

das geht über in 'vergewaltigen': er hett sy lieb, und zuckt sy: und schlieff mit ir erste d. bibel 3, 157 K.; denn sie, ich und andere fromme frawen in dieser statt, haben angehaben niderwadt zu tragen, uns vor den buben, so die frawen zucken und entehren, zu behten buch d. liebe (1587) 295c.
c) in kirchlicher sprache ist z. 'aus dem leben, in den himmel entführen': do zukte der minneklich got disen edeln maister von hinnan Seuse d. schr. 6 Bihlm.;

aber der tod, der gar nicht trinckt,
zucket den trincker hin
Fischart geschichtklitt. 10 ndr.;

sollest .. aus dem grab und staub ... gen himel gezuckt werden Luther 34, 2, 479 W.; er wart gezuckt in dise weys uncz zu dem dritten himel erste d. bibel 2, 136 Kurrelm. so kommt es nahe an entzücken, s. th. 3, 668, und verzücken:

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indem ich dieff entnücket,
wurt in ein schlaff gezücket
H. Sachs 22, 254 G. (ähnlich 439; 6, 21).

neuerdings vereinzelt bei dichtern:

mich zucket wonne himmelwärts
maler Müller 1, 209.


d) auch der kirchlichen sprache besonders eigenthümlich ist die bedeutung 'geistig heranziehen', 'anlocken', 'verlocken':

do begundens im lucken
und in an sich zucken
(die dirnen den kaufmann)
Laszberg liedersaal 1, 549, 88;

das gemüt (des menschen) wirt getzuckt in manichen weg Albrecht v. Eyb spiegel der sitten (1511) d ivb; damit sy in gots erkantnis werden gezuckt S. Franck chron. zeitbuch (1531) vorr. a 4a;

o gib dich mir, und zukke mich
mein Jesu gantz in dich!
Angelus Silesius heil. seelenlust 125 ndr.;

tocken allicere Schueren teuthonista 9a Verdam; Frischbier (Ostpreuszen) 2, 403; zöken, härfür löcken oder reitzen Maaler 523a.
e) in der oberdeutschen rechtsprache, in der Schweiz bis in die gegenwart, heiszt es von der obrigkeit, 'geld und gut einbehalten, beschlagnahmen': nachdem got, als das ewig unbeweglich get, nyemant wider seinn willen, gezuckht werden mag Berthold v. Chiemsee 327; ir wollet euch .. erinnern, ... dasz der thurm Rore. .. ein lehen der stadt Bern sei, welches sie, kraft .. lehensherrlicher macht, euch zucken könnte Zschokke ausgew. schr. 25, 312; als der beamte nicht auf seinen posten zurückgekehrt war, wurde ihm ... die besoldung gezuckt neue Zürcher zeit. 1853, nr. 93; auch zugt ein apt und sine closter uf den vorg. guden und hofestede die bestheupt vor allen anderen herren weisth. 6, 10, vgl. J. Grimm d. rechtsaltert.4 1, 514 f. allgemeiner mhd. sich etwas an zucken anmaszen, beanspruchen, vgl. DWB zucht I 4: dirre schildit den almechtigen got, wane er sich daz an zckit daz got alleine mach getn altd. pred. 1, 137 Schönbach.
f) hierher gehört zucken als ausdruck der fechtkunst: die ... handtarbeit ... ist die gröste kunst, ... in anbinden desz schwerts, winden, ... zucken Sutorius fechtbuch (1612) 3.
3) das wegziehen ist zugleich ein zurückziehen, bes. aus einer gefährlichen lage Kramer 2, 1481c, vgl. II 3: zucken, zuruckziehen retrahere Dentzler 2, 365b; mit disen worten zuckt er sein faust ausz der hand Antionoi Schaidenreiszer Odyssee 8a;

dann hett er nit so gschwind gezuckt
den fusz, das rad hett in zerdruckt Teuerdank 52 Gödeke.

dies geht über in zurückhalten, hemmen, hindern: Peristerius, der mit der richtigen bekentnis ... etwas gezückt hinder dem berge Christophorus Irenäus seltsame wundergeburten (1584) q q 3b.
4) wie in 'wegreiszen', 'entreiszen' der beginn des vorgangs hervortritt, so nimmt zucken geradezu die bedeutung 'ergreifen', 'packen' an, von der aus sich weiteres entwickelt.
a) zucken für 'ergreifen': lag das hütlin nit verr von ir, do lüff er bald und zucket es Fortunatus 132 ndr.; wer .. das hembd zuckt, und sich darnach buckt, ist halb auffgestanden S. Franck sprüchw. (1541) 2, 8b; sch. weise klugr. (1548) 6a;

diese nymphe,
die mich im wasser zucket,
her in den abgrund rucket
in Neptuni pallatz
H. Sachs 3, 318 K.;


b) jemand gewaltsam und schmerzhaft anpacken: darumb, das die pferd ainander mit den czenen zuckent Mynsinger v. falken, pferden u. hunden 62 lit. ver.; (es ist unzulässig, dasz der falkonier die vögel) übel anfahre, zucke oder schlage v. Hohberg georg. cur. aucta (1715) 3, 2, 351a; ein ziemlicher wust gallichter und andrer verderbten

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feuchigkeit ..., die durch ihre vitriolische schärfe und schädliche säure die nerven nagten, biszen und zuckten Chr. Fr. Paullini zeit-kürzende erbaul. lust 1 (1695), 724.
c) es bezeichnet zugleich die mit dem ergriffenen ding ausgeführte bewegung: dann wer den bengel (an der druckerpresse) zuckt, acht nicht ob ihn ein floh truckt Fischart flöhhaz 71 ndr.; und zuckt das ruder Vischer auch einer 1, 220;

thäten so starck die rhder zucken
Fischart glückhaftes schiff 13 ndr.

so solt du vor die kannen zucken,
darausz mit allen krefften schlucken
Scheit Grob. v. 1499 ndr.

häufig von dingen, die zum wurf, stosz oder hieb geschwungen werden, bes. von waffen: Richart ... zucket die ander kugel und fasset einen solchen starcken wurff Wickram 2, 158 Bolte; zücke den spies, und schütze mich wider meine verfolger ps. 35, 3. die faust zucken u. ä.: der betler zuckt die fust und schlg in in sein angesicht Pauli schimpf u. ernst 250 Österley; die händ über einen zucken intentare manum Aler (1727) 2, 2258b; (Gargantua) zucket den kopff und stiesz in ans brett Fischart geschichtklitt. 198 ndr.
d) dieselbe bedeutung hat zucken von alters bei blanken waffen, s. d. mhd. belege in den wbb., bes. wo die richtung des stoszes oder hiebes deutlich ist: mit dem zucket er sein schwerdt und traff den hertzogen auff sein helm Aymon (1535) b 2a; das schwerd, so die Jüden zucken wider Christum, gehet durch sie selbs Luther 28, 354 W. gelegentlich auch in neuerer zeit: die studenten zogen dolche aus ihren röcken, zückten sie und riefen Immermann 6, 121 Hempel; die Ungarn freuten sich ihres (Maria Theresias) anblickes, ..., wie sie auf dem Königsberg das schwert des heiligen Stephan nach den vier weltgegenden hin zückte Ranke 28, 481. als einheitlicher ausdruck bedeutet es 'zur waffe, zu waffengewalt greifen': ich habe nie keyn schwerd gezuckt, noch rache begerd Luther 18, 313 W.; ob er gleich niemahls einen degen vor das vaterland gezucket v. Fleming vollk. teutsche soldat 85; wenn auch die verschiedenen bünde das schwerdt nicht selbst gegen einander zückten M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen 4, 12. der nachdruck liegt dann auf dem anfangen: die anfänger eines krieges wären nicht eben die, welche zum ersten den degen zuckten Lohenstein Arminius 1, 22a, und steht im gegensatz zur dadurch bewirkten körperverletzung: wer ain messer ald ain swert frävellich zukket âne schaden, der git dem amman 5 sol. oberschwäb. stadtrechte 1, 26. das entscheidende für solchen friedensbruch ist, dasz die waffe aus der scheide gezogen wird, und so mögen solche anlässe dazu geführt haben, die bedeutung hierauf einzuschränken, wobei zugleich die formel das schwert aus der scheide zucken verkürzt erscheint. im mhd. ist es noch nicht sicher belegt, der sachliche ausdruck dafür war daz swert ûzziehen, wie im nhd. den degen ziehen, aber es wird schon früh in wbb. bezeugt: zücken evaginare Diefenbach 211c; nudare gladios Frisius 883b; strictus chalybs .. ein blosz oder gezuckt schwärdt 216a; das schwert zucken stringere gladium M. J. Bellin hd. rechtschreibung (1657) 139; Kramer 2, 1482a. deutliche belege: yhr messer stickt fest; aber müssen sie es zucken, so kumpts nicht on blut widder yn die scheiden Luther 19, 646 W.;

die hand am griff
des degens, halb gezuckt
Herder 23, 424 S.

mit gezücktem schwerte, degen u. ä. ist meist hieb- oder stoszbereit, allgemeiner kampfbereit:

nach ir sach er ein ritter reyten
auff einem gantz kolschwartzen pferd
grimmigklich mit gezucktem schwerdt,
der ir zu nemen gert den leib
H. Sachs 2, 246 K.;

dasz Österreich und Preuszen vor nur wenig monaten mit gezücktem schwert gegen einander gestanden Dahlmann

[Bd. 32, Sp. 288]


gesch. d. fr. revol. 416, oder bezieht sich nur auf die entblöszte waffe: Folko ... trat mit gezücktem schwerte, das im fakkelschein wie eine flamme loderte, in die mitte des kreises Fouqué zauberring 1, 24. es kann aber zucken auch einfach 'packen, fassen' heiszen, wie oben 4 a: mancher zückt offt das schwerdt, und zeuchts doch nicht von leder Lehmann floril. 1, 153. von leder zucken ist im 16. jh. und länger das übliche für das ziehen der waffe Frisius 433a; 459b; 474a; Luther 32, 331 W.; später vom leder noch Brentano 5, 451, heute nur mit ziehen s. th. 6, 490 f., auch 8, 1359 bei rücken.
e) die waffe fehlt als obj.: bey der arkelley und in der schantz niemands uber den andern zucken, oder auffruhr machen sol Reutter v. Speir kriegsordnung 139; der erstlich zuckt, hat allzeit unrecht Lehmann floril. 3, 46;

zück' auf mich, die euch verachtet
maler Müller 2, 263.


f) die beliebte formel wird nach- und umgebildet, immer im sinne eines beginnenden energischen vorgangs: man zückt den pfeil Jung-Stilling 2, 326, eine pistole J. A. v. Mandelslo 69 bei Olearius verm. reisebeschr., die feder (zum schreiben) Dahlmann an Gervinus 2, 150, den zauberstab Bürger 320a Bohtz (ähnlich 179a), die sense Brentano 2, 591; mit der gezuckten zunge (ein drache) Klopstock oden 2, 152 M.-P.; mit gezückten tatzen (bärin) Heinr. v. Kleist 2, 441 E. Schmidt; hüte dich! schrie er und zuckte mit dem schweren schlüssel gegen seines sohnes haupt Storm 6, 18. so werden auch streiche, hiebe, die hand zum wurfe gezuckt.
g) daraus scheint sich die bedeutung des einfachen 'sich anschickens' zu entwickeln: sie ... fieng von freyen stücken an und zucket und verliebet ihr so oft gedachtes klagelied (in ein freudenlied) ganz und gar umb zu kehren Fleming d. ged. 2, 559 Lappenberg. ähnlich ist wohl aufzufassen: ein tiefes seufzerlein zucken Kramer 2, 1482a.
5) nur mhd. zucken für 'sich losreiszen', 'enteilen':

diu sêle hin zucchet pf.
Konrad Roland 108, 14;

Gardevîaz zucte und spranc durch gâhen nâch huntwildes verte
Wolfram Titurel 156, 4;

es schwiment wildi tiere hoimlich im Jordan ... die zuckend unders wasser geschwind bei Schmid schwäb. wb. 552 (bel. des 15. jhs.).
6) wie ziehen, nachziehen ist zucken gelegentlich eine schwäche des gehens, etwas weniger als hinken: sein vater Philippus ... ward lahm von der wunden (im schenkel), und schämet sich vor dem zucken oder hincken W. Bütner epitome historiarum (1596) 363b; und wenn die frawen zucken, so hincken die dienerin gar Cervantes unzeitiger fürwitz (1617) d 8b; war ein ... schneyder ..., der ... zucket mit dem einen fsz, als gienge er den dreyschlag oder zelter Lindener katzipori 174 lit. ver.
II. bisher bezeichnete zucken überall eine auf ein ziel gerichtete bewegung, der eine wirkung von subj. zu obj. wenigstens zu grunde liegt; heute ist es eine bewegung von einer besonderen art, wobei das bewegte seinen ort nicht ändert. sie ist nicht nur heftig, sondern unwillkürlich und, wenn wiederholt, unrhythmisch. wir empfinden das wort als lautbild wie mucken, jucken, rucken, zu denen es sich, gepaart oder reimend, gern gesellt, während der zusammenhang mit ziehen verloren gegangen ist. diese umdeutung, fast eine neuschöpfung, vollzog sich im 17. jh., ein früher beleg ist: so in die wunden ein zucken kompt Paracelsus chir. (1618) 12b. freilich giebt noch Kramer die ältere auffassung 2, 1481c, und erst Adelung die neue voran und nachher die, 'in welcher gestalt es ehedem üblich war' 5, 1743. der wandel zeigt sich deutlich in ausdrücken, die sich auf den leib und seine glieder beziehen, bei schmerzhaften einwirkungen. zunächst sind sie noch obj., vgl. die bel. bei I 1 und 3,

[Bd. 32, Sp. 289]


dies wird aber in stufenweiser syntaktischer verschiebung entfernt: hett gleich wol der püttner die handt zu zweien malen, ee im die abgehauen, gezugkht Th. v. Absberg 29 lit. ver.; ich sahe gantz eigenlich, dasz er noch ein bein zückte (ein tödlich verwundeter) Zend. a Zendoriis teutsche winternächte 145; ob sich die frauw zur zeit der noth (geburt) zücken würde Ruoff hebammenb. (1580) 53; wenn sich ein rosz im leibe verrückt hat, so stehet es und zücket immer mit dem leibe, denn es sticht im also zum hertzen Walther pferde- und viehzucht (1658) 100; die fraw von Rotzenhaussen ... hatt abscheülich gezuckt (beim aderlasz) Elisabeth Charlotte 5, 111 Holland. ähnlich ist zucken von der bedeutung I 4 b aus zur bezeichnung des schmerzes geworden, wie in dem beleg aus Paracelsus hier oben: dieses thut ... zucken und reissen, und dieses heisset mala conscientia Abr. a St. Clara etwas für alle 2, 23. es bezeichnet, bes. nd. tucken, den klopfenden schmerz, z. b. in einem finger brem.-ns. wb. 5, 127, Bauer-Collitz 106b; Frischbier 2, 414, was wahrscheinlich weiter verbreitet ist. von der unwillkürlichen bewegung bei körperlichem schmerze ist alles weitere ausgegangen. als besondere bewegungsart wird es jetzt in erster linie auch da empfunden, wo der zusammenhang mit ziehen zu grunde liegt: der wind blies den kroatenmantel im freien weit auf, je mehr er zuckte und reckte, je verwickelter wurde die confusion von schlitzen, falten ... und quasten Eichendorf 3, 390; Ilse wuszte einen knopf seines rockes zu fassen und zog leise daran; aber er gerieth über dieses zucken in aufregung G. Freytag verlor. hschr. 1, 222;

er zuckt' am schwert, starrt zornbleich nieder
und stiesz es rasselnd in die scheide wieder
Eichendorf 3, 565.

auch die formel die achsel(n) zucken, seltener mit der a. z., noch seltener die schulter z. für die ausdrucksgeberde des bedauerns, des unvermögens, zweifels, der ablehnung oder miszbilligung ist im 17. jh. geprägt: Zend. a Zendoriis teutsche winternächte 520; Ziegler asiat. Banise 468; Kramer 2, 1481c; der arzt wird gerufen, befühlt ihr den puls, und zuckt die achseln und sagt: hier hat meine kunst nichts zu schaffen Heinse 3, 503 Schüddekopf; Fr. Humbrecht (rümpfft die nase und zuckt die achseln) H. L. Wagner theaterstücke (1779) 93; man hat allenfalls darüber den kopf geschüttelt und die achseln gezuckt de Lagarde d. schr. 221; seine art zu gehen, die achseln zu zucken, die arme einzustecken, den hut zu setzen ... ist daher eine erquickung anzusehen Lichtenberg verm. schr. 3, 260. dagegen stimmt ein früherer beleg mit den eingangs gegebenen älteren belegen: die mess ist schwach ... sehend z, wie zuckt sie mit den achslen N. Manuel 225 Bächtold.
1) zucken als wirkung äuszeren oder inneren reizes.
a) der leib zuckt infolge äuszeren oder inneren schmerzes: wie nun der fuchs den ersten stich bekam, zuckte er, dasz er das eine bein aufhob Grimm kinder- und hausm. 2, 106; da zuckte der böse Lindolt mit dem rechten fusz, als wär' er in einen dorn getreten Scheffel ges. w. 1, 146; die raupen zucken mehr oder weniger stark, wenn sie berührt werden Göthe II 6, 419 W.;

jetzt in der kammer zagt die braut,
und zuckt vor herzenswehen
Bürger 52b Bohtz.

von ermüdung: ach, ich war so müd, so müd, hände und füsze zuckten mir Brentano 5, 165. als träger der erregung zucken die nerven. die bewegung ist krampfhaft: in eben diesem bade zog unsern bruder Francesco ein zuckender krampf unters wasser bis zur tiefe Gerstenberg d. nat. lit. 48, 231 (Ugolino II);

von bösem krampfe zuckend
Göthe 11, 27 W.


b) so wird es von den letzten krampfhaften bewegungen des sterbenden gebraucht: der letzte schusz ... traff ihn noch, dasz er zucket H. W. Kirchhof militaris disciplina (1602) 227; wie die hasen beim treibjagen zuckten

[Bd. 32, Sp. 290]


die kerls über einander Göthe 8, 141 W.; (der tiger) zerreiszt seine beute, friszt so lange sie zuckt Ritter erdk. 6, 698; sechs schritte von ihnen lag (oberst) Dedel todt, ohne nur noch eine ader zu zuken Chr. Fr. D. Schubart bei Strausz 9, 267. auch vom einschlafen: unter diesen gebetchen kehrte ich mich nach einer seite, zuckte noch einige male und schlief ein Brentano 5, 166. übertragen: wenn das vaterland in todeskrämpfen zuckt Fr. L. Jahn 2, 260.
c) aber der puls, das blut, die muskeln zucken als zeichen des lebens: meine pulse beben, und meine muskeln zucken Bäuerle kom. theater 4, 3, 22; die männer glühten, die arme der jünglinge zuckten unwillkürlich Tieck 8, 34; gottlob! ich lebe! in meinen adern kocht das rote leben, unter meinen füszen zuckt die erde Heine 3, 137 Elster.
d) der reiz, der schmerz, das gefühl zuckt durch den menschen: und da schlägt allzeit ein starker funke heraus, der ihnen durch den ganzen leib zuckt Wilhelm Grimm an Jacob 132; ein schmerz zuckt vom ersten finger der rechten hand nach seinem herzen zu O. Ludwig 2, 138; schauder, mitleid, sehnsucht zuckt durch das herz, die seele;

uhrahnfrau liebte schmuck und gold,
das zuckt wohl durch die glieder
Göthe 3, 368 W.

vor allem in der unpersönlichen form: es rieselte und zuckte dem Erasmus durch alle nerven E. Th. A. Hoffmann 1, 277 Grisebach;

durch hunderttausend zuckt es schnell
Schneckenburger die wacht am Rhein.

so auch gedanken: einen augenblick zuckte es ihm durch das haupt: wie? wenn es zuneigung wäre Stifter 3, 366, oder, wenn sich die erregung in that umsetzen will, zuckt die handlung durch die glieder: ein hieb, ein stosz zuckt gegen einen; ihre hand zuckte unwillkürlich nach der seinen Storm 1, 296; der Grabenhäger fühlte ein zucken nach den ohren hin, die ihm so wohlbekannt vorkamen Polenz Grabenhäger 1, 201. ferner ein werkzeug, eine waffe: die schere Philinens zuckte schon Göthe 25, 268 W.;

das messer zuckte schon,
den lebensvollen busen zu durchbohren 10, 81 W.

besonders von der musik: der fusz des wilden zuckt so gut, wenn er einen deutschen schleifer hört, als der schenkel des biederen Schwaben Schubart ästhetik d. tonkunst 238; deine lieder, die ich lange nicht gesungen hatte, zuckten auf meinen lippen B. v. Arnim Göthes briefw. m. e. k. 2, 303. zucken im daumen meldet die nähe böser geister, vgl. th. 2, 847 ff.: dabei lieszen sie (die junker) land und volk erhenken, ohne dasz ihnen der daumen zuckte G. Freytag 2, 45;

ich fühl's, es zuckt am daumen mir;
was verruchtes ist nah uns hier
Herder 23, 373.


e) zucken ist die unwillkürliche bewegung des schrecks oder der furcht:

als er es nun so weich empfandt,
da zuckt er gleich und ward ihm bang
Fischart Eulenspiegel 444 Hauffen;

was scheustu dann den tod, durch den du iederzeit
hernachmahls für artzney und kranckheit bist befreyt?
was zuckestu doch viel?
Opitz opera (1690) 3, 318;

was duckt und zuckt ihr? ist das höllenbrauch?
Göthe 15, 321 W. (Faust 11710);

unter dem messer des priesters zuckt die taube Klinger w. 2, 112; darum ist nicht zucken furchtlosigkeit und schmerzüberwindung, in den älteren anwendungen wohl mehr 'nicht zurückweichen', s. u. 3: und hielt domit sein handt in eyn fewr ..., bisz die handt gar verbrant, das er nit zuckt Carbach Livius 27a; wenn dennoch ihr auge nicht zuckte und ihre feste hand nicht zitterte Meinecke leben d. generalfeldm. Boyen 1, 162; he tukkede nich eenmahl Richey 317;

[Bd. 32, Sp. 291]


zischend flog
ein scharfes erz ihm dicht am ohre hin,
die wang' erglühte, doch er zuckte nicht
G. Freytag ges. w. 3, 139.

formelhaft ohne zu zucken, nicht mit der wimper zucken, vgl.f und III 1, ferner zucke nicht Kramer 2, 1482a:

zuck nicht, mein schatz!
O. v. Wolkenstein 49, 17 Schatz;

es schadt dir nit, es beist dich nit (das küssen)
......
halt fest, nit zück!
G. Forster frische teutsche liedlein 99 ndr.;

zuck nicht mein hertz, es ist vergebens
Abr. a St. Clara etwas für alle 2, 102b.

ähnlich numme nit gezuckt! Martin-Lienhart 2, 900;

nöt zuckt und nöt gmuckt
Stelzhamer ausgew. dicht. 1, 24 Rosegger.


f) alles dies findet seinen ausdruck im bewegten antlitz: mit ... durch gicht oft zuckenden zügen E. M. Arndt 1, 188; die spitze ihrer krummen nase zuckte auf und ab Storm 3, 313; sie war kreidebleich vor zorn, ihre lippen zuckten bösartig G. Hauptmann bahnwärter Thiel 21; sein gesicht zuckte krampfhaft vor schmerz Droste-Hülshoff 2, 286; nur zuckte es ihm seltsam um die augen G. Keller 4, 23; ein spöttisches lächeln zuckte um seinen mund Eichendorf 3, 246; ein blitz der begeisterung zuckte aus den augen des jungen mädchens Kürnberger novellen 2, 7. und so zeigt sich die innere unbewegtheit, wenn keine miene, kein auge, wenn man mit keiner (nicht mit der) wimper zuckt, vgl. e.
2) zucken bezeichnet die zuckende bewegung als solche.
a) vom lebenden wesen: (er) besitzt die gabe mit dem bloszen nicken des kopfes, und zucken des ellbogens das gröszte orchester in ordnung zu halten Schubart ästhetik d. tonkunst 137; sie zuckte leise in den schultern Storm 4, 156;

doch ein finger ruckt,
und plötzlich bin ich in die höh' gezuckt (beim erwachen)
Droste-Hülshoff 2, 114;

der fisch zuckt an der angel; von Galvani's zuckendem frosch Herder 22, 331; eine ... fledermaus, wenn sie musik hört: ... zuckt mit den vordergliedern Brehm thierleben 1, 18 Pechuel-Lösche. gern vom fluge der schwalben: Fischart praktik (1607) 127; Jean Paul 15 bis 18, 167 Hempel; Eichendorf 1, 286. zuckende bewegung vom hahnentritt der pferde v. Alten handb. f. heer u. flotte 4, 557.
b) von gegenständen:

da zuckt das schiff und sinkt zu grund
Mörike 1, 154;

an der .. angel begann eben die federpose zu zucken Storm 2, 176; der weiser (an der uhr) zuckt Holtei erz. schr. 4, 190; so oft meine wünschelruthe über dem golde einer deutschen biederseele zukte Chr. Fr. D. Schubart leben und gesinnungen 2, 20, ähnlich Klopstock oden 1, 221 M.-P.
c) seine lautmalende art zeigt zucken besonders als wort für lebhafte, unruhige lichterscheinungen. bogenlampen zucken, wenn sie unterbrochenes, flackerndes licht geben Blaschke wb. der elektrotechnik 1, 144. überall in anschaulicher darstellung: nur einzelne .. flämmchen zuckten noch aus der halbverloschenen brandstätte Eichendorf 3, 368; die sterne flimmerten und zuckten F. v. Saar w. 7, 52;

es dampft! es zucken rothe strahlen
mir um das haupt
Göthe 14, 31 W. (Faust 471);

des mondes sichel wankt,
und durch die nacht zuckt ungewisse helle
Schiller 12, 373 G.

es ist besonders das wort für den blitz:

aus der wolke, ohne wahl
zuckt der strahl 11, 311 G.;

im zickzack zuckt ein blitz
Detl. v. Liliencron 2, 154 Dehmel;

[Bd. 32, Sp. 292]



nun liegt und zuckt am fahlen himmelsrand
in sich zusammgesunken das gewitter
v. Hoffmannsthal ged. u. kl. dramen 6.

s. auch die belege mit zücken o. sp. 273 u. fest verbinden sich der zuckende blitz oder strahl. übertragen wird es auf das erscheinen und schwinden der dinge: da ich zum letzten mal mich umwandt' und die erlöschende gestalt noch einen augenblick vor meinem auge zückte und dann in die nacht verschied Hölderlin 2, 152 Litzmann; die kleinen thürmchen, giebelvorsprünge .. zuckten durch dicke herbstnebel Holtei erz. schr. 24, 47. das zucken des lichts gibt mannigfachen ausdruck für das spiel der mienen, s. 1 f am ende. aufzucken wie aufflammen: der alte gegensatz beider lager zuckte wieder auf Häusser d. gesch. 42, 284.
3) zucken heiszt von alters zurücktreten, zurückweichen, vgl. DWB I 3, zunächst räumlich: wir drängten und schossen und hieben, dasz sie die mäuler verzerrten, und ihre linien zuckten Göthe 8, 177 W.; 'sie brauchen nicht zu weit vorzutreten!' sagte der bürgermeister, und der magister zuckte sogleich um einige fusz breit wieder rückwärts Storm 4, 107; dann 'von einem vorsatz aus bedenklichkeit oder sonstiger schwäche abweichen', was sich mit 1 f berührt: 'sie haben die schraube (der honorarforderung) sehr scharf angezogen', sagte ich ihm (Göthe); 'Göschen wird zucken' Göthejahrb. 2, 397 (Bertuch an Göschen);

viel versprechen grosse strich
zücken aber hinder sich,
uberfiel dich hungers-noth,
sie versagen dir das brod abgewechselte liebes-flammen (Hamburg 1672) g viii 9b.

ebenso in heutiger umgangssprache (militärisch?) zurückzucken 'von einem vorhaben ablassen'. nahe daran liegt 'zögern': dieser zückete etwas mit seiner antwort, endlich sagte er Bucholtz Herkuliskus 445. vielfach in maa.: hess. Pfister nachtr. zu Vilmar 346, luxemb. zöcken Gangler 493, Göttingen-Grubenhagen tucken, tücken Schambach 236a, weiter ist dann mit dem geld zucken 'sparen' Martin-Lienhart 2, 900, vergl. bei 1zucker 1.
4) eigenthümlich ist die bedeutung 'in eine art schlagen': die z end Italie wonen, zücken in die kriechisch art mit speisz und red S. Franck weltbuch 75a; (der rattenfänger von Hameln) zuckt auf's bänkelsängerische Göthe 40, 340 W. das stammt vielleicht aus der vogelstellerei: diser (Joannes de Wessalia) zucket in die böhemisch ketzerey gemachsam, bisz er gantz und gar darein fiel S. Franck chron. zeytbuch (1531) 412b.
5) im bergbau zuckt das gestein beim draufschlagen. wenn man mit dem fäustel an die gesteinswand klopft, dann hört man am dumpfen ton, dasz das gestein klüftig ist und fühlt an dem fäustel, dasz es locker sitzt v. Schönberg berg-inform. (1693) 2, 111; Veith 594. ähnliches vom holz:

das holtz verbleibt unwerthes holtz,
wofern es zuckt und bricht im schneiden
Abr. a St. Clara etwas für alle 2, 220b.


III. allgemein und altüblich sind die nominalen formen.
1) der inf. in wendungen wie ohne zucken, ohne alles z., ein z. spielte um seine lippen u. ä. und auch als reines subst.: hat sie der allgewaltige gott sanft und stille, ohn einiges 'zucken, von dieser welt ... abgefordert H. v. Schweinichen 522 Österley; (Wilhelm) fühlte .. an ihr eine art zucken, das ganz sachte anfing und sich durch alle glieder verbreitete Göthe 21, 228 W.; das thier (vernageltes pferd) ... zog den andern (fusz) mit schmerzvollem zucken in die höhe Ebner - Eschenbach 22, 85. ein zucken war bei den meistersingern eine falsche pause beim singen Wagenseil civ. Norimb. (1697) 529.
2) das part. präs. als adj.
a) in der älteren sprache 'reiszend', oft mit rapax glossiert, z. b. Maaler 524a, vgl. bei reiszen th. 8, 758; 760; 762.

[Bd. 32, Sp. 293]



α) räuberisch, besonders von thieren, vgl. oben 2 a: zuckend rapax Maaler 524a; nemiger zuckender voc. theut. (1482) 14b. bis Luther stehend für die lupi rapaces Matth. 7, 15: abir innewendic sint si zckinde wolfe evangelienb. d. Math. Beheim 19; zuckend wolf in den meisten drucken der ersten bibel, s. die lesarten bei Kurrelmeyer. so auch in freierem gebrauch: du einfältiger ley bisz gewarnt vor den bättelmünchen, dann offt kummen sy in schaffkleider und sind heimlich zuckent wölff Eberl. v. Günzburg 1, 63 ndr.; do ... dorfft (der papst Stephan II.) nymmer umblauffen wie eyn zuckender lew Judas Nazarei v. alten und n. gott 21 ndr. als adv.: zuckend wie der wolff das lamm frasz S. Franck sprüchw. (1541) 2, 83a; sch. w. klugreden (1548) 37a.
β) vom reiszenden wasser: zuckender rapidus etiam defluvius impetuose currens voc. theut. (1482) 14b; dann der keyser .., schwemmet er in ein unbekant, zuckend, bald-fliessend wasser mit seinem gaul S. Franck chron. zeytbuch (1531) 184b.
b) in neuerer zeit ist zuckend etwas krampfhaft unruhiges Stieler 2636: die zuckende lebhaftigkeit schien sich in ihrem betragen täglich zu vermehren Göthe 22, 102 W.; er (distelfink) hat einen ... fast zuckenden flug (vgl. o. II 2 a) Naumann naturg. der vögel 5, 135; ein zuckender schmerz Mörike 1, 86; zuckende nerven Pfeffel pros. vers. 2, 91; eine zuckend hast Rosegger wildlinge 10; zuckende schwäche Lavater physiognom. fragm. 2, 13; eine zuckende seligkeit Stifter 1, 206. selten als präd.: aber warum so wild, ernst und zuckend Klinger 4, 84.
 
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zucken, v., pumpen von 2zucke, Benzler deichbau 2, 298.
 
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zucken, zücken, v., für vogelstimmen, eine rein lautmalende bildung:

locken, schmeicheln, pfeifen, zucken
flöhten, schlagen, zischen, glucken
ist der holden nachtigall
wunderbar gemischter schall
Brockes ird. vergnügen 1 (1744), 63;

er schleifte wie eine drossel, er zückte wie ein sprosser
H. Watzlik Phönix 72.


 
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zucker, m. , auch zücker, einer der zuckt.
1) zu zucken 'greifen, rauben' mhd. wb. 2, 933b; Lexer 3, 1166: rauber oder zucker voc. theut. (1482) a a 5a; hinzucker raptor Dasypodius 467b; rapax ein zucker voc. predicantium (1486) y 4b; zukker .. qui corripit ensem Schottel t. haubtspr. 684; solt gott solchen hochmt und auszschlahung des frids nit mit dem schwert zalen, das gezückt allweg in des zückers hertz msz geen S. Franck chron. Germ. (1538) 220b;

nun, ich will sein der erst zucker,
(der zuerst das schwert zieht)
H. Sachs 10, 361 K.;

für geizhals Frisch 2, 484a: bistu ... karig (karg) ein zucher und hebig Keisersberg irr. schaf (1514) 7a; nit bisz ein zucher, ein schmarotzer 16a; s. DWB zucken II 3.
2) zu zucken II, 'zuckende bewegung' Schmeller 2, 1084; Hügel 199b (Österreich, beim zahnziehen): er duut kai zucker mee 'ist tot' in Baden zschr. f. d. maa. 1916, 328. 'blitz', Obersachsen Müller-Fraureuth 2, 714a.
3) ein lamm, das im hause als zeitvertreib für kinder aufgezogen wird, Henneberg Spiess 292, s. DWB zuckeln 3.
aus der bedeutung 'geizhals' erklärt es sich, wenn zucker gelegentlich im 16. bis anf. 17. jh. wie ein prädicatives adj. 'knapp' erscheint:

viel schwer gedancken ich ausz wag,
warumb all hendel yetz auff erden
so klemb, spitzig und zucker werden
H. Sachs 3, 491 K.

(vgl. DWB klemm th. 5, 1136); der warheit .., so bey ihnen wildbrät ist, so gar theur und zucker sey J. Nas antipap. eins u. hundert 4, 296a; dagegen reine lehr und lehrer zumal zucker und thewer sein werden S. Artomedes christl. auslegung 1, 595 (zucker und thewer auch 1, 584). oder gehört dies zu 2zucker III 3?

[Bd. 32, Sp. 294]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) zucker, m. , mhd. zucker, wurde über mlat. zuccarum, zuccara aus dem arab. sokkar übernommen, das zuletzt auf aind. çarkara zurückgeht (zuerst vermuthet bei Kramer 2, 1482c), während gr. σάχαρον, lat. saccharum, die grundlage unseres sacharin, auf geradem wege dem ind. entstammt. wort und waare kamen vom Mittelmeer über Italien nach Oberdeutschland Seiler lehnw. 22, 208. von dort haben das nd. und die skandinavischen sprachen es als sukker übernommen Lübben-Walther 389b, Falk-Torp 1203. dagegen nahm das wort den weg nach den Niederlanden und England über Frankreich; mnl. suker, nnl. zuiker, westfries. sûker Dijkstra 3, 237, mengl. sucre, ne. sugar von frz. sucre. mit verändertem vocal heiszt es jetzt im nd. und nordfries. allgemein, im md. weitverbreitet sokker oder zocker. zocker erscheint schon in der geschäftsprache des deutschen ordens Marienburger tresslerb. 392 Joachim; handelsrechn. d. d. ordens 6 Sattler. in der gegenwart wird es für das md. sowohl im südwesten (Pfalz, Wetterau) wie im osten (Ruhla, Glatz) angegeben.
die ältesten glossen zuccara cuccer ahd. gl. 3, 532 und zuccarum zuccer, zuker 569 sind kaum älter als das 12. jh. (Graffs ansatz zucura 5, 631 ist nicht ahd., sondern lat.). die ältesten belege bei Wolfram Parz. 50, 16 und Wh. 88, 2 zeigen das wort allgemein bekannt. unter erzeugnissen des südens nennt ihn Konrad v. Würzburg mit unklarer anschauung:

vîgen, zukker, lôrber,
swelh obez guot ist bî dem mer,
des hienc dâ vol vil manic zwîc Partonopier 2323.

aus dem lat. neutr. ist es durchweg zum masc. geworden, wie in vielen anderen ähnlichen fällen gr. 32, 548 f.; Wackernagel umdeutschung 37 f. doch kommen ganz vereinzelte deutliche fälle des n. vor Joh. v. Würzburg Wilh. v. Österreich 8587; Breslauer arzneibuch (mitte des 14. jh.); Arigo dec. 222 Keller; Gäbelkover arzneibuch 1, 166.
wie der zucker den honig als süszmittel ersetzte, so auch in der sprache im bildlichen und sprüchwörtlichen ausdruck, auch paaren sich beide gerne, s. DWB I 1. Konrad v. Megenberg nennt das zuckerrohr honigrœr 394 Pfeiffer.
I. in sachlicher verwendung bezeichnete zucker zunächst das aus dem zuckerrohr gewonnene, ursprünglich vom Mittelmeer, später aus Westindien und den Canarischen inseln (Thomaszucker, Canarienzucker) zugeführte erzeugnis, dann seit einführung des rübenzuckers diesen in demselben umfange, wogegen man es für den süszstoff der kriegsnothzeit zu brauchen vermied. dabei tritt bald die eine bald die andere eigenschaft in den vordergrund.
1) es ist das süsze genusz- und nahrungsmittel vor allen anderen, mit dem man besonders kinder, frauen und hausthiere verzieht:

het er den prîs behalten sô
an vrävelen helden sô dîn lîp,
für zucker gæzen in diu wîp
Wolfram Parz. 50, 16;

die kinder sind ganz an mich gewöhnt, sie kriegen zucker Göthe 19, 20 W.; ob man schon eim vogel zucker zur speisz gibt Lehmann florileg. 1, 225. darum gerne mit honig zusammen genannt Er. Alberus fabeln 2 ndr.; Rollenhagen froschmeuseler (1595) c 7b; Zesen verm. Helikon 2, 116; medicin. maulaffe 35; Kramer 2, 570c. zucker zum zucker nimmt man, wie man den speck spickt: ew. durchlaucht ... erfüllen damit den alten Mendelssohnschen wunsch, 'wenn man doch zum zucker zucker nehmen könnte!' Pückler briefw. u. tageb. 6, 18. zucker ist so das süsze überhaupt: dreck, klei und kat, das ist sein (des schweins) mastung, zucker und rosengart sch. w. klugreden (1548) 16b; das biergen schmackte wie lauter zucker Chr. Reuter ehrl. frau zu Plissine 20 ndr.; die weiszen pülverchen schmecken wie zucker D. v. Liliencron 2, 142 (der töpfer).

[Bd. 32, Sp. 295]



2) zucker ist die süszende zuthat zu speisen und getränken: eine speise mit z. süszen, z. auf etwas streuen Kramer 2, 1482c; zucker und zimt auf kuchen, reis u. dgl. streuen; Hoffmanns lebensbalsam auf zucker zu träufeln Hippel kreuz- u. querzüge 1, 96. früher paarte man würz und zucker H. Sachs 17, 417 G.; Fischart geschichtklitt. 198 ndr., s. auch den beleg hierunter aus Scheit. neuerdings ist er besonders die zuthat zu kaffee und thee und allerlei geistigen mischtränken: ein jeder zapfete ein schälchen voll (kaffee), füllte es mit zucker bis oben an Gottscheds vernünft. tadlerinnen (1725) 1, 235; utile cum dulci schnaps mit zucker! Grabbe 1, 376 Blumenthal;

jetzt mit des zuckers
linderndem saft
zähmet die herbe
brennende kraft
Schiller 11, 376 G.;

wenn sie in silberner schale mit wein uns würzet die erdbeer'
n,
dicht mit zucker noch erst streuet die kinder des waldes
Mörike 1, 95.

vergleichend verwendet man gerne den zucker, mit dem man bittere arzneien versüszt: wie die artzet die pillulen mit zucker und gewürtz bedecket, .. darreichen Scheit Grobianus s. 5 ndr.
3) zucker ist der stoff, mit dem man süszes backwerk oder eingemachtes aller art bereitet: etwas süszes von zucker und schleckerwerk Harsdörfer gesprechsp. 1, o va; eingemachte sachen von zucker und obst t. secretarius 1, 523; früchte in zucker einmachen, mandeln, anis, koriander etc. mit zucker überziehen Kramer 2, 1482c; ein altar on heiligen ist wie ... ein marcipan on zucker Fischart bienenkorb (1588) 153a;

dagegen jene milden sachen,
die wir aus mehl und zucker machen
W. Busch d. heil. Antonius 7.

hierzu die lange reihe von zusammensetzungen für die erzeugnisse häuslicher wie gewerblicher backkunst vom zuckerbretzel bis zum zuckerzeltlein, meist für kleines knuspergebäck und was man allgemein bonbon nennt, vgl. Kretschmer wortgeogr. 140. eine nette liste Wiener backwerks bei B. Hikmann wienerisch. kochb. (1808) 593.
4) zucker ist das daraus hergestellte süszzeug, vornehmlich 'bonbon': mach aus den blümlein von der wilden salbey ein zucker, wie man von rosen und andern blumen macht O. Gäbelkover arzneib. 1, 166;

und was er haben kan zur stat,
von zucker, nüsz und mandelkern
M. Hayneccius Hans Pfriem 31 ndr. (ähnl. s. 5);

da ich so klein, ein kindlein rein,
gwest und lag in der wiegen,
da war mein gröstes lieben
ein zucker und ein hültzenes rosz
Th. Höck blumenfeld 22 ndr.;

diesz gibt, in tiefer winterszeit,
erwünschteste gelegenheit
mit einigem zucker dich zu grüszen
Göthe 4, 249 W.

früher oft zusammen mit confect Fortunatus 109 ndr.; Arigo dec. 77; Fischart Eulenspiegel 392 Hauffen; Ph. v. Chemnitz schwed. krieg 2, 967. auch zucker und lebkuchen Lehmann floril. 1, 391, zucker und naschwerk Eichendorf 2, 131. vgl. DWB zuckerchen, DWB zuckerlein.
5) dasz der zucker als nahrungsmittel gemeint ist, deutet die neuere sprache in der regel bestimmt an:

brodt und zukker, butter, milch, auch der kees ist hier nicht theuer
Neumark d. teutsche palmbaum (1668) 56;

er nährte sich meist mit zukker Schubart leben und gesinnungen 1, 249.
6) die ältere zeit dagegen hielt ihn in erster linie für heilkräftig, s. Konrad v. Megenberg 426 Pfeiffer, daher tritt er in vielen vorschriften von arzneien auf: nim rosmarin .., zimmet, muscatnus, muscatblüt ... darzu nim zucker, so vil du wilt, stosz es wol under einander O. Gäbelkover arzneib. (1595) 1, 16 (dazu der beleg bei 4); ein mann ohne geld ist gleich wie ..., ein

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apotecker ohne zucker N. Duez vray guidon de la l. fr. (1646) 360.
7) andererseits liegt der augenmerk auf der äuszeren erscheinung des zuckers: ein stück oder stückchen, ein bröckchen z., gestoszener zucker, streuzucker, der kunstbäcker übergieszt seine werke mit zucker wie mit eis, schafft allerlei gebilde aus z.: gantze platten von allerhand obswerck, ja schuncken, knackwurst und dergleichen genäsch aus lauter zucker gemacht Grimmelshausen 2, 404 Keller; triumphbögen aus zucker H. P. Sturz 1, 105; und die fenster waren von hellem zucker Grimm kinder- und hausm. 1, 54. daher für eis und schnee: gegen abend standen die wälder, die bisher immer bereift und, wie in zucker eingemacht gewesen waren, bereits ganz schwarz ... da Stifter s. w. 2, 219; jedes theilchen des ganzen schlittens ... war in eis, wie in durchsichtigen, flüssigen zucker, gehüllt 2, 222. für die zuckerfiguren und -gebilde giebt es allerlei kunstworte wie zuckergusz, -übergusz, -kruste, ferner zuckerfrauen, -männer, -kinder, -puppen, auch -herzen u. ä.
8) im handel und verkehr ist er die waare: 8 hute zockers Marienburger treszlerbuch 392 Joachim; ein fäszlein vol eingemachten zucker Dürer tageb. 56; der preis des zuckers; die negersklaverei, deren endzweck zucker und kaffee ist Schopenhauer 2, 680 Grisebach. der handel unterscheidet viele sorten: braunen, weiszen zucker; rothen z. M. Böhme rosz-arznei (1618) 53; gebackenen, benid-, glas- sive kandel-, hut-, mehl-, melis-, kanarien-, rosen-, veyel-, strau-, wurmzucker Stieler 2243; anis-, bisem-, hut-, brod-, kanari-, kandit-, kandel-, glas-, koch-, konfect-, lumpen-, meliszucker, Thomaszucker, penit-, pulver-, puder-, meel-, rosen-, wurmzucker Kramer, eine weitere reihe giebt Sanders 2, 2, 1786. unter neueren bildungen ist wichtig rohzucker. die chemie unterscheidet trauben-, frucht- und milchzucker. oder man sieht in ihm das aus der pflanze gewonnene erzeugnis: in desen steden wassen gar vill reytz ader royrs dae man tzucker van maicht pilgerfahrt des ritters von Harff 83; darumb gebiret es (Spanien) vil honig, öl, ... zucker Stumpf Schwytzerchr. (1606) 12a; aus dem, was man sonst weggosz, (machen sie jetzt) zucker Immermann 2, 116 Hempel. man siedet, raffiniert den zucker.
9) zucker ist dann auch die pflanze, aus welcher der zucker gewonnen wird:

suckar sach man auch da stan,
melonen, granat und annys
Eberhard v. Cersne 381;

es wechst auch der zucker darin (auf der insel) Seb. Münster cosmogr. (1555) 1053; der zucker kömmt also in Egypten und Afrika ... fort F. Th. v. Schubert verm. schr. 1, 171.
10) zucker ist der süsze saft wie im zuckerrohr, so in anderen pflanzen: so stend daselbs rore voll des zuckers Niclas v. Wyle translat. 234 Keller; der salbeyblmen zucker Bock kräuterb. 20;

ach das die bienen ...
und umb den süssen mundt und kleine lippen schweben,
die nichts als manna sind und besten zuckers voll
Opitz teutsche poem. 186 ndr.


11) für die naturwissenschaft ist es jeder stoff von den chemischen eigenschaften des rohr- oder rübenzuckers: die stärke setzt sich um in zucker, der zucker in alkohol; tugend und laster sind producte wie zucker. und alkohol geflügeltes wort nach Taine.
12) sprichwörtliche wendungen haben sich früh gebildet:

ûz eime herten steine zucker billen,
alde wahs ûz einem fûlen holze bern
Marner VI 15 Strauch;

habend sie das, so von ihren älteren erspart was, verthon und umb nassen zucker geben, so müssend sie dann ander leuten in die schüssel sehen Wickram 2, 194 Bolte (ebenso Fortunatus 19 ndr.); dasz wenn man zucker ins butterfasz werfe, gar keine butter könne zu wege gebracht werden Prätorius philosophia colus

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(1662) 212; zu käse mit zucker möchte man werden, wenn man sich genau überlegt, dasz man sich da hinsetzt und seine schulhefte corrigirt, das universum rundum voll von schnitzern und schönheit W. Raabe Horacker 154; für's geld bekommt mer zucker Martin-Lienhart 2, 900b; seefahre ös nich zocker löcke Lüpkes seemannsspr. 18.
II. wie süsz im gegensatz zu bitter wird zucker auf das übertragen, was das unangenehme im leben mildert. dabei läszt sich neben einer einfachen, natürlichen auffassung, welche die vorstellung des schmeckens festhält, eine besondere, übertreibende unterscheiden, welche zucker zum zeichen des kostbaren schlechthin macht. die erste zeigt sich z. b. bei Luther, bes. in der verbindung eitel zucker: da sich ander bewme sperren und brüsten mit blettern und blüte, das man solt meinen sie wurden eitel zugker tragen 32, 518 W.; so würden sie nicht so bald zürnen, ob es nicht alles zucker were, sondern dencken, das gott also gemenget 34, 1, 63 W.; ein fürst oder richter ist demselbigen (dem geplagten) als ein vater und zucker 33, 540 W. für die andere finden sich reichliche belege zumeist bei poeten und literaten des 17. und beginnenden 18. jh. diese unterschiede des gebrauchs und geschmacks treten reichlicher und deutlicher in den zuss. hervor, s. III 3.
einzelne verwendungen.
1) zucker ist das angenehme im leben, besonders die von gott gewährte milderung jeglicher noth, vgl. die obigen belege von Luther:

wer dich recht liebt, dem wird das joch
der bittern todesschmerzen
gleich als wie lauter zucker
P. Gerhardt bei
Fischer-Tümpel 3, 408a;

denn der himmel, dessen schoosz
neulich mir mit zucker flosz,
läszt nun alle donner los
B. Neukirch ged. (1744) 33.

allgemeiner sprichwörtlich: einem etwas zucker, lauter zucker, zu zucker werden Kramer 2, 1482c; frewd ist des lebens zucker Lehmann floril. 1, 233; geduld ... ist ein zukker aller beschwernüsse Butschky Pathmos 177; dasz dir der zucker auf die gebratene birn falle! Kramer; zucker an etwas thun ... condimentis humanitatis mitigare Serz t. idiotism. 182a. durch zuviel genusz verursacht er ekel:

auch zucker bringt eckel durch steten genusz
Günther ged. (1735) 259.


2) der zucker wird dem bitteren, scharfen und sauren, der galle, dem gift, dem wermut, dem senf, den koloquinten und der aloe (um 1700) entgegengestellt: ohne der prinzessin gunst ist mir dieser zucker (der königlichen gnade) nur galle Ziegler asiat. Banise (1689) 104; sie vermeynten auf beyden theilen ihr voriges wermuth mit dem zucker einer anständigen heyrath zu überstreuen Joh. Riemer polit. feuermäuerkehrer 265; es scheinet, dasz gott etlicher leben in zucker einmacht, und der andern in pekkel schlägt P. Winkler 2000 gute gedanken (1685) c iib. sprichwörtlich: zu citronen gehört zucker Lehmann floril. 2, 815. wie bei einer arznei verdeckt der zucker das bittere gute: der zucker, dardurch die göttliche artzney überzuckert ... wird Dannhawer cat.-milch 1, 481; also musz man offt die bittere warheit mit zucker überziehen Schupp schr. 273; wer den fürsten ein sawer essen will anrichten, der musz zucker dabey nicht spahren Lehmann floril. 2, 749. er verhüllt aber auch das böse: möncherey ist ein hellisch gifftküchlin mit zucker überzogen Petri der Teutschen weiszheit 1, e 5a. ähnliches bei Wander 5, 613 f.
3) besonders wird er auf die menschliche rede bezogen:
a) lobend: eytel zucker und honig est in istis verbis Luther 17, 1, 335 W.; alle meine reden fielen mitleidenlich und süsser als zucker Grimmelshausen 2, 558 K.; so schertz nicht saltz oder zucker hat, ists bawernwerck Lehmann floril. 2, 725.

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b) zucker ist das wort des schmeichlers: zucker im munde haben Kramer 2, 1482c. es verhüllt die wahre gesinnung: die wort sind zucker, die werck gall Lehmann floril. 1, 358; zucker im mund, schermesser in der hand 505. überhaupt trügerische rede: dieselben verkerten lerer befleissen sich z zeiten die warhait zeschreiben ..., auf das ir falsche lere, so sy darunder müschen als gift under zucker, dest lieber geschlunden werde Berthold v. Chiemsee 93; drei ... Jesuiten .., die ihren zuhörern in der predigt zucker und honig vorlogen acta publ. 8, 247 Palm;

tieffer dienste demuth, göldner gaben glantz,
süsser worte zucker lassen keusch nicht gantz
Logau 423 Eitner.


c) zucker kann aber auch der süszliche ausdruck sein gegenüber dem natürlichen: so fürchte ich doch manchmal zur reinen milch etwas zucker hinzugethan zu haben Herder 26, 7 S.
4) auf liebe hat das wort zuerst der Stricker bezogen:

untz daz ir ietweders lip (ritter u. frau)
dem andern suzer muz sin
danne zucker und zimin dtsche texte d. ma. 17, 115.

später haben es bes. die Schlesier und ihre zeitgenossen mit vorliebe angewandt: folget dem vielweisen Epicur, welcher mit seiner holdseligen Leontium den zucker dieser welt genosz Lohenstein Arminius 1, 456b;

die liebe keuscher lust,
so dir auf diesen tag des lebens zucker schencket
Günther ged. (1735) 601.

in volksthümlicher anwendung bekommt er derberen, selbst obscönen sinn.
5) von der reinen farbe des zuckers geht eine eigenthümliche wendung G. Kellers aus: diese Indierinnen, die schön waren wie die blumen und gut wie zucker aussahen und sprachen 4, 39, ähnl. 5, 55. vgl. zuckerauge.
III. zusammensetzungen.
1) wie hausgebrauch und bäckerkunst, vgl. DWB I 3, haben sich das gewerbe der zuckerbereitung, die chemie und die volkswirthschaft für ihren bedarf zahllose, ohne weiteres deutliche fachwörter gebildet und bilden sie weiter, wie zuckerfabrikation, -mühle, -presse, -pfanne, -trog, -lauge, -maische, -melasse; zuckergruppe, -lösung, -verbindung, -zersetzung, zuckergehalt, -werth, zuckerarm, -reich, zuckerkalk, -kohle, -salmiak, -säure, -schwefelsauer; zuckeranbau, -ausbeute, -ausfuhr, -einfuhr, -börse, -hafen, -markt, -abgabe, -prämie, -preis, -steuer, -zoll. auch die tagespolitik schuf wörter wie zuckerfragen, -junker, -magnaten, -schwindel.
2) eine menge von pflanzennamen sind theils vom volksmunde, theils von gärtnern und botanikern gebildet, und zwar entweder für besonders süsze obstarten, wie zuckerapfel, -birne u. ä., und wohlschmeckende gemüse wie zuckererbse, -bohne, oder für zuckerstoff gebende pflanzen, wie zuckerrohr, -ahorn, oder für solche, deren blüthen süszen saft enthalten, wie zuckerblatt, -brötlein, oder auch nur zur unterscheidung der art. thiernamen mit z. bezeichnen meist die ihm feindlichen schädlinge, wie zuckerameise.
3) noch deutlicher als das einfache wort, s. o. II, zeigen die zuss. in übertragener bedeutung unterschiede der auffassung und des geschmacks, s. bes. bei zuckerkand, zuckersüsz.
a) mit deutlicher grundlage der sinnlichen geschmacksvorstellung bilden sich worte derb-natürlichen liebeslebens, wie zuckermäulchen, zuckermäullein für kusz und kosewörter wie zuckermädchen, -weibchen, -schatz, -schnäbelein.
b) zucker bezeichnet in den zuss. das höchst kostbare. Wolfram braucht schon zuckermæzic in kühner übertreibung:

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des breiten mers salzes smac
müese al zuckermæzic sîn,
der dîn ein zêhen würfe drîn
(Willehalms totenklage über Vivianz) Willehalm 62, 13.

Konrad nennt nicht nur das herz als speise zuckermæze herzemäre 450, sondern auch den namen Christi gold. schmiede 657. die jungfrau Maria ist bei ihm zuckerstûde g. schm. 684, im lobgesang auf Maria zuckerwabe msg. 3, 458b (str. 31) v. d. Hagen, vgl. W. Grimm gold. schm. xli. in ähnlicher verwendung oder in der liebessprache bilden die späteren mhd. dichter allerlei zuss., s. Lexer 3, 1167 f. geradezu unersättlich in solchen bildungen sind die dichter etwa von der mitte des 17. bis zur mitte des 18. jh., und zwar nicht nur die der 2. schles. schule, denen die zuckerbäckerei (s. d.) von Chr. Warnecke, das zuckerwerk (s. d.) vom Frh. v. Schönaich vorgehalten wurde. anknüpfend an die natürlich-volksmäszige ausdrucksweise, bilden sie ihre zuss. überall, wo von liebe, besonders vom küssen die rede ist: sie schwelgen in zuckerküssen, zuckerlippen, im zuckerhonig der küsse, küssen ist ihnen zuckerfrucht, -kost, -lust, -spiel, küsse und liebesfreuden sind zuckerbäche, -flüsse, -fluthen, -meere, -ströme. die angebetete ist nicht nur ein zuckerengel, sondern auch ein zuckerkuchen u. dgl., s. z. f. d. wortf. 11, 194—210 an versch. stellen. seltener erscheinen solche wörter ganz allgemein für kostbares:

hier läst der überflusz die zuckerströme fliessen
Pietsch gebund. schr. (1740) 128.

der liebesdichtung schlosz sich die fromme und frömmelnde gern an. gottes wort ist da ein zuckerquell B. Schmolcke trost- u. geistr. schr. 1, 245, Jesus ein zucker- und honigmann V. Herberger hertzpostilla (1713) 1, 87, das gute gewissen ein zuckerhimmel 2, 204, gott sogar ein zuckerrosenmund Jesus u. die seele (1701) 162.
c) von solchen übertreibungen führt der weg zum tadelnden sinne des allzu-süszen, süszlichen. neben worten wie zuckerfresser, -lecker, -näscher erscheinen schon früh zuckeraffe, -christ, -prediger. heute ist es die lebendige verwendung, man vgl. mhd. zuckermæze etwa mit einem zuckermäszigen stil. dabei tritt entweder das weichliche oder das allzu zierliche (conditorarchitektur) ins bewusztsein, s. bei zuckerbäckerei und zuckerwasser. selten ist es das weiche, ohne tadel gedacht: mit der viola, der zuckerseele von instrument F. Uhl aus m. leben 54.
in der folgenden aufzählung ist vollständigkeit nur für die thier- und pflanzennamen erstrebt, reichliche belegung da, wo die bedeutung durch gefühl und anschauung besonders bestimmt ist, ferner wo die zuss. zu einer besonderen einheit geworden ist oder eine eigene geschichte hat.

 

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