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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
zuchtliebe bis zuchtmeisteramt (Bd. 32, Sp. 274 bis 276)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) zuchtliebe, f.: ehret ... die arme kinder mit dem kuss, nicht der affenlieb, ... sondern der zuchtlieb Dannhawer cat.-milch 2, 153. —
 
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zuchtliebend, adj.: der groszgünstige ehr- und zuchtliebende leser Grimmelshausen 2, 367 K.; eine ... keusche und zuchtliebende jungfrau Abr. a St. Clara etwas für alle 2, 217.
 
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züchtling, m., zuerst bei Kramer 2, 1480c belegt. 1) zögling: Kramer-Moerbeek 437b; (ein schreiben), welches er (Fenelon) über den todt des printzens von Bourgogne, seinen züchtling, geschrieben hatte v. Loen kl. schr. 4, 35. nicht mehr üblich. hierzu züchtlingschaft Zinzendorf Londoner pred. 1, 338. 2) insasse eines zuchthauses: in Waldheim, wo ich mit einem prediger die züchtlinge und sämtlichen eingesperrten besah K. Fr. Bahrdt gesch. s. lebens 1, 119; die austrocknung und ausfüllung des sumpfigten theils des stadtgrabens durch züchtlinge Nicolai reise durch Deutschl. 1, 37. gelegentlich noch literarisch. in dieser bedeutung in zuss. wie züchtlingsjacke, -kleidung, -kost, -züchtlingstochter Storm 5, 183. 3) auf zucht II geht nur nd. tochtling zurück, 'verzogenes kind' Richey 309 gegenüber aus dem hd. genommenen tüchtling 'sträfling'.
 
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zuchtlob, m., praedicatio castitatis Stieler 1171.
 
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zuchtlos, adj. , mhd. zühtelôs, zuhtlôs 'höfischer zucht ermangelnd', nur in höfischer dichtung Lexer 3, 1172. auch im älteren nhd. gelegentlich in freier bildung, durchweg in gesellschaft erläuternder wörter: er ... würdt zuchtlosz, weyszlosz Eberl. v. Günzburg 2, 122 ndr.; grobe unflätige, säwische, scham- und zuchtlose narrentheidung L. Sandrub hist. u. poet. kurzweil 6 ndr.; ehr-, zucht- und sinnenloss J. Rachel sat. ged. 23 ndr.; sowohl frucht-los als zucht-los Abr. a St. Clara mercks Wien 39. so auch in neuerer zeit bei deutlicher rein negativer bedeutung 'ohne erziehung', 'ohne zucht': die erwachsenen jungen lungerten arbeits- und zuchtlos drauszen ... herum Rosegger II 10, 217. im allgemeinen ist es als einheit zu einem kräftig tadelnden ausdruck geworden und bezeichnet
1) den aus nichtachtung von gesetz und ordnung entstehenden zustand: die hauptstadt mit ihrem .. zuchtlosen und widerspänstigen pöbel Mommsen röm. g. 2 2, 61; jenes reich (Polen) ... entwickelte sich immer mehr zu jenem wilden und zuchtlosen zustand, den man eine adliche demokratie nennen könnte E. M. Arndt für und an s. l. Deutschen 3, 20; die zuchtlose rohheit des slaventums Treitschke histor. und polit. aufs. 2, 27.
2) rohheit und sittliche verwilderung: klagschreiben über das zuchtlose soldatenleben Harsdörfer teutsche secretarius 1, 120; ein zuchtloses ... geschrey Lichtenberg briefe 1, 252; sie (die bürger von Thorn) hatten auch gelernt die augen zu schlieszen gegen fremden brauch und zuchtlose sitten (der Polen) G. Freytag 11, 92. besonders in bezug auf das verhältnis der geschlechter: und ward der zwey allda stehenden zuchtlosen dirnen gewahr Bastel v. d. Sohle junker Harnisch (1648) 29; die vorgebrachten streitigkeiten betrafen zumeist äuszerst zuchtlose ehesachen L. Schücking eisenbahnfahrt durch Westfalen 96;

dies frevelnde zwillingspaar,
deiner untreue zuchtlose frucht
R. Wagner 6, 29.

[Bd. 32, Sp. 275]



3) verwilderung der sprachlichen form: da kam denn heraus was ich aus ihrer entsezlich zuchtlosen schreibart lange schon gemuthmaszt hatte J. T. Hermes für töchter edler herkunft (1787) 3, 129; der name Schwarzert .., in der zuchtlosen orthographie der zeit nicht selten Schwarzerd geschrieben D. Fr. Strausz ges. w. 7, 18.
4) vereinzelt bezeichnet es etwas unsicheres, der inneren zucht ermangelndes: aber ist es hier nicht ... ein übermasz zucht- und haltloser gefühle, was diese wirkung hervorbringt? jahrb. d. Grillparzerges. 4, 13; die stellung mancher geister zum vaterlande soll drauszen unterweilen etwas zuchtlos werden Rosegger I 10, 251.
 
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zuchtlosigkeit, f. , erst im 19. jh. in aufnahme gekommen, zu zuchtlos in der einheitlichen bedeutung.
1) mangelhafte gesetzlichkeit u. ordnung und dadurch bedingtes verhalten: was er (Tacitus) von der freiheit der Germanen berichtet, erscheint ihm .. als zuchtlosigkeit Mommsen reden u. aufs. 151; die raublust und zuchtlosigkeit des ritterlichen heers Nitzsch deutsche studien 256; nur allmälig dringt die zuchtlosigkeit, welche in Deutschland freiheit heiszt, in dies feste gefüge ein P. de Lagarde d. schr. 129.
2) sittliche verwilderung: er rügt .. die entartung und zuchtlosigkeit des jüngeren geschlechts Uhland schr. 5, 26; an dieser zuchtlosigkeit ging auch der unglückliche Westphale Christian Grabbe zu grunde Treitschke d. gesch. 4, 452. von verwilderung im geschlechtlichen leben: in dem abbild von zuchtlosigkeit, voll abstoszender nacktheiten, das er (Rabelais) aufrollt, verbirgt sich ein tiefer ernst Ranke 8, 133; fast überall lag das centrum dieser feste in einer überschwänglichen geschlechtlichen zuchtlosigkeit Nietzsche w. 1, 27.
3) verwilderung der geistigen oder künstlerischen form: wir leiden an dem gegentheil einer engen begrenzung, an übergroszer zuchtlosigkeit G. Freytag 14, 5; ein dritter punkt (ist die) .. zuchtlosigkeit der wissenschaftlichen phantasie, irrlichteliren des geistes Scherer kl. schr. 1, 731.
 
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zuchtmagd, f., in Nassau brautführerin Kehrein volkspr. in Nassau 1, 456, s. DWB zuchtjungfrau. —
 
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zuchtmaasz, n. W. Spangenberg-Fröreisen griech. dramen 2, 92 lit. ver.
 
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zuchtmäszig, adj.: der ich dich vormals als ein adeliche und wolgezogene, zuchtmässige jungfrauw erkennt habe buch d. liebe (1587) 205c.
 
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zuchtmeister, m.
1) erzieher als hof-, haus- oder schulamt, in den wbb. bis Kramer und Castelli (1741) verzeichnet, mhd. bei Konrad v. Würzburg Otte 98: da nu Lysias höret, das der könig tod war, macht er zu könig den son Antiochi des edlen, den jungen Antiochum, welches zuchtmeister er gewesen war 1. Makkab. 6, 17; also hats die nott allezeyt erzwungen ... auch bey den heyden, das man zuchtmeyster und schulmeyster hatt müssen haben Luther 15, 35 W. (ähnl. 15, 34); lehr- und zuchtmeister Mathesius Syrach 44a; er ist ungehorsam gegen seinen eltern, ungehorsam gegen seine zucht- und lehrmeister briefe d. neueste lit. betr. 7, 43 (Nicolai). dazu den beleg aus Luther 19, 351 W. bei zubereiten. auch von thieren: und ihr zuchtmeister mst ihnen (den papageien) die wort offt vorsagen, die sie behalten sollen Heyden Plinius 472.
2) er ist der erzieher zur zucht: also ist das gesetz unser zuchtmeister gewesen auf Christum, das wir durch den glauben gerecht würden. nu aber der glaube komen ist, sind wir nicht mehr unter dem zuchtmeister Gal. 3, 24—25; aber gottes forcht were der beste zuchtmaister, got gebe uns, das wir yhn forchten Eberlin v. Günzburg 1, 201 ndr.; ein energisches leben ... hat ... an seinem durch gottes gnade stets harten und spröden objekte einen zuchtmeister, der weit besser als alle worte ... erzieht P. de Lagarde d. schr. 124.
3) zuchtmeister ist, wer zwang übt, auch ohne den zweck der erziehung: er (der Türke) hats vor Wien alzu

[Bd. 32, Sp. 276]


grewlich beweiset, wie ein wüster unsauber zuchtmeister er sey Luther 30, 2, 183 W.; das gold ist der gebietiger in dem krieg, der zuchtmeister der soldaten Harsdörfer poet. trichter 3, 238; sein (Tillys) ganzer anblick erinnerte an den herzog von Alba, den zuchtmeister der Flamänder Schiller 8, 162 G.; nebenher sind die professores (in Mainz) wie unter dem zuchtmeister Laukhard leben u. schicks. 1, 229; die ruthe, die peitsche des zuchtmeisters.
4) literarischer kritiker, 18. jh.: warum solte man alsdann nicht ohne scrupel und zweiffelsmuth annehmen, was unsere zuchtmeister uns mit so starken argumenten ... beweisen? discourse der mahlern 1, 4.
5) als übersetzung von censor von Bas. Faber bis Gottsched beytr. z. crit. hist. 1, 159 angegeben.
6) seit einführung der zuchthäuser ist der z. der verwalter eines zuchthauses Kramer 2, 42c; Dentzler (1716) 365b; Frisch 2, 483b: er bemühe sich eine corporalsstelle, oder die stelle eines zuchtmeisters zu erhalten Salzmann ameisenbüchlein 34; an herrn zuchtmeister Grabbe zu Detmold Grabbe w. 4, 324 Blumenthal. nicht mehr üblich.
 
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zuchtmeisteramt, n. 1) wie zuchtmeister 2: das zuchtmeisteramt, zur beobachtung des wohlanstandes Schwabe belustigungen 3, 161. 2) censoramt Xylander Plutarch 190a; Corvinus (1646) 177. —

 

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