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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
züchtiger bis zuchtjungfrau (Bd. 32, Sp. 271 bis 273)
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[Bd. 32, Sp. 271]


Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) züchtiger, m. , mhd. zühteger, zühtiger mhd. wb. 3, 941b; Lexer 3, 1172, aber nur in der bedeutung scharfrichter oder büttel, s. 4, nicht für erzeuger, züchter.
1) erzieher: sihe aber zu, du heissest ein Jüde, ... und vermissest dich zu sein ... ein züchtiger der törichten, ein lerer der einfeltigen Röm. 2, 20; da sie ja nur züchtiger sein wollen nicht feinde Schleiermacher Platon 6, 299. auch erhalter der zucht: dann was die zucht der kriegszleut belangte und besserung böser sitten, in dem ist er ein strenger zuchtiger gewesen H. Gholtz lebendige bilder (1557) i 3b; führer oder züchtiger der ritterschafft Stumpf Schwytzerchron. (1606) 312a.
2) der rügende, strafende: der meister (des deutschen ordens) soll ein stab sein der schwachen und ein züchtiger der ungehorsamen G. Freytag 18, 187;

wehre dich!
hier steht ein züchtiger der könige
Immermann 16, 31 Hempel.

so der bediente in schulen, der die züchtigungen auszuführen hatte Nas antip. eins u. hundert 2, 158b; Schrader 2, 1687 (in Jesuitenschulen).
3) einer der miszhandelt: der Brandiser hätte gute lust gehabt, als er sich erholt hatte ..., dem ihm unbekannten züchtiger zu beweisen, dasz nur die überraschung seine kraft gebunden J. Gotthelf 15, 174; auch halfen jene hiebe nur in so weit, dasz die pferde ausschlugen und beinahe einen der züchtiger getroffen hätten Immermann 6, 39.
4) wie im mhd., im 16. jh. weithin, besonders aus Nürnberg, Bayern, Östreich, Tirol, Steiermark, Böhmen belegt, für den scharfrichter oder henkersknecht Jelinek 997, noch angeführt von Stieler 2629: der zuchtiger sei ewer richter und binde euch sprechende vor mir in sein wigen! ackermann aus Böhmen 24 Bernt; zu hant bestelt er züchtiger oder hencker und wolt sie richten lassen chron. d. st. 3, 150 (Nürnberg 1488); derhalb ist derselb pfarher ... durch den profosen peinlich vermittels ains züchtigers gefragt worden Th. v. Absberg 67 lit. ver.
5) für lat. censor Frisius 208b; Dasypodius 467a; C. Hedio chron. germ. 7b: unter der gestalt eines züchtigers und censors ein helfender patriot Herder 23, 182 S.
 
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züchtigkeit, f. , mhd. Lexer 3, 1171. als eigenschaft
1) allgemein honestas Diefenbach 280a; modestia Orsäus nomenclator meth. (1623) 10: ich lieb ihn sehr wegen seiner frommigkeit und züchtigkeit Orsäus 323;

in alter deutscher züchtigkeit
Seume ged. (1804) 132.


2) sittsamkeit, keuschheit: Virgils schaamhaftigkeit kann zweierlei bedeuten: die züchtigkeit seines persönlichen charakters, oder seine ehrbarkeit als schriftsteller Herder 3, 306 S.; der glanz der züchtigkeit und reinlichkeit, in welchem das mädchen so gleichsam gebadet war J. Gotthelf 13, 47.
 
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züchtiglich, adj., mhd. wb. 3, 941a; Lexer 3, 1171. als adj. längst veraltet: bei einer so züchtiglichen magd Fessler hofnarr 143;

ein leben züchtigklich und hold
H. Sachs 19, 182 G.

reichlicher belegt ist das adv., mhd. Lexer 3, 1172; nhd. Frisius 197a; 830a; 1293b u. ö. bis Kramer 2, 1480b. 1) allgemein: also das sie ... vor yhm (Christus) sich züchtiglich schewen, yhm gehorsamklich folgen Luther 15, 733 W. 2) 'anständig': von dem könig, warumb sie das thet, gefraget, antwortet sie züchtigklich Kirchhof wendunmuth 1, 26 lit. ver.; es dantzten vil graven, freyherren, ritter und edele mit den frawen und jungfrawen .., gar züchtiglich und in guter ordnung Moscherosch ges. 2 (1650) 406. 3) sittsam, keusch: die ander nacht soltu zu ihr gehn züchtiglich (zur braut) Tobias 6, 21. seit dem 18. jh. nur literar. in den bedeutungen 2 und 3: den reitknecht .., der, als schreiber verkleidet, sich recht züchtiglich gebärdete W. Hauff 2, 302; sonst

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hüteten sie (die frauen) still und züchtiglich das haus Grillparzer 6, 251 Sauer. die form züchtiglichen noch vereinzelt im anfang des 16. jh.
 
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züchtigung, f. , mhd. zühtegunge mhd. wb. 3, 941b; Lexer 3, 1172, castigatio Frisius 196a; domatio 447a.
1) ausübung der zucht zum zweck der sittlichen und geistigen besserung: denn alle schrifft von gott eingegeben, ist nütz zur lere, zur straffe, zur besserung, zur züchtigung in der gerechtigkeit 2. Timoth. 3, 16; väterliche züchtigung Stieler 2630; sich eine widerwärtigkeit zur zuchtigung dienen lassen Kramer 2, 1481b. besonders die von gott kommende: wer gott dienet, der wird nach der anfechtung getröst, und aus der trübsal erlöset, und nach der züchtigung findet er gnade Tobias 3, 22. allgemeiner vom schicksal: vielleicht dasz es ... beispielloser züchtigungen bedürfte, bis ... aus der innersten tiefe des nationalen lebens unter noth und drang der keim eines neuen groszen gemeinsinnes entwickelt war Häusser d. gesch. 2, 548.
2) es bezeichnet nur die harte ausübung der zucht: die züchtigung von deiner vätterlichen hand ist mir eine herrliche artzeney wider die eytele welt-liebe Moscherosch insomnis cura par. 96 ndr.; ein frommer schüler kann über die züchtigung seines treuen lehrers weinen, aber nicht zürnen Lessing 13, 220 M.
3) es bezeichnet die empfindliche strafe als vergeltung: wie schön ist es, wann einer weisz, in wem ... die züchtigung der verdammten ... bestehet Abr. a S. Clara mercks Wien 83; was nirgends taugen will, läuft zu den soldaten, oder wird ihnen zur züchtigung übergeben Lauckhardt leben u. schicks. 3, 263. so spricht man von wohlverdienter, angemessener, derber, guter, scharfer, exemplarischer, öffentlicher, schimpflicher züchtigung, umgekehrt von gelinder züchtigung, in fester verbindung amtlich von körperlicher züchtigung.
4) züchtigung allein ist körperliche züchtigung oder auch miszhandlung: die jungen edelleute wurden .. für jedes versehen mit der strengsten ahndung, ja züchtigung belegt Ranke 27, 151; statt dasz es ... mit der ausgestreckten linken eine züchtigung abwehrte Welcker alte denkmäler 1, 393; die wange .., deren weiches fleisch die spuren einer züchtigung wies Viebig das schlafende heer 1, 204.
5) von gewaltthätiger niederwerfung von rebellen oder äuszeren feinden: kaiser Friedrich III. hatte beschlossen, der letzteren stadt (Antwerpen) ... eine züchtigung angedeihen zu lassen Moltke 2, 17; an eine züchtigung der Russen war nicht zu denken, so lange ein weit gefährlicherer feind noch in der nähe war K. Fr. Becker weltgesch. 9, 508.
6) kasteiung: züchtigung des fleisches, kloster-züchtigung Kramer 2, 1481b; züchtigung des leybs Eberl. v. Günzburg 2, 112 ndr.; an busübungen und züchtigungen fehlte es auch nicht Pfeffel pros. vers. 2, 6.
7) von literarischer kritik, bes. im 18. jh.: allein seine schriften waren unerträglich, und sein stolz verdiente eine züchtigung Liscow (1739) vorr. 14; die züchtigung schlechter scribenten Gerstenberg schlesw. literaturbr. 178 ndr.; Schellingen ..., von welchem letzteren er (Jakobi) die bekannte wohlverdiente züchtigung erhielt Schopenhauer 2, 15 Grisebach.
8) säuberung, durchfeilung des stils: ein obenhin gearbeiteter aufsaz, der schwerlich die züchtigung der letzten hand erfahren hat Schleiermacher Platon 2, 265.
9) von thieren, vereinzelt: also hatte der herr bürgemeister ... zwo magere kühe ... aufs dorf hinaus zur züchtigung (zum decken) abgeschicket polit. maulaffe 275.
 
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züchtigungsknecht, m., vormals amtsdiener beim 'bettelhäusle' in Ulm Schmid schwäb. wb. 292. —
 
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züchtigungskrieg, m. Schleiermacher s. w. 12, 279. —
 
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züchtigungsmaszregel, f., körperliche züchtigung Pestalozzi 3, 419. —
 
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züchtigungsrecht, n., recht der körperlichen züchtigung handwb. d. staatswiss.2 4, 985,

[Bd. 32, Sp. 273]


väterliches z. Kotzebue sämmtl. dram. w. 23, 239. —
 
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züchtigungsstrafe, f., körperliche züchtigung Zinzendorf kl. schr. (1740) 491.
 
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zuchtjahr, n. 1) pflanz- und erntejahr: demohnerachtet beträgt diese eine metze in den drey zuchtjahren ein tausend fünf und neunzig metzen d. schles. landwirt (1771) 2, 30. 2) erziehungsjahr: dasz seines vettern ... sohn ... noch in den zuchtjahren ... war Stumpf Schwytzerchron. (1606) 241a. beides nicht mehr üblich.
 
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zuchtjungfrau, f., züchtjungfrau, zuchtjungfer. 1) mädchen zum persönlichen dienst einer vornehmen frau, welche ihr bei tisch aufwartet und sie drauszen begleitet, vgl. DWB folgemagd, DWB zofe: desgleichen liset man, wie die königin Ester sich lehnet auff ihre züchtjungfrauwen, wenn sie daher gehen wolt G. Wicelius annotationes (1536) 128a; dasz gemeldte Elisabeth ... mit iren zuchtjungfrawen gen Arenshaug zoch Binhardus thür. chr. (1613) 219; es wollen alles junckern und züchtjumpffern sein und sol schier schande sein, eine dienstmagd genennet werden M. H. Roth catechismi pred. 2 (1574), 117a. 2) mädchen, welche der braut bei der hochzeit dienten, vgl. die stelle aus Amaranthes bei züchterin: so wollen wir mit diesem psalm umbgehen, gleich wie die zuchtjungfrawen auff der hochzeit mit ihren rosen und blumen V. Herberger trawerbinden 2 (1612), 159. in neuerer zeit mundartlich in Thüringen, Obersachsen, Lausitz O. Ludwig 2, 481; Müller-Fraureuth 2, 714; Anton Oberlaus. wörter 4, 3. eine verkürzung davon ist züchterin, dazu züchter, über deren dienst s. Schweinichen 255 f. Österl., und weiter das verb. züchten.

 

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