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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
züchtigen bis zuchtjahr (Bd. 32, Sp. 269 bis 273)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) züchtigen, v. , mhd. zühtegen mhd. wbb. 3, 941b, ahd. noch nicht belegt, schlieszt sich in der bedeutung an zucht an. nebenform zichtigen, öfter bei Luther.
1) aufziehen, züchten von thieren u. pflanzen: nucetum da man nussen züchtiget oder pflanzet Frisius 889a; glirarium ein ort da man dise meusz züchtiget oder erhalt 606a; ähnl. 171b; 210a; 652a (wein, zwiebeln). wie züchten 3, den bart züchtigen 'wachsen lassen' Frisius 954b; 1256a. refl.: das wir uns zichtigen und mehr werden ym hause Luther 24, 165 W.; da (im frühling) wird alles wieder new, grünet, blühet und wechst und züchtiget sich Scheräus (1619) 207. später nur bei dichtern:

gleicherweise sind wir auch gezüchtigt
Göthe 2, 217 W.


2) durch zucht die erziehung bewirken, wie im mhd. die wbb. geben es für castigare, und es berührt sich mit kasteien th. 5, 262f.; Weygand synon. 3, 1170.
a) das züchtigen erstrebt die sittliche und geistige besserung: emendare Diefenbach 200a, ähnl. Frisius 274b; 294a u. ö.: das sie (die predigt) uns sol unterweisen und züchtigen Luther 34, 2, 108 W.; wer sich gern züchtigen last, und thut darnach, der wird klug werden Moscherosch ges. 2 (1650), 9; wenn man nemlich keine strafe leidet und nicht zur besserung gezüchtiget wird Schleiermacher Platon 6, 260. von thieren 'zähmen': so man sie (die elefanten) mit kettenen angefesselt, fürt man heimische helffanten z ihnen, die wissen sie z stillen und z züchtigen Heyden Plinius 98.
b) so züchtigt gott die menschen: denn es ist erschienen die heilsame gnade gottes allen menschen und züchtiget uns, das wir sollen verleugnen das ungöttliche wesen Titus 2, 12; welchen der herr lieb hat, den züchtiget er Hebr. 12, 6; aber göttlich, hoffnungsvoll, wenn man die ruthe recht versteht, welche die guten züchtigt und den bösen schmeichelt Caroline 2, 345 Waitz.
c) der zweck tritt zurück, und es bezeichnet die ausübung der zucht als rüge oder strafe: einer reinen frawen fingerdroen strafet und züchtiget vur alle waffen einen frumen man ackermann aus Böhmen 72 Bernt.; wo sie (die eltern) straffen und zuchtigen, wie sichs geburt Luther 6, 251 W.; schläge, mit denen man einen dummen jungen züchtigt Viebig d. schlafende heer 2, 465;

mich züchtiget der fürst wie einen schüler
Göthe 10, 197 W.


d) so wird es zur empfindlichen strafe im sinne der vergeltung: pignoribus ablatis coercere züchtigen mit hinnemmen seines gts Frisius 240b; weltlich regiment, das gehort zu schelcken, die selben zu zuchtigen Luther 34, 1, 218 W.; under im ist erstanden der turnier,

[Bd. 32, Sp. 270]


in wölchem der edlen eebrüch ... mit grosser schmälicher straff gezüchtiget worden S. Münster cosmogr. 329; meuter auf der flotte wurden mit schlägen, untertauchen in die salze see und wieder schlägen gezüchtigt Dahlmann gesch. v. Dännemark 3, 62; nie ist ein volk für solches laster (neid) so gezüchtigt worden, wie die Teutschen in dieser zeit Görres schr. 2, 43; mit der ruthe, der peitsche, körperlich züchtigen s. züchtigung. vereinzelt wie 'lügen strafen': es gewährt köstlichen genusz, die unglückspropheten so lügen gezüchtigt zu sehn! Cramer Neseggab 1, 186.
e) danach ist es auch ohne zusatz leibliche strafe durch schläge: steupen ..., das ist, züchtigen, streichen Gueintz rechtschr. 138; mein vater hat euch mit peitzschen gezüchtiget, ich aber mit scorpion 2 chron. 10, 12; darumb wil ich in züchtigen und loslassen Luk. 23, 16; einen übelthäter öffentlich durch den hencker züchtigen Kramer 2, 1481a; das recht (des herrn) den sklaven ... zu verkaufen, verleihen, züchtigen, tödten Jhering geist des röm. rechts 2, 174; wie gezüchtigte schulbuben davon laufen E. M. Arndt für u. an s. l. Deutschen 1, 333; einen bis aufs blut, zu tode züchtigen.
f) in politik und geschichtschreibung beliebt für gewaltmaszregeln, wie gegen rebellen, so gegen den äuszern feind: itz gibt er (gott) dem keyser das hertz, die stolzen mtwilligen Saxen z züchtigen S. Franck chron. Germ. (1538) 117a; der herzog von Alba soll mit einer armee in die Niederlande rücken, die rebellen zu züchtigen Schiller 5, 58 G.; und so haben sich nun alle zusammen verschworen und gelobt, ... den übermuth der Franzosen zu züchtigen E. M. Arndt für u. an s. l. Deutschen 1, 244. so auch sonst 'unangenehmes zufügen', 'quälen': wenn ihn seine nieren des nachts gezüchtiget haben Prätorius anthrop. pluton. (1666) 1, 37; eine empfindlichkeit gegen Ruszland ..., der man .. jetzt nicht nachgeben kann, ohne zugleich uns selbst zu züchtigen Bismarck ged. u. er. 1, 124.
g) wie züchten wurde es von der kasteiung gebraucht: das du deinen leib zuchtigest und messig haltest Luther 32, 432; wie wol er sein leib also gezüchtiget, so hatt er doch sein vorige gsuntheit nit verloren C. Hedio chron. germ. (1530) 211a; sein fleisch, seine mutwillige begierden züchtigen; das fleisch züchtigende mittel Kramer 2, 1481a; sie züchtigten ihren leib Zimmermann einsamkeit 1, 150.
h) besonders das 18. jh. braucht es von der literarischen rüge oder kritik: mit brieffen oder schreyben züchtigen castigare literis Maaler 524a; Molière züchtigte die menschen, indem er sie in ihrer wahrheit zeichnete Göthe bei Eckermann 1, 241; eine schrift .., in welcher ich ... die albernheiten des Wittenberger ... gewäsches ohne alle schonung züchtigte K. Fr. Bahrdt gesch. s. lebens 2, 49; der gezüchtigte autor findet einigen trost in ihrer (anrede) natürlichen strenge briefe die neuest. lit. betr. 12, 220.
3) gezüchtigt vom stil in wort und kunstwerk, nach lat. castigatus thes. 3, 536f., 'gedrängt, knapp, fehlerlos', vgl. züchtig 4: der noch nicht zur gezüchtigtern cultur des verstandes fortgeschrittene mensch Fr. A. Wolf mus. d. alterthumswiss. 1, 58; die reinste gestalt, jugendreife, gezüchtigte formen, besonders schöne schlankheit Welcker alte denkmäler 1, 447; die gezüchtigte und feine sprache des hofes Chr. F. Weisze bei Danzel Gottsched 270.
4) vereinzelt von physiologischer einwirkung: gesetzt aber, es ist jemand, der aus unmässigen appetit äpffel esset, ... ist rathsam, dasz man bald darauf nusz esse, damit also der äpffel ihre crudität gezüchtiget werde Abr. a St. Clara mercks Wien (1680) 70.
5) ebenso vereinzelt in handwerkersprache von einer arbeit, 'bei deren dimensionen sie solchen spielraum zu lassen wuszten, dasz sie dieselbe nach erfordernisz gröszer oder kleiner halten können' Helfft wb. d. landbaukunst (1836) 422, von weinpantschern und schustern Wander 5, 613.

[Bd. 32, Sp. 271]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) züchtiger, m. , mhd. zühteger, zühtiger mhd. wb. 3, 941b; Lexer 3, 1172, aber nur in der bedeutung scharfrichter oder büttel, s. 4, nicht für erzeuger, züchter.
1) erzieher: sihe aber zu, du heissest ein Jüde, ... und vermissest dich zu sein ... ein züchtiger der törichten, ein lerer der einfeltigen Röm. 2, 20; da sie ja nur züchtiger sein wollen nicht feinde Schleiermacher Platon 6, 299. auch erhalter der zucht: dann was die zucht der kriegszleut belangte und besserung böser sitten, in dem ist er ein strenger zuchtiger gewesen H. Gholtz lebendige bilder (1557) i 3b; führer oder züchtiger der ritterschafft Stumpf Schwytzerchron. (1606) 312a.
2) der rügende, strafende: der meister (des deutschen ordens) soll ein stab sein der schwachen und ein züchtiger der ungehorsamen G. Freytag 18, 187;

wehre dich!
hier steht ein züchtiger der könige
Immermann 16, 31 Hempel.

so der bediente in schulen, der die züchtigungen auszuführen hatte Nas antip. eins u. hundert 2, 158b; Schrader 2, 1687 (in Jesuitenschulen).
3) einer der miszhandelt: der Brandiser hätte gute lust gehabt, als er sich erholt hatte ..., dem ihm unbekannten züchtiger zu beweisen, dasz nur die überraschung seine kraft gebunden J. Gotthelf 15, 174; auch halfen jene hiebe nur in so weit, dasz die pferde ausschlugen und beinahe einen der züchtiger getroffen hätten Immermann 6, 39.
4) wie im mhd., im 16. jh. weithin, besonders aus Nürnberg, Bayern, Östreich, Tirol, Steiermark, Böhmen belegt, für den scharfrichter oder henkersknecht Jelinek 997, noch angeführt von Stieler 2629: der zuchtiger sei ewer richter und binde euch sprechende vor mir in sein wigen! ackermann aus Böhmen 24 Bernt; zu hant bestelt er züchtiger oder hencker und wolt sie richten lassen chron. d. st. 3, 150 (Nürnberg 1488); derhalb ist derselb pfarher ... durch den profosen peinlich vermittels ains züchtigers gefragt worden Th. v. Absberg 67 lit. ver.
5) für lat. censor Frisius 208b; Dasypodius 467a; C. Hedio chron. germ. 7b: unter der gestalt eines züchtigers und censors ein helfender patriot Herder 23, 182 S.
 
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züchtigkeit, f. , mhd. Lexer 3, 1171. als eigenschaft
1) allgemein honestas Diefenbach 280a; modestia Orsäus nomenclator meth. (1623) 10: ich lieb ihn sehr wegen seiner frommigkeit und züchtigkeit Orsäus 323;

in alter deutscher züchtigkeit
Seume ged. (1804) 132.


2) sittsamkeit, keuschheit: Virgils schaamhaftigkeit kann zweierlei bedeuten: die züchtigkeit seines persönlichen charakters, oder seine ehrbarkeit als schriftsteller Herder 3, 306 S.; der glanz der züchtigkeit und reinlichkeit, in welchem das mädchen so gleichsam gebadet war J. Gotthelf 13, 47.
 
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züchtiglich, adj., mhd. wb. 3, 941a; Lexer 3, 1171. als adj. längst veraltet: bei einer so züchtiglichen magd Fessler hofnarr 143;

ein leben züchtigklich und hold
H. Sachs 19, 182 G.

reichlicher belegt ist das adv., mhd. Lexer 3, 1172; nhd. Frisius 197a; 830a; 1293b u. ö. bis Kramer 2, 1480b. 1) allgemein: also das sie ... vor yhm (Christus) sich züchtiglich schewen, yhm gehorsamklich folgen Luther 15, 733 W. 2) 'anständig': von dem könig, warumb sie das thet, gefraget, antwortet sie züchtigklich Kirchhof wendunmuth 1, 26 lit. ver.; es dantzten vil graven, freyherren, ritter und edele mit den frawen und jungfrawen .., gar züchtiglich und in guter ordnung Moscherosch ges. 2 (1650) 406. 3) sittsam, keusch: die ander nacht soltu zu ihr gehn züchtiglich (zur braut) Tobias 6, 21. seit dem 18. jh. nur literar. in den bedeutungen 2 und 3: den reitknecht .., der, als schreiber verkleidet, sich recht züchtiglich gebärdete W. Hauff 2, 302; sonst

[Bd. 32, Sp. 272]


hüteten sie (die frauen) still und züchtiglich das haus Grillparzer 6, 251 Sauer. die form züchtiglichen noch vereinzelt im anfang des 16. jh.
 
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züchtigung, f. , mhd. zühtegunge mhd. wb. 3, 941b; Lexer 3, 1172, castigatio Frisius 196a; domatio 447a.
1) ausübung der zucht zum zweck der sittlichen und geistigen besserung: denn alle schrifft von gott eingegeben, ist nütz zur lere, zur straffe, zur besserung, zur züchtigung in der gerechtigkeit 2. Timoth. 3, 16; väterliche züchtigung Stieler 2630; sich eine widerwärtigkeit zur zuchtigung dienen lassen Kramer 2, 1481b. besonders die von gott kommende: wer gott dienet, der wird nach der anfechtung getröst, und aus der trübsal erlöset, und nach der züchtigung findet er gnade Tobias 3, 22. allgemeiner vom schicksal: vielleicht dasz es ... beispielloser züchtigungen bedürfte, bis ... aus der innersten tiefe des nationalen lebens unter noth und drang der keim eines neuen groszen gemeinsinnes entwickelt war Häusser d. gesch. 2, 548.
2) es bezeichnet nur die harte ausübung der zucht: die züchtigung von deiner vätterlichen hand ist mir eine herrliche artzeney wider die eytele welt-liebe Moscherosch insomnis cura par. 96 ndr.; ein frommer schüler kann über die züchtigung seines treuen lehrers weinen, aber nicht zürnen Lessing 13, 220 M.
3) es bezeichnet die empfindliche strafe als vergeltung: wie schön ist es, wann einer weisz, in wem ... die züchtigung der verdammten ... bestehet Abr. a S. Clara mercks Wien 83; was nirgends taugen will, läuft zu den soldaten, oder wird ihnen zur züchtigung übergeben Lauckhardt leben u. schicks. 3, 263. so spricht man von wohlverdienter, angemessener, derber, guter, scharfer, exemplarischer, öffentlicher, schimpflicher züchtigung, umgekehrt von gelinder züchtigung, in fester verbindung amtlich von körperlicher züchtigung.
4) züchtigung allein ist körperliche züchtigung oder auch miszhandlung: die jungen edelleute wurden .. für jedes versehen mit der strengsten ahndung, ja züchtigung belegt Ranke 27, 151; statt dasz es ... mit der ausgestreckten linken eine züchtigung abwehrte Welcker alte denkmäler 1, 393; die wange .., deren weiches fleisch die spuren einer züchtigung wies Viebig das schlafende heer 1, 204.
5) von gewaltthätiger niederwerfung von rebellen oder äuszeren feinden: kaiser Friedrich III. hatte beschlossen, der letzteren stadt (Antwerpen) ... eine züchtigung angedeihen zu lassen Moltke 2, 17; an eine züchtigung der Russen war nicht zu denken, so lange ein weit gefährlicherer feind noch in der nähe war K. Fr. Becker weltgesch. 9, 508.
6) kasteiung: züchtigung des fleisches, kloster-züchtigung Kramer 2, 1481b; züchtigung des leybs Eberl. v. Günzburg 2, 112 ndr.; an busübungen und züchtigungen fehlte es auch nicht Pfeffel pros. vers. 2, 6.
7) von literarischer kritik, bes. im 18. jh.: allein seine schriften waren unerträglich, und sein stolz verdiente eine züchtigung Liscow (1739) vorr. 14; die züchtigung schlechter scribenten Gerstenberg schlesw. literaturbr. 178 ndr.; Schellingen ..., von welchem letzteren er (Jakobi) die bekannte wohlverdiente züchtigung erhielt Schopenhauer 2, 15 Grisebach.
8) säuberung, durchfeilung des stils: ein obenhin gearbeiteter aufsaz, der schwerlich die züchtigung der letzten hand erfahren hat Schleiermacher Platon 2, 265.
9) von thieren, vereinzelt: also hatte der herr bürgemeister ... zwo magere kühe ... aufs dorf hinaus zur züchtigung (zum decken) abgeschicket polit. maulaffe 275.
 
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züchtigungsknecht, m., vormals amtsdiener beim 'bettelhäusle' in Ulm Schmid schwäb. wb. 292. —
 
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züchtigungskrieg, m. Schleiermacher s. w. 12, 279. —
 
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züchtigungsmaszregel, f., körperliche züchtigung Pestalozzi 3, 419. —
 
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züchtigungsrecht, n., recht der körperlichen züchtigung handwb. d. staatswiss.2 4, 985,

[Bd. 32, Sp. 273]


väterliches z. Kotzebue sämmtl. dram. w. 23, 239. —
 
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züchtigungsstrafe, f., körperliche züchtigung Zinzendorf kl. schr. (1740) 491.
 
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zuchtjahr, n. 1) pflanz- und erntejahr: demohnerachtet beträgt diese eine metze in den drey zuchtjahren ein tausend fünf und neunzig metzen d. schles. landwirt (1771) 2, 30. 2) erziehungsjahr: dasz seines vettern ... sohn ... noch in den zuchtjahren ... war Stumpf Schwytzerchron. (1606) 241a. beides nicht mehr üblich.

 

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