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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
zubuszfaden bis zucht (Bd. 32, Sp. 256 bis 257)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) zubuszfaden, m., faden zum ersatz eines zerrissenen kettenfadens Beil technol. wb. 1, 674. —
 
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zubuszgarn, n., dass. Beil; Jacobsson 3, 116b.
 
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zubuttern, v., zusetzen, zubüszen, nordd. allg., wohl an nd. toböten angelehnt. md. auf dem Eichsfeld Hentrich 101, auch in Hessen.
 
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zubutzen, v. 1) flicken, zunähen resarcire, s. DWB butzen 11 th. 2, 594; Dentzler (1716) 2, 365a: knüpffe in nit hinden mit einem fadenende oder schnur, gespaltenen binde ... sonder binde ihn mit einem reinen laszbündli (binde zum aderlasz), und dann zugebutzt und nicht knüpfft Würtz practica d. wundartzn. (1612) 167. 2) einen zubutzen deponere aliquem vino Dentzler 2, 365a, obruere, opprimere Aler dict. (1727) 2, 2257b.
 
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zuche, f., hündin, schlechtes weibsbild, wie zohe Wachter 1979. dafür zieche Campe nach Nemnich. s. DWB zucke.
 
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züche, f., dasselbe wie zieche 'bettüberzug' Stieler 2631; Steinbach 2, 1123: züchen ..., aus flächsenem garne — rautenweise oder zwilligartig gewebte zeuge Schedel waaren.-lex. 2, 750.

[Bd. 32, Sp. 257]


beim verkauf der letzten wolle
kam so mancher in die rolle,
der beynah den halben tag
sicher auf der züche lag
E. C. Semper ged. (1761) 456.


 
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zücherleinwand, f., dasselbe Schedel.
 
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zücher, m., verfertiger von züchen, leinweber.
 
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zücherkater, m., hängt irgendwie mit dem vor. wort zusammen: (er) legte sie (die fliegen) so verstümmelt unserm groszen zücherkater vor Johanna Schopenhauer jugendleben 1, 25.
 
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züchner, m. 1) dasselbe wie zücher. 2) in der Steiermark jährlich wechselnde dienstboten, ziachna (brieflich von dr. S. Rosegger): hinterher alle anderen, wäldler und bergler, hirten, holzer, steinklauber, züchner Rosegger I 14, 233.
 
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zucht, f. , ahd. mhd. zuht, as. tuht, ags. tyht, afries. tocht, scheint erst im westgerm. nach der weise der alten verbalsubst. auf -ti zu tiuhan gebildet zu sein, während got. ustauhts seinem eigenen sprachbereich angehören mag. so dürfte auch lat. ductim Walde2 245 eine neubildung sein, vgl. die liste der adv. bei Kühner lat. gr.2 1, 1011ff. an. tykt, f., schwed. tukt, dän. tugt sind lehnwörter aus dem mnd. jedenfalls hat es im westgerm. seine besondere bedeutung entwickelt, neben der es als verbalsubst. zu 'ziohan' in seiner allgemeinen bedeutung nur in spuren erscheint. die erkennbare grundbedeutung ist die vom menschlichen besitzer beeinfluszte fortpflanzung von vieh, paarung, ernährung und pflege umfassend. diese wird darauf beruhen, dasz in einem viehhaltenden volke das verb ziehen wie auch das zugehörige subst. verwandt wurden, um die beihilfe bei der geburt der hausthiere zu bezeichnen, was dann rück- und vorwärts, sowie auf pflanzen erweitert werden konnte. in der bedeutung 'ernährung, unterhalt' wurde es auch vom menschen gebraucht (vgl. bei ziehen):

thia dagalichun zuhti gib hiut uns mit ginuhti
Otfrid II 21, 33.

weitere belege bei Craff 5, 616; Lexer 3, 1170; mnd. erwähnt bei Lübben-Walther. diese im frühnhd. schon verschwundene bedeutung hat sich erhalten in leibzucht th. 6, 616. bei menschen ist aber vom leiblichen 'aufziehen' das geistige 'erziehen' nicht zu trennen, das dann die leitende bedeutung geworden ist, während bei thieren das wort sich auf das erstere beschränkt. so hat sich zucht in zwei nach thier und mensch geschiedene bedeutungen gespalten.
im nhd. war früher der plur. nicht übl., Stieler 2628, der hinzufügt: poetae tamen dicunt die züchte, so H. Sachs 8, 409 K.; Spee trutznachtigall (1649) 146, in neuerer zeit nur alterthümelnd Heine 1, 448 f. E.; Scheffel w. 2, 172 (Walthari), auszerdem noch in den alten formeln mit, in züchten s. u. II 10, auch ohne umlaut: in künsten und zuchten Luther briefe 5, 280. gelegentlich erschien zuchten als nom. pl.: solche newe zuchten Moscherosch insomnis cura 53 ndr.; beides sind zuchten Zinzendorf Londoner pred. 2, 319, jetzt landwirthschaftlich in der bed. 'zuchtergebnisse', s. den beleg bei II 5 am ende, sowie in zuss. wie saatzuchten. umgelauteter gen. dat. sing. vereinzelt bei Bode Montaigne 2, 352; Tristram Schandi 4, 178. zweifelhaft ist der umlaut in zücht (n.?) gezücht razza, specie Hulsius (1657) 284a.
I. von der verwendung als allgemeines verbalsubst. zu ziehen, wofür zug gilt, finden sich spuren, zumeist in den älteren sprachstufen.
1) vom trans. ziehen in ahd. âtumzuht Graff 5, 616, mhd. âtemzuht mhd. wb. 3, 939b; Lexer 1, 103, mnd. ademtocht Schiller-Lübben 4, 558, in neuerer zeit volksthümlich Höfler 860a.
2) von demselben für anlagen zum ableiten von wasser, als zucht Hertel Thür. sprachsch. 266; Mothes 4, 522, als abzucht Hertel (auch anzucht); Mothes; Adelung. dazu mnd. watertucht, agetucht (an aquaeductus angelehnt) Schiller-Lübben 4, 558, daraus mhd. eitzuht mhd. wb. 3, 939b.

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3) zum intr. ziehen, im ags.

werod wæs on tyhte
Cynewulf Elene 53.

mhd. bei Jeroschim mhd. wb. 3, 937b, sowie in zss. abe-, gegen-, überzuht, die beiden letzten auch im pass. K. mhd. wb. 3, 939b; 940a. hierzu afries. uptocht aufgang der sonne und tochtmann 'anführer' Richthofen afries. wb. 1089a.
4) alt sind einige ausdrücke aus der rechtssprache für 'anspruch' oder 'berufung', entsprechend der anwendung von ziehen und sich ziehen, wofür einzelne belege bei Graff 5, 601, reichlicher mhd. wb. 3, 924a—926a (verstreut), nachtr. Lexer 3, 1103 ff., ausführlich für mnd. tên, sik tên Schiller-Lübben 4, 529aff. mhd. zuht 'berufung' mhd. wb. 3, 931b, 40 (aus dem Ordensland), anzuht 939b: he mut aver sweren, dat he't tie to rechter tücht (dasz er es, das von ihm gekaufte gestohlene gut, mit recht als sein eigenthum beansprucht) Sachsensp.3 1, 265 Hom. ferner ahd. heimzuht, widarzuht, zauganzuht Graff 5, 617.
5) in der bedeutung 'kette am pfluge, welche diesen mit den rädern zusammenhält' Adelung 4, 1741; Hübner 4, 1033. belegt vom 15. bis zum 18. jh. in Mittel- und Ostdeutschland.
II. zucht für die aufzucht von hausthieren und kulturpflanzen, auch von dem gehegten und gepflegten wilde, erscheint seit dem 18. jh. als ein landwirtschaftliches berufswort (s. beleg bei zuchtjahr) Adelung, wogegen bei Frisch diese färbung nicht hervortritt 2, 483c. im 19. jh. dringt die bedeutung ins allgemeine bewusztsein.
1) zucht als vom menschen geleitete fortpflanzung: gleicher weis würt .. auch bei uns in Franckreich .... grose zucht alleyn von eseln gehalten Sebiz feldbau (1579) 161; dort stand das vieh, dessen zucht und verkauf Wilhelm mit gutem verstande beriet G. Keller 5, 154; und selbst die gestalt der thiere erfährt den umbildenden einflusz menschlicher zucht Lotze mikrokosmus 1, 6; gesträucher ..., aus deren unschmackhaften wilden früchten durch geduldige zucht sich ein genieszbares obst erziehen liesze Peschel völkerkunde1 441; doch thut man nicht gut, ein pferd vor dem 4. bis 5. jahre zur zucht zu verwenden Schwerz prakt. ackerbau 643. sprichwörtlich: wie die zucht, also die frucht Wander 5, 611, nr. 31, auch nach III zu deuten.
2) nur ganz selten von der fortpflanzung schlechthin: von der klugheit der fische, wie sie daher ihre örter verändern, damit sie ihre zucht desto besser fortsetzen mögen Prätorius winterflucht der sommervögel 134.
3) ort oder anstalt zur zucht: im östreichischen littorale ist 1773 eine zucht von spanischen widdern und ungarischen schaafen angelegt Nicolai reise d. Deutschl. 4, 436; allein ich .... wuszte sie (die raupen) .. nicht zu behandeln, so dasz kein schmetterling aus meiner zucht hervorging G. Keller 1, 99; uber fünfftzig hennen soll man in eyner zucht nit haben M. Herr feldbau (1551) 170a. 'brutstätte': da waren tiefe stehende gewässer, die zucht von schlangen und gethieren Alexis Roland von Berlin 2, 136.
4) zucht wird 'herkunft', besonders zur bezeichnung des werthes, wie rasse: wenn wir bey pferden, ... wenn wir bey dergleichen bestien die zucht beobachten, was sollen wir thun bey diesen, die mehr trügen, als die anderen thiere (den frauen)? Heinse 3, 544 Schüddekopf; eine schaar der niedlichsten, kleinen dachshunde, von reinster zucht Holtei vierzig jahre 1, 354.
5) zucht wird das ergebnis der zucht, nicht immer deutlich von 1 oder 3 auseinandergehalten: die rinderzucht des Kajetan lobte er auch und bat mich, .. dasz ich ihm einige zukommen lassen möchte, er würde sich aus dieser zucht einen anfang zu der seinigen wählen Stifter 2, 263. die übertragung ist alt mhd. wb. 3, 937b; Lexer 3, 1171; Dasypodius 467a; Frisius 575b u. ö.; Maaler 523b; roszweiblin oder stuten, von denen man will ein zucht haben guter füllen Mich. Herr (1551) 184b; aus seiner eignen zucht hat er (der osnabrückische bauer) in einiger menge nichts zu verkaufen als schweine

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und gänse J. Möser 6, 85; ein kranz von roten und weiszen rosen — eigene zucht Fontane I 2, 349. gelegentlich im plur.: dasz die zuchten gänzlich miszrathen seien nat.-zeit. nach Sanders II 2, 1781c. abzucht in diesem sinne Höfler 860a.
6) für die nachkommenschaft von freilebenden thieren war es beliebt, besonders in der barockpoesie: nidus .. Virg. die zucht, die jungen Frisius 866b; diser vogel liebet sein zucht seer Heuszlin Geszners vogelbuch 180a; kein thier bringt seine eigene zucht um Steinbach 2, 1103;

es hegt in jenem schloszder igel seine zucht
Sigm. v. Birken fortsetzung der Pegnitz-schäferey 71;

man sieht fast sichtbarlich
die aufgequollne knospen spalten
und ihre grüne zucht, die zarten blätter,
fast sichtbarlich entwickeln und entfalten
Brockes ird. vergnügen 5, 30.

hierzu schlangen-, natterzucht Kramer 2, 1479a, otternzucht.
7) ebenso beruht auf lateinischem vorbilde die umschreibende anwendung, welche nur die art als solche bezeichnet (s. d. lat. wbb. bei foetus, progenies, proles):

und stiesz in offen katz und hundt
und buch daselbst die schöne zucht
Fischart Eulenspiegel 109 Hauffen,

last frey die schäfflein lauffen
die schwanen-weisze zucht
Spee trutznachtigall (1649) 45;

der glatten pferde wohlgenährte zucht
Schiller 14, 282 G.


8) auf menschen ist zucht in verschiedener weise angewandt.
a) als 'herkunft', in der dichtung des 17. u. 18. jh.:

ein reis von groszer zucht (ein erbprinz)
Gottsched neueste ged. (1750) 5.


b) 'spröszling', 'nachkommenschaft', frühnhd. Frisius 575b; 1069b; Dentzler (1716) 2, 365a; die himmelisch zucht und geburt (Jesus) Zwingli d. schr. 1, 95;

damit die zarte zucht in einer weichen wiegen
mag sanft, bequem und ruhig liegen?
Brockes ird. vergnügen 4, 285.

noch neuerdings von einer lebhaften, groszen kinderschar: nebst einer muntern zucht von kindern Bode Yoricks empfinds. reise 2, 151; allerlei junger, schreiender, polternder gottessegen ist da, eine zucht jeglichen alters Rosegger I 6, 205; en tugt gören Schütze 4, 268. wie 'sippe, art': wie Luther und etlich siner zucht fleischlich fürgeben Nas antipap. eins u. hundert 2, 104b; (es hat) daselbst Zwinglius seine schöne zucht ausgebrütet Dannhawer catechismus-milch 4, 107. daher das zornige oder ironische verfluchte, böse, schöne zucht u. ä., die sich oft mit dem unter III 7 erwähnten ausdrücken berühren.
c) danach vom literarischen erzeugnis: die liebe eines scribenten gegen seine witzige zucht Rabener 2, 186.
9) zucht ist ein gemeines frauenzimmer: (der kamerad) will sich aber mit seiner bestellten zucht in die sträuche verkriechen, denn ins losement durft er sie nicht bringen Schweinichen 110 Österley. siehe DWB zuchtel.
10) vulva vaccae Schmid schwäb. wb. 551. s. zuchtel.
11) die jetzt vorherrschende bedeutung 1 und 2 hat besonders in neuerer zeit zusammensetzungen in unbegrenzter menge erzeugt: viehzucht, pferde-, rinder-, bienenzucht u. ä.; zuchtvieh, zuchtmaterial; zuchtbock, -bulle, -eber, -esel, -hengst, -ochse, -stier, -widder; zuchtkuh, -sau, -stute; zuchtbiene, -ente, -gans, -pferd, -schaf, -schwein (auch diese als weiblich in der regel gemeint). von dem durch zucht erzielten: zuchtfohlen, -kalb, -kamel, -raupe, -seide, -rasse. weiter zuchtbehälter, -garten, -gestüt, -schäferei, -raum, -stube; zuchtgebiet, -gegend; zuchtbetrieb, -ordnung, -verband, -genossenschaft, -versuch, -ergebnis, -ziel u. a. m.

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III. zucht 'erziehung'.
1) allgemein, mit einschlusz der unterweisung: pedia zucht Diefenbach nov. gl. 284b; maisterschafft oder zucht pedagogium voc. theut. (1482) t 4b; paedia zucht, underweysung Frisius 939a; disciplin, die zucht, unterweisung, wissenschaft, kunst Spanutius 224; weil dann nun e. e. sün in aller tugent auffwachsen, mir auch in die zucht ergeben sind Casp. Scheit frölich heimfart A 2b; einen in die zucht geben Kramer 2, 1479a; Schubart leben u. gesinnungen 2, 154, in die zucht thun Lindenborn Diogenes 1, 53;

die zucht des Telemachs war fremden aufgetragen
Gottsched ged. (1751) 1, 386;

jede zucht und kunst beginnt zu früh, wo die natur des menschen noch nicht reif geworden ist Hölderlin 2, 132 Litzmann. im allgemeinen nicht mehr üblich.
2) zucht ist die mit absicht und energie geübte einwirkung auf das verhalten und die ausbildung des charakters, besonders der jugend. sie gibt dabei den negativen factor ab im unterschiede von der unterweisung und belehrung, die einen positiven beitrag leisten Kant 2 (1838), 537 Hartenst. durch den zwang unterscheidet sie sich von der erziehung: die cultur der zucht (disciplin) ... ist negativ und. besteht in der befreiung des willens von dem despotismus der begierden Kant 7 (1839) 313 Hartenst. oft ergänzen sich zucht und lehr Thym Thedel v. Wallmoden 6 ndr.; z. u. lehre Herder 12, 81; lehre und zucht Aurbacher volksbüchlein 61; zucht und belehrung Schiller 6, 177 G. von den verschiedenen elementen des begriffs tritt bald das eine, bald das andere mehr hervor, wie auch der wechsel der anschauungen sich geltend macht.
a) der in der regel auf das sittliche und geistige gerichteten zucht tritt die äuszere gegenüber: fasten und leiblich sich bereiten ist wohl eine feine äuszerliche zucht Luther catech. 5. haupst.; bei starken menschen ist auch die geistige zucht gute vorübung zum kriegerstand Scheffel w. 1, 255.
b) die zucht ist eine thätige wirkung, die von einer person auf eine andre geht: und (gott) öffenet inen das ohr zur zucht Hiob 36, 10; dein zucht, herr, hat mich geleret S. Franck sprichw. (1545) 1, 91b; siehst du, was eine zucht wie die meinige wunder wirkt? W. Hauff 5, 110. viele wendungen wie einen in zucht nehmen deutsche erzähler des 18. jhs. 171 Fürst; Chph. von Schmid ges. schr. 4, 7; einen unter seine zucht bringen S. Franck chron. Germ. (1538) 26a; jemand unter seiner zucht haben theater d. Deutschen (1768) 12, 515; unter der zucht halten Luther 17, 1, 274 W.; in der z. halten Dentzler (1716) 2, 365a; Göthe 47, 310 W.; sich in der z. haben Viebig das schlafende heer 1, 43; jemand in zucht halten Moltke ges. schr. 4, 128; in guter, strenger, scharfer z. halten; in z. und gehorsame halten Frisius 1157a; das volk in zucht und zaum halten Schleiermacher I 5, 100; die zucht handhaben Kramer 2, 1479a; gute z. halten Kramer 2, 1479a; paedagogos qui sollen zucht halten Luther 34, 2, 408 W. daher neben guter oder böser, neben weiser z., rauhe, strenge, scharfe, harte, straffe, genaue z., der gegenüber die milde, sanfte, weiche, weibische, hätschelnde z. zur zucht gehört die ruthe: wo aber nicht noch eine zeitlang die ruthe kritischer zucht über ihn herscht Bürger briefe 2, 116 Strodtmann; aber gott der allmechtige hat mich ettliche zeit her yn der zucht und staupe so hart gehalten Luther 23, 338 W.
c) die zucht vom standpunkt des erzogenen, der sich ihr unterwirft oder entzieht: die z. annehmen, .., sich der z. unterwerfen Kramer 2, 1479a; sich unter eine z. bequemen Göthe 16, 155 W., beugen J. Grimm kl. schr. 1, 237; nur unter einer zucht .., wie die der frau Billa Winckler, konnte das erziehungsexperiment gelingen W. Raabe Horacker 70; er ist nit mer desz alters under der zucht zeseyn Frisius 54b; der zucht entwachsen L. v. François die l. Reckenburgerin 1, 149, entronnen Stifter 2, 52, entlaufen A. U. v. Braunschweig Octavia

[Bd. 32, Sp. 261]


1, 335, entfliehen Kretschmann 2, 57, sich entziehen Kramer 2, 1479a; die z. an einen nagel hencken, die z. vergessen, die z. in die schühlein werffen 1479b.
d) gegenstand der zucht ist die jugend, in erster linie die kinder für die eltern: disciplina heist ... die zucht, wie man die schüler helt, hart, meszig, lose etc. Scheräus 98; jugend- und kinderzucht Stieler 2628; mein vater empfing mich mit einem ochsenziemer, denn er war in seiner zucht ganz gerecht und scharf genug Leipziger avanturieur 1, 33; denn sie (frau Regel Amrain) muszte den geschmack und das urteil des sohnes (bei der wahl der braut) nur loben ..., so dasz sie sich aller weitern zucht ... endlich enthoben sah G. Keller 4, 184; väterliche, elterliche zucht.
e) in demselben sinne wird zucht geübt in der kirche, im heere, im bürgerlichen leben, wobei die bedeutung auch in die des ergebnisses der zucht, s. u. 5, übergeht: das man frawen klöster lasz schlen sein der zucht ains christlichen wäsens Eberlin v. Günzburg 1, 30 ndr.; zucht der kirche Dahlmann gesch. d. frz. revolution 345; christliche, kirchliche, geistliche z.; göttliche z. Lehmann flor. 1, 149; z. und gottesforcht Moscherosch insomnis cura 74 ndr.; wo aber zucht ist und gebet, da hat der böse keine macht Fontane I 1, 68; nicht in der strenge der zucht allein liegt die heilende kraft der militärischen disciplin Jhering geist d. röm. rechts 1 (1852), 253; dem österreichischen heer fehlte die zucht der unbedingten unterordnung Ranke 30, 315; kriegerische, militärische z.; die zucht und zwang der gesetze Bas. Faber (1587) 371a; individuelle freiheit und staatliche zucht Meinecke Boyen 1, 56; bürgerliche z. Schumann nachtbüchl. 244 Bolte.
f) in weiterem sinne durch die umstände, das schicksal, das eingreifen gottes: die strenge zucht der noth Riehl deutsche arbeit 119; die zucht des gewissens Hippel kreuz- und querzüge 2, 149.
3) zucht ist strafe Frisius 208b; Westenrieder 692; darumb straffestu seuberlich die, so da fallen, und erinnerst sie mit zucht, woran sie sündigen weish. Sal. 12, 2;

und solten dan sich etlich diser zucht
vermeinen sich zu rötten durch die flucht
und von sich die straff zu verrucken
Weckherlin 2, 64 lit. ver.;

zucht und straff Äg. Albertinus hirnschleiffer (1664) 150; strafe und zucht Schelling w. 2—4, 168. veraltet. hieraus erklärt sich wohl die versicherung mein zucht, etwa 'straf mich der teufel!' zschr. f. d. philol. 20, 179. zu mein vgl. th. 6, 1916.
4) in Thüringen und Böhmen war ausgang des mittelalters zucht 'gefängnis': in dem selbin jare ... machte (ein rath zu Erfurt) dorinne (in dem thurme im rathshofe) unden uf der erden eine zcucht unde ein beheltenisz unde nanten das das paradisz H. Cammermeister chron. 93; so mus der beklagte in die zucht und dornoch aus der zucht magk er sich widerumb löhsen und ledigen mit genugksamen pfande (um 1500) Olmützer gerichtsordn. 12 Fischel; Jelinek 996 (2 bel. aus Olmütz).
5) zucht bezeichnet weiter das, was sie bewirken soll: man lehrt zucht Maaler 523b; Brant narrenschiff 9 Zarncke; Kramer 2, 1479a; und lernt zucht Kramer. ähnlich: an zucht gewennen, underweysen oder gestalten in zucht und meisterschafft Maaler 523b; indem ich ... dergleichen frevelnde knaben zur zucht verwies Göthe IV 28, 219; wo aber strafe ist .., da ist zucht H. Kurz Sonnenwirth 1, 12; lang wurde auch bei den leibesübungen auf zucht gesehen J. v. Müller w. 2, 79. der erzogene lernt die zucht auf sich selbst anzuwenden, so liegt darin selbstbeherrschung, beschränkung der begierden, unterwerfung unter allgemeine ordnung. Frisius glossiert damit continentia 322a; moderatio 830a; modestia 830a. in dieser bedeutung wird es in der regel durch ein begleitendes wort erläutert: ohne innere zucht fährt er mit ungesitteten spottreden heraus B. v. Arnim Günderode 2, 121; die kraft der menschen und der nationen liegt in der zucht und der opferfähigkeit P. de

[Bd. 32, Sp. 262]


Lagarde d. schr. 30. übertragen: der umstand, dasz der .. raum des theaters ... ein metall der stimme und eine zucht der sprache forderte G. Freytag 14, 130.
feste verbindungen: ein grosz beyspiel der zucht oder enthaltung Boltz Terenz 4b; zucht und masz Görres ges. schr. 2, 3; Lange gesch. d. materialismus 36; regel u. z. Göthe 5, 287 W.; zucht u. sitte Mommsen röm. gesch. 24, 87; H. Laube ges. schr. 2, 19; sittliche z. E. M. Arndt 6, 47; Ranke 3, 70; z. u. tugend Rachel sat. ged. 39 ndr.; Lehmann floril. 3, 155.
6) zucht, auf eine menschliche gemeinschaft, volk, heer, schule usw. bezogen, bezeichnet den zustand, in dem sie der ihr nothwendigen sittlichen oder gesetzlichen ordnung sich unterwirft, vgl. 2, ende: der vorige rector der stadtschule ... hatte auf zucht, religion, vernünftiges lesen ... gehalten J. H. Voss antisymb. 2, 179; auch in Florenz vermiszt er (Dante) die alte einfalt und zucht Ranke 40—41, 185; deutsche, römische, spartanische zucht (als gute, strenge zucht); die frantzosche zucht ist recht ellendt und erbärmlich Elisab. Charlotte 5, 203 Holland. eng verbunden zucht und ordnung, von Eberlin von Günzburg bis heute, oft beim älteren Göthe.
7) böse zucht u. ä. ist als zustand oder eigenschaft ein schlechtes verhalten oder ein schlechter charakter: eine verfluchte zucht! eifert er, wenn zwey schüler jugendlich ungezogen über die strasze gehen, lehrer und schüler verdienten gepeitscht zu werden portraits (1779) (von G. Chr. E. Westphal?) 194. besonders die ironischen in mundart und umgangssprache beliebten wendungen: eine schöne, nette, feine zucht! was ist das für eine zucht! so bekommt zucht alleine die bedeutung 'lautes, lärmendes benehmen' Brenner-Hartmann Bayr. maa. 2, 268; Brendicke Berliner ma. 196. diese bedeutung berührt sich manchmal mit I 8 b.
8) insbesondere ist zucht das selbstbeherrschte verhalten in bezug auf den geschlechtstrieb, in naher berührung mit scham. diese bedeutung hat sich im nhd. neben der von II zur herrschenden entwickelt, in berührung und gegenwirkung mit dem gegentheil unzucht.
a) allgemein:

dasz ich euch mägdlein liesze
das tet mein grosze zucht
Uhland volks. 246;

diese schamhafte liebe der zucht musz den poeten in der wahl seiner bilder leiten Breitinger crit. dichtk. 1, 92; alle zucht felt ab, wo in eym dorff oder stat ein hurenpfaff ist Eberlin v. Günzburg 2, 32 ndr.; impudicus ohne zucht Corvinus (1623) 243; alle zucht hindan setzen Dentzler (1716) 2, 365b. feste verbindungen zucht und scham, zucht und sittsamkeit, zucht u. reine sitte, z. und ehrbarkeit. auch z. und ehre, bis zum beginn des 17. jh. in dieser bedeutung besonders beliebt.
b) meist vom weiblichen geschlecht 'ehrbarkeit der frau', 'keuschheit des mädchens': und andre schand, die ich hie schweygen will umb zucht frumer weybszbild willen Clemens flugschr. 1, 349;

weyl du dein weiblich zucht und ehren
mit eym unedlen thest verseren
H. Sachs 2, 32 K.;

aus jungfräulicher zucht bedachte sie drey tage sich S. Gessner schr. (1778) 2, 99.
c) so heiszt es geradezu 'jungfräulichkeit', besonders bei dichtern des 17. jh.:

der sultan leider! heischt die blüthen meiner jugend,
die blumen meiner zucht zum opfer seiner brunst
Lohenstein Ibrahim Sultan (1701) 32;

zucht losieret auf ihrer stirn
Weckherlin 1, 116 lit. ver.


9) zucht im mhd. sinne (mhd. wb. 3, 938a; Lexer 3, 1170b) als inbegriff des durch die höfische erziehung gebotenen verhaltens, erhält sich noch im 16. jh. (Frisius für civilitas 230a; elegantia hofzucht 468a, urbanitas 1412a), dann, allgemeiner, als 'anstand', 'gutes benehmen'

[Bd. 32, Sp. 263]


bis in die classische literatur. heute nur noch mit bezug auf mittelalterliche verhältnisse: Neyphile, ... die nitt minder von zucht und miltikeit (di cortesi costumi) geornirett was als von tugent und schöne Arigo decam. 29 K.; das wir gantz frech werden, et obliviscimur etiam der weltlichen zucht Luther 20, 481 W.; wie verschieden also urtheil über die würde der menschheit ..., über anstand und zucht Herder 3, 199. für die durch die sitte gebotene ehrenbezeugung sagte man bis ins 17. jh. zucht und ere beweisen, bieten, entbieten, erbieten. mit z. und in z. für 'schicklich', 'anständig': und zeiget die weil auff ein haus, da ein kindlin mit zucht und heymlich seine not ausrichtet Luther 26, 533 W. erhalten in ausdrücken wie: hübsch in zucht u. ehren lustig seyn. frau rath Göthe br. 1, 108 Köster.
10) aus dem mhd. bewahrt sind auch die plural-formeln in züchten u. ä. für 'anständig' und 'sittsam': wär es nicht gut, wenn sich die universitäten in züchten und ehren einverstünden, was sie eigentlich erziehen wollten? Hippel lebensläufe 3, 2, 5; das holde gelächter, welches Dorothea in allen züchten öfter hören liesz G. Keller 3, 199; mit züchten Frisius 411a u. ö.; Stieler 2629, bes. in den formeln er sprach mit züchten, mit züchten zu reden, mit züchten zu melden, zu schreiben u. ä., auch einfach mit züchten, scheint grade noch bis Wieland zu reichen. nicht über das 16. jh. erhält sich zucht halb Wirsung artzneybuch (1588) 313b, zucht und zimlichkeit halben Fischart Eulensp. 17 Hauffen.

 

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