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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
zollner bis zöllnerhäuslein (Bd. 32, Sp. 63 bis 66)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) zollner, m., in Pommern fischer, welche die fischerei in zollen, s. d. w., betreiben Zöllner reise durch Pommern (1797) 96. dazu zollnerfischerei, f., gesetzsammlung f. d. preusz. staat 1859, 457.
 
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zöllner, m. , ahd. zolanâri Graff 5, 659, mhd. zolnære mhd. wb. 3, 946b, Lexer 3, 1149, mnd. tolner Schiller-Lübben 4, 571, afr. tolner Richthofen 1091, nl. tollenaar, ags. tolnere Bosworth-Toller 1001b. es fehlt ursprünglich im nordischen, s. bei zoller; schw. tullnär wird auf deutschem vorbild beruhen. das wort geht unmittelbar auf das volkslateinische tolonarius zurück, s. oben bei 3zoll, und gehört zu den masculina persönlicher bedeutung, welche das lat. suffix -arius ins deutsche gebracht haben, vgl. Wilmanns 2, 283 f. der junge umlaut der stammsilbe ist durch Luthers bibelübersetzung zur allgemeinen geltung gebracht worden Stieler 2252, Adelung 4, 1731. doch hielt sich zollner besonders in Oberdeutschland lange, wo noch Adelung es als 'gangbar' bezeichnet. auch wurde es im östlichen md. gebraucht, so von Luther I 34, 485 Weim., daneben zöller III 10, 218, in Nürnberg: der stat zolner Nürnb. polizeiverordn. 143 Baader. Steinhöwel braucht neben häufigem zolner ebenso gerne zoller, das im alem.-schwäb. gebiet zu hause war Dasypodius, Maaler, s. bei dem wort.
I) zöllner im eigentlichen sinne ist der zolleinnehmer. in dieser bedeutung ist es im beginn des 18. jhs. auszer gebrauch gekommen, während süddeutsches zollner länger galt. die wörterbücher des 17. jhs. geben zöllner ohne weiteres als übersetzung von publicanus, portitor u. ä.: er ist ein zöllner, nimpt oder fordert den zoll ein Calvisius (1616) 670, kürzer Corvinus (1623) 464, Reyher 2464, Jungius nomenclator 476, Stieler 2252, Pomey (1698) 434. neben zolleinnehmer stellt es Kirsch 367a. im 18. jh. hat es noch Dentzler (1716 Basel) 364b und Frisch 2, 481a. Adelung erklärt es dagegen für ein im hd. veraltetes wort, 'welches nur noch in der deutschen bibel vorkommt', wofür man zolleinnehmer, zollbedienter oder zollbeamter sage.
dem entsprechen die literarischen belege.
1) bis zum anfang des 18. jh. ist zöllner wie auch zollner der zolleinnehmer, der an der zollstelle, am thor, an der brücke sitzt und den zoll fordert:

als er nun kam zu der stattpforten,
der zölner het von im sein spech (spasz),
that auch als ob er in nit sech
H. Sachs 21, 177 Keller-Götze;

da mich der zolner nit gesehen hat
der almal nach dem zol thuet fragen ebd.;

der zöllner darinne (im zollhaus am Bober) sol die fuhrleute angesprochen haben: sage an, was führestu? davon sol der name diesem ort (Sagan) beklieben sein Rätel Curäi chron. des herz. Schlesien (1607) 514; der stallknecht träumet sich einen stallmeister ... der zöllner, schatzmeister Moscherosch gesichte 66; die oberpriester, ..., richteten sich hier nach dem vortheil und nutzen, welcher den öffentlichen pächtern

[Bd. 32, Sp. 64]


und zöllnern daraus entstund Fleming vollk. teutsche soldat (1726) 34.
2) in gleicher bedeutung hält es sich noch länger in der dichtung, auch in der prosa, hier meist mit scherzendem oder verächtlichem nebensinn, vgl. unten II:

hier wohnt der zöllner mit weib und kind.
'zöllner! o zöllner! entfleuch geschwind!'
Bürger 36 Bohtz (lied vom braven mann);

am schlagbaum lehnt just der zöllner hervor
J. N. Vogl das erkennen;

der ebenso treffliche als wunderliche mann (F. A. Wolf) hatte auf alle zöllner einen entschiedenen hasz geworfen und konnte sie, selbst wenn sie ruhig und mit nachsicht verfuhren, ja wohl eben deshalb nicht ungehudelt lassen Göthe 35, 206 Weim. (tag- u. jahresh. 1805); die zöllner der stadt mit geborenen franzosen gemischt, hatten alles aufs schärfste durchsucht Arndt werke 1, 93.
3) in historischer prosa erscheint es
a) als wort der zeitfarbe für ältere deutsche verhältnisse: erschien der zöllner auf dreimaliges rufen nicht, so durfte man nach deutschem rechte weiter fahren Raumer gesch. d. Hohenstaufen 5, 455; so faszten ... die Hamburger 1270 den schlusz, der gräflich holsteinische vogt, münzmeister, zöllner und andere dienstleute sollten nicht anders als auf ausdrückliche einladung in den rath kommen Eichhorn deutsche staats- u. rechtsgesch. 2, 394.
b) in der römischen geschichte für die publicani, vgl. unten II 3: öffentliche versteigerung sicherte ... gegen jede bedrückung der zöllner Niebuhr röm. gesch. 1, 336; man erinnere sich ... an die menschenjagden, die die zöllner daselbst (in der provinz Asien) nebenbei betrieben Mommsen röm. gesch. 2, 265.
4) in vergleichen: wie wir aber mit essen und trinken unordnungen zu thun pflegen, also geben wir auch diesem zölner (dem schlaf) unsrer zeit mehr als ihm gebühret Harsdörffer frauenz.-gesprechsp. 8, 522.
II. aus dem evangelium hat zöllner eine herabsetzende bedeutung bekommen. wenn wir es heute von wirklichen zollbeamten gebrauchen, hat es einen besonderen, meist leicht scherzhaften ton. man sagt: das und das regiment hat viele zöllner unter seinen reserveofficieren. so schon früher: indessen hatt' er ... noch einen verabschiedeten preuszischen offizier gebeten, der als zöllner versorgt war Hippel lebensläufe 3, 2, 379.
1) wie der zöllner im neuen testament den juden ein ärgernis ist, so bezeichnet das wort allgemein den geringen, sündigen und verachteten. publicanus wird schon im frühen mittelalter als offen sundâre, offenbar sunder gedeutet Notker ps. 84, 12; Diefenbach mlat.-hd.-böhm. wb. 227. so später: denn so ir liebet, die euch lieben, was werdet ir fur lohn haben. thun nicht das selb auch die zölner? Matth. 5, 46; Amos war ... ein kühhirt, ... Mattheus ein zölner Nas antipap. eins und hundert 5, 318b; wer gab dann denen eben noch vorhin so anders- und grobdenkenden fischern und zöllnern diesen neuen künstlichen plan an? Herder 19, 98;

doch herr, der du dem zöllner dich gesellt,
o lasz nicht zu, dasz ich in nacht verschwimme
Droste-Hülshoff 3, 73;

hohes oder niederes stands personen, arme oder reiche, edelleute oder zöllner Bastel von der Sohle Don Kichotte 151; alle rangordnung aufgehoben ... fromme und zöllner ... alles auf einem haufen schriften der Götheges. 1, 100.
besonders hat sich die verbindung zöllner und sünder, auf die auch der letzte beleg anspielt, eingewurzelt. neben ihr noch andere aus dem evangelium oder ihnen nachgebildete: und es begab sich, da er zu tisch sasz in seinem (Matthäus') hause, satzten sich viel zölner und sünder zu tisch mit Jhesu Matth. 9, 10;

und als mit im zu tische sassen
zölner und sünder, mit im assen
H. Sachs 6, 320 Keller;

[Bd. 32, Sp. 65]


nyemant solt mynder geacht haben seiner leer, dann zolner, huren und sünder (Matth. 21, 31) Eberlin von Günzburg 2, 151 neudr.; 'ehrwürdiger vater', sagte hierauf Eck, 'wenn ihr glaubt, dasz ein rechtmäszig versammeltes concilium irren könne, so seid ihr wie ein heide und zöllner' (Matth. 18, 17) Ranke 1, 284; damit es die herren besucher, und versucher ... überhaupt alle zöllner und sündergesellen nur auf einmal wissen (Matth. 11, 19) Hippel lebensläufe 1, 8;

an dem Matheo ist zu sehen,
wie got kain sünder thu verschmehen,
dan aus aim zolner und unchristen
beruft er in zum evanglisten
Fischart bibl. historien 319 Kurz;

aber ihren glauben verläugnen sie,
denn der kipp- und wipper-orden
sind nur juden und zöllner worden
Opel-Cohn dreiszigjähr. krieg 424.


2) der zöllner ist der buszfertige sünder nach dem gleichnis vom pharisäer und zöllner:

du sahest an mit gnaden
den Petrum im pallast;
des zöllners seelenschaden
herr, du geheilet hast
Joh. Brendel bei Fischer-Tümpel 2, 108;

ich bin nicht zöllner genug, um den pharisäern gegenüber an meine brust zu schlagen und zu sagen: gott sei mir sünder gnädig Jhering geist d. röm. rechts II 2, xiii.
3) aus dem neuen testament stammt auch zöllner als wiedergabe des lat. publicanus zollpächter, die als blutsauger in den römischen provinzen, besonders Asiens, eine weltgeschichtlichen schlechten ruf haben, s. oben I 3 b. daher bezeichnet dies wort die zollbeamten als quäler, schnüffler, bedrücker: dadurch aber so viel meineidige visitatores und corruptibles zöllners ... gemachet werden Marperger kaufmannsmagazin 1424;

die zöllner, die von unserm blut
schon angefüllt und aufgeschwollen
Triller poet. betrachtungen 2, 705;

Shylock. wie sieht er einem falschen zöllner gleich!
(like a fawning publican)
Shakespeare 4, 25 Schlegel (kaufm. v. Venedig I 3);

die zolllinien im innern .., durch welche jede provinz zu einem staate für sich wird, von einem stehenden heere von zöllnern umstellt Dahlmann gesch. d. franz. revolution 39; er (Napoleon) und seine marschälle und intendanten und lieferanten und zöllner und polizeimeister haben unser vaterland so geplagt und geschändet, dasz es mit keinen worten auszusprechen ist Arndt schr. für u. an s. l. Deutschen 1, 236;

piep, Däne, piep!
wahrheit bist du quitt
als zöllner lauerst du am Sund
und bläffst dort wie ein höllenhund
Jahn 2, 994.


 
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zöllneramt, n.:

gib gnad, das wir gehorchen deinem suchen
und auch also von böser that,
auffstehn, wie S. Matheus hat,
sein zöllner ampt begeben
Ringwaldt evangelia f 6a.


 
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zöllnerei, f., vgl. mnd. tolnîe: Otto, der bischof von Freising .. setzte .. an die brücke über die Isar salzniederlagen und zöllnerei Zschokke 30, 253.
 
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zöllnerfreund, m.: diese hohe und reine denkart, die dem Jesus von Nazareth so oft den namen eines .. zöllner- und sünderfreundes zuzog Herder 19, 319. —
 
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zöllnerfreundschaft, f.: zöllnerfreundschaft und bekämpfung der pharisäer Strausz 3, 72 (leben Jesu). —
 
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zöllnergebet, n.: das anhaltende reumüthige zöllnergebet ist das beste mittel, sich auf diesen zeitpunkt (das göttliche gericht) geschickt zu machen Jung-Stilling 4, 264. —
 
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zöllnergeselle, m.: Jesus ... freuete sich des beinamens zöllnergeselle Herder 7, 201. —
 
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zöllnergesicht, n.: als ich den licentbeamten erblickte, sah ich nichts als ein zöllner- und sündergesicht Musäus physiognom. reisen 4, 268. —
 
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zöllnerhaus, n.:

[Bd. 32, Sp. 66]


willst du die gnadensonn, den herren Jesum sehn,
so lass dies zöllner-haus, die werkstätt trüber sünden! (lesart dazu: die zöllnerbaud)
Gryphius ged. 90 Palm.


 
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zöllnerhäuslein, n.: er ... wolt den regen fliehen und in das zolnerheuslein gegen Werd fliehen chron. deutscher städte 11, 680. —

 

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