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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
zögerlich bis zöglingskleidung (Bd. 32, Sp. 22 bis 30)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) zögerlich, adj.: diese sache geht sehr zögerlich Steinbach 2, 1099, nicht üblich geworden.dazu unzögerlich, verzögerlich Sanders 1776a: dieser (besitzer eines affen, der ein corpus juris beschädigt hat) bringt alle so wohl verzögerliche als zerstörliche schutzreden (einreden) vor Quistorp an Gottsched bei Danzel 14.
 
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zögermuth, m., gelegentliche bildung, 'zaghafter gemüthszustand':

Brangane folgt mit zögermuth
Immermann 13, 195 Hempel.


 
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zögern, v. , ein wie zaudern dem nhd. eigenthümliches wort. form und herkunft.
zögern ist eine iterativform von zogen, die als solche sehr alt sein kann, aber, von einer ganz zweifelhaften stelle (genesis 79, 15 Diemer, vgl. 2, 37) abgesehen, erst gegen 1700 sich in der schriftsprache eingebürgert hat. dagegen gleitet mhd. zogen schon vereinzelt in die bedeutung 'zögern' über:

ir zogen (mit der antwort) daʒ ist doch umsust
Ulr. v. Eschenbach Alexander anh. 296.

auch transitiv:

wâ mit er mich nu zoget
Walther 104, 14.

mundartlich erscheint zögern als 'ohne zweck hin und her ziehn' in Baiern Schmeller 22, 1097, verbreiteter sind verwandte, auch auf ziehen zurückgehende bildungen im nd. und md. (vgl. bei zocken) tockern, zockern, zöckern brem.-nieders. wb. 5, 78; Schambach 236a; zopperen, zökkeren, zögeren, zukkelen moras nectere cunctari, säumig zu sein suchen Schottel 1449: hertoge Hinrick .. tockerde dar ock mede van eyner tiit to der anderen chron. d. städte 16, 407 (Braunschweiger schichtbuch); dazu tockeringe Schiller-Lübben 5, 281a; töckerie ndd. jahrb. 34, 98a. ferner steir. zeckern 'zaudern', zeckerer 'faulpelz' Unger-Khull 645b.
für zögern braucht Luther verziehen Calwer bibelconcordanz 1284, und säumen 1011b. die älteren wörterbücher geben für cunctari harren sumen zwifelen Diefenbach 162b; verziehen, hinderen Dasypodius 46b; für differre verziehen, verlengen, underziehen Diefenbach 181a; für hesitare zwifeln 276b; zweiflen Dasypodius 90b, für moror ich verziehe, hindere 142b; Diefenbach 367c. noch Spieser (Basel 1700) übersetzt cunctor langsam sein, saumen, verhinderen 1, 271a, und sogar Weber lat.-deutsch. universalwb. (1745) nennt es nicht, hat aber zaudern.
die ältesten belege weisen nach dem südwesten und zeigen die später vereinzelte, und zwar selbständig geprägte transitive bedeutung, s. unten II 1: hie mit ... will E. F. G. disen armen priester zögern, gnediklich und um gottes willen verhören oder verhören lassen A. u. Th. Blaurer briefwechsel (1509—1548) 1, 554; der pfarrer zögerte mich auf seinem losament bis 10 uhr Grimmelshausen Simpl. 1, 137 Keller. es ist zweifelhaft, ob unser wort damit geschichtlich zusammenhängt. in der oben angeführten stelle aus Schottel erscheint es nicht wie ein allgemein übliches wort des hochd. der zusammenhängende gebrauch beginnt, und zwar in intransitiver bedeutung, mit zwei dichterstellen:

wie lange zögert ihr, euch zu entfernen?
Neukirch Hoffmannswaldaus u. anderer deutsch. ged. 7, 205;

wenn hat es dem Adon verstöret seine ruh,
mit: zögre, zögre nicht, ach komm, wo bleibest du?
Warnecke poet. versuch (1704) 415.

[Bd. 32, Sp. 23]


seitdem steht der gebrauch von zögern fest. das wort wird also von den Schlesiern in die schriftsprache eingeführt sein. bedeutung.
zögern ist das mehr oder weniger absichtliche verweilen in dem zustand vor der ausführung einer handlung, die man vor sich hat oder die von einem erwartet wird. es nimmt in der regel dabei keine rücksicht auf die ursache, während zaudern die folge von unschlüssigkeit, säumen von lässigkeit ist Campe 5, 821a (bei zaudern); Eberhardt-Lyon 17 850.
es wird gebraucht
I. eigentlich und vorherrschend, intransitiv.
1) ohne bezug auf die verzögerte handlung.
a) die vorausgesetzte bedeutung 'zwecklos hin und her ziehen' schimmert noch durch, wo es sich um eine bewegung handelt, vor allem wo besondere bestimmungen auf das verweilen an einem orte weisen: wo zögert er Schiller 14, 55; nun kam ihm der schreckliche gedanke, die mutter sterbe, während er hier oben (am rande des waldes) zögere Raabe hungerpastor 251; das trieb, da er zögerte (hinauszutreten), sie wieder hinein in den saal Ludwig 1, 151 Stern;

wer dächte, dasz Apoll gerufen zögere
Ebert episteln u. verm. ged. 39.

es schwächt sich ab zu 'in der bewegung stocken, nicht vorwärtskommen':

so sehr ich eilte, muszt' ich dennoch zögern,
weil ich von Rom mir andre wege suchte;
denn schon sind alle heiden auf dem zuge
Tieck 1, 227.

von naturvorgängen: er schildert, wie er dann, wenn der frühlingsregen zögerte, wasserfässer herbei schaffen liesz Wimmer gesch. d. deutsch. bodens 65. anschaulich wirkt es in poetischen schilderungen:

in den heitern lüften zögerten wandernde vögel
Hölderlin 2, 143 Litzmann;

da ist's, als ob, erstaunt zumal,
noch zögern will der letzte strahl
Droste-Hülshoff 2, 30;

die (tanne) zögert an abgründen,
wo alles rings
hinunter will
Nietzsche 8, 366;

hallen, ... in deren geheiligtem haag verflossene jahrhunderte zu zögern scheinen Justi Winckelmann 1, 17. es wird sogar kühnlich mit einer ortsbestimmung verbunden:

wie! oder zögerst du von des Albion
eiland herüber
Klopstock oden 1, 11 Pawel-Muncker;

die sonne zögert aus der welt
D. v. Liliencron 9, 77 (ein erinnern).


b) zögern ist ganz allgemein das gegentheil vom rasch einsetzenden handeln, manchmal mit betonung des gefährlichen, manchmal des vorsichtigen, auch hinterhältigen, 'meist in übler bedeutung' Frisch 2, 480c: er (Ananda, schüler Buddahs) begehrt von einem tschandala-mädchen, das wasser schöpft, einen trunk, und als es zögert, um ihn nicht durch berührung zu beflecken, spricht er Peschel völkerkunde 285; da der römische hof zögere, wolle er nicht zögern: als kaiser ... berufe er das concilium Ranke sämmtl. werke 1, 166; wenn wir zögern, so ziehen sie mir vor's schlosz Göthe 8, 104 Weim.;

Burleigh. erwarte, zögre, säume, bis das reich
in flammen steht
Schiller 12, 536;

aber Alexanders heldensinn verschmähte zu zögern und zu erschleichen, wo er handeln und entscheiden konnte Droysen gesch. Alexanders d. groszen 57.
c) die dauer des zögerns wird angegeben durch ein adverb oder einen satz mit bis: ah, mademoiselle, ich zögere ihnen wohl zu lange? Ebner-Eschenbach 4, 104; sie blickte mich an, zögerte ein weilchen, bückte sich dann und nahm die frucht Stifter 5, 1, 121; und indem sie gleich mitzugehen willens schien, zögerte sie doch eine kurze zeit, einige rosen brechend, bis der diener weg war Keller 4, 52. mit hin verbunden: er

[Bd. 32, Sp. 24]


(Göthe) liesz sich nöthigen und treiben und zögerte geheimnisvoll hin, bis er im 82. jahr mit diesem lebenswerke zugleich das leben abschlosz Gervinus gesch. d. d. dichtung 5, 97, s. hinzögern th. 4, 2, 1549.
d) das particip zögernd begleitet nach stehendem brauche ein verb.,
α) der bewegung oder des stehenbleibens: und von einer starken vorahnung erfüllt .. schritt er .. zögernd weiter Fontane I 6, 112;

und als die sonne hoch am himmel zieht,
da lenkt er zögernd heimwärts seine tritte
Droste-Hülshoff 2, 223;

und zögernd schiebt des greises hand
den kleinen kalten arm zurück 2, 31;

zögernd kommt die zukunft hergezogen
Schiller 11, 14;

sie blieb zögernd stehen und sah ihn einige augenblicke schweigend an Eichendorff 3, 133.
β) des sagens vor directer rede: zögernd, denn an ihren reden sah er schon, wie wenig sein einkauf ihr behagen würde, antwortete er Grimm deutsche sagen 1, 166; er antwortete zögernd: 'jawohl' M. Meyr erzähl. aus dem Ries 1, 208.
dabei gleitet oft die participiale bedeutung ins adverb hinüber, vgl. unten III 2: wenn er die erste strecke seines weges nur scheu und zögernd zurücklegt Raabe hungerpastor 190; endlich fragte Oversberg sehr leise und sehr zögernd: wenn ich bliebe? Ebner-Eschenbach 4, 178.
2) die verzögerte handlung wird ausgedrückt durch
a) einen infinitiv mit zu: das süsze gefühl ... liesz mich immer noch zögern, ins haus hinabzugehen Storm 1, 64; sie zögert (Medea) zur that zu schreiten Herder 17, 382; ich zögre fast, es auszusprechen Fontane I 4, 293.
b) durch ein verbalsubstantiv oder gleichartiges wort, durch die präposition mit angefügt: Philipp war undankbar genug, mit der auszahlung zu zögern Schiller 4, 94; er zögerte mit dieser urkunde von einem monat zum andern Bahrdt gesch. seines lebens 3, 78; alles bunte seidene, mit dessen ankauf man weislich zögerte Göthe 24, 314 Weim.; Agnes zögerte mit ihrem entschlusse Keller 2, 228; seit einigen tagen zögert eine der schwiegertöchter des königs mit ihrer niederkunft Gutzkow 7, 302.
c) durch ein verbalabstract oder gleichartiges wort als subject zu zögern: noch zögerte der angriff Moltke ges. schr. u. denkwürdigk. 1, 174; die versendung des vollständigen heftes möchte wohl noch eine zeitlang zögern Göthe IV 37, 54 Weim.; mit angst harrte er der antwort, die ewig, ewig zögerte Stifter 1, 200; diesem entschlusse zögerte die ausführung Becker weltgesch. 13, 449.
3) in der verneinung bezeichnet zögern nachdrücklich den unmittelbaren beginn einer handlung.
a) alleinstehend: der zögerte nicht lange, sondern liesz sich von ihm alle die alten und neuen minnelieder .. abschreiben, deren er habhaft werden konnte Keller 6, 39; deine bitte .. ist zu dringend, als dasz ich länger zögern könnte W. v. Humboldt ges. schr. 1, 19; dir stehen noch schmerzliche ökonomische opfer bevor, unterwirf dich ihnen ohne zu murren und zu zögern Meinecke Boyen 1, 141.
insbesondere in kräftiger aufforderung zu schleunigem thun, im imperativ und verwandten formen:

dann zögre nicht, o Daphne! lasz uns beide
Cytherens heiligthum' uns nahn
Miller gedichte 292;

zögre länger nicht!
maler Müller 1, 81;

du sollst nicht zögern — keinen tag Bauernfeld ges. schr. 6, 134.
formelhaft ist die frage was zögerst du? in verschiedenen abwandlungen: mort! was zögerst? maler Müller 1, 364; murrst du? zögerst du? Schiller 2, 176;

[Bd. 32, Sp. 25]


nun hast du das kaufgeld, nun zögerst du doch?
Heine 1, 20;

was denn noch zögern? dann schnell nur fort Fouqué altsächs. bildersaal 4, 68.
b) formelhaft ist auch zögern mit dem infinitiv in der auffordernden frage: warum zögern sie (anrede) zuzugreifen? Klinger werke 1, 186; was zögern wir, sie noch einmal anzufeuern? neues theater 1, 5; mit welchem recht zögert ihr da, die mitwirkung euerer brüder ... laut zu begehren? briefe von und an Herwegh 176.
c) nicht zögern mit dem inf. ist, wie in anderen sprachen, als stehende verbindung für das, was sofort eintritt, in der erzählung, besonders der geschichtlichen, beliebt: und zögerte keinen augenblick, sie nun auch ins werk zu setzen Ranke 1, 20; obwohl es die fassung zweifelhaft liesz, ob die auffordrung aus der eignen initiative Roons hervorgegangen oder von dem könige veranlaszt war, zögerte ich nicht abzureisen Bismarck gedanken u. erinnerungen 1, 294 volksausgabe; er konnte nicht länger zögern, sich es selbst zu gestehn Göthe 23, 141 Weim.; das vaterland rief mich, und ich durfte nicht zögern, dem rufe zu folgen E. Th. A. Hoffmann 6, 78 Grisebach.
ungewöhnlicher ist die anwendung auf gegenwärtiges und zukünftiges und nicht frei vom verdacht der einwirkung des frz. ne pas tarder à: wir werden aber nicht zögern, die bewohner Kaschgariens zu den türkischen mischvölkern zu rechnen Peschel völkerkunde 135.
II. transitiv, vgl. sp. 22 unten.
1) zögern wird nach Klopstocks vorgang in poetischer sprache des 18. jhs. im sinne von verzögern gebraucht:

sie stärket uns, zögert des todes
gang, die mächtige freude
Klopstock Messias 16, 222;

grausame nymphen! rief sie, ach! zögert nicht meinen tod Sal. Gesner schriften (1777/78) 1, 80;

fort! dein zagen zögert den tod heran
Göthe 14, 229 Weim.;

der herr zögert nicht die verheiszung C. u. L. van Esz bibel (2 Petri 3, 9), wo Luther verzeucht hat.
durchaus sprachgemäsz ist transitives hinzögern, hinauszögern s. th. 4, 2, 1549.
2) seltener ist reflexives sich zögern: solange .. der gewünschte morgen sich zögert Bodmer samml. critischer u. poet. schr. 1, 14;

und schon geht der mohr verzweifelnd
da es sich so lange zögert
Herder 25, 153.

gewöhnlich dafür die verbindung mit hin: das gewitter zögert sich hin; es zögert sich hin.
III. recht selbstständig sind die nominalformen ge worden
1) der inf. als subst.
a) allgemein: nur das zögern macht feige Klinger neues theater 1, 6;

wenn redlichkeit verspricht ihr opfer beizutragen;
gilt treues zögern mehr, als falsche fertigkeit
Weichmann poesie der Niedersachsen 3, 143;

ein kurzes zögern noch, dann reichte er sie dem greise hin Ebner-Eschenbach 2, 49.
b) durch verbindung mit einem demonstrativ- oder possessiv-pronomen auf einen besonderen fall bezogen: dieses zögern hinderte ihn Ludwig 1, 280; Schiller beobachtete dies zögern, und sagte eben diese folgen der zögerung .. voraus Gervinus gesch. d. deutschen dichtung 5, 426; mein zögern ist verzeihlich Göthe 9, 178 Weim.;

der Oxenstirn, der Arnheim, keiner weisz,
was er von deinem zögern halten soll
Schiller 12, 107;

und geht an den folgen seines zögerns unter Ludwig 5, 278.
c) beliebt und fast formelhaft sind die verbindungen mit den präpositionen durch, mit, nach, wegen, ohne.

[Bd. 32, Sp. 26]


ständige beiworte sind dabei langes, längeres, anfängliches, weiteres, einiges, manches: das wurde durch längeres zögern nur noch schlimmer Ludwig 2, 90; du hast recht zu schelten, mein sohn, sprach mit verlegenem zögern die alte Holtei erz. schr. 5, 221; nach anfänglichem zögern Raumer gesch. d. Hohenstaufen 4, 495; aber es bedurfte der erlaubnis der gnädigen frau, und sie ertheilte sie nur nach einigem zögern Alexis hosen 1, 27; die anfechtung musz .. ohne schuldhaftes zögern erfolgen bürgerl. gesetzb. § 121.
fest ist die verbindung ohne zögern:

ohne zögern, ohne worte
schreiten sie zu rascher that
Göthe 1, 176 Weim.;

ich war auf deine frage gefaszt und erwiderte ohne zögern Ebner-Eschenbach 4, 95.
2) das part. präs. als adj. oder adv.
a) die langsamkeit eines vorgangs oder einer handlung, in der musik verhaltenes tempo, nach it. ritardando.
α) schlechthin: o wie lang, wie öde, wie schreckhaft ist die zögernde winternacht für den gefangenen Schubart leben u. gesinn. 2, 47; im zögernden galopp der schnecke Pfeffel poet. versuche 2, 41; mit langen, bald schnellen, bald zögernden schritten ging der gefangene general .. auf und nieder Moltke ges. schr. 1, 71; die viertaktige phrase musz zögernd vorgetragen werden R. Wagner ges. schr. u. dicht. 5, 166;

aus dem leben, das bald durch felsen
zögernder flieszt, und bald
flüchtiger
Klopstock oden 1, 165 Pawel-Muncker.


β) mit betonung der vorsicht oder der unentschlossenheit: Klotilde willigte ohne zögernde eitelkeit in das singen ein Jean Paul 7/10, 94; er hält der krone die forderung der freiheit entgegen .., zögernder seiner geistlichkeit die forderung der ewigen vernunft Dahlmann gesch. d. franz. revolution 166; so dasz der prinz mehrmals sein leeres glas rückwärts über seine schulter hielt, wo es zögernd wieder gefüllt wurde Bismarck ged. u. erinnerungen 1, 351.
b) vorsichtig-unentschlossene langsamkeit als eigenschaft: Tardif, die träge, zögernde schnecke J. Grimm Reinhart Fuchs, vorrede 229; Hamilton wurde ... zu rascherem vorgehn vermocht, als seiner zögernden natur entsprach Ranke 16, 300; jener bedächtig, weitblickend, zögernd, klug Scherer d. literaturg. 30; herr Bolten bemerkte den ängstlichen, zögernden ausdruck in ihrem gesicht Seidel vorstadtgesch. 99.
 
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zögernis, n., dasselbe wie zögerung:

welch zögernis! die zeit geht hin!
R. Wagner ges. schr. u. dicht. 7, 212.


 
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zögerschritt, m.: dasz er .. über alles langsame, das ihm in den weg sich stemmte, über den zögerschritt des laufmädchens ... aufgefahren wäre Jean Paul 11/14, 62 Hempel.
 
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zögerung, f. , ist, entsprechend dem verbum zögern,
I. in der regel intransitiv.
1) es ist die hinhaltung des beginns oder die verlangsamung einer handlung: zu deutlich sieht man in Frankreich ein, dasz die politik der groszen höfe zögerung ist Forster 8, 168; mit jedem tage längerer zögerung wankten die männer mehr in ihrem vorsatze strenger pflichterfüllung Keller 5, 323; ich habe durch meine scheinbare zögerung an der sache .. nichts verdorben briefe von u. an Klopstock 229 Lappenberg; die zögerung des tages des herrn ist .. kein einwand gegen die gewiszheit desselben Herder 9, 265; wo gar keine auf- oder zurückhaltung (retardatio), keine zögerung in den ober-stimmen ... zu finden ist Mattheson kl. generalbaszschule (1735) 228.
2) aus der verbindung mit subjectivem genetiv oder possessivpronomen ergibt sich die bedeutung der unentschlossenheit, des unsicheren wesens als eigenschaft: als Schiller aus seiner ersten zögerung und unsicherheit heraustrat, .. fing er an, allmählich die mächtigen ein

[Bd. 32, Sp. 27]


wirkungen Göthes .. wieder abzuschütteln Gervinus gesch. d. d. dicht. 5, 439.
3) in verbindung mit präpositionen, vgl. DWB zögern: Gottfried aber, dem überaus daran gelegen war, nicht durch zögerung argwohn und durch argwohn feindseligkeiten herbeizuführen, trat hervor und sprach Raumer gesch. d. Hohenst. 1, 77; als indes der herzog miene machte, seinen schutz dem ungerechtfertigten zu entziehen, erklärte Magnus nach einiger zögerung, er werde sich stellen Dahlmann gesch. v. Dännemark 1, 313; jedenfalls bitte ich dich, die sache in reifliche erwägung zu ziehen, und wenn du dich damit befreunden kannst, deine schritte ohne zögerung zu thun Moltke 4, 175. ähnlich ohne weitere zögerung, sonder zögerung, nicht ohne zögerung.
4) wo der grund, die schuld oder der anlasz der zögerung erwähnt wird:

doch er kam nicht — ach wir wissen
jetzt den grund der zögerung
Heine 1, 399;

sie konnten meiner zögerung natürlich kein anderes motiv, als das von mir selbst angegebene, unterschieben Hebbel tagebücher 2, 432.
5) im unbestimmten plural: man blickt misztrauisch auf die kräfte der mitreisenden, in der vielleicht ungerechten besorgnis, sie möchten lästige zögerungen erregen A. v. Humboldt kosmos 1, 32; der unredliche verleger .. hat .. weder drucker noch honorar bezahlt, wodurch er sehr unangenehme zögerungen veranlaszt schr. d. Götheges. 18, 61.
6) keine zögerung! und ähnliches in energischer aufforderung zur eile: kein wort von zögerung! mit der sonne stehn wir vor Manilla's thoren Tieck schriften 11, 346.
II. transitiv, mit objectivem genetiv im sinne von verzögerung gehört es theils einem veralteten künstlichen stil, theils einem lässigen brief- und notizentil an:

die zögrung dieser sache
verursacht, dasz ich mir bereits viel kummer mache
Gottsched deutsche schaubühne 6, 248;

Europas bildung erhebt sich
mit adlerschwunge, durch weise zögerung
des blutvergusses
Klopstock oden 2, 20 Pawel-Muncker;

schnell zu dem theilungsprozesz, der keine zögerung litt Thümmel reise in d. mittägl. prov. 8, 294; zögerung des drucks und berechnung des seiteninhalts Göthe III 9, 267; ich fürchte immer, Hagen steckt .. hinter der fatalen zögerung des druckes unserer Edda J. u. W. Grimm briefwechsel 397 (Jacob an Wilhelm). —
 
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zögerungsfall, m.: im zögerungsfall war eine andere autorität schon bereit J. v. Müller sämmtl. w. 18, 276. —
 
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zögerungsschuld, f.:

doch nun nicht länger trag' ich zögrungsschuld
Tieck schr. 5, 556.


 
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zögerungssystem: Wertmüller nahm an, er sei in das zögerungssystem des kardinals eingeweiht C. F. Meyer Jürg Jenatsch 255. —
 
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zögerungszinsen, f., dasselbe wie verzugszinsen.
 
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zögling, m. , zuerst 1766 belegt: die vorrede des versuches über die reuterey, welcher an die zöglinge einer französischen kriegsschule gerichtet war allg. deutsche bibliothek 3, 1, 276, ferner bei Herder in den kritischen wäldern (1769) 3, 292. lexicalisch zuerst verzeichnet von Adelung. früher erscheint dafür, als preuszisch-baltisches provinzialwort, zügling: prior Marten Schnelle .., ein zügling der stad Dantzig Schütz hist. rer. pruss. (1592) 6 j iv f, neben zögling auch noch bei Hippel lebensläufe 2, 506 und Herder (in Riga) 1, 393; 3, 453 (andere bedeutungen von zügling ztschr. f. d. wortf. 4, 208). in gleicher bedeutung taucht auch züchtling auf, um bald zu verschwinden bei Loen (1749) ztschr. f. d. wortf. 2, 201 und Denis (1768) 12, 199. Frisch gibt für alumnus ziehkind register 6 gegen Campe zögling verd.-wb. 104a.
zögling trat literarisch zuerst als verdeutschung von frz. élève auf, wie liebling von favori th. 6, 972, s. den

[Bd. 32, Sp. 28]


ersten beleg oben, die freie übersetzung eines frz. buchtitels, und zwar wurde es entweder neugebildet, indem das von den reinigern gern benutzte -ling (s. Schottel haubtspr. 370 ff., ztschr. f. d. wortf. 4, 161—178) an das nach der grammatischen auffassung der zeit als stamm betrachtete zog angehängt wurde, oder es wurde ein in der mda. lebendes wort, mhd. *zügelinc, vgl. die belege für zügling, aufgenommen. élève wieder ist im 17. jh. nach it. allievo 'lehrling, schüler eines künstlers' gebildet, zunächst in der bedeutung 'einer der in einer kunst von einem meister unterwiesen wird und seiner art sich anschlieszt', dann 'jemand, der von einem erzieher oder in einer anstalt ausgebildet wird' Darmesteter-Hatzfeldt 1, 852. in dieser zweiten bedeutung wurde es zur zeit der 'hofmeister' und der gründung von erziehungsanstalten nach Deutschland übertragen, während sich lehrling auf das handwerk und die kaufmannslehre beschränkte, s. th. 6, 576. doch geht die übereinstimmung der verwendung weiter, besonders in der zeit von Herder bis in das 19. jh. hinein, wo das wort sehr beliebt ist; auch die erklärungen der deutschen wörterbücher stimmen manchmal wörtlich mit denen der frz., vgl. Littré 1325. während élève von beiden geschlechtern anstandslos gebraucht wird, widerstrebt das suffix -ling dem weiblichen geschlecht. zögling wird von diesem nur in deutlichen fällen gebraucht, oder weiblich hinzugefügt. Göthe, nach der italienischen reise, hat eine vorliebe dafür: Ottilie ist fast unser einziger zögling, über den ich mit unserer so sehr verehrten vorsteherin nicht einig werden kann 20, 38 Weim.; wer für eine tochter oder einen weiblichen zögling zu sorgen hat, schaut sich in einem weiteren kreise umher 312;

du vernimmst sie nicht mehr, die töne des wachsenden zöglings 1, 285 (Euphrosyne);

zöglinge weiblichen geschlechts Raumer gesch. d. Hohenstaufen 6, 445. vgl. zöglingin.
bedeutung:
in zögling stellt sich stets das verhältnis zwischen dem erzogenen und dem erziehenden dar; es geht immer über den kreis der bloszen unterweisung, im gegensatz zu schüler, auch lehrling, hinaus und bezieht sich auf das sittliche verhalten, sowie auch das handeln und leisten nach dem vorbilde des lehrmeisters.
I. zögling als gegenstand der erziehung
1) einer einzelnen person. er heiszt so auch, nachdem die ausbildung beendet ist: mein zögling 'der den ich erzogen habe' Adelung, wie 'c'est mon élève pour dire que c'est celui que j'ai instruit' dict. de l'ácadémie (1694) 1, 643a.
a) allgemein: Therese dressirt ihre zöglinge, Natalie bildet sie Göthe 23, 185 Weim.; als er (graf Stadion) den verwaisten Laroche ... zu seinem zögling erkor, forderte er von dem knaben gleich die dienste eines secretärs 28, 180.
b) zögling ist der erzogene in beziehung zu und verbindung mit der person, die mit der erziehung betraut ist, insbesondere gehört der zögling zum hofmeister: ein hofmeister sollt ein freund seines zöglings und nicht sein beherrscher ... sein Miller briefw. dreier akad. freunde 1, 95; ganz wie ein hofmeister, der seinen zögling zu einem interessanten schauspiel geleitet Ebner-Eschenbach 4, 253. ich sah ihn ..., da er unten an der mittagstafel mit seinem zögling sasz Storm 1, 138 (im schlosz). in freier übertragung die planeten als zöglinge der sonne: es ist als wolltest du noch eine sonne schaffen und neue zöglinge für sie, ein erdenrund und einen mond erregen Hölderlin 2, 98 Litzmann.
2) einer erziehungsanstalt, aber kaum noch gebraucht von schulen, besonders nicht von gymnasien u. ä., auch nicht, wenn sie geschlossene anstalten sind. der heutige werth des wortes ist am deutlichsten in der zusammensetzung fürsorgezögling: die zahl der zöglinge (in einem waisenhause) ist itzo 131 in 5 klassen allg. d. bibl. anh. zu bd. 37—52, 659; daher warfen sich einzelne zöglinge des Tübinger stifts, nachdem sie dem zwang entronnen

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waren, desto nachdrücklicher auf die seite freier bildung Gervinus gesch. d. d. dicht. 5, 124; nach kurzer pause begrüszte er (Moltke) .. die vor dem gebäude .. aufgestellten zöglinge der hauptkadettenanstalt Moltke 1, 305 (der herausgeber über den 90. geburtstag).
zögling wird auch gebraucht, wo es sich nur um lehre und unterricht handelt, wenn ein anderes wort fehlt, oder zum ersatz für schüler aus stilistischen gründen: ein zögling hiesiger universität Lichtenberg briefe 2, 266; alsbald sprang der schulmeister zu, und gab dem zögling eine maulschelle Grimm deutsche sagen 2, 38;

wo ihr gelahrter innungen (der facultäten) zöglinge
zur amtsbefugnis zünftiget
Voss sämtl. ged. (1802) 3, 203.


3) der zögling an sich, in theoretischen betrachtungen: sobald unser zögling nur etwas von den beugungen und andern änderungen der wörter begriffen hat Abbt verm. werke 5, 72; man kann und soll nicht mehr als den zögling rechtlich und nützlich ziehen Fr. Schlegel Athen. 2, 7; die innere kraft des zöglings .. zu entwickeln Fichte 1, 507.
II. zögling auszerhalb der eigentlichen erziehung, hierin ein beliebtes wort der classischen periode von Herder ab, jetzt als buchmäszig empfunden.
1) zögling ist einer, der in einer kunst ausgebildet wird, sei es von einem meister oder durch eine schule, besonders um die dauernde einwirkung auszudrücken: Phidias sollte diesem seinem zögling (Alkamenes) geholfen haben H. Meyer gesch. d. bild. künste (1824) 1, 83; er zeichnete ferner mit den anderen zöglingen Bertoldo's .. in der capelle Brancacci Grimm Michelangelo 1, 90; an der stelle, wo Sebastian Bach so oft seine hohe kunst ausgeübt hat, die jetzt sein geliebtester .. zögling, .. eingenommen hatte Schumann ges. schr. 3, 245; Cellini, einer der besten zöglinge der florentinischen schule Göthe 43, 3 Weim.
ebenso auch von einem wissenschaftlichen oder religiösen verhältnis: Markus, Petrus zögling Herder 19, 419; und der selbstlose mann (Alkuin), der jedem seiner zöglinge die wärmste theilnahme bewahrte, nahm auch die rechte eines vaters in anspruch, wo es ihm nöthig schien Freytag ges. werke 17, 330; die pfarre und superintendentur übernahm ein zögling der Wittenberger schule, doctor Nopp Ranke 4, 233.
2) als zögling eines mannes oder einer schule wird einer benannt, um seine eigenart oder parteistellung zu bezeichnen: Friedrich selbst (war) .. nicht nur seines vaters sondern auch Voltaire's zögling Nitzsch deutsche studien 105; und er wuszte recht wohl, dasz die berufenen deutschen kräfte des volkes .. nicht zuerst bei den zöglingen von Stahl und Gerlach zu suchen waren Bennigsen die nat.-liberale partei 11; Carl V. war ein kind und zögling jenes burgundischen hofes Ranke 1, 322; einer der punkte, wo die Schwarzwaldauer schule noch wenig am zögling Thalwieser langschläfrigkeit gebessert hatte Holtei erz. schr. 2, 258; ein zögling der aufklärung Scherer litteraturgesch. 403; zögling des siebenjährigen krieges Arndt 1, 171. fast formelhaft ist zögling der jesuiten Ranke 4, 24; Treitschke hist. u. polit. aufs. 1, 323. auch als ein wort: jesuitenzögling.
in freier weise ist der mensch auch ein zögling allgemeiner bedingungen: er (der mensch) ist lebenslang nicht nur ein kind an vernunft, sondern sogar ein zögling der vernunft anderer Herder 13, 351; der vater der menschen bildete den menschen ... ein fehlbar schwaches geschöpf; aber in seinen fehlern selbst ein zögling seiner güte 26, 316; der mensch ... ein zögling der luft 13, 31; zögling der einsamkeit Göthe 28, 208 Weim.; häufig zögling der natur Seume ged. 190.
3) zöglinge einer kunst, wissenschaft oder sonstigen fertigkeit, oder eines diese vertretenden mythologischen wesens sind personen, die sich ihr eifrig widmen, ähnlich wie jünger einer kunst: zöglinge der kunst (zeichnen) Göthe 48, 130 Weim.; zöglinge der musik Schubart

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ästhetik d. tonk. 48; grosze menschen .., dergleichen die neuere pädagogik unter ihren zöglingen erst aufweisen soll Europa 2, 58 Schlegel; dem trunkenen säugling und zögling einer muse und der philosophie Jean Paul 3, 125; zögling der grazien Justi Winckelmann 1, 152; zögling der kamönen Tiedge 3, 37; der hippokratische zögling Kretschmann sämtl. werke (1784) 5, 308.
auch sonst, meist scherzhaft: mit seinen buhlschwestern, und einigen zöglingen des Bachus Gottsched d. neueste aus d. anm. gel. 1, 368; zögling des pfriems (schusterjunge) Glaszbrenner Berlin wie es ist undtrinkt 2, 10; eseltreiber mit ihren grauen zöglingen Heine 3, 18.
4) man ist auch zögling des ortes, in dem man aufgezogen wurde: Kreuznachs zögling maler Müller 1, 360.
5) zögling erscheint in gelegentlichen zusammensetzungen: selbstzögling für autodidakt Jean Paul; feldzögling, dorfzögling Voss antisymb. 2, 137, vgl. ztschr. f. d. wortf. 4, 208. — zöglingsbaum, m. , ein künst-. lich gezogener baum:

obgleich von keinem jungen zöglingsbaume
mit ihrem purpur eine mohrenpflaume
mir durstigem zum brechen winkt
Seume gedichte 15.

zöglingsdasein, n. : ich (sah) ... mich plötzlich auf mein ... zöglingsdasein zurückgewiesen Keller 7, 308. — zöglingskleidung, f. : mannichfaltigkeit an farbe und schnitt der zöglingskleidung Göthe 24, 257 Weim.

 

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