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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
zivilisieren bis zivilliste (Bd. 31, Sp. 1735 bis 1737)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) zivilisieren, vb. , 'gesittet machen'; frz. civiliser; überwiegend als part. prät. in attributiver und adverbieller verwendung 'kultiviert, verfeinert, gesittet, gebildet, nicht barbarisch roh'. bezeugt seit der frühen aufklärungszeit; verdeutschungsvorschläge: entwilde(r)n, sittigen Campe verdeutschungswb. (1801) 228b.
1) das zivilisierte als gesellig-bildungshafter wert: das schöne und civilisirte Leipzig erweckte alle zufriedenheit in mir Landcron merckw. reisen (1724) 61. von einzelnen menschen mit anschlusz an zivil, adj. 1 a: civilisiren einen die höfflichkeit lehren Wächtler hdb. (1703) 64; Sperander hdlex. (1728) 117b; er musz sich erstlich ein wenig civilisiren lassen; er ist noch nicht wohl civilisiret Wächtler a. a. o.; wir sind im hohen grade durch kunst und wissenschaft cultivirt. wir sind civilisirt, bis zum überlästigen, zu allerlei gesellschaftlicher artigkeit und anständigkeit. aber uns für schon moralisirt zu halten, daran fehlt noch sehr viel (1784) Kant w. 4, 304 H.; Fränzchen ist so jung und redselig geworden und Max so guter laune und zivilisiert, dasz alle leute davon reden (1843) A. v. Droste-Hülshoff br. 2, 149 Schulte-K.; unter leichteren, zivilisierteren menschen Feuchtwanger geschw. Oppermann (1948) 116. abwertend: wir männer lernen allerhand originale kennen ... und ihr (frauen) habt immer dieselben glatten, zivilisierten zuckerwasser-charaktere um euch (1843) L. Schücking s. br. 175 Muschler.
2) mit aufnahme des sinngehalts von zivilisation (s. d.) bezogen auf völkergemeinschaften und die von ihnen bewohnten räume; zivilisierte völker, nationen im unterschied zu den kulturell unentwickelten, am besitz der civilisationsgüter nicht teilhabenden kulturvölkern: (schätze der natur,) die dem ersten civilisirten volk zu theil und nützlich werden müssen, welches sich die mühe geben wird sie aufzusuchen (1778) J. G. Forster s. schr. (1843) 1, 173; 2, 226; 5, 329; es gibt drei hauptmenschenrassen: wilde, zivilisierte barbaren, Europäer Novalis schr. 3, 64 Minor; (1851) Marx-Engels briefw. (1949) 1, 251; (der kabinettskrieg) ist einer zivilisierten nation unwürdig Bebel a. m. leben (1946) 1, 132; man (versuchte) die Zigeuner durch ansiedlung zu 'zivilisieren' E. Keyser bevölkerungsgesch. Deutschlands (1938) 284. reflexiv: (diese völker) sind jetzt gefährlicher als je, seitdem sie sich zivilisieren und glaceehandschuh tragen (1830) Heine s. w. 7, 43 Elster. die gesamtheit der zivilisierten nationen bildet die zivilisierte welt: ein commercium nicht nur von waaren und manufacturen, sondern auch von licht und weisheit mit dieser gleichsam andern civilisirten welt (China) (1700) Leibniz dt. schr. 2, 277 Guhrauer; (1813) Göthe I 41, 1, 56 W.; die letzte schutzwehr der civilisirten welt Gentz schr. 3, 256 Schlesier; Feuchtwanger geschw. Oppermann (1948) 102; der harmonische ausbau einer durch den französischen geist zivilisirten welt Werfel Bernadette (1948) 357. zivilisiertsein als zustand lediglich äuszerer gesittung (formwert) im ggs. zur einfalt und unschuld naturhaft lebender völker: lasterhafte gemüthsarten gibts unter allen völkern; aber einem bösewichte in diesen inseln (Societätsinseln) könnten wir in England oder andern civilisirten ländern funfzig entgegen stellen (1778) J. G. Forster s. schr. 1 (1843) 312; die verderbten sitten der civilisirtern völker (1778) J. G. Forster s. schr. 1 (1843) 252; unser civilisirtes jahrhundert ein jahrhundert der halbbarbarei Zschokke ährenlese 1 (1844) 1.

[Bd. 31, Sp. 1736]



3) allgemeiner: in einer feinen, späterfundnen metaphysischen sprache, die ... jahrhunderte ihres lebens hindurch verfeinert, civilisirt und humanisirt worden ..., das kind der vernunft und gesellschaft (ggs. die alten, die wilden sprachen) (1772) Herder 5, 9 S. auch: einem zivilisierten geschmacke könne die sache eigentlich nicht genügen Fontane ges. w. (1905) I 6, 202; Ratzel völkerkde (1885) 2, 256.
 
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zivilisierung, f., 'zivilisiertsein, gesittetsein', abstufend gegen kultur: die idee der moralität gehört noch zur cultur; der gebrauch dieser idee aber, welcher nur auf das sittenähnliche in der ehrliebe und der äuszeren anständigkeit hinausläuft, macht blos die civilisirung aus (1784) Kant w. 4, 304 H.; vgl. DWB zivilisieren 1. 'handlung, vorgang des zivilisierens'; zu zivilisieren in sonst unbezeugter, eigenartiger verwendung 'irdisch, gewöhnlich, alltäglich machen': zivilisierung des göttlichen und apotheosieren des gemeinen Novalis schr. (fragmente) 3, 294 Minor.
 
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zivilist, m., neulat. civilista 'der sich auf weltliche (kayserliche) recht leget und studiret' Kirsch cornu copiae (1718) 222b; alle doktores, kanonisten und civilisten Wieland s. w. 18 (1825) 169; verengt 'lehrer, kenner, student des bürgerlichen rechts' Amaranthes frauenz.-lex. 1 (1773) 745; Campe 1 (1807) 652b: Schöpflin, der sich in der höhern sphäre des staatsrechts zeitlebens bewegt hatte ..., fühlte eine unüberwindliche ja ungerechte abneigung gegen den zustand des civilisten Göthe I 28, 49 W.: Hauff s. w. (1890) 5, 213; vgl. Diewerge Jacob Grimm u. d. fremdwort (1935) 99; man könnte versucht sein, an den zivilisten Raymundus Cumanus zu denken, der um 1400 professor des zivilrechtes in Bologna und Padua gewesen ist Gál summa legum d. Raymundus v. Wiener-Neustadt (1926) 112.
 
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zivilist, m. 1) 'nichtsoldat, nichtuniformträger'; von 1zivilist unabhängige neubildung des dt., belegt seit dem anfang des 19. jhs., 1813 bei Campe verdeutschungswb. noch fehlend: die massen, die in der welt sich einander gegenüber stellen, die stände, die berufsbestimmungen, der adel und der dritte stand, der soldat und der civilist (1808) Göthe I 20, 50 W.; den Preuszen, besonders den friedlichen zivilisten, war höllenangst (bei einem aufruhr gegen preuszisches militär) (1838) A. v. Droste-Hülshoff br. 1, 273 Schulte-K.; so, dasz also der chef der ökonomie im frieden ein militär ..., im kriege aber ein zivilist war Meinecke Boyen (1896) 1, 390; O. M. Graf unruhe (1948) 107; zwei fremde, als harmlose zivilisten auftretende nazis ebda 330. seit wilhelminischer zeit vielfach geringschätzig 'nur-zivilist', der staatsbürger zweiter ordnung gegenüber dem höher geachteten soldaten (offizier); vgl.: die offiziere schauten mit soldatischer arroganz auf den fischgeschwind redenden zivilisten herab O. M. Graf unruhe (1948) 118. derb-soldatensprachlich umgeformt syphilist Bächtold-Stäubli schweiz. soldatenspr. 1914 —1918 (1922) 91; vgl. das kapitel 'soldat und civilist' bei Horn soldatenspr. (1899) 17. 2) bürgerlicher (verwaltungs-) beamter Kehrein fremdwb. (1876) 95a. — zu 2zivilist 1:
 
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-gemüt, n.: deshalb nehmen wir denn auch ohne weiteres an, dasz der preuszische soldat in allen, dem beschränkten civilistenverstande unbegreiflichen, das civilistengemüth empörenden handlungen, nie gegen den ausdrücklichen befehl seiner obern handelt Mephistopheles (1850) 108, 4b. —
 
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-seele, f.: solche vertrocknete civilistenseele! (der geizige bruder eines hauptmanns) (um 1850) C. Töpfer ges. dram. w. 1, 4 Uhde.
 
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zivilistisch, adj., adv., 'das zivilrecht betreffend': civilistisches magazin Hugo (1790) titel; lehrbuch eines civilistischen cursus ders. (1792) titel; vgl. Diewerge J. Grimm und das fremdwort (1935) 105; hdwb. d. staatswiss. 1 (1909) 18a.

[Bd. 31, Sp. 1737]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) zivilistisch, adj., adv. 1) 'dem zivil angehörig, nichtmilitärisch': der könig sollte noch mehr militärische und zivilistische adjutanten haben Novalis schr. 2, 160 Minor; die kriegslage ... gestatte (leider nicht) ..., die militärverwaltung Litauens noch weiter zivilistisch umzubauen A. Zweig einsetzg. e. königs (1950) 44. 2) 'staatswissenschaftlich' Heyse fremdwb. (1879) 188b; vgl. 2zivilist 2.
 
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zivilität, f., frz. civilité (14. jh.) 'observation des convenances, des égards usités entre les hommes qui vivent en société'; ciuilitet 'ein ehrliche höfliche und burgerliche zucht, wolhaltung, schönstandt' Rot dict. (1571) C 8a; sie haben mir viel civilitäten erwiesen Wächtler hdb. (1703) 65; civilität 'bescheidenheit, erbarkeit, bürgerliche zucht, freundlichkeit, höfflichkeit' Nehring hist.-polit.-jur. lex. (1717) 207; er weisz von keiner ciuilität Apinus gl. nov. (1728) 125; Campe verdeutschungswb. (1801) 229a: wie jener walch von der teutschen gentelitz vnd höfligkeit saget: das ist der Teutschen höchste ciuilitet, das einer nicht dem andern folget, so man jn was heyst (1563) Mathesius ausg. w. 2, 146 Loesche; was für ein feine civilitet und tischzucht der herr Christus die Phariseer gelehret hat qu. v. 1593 bei Fischer schwäb. 6, 1249; es ist derselbe (adel) starck an mannschafft, und findet man unter ihnen leute von nicht geringerer civilität und geschicklichkeit, als klugheit und militärischer tapfferkeit Kelch liefländ. hist. (1695) 9; s. Kl. Hechtenberg fremdwb. d. 17. jhs. 29; das ist nun auch zur civilität worden, dasz man in einen ecken stehet, ein stück ausz der hand isset, olim war es grob Callenbach uti ante hac (um 1715) 52. vgl. DWB la civilité oder die höflichkeit der heutigen welt Hunold (1744) titel.dazu
 
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-schein, m. 'anschein der höflichkeit': ich befande ..., dasz ich ... vor ein klein weniges civilitätscheins eine gantze last ungeheurer laster mir selbsten aufgebürdet hatte alamod. politicus (1654) 2.
 
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zivilliste, f., 'hofstaatsausgaben; krondotation'; engl. civil list 'orig. a list of the charges for the civil or administrative government of the state' Murray s. v. (vgl. dort den beleg aus Macaulays history of England), 1801 bei Campe als bezeichnung für die britische einrichtung: civilliste in Groszbritannien 'der königliche hausstand' verdeutschungswb. 229a; amtlicher dt. ausdruck erstmals 1818 im badischen staatshaushalt (vgl. hdwb. d. staatswiss. 23, 48); belege: die krone Preußen bezieht als civilliste aus den domänen 2 500 000 thlr. Hübner zeitungslex. 1 (1824) 277; morgenstunde hat eine civilliste im munde (1850) Mephistopheles 105, 6b; die von der zivilliste zur unterstützung der künste ausgesetzte summe M. Hartmann ges. w. 10 (1874) 205; die nationalökonomen ... wollten ... (vom staatswaldbesitz) nur soviel beibehalten wissen, als für die sicherung der civilliste notwendig sei Schwappach hdb. d. forst- u. jagdgesch. (1886) 2, 835.

 

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