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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
zivilisationsschranke bis zivilist (Bd. 31, Sp. 1734 bis 1736)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version)  -schranke, f. ebda 6, 318. —
 
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-stufe, f. Ritter erdkde (1822) teil 7, 212; die gebirge bilden ... die grenzen der civilisationsstufen Baer reden u. versch. aufs. (1864) 2, 110; zivilisationsstufe des 13. jahrhunderts Dehio gesch. d. dt. kunst 2 (1921) 313. —
 
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-verderben, n.: eben so wird auch ein durch das civilisationsverderben sinnlich befriedigter ... mensch ein durch dieses verderben sittlich ... verkrüppeltes volk gar nicht als ein schlechtes volk ansehen Pestalozzi s. schr. (1819) 6, 12. —
 
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-verirrung, f.: die quelle der bürgerlichen und gesellschaftlichen verirrungen, aus denen die gesammtheit der ... verschiedenartigen civilisationsverirrungen hervorgegangen ebda 6, 39. —
 
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-verkünst(e)lung, f. ebda 6, 327. —
 
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-zustand, m.: cultur- und civilisationszustände Ritter erdkde (1822) teil 15, 477.
 
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zivilisatorisch, adj., adv., 'auf zivilisation gerichtet; gesittungsfördernd': Venetianer und Genuesen, deren italienische sprachformen in den meisten namen der pontischen küstenstädte die wichtigsten zeugnisse ihres civilisatorischen einflusses auf jene gegenden geblieben sind Ritter erdkde (1822) teil 18, 685; die zivilisatorische arbeit des deutschen ordens in Preuszen Schwappach hdb. d. forst- u. jagdgesch. (1886) 1, 147; die braut schlug die augen nieder angesichts der gebräuche jener zivilisatorisch noch unberührten negerbevölkerung Kluge Kortüm (1938) 486.
 
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zivilisch, adj., gelegenheitsbildung Luthers 'nicht durch die kirche (die kirchenväter) verordnet und geheiligt, dem weltlich-bürgerlichen bereich angehörig'; vgl. lat. res civilis: hetten wir diese göttliche, geringe, verechtliche (oder wie sie es vernichten) bürgerliche werck angericht (nächstenliebe, demut, barmherzigkeit, keuschheit u. ä.), so würden wir,

[Bd. 31, Sp. 1735]


ob gott wil, alsdenn auch ire geistlichen kirchisschen werck, von fleisch essen, von kleidern, von tagen etc. anfahen zu thun. aber sie haben gut thun (ironisch) ... darumb ists billich, das sie uber solche unsere civilissche werck stercker und höher werck nach der kirchen oder veter gehorsam furnemen (1539) Luther 50, 518 W.
 
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zivilisieren, vb. , 'gesittet machen'; frz. civiliser; überwiegend als part. prät. in attributiver und adverbieller verwendung 'kultiviert, verfeinert, gesittet, gebildet, nicht barbarisch roh'. bezeugt seit der frühen aufklärungszeit; verdeutschungsvorschläge: entwilde(r)n, sittigen Campe verdeutschungswb. (1801) 228b.
1) das zivilisierte als gesellig-bildungshafter wert: das schöne und civilisirte Leipzig erweckte alle zufriedenheit in mir Landcron merckw. reisen (1724) 61. von einzelnen menschen mit anschlusz an zivil, adj. 1 a: civilisiren einen die höfflichkeit lehren Wächtler hdb. (1703) 64; Sperander hdlex. (1728) 117b; er musz sich erstlich ein wenig civilisiren lassen; er ist noch nicht wohl civilisiret Wächtler a. a. o.; wir sind im hohen grade durch kunst und wissenschaft cultivirt. wir sind civilisirt, bis zum überlästigen, zu allerlei gesellschaftlicher artigkeit und anständigkeit. aber uns für schon moralisirt zu halten, daran fehlt noch sehr viel (1784) Kant w. 4, 304 H.; Fränzchen ist so jung und redselig geworden und Max so guter laune und zivilisiert, dasz alle leute davon reden (1843) A. v. Droste-Hülshoff br. 2, 149 Schulte-K.; unter leichteren, zivilisierteren menschen Feuchtwanger geschw. Oppermann (1948) 116. abwertend: wir männer lernen allerhand originale kennen ... und ihr (frauen) habt immer dieselben glatten, zivilisierten zuckerwasser-charaktere um euch (1843) L. Schücking s. br. 175 Muschler.
2) mit aufnahme des sinngehalts von zivilisation (s. d.) bezogen auf völkergemeinschaften und die von ihnen bewohnten räume; zivilisierte völker, nationen im unterschied zu den kulturell unentwickelten, am besitz der civilisationsgüter nicht teilhabenden kulturvölkern: (schätze der natur,) die dem ersten civilisirten volk zu theil und nützlich werden müssen, welches sich die mühe geben wird sie aufzusuchen (1778) J. G. Forster s. schr. (1843) 1, 173; 2, 226; 5, 329; es gibt drei hauptmenschenrassen: wilde, zivilisierte barbaren, Europäer Novalis schr. 3, 64 Minor; (1851) Marx-Engels briefw. (1949) 1, 251; (der kabinettskrieg) ist einer zivilisierten nation unwürdig Bebel a. m. leben (1946) 1, 132; man (versuchte) die Zigeuner durch ansiedlung zu 'zivilisieren' E. Keyser bevölkerungsgesch. Deutschlands (1938) 284. reflexiv: (diese völker) sind jetzt gefährlicher als je, seitdem sie sich zivilisieren und glaceehandschuh tragen (1830) Heine s. w. 7, 43 Elster. die gesamtheit der zivilisierten nationen bildet die zivilisierte welt: ein commercium nicht nur von waaren und manufacturen, sondern auch von licht und weisheit mit dieser gleichsam andern civilisirten welt (China) (1700) Leibniz dt. schr. 2, 277 Guhrauer; (1813) Göthe I 41, 1, 56 W.; die letzte schutzwehr der civilisirten welt Gentz schr. 3, 256 Schlesier; Feuchtwanger geschw. Oppermann (1948) 102; der harmonische ausbau einer durch den französischen geist zivilisirten welt Werfel Bernadette (1948) 357. zivilisiertsein als zustand lediglich äuszerer gesittung (formwert) im ggs. zur einfalt und unschuld naturhaft lebender völker: lasterhafte gemüthsarten gibts unter allen völkern; aber einem bösewichte in diesen inseln (Societätsinseln) könnten wir in England oder andern civilisirten ländern funfzig entgegen stellen (1778) J. G. Forster s. schr. 1 (1843) 312; die verderbten sitten der civilisirtern völker (1778) J. G. Forster s. schr. 1 (1843) 252; unser civilisirtes jahrhundert ein jahrhundert der halbbarbarei Zschokke ährenlese 1 (1844) 1.

[Bd. 31, Sp. 1736]



3) allgemeiner: in einer feinen, späterfundnen metaphysischen sprache, die ... jahrhunderte ihres lebens hindurch verfeinert, civilisirt und humanisirt worden ..., das kind der vernunft und gesellschaft (ggs. die alten, die wilden sprachen) (1772) Herder 5, 9 S. auch: einem zivilisierten geschmacke könne die sache eigentlich nicht genügen Fontane ges. w. (1905) I 6, 202; Ratzel völkerkde (1885) 2, 256.
 
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zivilisierung, f., 'zivilisiertsein, gesittetsein', abstufend gegen kultur: die idee der moralität gehört noch zur cultur; der gebrauch dieser idee aber, welcher nur auf das sittenähnliche in der ehrliebe und der äuszeren anständigkeit hinausläuft, macht blos die civilisirung aus (1784) Kant w. 4, 304 H.; vgl. DWB zivilisieren 1. 'handlung, vorgang des zivilisierens'; zu zivilisieren in sonst unbezeugter, eigenartiger verwendung 'irdisch, gewöhnlich, alltäglich machen': zivilisierung des göttlichen und apotheosieren des gemeinen Novalis schr. (fragmente) 3, 294 Minor.
 
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zivilist, m., neulat. civilista 'der sich auf weltliche (kayserliche) recht leget und studiret' Kirsch cornu copiae (1718) 222b; alle doktores, kanonisten und civilisten Wieland s. w. 18 (1825) 169; verengt 'lehrer, kenner, student des bürgerlichen rechts' Amaranthes frauenz.-lex. 1 (1773) 745; Campe 1 (1807) 652b: Schöpflin, der sich in der höhern sphäre des staatsrechts zeitlebens bewegt hatte ..., fühlte eine unüberwindliche ja ungerechte abneigung gegen den zustand des civilisten Göthe I 28, 49 W.: Hauff s. w. (1890) 5, 213; vgl. Diewerge Jacob Grimm u. d. fremdwort (1935) 99; man könnte versucht sein, an den zivilisten Raymundus Cumanus zu denken, der um 1400 professor des zivilrechtes in Bologna und Padua gewesen ist Gál summa legum d. Raymundus v. Wiener-Neustadt (1926) 112.

 

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