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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
ziviler bis zivilisationsfortschritt (Bd. 31, Sp. 1730 bis 1734)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) ziviler, m., 'zivilist' K. Bruns volksw. d. prov. Sachsen 77a.
 
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zivilisation, f. , plural nicht häufig; im sprachgebrauch der gegenwart die gesamtheit materieller und sozialethischer werte, durch deren besitz die lebensform der kulturvölker sich über die stufe der barbarei erhebt; gewöhnlich im engeren sinne 'materielle kultur und elementare sozialgesittung' (teil der kultur) oder 'materielle und konventionsethische voraussetzungen der kultur' (im unterschied oder ggs. zur 'kultur'); im weiteren sinne gleichbedeutend mit 'kultur'. als schlagwort kulturphilosophischen denkens wechselnder umbewertung ausgesetzt.

[Bd. 31, Sp. 1731]



verbalableitung auf -are zu dem in lat. cīvīlis 'bürgerlich' vorliegenden stamm im neulat. nicht nachweisbar; rechtssprachl. frz. civilisation, engl. civilization (18. jh.) 'umwandlung eines strafprozesses in einen zivilprozesz' (vgl. frz. civiliser seit dem 16. jh. in entsprechender bedeutung). noch während der geltungszeit des rechtswortes prägt der frz. physiokrat Victor Marquis de Mirabeau 1756 in 'l'ami des hommes' civilisation im modernen sinne (unabhängig davon bereits um 1750 schwed. civilisation, vgl. ordbok öfver svenska sprket C 246f.). zugrunde liegt frz. civiliser 'policer, adoucir, faire passer de l'état naturel à un état plus avancé par la culture morale, intellectuelle, sociale'; vgl. J. Moras urspr. u. entwickl. d. begriffs d. zivilisation in Frkr. (1756—1830) 1ff. wortbildungsmäszig steht civilisation in der gruppe der im 18. jh. zahlreichen 'formations savantes' auf -ation; es wird zu einem schlüsselwort der frz. und von Frankreich ausgehenden europäischen aufklärung (vgl. germ.-rom. monatsschrift 3 [1953] 81ff. n. f.), zunächst vorwiegend als handlungs- oder vorgangsbezeichnung ('das zivilisieren, zivilisierung'), doch frühzeitig auch für das ergebnis des zivilisationsaktes, zivilisation im zuständlich-gegenständlichen sinne des nunmehr geltenden sprachgebrauchs.
im letzten viertel des 18. jhs. (1775 Weigand-Hirt 2, 1334) gleichzeitig aus dem frz. und engl. ins dt. übernommen. zu dieser zeit ist durch ältere ableitungen gleichen stammes und nahestehenden sinnes, insbes. zivilisiert und zivil der boden bereitet, andererseits durch die nomina actionis polizierung und zivilisierung, ferner durch kultur der sprachliche entfaltungsraum zunächst beengt. ausschlieszlich policirung verwendet noch Iselin in seiner 'geschichte d. menschheit' (Zürich 1764—70), s. Eucken geist. str. d. ggw. (1920) 241 civilisirung und cultur Kant allg. gesch. in weltbürgerl. absicht (1784); zivilisation einmal neben cultur als stehendem ausdruck Herder ideen z. philos. d. gesch. d. menschheit (1787) beleg s. u.; vgl. auch DWB gesittung, DWB versittlichung für civilisation Campe verdeutschungswb. (1801) 229a. erst bei W. v. Humboldt dann in fester verwendung; zum begriffswert und allgemeinen wortgebrauch zu anfang des 19. jhs. vgl. etwa Hübner zeitungslex. 1 (1824) 275. neben geschichtlich-philosophischer besinnung leitet die erschlieszung der welt der naturvölker durch entdeckungsreisen den wortgebrauch ein (Forster reise um die welt [1778—80] mehrfach civilisation nach civilization des engl. grundtextes); auch als schlagwort der frz. revolution (zs. f. dt. wortf. 13, 282; Kainz in: dt. wortgesch. 2, 241) ist zivilisation seit der wende des 18. jhs. in Deutschland bekannt geworden.
die ursprüngliche definition des begriffes (Mirabeau 1768 im traité de la civilisation) lautet: la civilisation d'un peuple est l'adoucissement (handlung!) de ses mœurs, l'urbanité, la politesse et les connaissances (ergebnisse des zivilisierens!) répandues de manière que les bienséances y soient observées et y tiennent lieu de lois de détails Moras a. a. o. 38; R. A. Lochore history of the idea of civilization in France (1830—1870).
1) zivilisation im sinne aufklärerischen fortschritts- und erziehungsdenkens; mehr spurenweise (oft nicht entscheidbar) 'akt der gesittung, zivilisierung', leicht übergehend in 'zustand des gesittetseins', gekennzeichnet durch verfeinerung der formen gesellschaftlichen zusammenlebens und entwickeltheit der materiellen lebensweise; in der dt. übersetzung (1778—1780) von Forster s 'voyage round the world' bereits in fester verwendung, mit hervorhebung auch der materiellen seite der zivilisation, gleichgesetzt mit höherer verfeinerung (greater polish), verfeinerung der sitten (refinement) und sittlichkeit (civilization) J. G. Forster s. schr. 2 (1843) 278; 281; voyage round the world 2 (1777) 361; 364; vgl. auch Forsters gebrauch von cultur z. b. 1 (1843) 159; 193; gesittet a. a. o. 182; 204 und civilisirt (sp. 1735) : (ein winkel der erde,) wo eine ganze

[Bd. 31, Sp. 1732]


nation einen grad von civilisation zu erreichen und dabei doch eine gewisse frugale gleichheit unter sich zu erhalten gewuszt (hat) (1778) s. schr. 1 (1843) 246; so hängt selbst das wachsthum der gotteserkenntnisz von dem fortgange der civilisation ab (civilization enlarges and unravels the idea of a Deity. voyage 2 [1777] 363); (1780) a. a. o. 2 (1843) 280; ebda 277; 279; das wort: civilisation eines volks ist schwer auszusprechen, zu denken aber und auszuüben noch schwerer (1787) Herder 14, 33 S. in enger beziehung zur humanitätsidee: in der wahrheit ihrer tiefen milde sprach sie (die idee der menschlichkeit) zuerst ... das christenthum aus ... die neuere zeit hat den begriff der civilisation lebendiger aufgefaszt ... die civilisirten nationen fühlen das bedürfnisz, die unter ihnen herrschende verbindung und cultur weiter zu verbreiten ... religion und civilisation sind es, ... welche dasjenige aufsuchen müssen, wozu nur die heimathliche sprache den schlüssel bewahrt W. v. Humboldt über die kawisprache 3 (1839) 426.
2) das bewusztsein des wertes der zivilisation haftet noch im späteren sprachgebrauch, insbesondere dort, wo die notwendigkeit ihrer sicherung gegen die nichtzivilisation empfunden wird; gemessen an dem adel und der tiefe der zivilisationsidee Herders und Humboldt s ist der neuere wortbegriff schlagwortartig entleert, oft verflacht zu der allgemeinvorstellung des elementar-gesitteten oder des 'menschenwürdigen' hinsichtlich der bedingungen des lebenserhalts: der krieg im ganzen wie das duell im einzelnen tritt die grundsätze der civilisation mit füszen Rosegger schr. II 11, 66; humanität und zivilisation sind da schwache argumente Feuchtwanger geschw. Oppermann (1948) 280; von den dörfern dieser urbewohner Italiens, unter deren hoch auf pfählen stehenden strohhütten sich der unrat häuft, bis zu den pilotenhäusern der ravennatischen lagune ist allerdings ein weg wie von uranfänglicher barbarei zu städtischer zivilisation Schlosser präludien (1927) 91. als weltanschaulichpolitisches schlagwort kultur sich nähernd (vgl. 3): Frankreich hat den (reichs)gedanken für sich selber gewendet in der vorstellung der Franzosen als der 'paladine gottes', Frankreichs als der 'spitze der zivilisation' Pinder kunst d. dt. kaiserzeit (1935) 1, 100; zugehörigkeit zur westlichen zivilisation Feuchtwanger d. falsche Nero (1947) 233; der sanguinische herr hatte sich zu dem satz verstiegen, die zivilisation Mitteleuropas sei jetzt bedroht ders., geschw. Oppermann (1948) 112. religiös: wir (die Christen) glauben, zivilisation ist masz, zivilisation ist fügsamkeit in die göttliche ordnung ders., d. falsche Nero (1947) 206.
3) zivilisation als faktisch feststellende bezeichnung für den völkergeschichtlichen tatbestand der zivilisation; in dieser neutralen, wertungsfreien sicht fassen begriff und wort im denken und im allgemeinen sprachbewusztsein seit dem 19. jh. sicher wurzel: da (wenn die schiffe zwischen den erdteilen verkehren) wird die zivilisation ihren lauf um den erdball vollendet haben W. Raabe s. w. I 5, 388; es ist so schwer, sich wieder in der zivilisation zurechtzufinden, fräulein, sprach (der aus Afrika zurückgekehrte) Leonhard ebda II 1, 27; W. v. Humboldt hat ... eine gemeinschaft der malayischen völker mit denen des sanskritstammes in der zeit, die aller zivilisation vorausging, wahrscheinlich gefunden Ratzel völkerkde (1885) 2, 374; Triptolemos begründet den ackerbau und mit ihm eine neue stufe der zivilisation Brunn kl. schr. (1898) 3, 172; durch erleichterung des verkehrs ... wurde die erhöhung und ausbreitung der zivilisation ... gefördert Boltzmann pop. schr. (1905) 27; (auswandern nicht nach) Brasilien, sondern Argentinien! mehr zivilisation, eine bessere italienische kolonie, das gesündere klima Werfel geschw. v. Neapel (1931) 210; seit einigen jahren lebte er jetzt in dieser stadt Edessa, am rande der zivilisation Feuchtwanger

[Bd. 31, Sp. 1733]


d. falsche Nero (1947) 72; wir werden den strom des geldes und der zivilisation nach Lourdes leiten Werfel Bernadette (1948) 37. nicht selten von geschichtlich besonderen zivilisationsformen (vgl. 2): anforderungen der neueuropäischen zivilisation H. Heine s. w. 3, 22 Elster. mit kultur variierend: noch heutigen tags stellt jenes gebiet (des denars) im wesentlichen den inbegriff der romanischen cultur dar, während dieses (gebiet der drachme) dagegen aus der europäischen civilisation sich ausgeschieden hat Mommsen röm. gesch. 2 (1865) 407; hebung der römischen civilisation im Rheinland ebda 5 (1894) 153; man spricht ... so viel von persischer zivilisation Fontane ges. w. (1905) I 4, 389; eine von der chinesischen zivilisation noch nicht überschwemmte volkseigentümlichkeit Ratzel völkerkde (1885) 2, 385. daran anschlieszend auch pluralisch: die tropischen civilisationen (1864) Ruge vorw. z. übers. v. Buckles gesch. d. zivilisation in England 1 (1868) XI V; die zivilisationen besitzen ..., ganz wie die organismen, eine bestimmte lebensdauer Friedell kulturgesch. d. neuzeit 1 (1947) 48.
4) im verlauf des 19. jhs., namentlich seit der industrialisierung und dem spürbarwerden ihrer folgen für die lebensweise des modernen menschen tritt zivilisation in einen gegensatz zu kultur; zivilisation ist das naturwissenschaftlich-technische, komfortschaffende, konventionelle, zweckhaft-nützliche, das internationale, das äuszere und oberflächliche; kultur das künstlerischgeistige, lebenserfüllende, schöpferische, bildende und fördernde, das national-eigenartige, das innere und echte; vgl. die gemeinschaft dieser werte (wissenschaft, sittlichkeit, kunst, religion) bezeichnen wir als kultur und trennen sie von der zivilisation (das naturwissenschaftliche, technische, wirtschaftliche) als ihrer naturgrundlage ab Hammacher hauptfragen d. mod. kultur (1914) 76; 79 f.; 83; (Berlin) wuchs zu schnell, um der gemächlichen kultur auf kosten des tempos der zivilisation heimstätten ... reservieren zu können Mühsam namen u. menschen (1949) 42. als nationaler gegensatz gefaszt: als ... im ersten weltkrieg die Deutschen ... auf die westliche zivilisation herabsahen wie auf eine minderwertige und nur äuszerliche errungenschaft, lieszen die Franzosen beim erwähnen der 'culture allemande' niemals die ironischen gänsefüszchen fehlen Klemperer l. t. i. (1949) 80.
5) zivilisation in kritisch ablehnender sicht: schon mehrmals stieg mir zu sinn, das alterthum habe sich unter seiner Pandora ... die erscheinung der civilisation bei den völkern vorgestellt ... krankheiten und kriege, üppigkeit und tücke, alle laster und übel der civilisation flogen (aus dem gefäsz der Pandora) hervor Zschokke ährenlese 1 (1844) 2; diese halbgebildete böswilligkeit, dieses impotente geifern der nichtigkeit gegen das wahre und schöne, gegen jede hoffnung und opferlust, sind das schrecklichste, was die zivilisation in ihrem schosze erzeugt W. Raabe s. w. I 6, 63; die sinnesstumpfen kinder der civilisation Peschel völkerkde (1874) 457; ich sitze gegenwärtig in einer groszen stadt, umgaukelt von allerlei lastern, elend und pharisäerthum der civilisation Rosegger schr. (1903) II 11, 71; jung sein heiszt ursprünglich sein, heiszt den quellen des lebens nahe geblieben sein, heiszt aufstehen und die fesseln einer überlebten zivilisation abschütteln können Th. Mann Faustus (1948) 189; dazu (zur befriedigung des bedürfnisses nach rührseligkeit) schafft die zivilisation den kitsch Seidler altg. stilistik (1953) 60; vgl. 157; 220; vgl. überzivilisation teil 11, 2, sp. 690.
 
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zivilisationsabrichtung, f., 'erziehung nach den grundsätzen der zivilisation, für das leben in der zivilisation': er (der kollektiv vereinigte mensch) vermischt ... den werth und die folgen seiner blos sinnlichen civilisationsabrichtung mit dem werth und den

[Bd. 31, Sp. 1734]


folgen der wahren menschenbildung selber Pestalozzi s. schr. (1819) 6, 191. —
 
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-adel, m.: zivilisationsadel ist kein leerer wahn M. Hartmann ges. w. 10 (1874) 153. —
 
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-behagen, n.: reich des seelenlosen zivilisationsbehagens H. W. Seidel Krüsemann (1935) 134. —
 
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-bildung, f.: der ganze einflusz der civilisationsbildung, in so fern er sich nur um das äuszerliche und bürgerliche unsers daseyns herumtreibt Pestalozzi s. schr. (1819) 6, 9. —
 
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-denker, m.: der 'untergang des abendlandes' ist die hinreiszende fiktion eines zivilisationsdenkers, der nicht mehr an aufstieg glauben kann Friedell kulturgesch. d. neuzeit 1 (1947) 46. —
 
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-einseitigkeit, f.: volkskultur und volksbildung sind ... beym mangel der naturgemäszen entfaltung unsrer kräfte ... ein traum, und das menschengeschlecht musz bey ihrem mangel ... unter allen umständen der civilisationseinseitigkeit ... unterliegen Pestalozzi s. schr. (1819) 6, 34. —
 
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-engherzigkeit, f.: männer, ... in ihrer bildung über ... die civilisationsengherzigkeit ihres stands erhaben ebda 6, 318. —
 
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-entwicklung, f. Ritter erdkde (1822) teil 17, 16. —
 
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-fortschritt, m. Ritter erdkde (1822) teil 6, 1232. —

 

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