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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
zitwerwurz(el) bis zitzelkerze (Bd. 31, Sp. 1714 bis 1721)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version)  -wurz(el), f. 1) der wurzelstock der zitwerpflanze: zittwan, zittwenwurtz heiszet ... bey den arab. ärtzten zurumbet ..., die gemeinen ärtzt und apotecker nennens fälschlich zedoariam Wirsung artzneyb. (1588) reg.; Adelung 5 (1786) 408; Dorstewitz-Ottersbach drogenkde (1921) 16. 2) die zitwerpflanze selbst: zedoaria zitwer, zitwerwurtz Pancovius herbarium (1673) 424.
 
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zitz, m., s. zitze, f.
 
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zitz, m., der name eines ursprünglich in Ostindien hergestellten, mehrfarbig bemalten baumwollgewebes; seit dem ausgang des 18. jhs. allgemeine bezeichnung in Europa maschinell gewebter und bedruckter kattunsorten feinerer qualität.
wort und sache werden durch die handelstätigkeit der engl. und ndl. Ostindischen Kompanie seit dem 17. jh. in Europa bekannt. die bezeichnung des stoffes im hindi chīṇt ergibt engl. chint, aus dessen im kaufmännischen verkehr vorwiegender pluralform chints ('zitzsorten') sich im 18. jh. ein neuer singular chintz (pl. chintzes) abspaltet und verselbständigt (Murray s. v.). daneben steht ndl. chits, sits, zurückzuführen auf bengal. chits oder auf die maharaschtriform chīt (gleich chīṇt und chits zu skr. citrá-ḥ 'bunt' gehörig). im dt. erscheint die ndl. form (sits) in literarischer bezeugung des 18. jhs. als zitz, vereinzelt ziz, einmal zitze (leinewand, chites oder zitze [pl.?] genannt Noel Chomel öcon.-phys. lex. [1750] 2, 1088), mehrfach im pl. zitze, zizze (auch schwach flektiert verfertigung der zitzsen allg. dt. bibl., anh. zu bd. 25/36, 3338); lex. zahlreiche varianten, auch für die lautung belangvolle wie sitz frauenzimmerlex. (1773) 3933; Schwan 2 (1784) 1111; chits [kits] Jacobsson technol. wb. 1 (1781) 368a; chits [tšits] Schiffner allg. dt. sachwb. 10 (1831) 550b. als handelsausdruck hat sich die hochsprachliche form bis in das 19. jh. hinein nicht voll durchgesetzt; kaufmännische fachwörterbücher bevorzugen das englisch wirkende chits (daneben chints dank der führenden stellung Englands in der europ. zitzproduktion bis zur festlandsperre), vgl. Schedel warenlex. (1797) 1, 256; (1863) 1, 169a; handelslex. 3 (1847) 378. mundartl. geläufig bereits vor ausgang des 18. jhs., bezeugt für das schwäb., bair., rheinfränk. (Saarbrücken),

[Bd. 31, Sp. 1715]


mittelfränk. (Siegerland, Köln, Aachen), ostfränk. (Würzburg), nordthür. (Stiege), Estland, für teile des nd. (Waldeck, Schleswig-Holstein) sowie für das fries.
im dt. eingebürgert in der ersten hälfte des 18. jhs.; noch nicht bei Marperger kaufmannsmagazin (1708), wo jedoch bereits klage geführt wird über die verdrängung der einheimischen leinwand durch die gütemäszig überlegenen baumwollstoffe Ostindiens a. a. o. 263; lexikalisch zuerst 1748: zitz ein bunter baumwöllener zeug Gottsched dt. sprachkunst 103; vgl.: die bunten cattunen kommen aus dem königreich Bengala, und werden daselbst chites genennet haushaltslex. 1 (1749) 305a; zitz ebda 3 (1751) 801b. literarische belege:

bald will sie reiches band, bald eine theure spitze,
bald peltz und bald contouch vom allerfeinsten zitze
Henrici ernst-, scherzh. u sat. ged. 4 (1737) 345;

für 4 ell. besten zitz zur schürze à 2 thlr. Möser s. w. 1, 153 Abeken; manufakturen von haute- und basselisse-tapeten, von reichen brokaten, von feinen zizzen Nicolai reise d. Deutschl. u. d. Schweiz (1783) 1, 253; das frauenzimmer trägt schleier von buntgeblümtem indianischen zitze Bürde erz. e. gesellschaftl. reise (1783) 253; sehr schöne zitze und andre gedruckte leinwandarten werden in einer ansehnlichen fabrike verfertigt Zöllner br. über Schlesien (1793) 2, 173;

(die dorfmädchen) zierten sich wie jungfern in kleinen städtchen,
trugen kattun und zitz statt leinwand
Kortum Jobsiade (1799) 3, 21;

ein stück des feinsten Augsburger zitzes, von allen möglichen farben, begleitete ihn Pfeffel pros. versuche (1810) 9, 30; Jean Paul w. 11/14, 256 Hempel; schlafrock von buntem ziz E. T. A. Hoffmann s. w. 15, 81 Gr.;

es ist, ihr Deutschen, eure scene
so malerisch wie bunter zitz
Platen w. 1, 539 Hempel;

(ein haus,) das nach dem bunten muster englischen zitzes angestrichen war Pückler-Muskau südöstl. bildersaal (1840) 2, 282; das sofa mit seinem überzug von feingeblümtem zitz stimmte wohl zu den lebhaften farben der tapete Storm s. w. 2, 68 Köster; die mit zinnoberrotem zitz bezogene ruhegelegenheit sog ihn ein H. Seidel Krüsemann (1935) 89.
 
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zitzdrucker, m., 'arbeiter, der zitzstoffe bedruckt' Abbt verm. w. (1768) 1, 291.
 
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zitze, f. , in älterer sprache auch zitz, zitzen, m., brustwarze, brust, insbes. als sitz der milchdrüsen (mutterbrust des weibes und weiblicher säugetiere).
herkunft: zugrunde liegt ein lallwort ohne hochdeutsche lautverschiebung nhd. ditte (teil 2, sp. 1769), titte (teil 11, sp. 527) sowie mit elementarablaut ahd. tutto, tutta, nhd. tutte (teil 11, 1, 2, sp. 1946) und mit lautverschiebung nhd. mundartl. zutzel 'saugpfropfen' (teil 16, 1, sp. 877). auszerhalb des germ. klingt zunächst an armen. tit 'weibliche brust' in merk-a-tit 'mit nackter brust' Hübschmann armen. gr. 498 und griech. τιτθός 'mutterbrust', τίτθη 'mutterbrust; amme' (von Walde-Pokorny 1, 704 und anderen abgetrennt und zur wz. dhēi 'saugen' gestellt), ferner slav. cica Berneker 1, 128 f. mit abweichender bedeutung norw. titta 'weibsbild', schwed. dial. titta 'tante, alte unverheiratete frau' Falk-Torp 1239. in der bedeutung 'mamma, papilla' in norw. schwed. dial. titt (neben tiss), titta (neben tissa), f.; ags. titt; m.; nfrk. (Cleve, Geldern, Jülich) titte; mnd. titte, f., m.
zeit, ort und bedingungen des auftretens der verschobenen form zitze sind unsicher. auf frühe, der bezeugung um jhh. vorausgehende entstehung weisen rom. lehnwörter: altit. zita, zito (bei Jacopone da Todi und Dante) mit bedeutungswandel aus ahd. *zitza Zaccaria elem. germ. nella lingua ital. (1901) 541; vgl. 510; altit. zizza (neben it. zezza) 'mammilla'

[Bd. 31, Sp. 1716]


< lang. *zizza Bertoni elem. germ. nella lingua ital. (1914) 217; vgl. 207; Gamillscheg Romania Germanica 2, 174; Meyer-Lübke rom. etym. wb. 726; vgl. zimbr. zitza, f. Schmeller-Bergmann 182b; Brüch einflusz d. germ. sprachen a. d. vulgärlat. (1913) 13 f. das gänzliche fehlen alter belege (nhd. tutte in ahd. und mhd. zeit gut bezeugt) bleibt immerhin auffällig; früheste nachweise (seit dem 13./14. jh. aus tiroler und ostmd. quellen): mamma uter vel cice vel tuttelin (13. jh.) ahd. gl. 4, 150, 22 St.-S. aus St. Georgenberg in Tirol; zitzen, pl. Heinrich v. Hesler apokalypse 1843; 1878; sg. 1919; zetzen, pl. 1889; di zitzen Breslauer arzneibuch (anf. d. 14. jhs.) 160; vgl. unten zitzenwärzlein; bei Oswald v. Wolkenstein als schimpfwort in

ir alte kamerzitze (:witze) 112, 35 Schatz.

frühnhd. gilt sonst auf obd. gebiet dutte als landschaftlich-schriftsprachlicher ausdruck (vgl. DWB tutte teil 11, 1, 2, sp. 1946ff.; dutte teil 2, sp. 1768ff.; dazu Diefenbach gl. 345c und die historischen belege aus Steinhöwel, Seb. Franck, Keisersberg, Fischart bei Fischer schwäb. 2, 519; Martin-Lienhart elsäss. 2, 728a); obd. zitze-belege nur vereinzelt glossarisch czicze mamma, uber (anf. 15. jhs.) Diefenbach gl. 345c; 608a; dazu brustzitze voc. teuth. (Nürnberg 1482) e 3b. im wettbewerb mit dutte und verwandten, mundartl. fester verwurzelten dentalformen steigt zitze allmählich zum wort der hochsprache auf; in md. vokabularen des 15. jhs.: czeczin mamilla Diefenbach gl. 345c; czuczcze papilla, mamma Diefenbach-Wülcker 915 (weiteres s. vv. zitzen-warze, -wärzlein, -bruch); vgl. mamma mulierum ... ein tzitze bei dem Anhalter Baldassar Trochus voc. rer. prompt. (1517) N 3a. Luther verwendet dem ostmd. sprachgebrauch folgendin der bibel zweimal, auszerhalb der bibel häufig — zitzen, wofür in obd. bibel- und werkausgaben die dort geläufigen bezeichnungen eintreten: Ezech. 23, 3 die zitzen jrer jungfrawschafft Luther; die dütlin deiner junckfrawschaft Eck (und Dietenberger), die büplin jrer jungkfrauwschafft Zürcher bibel, ähnl. 23, 21; die zitzen abschneyden Luther (predigtentwurf 1522) 10, 3, LXII W.; dafür in den Mainzer und Augsburger drucken: schneyd jo nit ... den dutten ab 10, 3, 7, während Aurifaber wieder im sinne des ihm und Luther geläufigen ostmd. wortgebrauchs ändert die zitzen ebda, vgl. 10, 3, LXXV, LXXX; entsprechend 10, 2, 235 tzitzen (Wittenberger druck): ttten, buppen, einmal zitzen beibehalten (Straszburger drucke). in die lex. überlieferung der nachlutherischen zeit wird das wort nur zögernd aufgenommen; obd. wbb. verharren bis in das 17. jh. bei dutte(n), dütte(n), so Dasypodius (Straszburg 1536), Serranus (Augsburg 1540), Maaler (Zürich 1561), Golius (Straszburg 1579), Hulsius (Frankfurt 1616); auch Schottel im verzeichnis der dt. stammwörter nennt nicht zitze, sondern dütte haubtspr. 1307; dagegen im umkreis des md.: zitz 'mamma' im reimwb. des Wetterauers Alberus (1540) II 1b; mammille ... citzen (Krakauer) dict. seu nomencl. quat. ling. (1566) C 2a; mamma zitze oder brust Decimator thes. (Leipzig 1608) 769b; ubera, mammae die brüste oder zitzen bei dem Thüringer Zehner nomencl. (1645) 270; seit Stieler stammb. (1691) 2631 und Kramer t.-ital. 2 (1702) 1470b als vollgültiges wort der hochsprache reicher bezeugt, ohne dasz dutte umgangssprachlich auf obd. gebiet gänzlich zurückträte. zitze — seiner hauptverwendung nach körperteilbezeichnung bei tierenhat auf die brust der frau bezogen in neuerer sprache häufig den beiklang des verächtlichen, derben oder wenigstens unumwunden-natürlichen, auch mit dem nebenbegriff des häszlichen, vgl. 'im gemeinen reden' Frisch 1, 213b; 'am häufigsten im gemeinen leben' Adelung 4 (1801) 1729; Sanders wb. dt. syn. (1882) 286; in

[Bd. 31, Sp. 1717]


anderem sinne ist lit. verwendung bis in hohe stillagen möglich (vgl. bes. 1 a α mit formaler und grammatischer sonderung). es fehlt dem aus alter, elementarer wortschatzschicht in den schriftsprachlichen bereich versetzten wort der beiklang des kosenden für die bedeutung 'mutterbrust', der den kindersprachlichen mundartformen (darunter zahlreiche diminutiva) eigen ist.
formen und verbreitung in den mundarten. die wortgruppe ist über das gesamte sprachgebiet verbreitet; auf wechselnder vokalischer grundlage gelten dentalformen (nd. titte, obd. tutte) im raum der nord- und süddt. maa., verschobene formen (ostmd. zitze, westmd. teilweise verschoben ditz) im md. und teilweise im obd.; im einzelnen auf hd. gebiet vielfach überlagerungen, auch einhergehend mit unterschieden in der bezeichnungsfunktion.
a) mnd. titte Schiller-Lübben 4, 550a; nnd. tit(te) umfassend bezeugt in nur unwesentlich wechselnden formen für das nd. gesamtgebiet einschl. des fries.; am saum des md. daneben versprengte spiransformen: tis, m. Deiter Hastenbeck (nachtr.) 65; Schambach Göttingen 231a; Danneil Altmark 223b; Hupel Liv- u. Estl. (1795) 238; tiss(e), f. Gutzeit 3, 2, 27a; vgl. norw. tissa Torp 788; schwed. tiss, m. Hellqvist 31190; dazu Laistner nebelsagen (1879) 280; vereinzelt: titze, f. Gutzeit a. a. o.
b) schichten unverschobener formen im östl. teil des ostmd. (tutte, titt Müller-Fraureuth 1, 271b; ditte Albrecht Leipzig 102b; titte Weinhold schles. 98b; Knothe Nordböhmen 178) und teilweise verschobener formen im westl. teil (tütz Hertel Thür. 249; weiteres unter c) durchdringen zitze-formen im obersächs. und den angrenzenden gebieten: zitz Müller-Fraureuth 2, 710a; Blumer Nordwestböhmen 96b; ziezln Schacherl Böhmerwald 44; im älteren schles. zietz Steinbach (1734) 2, 1098; dsids Gerbet Vogtland 114; 185; versprengt im thüring. Hertel 265; zyz Dellit Klein-Schmalkalden 239; zitz Liesenberg Stiege 223; vgl. die belege aus dem henneberg. unter c. auch im westmd. stehen volldentale und teilweise verschobene formen nebeneinander: ditz, ditzen (zahlreiche varianten) gelten im Rheinland, in Ober- und Niederhessen sowie im pfälzischen, titte, dutten nebst varianten in Hessen, Luxemburg, Lothringen, in der Pfalz (und in Siebenbürgen); affrikataformen daneben vereinzelt (nichtvorkommen bezeugt ausdrücklich für das oberhess. Crecelius 318): zidz Christa Trier 224b; zitz Follmann Lothr. 559b; ziz, zizi (auch tschitschi) Haltrich siebenbürg.-sächs. id. 125.
c) gesamtobd. (vereinzelt md. und nd.) erscheinen in mannigfachen varianten die ahd. tutto, frühmhd. tutta fortsetzenden formen schweiz., elsäss., bad., schwäb., steir. dutte, bair., tirol. dutten, österr. duttel, auch zimbr. tutto Schmeller-Bergmann 180b, s. teil 11, 1, 2, sp. 1947 s. v. tutte; namentlich im bad. und österr. daneben formen mit stammsilbenvokal i: dide bad. wb. 1, 619b; diti Castelli niederösterr. 118; titi Hügel Wien 164; verschiebung des konsonantenstandes nur im inlaut (s. auch b) zeigt westobd. und bair. die bezeichnung des saugläppchens, schnullers dütze, dutzel bad. wb. 1, 620a; dütze, dotze Fischer schwäb. 2, 521; dutzel, dützel Schmeller-Frommann bair. 1, 559; ferner dütze 'euter' ebda 1, 558; dütz Spiess Henneberg 49. vollständig verschobene formen sind auf diesem gebiet als fester mundartbesitz kaum nachweisbar; vereinzeltes bei Fischer schwäb. 6, 1248; Schmeller-Frommann bair. 2, 1167; henneberg. zütz Spiess 295 und zizerle, n. bei Popowitsch versuch 242; etym. nicht eindeutig (s. W. Schulze kl. schr. 212) die ostobd. benennungen des saugläppchens (vgl. teil 16, sp. 877; 920) zuz'l Hügel Wien 200; zùze, zûzl Lexer Kärnten 267; tsuts ma. v. Pernegg PBB. 28, 127; zutzel Unger-Khull steir. 655b. auffallend zitza, f., in der ma. der sette- und tredicicomuni Schmeller-Bergmann cimbr. 182b; vgl. noch zitzen, vb.

[Bd. 31, Sp. 1718]



gebrauch vorwiegend pluralisch; nominalform, genus und flektion: neben cice (f.?) ahd. gl. 4, 150, 22 (vgl. die oben unter 1 angeführten belege aus Diefenbach) frühzeitig m. formen (im wesentlichen, doch nicht ausschl. zur bedeutungsgruppe 1 a, s. u.): unseren zitzen (acc. sg.) Hesler apok. 1919 Helm; mit angleichung an die obliquen fälle der sw. flektion der linck zitzen (m. in allen erkennbaren fällen) Luther tischr. 2, 220; sonst nur bezeugt in st. form und st. flektiert: zitz, m. Stieler stammb. (1691) 2631; Kramer t.-ital. 2 (1702) 1470b; Ludwig dt.-engl. (1716) 2600; zietz, m., neben zietze, f. Steinbach dt. wb. (1734) 2, 1098; m. 'in einigen gegenden' Adelung 5 (1786) 408, vgl. Mensing Schleswig-Holstein 5, 71; lit. belege s. u. unter 1 a; sw. flektion des f. nur als vereinzelte erscheinung nachweisbar unter der lincken zitzen Irenäus spiegel d. ew. lebens (1589) X 3a; ausz der zützen der schwangern Albertus Magnus geheimn. d. weiber (1678) 434; in neuerer sprache hat das f. sich allein durchgesetzt. bedeutung und gebrauch.
1) brustwarze, brust des menschen.
a) brustwarze des mannes oder des menschen schlechthin; bereits mhd. bezeugt und noch im älteren nhd. hochsprachlich verwendbar, von zitze, f., 1 b und 2 nach form (zitz, zitzen) und genus (m.) in der mehrzahl der erkennbaren fälle unterschieden; auch wohl als selbständiges wort empfunden.
α) körperteilbezeichnung im eig. sinne:

wen her (Christus) priesterlichen vur
begurt mit einer goltsnur
uber sine zitzen beide (vor 1312)
Heinrich v. Hesler apokalypse 1843 (vgl. 1878);

nach apok. 1, 13 εἶδον ... περιεζωσμένον πρὸς τοῖς μαστοῖς (vulgata: ad mamillas) ζώνην χρυσᾶν; Mentelbibel, Luther, Zürcher bibel, Dietenberger, Eck hier wie Jes. 60, 16 (mamilla regum): brust; belege bei Luther s. unter β);

sein linck ans eisen geht, sein recht an zitz sich recket
(schusz mit pfeil und bogen)
T Hübner die feldobersten (1619) 301;

wiederum traf den stürmer der speer des Aitoliers Thoas
über dem zitz in die brust
Bürger s. w. 219 Bohtz; vgl. 1, 160;

dem letzten ... schlug ich ... das rappier aus der hand, und setzte ihm ... eine quart über den arm gerad auf den rechten zitz Heinse s. w. 4, 147 Sch.
β) frühnhd. in theologisch gerichteten quellenbei Luther geradezu redensartlich fest — unter dem linken zitzen 'im herzen' (sitz des gewissens, der glaubensgesinnung, auch der weltlust). vgl. die theologische ausdeutung der stelle apok. 1, 13 in Heinrich v. Heslers apokalypse:

do gebot got mit vieren
tugenden unse nieren
begurten unde in binnen
daz herze mit den sinnen
und unseren zitzen lerzen,
wen die ger wont in dem herzen 1919; vgl. 1889 Helm;

es ligt nicht am euserlichen leben, sed unter dem lincken zitzen, das man wisse Christum esse Salvatorem (1533) Luther 37, 248 W. in ähnlichem zusammenhang: unter dem lincken zuzen und im hertzen Luther 52, 63 W.; (der alte Adam) predigt dir on unterlasz ... das du endtlich des herrn Christi und seines euangelii gar vergist und nichts mer darnach fragst. das thut der prediger, der an deinem halss henget und unter dem lincken zitzen ligt ebda 210. im sinne der übertragung auf das räumlich verknüpfte tritt linker zitzen bei Luther auch für 'herz' ein; in nicht-religiösem zusammenhang: cum de militibus sermones cederent, dixit: wen die lincke zitze (in Schlaginhaufens nachschrift: der linck zitzen 2, 220) verzagt, szo thut die rechte (hand) auch nichts guts, cor pavidum taugt nicht (1532) Luther tischr.

[Bd. 31, Sp. 1719]


2, 605 W. vgl. noch: (die vernunft hätte gott geraten) den menschen also zu schaffen, das er bey dem lincken zitzen müste ein fenster haben zum hertzen Luther 51, 247 W.; der stanck und unflat, der in unserm bauch ist, und durch oder aus dem bauch gehet, ist noch gülden, und eitel köstlicher teisem (sauerteig, hefe) gegen den speciebus, die ein wenig höher stehen, unter der lincken zitzen Irenäus spiegel d. ew. lebens (1589) X 3a.
b) brustwarze, brust des weibes; in diesem sinne in jüngerer zeit zurückhaltend gebraucht.
α) biblisch bei Luther als wort des erotischen bereichs Ezech. 23, 3 und 23, 21, der variation des vulgatatextes (ubera — mammae) in der übersetzung (brüste — zitzen) folgend, während Cant. 4, 10 auch für mammae nur brüste gebraucht ist; um 1540 bemerkt Luther zu Cant. 7, 12 dabo tibi ubera mea abgrenzend: brüste amoris, zitzen lactationis (bibelprotokoll) bibel 4, 39 W., was seinem tatsächlichen wortgebrauch nicht ausnahmslos entspricht, s. Ezech. 23, 3: es waren zwey weiber, ... die trieben hurerey in Egypten in irer jugent, daselbst lieszen sie ire brüste begreiffen, und die zitzen irer jungfrawschafft betasten; vgl. auszer 23, 21 auch 23, 8 die brüste irer jungfrawschafft (ubera pubertatis). mit erotischem sinn, von 1 b β ausgehend: gut kinder entwehnen ist, wann sie von 18 jahren sein und die buben der mägdchen zitsen saugen leyermatzs lust. corresp. geist (1668) 222; zitzen betasten ubera contrectare Stieler stammb. (1691) 2631. in zynischer sprechweise: die Liddy (ein mädchen) ist ein prächtiges thier ... sie hat, soviel ich von auszen sehen kann, ein paar zitzen wie kein könig Grabbe w. 1, 409 Bl.
β) bereich der mutterschaft: minze gestozen unde geleit uf di zitzen, da di milch inne verhart ist, weichit unde senftet di milch (anf. 14. jhs.) Breslauer arzneib. 160. häufig zumal im bildlichen gebrauch bei Luther: hastu gng gesogen und bist nu starck worden, wiltu drumb die zitzen abschneyden, das die andern nicht saugen konnen? (1522) 10, 3, LXII W. (s. o.); denn darzu (zur wiedergeburt) dienet die leibliche mutter nicht mit ihrem leibe, mit ihren zitzen und milch, doran ein kind sauget 47, 18; da entwehnet man sie von jrem süszen, lieblichen tranck jrer mutter zietzen Huberinus form zu predigen (1557) 180b; der amme Lisie zitzen J. Barth weiberspiegel (1565) a 5b; wann die milch ausz der zützen der schwangern rinnet, so ists ein anzeichen eines kurtzen lebens der frucht Albertus Magnus v. d. geheimn. d. weiber (1678) 434; dem kinde den zitz geben Stieler stammb. (1691) 2631; als ich zum erstenmal meine augen öffnete, fand ich mich an der vollen zitze meiner mutter Pfeffel pros. versuche (1810) 1, 171;

hätt Jagababa ...
... ihn, statt an der amme zitzen,
gesäugt an pfeilen und an lanzenspitzen
Brentano ges. schr. (1852) 6, 297.


γ) auszerhalb der unter α und β angegebenen bereiche als körperteilbenennung allgemein: hat zitzen gehabt, wie eine alte verwachssene jungfraw Irenäus v. seltzamen wundergeburten (1581) Q 1a;

die zitzen lumpten wie die fleck
Rollenhagen froschmeuseler (1595) Hh 8a;

schlampende, schlappichte, hängende, weiche zitzen Kramer t.-ital. 2 (1702) 1470c;

gorgonen und chimären, mit zangen, stileten und rüsseln,
häszlichen zitzen und sägenden zähnen und hörnenen klauen
Bodmer d. Noah (1752) 79;

zitzen zwar schuf die kunst, doch keine milch darin Arndt w. 6, 46 R.-M.; Sömmerring menschl. körper 5 (1844) 521 für 'brustwarze (des weibes), papilla mammae'.
2) brust(warze) weiblicher säugetiere; 'saugwarze am tierischen milchdrüsenorgan' (teil des euters), auch mit

[Bd. 31, Sp. 1720]


euter gleichgesetzt, vgl.: zizen wird bei säugethieren gleichbedeutend mit euter gebraucht, oder es werden nur die säugewarzen allein darunter verstanden Behlen forst- u. jagdkde (1840) 6, 537:

man zeugt die kuh so lang beim zitz,
das nicht ein tröpfflin milch drinn sitzt (1590)
Rollenhagen spiel v. reichen manne 37 Bolte;

rechte gute säw haben zwölff dütten oder zitzen Coler hausb. 1 (1645) 451a;

(kühe) liessen aus der vollen eiter zitzen
die fette milch zu unsrer nahrung spritzen
Brockes ird. vergnügen (1721) 2, 171;

das meerschwein maasz sechs fusz und hatte milch in den zitzen J. G. Forster s. schr. (1843) 2, 338; die centaurin ... gibt der jüngsten ausgeburt ihres doppelwesens die milch der mutterbrust, indessen ein anderes thierkind sich an den zitzen der stute erlabt Göthe I 49, 2, 10; vgl. I 16, 80 W.; (die hündin) hat hängende zitzen W. Hauff s. w. (1890) 4, 149;

friedfertig saugend hing an der zitze der welf
Platen w. 1, 245 Hempel;

bring die herde jedes abends
heim mit angefüllten zitzen
J. Grimm kl. schr. 2 (1865) 107;

es ist nicht ganz unmöglich, dasz die magd Hanai die zitzen (der kuh) ein wenig nach dem takte des liedes strich Rosegger schr. (1895) I 2, 184; endlich wird auch das euter grösser, die zitzen werden länger Schwerz prakt. ackerbau (1882) 732; eine brustwarze oder zitze kommt bei den gabeltieren nicht zur ausbildung Brehm tierl. 1, 6 P.-L.; jetzt nur noch ein leichter druck auf den ansatz der zitze, und der satte milchstrahl spritzte von allein Fr. Wolf zwei a. d. grenze (1948) 78; (wir) betrachteten das rosige gewuzel des ferkelwurfes an den zitzen der muttersau Th. Mann Faustus (1948) 42. sprichwörtliches s. Düringsfeld sprichw. (1875) 1, 395a; Wander sprichwörterlex. 5, 596.
3) übertragungen (vgl. 1 b β); auf abstraktes: der, so ... von den zitzen der uppigkeit die drachenmilch säuget Francisci d. alleredelste pferd (1670) 127; nur keine dialectik mehr, die an jedem meiner worte saugt, als ob es zehn zitzen hätte, wie ein kaninchen Hebbel tageb. (1903) 4, 221. konkretes in der form einer zitze: am untern ende (der pflanzenwurzel) eine aufschwellung mit einer kleinen hervortretenden zitze (1829) Göthe IV 45, 309 W. vulgär redensartlich, abgelöst von der eigentlichen sachvorstellung: unser dicker Hermann hat recht: wir wollen uns erst mal gesund stoszen. also heiszt es: an der zitze bleiben neue Berliner illustr. 17 (1954) 6.
 
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zitzel, n., (m.?) bairisch-österr. weiterbildung zu 2zettel (sp. 818; vgl. auch 2zetteln 2 sp. 822 und 2zitzel): zizel ... heiszt im lande ob der Aens der vordere draten ('das ungewebte ende der leinwat'), wo der weber anfängt zu arbeiten Popowitsch vers. (1780) 92; Schmeller-Frommann 2, 1167. hierher mit zwen zitzeln ('zipfeln') binden (16. jh.) österr. weist. 8, 736, 34?
 
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zitzel, bestandteil mehrerer zss. und abll. (s. u.). selbständig zizle 'etwas weniges von irgend einer sache' Überfelder Kärnten 256; das zitzerl 'ein weniges' Hügel Wien 195; 'kleines stückchen; kleine fuhre' Unger-Khull steir. 650b. wie 1zitzel ein wort des südostobd. raumes, über zetz, dim. zetzile (sp. 825) auf zetten 'einzeln, in kleinen stücken fallen lassen, verstreuen' (sp. 823) zurückzuführen, nicht mit tüttel, engl. tittle vergleichbar Schmeller-Frommann 2, 1167, s. teil 11, 1, 2, sp. 1949.
 
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zitzelbast, s. zeidelbast.
 
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zitzeldieb, m., zu 2zitzel, 'ein dieb, der gegenstände von geringem wert stiehlt', unterschieden von dem rechten deup: chützeldeup, var. zhützelldiep (um 1400)

[Bd. 31, Sp. 1721]


österr. weist. 8, 865, 17; zützldieb, kutzldeup, varr. zützeldeup (korrigiert aus khutzldeup), zutzldiep (15. jh.) ebda 8, 689, 12; 8, 885, 15; 8, 512, 21; zutzldieb, zitzeldieb, kutzeldieb mit varr. zutzldieb (korrektur aus kutzeldieb), kutzldieb (16. jh.) 8, 661, 13; 8, 879, 23; 8, 504, 37; 11, 362, 16f.; zitzldiep (1602) 11, 347, 42; ob ein zutzldieb kem in sein haus und stull im was under 12 D wert wer, ... und wiert er begriffen, so sol man in durchschlagen und sol in lassen laufen 8, 661, 13. —
 
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zitzeldiebin, f.: ein zützldieb oder ein zützldiebin die ain (einem) man ein heen oder zwo verstul oder ander ding, das nicht gar teuer wär 8, 689, 12.
 
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zitzelkerze, f.: beim abstillen des kindes opferte die mutter ... einige geweihte kerzen, die sogenannten zitzlkerzen (in Westböhmen) A. John sitte, brauch u. volksglauben (1905) 119; zum vb. zitzen.

 

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