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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
zitter bis zittere (Bd. 31, Sp. 1682 bis 1685)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) zitter, m., f., bezeichnung verschiedener flechten- und krätzeartiger hautkrankheiten, dass. wie DWB zittrach. auf idg. *de(r)-dru- zurückgehend; die germ. und idg. verwandten s. unter DWB zittrach. als simplex nur vereinzelt lexikalisch und mundartlich belegt; meist, da offenbar schon früh nicht mehr verstanden, mit einem zweiten erläuternden nomen komponiert (s. zitterflecke, -flechte, -mal, -rapp, -rose; zittersche). altes mascul. zeigen: zitter, m., der böse grind Fulda idiotikenslg. 601; der zitter, des -s Adelung2 4, 1727. fem., wohl in analogie zu flechte, zeigen: zitter, f., hautflechte Martin-Lienhart elsäss. 2, 920a; gegen die zitter Haltrich volksk. d. Siebenbürger Sachsen 266. unverschobener dental im anlaut begegnet im ahd. kompositum: petigo tetřafa (9. jh.), tetafic (9./10. jh.; der zweite kompositionsteil vîc 'feigwarze') ahd. gl. 2, 597, 17 St.-S.; tetrafig (12. jh.) 598, 36. sonst zeigt das im ahd. nur als kompositum bezeugte wort anlautend affrikata: impetigo warza, cittarouga ('eine mit zitterach-ausschlag entstellte augengegend' Höfler krankheitsnamenb. 23a) ahd. gl. 1, 351, 51 St.-S.; inpetiginem cittarlus (8./9. jh.; 'der im zitterach-ausschlag lebende läuseparasit; der von diesem parasiten nach dem volksglauben erzeugte zitterach selbst' Höfler 356) 354, 2; cittirlus 2, 201, 72; inpetigo citterlûs (11./12. jh.) 3, 501, 41; cŏterlus, rŏdo (11. jh.) 277, 6; impetigo citirlus vel rudigi (12. jh.) 2, 212, 52; inpetigo citterllus, ruda (13. jh.) 3, 302, 2. zu diesem kompositum auch wohl citervs (11./12. jh.; Steinm.: lies citerlvs) 4, 204, 2; petigo citirvs (11./12. jh.) 207, 12. unverschobenes mundartliches tattere (pl.) flechten Weitz Aachen 244 ist wohl aus gleichbedeutendem frz. dartre entlehnt. die mnd.

[Bd. 31, Sp. 1683]


und nd. belege (s. u.) sind, wie die anlautende affrikata zeigt, entlehnungen aus dem hochdeutschen. der stammsilbenvokal ist in den md. und nd. belegen zu e gesenkt: zäter, f., flechtenartiger ausschlag Kramer Bistritz 142; zätter, f. Haltrich siebenbürg.-sächs. 117; eine zeter (flechte am munde; West-Havelland) zs. d. ver. f. volkskde (1897) 73. eine verkürzte form mit ausfall der endsilbe zeigt sich in einigen kompositis: petigo citthruos (10. jh.; 'konsensuell oder sympathisch anschwellende drüsen beim zitterach; zitterach ... selbst' Höfler 106a) ahd. gl. 2, 607, 9 St.-S.; impetigo zitdruas (11. jh.) 241, 11; papula ein zittmahl, ἐξάνθημα Garth lex. lat.-germ.-graec. (1657) 566b; (weitere beispiele s. unter DWB zitterrapp, DWB zitterrose 1). dagegen ist die endsilbe erhalten in zitterdrusze Hildegard v. Bingen bei Diefenbach nov. gl. 211a. die gekürzte form tritt auch in einigen (vermutlichen) kompositis auf, deren zweiter kompositionsteil schwer deutbar ist: zittriben zitter an dem leibe Hulsius-Ravellus (1616) 432a; zittribe Stoer all.-frç.-lat. (1663) 635; zeatrüwe (westerwäld.) Kehrein Nassau 453; zittrus, zittruus, n., zittermahl oder vielmehr eine art krätze an menschen und vieh Stalder Schweiz 2, 476. ähnliche ungekürzte, jedoch gleichfalls schwer deutbare formen (verderbungen von zitterdrüse, zitterrose?) sind in alem. mundarten häufiger belegt: tsittarhūs, n., krätze Schmid Entlebuch 50; tsittərūssə hautausschlag Henzen Freiburg 142; zitteraus lichen Schmidt id. Bernense 81. der plural von zitter lautet wie der sg. Adelung2 4, 1727; mit anfügung von e: tsìtərə Martin-Lienhart; mit anfügung von -n wie in blattern, zittrachen (s. d.): zettern Kuhn (s. u.); zittern Kehrein Nassau 455.
belege aus dem hd. raum: impetigo zytter, flächten Gersdorff feldb. d. wundarzn. (1528) 99; zitter, flechte impetigo, mentagra Emmelius (1592) 113; zitter, zittrich ò zittermal impetigine, volatica Kramer t.-ital. 2 (1702) 1469c; 'der trockne grind bey dem rindviehe, welcher gleichfalls das geflecht, ingleichen der zitter genannt wird' Adelung2 2, 190; zitter ist die räude bei manchen thieren unserer landwirthschaft Hübner zeitungslex. (1824) 4, 1027a; zither ein krätzenartiger ausschlag Hintner Defferegger ma. 244. belege aus dem nd. raum: sorpido (serpigo) eis een ongemac dat men heet zeter ende inpigno (impetigo) mnd. qu. a. d. 14. jh. bei Schmeller-Fr. 2, 1165; gegen die zetern. man gehe an eine gelbweide, streiche mit einem zweige derselben dreimal über die zetern und spreche:

die zeter und die weide,
die wollten beide streiten,
die weide die gewann,
die zeter, die verschwand (Osthavelland)
A. Kuhn-W. Schwartz norddt. sagen, märchen u. gebräuche (1848) 441;

(wenn das rindvieh vom grind befallen ist, sagt man:)

guten morgen zettern!
du sollst weichen vom rindfleisch
wie der jud' vom schweinefleisch!
A. Kuhn sagen, gebr. u. märchen a. Westfalen (1859) 2, 210.


 
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zitter, m. (in der bedeutung 2 auch f., n.), das zittern; eine grasart; eine geleeartige masse. im spätmhd. gebildetes postverbales nomen actionis zu zittern, das auch frünhd. in der schriftsprache lebendig ist, heute aber nur noch mundartlich, meist in der übertragung auf konkreta (2) vorkommt. zu lautlichen besonderheiten vgl. DWB zittern. das endungs-n in den älteren belegen unter 2 a ist wohl als singularisch aufgefaszte pluralform (nach den vielen kleinen ährchen?) zu deuten; vgl. die mundartl. pluralform zädrn Bacher (s. unter 2 a).
1) als nomen actionis 'das zittern', in den wbb. kaum verzeichnet: tremor zitter, zitterung, schrecken, forcht Schöpper synonyma 27c Schulte-K.; im sinne einer anschaulichen zitternden bewegung: (mein haupt)

[Bd. 31, Sp. 1684]


zitterti (vor schmerz) dennoht (obwohl es festgehalten wurde) under den henden. und des zitters enphinde ich etwi lang nach ostern (1347) Margaretha Ebner in: Margaretha Ebner und Heinrich v. Nördlingen 133 Strauch; (man steige langsam ins bad,) damit nicht etwann ein gäher schauder, frost oder zitter erweckt ... werde (1611) bei Fischer schwäb. 6, 1245;

(Sulmo wälzte sich in seinem blute)
bisz ihn an kam ein kalter zitter,
dasz ihm zustrich der tode bitter
Spreng Äneis (1610) 181b;

zittar (m.), das zittern der hände namentlich, doch auch dă zittar in dă beina Bühler Davos 1, 305. als medizinischer terminus technicus für lat. tremor: zum ersten eyn edle latwerg, welch vertreibt den zitter des hertzens Dryander d. ganzen arzenei gemeiner inhalt (1542) 93b; der erschrecken ist ein leiblicher zitter, der da kompt ausz der forchte Paracelsus (1616) 1, 45 Huser. häufig ist die bedeutungsnuance der furcht (vgl. zittern 1 a β):

wie er (der bote Alexanders) hübischlich dâ warp,
allen der ziter dâ verdarp (alle hörten auf zu zittern)
Ulrich v. Eschenbach Alexander, anh. 1420 lit. ver.;

die starken Moab hat umgeben der zitter (tremor; forcht Mentel; zittern kam die gewaltigen Moab an Luther) 2. Mos. 15, 15 erste dt. bib. (Zainer 1475);

(Diomedes) lief
durch sie (die feinde) in zoren, grim und bitter
die feind kam an dess todes zitter
Spreng Ilias (1610) 53b.

so besonders in der formel furcht und zitter (vgl. zittern 5 c) und in den verbindungen mit zitter, ohne zitter (vgl. zittern 1 a β): der wiszag Davit spricht: zitter und forcht sint komen uf mich (1338) Heinrich v. Nördlingen in: Margaretha Ebner u. Heinrich v. Nördlingen 212 Strauch; jedoch wirdt die scheinbar und herrlich zukunfft dess herrn, bei allen zitter und forcht erwecken Schweickhart v. Helfenstein Basilius Magnus (1591) 96;

do sprach bald der ritter
ich wil dir (dem teufel) dienen ane zitter liedersaal 3, 257 Lassberg;

du knab solt werden ein strenger ritter
und solt beschützen one zitter
landt und leut, witwen und waisen
vor den feinden in krieg und raisen
Hans Sachs 11, 392 lit. ver.; 2, 53;

also die erd gewaltigklich
under dem volck erschüttet sich
es wanckten ihre füsz mit zitter,
sie waren voll dess kumers bitter
Spreng Ilias (1610) 27a.

als nomen actionis nur selten auf gegenstände bezogen: dessen (ton) dann keine andere ursach ist, als der zitter des klingenden metalles Cario neue hall- u. thonkunst (1684) 112; von der elektrizität (vgl. zitterstoff):

des zitters geist durchzuckte die gebilde
Zschokke ausg. schr. (1824) 15, 5.

mundartlich ist zitter als nomen actionis vor allem im westmd. raum verbreitet: zidder lux. wb. 504a; Hönig Köln 208a; Waldbrühl rhingscher klaaf 221; zëdder Rovenhagen Aachen 166b.
2) als konkretum. von gegenständen, die leicht in zitternde bewegung geraten.
a) briza media L., eine grasart, die nach den leicht im winde beweglichen ährchen benannt ist, dass. wie zittergras (vgl. Marzell pflanzennamen 1, 663): drumb das solche körnlin (an den ähren) stets weben und zittern, nent man es (die pflanze) auch im gaw zedern, an etlichen orten jungkfraw har Bock kreutterbuch (1539) 2, 27b; das hasengras oder zidern Tabernämontanus kräuterbuch (1588) 665; zidern, zittergrass, flittergrass Pancovius (1673) 12; ziedern Marperger kaufmannsmagazin (1708) 1415; zädr

[Bd. 31, Sp. 1685]


(pl. -rn), f., eine grasart Bacher Lusern 425; zitter, m., zittergras, briza media Fischer schwäb. 6, 1245.
b) eine gallertartige masse, nur mundartlich belegt (vgl. zitterig 2; zittern 2): ziller (zu -ll- s. unter zittern), n., schweinskäse, so benannt wegen der zitternden bewegungen beim schütteln Follmann Lothr. 558a; tsetr, n., beim pressen gekochter würste ausgepresste gallerte Hentrich Eichsfeld 41; zitter, m., erstarrte sulzartige bratenbrühe Blumer Nordwestböhmen 96; zidder, f., gallerte, bes. beim schweinegelee lux. wb. 504a; zitterer, zitter gallerte, tremelle Schmeller-Fr. bayer. 2, 1164. vgl. auch die formal etwas abweichenden belege: zittere, f., gallert, sulz; sulz aus schweinsohren, schweineschwanz; fleischbrühe mit gewürzen Fischer schwäb. 6, 1246; altenburg. zitterte, m., gelee Müller-Fraureuth 2, 710a; sowie die komposita: zittermann gelee Gerbet Vogtland 209; zitteri-schmutz sulz, gallerte schweiz. id. 9, 1053; s. auch DWB zitterbrühe.
 
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zitter, adj., zitternd, vereinzelte, gelegentlich in frühnhd. zeit begegnende rückbildung aus zittern: mit weynenden augen, cziterem leibe Arigo decameron 61 lit. ver.; (ein zorniger mensch) mit wider und für sprintzenden augen und zitterem leib Wickram w. 1, 221 lit. ver.
 
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zitter-komposita. vorbemerkung: bei den zahlreichen zss. zum vb. zittern ist die etymologische zugehörigkeit meist nicht ausdrücklich angegeben, dagegen stets bei zss. zu 1zitter, 2zitter, 3zitter.
 
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zitteraal, m., gymnotus electricus L., ein in Süd- und Mittelamerika vorkommender fisch, der starke elektrische ströme aussenden kann (s. auch zitterfisch 3); zitteraal Schrader dt.-frz. 2 (1784) 1683c; der zitteraal, auch betäubender aal, drillfisch, köngeraal Campe 5, 876b: die elecktricität des zitteraals, an welcher man in den neuesten tagen wieder zu zweifeln anfieng, ist nunmehro auszer allen zweifel gesezt (1776) Lichtenberg br. (1901) 1, 267; Gotthelf ges. schr. (1855) 9, 97. in vergleichen: meine starre hand, die einmal den tod wie einen zitteraal berührt hat Jean Paul w. 1, 258 Hempel; ich habe die vergangene nacht da gelegen, wie ein zitteraal, geladen mit elektrischem fluidum Holtei erz. schr. (1861) 39, 84.
 
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zitterab, m., f., n., hautkrankheit. s. DWB zitterrapp.
 
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zitterach(t), m., f., hautkrankheit. s. zittrach(t).
 
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zitteraffe, m., cercopithecus trepida Ph. L. St. Müller Linnés natursystem 1 (1773) 130; danach: der zitteraffe (simia trepida L.) Campe 5, 876b; der zitteraffe le singe trembleur Schwan nouv. dict. (1783) 2, 1111b. zoologisch nicht sicher bestimmbar.
 
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zitterbaum, m., populus tremula L., dass. wie DWB zitterespe, -pappel: man theilet ihn (den pappelbaum) in dreyerley arten, nemlich in den weiszen mit breiten blättern, in den schwartzen und in den zitter-, weiden- oder pappelbaum allg. haush.-lex. (1749) 2, 499b; zitterbaum Gleditsch einl. i. d. forstwiss. (1775) 1, 526; Campe 5, 876b; Böttiger kl. schr. 3, 176 Sillig. wohl derselbe baum: für ein kropff nim zitterbaum und badschwamm, gleich vil ..., brenns zu pulver Gäbelkover artzneyb. (1596) 1, 165. —
 
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-brühe, f., gallerte, eine md. bildung (vgl. 4zitter 2 b): zötterbrîe die gallerte an der gepressten frischen rotwurst, an dem kalbsbraten Kleemann nordthür. id. 26b; gallerte: zederbríe Hertel Thür. 265; zitterbröih Schmidt Westerwald 340; zitterbrüh, -bröih Kehrein Nassau 1, 455.
 
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zittere, f., n., hautkrankheit. s. zittrach(t).

 

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