Wörterbuchnetz
Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
zirkel bis zirkelbaum (Bd. 31, Sp. 1583 bis 1601)
Abschnitt zurück Abschnitt vor
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) zirkel, m. , circinus; circulus (s. teil 2, sp. 627 und kreis teil 5, sp. 2144ff.). herkunft und form.
1) ahd. circil, zufrühest bezeugt in bibelglossen des 9./10. jhs. (ahd. gl. 1, 591, 2; 1, 617, 40; ferner 4, 46, 55; 4, 108, 17; 3, 637, 21 St.-S.; vgl. as. circil 'circinus' Gallée vorstud. z. einem altnd. wb. 43); bedeutung und lautgestalt (affrikata-anlaut auch der zweiten silbe) deuten auf lat. circinus als ausgangsform. das wort ist nach ausweis des anlautes spät entlehnt worden; der dabei vorauszusetzende konsonantische wandel in der endsilbe (circinus > circil) findet keine sichere erklärung. sofern nicht bereits im mlat. oder bei der übernahme ins dt. vermischung mit lat. circulus erfolgte, kann suffixangleichung vorliegen, indem das fremdartige -ĭnus durch das im ahd. stark wirksame und namentlich zur werkzeugbezeichnung dienende bildungsmittel -il ersetzt worden wäre; die annahme eines lautlich bedingten konsonantenwechsels befriedigt nicht (die von Kluge-Götze 15904b verglichenen fälle sind nicht gleichartig). gutturaler anlaut der endsilbe ist erst seit dem 12. jh. gesichert: circinus: cirkel id est rizza im summarium Heinrici ahd. gl. 3, 331, 28, ferner 4, 280, 25; doch vgl. noch im 13. jh. und später (s. u.) circinum: cirzel ahd. gl. 3, 398, 8 St.-S. im mhd. fällt das wort mit zirkel 'circulus' Lexer 3, 1133 lautlich zusammen, so dasz die entwicklung der beiden etymologisch zu trennenden formen von nun an als einheitliche, semantisch allerdings zweisträngige wortgeschichte zu behandeln ist. auf lat. circulus zurückweisendes zirkel wird nicht vor dem 13. jh. bezeugt (mhd. wb. 3, 909; vgl. ags. circul seit dem 10. jh.); ahd. quellen weichen aus: circulus anni pisciht iares (9. jh.) ahd. gl. 1, 275, 49; per septemane circulum duruh uuehchun umbincirh Benediktinerregel 229, 10 St.; a lunari circulo usque in terram fóne demo mânen únz ze dero érdo Notker 1, 819, 15; vgl. 1, 15, 5.
2) seit dem mhd. liegt die lautform des wortes im wesentlichen fest (Diefenbach gl. 113a; 117c; 121b; 121c; 263c; 399b; 599c; 635c; 641c; nov. gl. 25b; 85a; 92a; 188a). gelegentliche schwankungen betreffen den anlaut der endungssilbe (s. o.): zirzel, czirczel 'circinus' Diefenbach gl. 121b aus md. vokabularen der ersten hälfte des 15. jhs.; cirzel nov. gl. 92a; zirtzel 'circulus' (14. jh.) bei Fischer schwäb. 6, 1240; zirzel Schmidt id. Bernense 81. gegen die frühnhd. (bis zum ausgang des 17. jhs.) herrschenden formen zirckel, circkel dringt die nhd. schreibung zirkel (im 16. und 17. jh. nur vereinzelt) seit etwa 1750 als normalform zunächst für die bedeutung 'circinus' durch. dazwischen (1. hälfte des 18. jhs.) liegt eine zeit vorübergehender belebung dergelegentlich bereits früher verwendeten

[Bd. 31, Sp. 1584]


gelehrten schreibung circul 'circulus'. der in der zweiten hälfte des 18. jhs. unternommene versuch, zwischen cirkel 'circulus' und zirkel 'circinus' zu scheiden (so noch Moritz-Vollbeding gramm. wb. 4 [1800] 427), wird von Adelung wb. 5 (1786) 405f. abgelehnt; er empfiehlt die einheitliche schreibung zirkel und trägt damit zu ihrer endgültigen einführung seit etwa 1800 bei. allerdings fehlt es auch in der folgezeit nicht an abweichenden schreibungen bei konservativen schriftstellern oder dort, wo der fremdcharakter des wortes empfunden oder betont wird. namentlich gilt dies für zirkel in der bedeutung 'gesellschaftskreis'; die im 19. jh. nicht seltenen cirkel-schreibungen lassen beziehung auf frz. cercle erkennen.
3) während für zirkel in den landschaftsgebundenen schreibsprachen der frühnhd. zeit, beispielsweise im schwäb. (Fischer 6, 1240 f.), ein weites anwendungsgebiet offensteht, besitzt es in den neueren mundarten nur noch eingeschränkte geltung. lautliche abweichungen vom hd. namentlich auf md. gebiet: wandel ĭ > : erzgeb. zärkel, zerkel Müller-Fraureuth obersächs. 2, 708b; zerkel Müller-Schlösser Düsseldorf 271a; Autenrieth Pfalz 156; tserkl Martin-Lienhart elsäss. 2, 914a; gleichzeitig mit erweichung der silbenanlaute dsergəl Hofmann niederhess. 270a; mit rundung: zörgel Christa Trier 225a; zörkhel Fischer Samland 100; dehnung: zîrkel luxemb. wb. 504b; einschaltung eines silbenbildenden mittelvokals: tserikl Martin-Lienhart 2, 914a; tsirikl Meisinger Rappenau 213a. mundartliche sonderbedeutungen: 'zeiger der uhr' Kisch Nösner wörter 163; 'langbeiniger, unbeholfener mensch' Martin-Lienhart elsäss. 2, 914a; vgl. böhmischer zirkel sp. 1594. bedeutung und gebrauch.
I. zum messen gerader strecken und zum ziehen von kreislinien dienendes geometrisches instrument.
A. wege sachlicher und sprachlicher entlehnung, auf denen das dem altertum frühzeitig bekannte werkzeug (Tropfke gesch. d. elementarmath. 2[1923] 4, 83) und sein name (lat. circinus thes. lat. 3, 1098) in das germ. (ahd.) gelangt sind, bleiben im dunkel. circil steht (mit späte aufnahme sicherndem affrikata-anlaut) neben gleichzeitig auftretenden heimischen bezeichnungen (s. u.), zuerst faszbar im bereich der ahd. klosterbildung. bibelglossatoren (belege seit dem 9.—10. jh., vgl. sp. 1583) bedienen sich des lehnausdrucks zur wiedergabe des in der vulgata nur Esaias 44, 13 vorkommenden lat. circinus. von dort gelangt circil, cirkil in die alphab. und sachlich geordneten glossare des 11. und 12. jhs. (ahd. gl. 4, 46, 55; 4, 108, 17; 3, 637, 21; 3, 331, 28). konkurrenzbezeichnung in älterer zeit (vgl. auch ags. gefolrand Bosworth-Toller anglo-saxon dict. 279b suppl.; Wright-Wülcker 2, 46a index [auch in den ahd. gl. 1, 590, 46 ff.]) ist in erster linie ahd. rizza (Graff 2, 558; daneben vereinzelt ahd. rizil ahd. gl. 5, 9, 48 — 14. jh.), das sich in den formen mhd. rizze, frühnhd. rizze, f. (neben den m. risz und riczel) als circinus-glossierung in mhd. und frühnhd. vokabularen fortpflanzt. seit dem frühnhd., gegenläufig zu dem absterben des alten rizze (risz), ersteht in mnl. passer (Verwijs-verdam 6, 182 f.; Schiller-Lübben 3, 308b) eine neue bezeichnung (vgl. Diefenbach gl. 121b; nov. gl. 92a sowie teil 7, 1487; die obd. gemma [Straszburg 1508] e 2d bietet: circinus ein circkel; dagegen die Kölner gemma-ausgabe von 1495: circinus eyn passer E 2d). das wort lebt im norddeutschen raum, insbesondere als nautischer ausdruck (Kluge seemannssprache 608 f.) während der folgenden jahrhunderte fort, ohne hochsprachlich zu werden; doch noch Campe verdeutschungswb. (1801) 228a kann die einführung von passer als ersatz für das lehnwort zirkel erwägen (vgl. auch ebenpasser im nouv. dict. fr.-alem. [Basel 1669] 214b). eine konkurrenzform des 17. jhs., das roman. sprachen entnommene fremdwort compasz Hulsius-Ravellus it.-frz.-dt. (1616) 508a; Kramer t.-it. 2 (1702) 1468c; compasz-circul Abr. a S. Clara etwas f. alle 2 (1711) 77 ist nicht durchgedrungen. ebensowenig vermochten dies die zahlreichen während des

[Bd. 31, Sp. 1585]


17. jhs. vorgeschlagenen ersatzwörter wie kreiszieher (1645) Zesen Ibrahim (1667) 125; kreishalter, kreismesser, kreiszeichner, kreisling, (kreis)ringmacher, ringzeichner, ringmesser bei Dögen kriegsbauk. (1648) (x) 3b; vgl. dazu (ablehnend) Schottel (1663) 1449; ferner aus dem 18. jh. kreiser, kreis(be)schreiber Heynatz syn. wb. (1795) 565b; antibarb. (1796) 2, 1, 201. Schottel a. a. o. 1448 f. nimmt zirkel als angeblich deutsches wort in schutz, und nachdem bereits im 18. jh. die z-schreibung für zirkel 'circinus' deutlich den vorzug hat gegenüber cirkel 'circulus', erklärt Campe das wort in dieser bedeutung 1801 endgültig für eingebürgert (verdeutschungswb. 228a). als geometrischer ausdruck hat zirkel an bestimmtheit der bedeutung gewonnen, seitdembeginnend im 17. jh. — zirkel 'circulus' im geometrischen sinne durch kreis abgelöst worden ist (s. sp. 1587).
B. mhd. und nhd. als hochsprachliche bezeichnung des nur in bestimmten fachgebieten gebräuchlichen, jedoch durchgängig bekannten werkzeuges in allgemeiner verwendung; Diefenbach gl. 121b; nov. gl. 92a; Dasypodius (1536) 304b; Maaler (1561) 84c:

ich halt den ouch nit jtel wisz
der ... nymbt den zyrckel jn die hant
das er dar durch berichtet werd
wie breit, wie lang, wie witt die erd
S. Brant narrenschiff 65b Zarncke;

man liszt von ainem der was ain grosser maister in der kunst des maszwerkes mit dem zirckel Keisersberg pred. teutsch (1508) 11c; (kein) zimmerman, steinmetz, maurer (darf) einen newen andern circkel ... gebrauchen, der dem (gebräuchlichen) nit gleich sey Paracelsus opera 2, 317 Huser; underweysung der messung mit dem zirckel und richtscheyt (1525) Dürer titel; das magstu probiren ... mit dem circkel A. Riese rechenb. (1581) 72b; messe auch mit einem auffgesperten circkel, wie weit es seye ...; begreiffe mit einem circkel das viertheil der bodenbraitte (1616) Kepler bei Götze mathem. fachspr. 227; die astrologen schrieben nun, dasz der planet Mars über der sonne 15 750 meilen hoch stehe, welches ich gut sein lasse, weil ich mit dem zirkel nicht umgehe J. Böhme s. w. 2, 299 Schiebler;

wo man nicht hinkommen kan,
wo die augen nicht hinreichen,
wil der cirkel wolken an
zeigen, wie die sterne weichen
Harsdörffer frauenzimmer-gesprächsp. (1641) 6, Ff 1b;

vgl. die barocke metapher das zweygefusste eisen Ff 1a; zirckel und winckelmäss Moscherosch gesichte (1650) 492; wie ... mangelhafft würden wohl die ... grundrisse ... ohne zirckel und linial angegriffen werden? Abr. a S. Clara etwas f. alle (1699) 2, 778. von Wolff in die neuere sprache der mathematik übergeführt: der zirckel ... ist nebenst dem lineal das nöthigste und nützlichste in der geometrie mathem. lex. (1716) 348; ebene figuren zu zeichnen brauchet man wenigstens zwei werkzeuge, ... nämlich das richtscheit (regula, lineale) und den zirkel Bürja gröszenlehre (1799) 68; mit eben dem zirkel, mit dem man anfangs nur hufen masz, miszt Newton himmel und erde Schiller 1, 155 G.;

hast du
dein lebenlang umsonst der sterne lauf
gemessen? — den quadranten und den zirkel
geführt? ebda 12, 235 G.;

auf dem nächsten stocke, den ich nun besuchte, wohnte ein kleiner mechanikus, welcher mit allerlei volkstümlichen genauigkeitswerkzeugen, wie wagen, massstäben, zirkeln ... handelte G. Keller ges. w. (1889) 2, 129.
C. im übertragenen sinne
1) anknüpfend an die verwendung des zirkels für messungen hohen genauigkeitsgrades etwas mit, nach dem zirkel abmessen 'es peinlich genau nehmen, mit höchster sorgfalt und gleichsam mathematischer exaktheit festsetzen', vgl. schwebend zwischen eigentlichem und uneigentlichem gebrauch, ironisch: nun bestimbter tag (des prophezeiten jüngsten gerichts),

[Bd. 31, Sp. 1586]


wölchen der Stifel mit dem circkel gewiss gewiss on allen zweyfel am himmel abgemessen hett, verhanden wer Joh. Nas antipap. eins u. hundert 1 (1567) 4b. redensartlich fest: wer ... eine wichtige sache zu papyr setzen will, muss ... jedes wort gleichsam mit dem circkel abmessen Harsdörffer teutscher secretar. (1656) 1, (b) 1b; die vernunfft will alles (so) eben vnd gleich haben, als wanns mit dem circkel abgemessen were Stoer frz.-dt.-lat. (1663) 189b; seine sachen alle nach dem compasz oder circkel abmessen (gar genau und auff ein härlein gehen) Kramer it.-dt. (1676) 1555b.
2) der zirkel als werkzeug empirisch-rechnerischer wirklichkeitserfassung wird zum attribut des rationalen menschlichen erkenntnisvermögens in seiner beschränktheit gegenüber dem transzendenten: das wesen dieser welt ist wohl zu erforschen: aber das centrum oder der punkt der bewegnisz will der vernunft stumm bleiben: es sei denn ein ander licht darinnen. sie vermeint sie hats am cirkel und kanns messen, und hats noch nicht im verstande J. Böhme s. w. 5, 51 Schiebler; seine winke und äuszerungen sind ... so ex-centrisch und wunderbar, dasz unsre vernunft ihren cirkel nirgend anlegen, und sie nicht zusammenhängen und reimen kann Claudius s. w. (1775) 4, 81.
3) ausgehend von der zirkelfunktion des ermittelns geforderter, vorgeschriebener masze in dem übertragenen sinne 'richtschnur; kriterium (der glaubensrichtigkeit)', isoliert bei Luther: es ist das winckeleysen, richtscheit und zirckel, das alle treum, gesicht unnd weiszagungen sollen heiszenn: 'wer den namen des herrn anrufft, solle selig werden' (1538) 46, 410 W.; hastu feine gedancken und gesicht, gib sie her, las sie mit dem circkel meszen (1538) ebda. ohne zusammenhang mit dem vorausgehenden, doch mit verwandter grundvorstellung (zirkel als meszwerkzeug): (der todestag) ist der herrntag, der richttag aller übrigen tage, es ist der tag, sagt einer der alten, der all meine vergangene tage zwischen zirkel und winkelmaass nimmt Bode Montaigne (1793) 1, 116.
D. der zirkel als symbol, vgl. Breysig wb. d. bilderspr. (1830) 965.
1) als attribut allegorischer gestalten, mit wechselndem sinnbildwert: vnd sint dis die zeichen, werckzüg oder instrument die solich personen bedüten: nammlich ... hammer, zirtzel, pygel Riederer rhetoric (1493) k 3b; (frau stunde:)

den zirckel, winckelmesz drum trag,
das ich damit ausmessen mag
eim yeden sein stund, tag und zeit (1555)
Wickram w. 4, 138 lit. ver.;

(das mütterchen Geometria hat) ihr haab vnd gut maisten theils ihren kindern vbergeben, dem tischler das winckelmaass, dem binder den circkel vnd hemstab (1616) Kepler bei Götze mathem. fachspr. 227; (die als pilgerin dargestellte kunst in einem allegorischen schauspiel der Neuberin) trug an statt des pilgerstabs einen maasstab und zirkel Schwabe belust. (1741) 1, 384; zirkel ... ein zeichen der billigkeit. man hat ihn in malereyen der vorsichtigkeit zum zeichen gegeben: anzuzeigen, dasz ein vorsichtiger mensch seine maszregeln allezeit richtig zu nehmen wisse. ein zerbrochener zirkel deutet eine verwirrte vernunft an Gottsched wb. der schönen wissensch. (1760) 1686; an der wand war mit reisznägeln ein arithmetischer stich befestigt, ... ein sogenanntes magisches quadrat, wie es neben dem stundenglase, dem zirkel, der waage ... auch auf Dürers 'Melancholia' erscheint Th. Mann Faustus (1948) 148.
2) die traditionell fortgeführte verwendung als elementarwerkzeug der exakten wissenschaften sowie der charakter einer 'einfachsten form' von ausgeprägter emblematischer sinnfälligkeit lassen den zirkel geeignet erscheinen, als symbol insbesondere für die unanschauliche welt der wissenschaften und des forschenden geistes zu dienen (vgl. schon C 2 und D 1). wahrzeichenhaft als hilfsgerät der 'mathematischen' fächer des quadriviums: mit dem

[Bd. 31, Sp. 1587]


circkel vnd astronomei vnd geometrei, music vnd aritmetica war er fürbindig gelert S. Franck chron. (1538) 76a. allgemeiner als sinnbild ernster studien- und forschungstätigkeit:

schertz, lachen, spiel und vers sind bloss mein zeitvertreib;
die zirckel haben ruh, die bücher müssen passen
J. Chr. Günther ged. (1735) 581;

Giseke poet. w. (1767) 73. in abwertendem sinne; der zirkel als sinnbildliches attribut der bewuszt und verstandesmäszig nachschaffenden oder zergliedernden geistestätigkeit des menschen in ihrer begrenztheit gegenüber gott und der natur: o heilige natur, die du alle deine werke hervorbringest in liebe, leben und feuer, und nicht mit zirkel, lineal, nachäfferey Gleim briefw. 1, 336 Körte; Heinse s. w. 4, 198 Schüddekopf; allein zirkel und massstab und das ewige messen und rechnen waren seinem ungebundenen geiste und seinem wilden jugendmute zu langweilig gewesen G. Keller ges. w. (1889) 6, 157. religiös:

ohne zirckel und kompas
hat gott erschaffen alles das
Kramer teutsch-it. 2 (1702) 1468c.

werturteilsfreier: so müssen wir die ... schöpfungen der kunst mit zirkel und richtscheit zerlegen Brunn kl. schr. (1898) 3, 287; mit zirkel und mit zahlen, wie das bild (Dürers kupferstich: Melancholia) es zeigt, hatte er selbst das gesetz der schönheit zu erfassen gesucht und es nicht gefunden Dehio gesch. d. dt. kunst. 3 (1926) 55.
E. zirkel (circinus) 'in der astronomie sternbild bei 225° gerader aufsteigung und 60° südlicher abweichung' groszer Brockhaus 1520, 659a; Bürja gröszenlehre (1799) 205:

das todte, dessen ruhm soll dort (auf der sternkarte) unsterblich bleiben:
triangel, pendeluhr, luftpump' und seekompasz,
zirkel und lineal, fernrohr und winkelmasz
Rückert ges. poet. w. (1867) 8, 478.


II. die figur des kreises; vgl. kreis teil 5, sp. 2144ff.
A. in geometrischer verwendung.
1) gestützt durch circulus im lateinsprachigen math. schrifttum bleibt zirkel bis in das 17. jh. hinein als geometrisches fachwort herrschend. so verwendet Kepler im text des weinvisierbuches von 1616 nur zirkel für den begriff 'circulus'; vgl. Götze mathem. fachspr. 224. erst in den späteren jahrzehnten des 17. und in der ersten hälfte des 18. jhs. setzt sich kreis an die stelle von zirkel, das jedoch in mathem. quellen des 18. jhs. weiterhin häufig neben kreis erscheint, vgl. Schirmer wortsch. d. math. 40; Busch dt. fachspr. d. math. 13; 31. die für die erhöhte sprachbewusztheit des 17. und 18. jhs. störende zweideutigkeit zirkel 'circinus' und 'circulus' wird durch die bindung des begriffes circulus an ein hochsprachliches wort deutscher herkunft behoben. scheidungsversuche setzen frühzeitig ein: circkl 'circinus, das instrument; circulus der kraisz damit gemacht' Schönsleder prompt. (1618) K 1b; circulus 'ein kreisz, ein eingezogen circkel' nomencl. lat.-germ. (1634) 325; blosz attributive verdeutlichung ohne das ersatzwort: circinus 'ein circkel von holtz ..., darmit man circkelt'; circulus '(ein gezogener) circkel' Zehner nomencl. (1645) 32. auch die während des 18. jhs. zu beobachtenden graphisch-etymologischen sonderungsbemühungen (die schreibungen cirkel 'circulus', zirkel 'circinus', vgl. Heynatz synon. wb. [1795] 1, 565b; der gebrauch circul 'circulus', zirkel 'circinus' bei Wolff math. lex. [1716]) gehören in diesen zusammenhang. am ende des 18. jhs. wird kreis als gültiger geometrischer fachausdruck legitimiert: vor diesem hatte man nur ein und dasselbe wort, um den kreis und das werkzeug, womit man ihn zeichnet, zu benennen: beides hiesz zirkel, oder wohl gar circul. jetzt weisz fast ein jeder, dasz man einen zirkel gebrauchet, um einen kreis zu zeichnen Bürja gröszenlehre (1799) 61; zirkel 'circulus' ist als mathematischer ausdruck der neueren sprache nur in vereinzelten festen wendungen (bes. quadratur des zirkels) geläufig geblieben.

[Bd. 31, Sp. 1588]



2) die geometrische figur des kreises: kreislinie, kreisfläche. lat. circulus bezeichnet ursprünglich die kreislinie, doch verschiebt sich der sinn des deutschen wortes von vornherein oft unmerklich zu der vorstellung 'kreisfigur, kreisgestalt', seltener 'kreisfläche' (s. u. 4). das bedürfnis terminologischer unterscheidung hat für 'kreisfläche' und 'kreislinie' frühzeitig genauer bestimmende umschreibungen und zusammensetzungen aufkommen lassen (vgl. abh. z. gesch. d. mathem. [1899] 9, 328), ohne dadurch zirkel von der aufgabe zu entlasten, auch diese sonderungen des allgemeinen bedeutungswertes 'kreisfigur' zu bezeichnen. belege: Schirmer wortsch. d. mathem. 40; Götze mathem. fachspr. 224; ain zirckel, ist ein ebne figur mit einer linj begriffen ... in welcher mitten ain punct steht Holtzmann Euclid (1562) 2; der vmbkreiss am circkel, oder seine 360 gradus Kepler messekunst (1616) bei Götze mathem. fachspr. 225, vgl. 226f.; auch für die nur kreisähnliche figur der ellipse, mit unterscheidendem attributiven zusatz: ein eylini oder ablänger circkel hat nicht einerley breitte mit der höhe a. a. o. 15; erneut abgrenzend nennt Kepler den kreis 'gerechter zirkel' 226; ein circul ist eine ebene figur, in welcher alle puncte ihres umkreises von dem mittelpuncte gleich weit sind Wolff math. lex. (1716) 354; wie man auch in der mathematik gewöhnlich den zirkel als ein polygon von unendlich viel seiten ansiehet (1747) Kant w. 8, 99 Hart.; an der regel reiner gestalten im raum denke ich kein schema, weder des triangels noch cirkels Herder 21, 114 S.;

aber im stillen gemache zeichnet bedeutende zirkel
sinnend der weise
Schiller 11, 80 G.;

ein zirkel ist nicht viereckigt Schelling w. (1856) 1, 221. zurücktretend: das wort zirkel wird bisweilen auch für kreis gebraucht Helfft wb. der landbaukunst (1836) 422.
3) jemandes zirkel stören; redensartliche fügung im anschlusz an den ausspruch des Archimedes 'noli turbare circulos meos': 'störe meine zirkel nicht!' Schubart ästhet. d. tonk. (1806) 151; in neuerer sprache häufiger mit kreis verbunden: Büchmann geflügelte worte 27455; übertragen 'in jemandes pläne hindernd oder verwirrend eingreifen, seine absichten beeinträchtigen' (s. teil 10, 3, sp. 392): mit erstaunlicher kälte konnte er sich von altbewährten vertrauten trennen, wenn sie ihre abweichende meinung öffentlich kundgaben und ihm seine zirkel störten Treitschke dt. gesch. 45, 14. freier, mit abstraktem attribut:

was hilft es, dasz man sich bemühet,
und tag und nacht in fleisz verzehrt,
wenn uns, eh man es sich versiehet,
der tod des lebens zirkel stört?
Triller poet. betracht. (1750) 3, 573;

auch jemandes zirkel verrücken: diese zeitung verrückte dem Tiberius alle seine zirckel Lohenstein Arminius (1689) 1, 1158b; 2, 711b; 2, 982a; auslöschen 1, 565a; zerstören Pfeffel poet. versuche (1789) 2, 19; einreiszen Gutzkow ges. w. (1872) 10, 186. dem sinne nach steht nahe nicht in jemandes zirkel passen: übrigens ist die sache nicht besonders wichtig, aber mir paszt sie nicht in meine zirkel (1888) G. Freytag br. an s. gattin (1912) 234.
4) quadratur des zirkels 'verwandlung einer kreisfläche in ein inhaltsgleiches rechteck (quadrat)', ein mit den geometrischen elementarwerkzeugen (zirkel und lineal) nicht zu lösendes mathematisches problem. lat. quadratura circuli, ins deutsche umgesetzt zu einer zeit (um 1700), da zirkel den geometrischen begriff 'circulus' noch gültig vertritt. von der verdrängung des wortes durch kreis bleibt die redensartlich werdende fügung längere zeit verschont; doch hat jüngste sprache das zum relikt erstarrte zirkel durch kreis ersetzt: die quadratur des kreises Klügel mathem. wb. (1823) 4, 59; belege (vgl.quadratura circuli, das ist, die vergleychnus eines cirkels vnnd eines quadrates Dürer vnderweisung [1525] F 6a): Archimedes hat gewiesen, dasz die quadratur des circuls gefunden

[Bd. 31, Sp. 1589]


sey, wenn man die wahre verhältnis des diametri zu der peripherie herausgebracht Wolff mathem. lex. (1716) 1141, seitdem fest in mathematischer fachsprache. literarisch seit dem 18. jh. gerne aufgegriffen als beispiel und formel für schwierige, unlösbare und daher vergeblich erörterte mathematisch-gedankliche problematik, mit dem unterton leichter ironie (vgl. teil 7, sp. 2297); eigentlich: wer weis, ob sie (ein 'tiefsinnig' daliegendes weibliches schoszhündchen) nicht die quadratur des zirkels untersucht, oder gar mit einer philosophischen spitzfindigkeit beschäftigt ist? Rabener s. w. (1777) 1, 196; Hippel über d. ehe (1774) 18;

ein uhu sann in stiller feyer
der quadratur des zirkels nach
Pfeffel poet. versuche 2 (1789) 19;

sie würden ihre zeit ... nicht viel fruchtloser verwenden, wenn sie sich mit der quadratur des zirkels beschäftigten Gentz schr. 2, 61 Schlesier. in neuerer sprache vorwiegend übertragen: der linke flügel der nationalliberalen unter der führung Laskers versuchte wieder einmal die quadratur des zirkels zu entdecken Bebel a. m. leben (1946) 3, 14; Say hat geschichtliche untersuchungen über den tauschwert des geldes als die quadratur des zirkels in der wirtschaftslehre verspottet Luschin v. Ebengreuth münzkde u. geldgesch. (21926) 229; (dieser plan) ist die gelöste quadratur des zirkels italienischer politik Werfel Bernadette (1948) 357. in anderer form: dieses mittel aber wäre so schwer zu treffen, als ein zirckel ins gevierdte zu bringen Lohenstein Arminius (1689) 2, 988a; des zirkels viereck Lichtwer schr. (1828) 83; seht, so ein reifen ist für mädchenaugen des zirkels viereck, der echte zauberring Grabbe w. 2, 31 Blumenthal; vierung des zirkels, vgl. Lessing 7, 407 L.-M. (Logauwb.).
B. in auszergeometrischer verwendung.
1) die kreislinie.
a) als formbezeichnung in allgemeiner verwendung.
α) die geometrisch-zeichnerisch dargestellte oder darstellbare figur der kreislinie: (die munistiere) habend ... runde hörner gekrümbt vmb die oren als ein zirckel Herold-Forer Gesners thierb. (1563) 126; man macht nider an am boden im staub ... mit einem stecken ein grossen zirckel (kreis für ein ballspiel) Guarinonius grewel d. verw. (1610) 1211;

wer zieht die zirkel rund, gerad den zärtsten strich,
und zeichnet blum und baum, als wär es kupferstich?
Triller poet. betracht. (1750) 4, 15;

täglich zur selben zeit lustwandelten sie rauschend in vollem staate vor dem schloss, gleichsam leuchtende zirkel und namenszüge durch den garten beschreibend Eichendorff s. w. (1864) 3, 415; tonnengewölbe (des Themsetunnels), unten vom zirkel nach einwärts abweichend Grillparzer s. w. 20, 112 Sauer. übertragen: musz ich nicht alle zirkel um mich her aus meinem mittelpunkte ziehen Tieck schr. (1828) 6, 327.
β) von einer menschengruppe gebildeter kreis (vgl. III): (die frauen) sich in circkels weise (quasi in cerchio) nider saczten Arigo decamerone 9 Keller; als wann vil menschen in eynem zirckel oder kron sitzen Terenz deutsch (1499) C 8b glosse;

das gmeyn krigszvolck inn eyner summ
stund als inn eynem circkel rumm
Wickram w. 8, 158 Bolte;

kaum hatten wir platz genommen, so drängte sich ... eine ... menge Indianer herbei, und schloss uns in einen sehr engen zirkel ein J. G. Forster s. schr. (1843) 1, 253. übertragen auf die den kreis bildende menschengruppe: ein armer zerlumpter mann, der kein hembde auf dem leibe hatte, liess seinen anspruch dadurch fahren, dass er sich zwey schritte aus dem zirkel (der bettler) zurückzog Bode Yoricks empfinds. reise (1768) 1, 93; Niklas ... taumelte ... um den geschlossenen zirkel der disputirenden Bettine d. Günderode (1840) 1, 64.

[Bd. 31, Sp. 1590]



γ) kreislinie, gebildet von stofflichen erscheinungen: grab die violl in die erde, dasz nur das maul zween zwerch finger herausser gehe, mache einen circkel fewer darvmb M. Ruland lex. alchem. (1612) 432; halbrunder zirkel von federn auf dem bauche der rebhühner fer à cheval Schrader dt.-frz. (1784) 1683; (der ringkragen bestand aus holzstücken,) die mit harz zusammengeleimt waren und einen halben zirkel ausmachten J. G. Forster s. schr. (1843) 2, 13; sie kam sich selbst wie verzaubert vor zwischen diesen stillen zirkeln von buxbaum und spalieren Eichendorff s. w. (1864) 3, 360. insbesondere umgrenzungs-, umfangslinie, peripherie kreis- oder kugelförmiger konkreta: die (münze) ist auch von fein silber ..., der circkel oder circumferentz ist eines batzens breit J. Mathesius Sarepta (1571) 163a; auch Orfeus besingt den Oceanus, welcher rings der erd umgrenzenden zirkel umflutet Voss krit. blätter (1828) 2, 173. zirkel des himmels: dann zu gleicherweiss wie gott beschaffen hat den circkel (vorhergehend: rotunditet) der globel vnd dess himmels Paracelsus opera 2, 25 Huser; vmbkraisz vnnd zirckel des hymmels Boner Herodot (1535) 26b. der knopf (turmknauf) ... hat in zirckel an der weiten 8 stat schuh 8 zoll, an der höch 2 zoll (Nürnberg) städtechron. 11, 477;

die kuglen sind den meren teil,
wenn man sie misst mit einem seil,
im zirkel zehen spannen wit
Niklas Manuel v. papst u. s. priestersch. 916 Bächtold.


δ) zirkel als bezeichnung kreisförmiger konkreta; im älteren nhd. 'metallener ring, reif': fundus ein güldn oder messen circkel, damit man ein edelsteyn fasset Alberus nov. dict. (1540) Q 2b, vgl.Kk 4a; solches machet, das ich gott fasse in ein rinck und circkel oder in ein glas, darinnen ich in wil behalten (1524) Luther 16, 141 W.; Stumpff Schweizerchron. (1606) 190a; spiegel mit einem stählernem reiff oder zirckel umher belegt Francisci (1676) lusthaus 697; da hat man umb den halsz einen guldenen zirkhl gefunden, auf welchem geschriben dise wort: beatus, selig, selig, selig, der einem armen dient (um 1685) Abr. a S. Clara neue predigten 168 lit. ver.; als fessel: seind ich nw die selben czirkel und eysereinn pant selber doselbs gesehen han (quia eosdem circulos vidi) (15. jh.) Hartlieb dial. miracul. 52, 4 Drescher; bewegte, wandernde kreise auf dem wasser, wasserringe: dasz jmmerdar eine auff die andere folgete, wie die circel auff dem wasser, wenn steinlein sind hinein geworffen worden Meyfart v. d. himml. Jerusalem (1630) 2, 129;

ein zirkel nur im wasser ist der ruhm,
der niemals aufhört, selbst sich zu erweitern,
bis die verbreitung ihn in nichts zerstreut.
mit Heinrichs tode endet Englands zirkel,
zerstreuet ist der ruhm, den er umschloss
(glory is like a circle in the water) Shakespeare 7 (1801) 215.

'ringförmiger streifen': die panther haben vber den gantzen leib in weissen circkeln (in candido) schwartze flecken Heyden Plinius (1565) 120; die jnnerliche substantz (der mechoacawurzel ist) schön weisz mit vilen circkeln vnterscheyden Sebiz feldbau (1579) 233; (der edelstein hat adern,) die mit milchfarbenen zirckeln oder gürteln um ihn herumgehen allg. haush.-lex. (1749) 2, 481b; 'holzring': zirkel der bäume Krünitz öcon. encycl. 242 (1858) 17; 'kreis der pupille':

wer einen steiffen blick in eure zirckel führt,
wird sehen, dasz allhier nur list und macht regiert,
...
ihr schwartzen augen ihr, in euren dunckeln gründen
Hoffmannswaldau u. a. Deutschen ged. (1697) 2, 49.


ε) in fester redensartlicher fügung: sich aus dem zirkel saufen sinn und witz verlieren Wander sprichwörterlex. 5, 593; wenn er einen excess begangen vnd sich ausz dem circkel gesoffen Corvinus fons lat. (1646) 110; biss ich mich dermassen aus dem zirckel gesoffen hatte, dass mein ... cörper ... zu boden fiel Schnabel insel

[Bd. 31, Sp. 1591]


Felsenburg 90, 23 Ullr.; aus dem zirkel kommen se déferrer, se démonter, perdre la tramontane nouv. dict. al.-fr. (1762) 1131a; er ist aus dem zirkel gekommen 'sein kopf, verstand ist verrückt' Meiner wb. üb. dt. idiotismen (1821) 266a; vgl. im nd.: dat dat ful blaut dor wedder in'n zirkel kamen süll J. Brinckman plattdt. w. 5, 45; in anderer übertragener verwendung: einen circkel verfertigen etwas gantz vnd gar auszmachen oder verfertigen; circulum absolvere Henisch (1616) 605; vgl. Wander sprichwörterlex. 5, 593.
ζ) zirkel in sinnbildlich-übertragenem gebrauch; ausgehend von der konkreten vorstellung 'ring, reif' mit dem begriff des umschlieszenden und begrenzenden, metaphysische sachverhalte veranschaulichend: got der herr ist vberal vnd mag in kainem circkel vmbgeben noch zuo vnwesen geendet werden Berthold v. Chiemsee teutsche theol. 262 Reithm.;

gott allein ist vom wechsel befreyt, kein zirkel beschleuszt ihn
Bodmer Noah (1752) 212;

anders: Parmenides sagte, gott sey ein zirkel, der den himmel umspanne und die welt durch die wärme des lichtes erhalte Bode Montaigne (1793) 3, 446; mit dem begriff des in sich geschlossenen: und ist alles (der zusammenhang gottes mit Christus und über Christus mit der kreatur) jnn einander geschlossen als eine keten und machet einen gantzen runden zirckel, ja einen lieblichen schönen krantz Luther 28, 184 W. oft als sinnbild der ewigkeit, mit verschiedener sinntönung: diese ewigkeit ist uns von gott ... gleichsam wie ein ring ob dem haupt aufgehengt worden ... dieser entsetzliche zirckul ob uns hanget Abr. a S. Clara etwas f. alle (1699) 2, 551; jeder zustand der menschlichen seele hat irgend eine parabel in der physischen schöpfung, wodurch er bezeichnet wird ...; lebhafte thätigkeit nennen wir feuer, ... die ewigkeit ist ein zirkel Schiller 4, 41 G.; und wenn gott auf den wasserfall sieht, so malt sich der zirkel der ewigkeit als regenbogen auf ihn Jean Paul w. 7/10, 451 Hempel; der zirkel wird immer das ewige und in sich vollendete bedeuten A. W. Schlegel s. w. (1846) 9, 130. von blasserer konkreter grundvorstellung her, verbunden mit dem begriff des zusammenhängenden, in sich geschlossenen und bezogen auf systemhaftes oder organischeinheitliches: encyclopädia der zirckel aller guten künsten, da eine an der anderen hangt Calepinus XI ling. (1598) 480b; du Louise und ich und die liebe! — liegt nicht in diesem zirkel der ganze himmel? Schiller 3, 434 G.; die grundlage alles wahrhaft menschlichen zusammenlebens wird immer der heilige cirkel bleiben, den mann, frau und kind ... mit einander bilden D. Fr. Strausz ges. schr. (1876) 6, 170. — umgrenzungslinie, grenze: verflucht seye dieser unbescheidene poet, der der erste seine gedancken inner die zirkel eines verses getrieben (qui) dans les bornes d'un vers enferma la pensée) discourse d. mahlern (1721) 2, 54; 'bereich' nahekommend:

wer kann in dieser welt vollkommen glücklich seyn?
lasz uns den kühnen wunsch in engre zirkel schränken!
Cronegk schr. (1766) 2, 37


b) besondere verwendungs weisen.
α) mhd. zirkel 'stirnreif, schapel, krone der könige' beruht auf lat. circulus 'krone, diadem'; vgl. Wilmans zu Walther 9, 13; Heyne dt. hausaltert. 3, 321; 334f.; vereinzelt noch nhd.; wie reif, das in dieser verwendung gern attributive erweiterungen an sich zieht (insbes. goldener reif dichterisch bis zur Goethezeit teil 8, sp. 621), steht auch zirkel vorzugsweise mit näher bestimmendem zusatz (goldener zirkel); übertragen, in der gehobenen kunstsprache des 17. jhs.:

sie, Sisigambis, ist ein zirckel aller zierden
Lohenstein Ibrahim sultan (1673) 63;

dazu vgl. die mhd. formeln: der vreuden, zühte, gezierde krône; gelehrte und literarische überlieferung erhalten diesen gebrauch bis in das 18. jh. lebendig: das III. hauptstück

[Bd. 31, Sp. 1592]


endlich zeiget, die alten herzoge wären durch herzogliche kronen, die man auch goldene zirkel, insgleichen kränze genennet, gezieret, und unterschieden gewesen anmuth. gelehrsamk. 6, 638 Gottsched. im letzten viertel des jhs. literarisch wiedererweckt; vgl. die wiedergabe von Macbeth I 5
and chastise with the valour of my tongue
all that impedes thee from the golden round: alle diese gedanken ..., die dich von dem goldnen zirkel zurükscheuchen (1765) Wieland 2, 3, 82 akad.; ebenso goldener zirkel Wagner theaterstücke (1779) 27; Bürger s. w. 291b Bohtz; Schlegel-Tieck Shakespeare 9 (1833) 289; goldener reif: Schiller 13, 27 G.; J. H. Voss Shakespeares schausp. 29, 19;

mit der sichern hand
meynt er, den goldnen zirkel schon zu fassen
Schiller 12, 189 G.;

da bückt sie sich, 'nen stein hat sie ergriffen,
auf eines Gascons helm wirft sie ihn nieder,
dasz sie den ganzen zirkel ihm zersplittert (1811)
Uhland ged. (1898) 1, 336.


β) 'beschwörungskreis des zauberers; magischer kreis', vgl. hdwb. d. dt. aberglaubens 5, 462ff. und kreis teil 5, sp. 2147: circkel oder kreysz, den die zauberer gebrauchen Hulsius it.-dt. (1605) 61b; der kreisstrich und der von ihm umfaszte, von magischen kräften beherrschte raum: also sind si beid in ein zirckel und kreiss gangen nachts in einer kammer ... do beschwur der meister den tüfels-geist (vor 1572) Tschudi chron. Helvet. (1734) 1, 302; vgl. Zimmer. chron. 1, 577 Barack, wo der vermessene, vom teufel in geistesverwirrung gestürzte zauberer noch im wahnsinn zirkel und caracteres auf den boden malt; in diesem wald gegen abend in einem vierigen wegschied machte er mit einem stab etliche circkel herumb, ... beschwure also den teuffel in der nacht (1587) volksb. v. dr. Faust 14 ndr.; (der schwarzkünstler) macht mit den stecken einen circul vmb sich ... 'wie nun du vnverschambter kerl, bleib ausz diesen circul oder alszbald wil ich befehlen, dasz du in den Böhmer waldt solt gesetzt werden' engl. comedien u. trag. (1624) T 2b; Gryphius trauersp. 93 lit. ver.; J. E. Schlegel w. (1761) 2, 236; faszlich sollst du mir den machen, der alles geordnet hat, und wenn der flammende blitz ... mein haupt sengte, und mich leblos in diesen zirkel der verdammnisz hinstreckte Klinger philos. romane (o. j.) 1, 68; ich steige jetzt in diesen gebannten zirkel, sicher vor euch und der hölle mal. Müller s. w. (1825) 2, 153; wie ein zauberer die geister in seinen zirkel zwingt, muszten die mächte ihm (dem menschengeist) dienen zur arbeit W. Schäfer 13 bücher d. dt. seele (1923) 534; übertragen: der mann ist nur ein esel, der so weiberhaft ist, seine neigungen in einen zirkel zu bannen Tieck schr. (1828) 12, 265; Nietzsche w. (1895) 1, 72. der kreis als magisches zeichen unabhängig von beschwörungsakten: Dannhawer catech.-milch (1657) 1, 187; bey etlichen sind es (die hexenzeichen) nur schwartze strichlein oder runde zirckel oder flecken J. Döpler theatrum poen. (1693) 359; andere aber konnten solche gesegnete waffen wieder des segens entledigen durch einen zirkel und zeichen, die sie in den sand machten G. Freytag ges. w. 20 (1888) 74.
γ) als name eines spiels: jedoch hett er allerley spiel inn allerley wehren vor, ... als nämlich spilt er ... des zirckels Fischart Garg. 263 ndr.; s. glückszirkel teil 4, 1, 5, sp. 420.
δ) von erscheinungen der erdatmosphäre und des weltraumes; vgl. zona snur vel (b)ant vel zirkel in dem hymmel (md. 15. jh.) Diefenbach gl. 635c; 'milchstrasze': galaxus eyn wyd (weiszer) cirkel (nd. 1417) nov. gl. 188a; 'himmelskörper umschlieszender ring; halo, korona': die circkel vmb die sonnen (1510) Reynmann wetterbüchl. 4 Hellmann; wurden widerumb drey sonnen vnd drey circkel darumb gesehen Stumpf Schweizerchron. (1606) 497a; der zirckel um den mond halo, corona lunam ambiens nouv. dict. fr.-alem. (Basel 1669) 159a;

[Bd. 31, Sp. 1593]


die circul um der sonnen rund
und mondenlicht sind ungesund
Chr. Lehmann hist. schaupl. (1699) 343;

am fünfzehnten des heumonds, an einem freitage, stand die sonne ganz dunkelrot am himmel und ein blauer zirkel ... zog sich um sie her W. Raabe s. w. I 3, 346; 'die erde überspannende himmelslinie': antarcticus ... de vnderste cirkel des firmamentes (nd. 1417) Diefenbach nov. gl. 25b; jm ersten wird gehandelt von der situation und gelegenheit der newen und unsern vättern unbekanten welt ... wie grosz dieselbe, so viel deren entdecket, under welchen himlischen zirckeln, graden oder linien ... sie gelegen Abelin hist. antipodum (1634) ):( 5a; was ... südlich vom steinbockszirkel liegt, ist ... das grosze südmeer, bis zum antarktischen zirkel J. G. Forster s. schr. (1843) 1, 15.
ε) in älterer medizinischer fachsprache.
αα) 'sedimentkreis im uringlas': bleifarbener, feister, grüner, schwarzer zirkel Höfler krankheitsnamenb. 855; vier dink sol man an dem harn merken, etwen oben an dem zirkel. ist der zirkel prait und dick und wasservar, das bedeutet ein siechtagen hinden in dem haubte Ortolf arzneib. (1477) 10b; auch 'sedimentkreis des blutes': ist es (das blut) rot mit eim schwartzen circkel, so lydet das haubt Gersdorff wundarzney (1517) 18; (wisst) dass eben an dem blutt vnd seinem zirckel dessgleichen, an dem harn vnd seinem zirckel dessgleichen, alle kranckheiten, so im menschen verborgen ligen, erkennt werden Paracelsus opera 1, 919 Huser.
ββ) name einer sich gürtelartig um das betroffene glied legenden krankheit; 'herpes zoster, der gürtel' Höfler a. a. o. 855; 208.
ζ) 'im studentenleben die monogrammartige verschlingung des anfangsbuchstabens des verbindungsnamens mit den buchstaben v. c. (vivat circulus ...) oder v. c. f. (vivat, crescat, floreat ...)' gr. Brockhaus 1520, 659a.
η) als ausdruck der musiklehre (vgl. quintenzirkel, terzenzirkel) 'geschlossener kreis der tonart(en)': hiernechst kan sich ein ungeübter componist auch dieses circuls mit grossen vortheil bedienen, wo er den regulirten ambitum modi nicht zu überschreiten gedencket Heinichen generalbasz (1728) 898; einen gantz neuen circkel oder zusammenhang der tonarten hiemit ans licht stellen Mattheson kl. generalbaszschule (1735) 131; es ist bekannt, dasz sowohl die singstimme, als ein jedes instrument die töne temperiren musz, theils um die melodie an sich in eben demselben zirkel einer zum grunde gelegten tonart zu erhalten, und z. e. nicht in b oder d dur zu endigen, wenn das tonstück aus dem c dur gesetzet ist Marpurg temperatur (1776) 182.
θ) als metrischer ausdruck bei Klopstock: gewisse anapeste ... haben äben di unfolkomne lenge und wärden dan zirkel genant über sprache u. dichtk. (1779) 1, 54; vgl.: selbst im anapäst verliere die länge an kraft, wenn sie mit zwei anhaftende kürzen einen versteckten dactyl bilde, wie πολις ὑψιπυλος, die gewaltige; es entstehe hier gleichsam ein zirkel, ein umrollen fast gleichlanger silben J. H. Voss zeitm. d. dt. spr. (1802) 152.
c) die kreislinie als bahn einer kreisbewegung.
α) in allgemeiner verwendung: (ein trunkener mensch) meinet ... dass beth lauffe mit jhm im circkel vmb Paracelsus opera 2, 371 Huser;

dort wartet, hofft und hört ein paar
den muntren aufbot froher saiten.
es reichet sich die hände dar,
in kreys und circkel sich zu leiten (1729)
Hagedorn nebenstunden 20 ndr.;

in kurzer entfernung sah er den wohlbekannten thurm des städtchens. er hatte sich also am abend zuvor im zirkel umhergetrieben Immermann w. 5, 55 Hempel. oft mit betonung der rückkehr zum ausgangspunkt und der steten (ewigen) wiederkehr gleichförmiger oder gleichförmig wechselnder vorgänge, 'kreislauf' sich nähernd (vgl. II B 2): was altfränckisch vnnd der alten welt,

[Bd. 31, Sp. 1594]


mag niemand, es komm dann veraltet in einem circkel wider her umb, das wider new werde, sonst spricht man bald: es ist ein alte leir S. Franck sprichw. (1541) 2, 7a; vgl. 2, 95a; daher erwehlte er ihm ... eine beständige ... arbeit, die ihm nach des himmels bewegung oder sonnenlauff gleichsam in einem unauffhörlichen zirckel führte Lohenstein Arminius (1689) 1, c 3a; so geht alles im zirkel! lieben herren, wenn die glocke zwölf geschlagen, gehts auf eins, bis es wieder an zwölf kommt Hippel lebensläufe (1778) 3, 2, 373; jetzt scheint es unvermeidlich: sie (die religion) musz den ganzen cirkel durchwandern, um wieder auf den rechten punkt zu kommen, von dem sie ausging J. G. Forster s. schr. (1843) 8, 165.
β) besondere verwendungsweisen.
αα) kreislaufbahn der himmelskörper; 'sphäre, himmelskreis' im sinne pythagoreischer und christlicher allvorstellung: da die gestirn her fliegen und die hailigen speer (sphären) und zirckel gewaltzt werden Albrecht v. Eyb spiegel d. sitten (1511) M 4b;

denn die sternen, gleich den freyern
prangen in den liechten schleyern;
was die lauten zirckel klingen,
nachdem tantzen sie am himmel
Fleming poemata (1642) 507;

jeder planet hat seinen eignen himmel oder circul, darinnen er laufft, ist also immer ein himmel über dem andern J. D. Frisch neukling. harpfe Davids (1719) 97. strenger naturwissenschaftlich 'kreisbahn eines sternbildes oder planeten': der wagen ... gehet in vier vnd zwentzig stunden sein circkel vmb Paracelsus opera 2, 584 Huser; Mercurius gehet vmb sie (die sonne) her in einem circul der ein ander zenterpunct hat als die erde Comenius janua ling. (1638) A 4a. umschreibend für 'ekliptik, während eines jahres durchlaufene, scheinbare bahn der sonne; tierkreis': dann die sunn umblawfft in XII. monaten den zirckel aller zaichen G. Alt buch d. chron. (1493) 4a; zirkel des zodiaci vom aufgang bis zum niedergang Luther tischr. 3, 426 W.; der zirckel der zwölff zeichen am himmel: möcht man wol nennen der thiercirckel Frisius dict. (1556) 1211b; vgl. umschreibungen für den himmelsäquator: der ebennehter ist ain zirkel oder ain kraiz, der speram in zwai geleicheu tail stukt, also daz er gleich abstet von paiden himel spitzen Konrad v. Megenberg sphära 15, 27 M.; der gleichtäglich circkel Pinicianus prompt. (1516) N 8c; der mittel circkel der welt, vom widder durch die wage bisz wider zum widder Orsäus nomencl. meth. (1623) 156.
ββ) als ausdruck der reitkunst 'die dem dressurpferd vorgeschriebene kreisbahn': wenn sich nun ein pferdt also auff dem circkel verhelt vnd geritten wird, so kan daher gesagt werden: das pferdt sey auff dem circkel geritten, vnd solche wendung eine circkelrunde wendungslinea genandt werden G. v. Danup beschr. eines wolabgerichten pferdes (1624) 54; man beschreibe auch zirkel und achten inmitten der bahn Fillis grundsätze der dressur und reitkunst (1929) 119; der zweite weg zum erlernen des angaloppierens wäre der auf dem zirkel Stensbeck reiten (21935) 46; der ... wallach ostpreussischer zucht zeigte ... viel können ... auf den zirkeln und beim galopp Frankf. allg. ztg. 138 (1956) 18.
γγ) böhmischer zirkel 'kreisförmige handbewegung, die das stehlen bezeichnet'; in fester verbindung den böhmischen zirkel machen, brauchen 'stehlen'; ausdruck der gaunersprache Ostwald rinnsteinspr. 26; Günther dt. gaunerspr. 38; vermutlich entstanden in den benachbarten südostdeutschen oder österreichischen grenzgebieten Böhmens Hügel Wien 195b; Müller-Fraureuth obersächs. 2, 708b (aus Meiszen); später mit erweiterter geltung, sowohl wortgeographisch (vordringen vor allem in das westobd.) als auch sprachsoziologisch (aufnahme in die volks- und soldatensprache), vgl. Fischer schwäb. 6, 1240 (Stuttgart, Ulm); Autenrieth Pfalz 156; Imme soldatenspr. 123 f. (bezeugung für Süddeutschland, die

[Bd. 31, Sp. 1595]


Pfalz und Rheingebiete); zur erklärung vgl. Günther a. a. o.: trotz dar bolgerei hott dar Böhm noch zeit gefunden, dan böhmischen zerkel zu mochen und die kron verschwenden zu loszen Lowag ges. schr. (1902) 5, 68.
2) kreislauf.
a) übergang von der vorstellung der kreisfigur in die des kreislaufs; vgl.: das universum ist mir nicht mehr jener in sich selbst zurücklaufende cirkel Fichte s. w. (1845) 2, 317; 'kreis, kreislauf des jahres': czum ersten werden gesaczt offenbarungen von den festen durch den czirkel des iares buch geistl. gnaden (1503) 2a; die sonn erfüllet durch jhren stätigen vnablässlichen gang ... die zirckel der jar Ryff anatomi (1541) A 2b;

der ganze zirkel des jahres
ist erfüllt von dir (gott)
Giseke poet. w. (1767) 17.

in frühen wiedergaben für Herodots satz vom kreislauf und unbestand aller menschlichen dinge (κύκλος τῶν ἀνθρωπηων πρηγμάτων), gleichzeitig mit anklang an die vorstellung des kreisenden glücksrads: wo ihr aber euch und ewer kriegsvolck erkennet menschen sein, so seid ... eingedenck, dasz die menschliche ding nichts anders, denn ein zirckel und rundes glücksrad seyen, welches, wie es umblaufft, also auch die menschen ietzt unten, denn oben liegen (1525) Kirchhoff wendunmuth 3, 11 lit. ver.; Boner Herodot (1535) 30a; in der welt ist nichts bestendiges, alles stehet vnd fellet, gehet auff vnd vnter, wie in einem circkel Faber thes. (1587) 180a; die menschliche sachen seind wie ein circkel abgewechszlet, vnbestendig, keren sich vmb Henisch (1616) 605.
b) 'kreislauf'; namentlich von den umfassenden kreislaufartigen veränderungen in dem weltganzen, der natur und der menschlichen existenz (nur vereinzelt anders, vgl.: klasse von schriften, welche eigentlich dazu bestimmt ist, durch die lesegesellschaften ihren zirkel zu machen Schiller 9, 400 G.; wir haben da [bei Goethe] eine kälte und steifigkeit, ein gepanzertes ceremoniell, ... einen starren zirkel und turnus des daseins: Weimar-Jena-Carlsbad-Jena-Weimar Th. Mann Lotte in Weimar [1946] 106): Platons Sokrates führt seinen beweiss hier aus dem zirckel der dinge Göthe I 37, 103 W.; inzwischen der zirkel der natur, gleich einem rade, fortrollet Adelung lehrgebäude (1782) 2, 596; beweis von dem immer wiederkehrenden zirkel der mode Böttiger kl. schr. 1, 274 Sillig; der mensch entstehet aus morast und ... macht morast, und gährt wieder zusammen in morast, ... das ist das ende vom lied — der morastige zirkel der menschlichen bestimmung Schiller 2, 141 G.; unser alltagsleben besteht aus lauter erhaltenden, immer wiederkehrenden verrichtungen (:einem) zirkel von gewohnheiten Novalis schr. 2, 129 Minor.
c) wechselseitiges kausalverhältnis (die ursache ist auch wirkung, die wirkung auch ursache), vorgestellt unter dem bilde der geschlossenen kreisform, des unaufhebbar zwangsläufig sich wiederholenden kreislaufs: es hält schwer, sich aus diesem zirkel zu heben: wenn ein handwerk einmal verachtet wird, so treiben es nur arme und geringe leute; und was arme und geringe leute treiben, will selten geschmack, ansehen ... gewinnen Möser s. w. (1842) 1, 113; wir waren nichtig geworden, weil wir unsre sprache verachtet hatten; die sprache war nichtig geworden, weil wir aufgehört hatten ein volk zu seyn. dies ist ein zirkel, der sich nirgends öffnet, so sehr ist sprache und volk innerlich eins E. M. Arndt schr. (1845) 1, 429; einheit setzt allheit, allheit vielheit, vielheit einheit zum voraus; einheit ist daher anfang und ende dieses ewigen cirkels Hegel w. (1832) 1, 75; 'ohne vieh kein dünger, ohne dünger kein futter, ohne futter kein vieh', in diesem schlimmen zirkel muszten sich diese anfänge immer bewegen Wimmer gesch. d. dt. bodens (1905) 152.
d) 'zirkelschlusz', während der aufklärungszeit (vgl. zirkelschlusz, früher zirkelrede) in philosophischer

[Bd. 31, Sp. 1596]


fachsprache entwickelte bedeutung: logisch fehlerhaftes beweis- und definitionsverfahren, gekennzeichnet durch den gebrauch von prämissen, die das zu beweisende (zu definierende) bereits voraussetzen; lat. circulus in probando, circulus vitiosus, probatio circularis, vgl. Überweg syst. d. logik § 137; Eisler wb. d. philos. begriffe 31, 190; lexikalisch: Schrader (1784) 1683a; Adelung 5 (1786) 405. einen zirkel begehen, nach lat. circulum committere: einen zirkel im beweisen begeht man, wenn man denjenigen satz, den man hat beweisen wollen, seinem eigenen beweise zum grunde legt Kant w. 1, 472 Hart.; denn die (hl.) schrift aus dem system erklären zu wollen, heiszt offenbar einen zirkel begehen allg. dt. bibl. (1765) 2, 1, 84; es wird also ein cirkel im beweisen, wenn die göttlichen bücher durch ihr zeugnisz die wahre kirche, und hinwiederum die kirche durch ihr untrügliches zeugnisz die wahren göttlichen bücher bestimmen soll Crusius kurzer begr. d. moraltheol. 1 (1772) 572; Lessing 10, 173 L.-M.; ohne einen fehlerhaften zirkel im schliessen zu machen Nicolai literaturbr. (1759) 3, 20; Novalis schr. 3, 332 Minor; vgl. dazu, mit rückgriff auf die vorstellung der kreisfigur: folglich drehet er sich in dem beweise der wahrheit der angeborenen begriffe im cirkel herum Hegel w. (1832) 16, 123; die philosophen ... beschreiben in ihren obersten grundsätzen stets einen zirkel Jean Paul w. 19, 81 Hempel; die teleologische methode bewegt sich in einem ewigen zirkel, indem sie die wirkungen der organe als zweck voraussetzt Büchner nachgel. schr. (1850) 292.
3) 'kreisfläche; von einer kreislinie umschlossener bereich', in allgemeinem und durchgängigem gebrauch bis zum ende des 18. jhs.
a) konkret, die kreisform einhaltend; vereinzelt als bezeichnung eines kreisflächenförmigen körpers: auf einmahl that sich die decke von einander, und ein ungeheurer zirkel (runde platte) wurde plötzlich herabgelassen Heinse s. w. 2, 112 Sch.; '(schwarzer) kreis auf der schieszscheibe', frühnhd. in obd. texten: man wirt auch schiessen in einen zirkel in der weit als in dem brief gerissen ist (Nürnberg 15. jh.) städtechron. 10, 232; ein blat stecket man in den wahl, darinnen ist eyn schwartzer zirckel Agricola 750 teutscher sprichw. (1534) g 1b; sie haben 24 schisz than, und ir 2 haben z 10 mal den zirckel troffen (Augsburg 16. jh.) städtechron. 23, 126; 23, 469; 25, 57. 'sonnen-, mondscheibe':

(das wetter) verzert dises abgotz bild,
welches der sonnen zirckel hilt
Hans Sachs 15, 532 lit. ver.;

in ... zirckel des mondes zerstreuete flecke Ettner v. Eiteritz mediz. maulaffe (1719) 156. scheibe der hostie: deme vnter dem weissen circkel verhilten gott Abr. a S. Clara gack gack gack (1685) 72. zirkel der welt 'weltkreis': so wird der circkel der welt erfüllt werden mit einer ewigen wohnung, in der kein todt wird sein Paracelsus opera 2, 441 Huser; dich bekennet di heilige kirche durch den circkel der gantzen werlet Bonaventura: deutsch marial (1516) g 1b.
b) 'geographischer, landschaftlicher, örtlicher bezirk als entfaltungsgebiet der natur oder des menschen' (vgl. schon oben zirkel der welt): und fuort inn uff den grossen thurn des schlosses, damit und er den tzirckel des schlosses dester basz gesechen möcht (16. jh.) Haimonskinder 70 Bachmann;

du angenehmes lustgefilde,
du zirckel voller lieblichkeit
Schmolck trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 764;

willkommen, schönes licht!
das aus dem himmelspunct der Abyssinen,
in nordens kalten zirkel bricht
Amthor bei
Gottsched vers. e. crit. dichtkunst (1751) 275;

Lodas rund, oder der zirkel von Loda, vermuthlich ein ort, wo die Scandinavier ihren Odin verehrten Bürger s. w. 276 Bohtz; vgl. zörgel, zirgel als obd. flurname Buck obd. flurnamenb. 2308; organisatorischer bereich: zirkel hieszen die politischen verwaltungseinheiten

[Bd. 31, Sp. 1597]


('kreise') des reiches: die zirckel oder kreysz erkl. d. landfriedens (1522) 21; darauf (ist) das reich in zehen zirckel getailt (1511—1521) Scheurl geschichtb. 21 Kn.; Ludwig dt.-engl. (1716) 397; von kleineren verwaltungsbezirken: ausz einem yeglichen stand ewers zirkels etlich sunder personen (1523) bei Diefenbach-Wülcker 915; besondern ist des gefreihet der zirkel der thuemhern, der sich anhebet an der Weigeraten in der gassen darober stadtr. v. Eisenach 26; 'landgerichtsbezirk', obd. in frühnhd. zeit: alsz weit der züerkel wehrt und auszzaigt (1433) österr. weist. 8, 667; vermerkt die gerechtigkait auch des zierkl umbfang der lantgericht und obrigkait zu Ötzestorff (16. jh.) ebda 8, 678; ire landgericht zu Hiersperg, Höchstett ... mit iren landtsschranen, zircklen und zugeherungen ... ihr pfandschafft, halsgericht, mautt, zöll, wildpenn, perkhwerch, münz Lori baier. bergrecht (1764) XXIV. schlieszlich frei beziehbar auf räumlich ausgedehnte bereiche verschiedener art, so als bezeichnung des kreisförmigen zuschauerraumes im theater: 'parket im untern raume eines theaters' (vgl. III 5 b) Schiffner allg. dt. sachwb. (1831) 644b suppl.
c) bereich im übertragenen sinne: daher scheint der zirkel von wissenschaften, wodurch ich meinen jungen herrn führe, grösser, als er wirklich ist Th. Abbt verm. w. (1768) 5, 99; das um einen mittelpunkt sich bildende kräftefeld, wirkungsgebiet: (der glaube ist) in etlichen landen ... schier erloschen ..., allain sand Peters zyrckel bleibt vnuerruckt vnd steet noch, aber an etlichen enden kleber Berthold v. Chiemsee teutsche theol. (1852) 641; du bist in dem zirkel der grossen welt H. Beck das herz beh. s. rechte (1788) 2, 13; im zirkel einer guten haushaltung ist tausendfache freude Iffland theatr. w. (1827) 2, 151. 'zugewiesener oder angestammter entfaltungs- und geltungsbereich': wenn nicht jgliche lehre bleibet in ihrem zirkel, wie es gott geordnet hat, als denn machen wir ausm himmel hölle und wiederüm aus der hölle einen himmel Luther tischr. 4, 229 W.;

dies, was nun die natur in ihrem circkel thut,
das thut dein bräutigam auch in des Amors reiche (1718)
J. Chr. Günther s. w. 6, 55 Krämer;

so heiszt du die vernunft aus ihrem zirkel weichen
Triller poet. betracht. (1750) 1, 119.

'standesbereich': si murmuraveris contra tuum dominum szo bistu nymmer knecht und gehest ausz knechts zirkel yns herrn zirkel Luther 34, 2, 106 W. 'dem menschen zugewiesener, ihm gemäszer lebenskreis':

doch wo das dichtersalz dich in den adern jückt,
und dich ein böser geist aus deinem cirkel rückt
Neukirch ged. (1744) 144.

'wirkungs-, tätigkeits-, einfluszbereich insbesondere der menschlichen geistestätigkeit', häufig mit betonung der ihr gesteckten grenzen: höher kan sie (die vernunft) nicht kommen. das ist ihr zirckel, dorinnen sie bleibet Luther 33, 265 W.; der allzu grosse begriff dieses vorsatzes (musz) die kleinen circul unsers und auch vieler andern ihres vermögens gar weit übersteigen Bresl. slg. d. natur- u. medicingesch. (1717) A 4b vorber.; bleibe ..., was du bist, gehe nicht über den zirkel deines berufes ... hinaus Lavater physiogn. fragm. (1775) 1, 185; doch die eitelkeit hatte mich einmal in ihrem bunten zirkel Schubart leben 1 (1791) 25.
III. 'gesellschaftskreis'; zur pflege der geselligkeit, zur wahrnehmung gemeinsamer interessen wiederkehrend sich versammelnde menschengruppe fester zusammensetzung; auch die zusammenkunft einer solchen gruppe.
1) seit der mitte des 18. jhs. setzt die bezeugung in voller breite ein; wenig früher liegt der erste beleg: circul ... eine gesellschaft, ein hauffen leute Sperander handlex. (1728) 115. frühnhd. lexikographen, die gezwungen sind, lat. circulus im sinne 'gesellschaftskreis' zu übersetzen, behelfen sich mit umschreibungen: circulus ... ein rott oder gesellschafft, die an gemeinen orten oder

[Bd. 31, Sp. 1598]


plätzen zusamen kumpt zeschwätzen vnd de leüt auszzerichten Frisius (1556) 228a; so schon Cholinus Frisius (1541) 162a; circulus ... pro coetu hominum in orbem collectorum ein versamlung der leüten in ringssweiss Calepinus sept. ling. (1579) 257a; eine runde versamlung Reyher thes. (1668) 1, 1070. grundlage des wortgebrauchs im dt. ist frz. cercle 'réunion des personnes groupées dans un salon' Hatzfeld-Darmesteter 1, 385b, in diesem sinne seit der zweiten hälfte des 17. jhs. bezeugt und zunächst in der fremden form ins dt. übernommen. der lautliche zusammenfall mit zirkel I, II ist frühzeitig erfolgt, doch bleibt das bewusztsein der frz. herkunft dieses wortgebrauchs in den gebildeten schichten noch während des 19. jhs. wach; ständig erneut auftretende cercle-schreibungen zeugen davon. bedeutungsmäszig tritt das äuszere begriffsmerkmal der kreisform mit wechselnder bestimmtheit hervor, doch wirken, wie schon auf frz. cercle, auszersprachlich-soziale sachverhalte maszgeblich ein: zirkel bezeichnet gruppen bestimmter gesellschaftlich-geselliger funktion, und zwar ursprünglich im höfisch-adeligen, später auch im bürgerlichen bereich. während des 19. jhs. lebt das wort mit spezifischer bedeutungsfärbung neben gleichverwendetem kreis fort, s. Sanders neue beitr. z. dt. synonymik (1881) 165, hat aber seitdem infolge gesellschaftlicher umschichtungen geltungskraft eingebüszt.
2) 'hofzirkel'; selten belegt in dem konkreten sinn 'kreis der um den herrscher versammelten personen', häufiger weiterentwickelt zu der abstrakten bedeutung 'zusammenkunft, versammlung der am (vertraulichen) hofleben teilnehmenden'. wörterbücher des ausgehenden 17. jhs. kennen das deutsche wort noch nicht: cercle versamlung der herren und damen so sich allezeit auff den abend zu den königinnen und fürstinnen begeben, um sich bey jhnen durch jhre auffwartung beliebt zu machen nouv. dict. fr.-al. (Basel 1669) 159a; circolo reale, della regina das königliche gespräch mit den vornehmsten von hofe; wird sonsten auch die praesenz genannt Kramer it.-t. (1693) 224b; circolo ein kreisz von herumstehend- oder sitzenden personen, welche disputiren und discurriren; wird (in Italien) von studirenden, it. von hohen und fürstlichen personen gesagt ebda. belege: cercle halten corona (statt: congregatio coronae?) nobilissimarum feminarum colloquendi causa reginae aut principi assidentium Weber dt.-lat. (1770) 184a; zirkel séance des princesses ... assises en rond en présence de la reine; diese dame war heute im zirkel Schwan nouv. dict. (1784) 2, 1110b; 'so werden besonders an den höfen die versammlungen der damen, da die damen in einem kreise um die königinn oder fürstinn stehen, zirkel genannt' Adelung 5 (1786) 405;

ich rechne 's mir zur seligkeit nicht an,
wenn ich im hofgefolge gehen,
im zirkel mir die gicht erstehen (kann)
(noch erläuternd: zirkel, so heiszt der zutritt bei hof an gewissen
tagen)
Sonnenfels ges. schr. (1786) 9, 126;

seine person und kleidung waren so beschaffen, dass, wären sie in einer assemblee oder in einem zirkel bey hof erschienen, sie hätten das gelächter und die verachtung aller dasigen feinen damen auf sich gezogen Bode Thomas Jones (1786) 1, 98; ohne bedenken fand ich mich in dem nächsten zirkel des hofes ein E. T. A. Hoffmann s. w. 2, 126 Gr.; gestern war ich zum kleinen zirkel des palais befohlen G. Freytag ges. w. 2 (1886) 228.
3) kreis, zusammenkunft gesellschaftlich gehobener personen, gerne mit sozial abgrenzendem attributiven zusatz: vornehme, hohe, höhere, bessere, erste zirkel: denn, auf was weise man auch in diese vornehmen zirkel gelangt, wenn man einmal darin ist, so ist es verdienst genug, dass man darin ist Bode Thomas Jones (1786) 4, 194; wenn sie (die reichen und mächtigen) so recht in ihren ausschlieszenden cirkeln prangen, ... so denken sie der rohern und ungebildetern klasse nur

[Bd. 31, Sp. 1599]


mit verachtung und mitleid Klinger w. (1809) 11, 158; aller hochtrabenden reichen zirkel der stolzen Frankfurter ungeachtet Solger nachgel. schr. (1826) 1, 22; der verstorbene schämte sich ... die von der natur verwahrloste in den zirkel der noblesse einzuführen Gaudy s. w. (1844) 14, 146; der feinheit des höheren zirkels gegenüber machte man sich aus der groben ungeschlachtheit des volksverkehrs einen rechten stolz Gervinus gesch. d. dt. dichtung (1853) 2, 288; als sie (d. familie Mozart) erst in Versailles gespielt hatten, fanden sie auch in allen vornehmen zirkeln zutritt O. Jahn Mozart (1856) 1, 49; in den ersten zirkeln Pückler briefw. u. tageb. (1873) 6, 386; die Franz ist heute bei der alten gräfin drüben. ganz intim. kleiner zirkel Fontane ges. w. (1905) I 4, 14.
4) 'geselligkeitskreis nicht standesgebundenen, bürgerlichen charakters'; zirkel ... se dit par extension de toutes les assemblées qui se font dans les maisons particulières Schwan nouv. dict. (1784) 2, 1110b; ähnlich Adelung 5 (1786) 405.
a) der zirkel als charakteristische geselligkeitsform im zeitalter der bürgerlich-ästhetischen kultur des 18. und 19. jhs.: die betrachtung oder das lesen eines meisterstücks kann zugleich einen ganzen zirkel ergötzen Gellert ges. w. (1839) 7, 14; wer sich auf dies kleine zirkelmachen in grossen zirkeln nicht versteht: der findet in den allergrössesten gesellschaften — die allergrösseste leere Sintenis Theodors glückl. morgen (1789) 2, 250; er (der mensch ohne form) kann es dem günstling der grazien nicht vergeben, dasz er als gesellschafter alle zirkel aufheitert Schiller 10, 304 G.; 6, 105; bei alle diesem kam die konversation doch keineswegs zu kurz, und Nolten, obwohl von hause aus nicht eben vielgesprächig und für einen solchen zirkel (den mittwochabendkranz) beinahe zu ernsthaft, trug immer auch das seine dazu bei Mörike w. 3, 69 Göschen; im winter frequentierte ich einige zirkel, z. b. den der Fanny Lewald (1851) G. Keller br. u. tageb. 2, 280 Ermat.; die heiterkeit in den geselligen zirkeln Wiens zog den dichter mehr ab als sie ihn anregte jahrb. d. Grillparzerges. (1890) 1, XXXV.
b) mit dem beiklang des salonhaft-modischen, des verfeinerten, in gesittung und gefühl unechten (s. Sanders neue beitr. z. dt. synonymik 165): zwar war noch nicht die modische sechste stunde da, welche die schöne welt in den zirkel zusammen bringt, um zu sehen und gesehen zu werden Nicolai Seb. Nothanker (1773) 2, 24; o ihr galanten herren! o ihr einsichtsvollen sprecherinnen unsrer gesellschaftlichen zirkel! Blum spatziergänge (1774) 1, 194; etwas schlimmer sieht es freilich oftmalen mit dem sogenannten 'musik machen' in eleganten zirkeln aus Fouqué gefühle, bilder (1819) 1, 154; beschwerlichkeiten, die der mensch in sogenannten geistreichen zirkeln auszustehen hat Holtei vierzig jahre (1843) 3, 54.
c) von kleineren, vertraulichen geselligkeitskreisen, neben den mehr öffentlich-repräsentativen zirkeln der groszen gesellschaft: der prinz wünschte sehr, diesem (dem groszen club) zu entgehen und würde sich weit lieber in unserm kleinen zirkel befinden (1802) Schiller br. 6, 353 Jonas; indem wir nun so im vertraulichen zirkel da sitzen, nehmen wir liebe und muth einer aus des andern blicken Iffland theatr. w. (1827) 3, 179; aber diese täglichen kleineren zirkel im eignen hause sind grade das geldfressende (1843) A. v. Droste-Hülshoff br. 2, 169 Schulte-K.; wie viel liebespaare hab ich schon vereinigt ...! ich will nicht umsonst der eheprocurator in unsern cirkeln heiszen Bauernfeld ges. schr. (1871) 2, 127; in unserem 'zirkel' giebts jeden zweiten freitag einen 'herrenabend' Rosegger schr. (1895) II 4, 224.
5) unter zurücktreten des geselligkeitszweckes 'beruflich oder interessenmäszig zusammengehörige gesellschaftsgruppe'.

[Bd. 31, Sp. 1600]



a) 'kreis von künstlern und künstlerisch aufgeschlossenen'; literarischer zirkel: (des ordens) gesellschaft selbst verkleidete sich in mancherley andere benennungen, in ... correspondirende gesellschaften, litterarische zirkel Haller restaur. d. staatswiss. (1816) 1, 158; sagen und mären, wie sie sich traditionell durch die literarischen zirkel Deutschlands zu ziehen pflegen Immermann w. 19, 13 Hempel; mein freundeskreis dort war der literarische zirkel, der sich um René Schickele und Ferdinand Hardekopf gruppierte Erich Mühsam namen u. menschen (1949) 105; und noch jetzt glänzen seine concerte und sonaten in den ersten musikalischen zirkeln zu Paris Schubart ästhetik d. tonkunst (1806) 230; Schiller br. 7, 113 Jonas.
b) zirkel ('parket im untern raume eines theaters; daher ...) der vornehmere theil der theatergäste' Schiffner allg. dt. sachwb. (1831) 644b suppl.
c) 'kreis der berufsgenossen, kollegen': möge beyliegendes werk, in dem Freyberger thätigen und wissenschaftlichen zirkel einigen beyfall finden Göthe IV 21, 420 W.; (Thomsons) vater war geistlicher ... und ... über den engen cirkel seiner amtskollegen hinaus ... wenig bekannt Harries Thomsons jahreszeiten (1796) XI; ich hatte ... in kaufmännischen zirkeln gelebt Bahrdt gesch. s. lebens (1790) 2, 10; 'studentische verbindung': zirkel, academische gesellschaft, bund. so werden inquam alle verbindungen genannt Klosz burschensprache 22.
d) zirkel in der sprache der gegenwart geht bevorzugt auf den teilnehmerkreis nichtschulischer bildungskurse und interessengruppen, so besonders in zahlreichen zusammensetzungen wie sprach-, literatur-, musik-, fotozirkel u. a., vielfach mit übergang von der konkreten bedeutung 'kreis der lernenden' in die abstrakte 'lehrgang, kursus': jedem (übungs-)zirkel werden die nöthigen musikalien auf höchstens vier wochen zugestellt (1842) Scharrenberg-Genzken gesetzslg. f. d. meckl.-strel. lande 1, 547; (die deutsche erzieherin) hatte für madame gänge zur schneiderin, zum delikatesshändler zu besorgen, ... hatte den zirkel für deutsch ... zu leiten Liller kr. ztg. (ausl. 1915) 2, 115.
6) bezogen auf kleinste einheiten geselligen zusammenlebens oder ständiger lebensgemeinschaft (bekannten-, freundes-, verwandten-, familienkreis): in seinem hause oder in dem engen zirkel seiner bekannten und freunde Cramer nord. aufseher (1758) 1, 24; die stille tugend, die den kleinen zirkel der geselligen freundschaft allem geräusche einer unsinnigen welt vorzog C. F. Weisse lustsp. (1783) 2, 52; den wunsch nach einem kleinen, kleinen cirkel, von ächter freundschaft Gentz schr. 1, 58 Schlesier; wie gewöhnlich verwechselte der gute, was vor den groszen kreis des lesenden publikums gehört, mit dem, was für einen engeren zirkel vertrauter freunde interesse haben mag Holtei vierzig jahre (1843) 4, 291; mein vater ... fing an, wider die gespenster loszuziehen, so oft er in dem zirkel seiner familie erschien Laukhard leben u. schicksale (1791) 1, 39; ich glaubte nun im kleinen häuslichen zirkel meine mutterpflichten übend, ein stilles ruhiges leben führen zu können E. T. A. Hoffmann s. w. 10, 45 Gr. um eine persönlichkeit sich bildender engerer kreis, nahestehende menschliche umgebung; 'gemeinde' sich nähernd: (er) empfahl es (d. buch) dem gläubigen zirkel Lavaters allg. dt. bibl., anh. z. bd. 53/86 (1771) 2354; Göthens geist hat alle menschen, die sich zu seinem zirkel zählen, gemodelt (1787) Schiller br. 1, 381 Jonas.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
zirkelabschnitt, m., 'kreisabschnitt, kreissegment' (vgl. zirkelsegment): sehne eines zirkelabschnitts Rode Vitruv (1796) 40 anhang; übertragen Brentano ges. schr. 8 (1855) 145. —
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
-abteilung, f., 'kreisteilung': von den alten ist die ganze kugel des himmels, nach der natürlichen zirkel-abtheilung, mit sechs zirkelringen abgemessen Butschky rosenthal (1679) 1685. —
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
-amt, n., 'amt des zirklers', s. u. zirkler: dy burger lassen vorczelen pa. Mollers zohn ... darumbe daz er

[Bd. 31, Sp. 1601]


an czirkelamt des nachtes ungewonlich geschrey getrieben hat urk.-buch d. st. Freiberg i. S. 3, 231. —
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
-art, adj., 'kreisförmig': (der sitz) war halb circkelarth Neukirch prinz v. Ithaca 1 (1727) 281. —
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
-artig, adj., 'zirkelförmig': ihre ... gewohnheit, den schnabel zirkelartig auszuspreizen Naumann vögel (1822) 2, 199. —
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
-ausschnitt, m., 'kreisausschnitt, kreissektor': ein octant, abgetheilter bogen eines zirkelausschnitts von 45 graden Rode Vitruv (1796) 45 anhang.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
-bahn, f., 'bahn einer kreisbewegung, kreislaufbahn':

entreisz der gottheit stolz diesz ewige geschäffte
...
die himmelskörper nicht mit dauerndem bemühn,
auf zirkelbahnen fortzuziehn anmuth. gelehrsamk. 6, 273 Gottsched.


 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
-bank, f.: die um die drei hängebirken wie ein kragen gekrümmte zirkelbank Jean Paul w. 6, 117 Hempel.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
-bärtel, n., 'rundgestutzter bart', in der alamodezeit: wollet jhr den welschenen vnbeständigen narren nach ... ewre bärt ... ziehen vnd zerren lassen? jetzt wie ein zirckel-bärtel, jetzt ein schnecken-bärtel Moscherosch gesichte (1646) 2, 50. —
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
-baum, m., 'kiefer' (pinus silvestris L.) Gleditsch forstwissenschaft (1775) 1, 343: die Alpenschweine (leben) an einem ... mit zirkelbäumen bewachsenen berge allg. dt. bibl., anh. zu bd. 53/86 (1771) 658; zirkel- wohl verderbt aus zirbel- (für die nah verwandte pinus cembra); die kiefer heiszt auch wilder zirbelbaum. —

 

Eingabe
Wörterbuchtext:
Stichwort: