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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
zipf bis zipfelperücke (Bd. 31, Sp. 1545 bis 1559)
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[Bd. 31, Sp. 1545]


Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) zipf, zipp, zips, m., krankheit des federviehs, entzündung der nasen- und mundschleimhäute, bei welcher der sich absondernde schleim die nasenlöcher verstopft; ein mit der geflügelzucht von den Römern übernommener name, zu den gleichfalls entlehnten fachwörtern flaum und mausern gehörend. das zugrunde liegende lat. pītuīta 'zähe flüssigkeit, schleimiger ausflusz beim schnupfen, pips' bildet sich nach kreuzung mit pīpare 'piepen' zu pipita, pippita (Frings Germ. Rom. 67) um; auf pipita beruht schweiz.-schwäb. pfiffi(s), aus pippita leitet sich das am oberen Neckar und in der mitte des Elsasz anschlieszende pfipfes, pfipfi, pfips her, nördlich der obd.-md. sprachgrenze erstreckt sich rheinabwärts und im gesamten nd. raum pips und pipp. die o sthälfte des hochdt. sprachgebietes, Bayern-Österreich, das östliche Ostfranken, Thüringen, Obersachsen-Schlesien und Preuszen umfassend, füllt zipf und seine nebenformen; sie setzen eine aus pippita dissimilierte roman. form *tippita voraus. eine bair. glosse des 12. jhs. cipphic petuita ... vel morbus gallinarum in lingua ahd. gl. 3, 284, 30 St.-S. entspricht einem daraus verkürzten *tippit; aus dem ahd. zipfiz geht zipfs voc. inc. teut. ante lat. (Straszburg ca. 1495) E 2a hervor, und das zips in Obersachsen, dem östlichen Erzgebirge, der südlichen Mark und Ostpreuszen schlieszt sich wohl unmittelbar an. die Neumark hat zipp und daraus entstandenes schipp; südtirol. zif Schmeller cimbr. 244a substituiert -f für bair. -pf. in Nordbayern, dem obd. teil Schlesiens und im ostmd. raum wirkt junge dehnung; sie erzeugt ziepf und ziep. ältere belege sind knapp, auszer den genannten vgl. noch czipp (md. 1394), cyph vel czipf (obd., anf. 15. jhs.), der zypff der hennen (Nürnberg 1482) Diefenbach gl. 439a; czypp (1470) ders., hd.-böhm. 214. ein ih-suffix zeigt die glosse hirquus oucstal vel cipfihe quod galline in lingua crescit (13. jh.) ahd. gl. 3, 661, 11 St.-S.; dies erscheint noch in zimpheich (15. jh.) von der nasalierten nebenform zimpf (ob. sp. 1369).
jüngere belege, der form nach geordnet: zipff Hulsius teutsch-it. (1605) 164; rotz, koder oder zipff, so die hüner bekommen ders. (1618) 2, 298a; zipff Mylius nomencl. (Görlitz 1572) E 2c; der zipff oder pips Corvinus fons lat. (1646) 632; Duez germ.-gall.-lat. (1664) 716; Rädlein (1711) 1096b; so mans uber die vihe thüren steckt, behüten sie (die geweihten palmen) ... die hünner vorm ziepff C. Schnausz etwas neues (1555) D 2b; wenn die hüner den ziepff oder schnuppen haben Suevus spiegel d. menschl. lebens (1588) 243b; ziepf Ruckert unterfränk. 204; ziep, n. Steinbach dt. wb. (1734) 2, 1094; ziep, m. Petters stoffslg. 38; Blumer Nordwestböhmen 96; Anton Oberlausitz 15, 20; Knothe Markersd. ma. 127; Müller-Fraureuth obersächs. 2, 705a; zips viehbüchl. (1667) 96; den zips haben Kramer t.-ital. 2 (1702) 1468b; Müller-Fraureuth 2, 708b; Göpfert sächs. Erzgeb. 44; zips oder pips Colerus hausbuch 4 (1598) Eee 1a; zips, zipf Stieler stammb. (1691) 2631; zips, zipf oder pips Ludwig t.-engl. (1716) 2598; so die gänse den zips hätten viehbüchlein (1667) 108.
ältere ansicht von der krankheit: inen (den hennen) wechst auch unden an der zungen ein weisz fellin das bedeckt die spitz der zungen, genant der zyph, in latin pituita (oberrhein. 1535) Alemannia 3, 73; der zipff ... ist ein weiszes häutlein, so ihnen an der zungenspitz wächset Hohberg georg. cur. 2 (1682) 329a. daher die rohe, dabei nutzlose behandlung, durch welche dieses häutlein, nämlich die angeblich verhärtete oberhaut der zunge, mit einer nadel losgerissen wurde; von ihr die übertragene redensart jemand den ziep reiszen, schleiszen, nehmen ihn zur einsicht bringen Müller-Fraureuth 2, 705a; schon älter:

hilff gott, es hat in unserm mittl
gar viel der allzuklugen kittl,
die sich aus dünckel gut befleissn
der schrifft den rechten zipff zureissn
Ringwaldt lauter warheit (1588) 346;

andere verfahren: selbigen ein weiszes häutlein an der zungenspitze ablösen, butter und pfeffer in die kehle

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stecken, und ihnen eine feder aus ihren flügeln durch die nasenlöcher ziehen, damit sie lufft bekommen Amaranthes frauenz.-lex. (1715) 1492; (knoblauch) ist nutzlich den hünern, so den zipff oder die schnuder haben Tabernämontanus kräuterb. (1687) 874b; vor den zips der hüner nimb quentel und wilden oder feldkümmel, thue ihnen das in ihr trincken, so werden sie wieder gesund viehbüchlein (1667) 98; wann die hunner den schnupfen oder ziep haben, so reucher sie mit sebenbaum (1569) haushaltung in vorwerken 92 Ermisch. literarische verwendung selten: sihe! da hat sich die frau Michol gestellt, als ware sie gantz melancholisch ... und geseufftzet, als wie ein henn, die den zipff hat Abr. a s. Clara Judas (1686) 1, 427; also redete der arme alte raugraf Gockel von Hanau in edlem hohen zorne zu Hinkel von Hennegau, seiner gattin, welche so betrübt und beschämt und kümmerlich vor ihm stand, als ob sie den zipf hätte Brentano ges. schr. (1852) 5, 21.
gelegentlich wird fiebriger husten, heiserkeit und engbrüstigkeit bei menschen zipf genannt, so zs. f. hd. maa. 5, 152a; an. 1590 ist eine hitzige geschwind anfällige hauptkrankheit, durch viel länder gezogen, und hat fast keines menschen geschont, es starben nicht alle, waren aber sehr damit gequälet. man hiesz es den spanischen zips, weil 50 jahr zuvor dergleichen unheil in Spanien entstanden, so die leute mit groszer hitze, starken schnuppen und dürren schafhusten geplaget Knauth Altenzella bei Frisch 2, 479b; dazu Müller-Fraureuth 2, 708b und Woeste-Nörrenberg 200a.
 
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zipf, m., fuszfessel, stock, durch den die füsze oder auch hände eines sträflings oder gefangenen gezwängt wurden; nur in alten glossen belegt: ziph carceralem stipitem (hs. zhip carcealis stips; 11./12. jh.) ahd. gl. 2, 590, 12 St.-S.; cipf stipitis (12. jh.) 2, 491, 9; mit suffix: ciphic, stoch, ploch cippus (14. jh.) 4, 184, 4; das lat. cippus pfahl, über das roman. mit affriziertem anlautkonsonanten entlehnt; franz. cep, s. v. Wartburg frz. etym. wb. 2, 691b; fläm. cip, cippe cippus, numella Kilian 98a Hass. ältere entlehnung des lat. wortes bewahrt den k-anlaut: as. glosse kip carceralem stipitem (10. jh.) ahd. gl. 2, 585, 53 St.-S.; Wadstein kl. as. denkm. 99b, 20; ags. cipp, m., block, stamm, pflugschar, weberbaum; ahd. chipf, chipfa, mhd. kipf, kipfe, obd. kipf, m., wagenrunge, stemmleiste (s. teil 5, sp. 780); doch ist dieser zusammenhang bestritten, indem diese wortgruppe, zusammen mit aisl. keppr m., 'stock' und seinen skandinav. fortsetzungen, von einigen für germ. gehalten wird.
 
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zipfel, m. , spitzes ende, mit dem suffix der diminutiva und der nomina instrumenti aus 1zipf, m., fortgebildet; begegnet erst im spätmhd. und hat nur in der schriftsprache sein stammwort gänzlich verdrängt; auch das mnd. kennt es noch nicht, die heutigen nd. maa. ziehen z. t. die hd. form zippel vor, so Dähnert, Mi, Damköhler; im ndl. kommt es unter akzentregelung zu zwei formen, tippel und tepel, wodurch tepel sich auf die bedeutung brustwarze festlegt. dem engl. und skand. geht das wort ab. das md. zippel schwächt sich im rhein. und mfränk. zu zibbel ab. selten erscheint zippel bei ostmd. schriftstellern, so einige male bei Luther, z. b. 7, 142; 20, 315 W.; bei J. Prätorius anthrop. plut. (1666) 3, 162. wie ein nasaliertes zimp, timp neben zipf, zipp erwächst, so auch ein zimpel, zimpfel (sp. 1361) aus zippel, zipfel. ist vom ital. als zipolo 'zapfen, spund eines fasses' übernommen worden.
1) das zugespitzte endstück eines gestreckten, schmalen, namentlich eines biegsamen gegenstandes, auch eines emporragenden dinges.
a) wahrt ursprüngliche bedeutungen des stammwortes zipf, solche, die den höchsten punkt, die spitze eines emporragenden dinges bezeichnen, so den wipfel eines baumes: ein rechter grundtherr ... uber ertrich, wasser und busch, zock und flock, gras, lauff, wippel, zippel, wegen und stege (Eifel 1472) weist. 2, 570; der baum hat weder

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zweig noch blätter, sondern oben am zipffel des baums wächszt die frucht hauffen weisz Löw meer oder seehavenbuch (1598) 45; er ist zöwerst uf dem zipfel gehockt Martin-Lienhart 2, 911b; ferner den gipfel eines kirchturms: der münsterzipfel Schmidt Straszburg 120b; einen hausgiebel: vun tippel bet to 'n grund vom giebel bis zum erdboden Mensing 5, 68; vgl.typpel dat hoigste van en tymmer v. d. Schueren teuth. 398a Verdam; das spitze obere ende von zaunstaketen: sliepers (staketen) mit grön op 'n tippel Mensing 5, 68; sodann bergspitze:

davon nichts wasz bliben offen,
alleyn sein obresten zwen güpffel,
daran sah man zwen kleiner zipffel;
der eyn der ist gnant Helicon,
der ander zipffel Citeron
Wickram w. 7, 27 lit. ver.;

auch punkt: dat kleed wer vun kattun mit witte tippels (holst. 1870) Mensing 5, 68; der punkt auf dem buchstaben i, kleiner fleck im zeuge oder in der haut, feiner regentropfen, wenn er einzeln fällt Danneil 223b. ein zeugnis für die gleiche bedeutung von stammwort und ableitung: zipffel oder zipffen eines dings, m., le bout ou la pointe d'une chose, extremitas rei alicuius Duez germ.-gall.-lat. (1664) 716; fläm. tippel puntig uitende de Bo2 1001a.
b) eines langgestreckten dinges, wie eines gebäcks: ich lasse den zopf (gebäck) dennoch hier und esse selbst einen zipfel davon, wenn ihr mir eine tasse kaffee dazu gebt G. Keller ges. w. (1889) 5, 167; bezeichnung eines halbmondförmigen backwerks Hunziker Aargau 310; einer wurst, der wurstzipfel:

und er hat mich nit lassen schmecken
ein zipffel wurst von seiner saw,
so filtzig ist er, karg und gnaw
Hans Sachs 14, 221 lit. ver.;

ein gebratene wurst hat zween zipffel volksb. v. dr. Faust 114 ndr. Petsch; wer weisz nicht, dasz ein brattwurst zween zipffel hat Lehmann floril. polit. (1662) 1, 336;

die wurscht, die hat zwee zippel,
zwee zippel hat de wurscht (kindervers)
Brendicke Berliner wortschatz 195b;

wenn man am letzten zipfel ist, ists zu spät, die bratwurst zu sparen Wander sprichw.-lex. 5, 592b. verbreitet in maa.: dsibəl Hofmann niederhess. 270a; dem seine wurst hat drei zipfel Fischer schwäb. 6, 1235; ein zippel von einer wurst Anton Oberlausitz 15, 20; Bernd Posen 362. ähnlich von andern langgestreckten oder kreuzförmigen körpern: er steht uf dem zipfel von dem bank am äuszersten ende Martin-Lienhart elsäss. 2, 911b; dann ein jegklich creutz hat seine vier örter oder zipffel Huberinus mancherlei form zu pred. (1557) 52b.
c) spitze, zacken an pflanzen: daz man in (den rosenblättern) die zipfel niden abprech Megenberg buch d. natur 344 Pfeiffer; lappen, zipfel, laciniae 'heiszen die durch die einschnitte, ausschnitte und spalten gebildeten hervortretenden theile' Illiger thier- u. pflanzenreich (1800) 31; lacinia, der zipfel oder fetzen 'jeder durch tiefere einschnitte entstandene zacken, der nicht sehr breit oder nicht stumpf und zugerundet ist. er findet sich bei getheilten, gespaltenen, zerrissenen und geschlitzten theilen' Bischoff wb. d. beschr. bot. (1839) 110; zipfel 'lacinia, gröszere hervorragungen oder lappen am rande von pflanzenblättern, so wie die sogenannten kelcheinschnitte' Behlen forst- u. jagdkde (1840) 6, 537; der kelch der weiblichen blüte ... geht ... in 3 kurze freie zipfel aus Schlechtendal flora v. Deutschland 4, 194 Hallier; (das blatt der eichenblättrigen buche) erinnert ... an das eichenblatt, obgleich die zipfel ... weniger breit ... sind als an diesem Rossmässler d. wald (1863) 372. spitzes ende einer rübe: mein hertz sieht aus wie eine welke rübe, da die mäuse den zippel abgebissen haben Chr. Weise erznarren 170 ndr.
d) spitze, lappen am tier- und menschlichen körper: zipffel an der nasen pulpa vel pirula voc. inc. teut. Straszb. ca. 1495) E 2a; pirula zipfel vel spitz vel vorderst

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an der nasen Diefenbach gl. 437c; plectrum vorderst vel zipfel an der zungen ebda 441c; zipffel an der zungen plectrum uno modo voc. inc. teut. (Straszb. ca. 1495) E 2a; schnit man aber den stein usz, denn schnit man usz dem halse und zipfel der blosen, do ist fleisch und plt Brunschwig chirurg. (1497) 12b; fibrae ... das euszerste oder euszersten zippel an der lungen und lebern Faber thes. (1587) 317a; fibrae iecoris lempen oder zipffel, die fürgehen, in welche die leber theilt ist Frisius lex. triling. (1590) Yy 4a; (die bauchmündung der muttertrompete) ist mit mehrfach eingeschnittenen oder gezackten ... zipfeln, den franzen der trompete ... besetzt Sömmerring menschl. körper (1839) 5, 470; jetzt soll der racker dran! keuchte der kollege. und wenn's mich den letzten zipfel der lunge kosten würde W. Raabe s. w. II 1, 490. nabel:

etslîche in vorebbele
intlôstin sî (die feinde) dî nebbele
und boume niddirbukten,
dî spîldin unde drukten
darîn der nable zipfle
lâzende sneln dî wipfle
Nicolaus v. Jeroschin kronike v. Pruzzenlant 26 498.

hahnenkamm und -lappen:

ich hab ein ding gesehn,
ein grausam thier und ungehewr,
das hat zipffel so rot wie fewr,
auff seinem kopff, und unden dran
Alberus fabeln 215 ndr.

ohrläppchen: glicherwyz als do ein hirte zucket eime lewen uz sime vlanse zwene schenkele oder einen cyppil einis oren Claus Cranc Amos 3, 12 Ziesemer; unnd haben ein runden ring von holtz im zipffel des ohrs hangen Abelin hist. antipodum (1631) 295; zipffel eines ohrs Duez germ.-gall.-lat. (1664) 716. andere körperteile: zippel, zipfel lämmerschwanz Weinhold schles. 109; brustwarze: tippel van der borst v. d. Schueren teuth. 398a Verdam; zitze: zipffel an der euter eines thiers Duez germ.-gall.-lat. (1664) 716. eigentliches fachwort ist jedoch nur das ndl., seit Kilian bezeugte tepel, daher konnte dem Hadrianus Junius (1591) zipfel für brustwarze genügen, was J. Hyrtl kunstworte d. anatomie 35 feststellt.
als bezeichnung des männlichen gliedes weit verbreitet, bezeugt in Schlesien, Posen, Brandenburg, Thüringen, Bayern, Schwaben (dim.), Westerwald; zipfel am manne membro virile d'un huomo Kramer t.-ital. 2 (1702) 1468b; zipffel eines kinds Duez (1664) 716; kaum richtig: zipffel praepucium voc. inc. teut. ante lat. (Straszburg ca. 1495) E 2a; 'zümpfel und zipfel gebrauchte Leber vorles. über d. zergliederungskunst (1776) für den penis der kinder' J. Hyrtl kunstworte d. anatomie 171. dazu wohl der fluch: botz zipffel, ihr seit noch jung unnd wacker genug Moscherosch gesichte (1650) 1, 78.
e) als schmaler, hängender gegenstand treffende bezeichnung eines menschen von ähnlichem körperbau und schlaffer haltung: zipfel ein magerer mensch Martin-Lienhart 2, 911b; zippel ein groszer, ungelenker, etwas dummer mensch Müller-Fraureuth 2, 707b; danach allgemein übertragen auf minderwertige geistige und sittliche eigenschaften: zipfel unbeholfener, einfältiger, dummer mensch, stärker: schlechter, einfältiger mensch, ungesitteter, grober, treuloser, geiziger mensch Fischer schwäb. 6, 1235; einfaltspinsel, tropf, dummkopf Rheinland, Pfalz, Elsasz, Schweiz, Bayern, Egerland; liederlicher zipfel Lothringen, Basel; en bangen zibbel ein feiger junge Elberfeld, Köln; ein verdrehter zippel Schlesien; schimpfwort zipfel Pansner schimpfwb. (1834) 80b;

es ist ein berg in Griechenland
mit einem doppelgipfel,
wol manchem ehrenmann bekannt,
und wol auch manchem zipfel
Huebner verwandlungen (1790) 1, 93.


2) ecke an flach sich ausbreitenden gegenständen wie der viereckigen gewebten stoffe und daraus verfertigter bett-

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und tischtücher, kleider, halstücher, kappen, auch von säcken und netzen u. ähnl.; vielfach in übertragener verwendung (dazu s. die belege auch unter 4).
a) von betten, groszen tüchern, fahnen, vorhängen: bette oder pfulwen oder kússin oder linlachen oder tischlachen oder kisten oder was vier ziphfel hat (Elsasz 1354) weist. 4, 22; an einem kissenzipfel saugen als mittel zum einschlafen:

ob sich einem der schlaf verzüg
das er die weil ain zipfel süg fastnachtspiele 213 Keller;

auch von geizigen, die dadurch den hunger vertreiben wollen, im kompositum: saugenzipffel Äg. Albertinus müheseligkeit d. hofs (1619) 159; ders., von gastereyen (1619) 130; (Petrus) sahe den himel auffgethan, und ernidder faren zu im ein gefesse, wie ein gros leinen tuch an vier zipffel gebunden apostelgesch. 10, 11;

wie pald der scheknecht kam,
pey den vier zipfeln zam
das dischduech det es fassen,
warff es auch nab ant gassen
Hans Sachs fabeln u. schwänke 1, 343 Götze;

und stund auff von dem tisch, und namb
das tischtuch bey vier zipffeln zsamb ders. 17, 351 lit. ver.;

wenn die muhme ein kind windelt, so musz sie zuvor ein creutze machen und einen zippel (der windel) aufschlagen Prätorius anthrop. plut. (1666) 3, 162; die vier zipfel an einem tuch li quattro capi d'un lenzuolo Kramer t.-ital. 2 (1702) 1468b; zipfel an den panieren taenia apud veteres de vexilla dependens Frisch 2, 479c; (das mädchen) hatte ein groszes tuch umgeschlagen und auf dem rücken die zipfel zusammengebunden H. Laube ges. schr. (1875) 8, 59; die gelegenheit wahrnehmend, ob der geöffnete zipfel des vorhangs an dem schon lange von ihm fixierten fenster nicht etwas von seinen weiblichen bewohnern zeigen würde Gutzkow ritter v. geist (1850) 1, 419. übertragen: durch was für mittel ... innere wärme erzeugt wird, das ist eines der geheimnisse, welche die natur sich vorbehalten zu haben scheint, und wovon es uns wahrscheinlich nie gelingen wird, den schleyer ... wegzuziehen, so viel auch die physiker ... bald an diesem, bald an jenem zipfel gezupft haben Schubert verm. schr. (1823) 1, 165.
b) an kleidungsstücken:

ach raines töckel, traute, schöne tocke,
du liebst mir mit dem zipfel an dem rocke
Oswald v. Wolkenstein 39, 10 Schatz;

und als sich Samuel umbwand, das er weggienge, ergreiff er in bey eim zipffel seins rocks, und er zureis 1. Sam. 15, 27; Dauid ... schneit leise einen zipffel vom rock Saul 24, 5; Judei agnoscebantur per circumcisionem et habebant gel zippeln in palliis Luther 20, 315 W.; zipffel eines mantels Duez germ.-gall.-lat. (1664) 716; zipfel lacinia, fimbria, pars vestis nunc protuberans, nunc recedens, langer zipfel am weiberrock syrma, peniculamentum Stieler stammb. (1691) 2632; den (grönländischen) weibern hänget an dem leibrocke hinten und forne ein langer zipffel bisz zu den kniehen herunter Olearius persian. reisebeschr. (1696) 86 (die abbildung s. 87 zeigt einen richtigen zipfelpelz); zipfel an einem kleid, beltz, rock estremità d'una veste, pelliccia, robba Kramer t.-ital. 2 (1702) 1468a; taffetkappe ist ein ... uberschlag mit langen zippeln Amaranthes frauenz.-lex. (1715) 1957; ich ... erwischte den zipfel eines oberrocks, den der mann anhatte, daran zog ich ihn herauf Göthe I 43, 294 W.; deinem lieben besten mann küss in meinem nahmen den zipfel seines rocks und seines mundes (1782) Caroline br. 1, 6 Waitz; und der knabe neigte sich vor Wladislaw und küsste den zipfel seines kleides Stifter s. w. 11, (1932) 46. geld, geschenke oder aufgesammelte dinge schlug man früher in einen zipfel des rocks oder mantels ein: an der kappen (mantel) waz ain zipfel, darinn er gold und silber trug buch d. beisp.

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5 lit. ver.; achte nicht grosz auff den rath und vermahnung deines feindes, und gib nicht viel darumb, dasz dich ein schmeichler über die maasze lobet. dann jener stellet ein netz auf, dich zu fangen, und dieser hält nur den zippel des rockes auff, dasz du ihm was verehren solt Olearius persian. rosenthal (1696) 99a; niemand wird ... das glück durch gewalt in den zippel seines rocks erhaschen können ebda 53a;

zur ewigkeit, — die gott, mit aller welten last,
im zipfel seines kleides faszt, —
zur ewigkeit zurück geflossen
Lessing 1, 135 L.-M.;

in helm und schild einfüllen sah man die einen,
und der zipfel des kleids war anderen statt des gefäszes
Göthe I 50, 273 W.

hierher auch die redensart nichts im zipfel und sack haben, da sack die rock- oder hosentasche bezeichnet: weil wir vollen, truncknen Teutschen mer verthond, dann wir habenn im zypffel unnd sack S. Franck trunkenheit (1531) D 1b; er hat nichts im zipfel und nichts im sacke Körte sprichw. (1837) 513; vgl. Gombert bemerk. u. ergänz. 5 (1882) 4.
an der kopfbedeckung: vitta die langen zipfel vel bendel an der huben Diefenbach gloss. 624b; zipffel an der gugel oder zipffel an der kappen leripipium, liripipium, capucipendium voc. primo ponens (1515) m 2b; vgl. leripipium kogelczippel Diefenbach gloss. 324c; retropendium kogelcippfel ebda 496c; filzkappen mit langherabhängenden zipfeln Ritter erdkde (1822) 9, 434; der mond warf meinen eigenen schatten vor mir her, als ich mitten auf der strasze ging, und ich sah die zipfel meiner narrenkappe deutlich auf derselben abgezeichnet G. Keller ges. w. (1889) 2, 244. sprichwort: zu Rom kann man mit dem zipfel seiner mütze bis an die hölle graben (wenn er mit geld gespickt ist) Kirchhofer schweiz. sprüchw. (1824) 109; daneben ist zipfel in älterer zeit aber auch die kopfbedeckung selber, nämlich die an die mönchskutte angeschnittene kapuze (vgl. kappenzipfel teil 5, sp. 199):

do was ich hie unt tet in an die kutten
die zipfel kerte ich in uf die rukken minnesänger 3, 302b v. d. Hagen;

zipffel an der münchskutten retropendium voc. primo ponens (1515) m 2b; der zipffel an einer kappen capuccio d'una cappa Hulsius (1618) 2, 75b. nur so ist folgende scherzhaft-zweideutige redewendung zu verstehen, bei der zipfel auch gleich kugel 'kapuze' sein konnte: (die richter taten bei einem gerichtsverfahren um ein strittiges gut zwischen herzog und kirche) einen spruch in der macht inen gegeben. wiewol sie ieglichem teile zuvor sageten, so man eine kugel zu den leuten setzte, so were der zippel verloren, gaben beiden teilen zu erkennen, auf die helfte zu sprechen (1462) Eschenloer gesch. d. st. Breslau 1, 222 Kunisch; am schuh: zyppfel oder schuchspitz oder korder liripipium voc. teut. (1482) pp 8a; in der haartracht: der doktor erschien in ... einer ... ungeheuren allongenperükke mit drei zipfeln Bahrdt gesch. s. lebens (1790) 1, 340; zippel zipfel, z. b. haarzipfel Mi Mecklenb. 110a; und packte zugleich meine grosze scheere, um ihm einen zipfel schnurrbart abzukneifen Gaudy s. w. (1844) 2, 75.
c) an einem korn- oder mehlsack, an einem ballen: wenn der sack voll ist, erstreckt er den zipffel Lehmann floril. polit. (1662) 3, 403; korn- und mehlsack: der will den sack immer an zwei zipfeln; man musz anfangen sparen, wenn man am bändel ist, und net erst, wenn man im zipfel ist Fischer schwäb. 6, 1234; die zipfel an einem ballen, sack, pack Kramer t.-ital. 2 (1702) 1468a.
d) der schwanz oder hamen eines stellnetzes oder garns, in welchen die fische getrieben werden: der hamen (... zipfel, ...) ist ein mit einer als handgriff dienenden stange versehenes kleines netz Lueger lex. d. ges. techn. (1894) 4, 279; item haben sie (die fischer) ein netz mit einem langen in reiffen eingebundenen zipffel Hohberg

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georg. cur. (1682) 2, 491; (die fische) müssen gerade in die weite eingänge (des netzes) kommen und darnach von denselben in den schwantz oder zipffel (ca. 1660) fischbüchlein 22; zipfel ende des sacks am felchengarn Fischer schwäb. 6, 1235; name eines schöpfnetzes, eines stiel- oder stockhamens v. d. Borne hdb. d. fischzucht u. fischerei (1886) 599. sprichwort: im zipfel fängt man die fische das ende bringt die entscheidung Müller-Fraureuth obersächs. 2, 707b. für das weidwerk: ergäntzet den ort mit steckgaren, machet den hamen fein fest an, und hinden in den zipffel ein langes rütlein Aitinger jagd- u. weidbüchlein (1681) 20.
3) spitz auslaufendes gelände- oder flurstück: ain zipffel (einer wiese; 1436) mon. boica 6, 452; auf dem Osterfeur ist ein dreieggeter zipfl und das ist ain gemain (Tirol 1558) österr. weist. 2, 229; bis an Hans Pauren zipfl (Tirol 17. jh.) ebda 3, 152; zippel spitz auslaufendes flurstück F. E. Schulz orts- u. flurnamen d. kr. Köslin 260; 'ecke, kleines stück land' Brandenburg; der acker macht en zipfel bildet einen vorspringenden, schmalen endstreifen Schmeller-Frommann 2, 1144; unglücklicher weise besaszen einige dorfbewohner schmale zipfel sandigen neulandes Holtei erz. schr. (1861) 2, 154; man sah ... einen zipfel von einem kleinen garten W. Raabe s. w. I 5, 164; im norden stiesz es (das gelände) in zwei zipfeln in den kiefernwald A. Seghers d. toten bl. jung (1950) 262; ähnlich: da sich nun etwann ein gerichtsfall auf demselbigenn zippel des wegs zutragenn wurde (Thür. 1567) Diefenbach-Wülcker 914; die äuszersten gebäude einer gemeinde: am Kappenzipfel zu Augsburg, am Sauzipfel zu Moosinning Westenrieder (1816) 689; der äuszerste teil eines langgestreckten dorfes Fischer schwäb. 6, 1235; unserer anstrengung gelang es, diesen zipfel der stadt aufrecht zu erhalten Göthe I 24, 223 W.; Hunn'zippel abseits gelegenes gehöft F. E. Schulz orts- u. flurnamen d. kr. Köslin 260; ins meer vorstoszende spitze eines landes, halbinsel, vorgebirge: das reich Arabien ist ain zipfel, streckt sich gegen mittentag in das rot und Persier mer Aventin s. w. 4, 2, 679 bayer. akad.; fiel in Kriechenland in die insel oder zipfel des mers, so ietzo Morea haist ebda 4, 1, 159; Lacinium ein zipffel oder vorgebirg Italiae gegen Siciliae Xylander Polybius (1574) 486; welche (krümmen) schmale, zu beiden seiten am wasser ligende, und derhalben lüstige zepffel am erdrich machen, so die Griechen isthmos nennen G. Braun beschr. u. contrafactur (1574) 434. spitzes end- oder teilstück eines landes: Schlesien und Schwaben, die östlichen und westlichen zipfel von Deutschland H. Laube ges. schr. (1875) 8, 10.
4) die übertragene wendung beim zipfel fassen hat mehrere ursprünge (vgl. dazu 2 a—c); zunächst am rockzipfel, um den träger festzuhalten: gott, gott! mir ist, als müszt' ich dich am zipfel fassen, wie einen, der mich auf ewig zu verlassen droht Hebbel w. 1, 25 Werner; nur in keine gemeinde- und kreisversammlungen waren sie (die söhne) zu bringen ... heute aber wollte der alte sie beim zipfel nehmen und mit gewalt hinführen G. Keller nachgel. schr. u. dicht. (1893) 279; anderseits den erfaszten zipfel abschneiden, um sich von dem bedränger zu befreien:

wenn dich ein schalck beim mantel helt,
auff dasz du sein werdst abgesellt,
weyter unlust mit z vermeiden,
soltu den zipffel flucks abschneiden
Kirchhof wendunmuth 1, 97 lit. ver.;

um den rockzipfel als ersatz für den träger mitzubringen: bitte sie ihn ja sehr, dasz er mich Lavatern zu füszen lege, und mir einen zipfel von seinem rocke mitbringe (1789) Schiller br. 2, 284 Jonas. eine sache bei einem, beim rechten zipfel fassen, an dem man sie halten und sich aneignen kann: das er (der mensch nach dem tode) gantz vorsincke und vorschwind ynn die reychthumb, die er itzt ym glawben, alsz bey eynem kleynen zipffell ergriffen hatt (1522) Luther 10, 1, 1, 118 W.;

[Bd. 31, Sp. 1552]


jedoch, du woltest nicht ein halber doctor seyn,
und die gelahrtheit nur bey einem zipffel fassen
Hoffmannswaldau u. a. Deutschen ged. (1697) 6, 256;

fassest du die muse nur beim zipfel,
hast du wenig nur gethan
Göthe I 3, 118 W.;

fliegt dir das glück vorbei einmal,
so fasz es am zipfel
H. Heine s. w. 1, 432 Elster;

wenn es galt, ein vergnügen beim zipfel zu fassen H. Böhlau altweimarsche gesch. (1897) 103; dasz die königl. schwedische nicht wusten, an welchem zipffel sie die sache angreiffen solten, damit sie ihnen nicht entwischete Chemnitz schwed. krieg 2 (1653) 112; was für collision ist denn hier, wenn man die sache beym rechten zipfel faszt Hippel lebensläufe (1778) 3, 2, 326; der pastor griff die sache jetzt beim rechten zipfel an W. Raabe s. w. I 3, 11; dia wäss alles on 'n (an dem) richti'n zipf'l on'zopack'n sie weisz all ihren handlungen rechte gestalt zu geben Ruckert unterfränk. 199. redensarten: das ist der zipfel von dem fulen tuoch hier musz man zugreifen, die sache anfassen Keisersberg bei Martin-Lienhart elsäss. 2, 911b; s ist ihm uf dem zipfel gestanden es fehlte sehr wenig, so ... ebda.
ein zipfel von einer sache ist ein anteil daran: nu furen jene auch solch wort, predigen und rumen viel von der liebe, aber sie zihens nur auff iren zipffel und bringens auff ir teil Luther 36, 358 W.; die ... halfen alle darzu, damit das güetlin verthon und inen ain zipfel vom kissin megte werden Zimmer. chron.2 2, 621 Barack. bei einem tuch oder bett musz man vier zipfel haben, um das ganze zu erfassen; die übertragung tritt am bett besonders in schwäbischen belegen hervor: (die wollenweber) müszten sich allein von tüchern und loden ... ernähren, und haben des bets nur ein, und die leininweber die drei zipfel (1511) bei Fischer schwäb. 6, 1234; (die bischöfe) in eine solche macht ... gewachsen seind, dasz sie mehr haben denn die welt selbst und das betth schon bey den dreyen zipfeln erlanget S. Franck chron. zeytb. (1585) 2, 684;

dry zypffel handt wir z uns bracht,
yetz handt wir uff den fierden acht,
und flyszendt uns, das er uns werd,
dann lygt ir dann uff bloszer erd
Murner die mühle (1515) D 2b faksim.;

dan ich usz seinem (des Hans Karst) mund selb gehört, man hab im drei zipffel genumen ... ir solten euch wol eins zipffels klagen und das gantz bet verlieren ders., kl. schr. 2, 42 Pfeiffer-Belli; dieweil ... die pfaffen das küsin mit den dreien zipflen in henden und sich ... niemands gegen inen einlassen dörfte Zimmer. chron.2 2, 430 Barack; der bawer sagt, man hab ihm drey zipffel vom leylach genommen, es gelt jetzt den letzten, darumb wolle er mit muszqueten schieszen, oder mit dem karst dreinschlagen Lehmann floril. polit. (1662) 2, 825. volksläufig das bett an allen vier zipfeln nehmen: der ist net zufrieden, wenn er 's bett net an vier zipfeln hat Fischer schwäb.; daraus die redewendung etwas bei allen vier zipfeln fassen, haben es ganz fassen: die da meinen, sie haben den catechismum allwol gelernet, und bei allen vier zippeln gefast Roth catech. pred. (1573) 2, 586a; agere omnia pro suo iure in allen dingen des rechten vier zippel haben wollen B. Faber thes. (1587) 649a; man ... meinet ... die sache bey allen vier zipfeln gefasset zu haben Stieler zeitungslust u. nutz (1695) 433; wer ... alles an vier zipfeln ergreiffen wil, dasz ihms je nicht fehlen könne (1698) bei Fischer schwäb.; bei allen vîr zippeln krein eine sache vollständig anfassen Jecht Mansfeld 128a; ähnlich jemand bei allen zipfeln haben: zeigen sie nunmehr, dasz ein stutzerchen, wie Lelio, uns nicht immer bey allen zipfeln hat Lessing 2, 43 L.-M. mit leichter bedeutungsverschiebung: 'etwas bei allen vier zipfeln fassen bei einer sache sehr vorsichtig gehen, zur erreichung einer absicht die sichersten maszregeln nehmen' Campe 5, 873a. wer nicht alle zipfel in der hand hat, der hat die sache nicht vorsichtig oder geschickt

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genug angefaszt: aber von meiner hand war ihr niemals nichts recht, es fehlte immer an einem zipfel Bräker s. schr. (1789) 1, 258; die meisten menschen ... fassen nur einen zipfel und schleppen das übrige hinter sich, so dasz bald einer hie, der andre dort darauf tritt Tieck schr. (1828) 12, 365. der überkluge oder der gewinnsüchtige möchte sogar fünf zipfel erfassen: denn da sitzt der könig oder fürst fur sich selbs weise und klug und hat die sache gefasset bey allen funff zipfeln Luther 51, 203 W.; (der regent) meynt, er hab die sach bey fünff zipffeln Lehmann floril. polit. (1662) 1, 676; zogen nachrichten ein von den entferntesten ländern aller vier weltgegenden, verglichen sie mit einander und prophezeiten nun wissenschaftlich an allen fünf zipfeln, was für ein winter ... im nächsten jahr seyn werde Körte sprichw. (1837) 534; (der) nimmt 's bett an fünf zipfeln Fischer schwäb. 6, 1234.
bei einem vollen zugebundenen sack kann man eigentlich nur drei zipfel fassen, daher bedeutet vier zipfel oder sogar fünf zipfel fassen wollen ein übermäsziges oder unvernünftiges streben:

so ist sein hertz des geitzes voll,
wils alls zu sich scharren und schaben,
des sacks allzeit vier zipffel haben
Burkard Waldis Esopus 1, 191 Kurz;

das lutherthumb vier zipffel hat,
des teuffels sack und zergat.
die sich all euangelisch rhümen,
1. die heiszt man nun die Lutheranen,
2., 3., 4. Calvisten, tauffer und neutraln
Joh. Nas antipap. eins u. hundert 4 (1570) 76b;

die edelleutt wollen stets die handt mitt im sode haben und des sacks funff zipfell Luther tischr. 5, 62 W.; die lüglinge, ehrgeizige und ruhmredige Hansen in allen gassen, die des sacks wollen fünf zipfel haben und alles regiren, lasse man immer fahren ebda 648; ein disputirer thut offt nichts anders, als dasz er den fünfften zipffel am sack sucht Lehmann floril. polit. (1662) 1, 150. ebenso meint etwas übermäsziges: so wird ja nun ... das zeychen des creutzes unzweiffenlich ein heilig sacrament, es hab dann der sack fünff zipffel Fischart binenkorb (1588) 181a.
5) besonderes.
a) troddel u. ähnl.: daran ein schöne kugel oder hauptkappe mit dradeln oder zippeln hieng Nigrinus von zäuberern (1592) 48; und waren diese brieff ... versigelt mit rotem wachs unnd doppel anhangenden zipffel Meteren hist. beschr. d. niderl. krieges (1614) 114a; troddel Fischer schwäb. 6, 1235; band als zeichen der trauer: item adi 14 jener fur 3 eln schwarcz czendel halb thort mir czu einem czipffel umb die mederen hauben Tucher haushaltbuch 107 Loose, vgl. Kriegk dt. bürgerthum (n. f.) 170 f.; dazu auch bierzipfel ein band, früher von studenten in den farben und mit dem zirkel ihrer verbindung getragen; ein zipfel tuch 'langes, schmales stück leinwand oder baumwollentuch wie es vom weber kommt und dann, mit eckbändern an pflöcke gebunden, zum bleichen auf dem rasen ausgespannt wird' Spiess Henneberg 291.
b) ein stücklein, kleines ding, kurzes ende: zipffel, stücklein pezzetto Hulsius t.-it. (1605) 164; sú heint ein zipfel rúwe, daz ist: sú wen gt sin, untz daz es in we tt Seuse dt. schr. 454 Bihlm.;

so hab ich oft ein zipfel reu,
ich wolle gar und gar frum sein fastnachtsp. 858, 17 Keller; dazu vgl. DWB zipfelreue;

daher sind komen szo viel parteyen und tzipffell und franszen der stifft und kloster ynn der wellt (1522) Luther 10, 1, 2, 77 W.; en lütjen zippel ein kleiner trumpf im spiel Schütze Holstein 4, 383; vgl. zipfelweise; kaen zipfel nicht ein biszchen Schmeller-Frommann 2, 1144. übertragen: darum halten sie (philosophen) mit ihm (dem absoluten) so hinterm berge, ... dasz man kaum einen zipfel von ihm gewahr wird Schopenhauer w. 4, 137 Gr.; eine ansicht der modernen kunst ..., wo sich

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jede berühmtheit mit irgend einem zipfel naturanschauung bekannt gemacht hatte W. Schäfer erz. schr. (1918) 3, 164.
c) heraldik: zipfel 'ist ein selten gebrauchter und nicht zu empfehlender ausdruck für die lätze am turnierkragen' Querfurth wb. d. herald. terminol. 178.
6) diminutiv schriftsprachlich zipfelchen, obd. zipflein, zipfele, zipferl; zu 1 c zacke an pflanzen: lacinula das zipfelchen oder fetzchen, ein kleiner zipfel oder auch ein an einem zipfel selbst wieder vorkommender, durch tiefere einschnitte entstandener zacken Bischoff wb. d. beschr. botanik (1839) 111; zu 1 d lappen, spitze am tier- und menschenkörper: das zipflin der nasen H. Rodler kunst d. messens (1531) G 3b;

in eines löwen haut verbarg ein esel sich ...
... bald aber bald erblickt
des müllers groszer hund ein zipfelchen vom ohr
Gleim s. schr. (1798) 1, 142;

iegeliches sneit ein stucke,
wi cleine iz ummer mochte sin:
diz ir oren cippelin,
daz eine warzen von ir brust,
wes iz mochte haben lust
(vom leib d. hl. Elisabeth werden reliquien genommen) Elisabeth 9348 Rieger;

das zipfelle der orn Dürer menschl. proportion (1520) N 3c; 'auriculae cordis im deutschen Vesal: ohrläpplin des herzens, im Paré: zipffelin' Hyrtl kunstworte d. anatomie (1884) 120; fingerspitze: coryphe, digitorum extremitas interior iuxta ungues das zipfflin oder euszerste der finger, b(elgice) het tippeken van de vingeren Junius (1567) 40b; penis: wird es (der zukünftige sohn) ein milchlamm mit einem zipelchen werden, soll der vater gepriesen werden Winckelmann s. w. (1825) 11, 376; zu 2 a groszes tuch, vorhang: ich lüftete nur ein zipfelchen des vorhanges, der meine vergangenheit bedeckt Holtei erz. schr. (1861) 37, 93; zu 2 b kleid-, gewandzipfel: diejenigen aber, die mich kennen und ihrer liebe dennoch nicht unwerth halten, nehmen auch diesen fehler gütigst unter ihre mäntel. ich bitte daher auch um ein zipfelchen von dem ihrigen br. von u. an G. A. Bürger 3, 197 Strodtmann; (von der winterjacke gönnte) er sich selber nur ein zipfelchen Fontane ges. w. (1905) I 2, 398; das weyblin, das an aller welt hilff verzagen musz, fasset den gedancken, sie wölle gesund werden, wenn sie nur dazu könne kommen und ein zipffelein von des herrn rock anrüren Luther 52, 540 W.; apex pro mitra vel das zipflin uff der haub vel summitas ipsa Alberus nov. dict. genus (1540) J 2b; zipfflein oben an einer kappen oder mützen ein büschel von zerflockter seiden oder wolle oben auff der spitzen einer mützen Duez germ.-gall.-lat. (1664) 716; zu 3 kleines stück eines landes: es war ruchbar geworden, dasz irgendein zipfelchen hessischen landes die urheimat des fremden weibes gewesen war A. Supper holunderduft (1910) 44; er sah (in seiner vorstellung) ein zipfelchen Sowjetunion, ein zipfelchen Charkow in der hungersnot, spindeldürre kinder, ein zipfelchen von einem sportfest auf dem Roten Platz, wo alle vergnügt aussahen A. Seghers d. toten bl. jung (1950) 368; zu 5 b ein kleines stück, ein endchen: sy hat och fil sunderlicher gnaden z únsers heren marter und sprach: únser her kúnd recht kain masz; aber wir farent gar fer under masz; wir rrrent kum ain zipelin der masz Elsbet Stagel leben d. schw. zu Tösz 93 Vetter; das diese jetzige zeyt, darinnen wir leben, das aller letzte drümmlein von der welt unnd das letzte zipfflein sey theatrum diabol. (1569) 147a; zipferl alles, was klein ist und am ende gespitzt ausläuft Hügel Wien 195b. bildlich: ein klein ziplin an dieser bruderschafft (1538) Luther 46, 349 W.; zwar hängst du mit einem zipfelchen an der kunst (1801) Caroline br. 2, 88 Waitz.
 
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zipfel- in seltenen zusammensetzungen: -adam, m., ein alter dreher oder tanz in den straszenortschaften Birlinger schwäb.-augsb. 440a; -balg, m., name der

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magd im kinderlied vom haushalt schweiz. id. 4, 1211; -bere, m., eine abart des sackartigen fischnetzes Fischer schwäb. 6, 1235; 3488; schweiz. id. 4, 1457; -bart, m., gleich zwickbart (teil 16, sp. 1111); -förmig, adj. Sömmerring menschl. körper (1839) 3, 1, 223; Oken allg. naturgesch. 5 (1835) 413; Brehm tierl. 7, 6 P.-L.; -garn, n., eine art fischernetz schweiz. id. 2, 426; -glaube, m., glaube an wahrsagerei, zauberei Steinhöwel chron. (1531) G 3b; Fischer schwäb. 6, 1235; -haus, n., bedeutung?: unnd nachdem die von Naumburg hiebevor zu gemeiner stat notturfe und zirheit ein zipfelhaus, jarkuch, zigelschein und ein new rathaws an das alt gesatzt und erweittert (1514) bei Brinckmeier gloss. dipl. 2, 754b; -läufer, m., 'die riemen- oder zippelläuffer, das seynd solche leute, die zwar als im thal arbeitende eingezeichnet, iedoch noch keine beständige jährliche arbeit erlanget, auch keine pflicht darzu abgeleget haben, sondern auff stete arbeit warten' Hondorff d. saltzwerk zu Halle (1670) 48; s. Adelung2 3, 1111 s. v. riemenläufer; -schüssel, f., an den enden ausgespitzte schüssel länglicher form schweiz. id. 8, 1485; -sinnig, adj., launisch schweiz. id. 7, 1075; streitsüchtig, toll, verrückt Fischer schwäb. 6, 1236; eigensinnig, halb verrückt Martin-Lienhart 2, 362b; Schmidt Straszburg 120b; toll, verrückt (Baden-Baden) zs. f. dt. maa. (1917) 168; -tänzig, adj., ungeduldig Follmann Lothr. 558b; auszer sich vor freude, ungeduldig, verrückt Martin-Lienhart 2, 697b; -tuch, n., 'so das weibesvolck um den hals trägt', a neck-handkerchief Ludwig t.-engl. (1716) 2598; collare foeminarum plicatum cujus duo anguli in dorso dependent Frisch 2, 479c; le fichu, mouchoir de cou Schwan nouv. dict. (1783) 2, 1110a; in der südlichen mark Brandenburg noch vor kurzem beliebter teil der frauenkleidung; kopftuch bei einem manne Immermann w. 2, 44 Hempel; -wurst, f., zippelwurst wurst vom endedarm Anton Oberlausitz 15, 20; aber die zippelworscht in Mansfeld Jecht 128a ist eine zwiebelwurst.
 
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zipfelhaube, f., kopfbedeckung des bauern mit einer quaste, auch von frauen getragen: die zipfelhaube, von der die quaste mir vorhin über die wange gestrichen ist Anzengruber ges. w. (1890) 3, 79;

was brauch(t) denn der bauer der bauer an huət
für so an g'scherten spitzbuəmn is a zipflhaubm a guət bair. schnaderhüpferl;

in ihrer weiszen zipfelhaube G. Keller ges. w. (1889) 5, 323; zipfelhauben spitze schlafmütze Jakob Wien 226; in der bair. soldatensprache der helm Imme soldatenspr. 114; in der gaunersprache das gefängnis Ostwald rinnsteinspr. 171.
 
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zipfelicht, jünger zipfelig, zipflig, adj. 1) in zipfel, spitzen, läppchen, zacken auslaufend: zipflet birrutus (voc. Ulm 1487) bei Fischer schwäb. 6, 3488; zipflot birrutus, vulgariter gernig vel ziplot voc. i. c. teut. ante lat. (Straszburg ca. 1495) E 2a; Diefenbach gl. 75a; Diefenbach-Wülcker 914; zipfelicht laciniosus, laciniatus, zipflichter rock toga sinuosa ac cuius partes quaedam prominent et protuberant Stieler stammb. (1691) 2632; zipfelicht, gezipfelt Kramer t.-ital. 2 (1702) 1468b; zipffelicht was (einen) zipffel hat Ludwig t.-engl. (1716) 2598; dy frowen lange czippfelichte huben, dy wunden sy umme dy houbte Stolle thür. chron. 190 lit. ver.; es sey besser, die decken auf den viereckigten tischen ... lägen schief und zipflicht, als gerade und rechtwinklicht Nicolai Seb. Nothanker (1773) 3, 68; das scharlachrothe zipflichte goldgestickte gewand über der schwer gestickten weiszen tunika drappirt H. v. Chezy neue auserl. schr. (1817) 2, 110; ein spottvers bei Fischer schwäb. 6, 3488; von blaəchzipfl weənt (werden) d' hemədə zipflet Schmeller-Frommann 2, 1144; das kleid ist zipplig macht zipfel, ecken, buckel (erzgeb.-vogtl.), vgl. zs. f. dt. maa. (1914) 158; gelappt, zipfelig laciniatum, wenn die ausschnitte und buchten sehr tief gehn Illiger thier- u. pflanzenreich (1800) 31; jeder blattteil (des ackerstorchschnabels)

[Bd. 31, Sp. 1556]


hat ... 3 zipfel, und einer oder der andere dieser zipfel ist wiederum zipfelig Schlechtendal flora v. Deutschland (1880) 21, 158 Hallier; das zipflige krönchen (einer blume) El. Langgässer märk. argonautenfahrt (1950) 319; in zusammensetzungen: drei-, fünfzipflig. 2) zu zipfel 1 e 'tropf': zipflig unbeholfen, einfältig, dumm Fischer schwäb. 6, 3488. 3) zum verb. zipfeln 1 d, gleich zipfelweise stück-, ratenweise: erstlich soll die bezahlung allwegen vollkömmlich, und nicht zipfflet, dem gläubiger geschehen. es were dann, dasz derselbig dem schuldtmann ... gutwillig were, dieselbig also zipfflet oder theilweisz, anzunemmen d. st. Franckfurt am Mayn erneuerte reformation (1611) 328. mit unterbrechung, stoszweise: in abschlagung ihres wassers haben sie (die neger an der goldküste) fast eine weiss wie die schweine, dasz sie es immerdar abbrechen oder zippelich thun Levin Hulsius schiffahrten (1598) in: zs. f. dt. philol. 13, 444. 4) zum verb. zipfeln 2 c: zipflig (Baden-Baden) aufgeregt, ungeduldig zs. f. dt. maa. (1917) 168; zibbelig bang, feige, unschlüssig Hönig Köln 207b; zippelig bänglich Woeste-Nörrenberg 330b.
 
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zipfelkappe, f., meist gestrickte, oben spitz zulaufende und mit einer troddel versehene kopfbedeckung älterer männer: da wurde er empfangen ... von 200 bauern mit trischeln und in zippelkappen, nach altböhmischer weise gekleidet J. G. Lairitz palmwald (1686) 40a; denn wenn sie oben auf der höhe zusammentrafen und an einander vorüberkamen, so schlug dem, welcher gegen den frischen ostwind ging, die zipfelkappe nach hinten über, während sie bei dem andern, der den wind im rücken hatte, sich nach vorn sträubte G. Keller ges. w. (1889) 4, 75; eine schützende wollene zipfelkappe umschlosz sein haupt Scheffel ges. w. (1907) 3, 89; der Schmiedjörgli ... lupfte ... seine zipfelkappe B. Auerbach schr. (1892) 10, 48; zipfelkappe mütze mit einem zipfel, bes. baumwollene nachtmütze der männer Schmidt Straszburg 120; zippelkapp zipfelmütze Follmann Lothr. 559a; zipfelchappe Seiler Basel 325; namentlich auch schwarz seidene zipfelmütze, die unter dem hut mit vorhängendem zipfel getragen wird Bühler Davos 2, 33; schweiz. id. 3, 397; Fischer schwäb. 6, 1236; narrenkappe, närrische person schweiz. id. 3, 397. —
 
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-mütze, f., der norddeutsche name des vorigen; altmännertracht: er trug eine schwarzseidene zipfelmütze H. Laube ges. schr. (1875) 16, 84; er ... hatte auf dem kopfe eine bunte zipfelmütze B. Auerbach schr. (1892) 15, 24; er ... setzte eine ... zipfelmütze auf G. Keller ges. w. (1889) 7, 138; er (der schiffer) war abgetrabt mit seiner pfeife und seiner bunten zipfelmütze W. Raabe d. hungerpastor (1864) 3, 86; der alte famulus in hemdsärmeln guckt aus dem fenster neben der eingangstür (der schule) und lüftet grüszend die weisze zipfelmütze ders., s. w. I 3, 371;

in Ohlau der bürgermeister der stadt
eine weisze zippelmütze hat;
gegenüber im kommandantenhaus
sieht Seydlitz morgens zum fenster hinaus
Fontane ges. w. (1905) II 1, 246;

auch unter dem hut getragen: darunter hatte er eine zipfelmütze auf dem kopfe Ludwig ges. schr. (1891) 2, 511; nachtmütze: ich seh ihn in schlafrock und zipfelmütze und mit der langen pfeife mit der schwarzrothgoldenen quaste Bauernfeld ges. schr. (1871) 7, 81;

bald zu bett geht onkel Fritze
in der spitzen zippelmütze
W. Busch Max und Moritz (1865) 33;

eine kleine stunde später liegt das ehepaar Sajou, mit kopftuch und zipfelmütze zum schlaf ausgerüstet, in seinem breiten bett Werfel Bernadette (1948) 82. als zeichen unpolitischen verhaltens, das die ohren gegen die unruhe drauszen verschlieszt: vetter Michel rückt hier gähnend die zipfelmütze und frägt: was hilfts? W. Körte sprichw. (1837) 539; die zipfelmütze über die ohren ziehen Fr. Wolf zwei a. d. grenze (1948) 71; zipfelmütze calantica, penula pellita Stieler stammb. (1691) 1316;

[Bd. 31, Sp. 1557]


zippelmitze Damköhler Nordharz 231b; Block Eilsdorf 102a; Brendicke Berliner wortsch. 195b; tippelmüske Woeste-Nörrenberg Westf. 272. frauenmütze: berlinische zipffelmütze 'ist eine von schwartzen sammet, plüsch oder tripp zubereitete und mit schwartzen spitzen übernehete mütze, über den kopff gantz platt und schlecht, hinten aber mit zwey breiten und langen getheilten und über den rücken herabhangenden flügeln versehen, um und um an denen rändern mit einem dicken und runden zobel- oder martergebrähme versehen, so vor diesen (auch noch ietzo an etlichen orten) die erbaren und betagten weiber in winterszeit zu tragen pflegten' Amaranthes frauenz.-lex. (1715) 198.
 
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zipfeln, vb., vom subst. zipfel. 1) die zipfel oder in zipfeln nehmen oder geben, woraus a) zipfeln kleinweise nehmen oder betasten z. b. in einem kramladen umzipfeln hie und da etwas ergreifen, ohne wirklich oder bald etwas kaufen zu wollen Höfer etym. wb. (1815) 3, 335; Loritza Wien 147b; zipfln, anzipfln von einer sache etwas nehmen, gleichsam einen zipfel Castelli 272; s. zippels (statt zippelns) und klipperns s. v. klippern 2 d (teil 5, sp. 1207); kirschen zipfeln so pflücken, dasz die stiele am baum bleiben, die frucht als zipfel verstanden Fischer schwäb. 6, 1236; im heuet an den wiesen zipfeln kleine stücke wegmähen, an den speisen zipfeln stücke wegreiszen ebda. b) zipfeln die zipfel eines tuches in der faust halten und die spielteilnehmer einen derselben als los ziehen lassen Unger-Khull steir. 649b; mit tuchzipfeln losen Jakob Wien 226; zipfeln wir, wer als erster gibt E. Ertl die leute v. blauen guguckshaus 137 Staackmann-verlag. c) zipfeln kärglich zumessen Schmid schwäb. wb. 548; ware kleinlich zumessen oder zuwägen, allzu genau dabei verfahren Jakob Wien 226; kargen, die speisen knapp austeilen Fischer schwäb. 6, 1236; de kue zipfelt wenn sie beim melken nur ruckweise die milch läszt Schmeller-Frommann 2, 1144; zippeln geizig tun (württ.) Klein 2, 247. d) zipfeln den wein langsam und tropfenweise austrinken id. austr. (1824) 129; Castelli 273; Hügel Wien 195b; in kleinen zügen trinken Lexer Kärnten 266; Unger-Khull steir. 649b; sparsam trinken Schmid schwäb. wb. 548; Meisinger Rappenau 213a; die alte weiber, wann sie hinter einen ofenwinckhl hocken, wackher seittln, zipffln und nipffln Neiner tändlmarckt (1734) 25; s. auch 1zipfen 2; zipfeln, mit einer speise umzipfeln verschiedene kleine bissen nehmen und manches wieder liegen lassen Höfer etym. wb. (1815) 3, 335; in kleinen portionen nehmen, mit wenig appetit essen Fischer schwäb. 6, 1236; zipplen in ganz kleinen schlückchen trinken 1238; zipfeln (Baden-Baden) sich lange mit essen aufhalten zs. f. dt. maa. (1917) 168; zusammengefaszt: zipfeln in kleinen ansätzen, portionen nehmen, geben, essen, trinken usw. Schmeller-Frommann 2, 1144. 2) intrans. u. refl. einen zipfel bilden. a) ein rock zipfelt, wenn er ungleich lang ist; ein knabe, der die haut vom brei und den wurstzipfel gegessen hatte, sagte: häutle dich, brei, zipfele dich, wurst Fischer schwäb. 6, 1236;

zipfelt hinter jenem baum
deines mitbewerbers saum
Liliencron s. w. (1896) 8, 130;

eine rumänische patrouille in grüngrauen uniformen, ... die mützen nicht unähnlich den österreichischen, blosz zipfelten sie vorn und hinten hoch Zillich zw. grenzen u. zeiten (1936) 414. b) unpersönlich: es zipfelt sich immer es läszt sich bereits an, immer schon gibt es vorzeichen, z. b. zu regen, feuersbrunst, verdrusz Schmid schwäb. wb. 547; es zipfelt blosz es ist noch unbedeutend, noch lange nicht hinlänglich ebda; es zipfelt ällweil das wetter ist noch unentschieden, noch nicht gut Fischer schwäb. 6, 1236; alt von einer seuche, die bald da, bald dort auftritt: da fieng es an z Augspurg z sterben, doch so zipflet es nun hin und her in der statt ... es was z Ulm auch nit gar rain, es zipflet auch (Augsburg 1521) städtechron. 25, 162. c) eine arbeit mit geringer lust betreiben, zaudern Fischer schwäb. 6, 1237; zaudern

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Schmid schwäb. wb. 547; zipflen zögern Martin-Lienhart 2, 912a; zibbele langsam, ängstlich tun Rovenhagen Aachen 168a. d) zipfeln traurig oder kränklich aussehen Loritza Wien 147b; vgl. 1zipfen 3. e) mit einem zipfel 'penis' versehen, in einem derben schles. trinkspruch bei Jungandreas zeitwortbildung 21. f) mit einem zipfel versehen (am kleidungsstück):

zwir geczipfelt so get der man
Heinrich d. Teichner ged. 556, 42 (lesart) Niewöhner;

dat pallium edder bischops mentelken einer gezippelden narrenkappen glyck Gryse pawestdom (1593) N 4b; zipfelen, gezipfelt laciniatim consuere, lemniscos et segmina praesuere, der mantel ist sehr ungleich gezipfelt Stieler stammb. (1691) 2632; die eine brachte ihr kostbares kopfzeug herbey, auf dasz sie dafür von dem Vertumnus einen welschen hennen-kopf erlangen mögte, der fein roth und weisz getüpfelt und gezipfelt wäre Lindenborn Diogenes (1742) 2, 174.
 
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zipfelpelz, m., ein als oberrock getragener pelz; 'seine bezeichnung stammt von dem hinten und vorne herabhängenden schoszzipfel, die sich aus der natürlichen form der beiden widderfelle ergeben, aus denen der zippelpelz (als vorder- und rückenblatt) zusammengenäht ist' Hanika in: forsch u. fortschr. 13, 218a (mit abbildung); frühere beschreibungen ungenau oder machart abweichend: 'melota, tunica pellicea, weil an diesen oberpelzen auf den rücken zwey zipfel herabhängen' Frisch 2, 479c; 'ein pelz, an welchem zwei zipfel auf dem rücken herabhängen' Adelung2 4, 1724; Krünitz öcon. encycl. 241 (1858) 525; 'ein pelz von langhaarigen schaffellen, auf welchen die wolle in zipfeln oder zotteln steht' Campe 5, 873b; 'ein mit lämmerschwänzen gefütterter pelz, die lieblingskleidung der ländlichen bevölkerung' mitt. schles. volkskde 20, 80; zippelpelz, m., 'ein pelz mit den zipfeln oder schwänzchen der tiere, von deren fell er gemacht ist' Anton Oberlausitz 15, 20; zipfelpelz tunica ovilla; pellis lanata (Nürnberg) Serz volksausdrücke (1797) 182; 'ein zotteliger pelzrock, ehedem die eigenthümliche tracht der Nürnberger rothschmiede' Frommann dt. maa. 6, 266; 'ein pelzrock mit herabhängenden zipfeln' (1575) Fischer schwäb. 6, 3488; rheno ... gefüttert röckgen zippel- oder leibbeltz Corvinus fons lat. (1623) 658; zippelbelz tunica talaris pellicea Stieler stammb. (1691) 467; zippelbeltz pellicia lunga di code e di dossi di pelle Kramer t.-ital. 1 (1700) 79b; zippelpeltz, leibpeltz robba ò veste foderata di pelle, robe fourrée Rädlein d.-ital.-frz. (1711) 1096b; rheno ... zippelbeltz Kirsch cornu copiae (1718) 946; Diefenbach gl. 492b; zipfelpelz une camisole de peaux de mouton Schwan nouv. dict. (1783) 2, 1110a; vgl. zimpelpelz (sp. 1361); wenn die leutlein zu tische gesessen sein, und mahlzeit haben halten wollen, so sind die meuse auff die bäncke gekrochen, und haben ihnen von hinden zu die zippelpeltze abgefressen Aelurius glaciographia (1625) 401;

will der winter kälte treuen
ziehn wir zippelbeltze an
Blümml zwei Leipz. liederhs. des 17. jhs. (1910) 77;

wachs zum siegeln werden bienen, die sonst zippelpeltze tragen,
willig würcken
Logau s. sinnged. 611 lit. ver.;

sie erschienen auch am gesetzten tage, aber alle in zipfelpeltzen, wie bei uns die tracht zu sein pfleget Flederwisch d. schles. zipfelpeltz (ca. 1750) 41;

Liese, liebe Liese,
sey doch nicht so bise,
lehn mir deinen zipfelpelz,
dasz ich nicht erfriese alamod. techn. interim (1675) 436;

jede tochter geht so gut als ihre mutter in einem zipfelpelz Corvinus (Amaranthes) früchte d. poesie (1720) 474. scherzhafte aufzählung von haushaltsgegenständen:

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ein distillirtes biegeleisen
ein zippelpeltz von 100 mäusen
Henrici ernst-, scherzh. u. satir. ged. (1727) 1, 457;

ein frembder kauffmann, der sich will mit seiner waahre zeigen,
musz in dem schönsten zippelpels auf seinen wagen steigen
Senftleben breszl. küchenzettel (1732) )( 1b;

Petrarcha ..., der seine einfälle auf seinen zipfelpelz schrieb Kästner verm. schr. 1 (1755) 251; Kretschmann s. w. (1784) 6, 316; man schliesze von diesem auf die übrige häusliche reinigkeit, die mit dem anzug dieses volkes, der winter und sommer in einem zippelpelz, groben langen hosen und verwirrtem kopfhaar bestehet, in allem übereinstimmt Hammard reise durch Oberschlesien (1787) 23; zippelpelz gleich kuppelpelz (erzgeb.-vogtl.) zs. f. dt. maa. (1914) 158. dazu die zusammensetzung zipfelpelzorden:

du schelme, du bauer! so zierlichen titel
verehrten die krieger den bauern ins mittel;
nun krieger getreten in zippelpeltz-orden,
sind dieserley titel besitzer sie worden
Logau s. sinnged. 343 lit. ver. —


 
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-perücke, f., perücke, 'an welcher hinten mehrere haarzipfel oder knoten herabhangen' Campe 5, 873b; Krünitz öcon. encycl. 241 (1858) 525; Solbist (in einer groszen zipfelperuque und einen packt akten unter dem arme) Lessing 2, 25 L.-M.; das neueste ... ist doch immer das beste, und man kommt doch nicht gern mit einer zippelprücke angestochen, wenn in allen nacken haarbeutel hängen Claudius s. w. (1774) 3, 14; der rektor hatte nämlich eine dreiknotige zipfelperrücke auf Jean Paul w. 32, 30 Hempel; wenn die andern von dem berühmten gelehrten grafen sprechen, denken sie sich ihn immer mit der zipfelperrüke, wie den Hilmar Curas vor seiner grammatik Eichendorff s. w. (1864) 2, 369. —

 

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