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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
wirrgarten bis wirrköpfig (Bd. 30, Sp. 614 bis 616)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) wirrgarten, m., zu wirr 3 a; ungeordneter garten, in dem alles durcheinander wächst: wo aber die berge enger zusammenrücken, da bildet sich über dem sumpfigen land ... ein ganzer wirrgarten von wildem wein, myrthen, lorbeer Fr. Th. Vischer altes und neues 1, 57; auf geistiges angewendet: nicht, dasz ich diese hochpoetischen frauen anklage, wenn sie das ... feld der erfindung mit neuen wirr- und irrgärten bepflanzen K. Gutzkow ges. w. 2, 264. —
 
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wirrgebund, n., dasselbe wie wirrbund (s. d.); übertragen 'ungeordneter haufen':

mit diesen worten nahm er das infortiat,
mit träumen angefüllt mit accurs, alciat,
ein richtig wirrgebund von gothischtummen possen
F. H. v. Schönberg das pult (1753) 70.


 
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wirrgeist, m., zu wirr 2 bzw. 1 b; 'wirrer, verworrener sinn': für possenreiszerei sollte das ganze buch gelten, worin seine unwissenheit, sein wirrgeist ... zur sprache kam J. H. Voss antisymb. (1824) 2, 94. besonders für einen menschen, der nicht klar denkt und alles durcheinander bringt, zufrühst in parallele mit irrgeist (vgl. auch wirrkopf): was wollen dann unsere irr- und wirrgeister hierzu sagen? anabaptisticum et enthusiasticum pantheon (1702) 5, 182b; herr A. Gr. war viel zu groszmüthig, dasz er ... sich noch weiter mit diesem irr- und wirrgeist einlassen sollen Al. Volck entdecktes geheimnis (1730) 1, vorr. 6a; später auch selbständig verwendet: (ich bekenne,) dasz ich nicht lust habe, meine einfältige seele den bedrückungen eines solchen wirrgeistes blosz zu stellen Lavater verm. schr. (1774) 2, 186; vgl. die nl. und nd. bildungen wargeest warrer, warziek, warzugtig mensch Kramer-Moerbeck (1768) 422c, ähnlich warregeest Stürenburg ostfries. wb. (1837) 325b, denen werrgeist, werregeist zugrunde liegt.
 
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wirrglaube, m., zu wirr 2, dasselbe wie irrglaube (s. d.): den geistlichen, der ... ihre heisze angst einen blödsinnigen wirrglauben nannte H. Watzlik der alp (1923) 234.
 
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wirrhaar, n., zu wirr 3 a (s. d.): der sohn, der ... helles, stacheliges wirrhaar mit den starken händen kämmte, errötete leicht P. Dörfler Apollonias sommer 53. —
 
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wirrhaarig, adj.: diese breitschultrige, untersetzte proletariergestalt mit dickem, wirrhaarigem kopfe M. Hartmann Jerome 303; achtlos trieb er an der hütte ... vorbei und nahm die wirrhaarige alte gar nicht wahr L. Anzengruber ges. w. 3, 281.
 
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wirrheit, f., junge bildung zum adj. wirr; zu wirr 2 'verworrenheit': trotz aller unzulänglichkeiten oder gar wirrheiten des äuszeren sinnes werden noch immer leute übrig bleiben, die nach einem innerlich verborgenen gesammtsinn fragen E. Dühring d. gröszen d. modern. liter. 1, 173; zu wirr 3 c: (ich) verlangte nach einem ruheplätzchen, wo ich ... nach der kläglichen wirrheit dieses zusammenseins sie und mich zu verstehen suchen könnte E. Strausz Hans u. Grete (1919) 241.
 
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wirricht, adj., s. wirrig.
 
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wirrig, adj. , mhd. bereits sporadisch als werrecht belegt (s. u.), nhd. daneben wirricht, wirrhaft Stieler (1691) 2514, werrich, wirrisch Kramer t.-ital. 2, 1363b; zu mhd. wërre, f. (bzw. nhd. wirren, pl., s. dort), wirren, vb., meist aber zum adj. wirr gebildet; ein wort mit reicher bedeutungsentwicklung, das aber hauptsächlich mundartlich geblieben und nur selten in die schriftsprache gedrungen ist.
1) im bezug auf die geistesbeschaffenheit und stimmung von personen.
a) 'geistig verworren'; so schon mhd. vereinzelt, wohl aus werre entwickelt:

die prelate ...,
die mit ir guten rate
und mit der gotes minne
die warrichaften (lesart: werrechten) sinne ...
hie kunnen so besniten
daz sie warbichtic werden
Heinrich Hesler apok. 1108 Helm;

[Bd. 30, Sp. 615]


im 16. jh. erneut als ableitung von wirr, adj. (s. wirr 1), auftretend, doch erst ende des 17. jh. häufig, vgl. DWB wirrig, DWB wirricht confusus Stieler (1691) 2514, wirrig, werrig, wirricht, wirrisch imbrogliato di cervello Kramer t.-ital. 2, 1363b; wirrig, wirr 'verworren, im kopfe verrückt' Dähnert plattdt. wb. (1781) 553b; ähnlich Mi meckl. 107, Damköhler Nordharzer wb. (1927) 222b:

und rennt wie wirrig her und hin
durch gassen und durch straszen das mädgen von Orleans (1821) 1, 59;

da wurde er wirrig und muszte in eine anstalt Storm w. 7, 103; anfangs wird einem ein wenig wirrig im kopfe E. Th. A. Hoffmann s. w. 14, 158 Gr.; vgl. DWB he wr krank un wirri in e kopp Mensing schlesw.-holst. 5, 666; mein kopf ist noch ganz wirrig A. Schopenhauer tageb. 1, 81; 'unklar': so glaube ich, ohne auf den wirrigen Chemnitz etwas zu geben, die verhältnisse verstehen zu müssen Dahlmann gesch. v. Dänemark 1, 376; hierher auch adverbial 'aus irrtum, fälschlicherweise': nur dasz Hvitfeld die sache wirrig in das jahr 1364 setzt ebda 2, 27.
b) 'zornig, reizbar', vgl. wirrig iracundus Schottel (1663) 1444; wirrig so leichtlich verwirret wird, den man bald zornig machen kan Rädlein (1711) 1, 1066a: (ich fiel,) da ich wieder allein war ..., in mein wirriges störrisches wesen zurück Göthe 27, 145 W.; selbst seine keifenden tiraden ... werden mit leichtem sinn, gutem muthe, in wirrig humoristischer laune herausgepoltert F. Rochlitz für ruhige stunden (1828) 2, 45; von weinerlichen kindern:

sieben sind ihrer (der kleinen rangen) an der zahl,
noch klein und wirrig allzumal
A. v. Droste-Hülshoff br. (1893) 143.


2) auf sachen und verhältnisse bezogen.
a) 'verworren, verwickelt, durcheinander'; schon im 16. jh. gelegentlich bezeugt: der kaiser nam seinen weg von Hasungen nach Beiern, machet da so viel müglich die wirrigen hendel richtig C. Spangenberg mansfeld. chr. (1572) 186a; in parallele mit irrig: und ist darauff viel irriges und wirriges dinges eingefallen ebda 490b; mit bunt: wäre es auch heute so verzweifelt bunt und wirrig (mit unseren inneren verhältnissen), wie uns die fremden schildern E. M. Arndt schr. f. u. an s. l. Deutschen 4, 133; das revolutionstribunal, vor dem es bunt und wirrig genug hergegangen ist F. Wehl am sausenden webstuhl der zeit (1809) 1, 240; von lichteindrücken, vgl. DWB wirr 3 b α:

(der pfeil) traf, recht in die mitte den karfunkel,
der nun verstreut ein wirriges gefunkel
J. D. Gries Bojardos verliebter Roland (1835) 3, 78;

von haaren, stroh u. ä. 'ungeordnet, unordentlich, sperrig', vgl. wirr 3 a:

welk und müde hängt er (der lorbeer) uns schon im wirrigen haare
G. Frenssen Bismarck 375;

wird es aber wirrig eingebunden und zu dem ende krumm zusammengedrückt, so heiszt es wirrstroh L. G. Leopold hdb. d. ökonomie (1805) 505a; vergleichbar vom holz wirriga, wirrigi, wirrigs 'unspältig' Bühler Davos 2, 113.
b) vereinzelt entsprechend wirr 3 c 'verwirrend und in die irre führend': dasz man, wenn einem ein bekannter weg anfange, wirrig und entfremdet zu sein, sogleich umkehren solle Stifter s. w. 2, 277 S.
 
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wirrkopf, m. , seit dem 17. jh. belegt.
1) entsprechend wirr 1 b 'mit unklaren gedanken angefüllter kopf': er möge ihm die flausen aus seinem wirrkopf blasen W. Schäfer erz. schr. (1918) 4, 92; früh mit bedeutungserweiterung 'verworrener, konfuser mensch', vgl. wirrkopff, wirkopff un fantasque Duez dict. germ. gall. lat. (1664) 686b; wirrkopf cerebrosus Schottel 1444:

seelnager, sauertopff, spielbrecher, hertzbezwinger,
meutmacher, wirrekopf, ruhhasser, luftverdringer J. Cats sinnr. w. (1710) 1, 2, 79;

kaum wohl unter den mystikern, die jetzt ... die irrenhäuser übervölkern, fände sich solch ein wirrkopf J. H. Voss antisymb. (1824) 1, 337; weil der verdacht viel näher liegt, dasz er ein flachkopf, als dasz Bach ein wirrkopf sei Riehl musik. charakterköpfe (1899) 2, 90; von einem

[Bd. 30, Sp. 616]


menschen mit jugendlichem ungestüm, vgl. DWB brausekopf: wenn der wirrkopf erst mal verheiratet ist, dann wird alles anders R. Betsch die sieben glückseligkeiten (1936) 128; oft mit wertenden adjektiven: ein feigling und ein unentschlossener wirrkopf Nietzsche w. 5, 185; in parallelformel: von jenem alten anmaszlichen wirr- und murrkopfe ebda 4, 249.
2) jünger an wirr 3 a angeknüpft 'mit wirren haaren versehener kopf': Timon ... mit seinem zottigen, borstigen wirrkopf C. A. Böttiger schr. (1837) 1, 226; redensartlich jemandem den wirrkopf kämmen d. h. 'zur vernunft bringen': sie kriegen nächstens eine saubre commission, den aerariis den wirrkopf zu kämmen Göthe IV 30, 10 W.;
 
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wirrköpfig, adj., zu wirrkopf 1 'einen wirrkopf habend, verwirrt im kopfe', vgl. Campe 5, 742: sie (die verse) sind ganz im charakter ihres wirrköpfigen verfassers W. Jordan Ilias 594. —

 

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