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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
wiese(n)welt bis wieselbeere (Bd. 29, Sp. 1589 bis 1596)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) -welt, f. : wir schäfer sicher weiden in der grnen wiesen welt S. v. Birken ostländ. lorbeerhayn (1657) 268, er war ... der bauer und herr von seiner felder-, vieh- und wiesenwelt W. Schäfer d. verlor. sarg (1911) 166.
 
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wiesebaum, wiesbaum, m. , eine über ein fuder heu oder getreide zu legende stange, die an beiden enden festgebunden wird. mhd. wis(e)boum, mnd. wesebôm, mnl. weseboom, nl. weesboom. zufrühest (1. hälfte d. 13. jhs.) beim Stricker, um 1350 bei Konrad v. Megenberg bezeugt und seit dem 15. jh. über das gesamte sprachgebiet (bes. in weistümern) verbreitet. nhd. allgemein in der fachliteratur geläufiger als die synonyma heubaum und bindebaum, nur gelegentlich in der schriftsprache, häufig dagegen in umgangssprachlichen wendungen. die herkunft des wortes ist unklar; es ist nicht zu wiese zu stellen, obwohl es das sprachempfinden seit früher zeit damit verband; noch Stosch 'der baum, welcher auf wiesen über ein aufgeladenes fuder heu gebunden wird' gleichbed. wörter 1 (1777) 128. Adelung 5 (1786) 219, der diese auffassung ablehnt, bringt das wort mit 'slavon. weslo, eine starke stange' zusammen, 'welches durch die form wieselbaum noch mehr bestätiget wird'. Schmeller-Fr. bayer. 2, 1039 erinnert an tschech. pavuz 'heubaum' von vz 'wagen' (nicht zutreffend, s. Machek et. slovník jazyka českého 358) und an »kärnt.« (= sloven.) vesa, vesilo 'band' von vesati 'binden' (l. veza, vezilo, vezati). noch Schatz wb. d. tirol. maa. 709 vermutet zweifelnd: 'zu wiese, oder zu ahd. wîsen leiten?' eher ist wies-, wiss- in wiesebaum mit Jóhannesson isl. etym. wb. 120 zu einer idg. wz. eis- zu stellen, die in aisl. visir 'keim, sprosz', norw. langvise 'latte, die die spantenköpfe verbindet' vorliegt (s. Schmoeckel-Blesken, die F. Holthausen folgen: zu einer idg. wz. eis- 'stange' Soester Börde 333). parallelen zur bedeutungsentwicklung 'schöszling' > 'stange' stellt Foerste in: der raum Westf. 4, 1 (1958) 48, anm. 297 zusammen (rahe, f., 'segelstange'; spiere, f., 'stange, mast' teil 10, 1, sp. 2433). dabei ist nicht zu entscheiden, ob das bestimmungswort bereits die bedeutung 'baum, stange' angenommen hatte, die zs. also von vornherein verdeutlichende tautologie war, oder ob wis-, ursprünglich 'gerte, binderute', erst im kompositum mit baum die den gröszeren gegenstand bezeichnende bed. 'bindebaum, heubaum' gewonnen hat. 'am einleuchtendsten' (Foerste a. a. o.) ist die von Nörrenberg vorgeschlagene herleitung aus einer idg. -ti-ableitung zur wz. edh- 'knüpfen, binden', die sich in got. gawiss 'band, verbindung' (der gelenke), diswiss 'auflösung', uswiss 'losgebunden' wiederfindet. schwierigkeiten bereiten hierbei die völlige isoliertheit des bestimmungswortes im deutschen und das relativ späte auftreten von wort und sache. dasz wiesebaum allgemein in volksetymologischer

[Bd. 29, Sp. 1590]


umdeutung mit wiese zusammengebracht wurde und noch wird, zeigen spätmittellat. wiedergaben mit pratale und bes. die mundarten, in denen es sich eng an die lautung des vermeintlichen bestimmungswortes anschlieszt. kaum belegt sind allerdings nd. wisch-, wisk-, doch haben die nd. maa. die formen wês, wêse neben wesbôm, wesebom: wîsbôm, wêsbôm Frischbier pr. 2, 475; wesbom Mi Mecklenb. 106b; bäs'bom, wäs'bom Wossidlo-Teuchert meckl. wb. 1, 640 f.; wes-, winn-, binnbom Schumann Lübeck (1907) 26; wäszbomme Tonnar u. Evers Eupen 225; wäsbôm Danneil altmärk. 243. kürze des vokals fällt überall mit einsilbigkeit zusammen, doch steht fast im gesamten md. und obd. wie neben wiss 'wiese' auch hier die form wies- (s. unten): wišbam Gerbet Vogtland 121b; wissbaum Hotzenköcherle Mutten 153; wissbôm Kisch Nösner ma. 248a; wispaam Meisinger Rappenau 232b; wisbaum Hertel Thür. 258; wissbam Christa Trier 218b; mit ǐ im badischen unterland u. Überlingen, sonst ī im oberland Martin-Lienhart elsäss. 2, 45; wisbôm Kramer Bistritz 140; wîs(e)-, wies(e)-: wīsebām J. Blumer Nordwestböhmen 93; im oberen mundartengebiet wiesbaum (wīsbām, wīsšbam), im unteren miesbaum (miəsbām) Prexl wortgeogr. d. mittl. Böhmerw. 11; w durch fernassimilation > m in mīsbaum neben vīsbaum E. Beck Markgräfler ma. 114; wîspâm Lexer Kärnten 19; wiesbam Follmann Lothringen 541b; wiesbaam Schön Saarbrücken 229a; wiesbam Jakob Wien 219b; wiesbaum Unger-Khull steir. 633a; wîspâm, wîspoum, wisεpâm Schatz Tirol 709. diphthongiert: wīəsebôm Woeste westfäl. 323a; wiësebäom Schmoeckel-Blesken Soester Börde 333. auf die vermeintliche zugehörigkeit zu wiese weist bes. die in neuester zeit häufig zu belegende form wiesenbaum (vor allem als hochsprachl. interpretament in den mundartwbb.): wiesenbaum allg. haush.-lex. (1749) 3, 726; wiesenbaum Jacobsson techn. wb. 1, 210b; wiesenbaum Schmidt Westerwald 330; wiesenbaum Gangler Luxemburg 483; wiesenbaum Frischbier pr. 2, 468b.
vereinzelt finden sich dissimilierte formen, s. wieselbaum und wieserbaum.
wohl nur umgedeutet durch die benutzung des wiesebaumes als mesz- oder leitstange (s. 1 u.), wird das wort in einem frühen beleg mit mhd. wîsen 'leiten' zusammengebracht (Schmidt elsäss. ma. 428a erklärt 'stange zum weisen, dirigieren'): vnd sol sie (die weidetiere) wisen vrne botte der von Widensol, vnd der sol haben einen wisenbǒme funfzehen schuhe lang vnd sol sie wisen, vnd so wils (d. i. wilhs, wilches) vihes hǒbet übertrete die rechtenwege, das sol besseren (1364) weist. 4, 161 Grimm. primär als meszstab aufgefaszt: den wessebaum man nennt der messer meszgeräth oder eine meszruthe Seume kl. teutsches lex. (1733) 277. histor. wbb. verzeichnen das im 14. jh. noch selten bezeugte wort seit dem frühen 15. jh. für das nd., md. und etwas später für das obd., jedoch kaum im 16. und 17. jh.: pratale wezeboem (1420, nd.), wesebaum (15. jh., md.), wyesebauem (15. jh., md.) Diefenbach gl. 451a; wispaum partica (!) est quoddam lignum longum in curru pro feno, voc. inc. teut. (Speyer um 1485) oo 7a; wiszbaum cerealis malus Dentzler clavis germ.-lat. (1686) 351a; Kramer t.-it. 1 (1700) 65a; wieschbaum, vulg. arbor sive pertica fortior quae foenum in curru tenet Frisch t.-lat. wb. (1741) 2 447a.
1) in eigentlicher verwendung als heu- oder bindebaum: so kofte ik II wesebome vnde II waghendystelen (1410) Schiller-Lübben 5, 695; die enten legen, wie man im sprichwort sagt, bis sie den wiesebaum fallen hören (d. h. bis zur heuernte) (ca. 1570) haush. in vorwerken 95 Ermisch-Wuttke; allain wann er dergleichen holz in seinem tail nit hete, so mag er in aines andern panholz ain wispamb, stangenholz, aber nit mer, schlagen (1592) österr. weist. 2, 197; den strick, damit man den wesebaum vber die korngarben binden pfleget Micraelius altes Pommerland (1639) 1, 408; was man ihnen zu geben

[Bd. 29, Sp. 1591]


schuldig ist: ... von ainem ieden fueder, clain und gross, so mit dem wispämb gebunden wirdt, ain prugg-garbe (1643) österr. weist. 4, 16;

ein heupferd, das bey der gefahr
zu oberst auf dem wiesbaum (des heufuders) war,
sprang itzt herab
Schwabe belust. (1741) 5, 553;

hochbeladen in langer reihe kamen die heuwagen heran, auf den wiesenbäumen darüber saszen und ritten die buben des dorfes G. Freytag ges. w. 9 (1887) 41; Mete sah ... die vollen wagen auf den hof schwanken, sah Winrich zuspringen und beim abnehmen des wiesbaums helfen daheim (11. 5. 1933) 7b. auch: do er ein wispaume fonde den er an die mauern ... leynet ... zu dem fenster ein in die kamern z ir steyge Arigo decameron 346 Keller; die pauren namen jn (einen Jakobsbruder), bunden jn nackent an einen wiszbaum, legten jn zum fewer wie einen braten Hennenberger erclerung d. pr. landtaffel (1595) 258; im dorffe Renck haben sie drei bauren an einem wiesenbaum gesteckt, und wie wildbret am feuer gebraten J. D. Ernst d. hist. bilderhausz (1691) 627; es fordert aber bedeutende geschicklichkeit und stärke, so einen schwimmenden wiesbaum mit dem rechen correct emporzuschnellen Steub drei sommer in Tirol (1895) 2, 144.
der wiesebaum wird häufig zum ausmessen der breite von wegen und straszen benutzt: ainer uf ainem rosz sitzen und ainen wisbom für sich nemen soll; und was den uf dem rosz besites irret, das sol man dannen howen (15. jh.) weist. 6, 338 Grimm; (er) söl vor im haben ein wiszböm überzwergh in dem sattel, vnd sol der wiszböm xxiiii sch lang sin, vnd wz der rüeret z beden orten, daz söl man abthnd (15. jh.) ebda 1, 415; wer dass der keller seinen wissboum vergässen hett, dass er den wil hollen, so mag er den für sich nëmen entweris, vnd wass in in der straass ihret, dass sol man im abnëmen vnd ab hauwen (1484) ebda 1, 136; der (weg) soll also prait sein zu baiden seiten, als ain wispam lang ist (1548) österr. weist. 3, 293; auch öffent si, das si ein geraumbte strass sollen haben von der achen unten herein in das dorf, die aines zwerchen wispäm weit sei (1653) ebda 359.
2) bildlich und übertragen.
a) in verschiedenartig gebrauchten hyperbolischen bildern und vergleichen: ein weile was si (eine schwester) so krank, daz si sich weder gerüeren noch gereden moht, so was si denn ein weil also stark, daz sie wol ein wispaum uz der erden moht haben gebrochen (14. jh.) A. Langmann offenb. 29 Strauch; gleich als wann die narren in einem ... gauckelspil steen vnd sehent bezaubert, einen hanen ein strohalm ziehen, vnd vermeinen ... es wer ein wiszbaum S. Franck chron. zeytb. (1531) 475a; wann alles wär gelegen an der länge, so hätte der Aaron ein wiszbaum genommen, vnd nit ein ruthen Abr. a s. Clara Judas 2 (1689) 542; aber kaiser Joseph hohlt immer gewaltig aus mit dem wiesbaum und — quetscht mützen Schubart br. in: Strausz w. 9, 248; sind das auch spiesze? so einer wär mir just recht zu einem zahnstrer. meister, nehmt für mich nur gleich einen wiesbaum von sieben mannslängen Aurbacher ein volksbüchl. (1835) 195; geht's geschwind um a wisbam und d' habareitarn zan schwoassrührn (oberösterr.) wenn ein kind etwas blutet und schon heftig weint Wander dt. sprichw.-lex. 5 (1880) 233; du bist ein kerl wie der Eulenspiegel, und der hat seine mutter mit dem wisenbaum zu tode gekitzelet Fischer schwäb. 2, 896.
b) meist (in vergleichen) grosz, lang, dick wie ein wiesebaum:

einen schaft fuorter (der riese) an der hant
grœzer dann ein wiseboum
Stricker Daniel 419 Rosenhagen;

seiner (eines riesen) augen eins ist grösser, dann das kleine stetlein Gent ... und die winbranen als ein zimmlicher wiszbaum langk und dick (1558) Lindener katzipori 181 lit. ver. bes. von feuerschweifen, feurigen

[Bd. 29, Sp. 1592]


schlangen und drachen: in dem andern reich siht man des nahtes mangerlai feur, der etsleichez vert als ein langer wispaum, und haizent ez die laien den trachen (um 1350) Konrad v. Megenberg buch d. natur 74 Pf.; ez wirt auch oft gesehen ain langer rauch in den lüften sam ain wispaum ebda 77; (ein komet) alse ein grôt wesebom chron. d. nordelb. Sachsen 105; umb 9 ist ein grosser langer strom mit feur wie ein lang wiesbaum vom himmel gefallen (1625) quellen z. gesch. d. st. Brassó 4, 49; in gestalt feuriger schlangen, deren grste ihn wie ein wiszbaum gedunkte Abr. a s. Clara mercks Wien (1680) 166; um dieselben (schlösser) haben sich lange zeit grausame wrme und schlangen, wiesenbume grosz, sehen lassen Chr. Lehmann hist. schaupl. (1699) 614; eine schlange steige aus dem strom grosz wie ein wiesbaum Laistner nebelsagen (1879) 81; es ist eine schlange, wie ein wiesbaum Berndt sles. id. 161.
c) in redensartlichen wendungen und übertragen.
α) nach Matth. 7, 3 (was sihestu aber den splitter in deines bruders auge, vnd wirst nicht gewar den balcken in deinem auge? Luther): vnd der, der ainen wisbome trait in sinen ougen? wirt bezügt, daz er nit muge ain ageln nemen vsser dem ouge sins brders Niclas v. Wyle translat. 163 Keller; und es der herr Christus für arg und onleidenlich achtet, wan einer seinem nächsten oder ja einem frömbden ein spreisz ausz dem oug nemen wil und im aber in seinem oug ein wiszboum steket J. v. Watt dt. hist. schr. 1, 125 Götzinger;

nun werdend aber etlich jiehen,
ich sl den wiszboum vor uszziehn
usz minem oug, eb dasz ich sch,
das dich ein sprysz in din oug stäch (1548)
H. R. Manuel das weinspiel v. 2008 ndr.


β) gelegentliche übertragungen: feürige wyszbaum, fliegende trachen, cometen Virdung auszlegung u. beteütung d. wunderbarl. zeichen (ca. 1520) A 3a; vectis, hebebaum und brechstange, für penis (würde) durch ideenassociation auf den in den Leberiana erwähnten wisbam (wiesbaum) geführt haben Hyrtl kunstw. d. anatomie (1884) 170 (vgl. DWB es wer [membrum virile] gewachsen grösser dann ein wiszpaum fastnachtsp. 3, 1454 Keller). öfter, auch noch in heutigen maa., 'groszer, kräftiger kerl': David ... fangt ein streitt an mit dem Goliath: mit dem risen, mit dem fleischturm, mit dem oxenkopf, mit disem wisbaum Abr. a s. Clara 49 lit. ver.; a is a ausgeschuszter wieseboom Rother schles. sprichw. 49a.
 
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wieseheie, m., flurhüter, dem die aufsicht über die wiesen obliegt; s. heie 'hüter, schützer' teil 4, 2, sp. 813, eschheie teil 3, sp. 1142. selten bezeugtes und wohl nur in älterer zeit (bis ins 17. jh.) übliches wort. auch mundartl. kaum noch gebraucht: wishay Delling baier. id. 2, 207, als veraltet bei Fischer schwäb. 6, 893. zufrühest: praturarius wiseheio (13. jh.) ahd. gl. 3, 306, 62 St.-S.; literar. belege: es sol auch der amman setzen ainen wishaien ze ostran (1316) J. Grimm weist. 6, 293; wiszhain wiesenschütz (1342) bei Schmid schwäb. 268; alls des schetters hoff so man ainem hwetter eschhai wisshaii bestellt vnd hingelassen hat (1471) mon. Boica 18, 556; wishai (1616) Schmeller-Fr. bayer. 1, 1022.
 
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wiesel, m., was weisel teil 14, 1, 1, sp. 1074f.
 
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wiesel, n., nach dem volksglauben eine durch ein wiesel verursachte euterkrankheit: 'wiesel milchabnahme bei tieren, die eine euteranschwellung haben' Höfler dt. krankheitsnamenb. 804b; 'wisile rauschbrand der rinder' Schatz Tirol 709.
 
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wiesel, n. (f., m.), mustela. gemeingerm. wort; ahd. wisula, wisala, mhd. wisele, mnd. wesel(e), wasele, ags. wesle, weosula, engl. weasel, mnl. wesel, nl. wezel, spätan. visla (in hreysi-visla, vermutlich aus dem dt., s. Fischer d. lehnwörter d. awn. 42), adän. væsle, dän., norw. væsel, schwed. vessla (aus dem dt. entlehnt ist die form visel).

[Bd. 29, Sp. 1593]


herkunft und form.
das im ahd. seit dem 8. jh. (uuisula ahd. gl. 3, 5, 66 St.-S.) bezeugte wort ist umstrittenen ursprungs (vgl. Murray 10, 2, 232a; ordb. ov. d. danske spr. 27, 983; Hellquist 32, 1333b). gegen die verbreitete verbindung mit ai. visá 'gift', visra 'muffig riechend', gr. ἰός 'gift', lat. virus 'zähe flüssigkeit, schleim' zur idg. wz. -eis- 'zerflieszen' (Walde-Pokorny 1, 244; Pokorny 304) erhebt das ags. einspruch, das auf urspr. e weist; derselbe einwand erhebt sich gegen Suolahtis (germanica [1925] 107f.) auffassung von wisula als eines diminutivs von *wisjo in ahd. uuiessa, nl. dial. visse 'iltis', s. H.-Fr. Rosenfeld PBB 80 (1958) 430f. u. anm. die deshalb von Wiedemann Bezzenbergers beitr. 27, 207 und Weise zs. f. dt. wortf. 5, 252 vorgeschlagene verbindung mit asl. vesel 'fröhlich' (vgl. dazu die tabubezeichnungen für das wiesel bei Rohlfs an den quellen d. roman. spr. [1932] 8 f.; Nitsche wiss. annalen 4, 742 f.) wird aber von Vasmer russ. et. wb. 1, 191 f. ohne angabe von gründen abgelehnt.
wiesel steht in ahd. glossen seit dem 8. jh. (s. oben) durchweg für lat. mustela: vuisala (10. jh.) ahd. gl. 2, 9, 52 St.-S.; vuisela (11. jh.), wisela (13. jh.), vuisala (10. jh.), wisala (12. jh.), wisila (12. jh.) ebda 1, 348, 48; wîsela (11. jh.), wisela (12. jh.) ebda 3, 280, 55; wisila, wisela, wisele (12. jh.) ebda 3, 247, 28. literarisch erst seit dem 13. jh.
vielfältig sind die wortformen in den maa. auszer der qualität und länge des stammvokals wechselt bes., zumeist wohl unter einflusz der verschiedenen diminutivformen (s. wieselchen, wieselein, wieserl) der wortausgang. dabei ist nicht zu entscheiden, ob es sich bei der geläufigen form wiesele (meist mit abschwächung der nebensilbenvokale) um reflex des ahd. wisala oder verkürzung des an wiesel neu hinzugetretenen suffixes -lein handelt: wisələ Lenz Handschuhsheim 77; 's wiseli Seiler Basel 317a; wisilə Meisinger Rappenau 232; wissele Schmidt Straszburg 117b; wîsele Spiess Henneberg 283; wisel (kurzes i) Hönig Köln 169. md. dialekte zeigen e als stammsilbenvokal: wesel Hertel Thür. 258. mit diphthongiertem stammvokal: wiəsel Woeste-N. westfäl. 323a. nd. fast durchweg wesel (wessel): wsel Dähnert plattdt. wb. 547a; vezəl Block Eilsdorf 101a; wesel Mi Mecklenburg 106b; wesel, wessel, wissel Schumann Lübeck 2; wessel Mensing schlesw.-holst. 5, 603. mit vokalschwund der zweiten silbe: wäs'l auch wess'l Danneil altmärk. 243; wzl Hentrich Eichsfeld 84; wies'l Hügel Wien 189; wîsl, wîslε Schatz Tirol 709. schles. wieslich: Stauf v. d. March Nordmähr. 96; wie a wieslichen Gerhart Hauptmann die weber (1892) 34. vereinzelt wies, m.: Unger-Khull steir. 633a. mit abfall des -(e)n der diminutivendung: wisselche Crecelius Oberhessen 915; wisselk Mensing schlesw.-holst. 5, 670. ältere nd. ma.-wbb. verzeichnen aus weselke(n) kontrahiertes wesk: Richey id. Hamburg. (1743) 428; Schütze Holstein 4, 357.
als plural erscheint bis in neuere zeit wieseln, wieselen: von den wiselen Herr feldbau (1551) 158b; wiseln Sebiz feldbau (1579) 101; füchs, wieseln Prätorius glückstopf (1669) 61; iltisse und wieseln Döbel jägerpractica (1754) 1, 32; wieseln und feldmäus Göthe I 39, 143 W.; ebda 29, 58. -er-plural: veseler Henry dial. alaman de Colmar 239. endungsloser plur. jedoch auch schon seit dem frühnhd., konsequent erst seit der 2. hälfte des 19. jhs.: wyssel vnd lwen Paracelsus chirurg. bücher u. schr. (1618) 406A; ratzen, wisel, wandleus Schweigger reyszbeschr. (1619) 52; die iltisse und wiesel Fleming vollk. teutscher jäger (1719) 328;

und wären wiesel mit im spiele
Göthe I 1, 183 W.


zum genus (vgl. H. Paul dt. gramm. 2, 123): ahd. und mhd. durchweg fem., daneben seit dem frühnhd. mit zunehmender häufigkeit neutr. (zuerst 1522 Luther 10, 1, 1, 562) und mask. (auffallend oft im 17./18. jh., nicht in der literatur des 19. und 20. jhs., jedoch noch verbreitet mundartl.).

[Bd. 29, Sp. 1594]


das durch die geläufigen diminutiva wieselchen, wieselein und bes. wiesele geförderte neutr. steht vom 16. bis 18. jh. etwa gleich häufig neben dem fem. (belege im 16. jh. 3 : 5, im 18. jh 5 : 3) und setzt sich seit dem 19. jh. in der schriftsprache fast ausnahmslos durch (Adelung 5 [1786] 220 setzt das neutr. an und vermerkt für die 'nd. provinzen' das fem., aber noch Braun gramm. wb. [1783] 306a: 'die wiesel, nicht der und nicht das wiesel'). die maa. spiegeln die unsicherheit im genus noch weithin wider, wenn auch fem. und mask. an geltung zu verlieren scheinen und diminutivformen überwiegen.
wiesel (f.) flektiert mhd. und noch lange nhd. im sing. sw. (an der wiseln ist allez vergift Konrad v. Megenberg buch d. natur 152 Pf., s. weiter meister Eckhart u. 1). bedeutung und gebrauch.
wiesel, auch kleines wiesel, mauswiesel ist vorwiegend (so schon ahd., s. Palander d. ahd. tiern. 62; G. Nitsche in: wiss. annalen 3 [1954] 742) bezeichnung für mustela nivalis L.; daneben steht das wort in der adjektivverbindung groszes wiesel und in kompositen wie hermelinwiesel (teil 4, 2, sp. 1115), bergwiesel, königswiesel für mustela erminea (hermelin teil 4, 2, sp. 1113): mustela haizt ain wisel ... daz tierl ist zwairlai: ainz grœzer, daz ander klainer (um 1350) Konrad v. Megenberg buch d. natur 152 Pf.; 'das bergwiesel eine art wiesel gebirgiger gegenden, welche unter dem nahmen des hermelines am bekanntesten ist' Adelung 1 (1793) 880; 'das hermelin, die hermelinwiesel, berg-wiesel, weisze wiesel oder königswiesel, im nieders. harmke, hermelke, ist eine art wiesel, welche ganz weisz und nur an der äuszersten spitze des schwanzes ein wenig schwarz ist' Krünitz öcon. encycl. 23 (1781) 59; das hermelin, das grosze oder königswiesel Berghaus sprachschatz d. Sassen 1 (1880) 684; 'zuweilen groot wessel hermelin' Mensing schlesw.-holst. 5, 603. auch für mustela lutreola L.: sumpfotter, krebsotter, wasserwiesel d. gr. Brockhaus 12 (1932) 120b.
vereinzelte übertragungen: wîsile die eidexe lacerta agilis Hintner Tirol 107; wîsεle (Defr.) eidechse Schatz Tirol 709; wîsile auch von lebhaften kindern Hintner Tirol 107; wiisəli flinker, schnellfüsziger knabe Bergmann Ochsenfurt 22.
zahlreich sind bezeichnungen, die dem volksglauben und den besonderheiten des tieres ihre entstehung verdanken, wie gevatterle, mühmlein (teil 6, sp. 2647), schöntierlein u. a. (s. Schott d. wiesel [1935] 24 f.; hdwb. d. dt. abergl. 9, 579f.; M.-L. Rosenthal in: dt. jb. f. volkskde 4 [1958] 164f.).
andere dt. bezeichnungen für mustela nivalis; landschaftlich und in älterer sprache insbesondere diminutivformen von harm (hermelin): hermchen im Osnabrückischen Campe 2 (1808) 652; harmle Lexer Kärnten 1862; hermelchen rhein. wb. 5, 186; hermelinchen neuzeitl. wiesel Frederking Hahlen 53b. umgedeutet aus härmchen ist heermännchen (teil 4, 2, sp. 759), vgl. die anm. Bechsteins: 'ich gebe der kleinen wiesel diesen thüring. namen, weil ich ... weisz, dasz durch die benennungen grosz und klein ... gar zu leicht verwirrung entsteht' naturgesch. 1 (1789) 305.
1) in literar. belegen älterer zeit läszt sich das wort zoologisch oft kaum näher bestimmen. wie hermelin (s. oben) für das wiesel galt und in maa. noch gilt, bezeichnet wiesel auch das hermelin. klare scheidung erfolgte erst in der neueren fachsprache, in der wiesel, mauswiesel mustela nivalis bezeichnet:

der helle basiliscus
schaden vil von dir (Maria) begreif:
din tugent schuof daz uf in sleif
des todes hagel und sin risel.
bi dir bezeichent ist diu wisel
diu daz hermelin gebar,
daz den slangen eitervar
ze tode an siner crefte beiz (1277)
Konrad v. Würzburg d. goldene schmiede 160 Schröder;

[Bd. 29, Sp. 1595]



diu wisel smecket in wazzer wol,
ûf erden ist si stankes vol
Hugo v. Trimberg der renner 20 097 Ehrismann;

ein slange und ein wisele mit einander striten. dô lief diu wisel enweg und holte ein kriutelîn unde ... warf daz krût ûf den slangen und er zerbrach von einander unde lac der slange tôt, waz gab der wiseln die wîsheit? meister Eckhart in: dt. mystiker 2, 125 Pf.; man spricht, daz diu wisel mit dem hasen schimpf und scherz unz der has müed werd, sô peiz si im dann den hals ab (1349/50) Konrad v. Megenberg buch d. natur 149 Pf.; iedoch gesigt im diu wisel an und dar umb nement die weisen läut wiseln und lzent si in diu hölr, dâ die unk wonent ebda 264; vnd dise werden geacht vnder den enzeuberten dingen ... die wisel vnd die maus, der cocodrill (mustela et mus et crocodilus, 3. Mos. 11, 29) erste dt. bibel 3, 394 Kurr. (Luther die wisel);

basiliscus, wo der sein strasz
geht, da verdorret laub und grasz,
tödt vieh und menschen mit seim gsicht.
allein die wysel in hinricht
Hans Sachs 7, 449 lit. ver.;

der wiesel, wenn er mit den schlangen kämpffen wil, verwahret sich Porta natürl. magia (1617) 73; die katze frühe einen im garten erhascheten wiesel mitbrachte Prätorius winterfl. d. sommervögel (1678) 121; sintemahl ja auch die wiesel im ohre, die raben und fische im munde geschwängert wrden Lohenstein Arminius (1689) 1, 1124b;

ein wiesel fieng auf einer jagd
ein fettes mäuschen
Pfeffel poet. versuche (1802) 4, 27;

es hatte sich nämlich eine wiesel in unser zimmer eingefunden E. T. A. Hoffmann s. w. 13, 62 Gr.; der schrei einer lerche, deren leben unter dem überfall eines wiesels oder einer wasserratte endete (1888) Storm s. w. (1898) 7, 225; das wiesel (m. vulgaris) hat als grimmigster feind der feldmäuse grosze verdienste Wimmer gesch. d. dt. bodens (1905) 331. von einem wiesel geheckt, angeblasen werden führt, nach dem volksglauben, zu krankheit und tod: wann ein gaul geheckt (gebissen) wird von einem wisel, so nimb ein wiselblglin Seutter roszartzney (1588) 122; wann ein rosz ber den gantzen leib voller beulen wird, wenn ihn ein bser wurm oder wiesel angeblasen hat M. Böhme roszartzney (1618) 74; wer von einem wiesel angeblasen wird, musz sterben in: Germania 39, 101.
2) bildlich und im vergleich. als inbegriff der schnelligkeit steht wiesel in vergleichen häufig bei verben der bewegung, wie ein wiesel laufen u. ä.; (s. a. E. Oksaar semant. stud. im sinnber. d. schnelligk. [1958] 40): ich lief nun wie ein wiesel die treppe hinauf Thümmel reise (1791) 5, 427; sie ... rannte davon wie ein wiesel Holtei erz. schr. (1861) 22, 127; er schob wie ein wiesel die treppe hinauf Laube ges. schr. (1875) 15, 32; der faktor lief wie ein wiesel und vermittelte den auftrag Stefan Zweig welt v. gestern (1947) 284; (Eleanor) sprang vom stuhl und lief wie ein wiesel ... hinaus Th. Mann Felix Krull (1960) 233. auf schnelligkeit und gewandtheit des wiesels weisen auch die folgenden vergleiche:

sie ist doch allerliebst! behend wie eine wiesel
Müllner dram. w. (1828) 7, 154;

ihn (Hirzel) erhält Goethe in jugendfrische, er hat jetzt wieder einen briefwechsel mit Vogt in arbeit und ist dabei emsig wie ein wiesel (1868) G. Freytag an H. v. Treitschke in: briefw. 138 Dove; der neid ist geschäftig wie ein wiesel Laube ges. schr. (1875) 11, 130. mit der vorstellung der lebhaftigkeit verbindet sich die von frische und vergnügtheit: aber nun fühl' ich mich frisch wie ein wiesel R. Prutz dram. w. (1847) 1, 141; er ist gesund wie ein wiesel Riegler d. tier im spiegel d. sprache (1907) 49; und unsere Panna vergnügt wie ein wiesel Halbe jugend (1911) 61. reminiszenz einer sage, wonach das wiesel eine in ein tier verwandelte braut sein soll, die auf alle bräute eifersüchtig ist (s. GRM 14, 235):

[Bd. 29, Sp. 1596]


ich, eure königin, nun duld' es nicht (dasz ihr die Jüdin liebt),
denn eifersüchtig bin ich wie ein wiesel
Grillparzer sämtl. w. 9, 160 Sauer.

gierig, heiszblütig wie ein wiesel u. ä.: (die begier) ... machet jhne ... einfltig wie ein wiesel Albertinus hirnschleiffer (1664) 37; als einer ... ein hölzernes rössel zertrat, stürzte sich das kind, heiszblütig wie ein wiesel, auf ihn Watzlik pfarrer v. Dornloh (1930) 83. nur selten übertragen:

denn ist der adler England erst auf raub,
so kommt das wiesel Schottland angeschlichen
zu seinem unbewachten nest, und saugt
ihm so die königlichen eyer aus Shakespeare 7 (1801) 23;

doch Acte blieb voll kühler freundlichkeit. sie beschaute sich dieses wiesel Knops (akk.) mit neugier, doch sichtlich ohne wärme Feuchtwanger d. falsche Nero (1947) 260.
 
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wieselart, f., zur familie der marder gehörende tierart: unter den raubthieren gibt es ... verschiedene wieselarten J. G. Forster s. schr. (1843) 4, 165; man glaubt ..., dass die wieselarten wenn sie ein tier töten, allemal die starken pulsadern des halses ... durchschneiden Brehm tierl. 1, 591 P.-L.; als eine wieselart erklärt er (Megenberg) auch ganz richtig das hermelin Wimmer gesch. d. dt. bodens (1905) 331. —
 
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wieselartig, adj., vom äuszeren eines dem wiesel ähnlichen tieres: die heimath dieses wieselartigen thierchens (des kleinen fischotters) ist der norden Oken allg. naturgesch. (1839) 7, 1489; er liesz eine schlange (kleine kobra) mit einem wieselartigen kleinen tier kämpfen (1887) A. v. Berger ges. schr. (1913) 1, 285. von schneller bewegung: als er auf den kleinen platz vor die wallfahrtskapelle trat, sah er aus dem beinhaus einen schatten huschen und mit wieselartiger schnelle den berg hinunterhasten H. Stern drei nächte (21904) 211. —
 
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wieselbalg, m., was wieselfell (s. d.); nach dem volksglauben als mittel gegen bestimmte krankheiten und schäden, insbes. gegen den wieselbisz (s. hdwb. d. dt. abergl. 9, 598): ein guttes vor dasz verschlagen. nimb zwiebel safft ... ein viertel von einem weiszen wieszel balch (16. jh.) Johann v. Groenrodt pferdearzneib. 153 Hung; nimb ... ein stck von einem weissen wieselbalck, fein klein geschnitten M. Böhme roszartzney (1618) 27; wann den khen die euter geschwellen, beräuchere sie mit asanck, oder windwachs ... oder wiselbalg Hohberg georg. cur. (1682) 2, 282; mann nihmt einen wieselbalck, und reibet den theil wo ein mensch oder vieh nach der gemeinen sage angeblasen worden, alle täge 3 mal und bündet den balck darüber (1823) Husz aberglauben 5 John; im volk (wird) bei geschwulst ... der wieselbalg ... als das beste heilmittel empfohlen H. Insam das wiesel im volksglauben Südtirols, in: Germania (1940) 315a.
 
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wieselbaum, m., was wiesebaum (s. d.), vgl. wieserbaum: 'wiesbaum heubaum, im gemeinen leben auch wieselbaum' Adelung 5 (1786) 219; Schiffner allgem. dt. sachwb. 10 (1831) 370a; weselboom Mensing schlesw.-holst. 5, 599. —
 
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wieselbeere, f., öfter wisselbeere (s. weichselbeere teil 14, 1, 1, sp. 534 f.): 'wilde vogelkirsche' Campe 5 (1811) 715a. —

 

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