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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
wiek bis wiel (Bd. 29, Sp. 1562 bis 1564)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) wiek, wick, f., 'bucht'. verbreitet in den sprachen des Nord- und Ostseegebietes: ags. wíc, engl. dial. wick, wich, isl. vík, dän. vig, schwed., norw. dial. vik, mnd. wīk, nl. wik (Hellquist svensk etym. ordb. 31341). wieweit die deutschen belege auf entlehnung aus dem skandinavischen beruhen oder altererbt sind, ist schwer zu bestimmen, s. dazu und zur scheidung von wiek, m., 'vicus' Th. Frings in PBB 65 (1942) 221—226. germ. grundform *wīkō zu wīken, also 'die zurückweichende' oder 'die biegung', vgl. DWB bucht zu biegen sowie Walde-Pokorny 1, 235; Pokorny 1130. wiek ist in der schriftspr. der gegenwart (seemannssprachlich s. Kluge 832 f., Eichler v. bug z. heck [1954] 466) und in nd. maa. (s. u. a. Stürenburg ostfr. 330, Doornkaat Koolman ostfries. 3, 548, brem.-nieders. wb.

[Bd. 29, Sp. 1563]


5, 255, Möller Sylt 300b, Mensing schlesw.-holst. 5, 630, Frischbier pr. 2, 469) bezeugt, wird jedoch fast nur noch als flur- und ortsname gebraucht (Putziger, Prorer, Potenitzer Wiek, s. Bach ortsnamen 1, 290 u. bes. 2, 357). nur gelegentlich lexikalisch verzeichnet: sinus ein wyck Chyträus nomencl. (Rostock 1585) 73; sinus maris Balthici Danzker wiek Stieler stammb. (1691) 2529; 'die wiek, plur. die wieken, ein völlig niederdeutsches, im hochdeutschen unbekanntes wort' Adelung 5 (1786) 219; wick Voigt hdwb. f. d. geschäftsführung (1807) 2, 565; als veraltet bei Campe 5 (1811) 714a. vereinzelt in der (diminutiv-)form wiekel: am haffte oder wickel bei Denemarcken Chr. Entzelt cronica d. alten marck (1579) D 2a. zur synonymik vgl. Fr. L. Jahn bereicherung (1806) 81, Sanders wb. dt. syn. (1871) 734. für eine tiefer einschneidende bucht steht vereinzelt auch inwiek s. ebda und teil 4, 2, sp. 2151.
literar. belege aus nd., bzw. dem nd. nahestehenden quellen; wiek bezeichnet meist eine kleinere, flachere einbuchtung der Ostseeküste: eyn schip vorghing vnde bleue in der Rybbenitzer wijk, dar se ere gudere ane hadden (1420) Lüb. urkundenb. 6, 320; so gij ock in eneme anderen juwem breue begeren vmme twee juwer borger schepe, wij se dessen winter ouer in der Nigesteden wijck to liggende gunnen (1465) ebda 10, 673; an de ander syde van der wyk nortost dar licht ene rudse (15. jh.) Koppmann seebuch 5, 2; wenn nun diser bergsafft ... hell vnnd glat wird, stoszen jn die stürmwind ... mit dem wasserschwal im Samland in etliche wicken oder hafen Mathesius Sarepta (1571) 56b; das vorland ... machte eine grosse vnd weite wike, zum fischfang gar bekwem vnd frtreglich Schütz hist. rer. Pruss. (1592) 1, B 1a; dann in dem ersten theil Africae sind zweene wiecken, zwar ungleicher grsse, aber fast einerlei eigenschaft W. v. Kalchus Sallust (1629) 213; dasz ein jeder fischmeister in seinem ampt uf die strom-fischerey und die kleinen garnen, so für den strömen und in den wicken fischen, damit die gebür davon geliefert werden möge, fleiszige ufsicht pflege (1640) corpus constit. Prutenicarum 2, 226 (vgl. dazu: 'in den wikken fischen, d. h. in buchten fischen' Hennig pr. wb. [1785] 300); südost zum osten von Eckholmen ein meil ist eine wyk, die Kasperwyk genannt wird Manson seebuch (1701) 13; die spitzen von Jasmund und von Wittow, welche beide länder durch ihre krümmung die wiek oder bucht bilden, lagen izt in einer beträchtlichen ferne hinter uns in der see Kosegarten rhapsodieen (1794) 2, 65.
 
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wiek, f. (n.), ansiedlung, befestigter ort; nd. form zu lat. vīcus, s. weich, m. teil 14, 1, 1, sp. 474, z. t. verkürzt aus wiekhaus (s. d.), die gelegentlich in hd. texten auftritt. wohl zuvörderst als zufluchtsort aufgefaszt: wigk heiszt ein schlosz, refugium, hort, asylum bei Luther tischr. 5, 512 W.; vmb dessen willen ein solcher ort (den wir jetzt festung heissen) die alten Teutschen und Sachsen eine wicke nenneten Kirchhof milit. discipl. (1602) 10; wiek heisset ein flekk oder stätlein, darin sich die bürger und einwohner des ortes für gewalt enthalten Schottel haubtspr. (1663) 276; wiek et wick das refugium, asylum Stieler stammb. (1691) 2529; wig oder wich ein mit mauren verwahrter ort, darein man weichen können, wie zur see in einem sinum oder port Frisch t.-lat. (1741) 2, 433a.
 
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wieke, f., docht, lunte, scharpie. s. DWB wieche, f.
 
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wieke, f., rosa canina L.: wiegen, wieken Nemnich dt. wb. d. naturgesch. 646; (als veraltet) die wieke die hundsrose Campe 5 (1811) 714a; wiegen, wiegenstrauch, wieken Holl wb. dt. pflanzennamen (1833) 305b; wieken, in der botanik, so viel als hundsrose Krünitz öcon. encycl. 239 (1857) 25.
 
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wieke, f., name für ulmus sativa L. (s. Marzell wb. d. dt. pflanzenn. 5, 620 reg.), nd. entsprechung von ahd. wīh 'populus, arbor albis foliis' ahd. gl. 3, 284, 65f. (12., 13./14. jh.; häufig ist das kompositum wichboum

[Bd. 29, Sp. 1564]


'casia' Björkman zs. f. dt. wortforschg. 2, 220 [wenn hierher gehörig], nhd. weich(el)baum teil 14, 1, 1, sp. 485) = ags. wīc(e) 'cariscus', mengl. wyche 'ulmus', nengl. witchelm 'ulmus montana'; nach Falk-Torp 1360 'benannt nach seinen langen, herabhängenden zweigen', zu weichen: Nemnich dt. wb. d. naturgesch. 646; die rauhe ulme ... sonst auch die kleinblätterige wasser- ... oder weisze rüster, die yper, urle, wieke Hoyer allg. wb. d. artillerie (1804) 1, 2, 239; wiecke Ostpr., Nieders. Pritzel-Jessen 420; wieke 'ahorn' Mitzka d. ahorn (1950) 38; 60.
 
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wieke, f., im ostfries. 'vom hauptkanal sich abzweigender entwässerungsgraben'; gleich mnl. wijk 'kanal, stichkanal, graben' Verwijs-Verdam 9, 2473, nl. ds. Frings PBB 65 (1942) 223 ff., wfries. wyk 'seitenkanal, hilfskanal in sumpfstrichen' frysk wurdboek 1, 583. das wort ist wohl ursprünglich identisch mit wiek 'bucht', s. Frings a. a. o. 225: eine wike von etwa 24 fusz breite, auf deren kante man häuser setzen kann, ist zum zwecke des torfstiches in das moor zu führen (aus einem entwässerungsprogramm des nördl. Emslandes von 1631) bei Wimmer gesch. d. dt. bodens (1905) 158; 'wieke ist in Ostfriesland der schiffbare canal in der torfgräberey' Weber ökon. lex . (1838) 652; 'wike wasserleitung, canal' Krüger Emden 72a; 'die wieke als canal ist als eine ausweichung, ausbeugung vom flusse oder vom hauptcanale anzusehen' Stürenburg ostfries. 330a; Lueger lex. d. ges. techn. (1894) 7, 931.
 
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wieken, vb., eine wunde mit einer wieche ausstopfen, behandeln. s. DWB wiechen, sp. 1497.
 
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wiekhaus, wighaus, -häuslein, n., undiphthongierte form von weichhaus (teil 14, 1, 1, sp. 512). die angebliche bedeutungsentfaltung des wortes im frühnhd. beschreibt Zobel: ir sollet wissen, wighaus hat dreierlei namen, zu dem ersten ist wighaus ein were, die auff der stadtmaur gebauwet wirt, die umbdeckt ist. auch heisset wighaus als viel, als ein offenbar haus, do der richter pfleget innen zurichten. auch so heiset wighaus ein solche stadt, die allen leüten warnung gibt, das sie vor allem unrechten gwalt und unrecht, darauff weichen sollen Zobel sechsich weichbild- u. lehenrecht (1537) 16b. in der bedeutung 'hausähnlicher teil einer befestigung' ist das wort (wo sich die alten bauwerke erhalten haben) bis in die gegenwart bekannt: item des zollers halb am wighüsel do were der herren meinunge, das sich der doselbs bi dem andern zoller im huse enthalten solt als bisdar (Straszb. 1463) bei Eheberg verfassungs- u. verwaltungs- u. wirtsch.-gesch. d. st. Straszb. 1, 215; und hatten die kaiserlichen am wickhäusel posto gefaszt ausführl. beschr. d. ganzen Rheinstroms (1685) 1, 199; auf seinem wartturm ..., so vormals ein wighaus gewesen (1819) Jahn br. 221 W. Meyer; (das märk. städtchen) besitzt noch manchen malerischen winkel, eindrucksvolle reste hoher feldsteinmauern mit rundem turm und einem alten wiekhaus daheim (19. 4. 1934) 3; erhalten blieben auch Neubrandenburgs tore, mauern, wiekhäuser E. Brückner d. St. Marienkirche zu Neubrandenbg. (1957) 29. Fr. L. Jahn verwendet das wort unter neuanknüpfung an mhd. wîc 'kampf' im sinne von 'waffenhaus': ein gesellschaftshaus, was für künftige kriegsfälle zugleich zum wighaus einzurichten wäre w. (1884) 2, 461.
 
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wiel, n., kontrahiertes wiedel, s. wiede 6 (sp. 1505).
 
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wiel, f., schleier, kopftuch, s. weil teil 14, 1, 1, sp. 760.
 
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wiel, wiele, f. , rad. im nhd. kaum zu belegen, nur vereinzelt übertragen (s. 1 u. 2) und in den zss. wielesche, -stein, -trosz. eins mit ags. hweogol, hweowol, hweohhol, hwēol (engl. wheel), fries. wiele (afries. fial weicht ab), nordfr. weel, mnl. nl. wiel, mnd. wêl, an. hjól, hvēl, dän., schwed. hjul. mundartl. im ostfries. s. Doornkaat Koolman ostfries. 3, 531 und an der mittel-Elbe s. u. Teuchert. das wort ist identisch mit ai. cakrá- (mit demselben akzent wie in ags. hweogol, hweowol), redupliz. bildung

[Bd. 29, Sp. 1565]


wie toch. kukäl, gr. κύκλος, lit. kãklas 'hals', neben denen eine unreduplizierte in an. hvel, apreusz. kelan, aksl. kolo 'rad' steht; idg. wurzel qel- '(sich) drehen', vgl. Walde-Pokorny 1, 515, Pokorny 640, Trautmann bsl. wb. 125, wehl, n., teil 14, 1, 1, sp. 113.
1) St. Katharinen-wiel, nl. St. Katrienewiel, 'ringförmig sich ausdehnende hautkrankheit, die von der hl. Katharina mit dem rade, die alle ringe und banden löst, ihren namen erhielt' Höfler dt. krankheitsnamenb. 894b.
2) 'wasserstrudel, abgrund', fast nur nl. (s. Verwijs-Verdam 9, 2446). ins hd. eingedrungen und bei nd. beeinfluszten dichtern häufig bezeugt ist wehl, m., n., wehle, f., s. teil 14, 1, 1, sp. 112f. lexikalisch: wiel (14./15. jh., nl.) Diefenbach gl. 271b s. v. gurges. auffallend sind zwei obd. buchungen: werb oder wiel im wasser vortex voc. theut. (Nürnberg 1482) oo 1a; gurges, locus in flumine profundus in quo aqua vertitur tiffe des wassers oder gump, fiele des wassers Altenstaig voc. (Hagenau 1516) 13a, wozu sich jedoch, falls das wort nicht aus Albrechts v. Halberstadt Ovid-übersetzung (1210) übernommen worden ist, der Elsässer Wickram stellen liesze:

und eileten fast zu der hell
durch manig tieff und sorglich gfell.
durch die siedenden wasser wielen
die pferd, fast gschwind hindurchin fielen (1544)
Wickram w. 7, 233 Bolte;

gurges een colck, oft wiel Junius nomencl. (1583) 282b; wiel, kolck, wielinghe vortex, vertex Kilian dict. (1605) 667b. in der bed. 'tiefes, durch einen deichbruch ausgewühltes wasserloch' (mnd. belege bei Schiller-Lübben 5, 662): 'das mittelelbische gebiet weist neben weel die formen wiel und waal auf' Teuchert sprachreste 391, s. ebda 53 u. 180.
3) 'rundes bündel alten tauwerks zum schutz der auszenseiten des schiffes', s. auch wehling teil 14, 1, 1, sp. 116 und wieling; wohl nach der runden (radartigen) gestalt benannt: 'wielen oder wehlings sind stücke von alten tauen ... sie werden an einem tau, an die äussere seite des schiffs gehängt und dienen so ..., dasz die seiten des schiffs nicht ... beschädigt werden' Röding allg. wb. d. marine (1793) 2, 903; die wiele Campe 5 (1811) 714a; es wurde eine grosze wiel von einem schweren ankertau gemacht ... diese wiel muszte nun immer vor dem boog neben der beschädigten stelle hängen, und wenn das eis kam, niedergelassen werden, damit die wiel den druck des eises abhalte Eschel lebensbeschr. (1835) 29; wielen, f. pl. fenders of old cable Beil technol. wb. (1853) 656; wiele Mothes ill. baulex. (1881) 4, 479.

 

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