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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
wiegenhimmel bis wiegenlied (Bd. 29, Sp. 1550 bis 1552)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version)  -himmel, m., über die wiege gespanntes abschirmendes

[Bd. 29, Sp. 1551]


tuch (vgl. wiegendecke, wiegentuch): der kleine wiegen- und betthimmel des kindes wird leichter ganz verfinstert als der sternenhimmel des mannes Jean Paul w. 55/58, 59 Hempel;

wiegenhimmel aus seide
gibt bläulichen schein
A. v. Berger ges. schr. (1913) 2, 50.


 
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wiegenkind, n. (nl. wiegekind, vgl. norw. vuggebarn, schwed. vaggbarn), 'ein kind im säuglingsalter, während welcher zeit es in der wiege ... zu liegen pflegt' Sanders wb. dt. synon. (1871) 734; vgl. wickelkind. das wort ist seit dem frühnhd. belegt, doch anfangs nur spärlich (im mhd. findet sich als gelegenheitsbildung: Jhesus, du junger wigen man Heinrich v. Neustadt gottes zukunft 2115 Singer). lexikalisch zuerst bei Kramer t.-ital. 2 (1702) 1347b; nicht bei Adelung und Campe: am ersten ist er (der mensch) ein wiegenkind, ... darnach wird es ein kind zu lauffen oder gehen, ... weiter so wirt dasz kind je lenger je mehr verstendiger Paracelsus opera 1, 278C Huser; ein wiegen-kind schwamm mit seiner wiegen davon (bei hochwasser) Chr. Lehmann hist. schaupl. (1699) 263; wo die mutter dem nach ihr schreyenden wiegenkinde oft und unregelmäszig mangelt, ... da ist der keim der bösen unruhe ... entfaltet Pestalozzi s. schr. (1819) 13, 11; ich habe, als ich in den krieg zog, dich nur als wiegenkind das erste und das letzte mal gesehen Ch. v. Schmidt ges. schr. (1856) 4, 150; die sterblichkeit ist äuszerst gering, im besonderen auch die sterblichkeit des wiegenkindes forsch. u. fortschr. 9 (1933) 114. —
 
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-kindchen, n., dimin.: ein schneiderladen, ... ich sahe darin nichts, als kleines poppenwerck: nemlich ... wiegenkindgen mit grossmächtigen bireten und dergleichen mehr Lindenborn Diogenes (1742) 2, 664; ein wiegenkindchen lallt so rührsam wie kein gespräch mit menschen Bettine d. Günderode (1840) 1, 67. —
 
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-kindlein, n., dimin.: das allerheiligste wigenkindlein J. Pollio christl. trostschr. (1609) B 2b; ein wiegenkindlein H. Marggraff balladenchron. (1862) 78. —
 
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-kissen, n., älter wiegen-küssen cuscino, capezzale da cuna Kramer t.-ital. 2 (1702) 1347b: das geistliche wiegenküssen J. Pollio christl. trostschr. (1609) B 6b;

die kinder wurden umgetauscht
bevor man noch das wiegenkissen rückte
Hebbel w. I 6, 22 Werner.


 
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-korb, m., korbartige wiege; der wiegenkorb, die korbwiege la manne d'enfant Schwan nouv. dict. (1783) 2, 1048b: der kleine schelm ist schon bei mir, sein wiegenkorb steht auf meinem sopha Hebbel tageb. (1903) 3, 153; den neugeborenen im geflochtenen wiegenkorb Scheffel ges. w. (1907) 3, 20.
 
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wiegenkraut, n., ein name des wermuts, artemisia absinthium L., 'weil die weiber das kraut den kindern in die wiege zu legen pflegen, und dadurch ihren schlaf zu befördern, auch sie vor zauberey zu bewahren glauben' Mattuschka flora Silesiaca 2 (1777) 240, s. Marzell wb. d. dt. pflanzenn. 1, 424. auch wiegekraut Megiser thes. polygl. (1603) 1, 15b; wiegenkraut Adelung 5 (1786) 218: darz so haben die krüter nit einen namen in allen tütschen landen, als absinthum z latin würt z Straszburg genant wermt, z Franckfurt wygenkrut, z Trier elsen Euch. Röszlin roszgarten (1513) N 3b facs.
 
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-land, n., land der geburt, des ursprungs (vgl. wiege 2 b, c und wiegenstadt): im obern thale oder im wiegenlande des grossen flusses Ritter erdkde (1822) 1, 400;

sie streiten für das heiligste der menschen
...
den eignen heerd, das theure wiegenland
Kalckreuth dram. dicht. (1824) 1, 109;

die musen wurden in Arcadien geboren, dem eigentlichen wiegenlande des griechischen einheimischen göttergeschlechts Böttiger kl. schr. (1837) 1, 322. — so auch
 
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-landschaft, f.: fassen wir im folgenden das resultat der so eigenthümlichen wiegenlandschaft des Jordan ...

[Bd. 29, Sp. 1552]


zusammen Ritter erdkde (1822) 15, 155. —
 
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-lauf, m., bezeichnung der beiden gerundeten kufen, auf denen die wiege schwingt: wiegenfusz oder wiegenlauff le pied d'un berceau Hulsius-Ravellus t.-frz.-it. (1616) 413b; wiegenwaltze, wiegen-lauff curlo da cuna Kramer t.-ital. 2 (1702) 1347b. mundartlich auch: wiegenlaufer scheibenförmiges schaukelholz am unteren teil der wiege Unger-Khull steir. 633a; wiegenläufer Fischer schwäb. 6, 809.
 
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wiegenlied, n. , schlaflied für ein wiegenkind; nl. wiegelied. zuerst in md. vokabularien des 15. jhs.: fescennina wygeleit Diefenbach gl. 231c; crepitaculum eyn wijgen liet ebda 157a. das wort scheint aber im spätmhd. und frühnhd. noch wenig bekannt zu sein, jedenfalls sprechen die häufig nachweisbaren umschreibungen für sein fehlen: fescennine sanghe ouer die wyghe gemma voc. (Köln 1495) J 2b; gesang vber die wyegen (Augsburg 1512) Diefenbach gl. 231c; entslaffgesangk der kinde festenne ... dicuntur carmina, quae nutrix canit movendo cunas, voc. theut. (Nürnberg 1482) g 4b; frauen gesangk, so sie die kinde wiegen fescennine, ebda i 1b; gesangk der weijber so si die kind stillen nenia vno modo fescennine, voc. incip. teut. (Speyer um 1485) i 2b; voc. primo ponens theut. (Straszburg 1515) J 1b. erst seit dem späteren 17. jh. wird das inzwischen sprachüblich gewordene wort regelmäszig in die lexika aufgenommen: nenia ein gewäsch ..., unnütze reden, alii volunt etiam esse der kindermuhmen ihre albern lieder, die sie den kindern zum schlaffen singen, da auch seltzam zeug gnug drinnen ist, wiegenlieder Corvinus fons lat. (1671) 923 (in der ausg. v. 1646 fehlt das wort bei sonst gleichem text); man hat geistliche und weltliche wiegenlieder Amaranthes frauenz.-lex. (1715) 2123; wiegenlied heisst ein gedicht, welches bey der geburt eines vornehmen kindes verfertiget, womit der mutter ein geschenk gemacht und welches bey wiegen gesungen wird (1781) Kindleben stud.-lex. 216 ndr.; das wiegenlied ein lied, ein kind in der wiege damit in schlaf zu singen Adelung 5 (1786) 218. später als wiegenlied werden wiegengesang und wiegensang gebräuchlich, ferner, mehr als gelegenheitsbildungen, wiegenmelodie und wiegenweise, s. d. an alphab. stelle u. vgl. norw. vuggesang, -wise, schwed. vaggsng, -visa.
1) die schriftsprachliche tradition setzt, zunächst noch spärlich, zu anfang des 17. jhs. ein; seit dem 18. jh. ist das wort reichlich bezeugt: viel schöne wiegenlieder J. Pollio christl. trostschr. (1609) B 4b; bei einer armen hirtin musz man sich nichts als eines simplen wiegenlieds versehen, so sie die lieb und andacht singen machet K. R. v. Greiffenberg zwölf andächt. betracht. (1678) voransprache;

so sind die engel doch zu dienen ihm bemüht,
und singen ihm zum lob eine süsses wiegenlied
Lohenstein himmelschlüssel (1680) 2, 26;

trinck- und wiegenlieder darff man eben nicht immer ohne unterschied läppisch nennen Mattheson vollk. capellmeister (1739) 70; das griechische wiegenlied, das von ihm (bischof v. Damala) handelt Herder 20, 312 S.; alles ist still in der kleinen gasse — ein wiegenlied und das nachtropfen der dachrinnen sind die einzigen laute, welche die stille unterbrechen W. Raabe s. w. I 2, 58; ein Nonsberger kindlein, das in einem winzigen wännchen lag, während die mutter italienische wiegenlieder in seine ohren summte Steub drei sommer in Tirol (1895) 2, 303; von ganz besonderm reize sind die gemischt lateinischdeutschen weihnachtlichen wiegenlieder A. Schweitzer Bach (1948) 5.
2) gebräuchliche metaphorische verwendungen.
a) wiegenlied für etwas die aufmerksamkeit einschläferndes, illusionen erzeugendes: sonderlich aber sind triumphe ... und andere prächtige auffzüge rechte wiegenlieder, die dieses wunderliche kind (d. volk v. Rom) einwiegen müssen Lohenstein Arminius (1689) 2, 1494a; hypothesen sind wiegenlieder, womit der lehrer seine schüler einlullt Göthe II 11, 132 W.; allmähliche

[Bd. 29, Sp. 1553]


verbesserungen waren das wiegenlied des hofes Dahlmann gesch. d. frz. revol. (1845) 61; die kunst war uns in Deutschland in jahren politischer verzweiflung wie ein täuschendes wiegenlied, mit dem wir wünsche in den schlaf lullten, die nur zu hegen oft ein verbrechen war Herman Grimm Michelangelo (1890) 2, 438.
b) töne und geräusche werden einem wiegenlied verglichen:

rauschet mit den stillen flüssen,
deren sprudelndes ergüssen
das schönste wiegenlied durch sein geräusch erregt
Stoppe Parnasz (1735) 129;

der tag ist eingenickt
beim wiegenlied der glocken
A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1878) 3, 191;

aus dem dumpfen brausen des meeres tönete es mir immerfort, gleich einem finsteren wiegenliede: aquis submersus — aquis submersus! Storm s. w. (1898) 3, 288; Mariens müde stimme, der er horchte wie einem wiegenlied O. Ludwig ges. schr. (1891) 2, 613.
c) ferner begegnet noch:

ihr schläfer ihr, von erde zugedecket,
von ew'gen wiegenliedern eingesungen
Platen w. 1, 181 Hempel;

dem hab ich solch ein wiegenlied gesungen,
dasz er auf immer eingeschlafen ist
Raupach dram. w. ernster gattung (1835) 2, 176.

 

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