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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
wiegenangebinde bis wiegeneingebinde (Bd. 29, Sp. 1546 bis 1549)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) wiegenangebinde, n., was jemandem in der wiege zum geschenk gemacht, von geburt an mitgegeben wird, gewöhnlich bildlich. (vgl. angebinde 'donum natalicium' teil 1, sp. 338 und die wendung etwas ist jmdm in die wiege gebunden 'eignet ihm von hause aus' unter wiege 2 d ε, s. auch wiegeneingebinde); wiegenangebinde Campe 5, 713b:

leiden — unser wiegenangebinde —
trage, liebchen, — such es nie!
Blumauer ged. (1782) 14;

schönheit und verstand gab mir die natur zum wiegenangebinde Kalchberg ges. schr. 2, 156 Schlossar;

[Bd. 29, Sp. 1547]


ein kindlein in der wiege lag,
ich sang ihm ein lied am frühlingstag,
ein lied zum wiegenangebind
Cornelius literar. w. (1904) 4, 158.


 
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-artig, adj., nach art einer wiege, von schiffsbewegungen: das herz pochte mir ein wenig, da ich ... die segel ausspannen sahe und die erste wiegenartige bewegung dieser ungeheuren maschine unter mir fühlte Bahrdt gesch. s. lebens (1790) 3, 307; freilich verliert man, selbst bei mäsziger aber doch immer wiegenartiger bewegung, bald den festen gang Niemeyer beob. auf reisen (1820) 1, 79.
 
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wiegenband, n., älter auch wiegband, selten wiegeband; zu wiege, f., in den letzteren formen wohl auch zum verbum gebildet. vgl. unten wiegenschnur sowie wage(n)schnur, wagelschnur teil 13, sp. 484 und 378. 'wiegen-band ist ein langer ... schmaler streiff, so über die wiege creutzweise gezogen wird, damit die kleinen kinder nicht heraus fallen können; man pfleget auch dasjenige das wiegen-band zu nennen ..., wormit die muhmen oder ammen die wiege hin und wieder ziehen' Amaranthes frauenz.-lex. (1715) 2122. vielleicht handelt es sich um einunddenselben gegenstand, wenn nämlich ein freies ende des sicherungsbandes als zugband benutzt wurde. das wort ist literarisch und lexikalisch seit dem frühen 15. jh. belegt (in früheren glossaren anscheinend auch für 'windel'); s. auch Fischer schwäb. 6, 808; linicia eyn weghen bant, eyn wyndel doyk (lat.-nd. wb. v. j. 1417), wiegpant (hd.-lat. voc. ex quo, 1429) Diefenbach nov. gl. 236a; vgl. ferner Diefenbach s. v. cuna, nov. gl. 123b; cunabulum gl. 162b; crependium gl. 156c und nov. gl. 119a; fascia gl. 226b und nov. gl. 167b; purginale wige bant gl. 473c (u. ö.); wiegenbandt, wiegenbendel lien Hulsius-Ravellus t.-frz.-it. (1616) 413b; wiegen-band cordella da cunare ò da legare le coltricette della cuna Kramer t.-ital. 1 (1700) 113b; Adelung 5 (1786) 218: Heinrich, herczog zu Bayren und zu Sachsen, do er in dem wigenpant was, do gie im ab vater und mueter (1428) Andreas v. Regensburg 635, 23 Leidinger; das wyegpand, das umb in gewunten was (fascia) Johann Hartlieb dialogus mirac. 102, 30 Drescher; wiegenband Niclas Manuel 235 Bächtold; J. Pollio christl. trostschr. (1609) B 7b; (er) namb das wiegen-band selbsten in die händ vnd fieng an sanfft zu wiegen Abr. a s. Clara Judas 2 (1689) 107; Karl wollte nicht gestört sein ... durch das schnarchen seiner kinder. er zog scharf und hart die wiegenbänder über ihre brust zusammen J. Gotthelf ges. schr. (1855) 12, 9;

da sitzet Maria
und wieget ihr kind,
sie wiegt es mit ihrer schneeweissen hand
und braucht dazu gar kein wiegenband
Brentano ges. schr. (1852) 5, 66.

bildlich (vgl. wiege 2 a β und γ):

kaum ist dein heldengeist dem wiegen-band entgangen,
als dich dein hoher muth auf hohe thaten weist Hoffmannswaldau u. a. Deutschen ged. (1697) 5, 130 Neukirch;

als wäre vom wiegenbande an auf oberconsistorialräthe, oberburgermeister und geheimderäthe gerechnet Hermes f. eltern u. ehelustige (1789) 1, 46; die absicht ..., sich endlich vom wiegenband der deutschen verwaltung zu lösen A. Zweig einsetzg. e. königs (1950) 277.
 
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wiegenbank, f., wohl etwa dasselbe wie DWB wiegenbrett, ein untersatz für die wiege (s. auch Fischer schwäb. 6, 809 und vgl. DWB wagebank teil 13, sp. 369):

in die kamer ein wiegenbanck,
darauff sich hebt daz nachtigal gesanck
Hans Folz in:
Hampe ged. v. hausrat (1899) A 5b.


 
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-bett, n., pleonastisches kompositum:

sein niedrig wiegenbett verschmähten nicht die musen
Gotter ged. (1787) 1, 144;

mein Emil schlummert hier, es gab
das schicksal ihm zum wiegenbett ein grab
A. Schreiber poet. w. (1817) 1, 480;

[Bd. 29, Sp. 1548]


un mir (= wir) schreiner müsse wiegebetter mache zu dutzende V. Traudt winkelbürger (1917) 285. —
 
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-bettchen, n., diminutiv zum vorigen: dein wiegenbettchen maler Müller w. (1811) 1, 205; an der wand klappte das wiegenbettchen, und darin schlief, sorgsam verhüllt ... das kind Rosegger schr. (1895) I 12, 324. — ebenso
 
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-bettlein, n. Kramer t.-ital. 2 (1702) 1347a. —
 
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-brett, n. 'ist ein von höltzernen bretern zusammen gesetztes breites creutze, worauf die wiege gesetzet wird, damit sie wegen ungleichheit der dielen in denen stuben ... nicht knarrt' Amaranthes frauenz.-lex. (1715) 2123; Adelung 5 (1786) 218; vgl. wiegenbank. —
 
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-decke, f.: die grüne wiegendecke (der blumen) aus erdschollen Jean Paul w. 6, 73 Hempel;

und manche krone strahlte
von der wiegendecke saum
L. v. Plönnies ged. (1844) 177;

die wiegendecke lag zurückgeschlagen, und Trud ... mühte sich in gebückter stellung um das kind Fontane ges. w. (1905) I 2, 390.
 
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wiegendruck, m., druck aus der frühzeit der buchdruckerkunst (gewöhnlich bis 1500 gerechnet); zu wiege 2 c nach inkunabel gebildet, hieraus nl. wiegedruck (und schwed. vaggtryck).
incunabula, wie wiege häufig für 'anfänge, frühzeit' gebraucht, gewann als ausdruck für die frühzeit des buchdrucks aufschwung durch den titel des werkes von Cornelius van Beughem 'incunabula typographiae sive catalogus librorum scriptorumque proximis ab inventione typographiae annis usque ad annum 1500 inclusive ... editorum, Amstelodami 1688'. Beughem scheint zu dieser titelfassung durch eine formulierung des französischen bibliographen Philippe Labbé aus dem jahre 1653 ('editiones quae ante centum et quinquaginta annos in ipsis paene typographiae incunabulis prodierunt') angeregt worden zu sein. auf die frühdrucke selbst wird inkunabel erst seit dem ende des 18. jhs. angewendet (s. zu diesem wort E. v. Rath in: werden und wirken [1924] 289 f.; ders. in: lex. d. gesamt. buchwesens 2 [1936] 159a; vgl. noch F. Eichler in: Gutenberg-jahrb. [1935] 65 f., der incunabula schon in Beughems titel auf die drucke selbst beziehen möchte).
wenige jahrzehnte später ist das wort wiegendruck, das erst 'in den letzten jahrzehnten des 19. jhdts in aufnahme gekommen ist und sich immer mehr einbürgert' (lex. d. ges. buchw. 2, 159a), bereits ganz vereinzelt nachzuweisen: die erhaltung von wiegendrucken dieser art (holztafel-bilddrucken des 15. jhs.) verdanken wir lediglich der sitte der alten buchbinder, die häufig zugleich auch briefdrucker waren, die innern seiten der bücherdeckel mit bildern zu bekleben K. Falkenstein gesch. d. buchdruckerkunst (1840) 17 (nach: die erhaltung von incunabeln dieser art verdanken wir endlich lediglich der sitte der alten buchbinder, die, häufig zugleich briefdrucker, auf die inneren seiten der buchdeckel bilder klebten J. D. F Sotzmann in: histor. taschenbuch 8 [1837] 805 Raumer). hierauf läszt Brockhaus' conversationslexikon seine früheren verdeutschungen erstlingsdrucke, druckerstlinge (5 [81834] 505 s. v. incunabeln) zugunsten des neuen wortes fallen (wiegendrucke 7 [91845] 417; in Meyers conv.-lex. 16 [1850] 644b fehlt das wort).
es ist möglich, dasz wiegendruck diesen beiden vielbenutzten quellen seinen späteren durchbruch verdankt. zunächst scheinen sie indessen ganz allein zu stehen, obgleich man sich vielfach um verdeutschung des wortes inkunabel bemüht. in der älteren literatur zur druckgeschichte begegnen u. a. öfters die ausdrücke erste drucke, erstlinge, (mit attributen, z. t. nicht genau für inkunabel) und erstlingsdrucke: die Mainzer ersten drucke G. W. Zapf ält. buchdruckergesch. v. Mainz (1790) vorr.; die liebhaberey zu büchern des ersten druckes Breitkopf über bibliographie u. bibliophilie (1793) 3; in den ... büchern ersten druckes ebda 24; (ein bücherspekulant)

[Bd. 29, Sp. 1549]


war damals im besitze vieler ersten drucke, und darunter der historie des antichrist, der ars moriendi C. A. Schaab gesch. d. erfindung d. buchdruckerkunst (1830) 1, 259; unsere ersten drucke ebda 270; auch die kupferstechkunst mag ihre erstlinge schon vor der erfindung der buchdruckerkunst geliefert haben ebda 3, 338; die erstlinge der kunst wurden hauptsächlich in der behausung dieses Dritzehns bearbeitet J. Wetter krit. gesch. d. erfind. d. buchdruckerkunst (1836) 88 (von den ersten druckversuchen überhaupt, nach: primitiae artis in aedibus Drizehenii hujus praesertim tractatae sunt J. D. Schöpflin vindiciae typographicae [1760] 23); dasz die erstlinge der kunst nicht in ihren (der stadt Haarlem) mauern entstanden sind ebda 102 (nach: les prémices de cet art M. Fournier l. j. observations [1760] 41, auf Schöpflin fuszend); bei den Mainzer typographischen erstlingen Sotzmann in histor. taschenb. 8 (1837) 457; der drucker jener typographischen erstlinge ebda 565; die in einem zeitraume von 40 jahren zu stande gebrachten kostbaren erstlingsdrucke H. Lempertz beitr. z. ält. gesch. d. buchdr.- u. holzschneidekunst (21839) [2]. — die fremdwörterbücher empfehlen namentlich druckerstlinge und erstlingsdrucke, vgl.: druckerstlinge Campe wb. z. erkl. u. verdeutschung (1813) 371a (in der ersten aufl. [1801] fehlt incunabel); druckerstlinge, urdruckschriften Heyse verdeutschungswb. (31819) 263b; dazu erstlingsdrucke (91844) 367b; erstlingsdrucke, urdrucke Favreau fremd- u. sachwb. (31852) 1, 428a. zwar tritt Petri gedrängtes hdb. d. fremdwörter (41823) 294 (ältere auflagen waren nicht zugänglich) schon früh mit wiegenschrift hervor, aber wiegendruck fehlt z. t. bis über die jahrhundertgrenze hinaus, vgl. Kehrein fremdwb. (1876) 274a; Heyse-Böttger fremdwb. (1879) 441b; Liebknecht volksfremdwb. (61890) 220b; (191922) 184a. die ersten buchungen des wortes finden sich in den 1880 er jahren: incunabeln wiegendrucke Reinecke verdeutschungswb. d. kunst- u. geschäftsspr. d. dt. buchhandels (1886) 50; Sarrazin verdeutschungswb. (21889) 131a (nicht in der 1. aufl. v. j. 1886); Saalfeld fremd- u. verdeutschungswb. (1898) 185a. um diese zeit hat bereits seine literarische ausbreitung eingesetzt, die wohl etwa im ersten viertel des 20. jh. zu seiner allgemeineren aufnahme führt: der baronet, ein tüchtiger bücherkenner, sah zu seinem erstaunen einen der seltensten wiegendrucke vor sich, die Venetianer-ausgabe von Bocaccio's decameron aus dem jahre 1471 deutsche roman-zeitung 16 (1879) 3, 557 (zit. bei Sanders erg. -wb. [1885] 165a); Anton Einsle die incunabelbibliographie. anleitung zu einer richtigen und einheitlichen beschreibung der wiegendrucke (Wien 1888) titel; gesamtkatalog der wiegendrucke, hrsg. v. d. preusz. kommission, probedruck (1914) titel; man spricht von inkunabeln des kupferstichs, der radierung, der lithographie, während wiegendruck nur ein frühes produkt der buchdruckerkunst bezeichnen kann E. v. Rath in: monatshefte f. bücherfreunde 1 (1925) 265; eine niederländische prosafassung, die zuerst durch die neuausgabe eines wiegendrucks bekanntgemacht wurde wirkendes wort (1957) 139. — dazu wiegendruckzeit, f.: vertreter des pharmazeutischen buches der wiegendruckzeit forsch. u. fortschr. 11 (1935) 293.
 
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wiegeneingebinde, n., gleichbed. mit wiegenangebinde, s. d. und vgl. eingebinde 'donum baptismale' teil 3, sp. 184:

verstand ist zweierlei: der ein' ist angeboren,
dein wiegeneingebind und mahlschatz unverloren
Rückert ges. poet. w. (1867) 8, 167.

 

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