Wörterbuchnetz
Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
wiegen bis wiegendruck (Bd. 29, Sp. 1536 bis 1548)
Abschnitt zurück Abschnitt vor
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) wiegen, sw. vb. , 'cunare, ein kind wiegen; (sich) schwankend bewegen'. denominativum zu wiege 'cuna', mnl. wiegen, mnd. wêgen (dazu upweighen, s. u. 8), frühnhd. wiegen (zum mhd. s. u.). das wort ist seit dem ende des 15. jhs. ohne erkennbare landschaftliche begrenzung allgemein verbreitet, vgl. lüb. chron. 2, 426 Grautoff; Luther 10, 1, 1, 568 W. und oft; Paracelsus opera (1616) 1, 600B; Eberlin v. Günzburg 3, 197 ndr.; Hans Sachs 11, 167 lit. ver.; Wickram 3, 136 lit. ver.; Kirchhof wendunmuth 3, 132 lit. ver.; Fischart Garg. 108 ndr. die bedeutung ist in dieser zeit stets 'ein kind in der wiege wiegen' (weigen mit den armen Pauli Keisersbergs narrenschiff [1520] 36b gehört zu den ei-formen des starken verbums, s. wägen teil 13, sp. 426 und 1wiegen sp. 1527); die sekundäre bedeutung '(sich) schwankend bewegen' ist erst seit dem 17. jh. zu belegen (s. u. 4—7). ob in der folgenden mhd. stelle (um 1300) schon das denominativum vorliegt, ist unsicher; es kann sich um ein vokalspiel handeln, wie in wigen, wagen bei Gottfried von Neifen 52, 13 H.-Schr. (näheres hierzu s. o. unter wiegeln; vgl. auch unten wegen und wigen Ephes. 4, 14):

[Bd. 29, Sp. 1537]


du solt es heben und legen,
samft wiegen unde wegen.
sing: ninna, ninna, wægelin der sœlden hort 1604 Adrian.

sicherlich auszer zusammenhang mit frühnhd. wiegen 'cunare' steht:

siben stein sint si wider legende
gen der planeten loufes wider krigen,
die wak und erd als swebende hant, daz si nach firmamente niht enwiegen ('sich bewegen', zum st. vb.)
Albrecht v. Scharfenberg jüng. Titurel 291, 4 Wolf.

im mhd. wird vielmehr für 'cunare' wagen gebraucht, s. d. II, teil 13, sp. 393, auch neben wiege, s. ebda passional 214, 20 Köpke und Th. Platter 35 Boos. andererseits findet sich frühnhd. wiegen neben wage 'cuna' (s. Diefenbach unter 1 a). jedoch haben sich wiege und wiegen in der älternhd. schriftsprache bald allgemein durchgesetzt. in den mundarten stimmt wiegen nach form und verbreitung mit wiege (s. d.) überein.
vereinzelt begegnen formen des starken verbums; wohl durch reimzwang (vgl. aber weigen — gewiegen unter wägen, teil 13, sp. 426 und 1wiegen sp. 1527):

ich bin zuvor auch schon mit dieser wieg gewigen,
es halten nicht den stich die unverschemten lügen Reinicke fuchs (1650) 284;

ferner auf grund von bedeutungsmischung: (sie) wogen sich leicht auf der schärfe des stahls (sc. der schlittschuhe) Klopstock oden (1889) 1, 217 (s. u. 6 c und wägen III 3 a); mit welchem anstand sie sich in den hüften wog Lichtenberg verm. schr. (1800) 3, 350 (s. u. 6 f und wägen III 3 a).
nicht zum swv. wiegen (obwohl den späteren verwendungen unter 4 c und 5 ähnlich) gehört die in der älteren theol. literatur vielfältig zitierte übersetzung der bibelstelle Ephes. 4, 14: auff das wir nicht mehr kinder seien, vnd vns wegen vnd wigen lassen von allerley wind der lere (κλυδωνιζόμενοι καὶ περιφερόμενοι) Luther bibel 7, 119 Bindseil; wägen und wiegen tischr. 6, 338, 72 W. es handelt sich hier um ein lautspiel (s. o.) der beiden bei Luther möglichen infinitivformen des stv. wegen 'bewegen' (s. 1wiegen), vgl.: last euch keynen andern wind der lere bewegen 12, 149, 27 W. spätere zitate in der form wegen (-ä-) und wiegen: kirchenordn. f. Braunschw. (1569) 16; F. Wagner evangel. censur (1640) 7; Dannhawer catech.-milch (1657) 1, 8; Miller pred. f. landvolk (1776) 3, 134. in freierer aufnahme u. a.:

ob schon dein schmertz vnd eigen hertz
dich anders wollen wiegen,
kehr dich nicht dran
Ringwaldt handbüchlin (1586) C 12b.


das ursprünglich transitive wiegen wird in übertragenen anwendungen vielfach auch reflexiv gebraucht (z. b. sich in träumen, in hoffnungen, in sicherheit wiegen, s. u. 3 c—e); in den verwendungen für '(sich) schwankend bewegen' wechselt die transitive mit der reflexiven und intransitiven fassung bei verschiedenster rollenverteilung der substantivischen satzglieder (s. namentlich 4 und 5).
1) ein kind durch sanftes schaukeln (der wiege) beruhigen oder einschläfern.
a) 'cunare, ein kind in der wiege wiegen' (auch eine wiege wiegen kommt vor, s. u. Herder); incunis an wage do man kinde in wyeget (15. jh., md.) Diefenbach gl. 293b; wiegen, die wiege bewegen bercer Hulsius-Ravellus t.-frz.-it. (1616) 413b; das kind wiegen cunare un bambino Kramer t.-ital. 2 (1702) 1347a: darna nicht langhe ... starff Maumetes de Turke, keyser van lutken Asyen unde Greken ...; he was eyn grymmich louwe unde en strytbaer vorste, men nu weget he deme duvel syne kyndere (ende d. 15. jhs.) Lüb. chron. 2, 426 Grautoff; rumpfft sie die nassen und spricht: ach, solt ich das kind wiegen, die windell wasschen (1522) Luther 10, 2, 295 W.; so das kind geseugt ist vnd man es schlaffen legt, so sol man es gemechlich wiegen Ruoff hebammenb. (1580) 218; denn der augenschein gab es fast, als ob sie in

[Bd. 29, Sp. 1538]


kurtzen was solte zu wiegen bekommen R. v. Dreskau legation (1638) J 2a;

klapperstorch, langbein,
bring meiner mutter ein kind heim,
leg es in garten,
ich wil es fein warten.
leg es auf die stiegen,
ich wil es fein wiegen
J. Prätorius winterfl. d. sommervögel (1678) 225;

der himmel segne sie (d. ehepaar) mit ehre, gut, vergnügen,
und dasz sie übers jahr ein schönes kindchen wiegen poesie d. Niedersachsen (1721) 1, 186 Weichmann;

eine leere wiege zu wiegen, hält der landmann für unglückbringend Herder 23, 93 S.;

mutter, mutter! meine puppe
hab ich in den schlaf gewiegt
Chamisso w. (1836) 3, 32;

hatte ihn nicht auch einstmals eine mutter gewiegt? Cl. Viebig d. schlaf. heer (1904) 2, 250.
b) auf den knien, auf dem schosze, in den armen wiegen:

der herr der menschen und der götter
...
wiegt, alles wohlstands unbewuszt,
den pagen auf dem knie
Ramler fabellese (1783) 3, 249;

dreyen söhnen gaben wir bräute, wir wiegeten fröhlich
ihr aufblühend geschlecht auf dem verjüng ten schoos
Herder 26, 41 S.;

selig, welchen die götter, die gnädigen vor der geburt schon
liebten, welchen als kind Venus im arme gewiegt
Schiller 11, 269 G.;

der mann, der sie so oft auf seinem schoose wiegte Pfeffel pros. vers. (1810) 6, 3; gern wiegte er das kind in seinen armen, wenn er vom morden ausruhte Kürnberger nov. 3 (1862) 110;

denk nicht an den alten Douglasneid,
der trotzig dich bekriegt,
denk lieber an deine kinderzeit,
wo ich dich auf den knien gewiegt
Fontane ges. w. I 1, 82 jub.-ausg.;

und ihr kennt mich o vater! ihr habt mich ja uff a knieen gewiegt Gerhart Hauptmann Rose Bernd (1904) 149.
2) in einigen mehr gelegentlichen bildlichen auffassungen.
a)

der himmel wiege dich mit seiner seegenshand (1714)
J. Chr. Günther s. w. 5, 48 Krämer;

wer dem herrn am herzen lieget,
wird nicht allezeit gewieget
Zinzendorf teutsche ged. (1766) 168;

sanft wiegte dich bis heute dein geschick
Schiller 12, 239 G.;

ihr herz, ihr charakter, verdienten es, weich gebettet und gewiegt zu werden; allein das schicksal hat seinen eigenen willen (1864/5) W. Raabe s. w. I 6, 6.
b)

meine phantasie
hier auf den wipfeln dieser bäume
grosz zu wiegen
Schubart s. ged. (1825) 2, 17;

das sind die länder, wo es (das lehnswesen) gross gewiegt worden E. M. Arndt s. w. (1892) 1, 249.
c)

der abend wiegte schon die erde
Göthe I 1, 68 W.;

der magische abend ... nahm endlich alle wesen auf seinen wiegenden schooss Jean Paul w. 1, 340 Hempel.
3) sehr verbreitet ist ein übertragener gebrauch des typus in den schlaf, in träume wiegen oder sich in träumen, in hoffnungen wiegen.
a) vorweggenommen sei eine abweichende verwendungsart, bei der eine gemütsregung als subjekt steht; nur vereinzelt in frühen belegen: wen blinder eifer wiegt, dem traumet von unglücke A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 2, 555:

[Bd. 29, Sp. 1539]


du weiszt, dasz menschen sich nicht recht entmenschen können,
und die begierde sie als alte kinder wiegt Hoffmannswaldau u. a. Deutschen ged. (1697) 1, 3;

den beklommnen mutterbusen wiegen
liebe und — verrätherey
Schiller 1, 228 G.


b) in den schlaf, zur ruhe wiegen; anfangs öfters in bildlichen auffassungen: vnterdessen wiegten die ausz der schantz manchen Spanier in den ewigen schlaff Zinkgref-Weidner teutscher nation weish. 3 (1653) 50;

Chach ward nach langem wüten
durch Meurabs steten dienst so in den schlaff gewiegt,
dass der betrübte mann platz sich zu rächen kriegt (1657)
Gryphius trauersp. 167 lit. ver.

sonst 'einschläfern' im gewöhnlichen sinne. als subjekt stehen meist bezeichnungen beruhigender geräusche u. a. sinnlicher erscheinungen:

wo grüne dunkelheit uns in den schlummer wiegt
Bodmer vier krit. ged. 68 ndr.;

bis der zauber der musik herrn Western in einen süssen schlummer wiegte Bode Thomas Jones (1786) 2, 58; mich wiegten sanfte winde zur ruhe maler Müller w. (1811) 1, 95;

lispelt leise süssen frieden,
wiegt das herz in kindesruh;
und den augen dieses müden
schliesst des tages pforte zu
Göthe I 15, 1, 4 W.;

die ... übermäszige hitze, das schaukeln der sitzfedern vereinigten sich ..., um mich in holdseligen schlaf zu wiegen Gaudy s. w. (1844) 2, 55; die ferne musik und das eintönige rasseln des regens wiegte ihn in festen schlummer Grässe sagenb. d. pr. staates 1, 295. gebräuchlich sind auch anwendungen wie die folgenden: (nachrichten, die) alle deine zärtlichen sorgen in sanfte ruhe wiegen werden Wieland I 3, 27 akad.; ihr gewissen in schlaf zu wiegen Hegel w. (1832) 18, 192.
selten ist hier, im gegensatz zu c und d, reflexiver gebrauch und in mit dativ: Lisette wiegte sich in süszer morgenruh Zachariä poet. schr. (1763) 2, 8; ein stilles, schon in nächtlicher ruhe sich wiegendes dorf Gutzkow zauberer v. Rom (1858) 1, 77.
c) (sich) in träume wiegen 'in träumereien', seltener soviel wie 'in schlummer':

und nun die grimme noth
uns mit entblösztem schwerdt schon anlaufft zu bekriegen,
sind wir bedacht, in traum mit worten sie zu wiegen
Gryphius trauersp. 28 lit. ver.;

die grüne nacht belaubter bäume
lockt uns in anmuthsvolle träume,
worein der geist sich selber wiegt
Haller ged. 81 Hirzel;

wann erst die mitternacht um den tyrannen liegt
und seinen müden geist in süsze träume wiegt,
ja dann soll unser schwerdt im finstern gehn
Göthe I 37, 49 W.;

alle meine empfindungen, frohe und traurige, wiegen mich in einen traum Tieck schr. (1828) 6, 61; den ersten schlaf durchbrach ein gewitter; bald aber wiegte der nachhallende donner den geist in träume zurück Carossa winterl. Rom (1947) 9.
ziemlich gebräuchlich auch in der präpositionalen verbindung mit dativ sich in träumen wiegen 'sich angenehmen vorstellungen hingeben', auch 'selig schlummern'; daneben mitunter transitiv; älter öfters mit träumen: du (gott) wirst mich wohl in süssen träumen wiegen Schmolck sämtl. trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 1162;

wie weit sein hochmuth flieget,
und wie er selber sich mit seinen träumen wieget
Neukirch ged. (1744) 169;

so waren jene träume,
womit man meine kindheit wiegte, doch —
doch mehr als träume
Lessing 3, 177 L.-M.;

[Bd. 29, Sp. 1540]



wenn du in träumen
die nächte dich wiegtest
Göthe I 11, 202 W.;

menschen, ... welche sich mit bunten träumen einer närrischen zukunft wiegen E. M. Arndt schr. (1845) 3, 209; die anderen wiegten sich in alten ghibellinischen träumen Treitschke hist. u. polit. aufs. (1886) 1, 410.
d) vom vorigen aus mit den verschiedensten beziehungswörtern, die angenehme oder beruhigende vorstellungen bezeichnen; hier überwiegt der dativ des präp. objekts bei meist reflexiver fassung des verbs (häufig besonders sich in [mit] hoffnungen wiegen):

sein irrthum wieget ihn in diesem sichern hoffen,
dass immer sein entschluss das rechte ziel getroffen
Hagedorn vers. einiger ged. 57 ndr.;

Säugling wiegte sich mit dem gedanken, vor der gräfinn ... mit seinen gedichten zu glänzen Nicolai Seb. Nothanker (1773) 2, 160; wiegte sich mein herz mit glänzenden hoffnungen für deine ... glückseligkeit (1785) Schiller br. 1, 268 Jonas; und mich wiegst du indess in abgeschmackten zerstreuungen Göthe I 14, 225 W.;

heut abend wieg ich mich im grundbesitz!
Göthe I 15, 1, 67 W.;

mich wiegend in süszen hoffnungen und träumen E. T. A. Hoffmann s. w. 4, 20 Gr.; das behagen, mit dem er sich in dem gedanken: ich hab auch verstand! förmlich wiegt O. Jahn Mozart (1856) 3, 112; als ... Karl von Burgund sich in abenteuerlichen plänen wiegte Burckhardt kultur d. renaiss. (1948) 49; ich miszfiel der fürstin nicht und wiegte mich bereits in süszen hoffnungen M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 4, 233; in unseren tagen wiegen sich die privilegirten stände in seligen erinnerungen Steub drei sommer in Tirol (1895) 2, 103; der mitwisser (der geschäftsgeheimnisse) konnte sich deshalb in dem glauben wiegen, Pascarella erkenne in ihm eine art stillen gesellschafters an Werfel geschw. v. Neapel (1931) 317. ungewöhnlich:

erst sich in geheimnisz wiegen
dann verplaudern früh und spat
Göthe I 6, 219 W.;

und wiegst dein herz in bitterm weh
Brentano ges. schr. (1852) 2, 270.


der akkusativ tritt, namentlich in jüngster sprache, weit zurück:

das menschliche gemüth in neue lust zu wiegen
Bodmer vier krit. ged. 9 ndr.;

er liebte eine music, welche die leidenschaften besänftigte und die seele in ein angenehmes staunen wiegte Wieland Agathon (1766) 2, 52; das heitere schauspiel des herrlichen abends wiegte ihn in sanfte phantasien Novalis schr. 4, 104 Minor; sylbenmasse, ... deren blosser sylbenfall noch jetzt das ohr in einen unnachahmlichen zauber wiegt W. v. Humboldt ges. schr. 5, 120 akad.; jeder schmerz hat seinen schlummer, der ihn in vergessenheit wiegt Börne ges. schr. (1829) 4, 65.
e) noch hervorzuheben ist die in neuester zeit häufige wendung sich (jmdn) in sicherheit (meist dat.) wiegen: er solle sich ja nicht in falsche sicherheit wiegen lassen H. Laube ges. schr. (1875) 15, 52; sie waren obenauf gewesen und hatten sich in sicherheit gewiegt H. Mann d. untertan (1949) 495; sie wiegte sich nun in tiefer sicherheit Werfel geschw. v. Neapel (1931) 140; aber jetzt erkannte Nero selber, der sonst in der glücklichen sicherheit des verrückten sich wiegende, dass es aus war Feuchtwanger d. falsche Nero (1947) 341.
4) wiegen von der beim fahren und reiten entstehenden bewegung, ferner vom wogen des wassers und vom schwanken der wasserfahrzeuge, vgl. in einer kutsche oder schiff gewiegt werden Kramer t.-ital. 2 (1702) 1347a.
a)

wan sonn sich wider bieget,
vnd auff gesenckter niderkehr
den matten wagen wieget
Spee trutznachtigall 191 ndr.;

[Bd. 29, Sp. 1541]


man durfte kaum die trense rücken,
so sahst du es (das pferd), von freyen stücken,
den schönsten antritt wiegend gehn
Schwabe belust. (1741) 2, 476;

der flüchtige Pegasus wiegte sie, ohne zu straucheln, auf seinem sanften rücken hinab ins maienthal Musäus volksmärchen 1, 18 Hempel;

in eines streithengsts bügeln möcht
ich wiegen mich zur schlacht
Herwegh ged. e. lebendigen (1841) 114;

wir kamen unter wiegen und ächzen unseres wägleins immer tiefer und tiefer Stifter s. w. 8, 1 (1920) 23; weinte er in die struppige mähne des tieres, das sanft sich wiegend unter ihm dahinging Will Vesper d. harte geschlecht (o. j.) 96. hier am ehesten läszt sich anschlieszen: stolz und herrlich trat er (Fiesko) daher, nicht anders, als wenn das durchlauchtige Genua auf seinen jungen schultern sich wiegte Schiller 3, 11 G.
b) nicht oft: vermutlich ist, dass das meer von einem strand sich zu dem andern, wiewol weitentfernet, gegen über waltze und wiege Harsdörffer frauenz.-gesprächsp. (1641) 8, 501; wenn die rollenden wellen in dem glanze der abendsonne wiegen Klinger w. (1809) 1, 309;

wo zum Rheinstrom hin von Siegen
sich des Siegstroms wellen wiegen
Brentano ges. schr. (1852) 7, 440.


c) häufig dagegen:

wie ihn des schicksals hand
in einem schiff gewiegt und schlafend hergesandt
J. E. Schlegel w. (1761) 4, 137;

das steigen und sinken des wiegenden nachens Lavater verm. schr. (1774) 1, 282;

die welle wieget unsern kahn
im rudertackt hinauf
und berge wolcken angethan
entgegnen unserm lauf (1775)
Göthe III 1, 3 W.;

wenn wir uns spät noch in einen nachen sezten und den Rhein hinunter wiegen liessen (1791) Caroline br. 1, 69 Waitz;

wehe dem fahrzeug, das jezt unterwegs
in dieser furchtbarn wiege wird gewiegt
Schiller 14, 370 G.;

und weiszt du was ne gondel ist
und wie sich's drinnen wiegt?
Strachwitz ged. (81891) 370;

in der bucht wiegt ein kahn A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1878) 1, 120; das schiff wiegt fertig sich im haff Leuthold ged. (41894) 357; leise wiegt das schiff hin und her Plüschow segelf. ins wunderland (1926) 15. bildlich in ähnlichem sinne: wiegende wogen trugen ihn auf dem bache der süszen schwärmerei hinauf und hinab, ermüdet schlief er ein Tieck schr. (1828) 8, 50;

süss lieb, süss lieb und wiege dich fein
auf stillen schlummerwogen
Geibel ges. w. (1883) 1, 88.


5) vielfach von bäumen und zweigen im winde und von vögeln im fluge oder auf schwankenden zweigen, hiernach auch vom winde.
a) vom schwanken windbewegter bäume, zweige, halme und blumen:

der leichte zephyr küsste
die pflanzen dieser insel,
und sein gefolge wiegte
die wipfel dieser insel
Hagedorn poet. w. (1769) 3, 85;

wo die ... buche ihre grünen gestreckten äste wiegt Nicolai Seb. Nothanker (1773) 2, 24; schlanke pappeln wiegen sich lispelnd um sein grab Klinger w. (1809) 8, 156;

schwankend wiegen
im morgenwinde sich die jungen zweige
Göthe I 10, 106 W.;

rauschend wiegt
ein kalter wind die starren äste ebda 5, 1, 35;

[Bd. 29, Sp. 1542]


wo die ... tannen sich vom sturm hin und her wiegen lieszen J. G. Forster s. schr. (1843) 7, 232; und disteln wiegen das bärt'ge haupt Kind ged. (1817) 1, 99; da sang es im wiegenden kelch (einer blume) Tieck schr. (1828) 17, 276;

wie dort, gewiegt von westen
des mohnes blüthe glänzt
Uhland ged. (1898) 1, 43;

die blätter des zauberischen baumes wiegten langsam auf und nieder Gaudy s. w. (1844) 13, 30; die grünen bäume wiegten ein meer von glanz und schimmer Stifter s. w. 1 (1904) 29; das ächzen und wiegen der stämme (1869) W. Raabe s. w. I 6, 239; oben auf dem rande der zimmerung wuchs gras, aus welchem etliche grüne kornähren aufstanden und in der luft wiegten Rosegger das zugrunde gegangene dorf (1905) 25; ein still reifendes ackerland ..., das sich im sommerwind wiegte Ric. Huch d. grosze krieg (1920) 2, 231.
entsprechend:

golden wiegten sich die locken
auf der hohen götterstirne
Körner w. 2, 36 Hempel;

wie ein sternenpaar
glänzten die augen, die wangen
wiegten das goldene haar
Tieck schr. (1828) 4, 321;

das schwert, die harfe, wiegten
sich an der schärp
Kind ged. (1817) 1, 128;

sie ... schritt rasch dem hause zu, die ... grasbinde auf dem ... kopfe ... wiegend Herm. Schmid ges. schr. 8 (1861) 154; generäle ..., um deren goldbeschlagene helme sich federn wiegten Renn adel im untergang (1947) 119.
auch:

wie, vom zephyr gewiegt, der leichte rauch durch die luft schwimmt
Schiller 11, 40 G.;

noch ein glöcklein hat geschwiegen
auf der höhe bis zuletzt.
nun beginnt es sich zu wiegen,
horch, mein Kilchberg läutet jetzt
C. F. Meyer ged. (51892) 67;

(die schmiede), darin sich eine trübe flamme wiegte Watzlik pfarrer v. Dornloh (1930) 26. — und bildlich:

und ihr, wachset und blüht, geliebte lieder, und wieget
euch im leisesten hauch lauer und liebender luft
Göthe I 1, 262 W.


reifende früchte werden gewiegt wie kinder:

sanft gewiegt von lauen westen
das gold der äpfel schwoll
J. H. Voss sämtl. ged. (1802) 4, 193;

ein ast der schaukelnd wallet
wiegt sie (die früchte) geduldiglich
Göthe I 6, 176 W.


b) vom flug der vögel und schmetterlinge: zuweilen wendet sich der reiger mit seinem gantzen leibe (gegen den angreifenden falken) und schwebet oder wieget mit ausgespannten flügeln, als mit einem segel, in freyer luft Noel Chomel öcon.-physic. lex. (1750) 8, 233;

nun wiegt sich der raben
geselliger flug
Göthe I 1, 89 W.;

im gefieder wiegender vögel dt. museum 2, 183 F. Schlegel;

der schmetterling wiegt purpurflügel
Tieck schr. (1828) 4, 136;

wie der weih des gebirgs ...
... sein einsam nest unermüdlich umkreist
von der fittige ruderndem schlage gewiegt
Droysen Äschylus werke (1841) 43;

und der habicht, jetzt gewiegt
von gewölk und winden
Freiligrath ges. dicht. (1870) 1, 111;

[Bd. 29, Sp. 1543]


(schmetterlinge, die) sich schwankend wiegten H. Seidel Leberecht Hühnchen (1899) 186; wie ein falke, der sich im äther wiegt B. Kellermann Ingeborg (1911) 326. — mitunter auch:

hier wiegen sich schmerlen im tosenden fall (1795) volksthüml. lieder d. Deutschen 167 Böhme.


c) sich auf zweigen wiegen (o. ä.), von vögeln und vergleichbaren wesen:

wenn ihr (tauben) euch auf schlanken ästen wieget
J. M. Miller ged. (1783) 85.

und Eros,
er wiegte sich auf deinen augenliedern
Herder 27, 359 S.;

von oben herab, auf zweigen sich wiegend, schaut eine dryas Göthe I 49, 1, 143 W.; schöne stunden meiner jugend, wo der geist sich zuerst selbst ahnte und sich auf den ersten blüten, die er trieb, selig wiegte (1842) Hebbel tageb. 2, 139 Werner; ein dunkler schmetterling auf einer noch stolzen, hohen ähre sich wiegend Gutzkow ritter v. geiste (1850) 1, 36; auf einem ... ulmenzweige wiegte sich ein ... fink Fontane ges. w. (1905) I 5, 188. so auch:

wenn auf neubelaubten ästen
sich der junge frühling wiegt
Overbeck verm. ged. (1794) 56;

der mondschein wiegte sich auf den leise wogenden kornfeldern Eichendorff s. w. (1864) 3, 374. selten in abweichender formulierung:

kaum erwachet der tag, so erfleucht an des hellen stromes ufer
sie eine pappel, und wieget den gipfel
(die sterbende nachtigall)
Herder 27, 161 S.;

sie war wie von der nachtigall geboren
...
gewiegt im eichenwipfel sasz sie da,
und flötete (Penthesilea)
H. v. Kleist w. 2, 147 E. Schmidt.


d) von der bewegung des windes, wie von flugwesen (vgl.b und c), gewöhnlich sich wiegen: ein sanfter wind wiegte sich auf den zarten zweigen Heinse s. w. 5, 19 Sch.; geisterwehn von alten sagen wiegt sich durch die ... flur Körner w. 2, 101 Hempel; wenn der mittagswind sich leise wiegt Bettine d. Günderode (1840) 1, 120;

wieget
eure lauen flügel, sommerlüftchen
Hölty ged. 55 Halm;

er hat sich gewiegt,
wo weinen war,
und hat sich geschmiegt
in zerrüttetes haar
(der frühlingswind)
Hofmannsthal ged. u. kl. dramen (1911) 4.


e) als ungewöhnlich sei hier noch angefügt:

bis von der wunden macht besiegt,
sie (die gefällte esche) ächzend sich herunter wiegt,
und sich zermalmend wälzt von des gebirges gipfel
Schiller 6, 376 G.;

ein zweiter angriff, und der mächtige würfel (ein felsblock) weicht, wiegt sich über die kante, mit krach und schlag verschwindet er in der tiefe Barth Kalkalpen (1874) 494.
6) von bewegungen des menschlichen körpers, oft in redensartlichen verbindungen; hieraus abgeleitet auch von musikalischen erscheinungen (d).
a) ähnlich wie unter 5 c vom schaukeln auf schwankender unterlage, namentlich sich auf dem stuhle wiegen: er wiegt sich auf dem stuhl, und läutet mit den füssen Dusch verm. w. (1754) 167; ein paar hielt sich mit den händen fest und ein bauer schlüpfte unten durch, oder wiegte sich darauf Miller Siegwart (1777) 1, 211; dabei wiegte er sich auf dem schemel mit einem gar vergnügten gesicht Alexis hosen d. hrn v. Bredow (1846) 1, 137; indem sie ... ihre leichte gestalt auf den losen brettern wiegte Storm s. w. (1899) 1, 92.

[Bd. 29, Sp. 1544]



b) sonst in unterschiedlichen auffassungen: sie verachtet die Pariser theatergrimassen, das tragische schluchzen, das wiegen der arme, und den heldinnentritt Sturz schr. (1779) 1, 93; der marchese ... wiegte sich von einem fuss auf den andern Göthe I 43, 269 W.; erhob er sich vom stuhl, wiegte sich in den neuen schuhen und ging eifrig einige male auf und nieder G. Keller ges. w. (1889) 4, 129; die hände auf dem rücken, wiegte er sich behaglich in den knieen Storm s. w. (1899) 2, 45; Gustav wiegte seinen schlanken oberkörper ersichtlich in dem bewusztsein, ein hübscher kerl zu sein W. v. Polenz Büttnerbauer (1895) 2; (er) wiegte sich lächelnd auf seinen langen beinen Renn adel im untergang (1947) 386.
c) besonders vom tanz und ähnlichen bewegungen des ganzen leibes:

hand in hand wiegen sie sich
über des throns
aufgepolsterter herrlichkeit
Göthe I 15, 1, 216 W.;

meerfrauen mit gesang und spiel
sich um die kiele wiegen
Uhland ged. (1898) 1, 302;

während des 2/4 taktes führen die paare ein bärenmäsziges wiegen und schwenken aus Böhme gesch. d. tanzes (1886) 194; ich konnte ... mich mit einem jener fremdartigen mädchen im tanze wiegen Storm s. w. (1899) 2, 111; der tanz war schon längst im gang ..., und über die wiegenden paare hin sangen die geigen ihre kantilenen Fendrich Himmelheber (1915) 198; der greis ... wiegte sich im tanze A. Sperl söhne d. hrn Budiwoj (1927) 538.
d) entsprechend von der bewegungsart musikalischer tonfolgen: (die jetzigen tonkünstler) wiegen sich auf einem seil von tönen in der luft Herder 15, 236 S.; sein strich hat so viel delicatesse und wiegende anmuth Schubart ästhetik d. tonkunst (1806) 144; eine zither war es ..., die töne wiegten sich und schwollen und wurden ein gewimmel, und plötzlich sang eine männerstimme darein Stifter s. w. 1 (1904) 145; insbesondere haben die mädchen eine hohe stimmlage und überlassen sich gerne dem weichen wiegen und trillern des tons (beim sprechen) Steub drei sommer in Tirol (1895) 2, 230; die worte (alter wiegenlieder) fügen sich weniger dem sinn als dem laut und dem wiegenden rhythmus nach zusammen Schweitzer Bach (1948) 5; das rezitativ 'die schlange, so im paradies' wird durch wiegende passagen begleitet ebda 539.
e) redensartlich den kopf wiegen, gewöhnlich als gebärde der bedenklichkeit; schon mhd. wird diese verbindung mit dem sw. vb. wegen (*wagjan) gebildet:

er wegetez houbet unde sprach
'jâ dû starker t ügenære'
Hartmann v. Aue Gregorius 2786 Paul-L.

die wendung ist besonders in der erzählenden literatur sehr häufig:

ihr macht mich nicht zum schwachen, blinden narrn,
der seinen kopf wiegt, seufzt, bedauert, nachgiebt
den christlichen vermittlern Shakespeare 4 (1799) 96 (kaufmann v. Venedig 3, 3);

ich habe ... über dem schicksale meines vaterlandes den kopf gewiegt Seume an Schnorr (1801) in: gesch. seines lebens 286 Planer u. Reiszmann;

wenn alle tanzend fliegen,
seh ich mit stetem thränenlauf
das bleiche haupt sich wiegen
Brentano ges. schr. (1852) 2, 417;

Ganna wiegte mit ernstfreundlichem verneinen das schöne haupt Fouqué altsächs. bildersaal (1818) 2, 37; lächelte er gar pfiffig und wiegte das köpfchen recht vergnügt hin und her H. Heine s. w. 3, 225 Elster; mit einem wiegen des kopfes ... berechnet sie (die zimmervermieterin), welcher vortheil aus ihm zu ziehen sei W. Raabe hungerpastor (1864) 3, 6; ich werde wohl zu

[Bd. 29, Sp. 1545]


tun bekommen, sagte der doktor, indem er auf die süszigkeiten wies und den kindern drohte. dann hob er mit wiegendem kopf ein gediegenes gerät für salz, pfeffer und senf empor Th. Mann Buddenbrooks (1922) 1, 21; den kopf nachdenklich wiegend Cl. Viebig d. schlaf. heer (1904) 1, 70; dann wiegte sie feindselig den kopf. nein, bedeutete das quelle v. j. 1931.
f) sich in den hüften wiegen:

süss, sirene, auf der hüfte
wiegst du dich am felsenriff,
selig, wer vorüberschiffte,
wen der zauber nicht ergriff!
Brentano ges. schr. (1852) 2, 219;

es setzte nur eine im schlosz so die zehenspitzen, es wiegte sich nur eine so in den hüften W. Alexis Isegrimm (1854) 446; er ... wiegt sich beim gehen ein wenig in den hüften M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 4, 269; (sie) ging mit einem weichen wiegen der hüften, mit einem lässigen schlenkern der arme Cl. Viebig die vor den toren (1949) 187.
g) partizipial wiegender gang, schritt (vgl. wiegegang, wiegeschritt): solch ein wiegender gang J. H. Voss sämtl. ged. (1802) 2, 213; das pferd ... ging in wiegendem schritte weiter Holtei erz. schr. (1861) 4, 81; obwohl ihr gang noch immer der leichte, wiegende der frauen jener gegend war E. Zahn die da kommen u. gehen (1909) 274; wenn herr Hugo Weinschenk ... wiegenden und selbstbewuszten schrittes über die grosze diele schritt Th. Mann Buddenbrooks (1922) 2, 64; und geht mit seinem breiten, wiegenden schritt Feuchtwanger Simone (1950) 82.
7) einige verwendungen, die das faktum der unentschiedenheit umschreiben, stützen sich mehr oder minder auf das bild der schwankenden waage (vgl. 1wiegen B 2 b α und γ):

und wie zwo schalen wiegend wanken,
so zweifelhaft blieb mir dein blick
Schwabe belust. (1741) 2, 21.


a) warum zwischen tod und schande mich hin und her wiegen? Schiller 3, 445 G.; dasz sein auge auf dem zarten schwebenden punct stehe, wo sich die purpurfarbe zwischen dem blauen und gelben hin und her wiegt Göthe II 5, 2, 32 W.; die sprache ist überhaupt ein bewegliches organ, ein gegenstand musz sehr fest und derb dastehen, wenn ihn die sprache nicht in ihren ausdrücken herüber und hinüber wiegen soll ebda 253.
b) so auch: lange mit solchen gedanken hin und her gewiegt Pütter selbstbiogr. (1798) 239. sonst aber dem gebrauch unter 5 nahestehend:

gedanken sich wiegen,
die nacht ist verschwiegen,
gedanken sind frei
Eichendorff s. w. (1864) 1, 505;

dies ist die stunde, das gemach,
wo sich gedanken mögen wiegen
A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1878) 1, 151;

um seine gedanken über gut und geschäft sich wiegen zu lassen, wie der adler sich wiegt über seinem jagdrevier P. Dörfler notwender (1934) 79.
c) da wiege ich mich denn in unentschlossenheit Göthe IV 29, 219 W. (vgl. 3 d); dasz ich glauben musz, sie thue mir die kammer auf, wenn ich komme; und es wiegt mir sich, ob ich gehen solle Gotthelf Uli d. knecht (1846) 112.
8) das adj. part. prät. gewiegt 'beschlagen, gewandt, gewitzigt' ist teil 4, 1, 3, sp. 5790 ausführlich behandelt; vgl. auch gewiegt und gewickelt unter 4wickeln C 2, sp. 853. frühe belege, in denen gewiegt noch nicht adj. ist, stellen den ursprung dieses sinnes auszer zweifel: (ein mensch) de myt synen willen upgeweighet unde ghewenet is Joh. Veghe 56, 35 Jostes; das sie von iugend auff do mit ertzogen und gewiget sein Carlstadt von beiden gestaldten d. hl. messze (1521) A 4b; der die selben (schandpossen) ... von kindts wesen auf getriben, ja

[Bd. 29, Sp. 1546]


damit gewiegt worden seie Montanus schwankb. 467 lit. ver.; verdeutlichend: dann wir sind z dem dickeren mal ... des artickels halb von M. Ulrichen vnderricht vnd gewyeget worden, das ich daran keynen zweyfel me hab L. Hätzer acta oder geschicht (1523) n 2 a. auch begegnet: damit (bergbaurecht) gewigt und geerdigt S. Span speculum juris metallici (1698) vorr. b 1b. statt des älteren gewiegt mit wird später gewiegt in bevorzugt (gewiegt sp. 5791, ziffer 1): ein solcher Teutscher, der in der italiänischen sprache nicht gewieget ist Castelli it.-t. u. t.-it. wb. (1741) vorr. 2b. öfters begegnet die verbindung klug gewiegt:

ich bin noch klug gewiegt und weis wohl auszuführen,
dasz alle laster nicht von übereilung rühren
J. Chr. Günther s. w. 6, 3 Krämer;

wer sagt mir an, wo Weinsberg liegt?
soll seyn ein wackres städtchen,
soll haben, fromm und klug gewiegt,
viel weiberchen und mädchen
Bürger s. w. 25 Bohtz;

die ältsten (der töchter), schön und klug gewiegt,
...
geputzt mit engeln um die wette
Kind ged. (1817) 1, 202.


in neuerer sprache am geläufigsten ist gewiegt als attribut zu wörtern wie kenner, praktiker, zu berufsbezeichnungen (namentlich: jurist) und zu sonstigen nomina actoris, die eine gewitztheit erfordernde tätigkeit bezeichnen; s. gewiegt sp. 5792, ziffern 2 u. 3 und vgl. noch: ein gewiegter leser Bode Montaigne (1793) 1, 236; (graf W. ...,) gewiegter kunstkenner und freigebiger mäzen H. Riemann musiklex. 91310a; morgen sollte ich den vergleich mit einem gewiegten (berg-)steiger in aller form erst zu bestehen ... haben Barth Kalkalpen (1874) 339. jünger auch zu entsprechenden abstrakten: Lisbeth brannte also mit gewiegter erfahrung ihre (kaffee-)bohnen Dincklage gesch. a. d. Emslande (21872) 1, 89; kann man mit gewiegterem gefühl das schöne erzielen? Th. Mann Faustus (1948) 213.
9) wiegen in verschiedenen technischen bedeutungen.
a) 'ein schiffer wieget das boot, indem er es am winde und deshalb das ruder hinten führet' Jacobsson technol. wb. (1781) 4, 646a; Hübner zeitungslex. (1824) 4, 932b; Krünitz öcon. encycl. 239 (1857) 24.
b) 'ein schiff wiegen, holl. een schip wiegen, wenn ein schiff vom stapel laufen soll, so läszt man viele leute oben auf dem verdeck zugleich von einer seite zur andern laufen, um es in schwankung, und dadurch in gang zu bringen' Bobrik seewb. (1850) 438a.
c) zu wiege 3 b 'granierstahl, gründungseisen': wiegen beim kupferstecher, die platte mit dem gründungseisen rauh machen Krünitz öcon. encycl. 239 (1857) 24; Bucher kunstgewerbe (1884) 439a.
d) zu wiege 3 c 'wiegemesser'; wiegen mit einem gebogenen werkzeuge ... schneiden Hübner zeitungslex. (1824) 4, 932b: grünkernflocken müssen ... zu brei ausquellen, der erkalten musz, bevor man ... eine kleine, feingewiegte zwiebel ... und einen löffel gewiegte petersilie daran tut daheim (23. 8. 1934) 18a; zuletzt wird das gericht mit salz und gewiegten feinen kräutern abgeschmeckt ebda 18b.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
wiegenangebinde, n., was jemandem in der wiege zum geschenk gemacht, von geburt an mitgegeben wird, gewöhnlich bildlich. (vgl. angebinde 'donum natalicium' teil 1, sp. 338 und die wendung etwas ist jmdm in die wiege gebunden 'eignet ihm von hause aus' unter wiege 2 d ε, s. auch wiegeneingebinde); wiegenangebinde Campe 5, 713b:

leiden — unser wiegenangebinde —
trage, liebchen, — such es nie!
Blumauer ged. (1782) 14;

schönheit und verstand gab mir die natur zum wiegenangebinde Kalchberg ges. schr. 2, 156 Schlossar;

[Bd. 29, Sp. 1547]


ein kindlein in der wiege lag,
ich sang ihm ein lied am frühlingstag,
ein lied zum wiegenangebind
Cornelius literar. w. (1904) 4, 158.


 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
-artig, adj., nach art einer wiege, von schiffsbewegungen: das herz pochte mir ein wenig, da ich ... die segel ausspannen sahe und die erste wiegenartige bewegung dieser ungeheuren maschine unter mir fühlte Bahrdt gesch. s. lebens (1790) 3, 307; freilich verliert man, selbst bei mäsziger aber doch immer wiegenartiger bewegung, bald den festen gang Niemeyer beob. auf reisen (1820) 1, 79.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
wiegenband, n., älter auch wiegband, selten wiegeband; zu wiege, f., in den letzteren formen wohl auch zum verbum gebildet. vgl. unten wiegenschnur sowie wage(n)schnur, wagelschnur teil 13, sp. 484 und 378. 'wiegen-band ist ein langer ... schmaler streiff, so über die wiege creutzweise gezogen wird, damit die kleinen kinder nicht heraus fallen können; man pfleget auch dasjenige das wiegen-band zu nennen ..., wormit die muhmen oder ammen die wiege hin und wieder ziehen' Amaranthes frauenz.-lex. (1715) 2122. vielleicht handelt es sich um einunddenselben gegenstand, wenn nämlich ein freies ende des sicherungsbandes als zugband benutzt wurde. das wort ist literarisch und lexikalisch seit dem frühen 15. jh. belegt (in früheren glossaren anscheinend auch für 'windel'); s. auch Fischer schwäb. 6, 808; linicia eyn weghen bant, eyn wyndel doyk (lat.-nd. wb. v. j. 1417), wiegpant (hd.-lat. voc. ex quo, 1429) Diefenbach nov. gl. 236a; vgl. ferner Diefenbach s. v. cuna, nov. gl. 123b; cunabulum gl. 162b; crependium gl. 156c und nov. gl. 119a; fascia gl. 226b und nov. gl. 167b; purginale wige bant gl. 473c (u. ö.); wiegenbandt, wiegenbendel lien Hulsius-Ravellus t.-frz.-it. (1616) 413b; wiegen-band cordella da cunare ò da legare le coltricette della cuna Kramer t.-ital. 1 (1700) 113b; Adelung 5 (1786) 218: Heinrich, herczog zu Bayren und zu Sachsen, do er in dem wigenpant was, do gie im ab vater und mueter (1428) Andreas v. Regensburg 635, 23 Leidinger; das wyegpand, das umb in gewunten was (fascia) Johann Hartlieb dialogus mirac. 102, 30 Drescher; wiegenband Niclas Manuel 235 Bächtold; J. Pollio christl. trostschr. (1609) B 7b; (er) namb das wiegen-band selbsten in die händ vnd fieng an sanfft zu wiegen Abr. a s. Clara Judas 2 (1689) 107; Karl wollte nicht gestört sein ... durch das schnarchen seiner kinder. er zog scharf und hart die wiegenbänder über ihre brust zusammen J. Gotthelf ges. schr. (1855) 12, 9;

da sitzet Maria
und wieget ihr kind,
sie wiegt es mit ihrer schneeweissen hand
und braucht dazu gar kein wiegenband
Brentano ges. schr. (1852) 5, 66.

bildlich (vgl. wiege 2 a β und γ):

kaum ist dein heldengeist dem wiegen-band entgangen,
als dich dein hoher muth auf hohe thaten weist Hoffmannswaldau u. a. Deutschen ged. (1697) 5, 130 Neukirch;

als wäre vom wiegenbande an auf oberconsistorialräthe, oberburgermeister und geheimderäthe gerechnet Hermes f. eltern u. ehelustige (1789) 1, 46; die absicht ..., sich endlich vom wiegenband der deutschen verwaltung zu lösen A. Zweig einsetzg. e. königs (1950) 277.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
wiegenbank, f., wohl etwa dasselbe wie DWB wiegenbrett, ein untersatz für die wiege (s. auch Fischer schwäb. 6, 809 und vgl. DWB wagebank teil 13, sp. 369):

in die kamer ein wiegenbanck,
darauff sich hebt daz nachtigal gesanck
Hans Folz in:
Hampe ged. v. hausrat (1899) A 5b.


 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
-bett, n., pleonastisches kompositum:

sein niedrig wiegenbett verschmähten nicht die musen
Gotter ged. (1787) 1, 144;

mein Emil schlummert hier, es gab
das schicksal ihm zum wiegenbett ein grab
A. Schreiber poet. w. (1817) 1, 480;

[Bd. 29, Sp. 1548]


un mir (= wir) schreiner müsse wiegebetter mache zu dutzende V. Traudt winkelbürger (1917) 285. —
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
-bettchen, n., diminutiv zum vorigen: dein wiegenbettchen maler Müller w. (1811) 1, 205; an der wand klappte das wiegenbettchen, und darin schlief, sorgsam verhüllt ... das kind Rosegger schr. (1895) I 12, 324. — ebenso
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
-bettlein, n. Kramer t.-ital. 2 (1702) 1347a. —
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
-brett, n. 'ist ein von höltzernen bretern zusammen gesetztes breites creutze, worauf die wiege gesetzet wird, damit sie wegen ungleichheit der dielen in denen stuben ... nicht knarrt' Amaranthes frauenz.-lex. (1715) 2123; Adelung 5 (1786) 218; vgl. wiegenbank. —
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
-decke, f.: die grüne wiegendecke (der blumen) aus erdschollen Jean Paul w. 6, 73 Hempel;

und manche krone strahlte
von der wiegendecke saum
L. v. Plönnies ged. (1844) 177;

die wiegendecke lag zurückgeschlagen, und Trud ... mühte sich in gebückter stellung um das kind Fontane ges. w. (1905) I 2, 390.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
wiegendruck, m., druck aus der frühzeit der buchdruckerkunst (gewöhnlich bis 1500 gerechnet); zu wiege 2 c nach inkunabel gebildet, hieraus nl. wiegedruck (und schwed. vaggtryck).
incunabula, wie wiege häufig für 'anfänge, frühzeit' gebraucht, gewann als ausdruck für die frühzeit des buchdrucks aufschwung durch den titel des werkes von Cornelius van Beughem 'incunabula typographiae sive catalogus librorum scriptorumque proximis ab inventione typographiae annis usque ad annum 1500 inclusive ... editorum, Amstelodami 1688'. Beughem scheint zu dieser titelfassung durch eine formulierung des französischen bibliographen Philippe Labbé aus dem jahre 1653 ('editiones quae ante centum et quinquaginta annos in ipsis paene typographiae incunabulis prodierunt') angeregt worden zu sein. auf die frühdrucke selbst wird inkunabel erst seit dem ende des 18. jhs. angewendet (s. zu diesem wort E. v. Rath in: werden und wirken [1924] 289 f.; ders. in: lex. d. gesamt. buchwesens 2 [1936] 159a; vgl. noch F. Eichler in: Gutenberg-jahrb. [1935] 65 f., der incunabula schon in Beughems titel auf die drucke selbst beziehen möchte).
wenige jahrzehnte später ist das wort wiegendruck, das erst 'in den letzten jahrzehnten des 19. jhdts in aufnahme gekommen ist und sich immer mehr einbürgert' (lex. d. ges. buchw. 2, 159a), bereits ganz vereinzelt nachzuweisen: die erhaltung von wiegendrucken dieser art (holztafel-bilddrucken des 15. jhs.) verdanken wir lediglich der sitte der alten buchbinder, die häufig zugleich auch briefdrucker waren, die innern seiten der bücherdeckel mit bildern zu bekleben K. Falkenstein gesch. d. buchdruckerkunst (1840) 17 (nach: die erhaltung von incunabeln dieser art verdanken wir endlich lediglich der sitte der alten buchbinder, die, häufig zugleich briefdrucker, auf die inneren seiten der buchdeckel bilder klebten J. D. F Sotzmann in: histor. taschenbuch 8 [1837] 805 Raumer). hierauf läszt Brockhaus' conversationslexikon seine früheren verdeutschungen erstlingsdrucke, druckerstlinge (5 [81834] 505 s. v. incunabeln) zugunsten des neuen wortes fallen (wiegendrucke 7 [91845] 417; in Meyers conv.-lex. 16 [1850] 644b fehlt das wort).
es ist möglich, dasz wiegendruck diesen beiden vielbenutzten quellen seinen späteren durchbruch verdankt. zunächst scheinen sie indessen ganz allein zu stehen, obgleich man sich vielfach um verdeutschung des wortes inkunabel bemüht. in der älteren literatur zur druckgeschichte begegnen u. a. öfters die ausdrücke erste drucke, erstlinge, (mit attributen, z. t. nicht genau für inkunabel) und erstlingsdrucke: die Mainzer ersten drucke G. W. Zapf ält. buchdruckergesch. v. Mainz (1790) vorr.; die liebhaberey zu büchern des ersten druckes Breitkopf über bibliographie u. bibliophilie (1793) 3; in den ... büchern ersten druckes ebda 24; (ein bücherspekulant)

[Bd. 29, Sp. 1549]


war damals im besitze vieler ersten drucke, und darunter der historie des antichrist, der ars moriendi C. A. Schaab gesch. d. erfindung d. buchdruckerkunst (1830) 1, 259; unsere ersten drucke ebda 270; auch die kupferstechkunst mag ihre erstlinge schon vor der erfindung der buchdruckerkunst geliefert haben ebda 3, 338; die erstlinge der kunst wurden hauptsächlich in der behausung dieses Dritzehns bearbeitet J. Wetter krit. gesch. d. erfind. d. buchdruckerkunst (1836) 88 (von den ersten druckversuchen überhaupt, nach: primitiae artis in aedibus Drizehenii hujus praesertim tractatae sunt J. D. Schöpflin vindiciae typographicae [1760] 23); dasz die erstlinge der kunst nicht in ihren (der stadt Haarlem) mauern entstanden sind ebda 102 (nach: les prémices de cet art M. Fournier l. j. observations [1760] 41, auf Schöpflin fuszend); bei den Mainzer typographischen erstlingen Sotzmann in histor. taschenb. 8 (1837) 457; der drucker jener typographischen erstlinge ebda 565; die in einem zeitraume von 40 jahren zu stande gebrachten kostbaren erstlingsdrucke H. Lempertz beitr. z. ält. gesch. d. buchdr.- u. holzschneidekunst (21839) [2]. — die fremdwörterbücher empfehlen namentlich druckerstlinge und erstlingsdrucke, vgl.: druckerstlinge Campe wb. z. erkl. u. verdeutschung (1813) 371a (in der ersten aufl. [1801] fehlt incunabel); druckerstlinge, urdruckschriften Heyse verdeutschungswb. (31819) 263b; dazu erstlingsdrucke (91844) 367b; erstlingsdrucke, urdrucke Favreau fremd- u. sachwb. (31852) 1, 428a. zwar tritt Petri gedrängtes hdb. d. fremdwörter (41823) 294 (ältere auflagen waren nicht zugänglich) schon früh mit wiegenschrift hervor, aber wiegendruck fehlt z. t. bis über die jahrhundertgrenze hinaus, vgl. Kehrein fremdwb. (1876) 274a; Heyse-Böttger fremdwb. (1879) 441b; Liebknecht volksfremdwb. (61890) 220b; (191922) 184a. die ersten buchungen des wortes finden sich in den 1880 er jahren: incunabeln wiegendrucke Reinecke verdeutschungswb. d. kunst- u. geschäftsspr. d. dt. buchhandels (1886) 50; Sarrazin verdeutschungswb. (21889) 131a (nicht in der 1. aufl. v. j. 1886); Saalfeld fremd- u. verdeutschungswb. (1898) 185a. um diese zeit hat bereits seine literarische ausbreitung eingesetzt, die wohl etwa im ersten viertel des 20. jh. zu seiner allgemeineren aufnahme führt: der baronet, ein tüchtiger bücherkenner, sah zu seinem erstaunen einen der seltensten wiegendrucke vor sich, die Venetianer-ausgabe von Bocaccio's decameron aus dem jahre 1471 deutsche roman-zeitung 16 (1879) 3, 557 (zit. bei Sanders erg. -wb. [1885] 165a); Anton Einsle die incunabelbibliographie. anleitung zu einer richtigen und einheitlichen beschreibung der wiegendrucke (Wien 1888) titel; gesamtkatalog der wiegendrucke, hrsg. v. d. preusz. kommission, probedruck (1914) titel; man spricht von inkunabeln des kupferstichs, der radierung, der lithographie, während wiegendruck nur ein frühes produkt der buchdruckerkunst bezeichnen kann E. v. Rath in: monatshefte f. bücherfreunde 1 (1925) 265; eine niederländische prosafassung, die zuerst durch die neuausgabe eines wiegendrucks bekanntgemacht wurde wirkendes wort (1957) 139. — dazu wiegendruckzeit, f.: vertreter des pharmazeutischen buches der wiegendruckzeit forsch. u. fortschr. 11 (1935) 293.

 

Eingabe
Wörterbuchtext:
Stichwort: