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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
wiegehaus bis wiegenbank (Bd. 29, Sp. 1524 bis 1547)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) wiegehaus, n., zu 1wiegen; gebäude in dem sich die öffentliche waage befindet (wie älternhd. wagehaus, waghaus teil 13, sp. 375): ich stand auf der balustrade des alten wiegehauses, am unteren hafen H. Böll billard um halbzehn (1959) 58. —
 
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wiegeisen, n., eiserner hebel zum bewegen schwerer lasten, zu 1wiegen B 2 c: wenn denn die brücke erhebt ist, soll man die winde beiseite schaffen, und mit dem wigeisen die brücke von sich wigen, so mus sie fallen theatrum machinarum (1607) 1, 166.
 
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wiegeln, vb. , (sich) schwankend bewegen. die neben dem starken verbum ahd. wëgan, mhd. wëgen auftretenden schwachen verben, die sämtlich eine hin- und herbewegung bezeichnen, wechseln im stammvokal zwischen -a- und -i-,

[Bd. 29, Sp. 1525]


im konsonantismus zwischen -g- und intensivierendem -ck- (nd. -gg-) und in der ableitung zwischen einfacher schwachformiger bildung und der mit iterativ-diminutivem l-suffix. da ein verbum wigen fehlt (2wiegen ist mit diphthongischem -ie- zu wiege gebildet; vgl. aber lautspielendes wigen, wagen Gottfried v. Neifen 52, 13 H.-Schr.), ergeben sich neben wagen (s. d. I, teil 13, sp. 289) die reihen wacken, wageln, wackeln und wicken, wigeln, wickeln (s. teil 13, sp. 215, 377 und 209 sowie oben 3wickeln, wo auch das nur mundartl. vorkommende wicken erwähnt ist [dazu nl. wikken van Dale 72114a ]; vgl. noch nl. waggelen und wiggelen, engl. waggle und wiggle). offenbar gehen alle diese bildungen von wagen aus, die i-formen mit sekundärablaut, vgl. vokalspiele wie wigen, wagen (s. o.), wickeln und wackeln (s. 3wickeln) und wigelwageln 'hin- und herschaukeln' (im nd. verbreitet, vgl. wickelwackel sp. 855f. und wygelwageln Strodtmann Osnabr. 387; wiegelwageln Mensing schlesw.-holst. 5, 625; wig l wageln brem.-ndsächs. wb. 5, 251; Böning Oldenburg 132a; Schambach Göttingen 297 usw.; in Wien: wiglwgl 'zweifel, unentschlossenheit' Hügel 189; vgl. noch wiegelwagel als namen des pirols unter wiedewal). zu beachten ist aber, dasz wigeln sehr leicht an wiege und wiegen angelehnt oder ein wiegeln hierzu gebildet werden konnte. wie nl. wiegelen zweideutig ist (vgl. Franck-van Wijk etym. wb. d. nl. taal 792b nebst suppl. 194b), so ist auch für nhd. wiegeln nicht zu entscheiden, inwieweit es gedehntes -i- oder monophthongiertes -ie- enthält. mundartl. findet sich (mit -ī- aus -i-) weīgelen 'schaukeln' neben weigen 'wiegen, schaukeln', weige 'wiege' (-ei- aus -ie-) Bauer-Collitz Waldeck 112b, entsprechend weiγələn (diphthongiert) nebenγən, wēγə Martin Rhoden 283; der einzige mhd. beleg zeigt -ie- (wiegelônde, s. u. 1); dagegen steht -i- in keuuigilit (11. jh.) ahd. gl. 2, 409, 56 St.-S., das aber vielleicht gar nicht hierhergehört (es übersetzt instruit 'unterrichtet' Prudentius, passio Cypriani 106. der genauere sinn des deutschen wortes ist unklar).
1) allgemein 'schwankend bewegen' (intrans. u. trans.); swancken, wagen, waglen, wiglen vacillare, titubare, tremere v. d. Schueren Teuth. 388b; wiegeln in wiegende bewegung versetzen, wiegen Unger-Khull steir. 632b: wiegelônde gân Steinmar 11, 34 in: schweiz. minnesänger 184 Bartsch; (von vögeln, vgl. 2wiegen 5 c:) in ästen sich zu wiegeln qu. v. j. 1854 bei Sanders wb. 2, 507;

olls niegelts und wiegelts,
staudn, blüeml und bam
stöckan d' köpf zsamm und wispeln
Stelzhamer ausgew. dicht. (1884) 3, 142;

der wellen die des himmels bilder wiegeln
musik in mystisch feierlicher art
sich mächtig tönend mit den farben paart
wie sie beim sonnenuntergange spiegeln
Stefan George Baudelaire (1901) 28.


2) bei schweiz. autoren ein kind wiegeln: singend speiszt sie den säugling, wieglet ihn sanft, bis er wieder entschläft Pestalozzi s. w. 8 (1927) 185, 31; (seine frau) die in dunkler ecke ein kind wiegelt und ein anderes säugt J. Gotthelf ges. schr. (1855) 5, 93.
3) nur lexikalisch belegt sind die folgenden auffassungen: wiegeln stampen, stooten van een schip op zee Kramer-Moerbeek dt.-holländ. (1768) 420b; wiegeln vorn tiefer als hinten im wasser gehen Schrader dt.-frz. wb. 2, 1634; wiegeln etwas durch wiederholten druck aus seiner lage, besonders in die höhe bringen Krünitz öcon. encycl. 239 (1857) 24. vgl. noch mundartl. wiegeln mit angestrengter kraft arbeiten Müller-Fraureuth obersächs. 2, 665a.
 
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wiegeln, vb., gleichbedeutend mit aufwiegeln (s. d. teil 1, sp. 779), aber auch intransitiv, statt des nur transitiv verwendbaren kompositums. zum st. v. wëgan in der bedtg. 'permovere'; grundform *wigilon wie quitilon zu quedan? (das viel verbreitetere kompositum aufwiegeln 'aufhetzen' teil 1 sp. 779 erscheint im älternhd. auch oft [oder meist?] in der form aufwickeln, sp. 778). ich wiegle commotiones facio Steinbach dt. wb. (1734) 2, 1013; wiegeln im geheimen hetzen, eine sache nicht ruhen lassen Müller-

[Bd. 29, Sp. 1526]


Fraureuth obersächs. 2, 665a: wo jhr aber viel rahtschlagten zum feind zu ziehen, denn sol er (d. heerführer) etliche hauptleut zu gleichen fürnemmen wiglen, dasz sie jene vnterwegen erlegen Fronsperger kriegsb. 1 (1578) 178b; und wiegelte das gemeine volck wieder den raht, weszwegen er beim könige verklaget ward Curicke d. st. Dantzig hist. beschr. (1688) 260a; sie schürten und wiegelten denn auch dergestalt, dasz überall der aufruhr pochte Laube drei königsstädte (1875) 1, 217; tiefen abscheu vor jenen wiegelnden und wühlenden menschen, die eine gute polizei subversive elemente nennt Musil mann ohne eigenschaften (1956) 348. dazu auch wiegler, m.: neulich ist in Erfurt als wühler und wiegler Simoni verurteilt (1849) Jahn br. (1913) 556; wieglerisch, adj.: das demagogische gerede von wieglerischen elementen Musil a. a. o. 102. im älteren 19. jh. scheinen solche verwendungen beliebt gewesen zu sein, s. weiteres bei Sanders wb. 2, 1600b; erg.-wb. 636a; vgl. auch frühnhd. wegeler teil 13, sp. 3084. —
 
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wiegemesser, wiegenmesser, n., an den enden mit griffen versehene gebogene klinge oder doppelklinge zum zerkleinern von fleisch, küchenkräutern usw.; zu 2wiegen 9 d, gleichbed. mit wiege 3 c: wiegemesser Jacobsson technol. wb. 4 (1784) 646a; wiegenmesser Schrader dt.-frz. wb. 2 (1784) 1634; wiegenmesser Adelung vers. e. wb. 5 (1786) 218; wiegemesser ders., wb. 4 (1801) 1538; Campe 5, (1811) 713b: er nahm ein wurzelmesser und ein wiegemesser (zum kräuterschneiden) in die hand Jean Paul w. 27/29, 182 Hempel; wo der alte Peterka das vogelfutter mit dem wiegemesser klein machte Holtei erz. schr. (1861) 4, 10; die älteste wursthackmaschine (zeigt) die bewegungen des wiegemessers Bücher arbeit u. rhythmus (41899) 438.
 
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wiegen , st. vb. herkunft und form.
die jüngernhd. verben wiegen — wog — gewogen und wägen — wog — gewogen (selten wägte — gewägt) gehen gemeinsam zurück auf mhd. wëgen (wige — wac, wâgen — gewegen) 'bewegen', ahd. wëgan, got. gawigan, an. vëga, ags. wëgan, afrs. wëga, zur idg. wurzel *egh- 'bewegen' (näheres hierzu s. unter DWB wägen teil 13, sp. 422). beide nhd. wörter haben in der hauptsache nur noch die speziellen bedeutungen 'soundso schwer sein' (intrans.) und 'das gewicht eines gegenstandes (mit der waage) bestimmen', auch 'wertend schätzen' (trans.).
die heutige allgemeine verbreitung der (landschaftlich bereits mhd. auftretenden) ausgleichspräsentien auf -i(wiegen) und -e- (wägen) ist das ergebnis einer schriftsprachlichen entwicklung im 17. und 18. jh., die sich nur auf schmalen mundartlichen boden stützt. auch die formen wog und gewogen, die hier und da schon im 16. jh. begegnen, sind erst seit dem ausgehenden 17. jh. allgemeingültig geworden, ohne mundartlich überall aufnahme gefunden zu haben. während das part. prät. gewogen (seit dem 15. jh. vorkommend) sich direkt gegen das ursprüngliche gewegen (im 17. jh. versiegend) durchsetzt, geht dem prät. wog, wogen zunächst ein wug, wugen (mhd. -uo-) voraus, das seit dem 13. jh. im md. auftritt, seit dem ende des 15. jhs. gegen wag, wagen ins obd. vorrückt und im ausgehenden 16. und älteren 17. jh. herrschend ist (anstelle des unter wägen sp. 425 für das 17. jh. gebuchten prät. ihr waget Abr. a s. Clara Judas [1687] 1, 20 [druckfehler] steht in anderen ausgaben die sinngerechte konjunktivform ihr wöget [1686] 1, 34; [1702] 1, 22). — zu dem nachstehenden überblick über die wandlungen des flexionsschemas ist die ausführliche darstellung der geschichte der einzelformen unter wägen, teil 13, sp. 424 bis 427, stets mit heranzuziehen; vgl. auch H. Paul dt. gramm. 2, 230 f. und 233 (§ 168 nebst anm. 6).
im 16. jh. ist im obd. noch die intakte mhd. vokalreihe wegen, wige — wag, wagen — gewegen sprachüblich, vgl. z. b. bei Wickram: wegen (inf.) w. 2, 263 lit. ver.; wigt (3. sing. präs.) 5, 8; wag (3. sing. prät.) 8, 199; wagen (3. pl. prät.) 3, 177; (du hast) gewegen 4, 75; bei Hans Sachs: wigt (3. sing. präs.) w. 21, 42, 29 lit. ver.;

[Bd. 29, Sp. 1527]


wag (3. sing. prät.) 11, 54, 21; (er hat) gewegen 12, 133 (neben wag auch wg, wugent, s. u.); bei Fischart mit ausgleich des vokalwechsels im präsens: wiegen (inf.) 2, 373 Hauffen; wieget (3. sing. präs.) ebda; wag (3. sing. prät.) Garg. 218 ndr.; wagen (3. pl. prät.) ebda; (ab)gwägen binenkorb (1581) 177a (neben wag auch wog, s. u.).
daneben steht (vom md. auf das obd. übergreifend) die reihe wegen, wige — wug, wugen — gewegen, z. b. bei Aventin: wegen (3. pl. präs.) s. w. 4, 367, 32 bayer. akad.; wigt (3. sing. präs.) 4, 915, 20; wueg (3. sing. prät.) 4, 323, 19; wuegen (3. pl. prät.) 4, 49, 16; (hat) gewegen 4, 417, 7; bei Mathesius: wegen (inf.) Sarepta (1571) 166a; wigt (3. sing. präs.) 166b; wug (3. sing. prät.) 168a; wugen (3. pl. prät.) ebda; gewegen 166a (daneben gewogen 166b); bei Fronsperger: wegen (3. pl. präs.) kriegsbuch (1573) 1, 95a; wigt (3. sing. präs.) ebda; wug (3. sing. prät.) 3, 199a; dazu erwegen (part. prät.) 1, 95a.
die geltung dieser im allgemeinen vorherrschenden flexionsweisen wird jedoch durch häufige vokalische schwankungen beeinträchtigt. Luther gebraucht in der regel die reihe wegen, wige — wug, wugen — gewogen, z. b.: wegen (inf.) 1. chron. 23, 3; (3. plur.) ps. 62, 10; wieget (3. sing.) Jes. 40, 12; wigt (3. sing) w. 10, 1, 1, 531 W.; wug (3. sing.) 1. Mos. 23, 16; 2. Sam. 14, 26; tischr. 4, 702 W.; gewogen 2. Sam. 18, 12; Esra 8, 33; tischr. 5, 31 W.; daneben aber -i- für -e-: wiegen (inf.) w. 7, 682 W.; er ... wige (konj. präs.) w. 8, 305 W.; auch -e- für -i-: du wegest (indik. präs.) Sirach 28, 29; als konj. prät. findet sich wöge (3. sing.) Hiob 6, 2. — das part. gewogen tritt sonst im 16. jh. zunächst noch selten auf, zu den wenigen unter wägen sp. 425 angeführten beispielen vgl. noch Planitz berichte 36 Wülcker (1521) und Reutter v. Speir kriegsordn. (1595) 101; bei Mathesius wechselt -o- mit häufigerem -e- (s. o.). stärker machen sich die schwankungen im finiten prät. bemerkbar; so begegnet -u- neben -a- im Teuerdank: wug 85, 30; wag 7, 16 und bei Hans Sachs: wugent 7, 202, 6 lit. ver.; wag 11, 326, 13. -o- findet sich neben -a- in der Zimmer. chron.: wog 21, 191; wag 274 und bei Fischart: wog w. 1, 160 Hauffen; wag Garg. 335 ndr.; später dann -o- neben -u- bei Rollenhagen: wog froschm. (1621) O 3a; wug N 6b; bei Grimmelshausen: wog Simpl. 285 Scholte; wug (la. derselb. stelle) 1, 350, 8 Kurz; (dazu gewogen Simpl. 247 Sch.); bei Zesen: erwoog Ibrahim (1645) 1, 417; wug Simson (1679) 206.
im präsens tritt durchgeführtes -i- oder -e- neben dem ungleich häufigeren lautwechsel im 16. jh. nur wenig hervor. wi(e)gen findet sich seit dem 12. jh., zuerst im rheinfränk. und auch später namentlich im westmd., z. b. vielfach bei Diefenbach gl. s. v. appendere, compensare, equipensare, librare, pensare, ponderare, taxare, trutinare (vgl. DWB wägen sp. 424). ausgleichsformen auf -e- begegnen nur ganz sporadisch (s. ebda). im mittelfränk. (s. u.) beheimatetes weigen, z. t. mit sekundärablaut nach der i-reihe, s. unter DWB wägen II 4, sp. 426 (mhd. wigest, wiget scheint hier zu wîst, wît kontrahiert, das -î- auch in die übrigen präsensformen verschleppt und diphthongiert worden zu sein); vgl. noch weich (3. sing. prät. trans. u. intr.) Karlmeinet 447, 49 u. 51 Keller; hait zusammen gewiegen 27 loit silbers bei Heinzerling-Reuter Siegerl. 313; wygen (trans.), weych (prät. intr.) Chr. Wierstrait historij des beleegs von Nuys (1476) 482 u. 486 Meisen.
die frühnhd. verhältnisse in der präsensbildung sind, wie der folgende überblick zeigt, mundartlich bis in die neuere zeit bewahrt geblieben. im obd. und im nd. hat sich sehr weitgehend der alte lautwechsel erhalten (einzelne abweichungen s. u.), vgl.: wägen, wīg (-š, -t) Fischer schwäb. 6, 345; wäge, wig, wigsch, wīgt etc. Seiler Basel 308a; i wige, mr wäge Hunziker Aargau 285; ich wîk, mər wákə (Oberelsasz) Martin-Lienhart elsäss 2, 796; ich wig, wir wegen Schmeller-Fr. bayer. 2, 871. — im nd. ist in der 1. pers. sing. -e- eingetreten: ik weg, du wiggst etc. Mensing schlesw.-holst. 5, 571; wegen, wigt Richey id. Hamburg. (1743) 347; wäg,

[Bd. 29, Sp. 1528]


wiggst Danneil altmärk. 242b; wëje, wichst Damköhler Nordharz 224b; wëge, (wögst und) wegst, wegt (ë < ë, e < i) Schambach Göttingen 291a. — im westmd. herrscht in einem binnenstreifen, der vom moselfränk. zum hessischen zieht, die form weigen: waiə(n), weiən (nördl. u. östl. Lothr.) Follmann Lothr. 535; weien wb. d. luxemb. ma. 480; nösn. weigen, moselfrk. weiən Kisch vgl. wb. 244b; weijen Christa Trier 216b; weie Autenrieth pfälz. 150; weie Crecelius Oberhessen 914. nördlich hieran grenzt ripuarisches woge (zu wooch, wooge 'waage', s. DWB wagen, vb., III, teil 13, sp. 393): Wrede Köln 293b; Müller-Weitz Aachen 263; Müller-Schlosser Düsseldorf 269a. zwischen diesem westmd. -ei- und -o-gebiet und dem obd. und nd. geltungsbereich des e/i-präsens liegen beiderseits mundarten, in denen wiegen durchgeführt ist. der südliche streifen zeichnet sich im rhein-, süd- und ostfränkischen bis ins westerzgebirgische ab: wijə im nördlichsten Elsasz (damit identisch wēje im übrigen Unterelsasz) Martin-Lienhart 2, 804b; wijə(n), win im südl. Lothringen Follmann a. a. o.; wie Autenrieth a. a. o.; wiige Meisinger Rappenau 231; wiije Lenz Handschuhsheim 77b; wīche (wenn nicht swv.) Heilig Taubergrund 75; wiicən, wiing (westl. Erzgeb.) Müller-Fraureuth obersächs. 2, 665. im norden kommt -i- in südniederdeutschen und angrenzenden md. mundarten vor: wîgen Woeste-N. westfäl. 324; wijje Heinzerling-Reuter Siegerland 313b (in teilen des gebietes; daneben wēje, wie auch im köln. bei Wrede a. a. o.); weīgen Bauer-Collitz Waldeck 112b; wijən Hofmann Niederhess. 264; wiegen 'statt wägen' Grassow Kassel 87; wijen Lademann Teltow 281a; vgl. auch wiegeschale 'wageschale' Trachsel Berlin 64. — für die ostmd. mundarten mangelt es an ausreichenden buchungen; vgl. noch wê (part. prät. trans. gewêd, intrans. gewójen) Hertel Thür. 252; wään (östl. Erzgeb.) Müller-Fraureuth a. a. o.; namentlich fehlen angaben für Schlesien, das in der jüngeren schriftsprachlichen entwicklung zuerst mit trans. u. intr. durchgeführtem wiegen hervortritt (s. u.). ausgleichspräsens zugunsten von -ie- oder -ä- findet sich schlieszlich noch neben dem e/i-präsens vereinzelt im ober- und niederdeutschen, vgl. ich weg etc. Schmeller-Fr. a. a. o.; wäg, wäggst, wäggt Mi Mecklenb. 104; wëgen (trans.) neben wigen (intrans.) unter schriftsprachl. einflusz bei Fischer a. a. o.; vgl. ferner: 'wîgn und wègn werden beide für hd. wiegen und wägen verwendet' Lexer Kärnten 257; 'wiegen wird oft mit wägen verwechselt' Hupel Lief- u. Ehstl. (1795) 263. abweichende formen s. noch bei Grimme plattdt. maa. (1922) 92.
die entwicklung zu dem jüngernhd. nebeneinander von wägen und wiegen, z. t. mit differenzierung in transitiven und intransitiven gebrauch, ist also ein überwiegend schriftsprachlicher vorgang, der aber infolge der landschaftlichen gegensätze bis heute zu keinem ausgeglichenen ergebnis gekommen ist. die im 17. jh. sich vollziehenden wandlungen des flexionsschemas genauer zu verfolgen, lassen die spärlichen belege dieser zeit nicht zu. jedenfalls verbinden sich mit dem ausgleichspräsens wiegen (für das e-präsens fehlen ausreichende unterlagen) anfangs noch unterschiedliche präteritalformen, vgl. wigen (inf.), gewegen (part. prät.), dazu das nomen agentis wiger (Weinheim 1489) oberrhein. stadtrechte 1, 395; Fischart gebraucht wiegen — wag (wog) — gwägen (s. o.); der zweite Frankfurter druck (1580) von Aventins bair. chron. hat wiegen (inf., statt wegen) s. w. 4, 367, 32; gewogen (statt gewegen) 417, 7; vgl. auch bei Sebiz wigt (imperat. plur. neben koordiniertem nemet) feldbau (1580) 16; wiget (3. sing.) 134 und dazu selten bezeugtes gewagen 197 (vgl. DWB wägen sp. 426). — immerhin läszt sich vermuten, dasz später das part. prät. gewogen (wohl durch Luthers sprachgebrauch nachhaltiger gefördert, z. b.: man hat dich ... gewogen und zu leicht funden Daniel 5, 27) mit dem ausgleichspräsens wiegen in ein festeres verhältnis trat, und dasz diese verbindung es nahelegte, schlieszlich auch wug, wugen durch wog, wogen zu ersetzen, so dasz das

[Bd. 29, Sp. 1529]


zeitweilig irregulär gewordene verb an die ablautreihe fliegen — flog — geflogen angeglichen wurde (zeugnis für deren einflusz scheint auch die form weugt [3. sing. präs.] bei Garzoni schawplatz [Frankf. 1641] 656b zu sein; daneben wieget ebda). andererseits finden sich aber ähnliche umbildungen auch neben unverändertem e-präsens bei heben (hub — gehaben > hob — gehoben) und weben (wab — geweben > wob — gewoben), und ebenso stellen sich denn die präteritalformen mit -o- zu dem ausgleichspräsens wägen, das, wie weben, zugleich ein schwaches prät. und part. prät. ausbildet.
die belege des späteren 17. jhs. erwecken den anschein, dasz sich zunächst Schlesien und Obersachsen-Thüringen als zentren einer konsequenteren regelung gegenüberstehen, und zwar ersteres mit gänzlich durchgeführtem wiegen, letzteres mit differenzierung zwischen trans. wägen und intrans. wiegen. zwar findet sich bei Schlesiern des frühen und mittleren 17. jhs. noch wägen: es würde leichter wägen Gryphius t. ged. (1698) 2, 94; auch, der späteren schriftsprachlichen unterscheidung entgegengesetzt, intrans. wägen (3. plur.) neben trans. wiegen (inf.) Logau 665 und 323 lit. ver.; seit der zweiten hälfte des 17. jhs. hat sich hier aber offenbar wiegen gefestigt, so bei Lohenstein: wiegen (inf. trans.) Arminius (1689) 2, 1427a; wiegt (3. sing. trans.) türk. trauersp. 154 Just; wigt (3. sing. intr.) ebda 184; wiegen (3. pl. intr.) Arminius 1, 151b; soviel wiegendes silber 91b; bei Neukirch: wiegen (inf. trans.) ged. (1744) 669; 808; wiegt (3. sing. intr.) 149. auch wo allein die trans. verwendung bezeugt ist, wird nunmehr in der regel zugleich intrans. wiegen vorauszusetzen sein: wieg (imperat.) Abschatz poet. übers. u. ged. (1701) verm. ged. 152; so auch später: die börse wiegend Holtei erz. schr. (1861) 18, 186. dem schles. gebrauch scheinen auch die nördlich anschlieszenden randgebiete zu folgen: wieget (3. sing.) Knittel poet. sinnenfr. (1677) 120; Warnecke poet. vers. (1704) 133; wiegt (3. sing.) Z. Werner ged. (1789) 3; Gaudy s. w. (1844) 1, 125. für teile des westmd. darf wohl gleichfalls wiegen vorausgesetzt werden, doch mangelt es hier an belegen; vgl. aber oben und unter wägen, sp. 424, frühnhd. wiegen in Frankfurter drucken, ferner in Lehmanns floril. polit. (Frkf. 1662) intrans. wigt 1, 352; wiegen 3, 35 und trans. wiegt 1, 35; 2, 954. — die obersächs.-thür. unterscheidung zwischen intrans. wiegen und trans. wägen ist weniger gut zu belegen. Stieler exemplifiziert: das kalb wiegt dreyszig pfund und sich wägen lassen, wie schweer man sey stammb. (1691) 2521; dazu stimmt bei J. E. Schlegel: wägt (3. sing. trans.) w. (1761) 1, 394; 4, 86. bei Lessing: wägt (imperat. pl.) 1, 137 L.-M.; wägen (inf. trans.) 2, 247; wieget (3. sing. intrans.) 2, 444. bei Thümmel: wägen (inf. trans.) reise 8 (1803) 59. als 'sächsisch' bezeugt wird die genannte unterscheidung durch einen zeitgenössischen schwäbischen grammatiker: 'ist disz wort ein neutrum, und heiszt: auf der wage schwer sein, so conjugirt man es in Sachsen: ich wige, du wigst ... etc. heiszt es, auf der wage untersuchen, wie schwer etwas sei, und ist mithin ein activum, so conjugirt man es: ich wäge, du wägst ... die wahre und kurze lehre disz wortes ist die: wegen, es sei activum oder neutrum, wird nur ... abgewandelt: ich wege (nicht wige oder wiege), du wigst ... das sächsische wigen, oder gar wiegen, wie sie es schreiben, beleidigt unsre ohren, und ist uns obendrein unverständlich' Nast d. teütsche sprachforscher (1777) 1, 135 in: PBB 28, 381; vgl. auch als bair. zeugnis: 'ich wäge, du wiegst, er wiegt ... einige machen den unterschied, und sagen wägen sey das activum, wiegen aber das neutrum' H. Braun orthogr.-gramm. wb. (1793) 305b. diesen landschaftlichen verhältnissen entspricht öfteres schwanken zwischen trans. -ie- und -ä- bei gebürtigen Oberdeutschen, z. b. bei Schubart: (du) wägst s. ged. (1825) 2, 78; wiegt (3. sing.) ebda 1, 258; 2, 70. bei Rückert: wiegen (3. pl.) ges. poet. w. (1868) 1, 24 neben intrans. (!) wägt (3. sing.) 2, 168 und trans. schw. partiz. prät. gewägt 1, 121 (aber intrans. gewogen 3, 180). vgl. auch bei Wieland: zu

[Bd. 29, Sp. 1530]


boden wägen ges. schr. I 22, 413; II 4, 374 akad.; zu boden wiegt I 10, 1, 15; er wiegt I 13, 236. dasselbe begegnet, infolge ähnlicher voraussetzungen, bei norddeutschen autoren; bei Goekingk: wägt (3. sing.) ged. (1780) 1, 17; wiegt (3. sing.) 2, 211; selbst intrans. wägen (inf.) findet sich bei Möser patriot. phant. (1775) 1, 122 (dafür wiegen [1778] 1, 122); vgl. auch trans. du wiegest Brockes ird. vergnügen (1721) 1, 126 gegen wägt (3. sing.) Hagedorn s. poet. w. (1771) 2, 68. im übrigen wird von gebürtigen Niederdeutschen eher trans. wägen bevorzugt, vgl. bei Klopstock: wägt (3. sing.) w. (1798) 10, 106; dazu wog ebda; bei Kosegarten: wägst rhapsodieen (1790) 2, 7; bei Immermann: wägen (inf.) Münchh. 21, 141; bei Geibel: wägt (3. sing.) ges. w. (1883) 2, 238; wägend 4, 39; dazu wog 6, 10. indessen scheint bei den Schweizern des 18. jhs. wiegen durchgedrungen zu sein; zwar gebraucht Bodmer wegen (3. plur. intrans.) Noah (1752) 87; (inf. trans.) 89; dazu schwaches prät. sie wegte 305; doch findet sich trans. wiegen bei Haller: wieget ged. 16 Hirzel; wiegt 46; dazu gewogen 54; Zimmermann: wiegt einsamk. (1784) 2, 2; dazu wog 1, 59; Lavater: wigt br. an Philemon 1 (1785) 446; dazu wog physiogn. fragm. (1775) 1, 46 (vgl. aber: 'im schweizerischen schriftdeutsch ist der unterschied [zw. wiegen u. wägen] noch lebendig, und wer hier sagen wollte ich habe mich wiegen lassen würde ausgelacht werden' Blümner z. schweiz. schriftdeutsch [1892] 32). auch spätere Baiern haben trans. -ie-, vgl. wiegen (inf.) Rosegger schr. (1895) I 7, 10; selbst in der mundartdichtung: wiegen (inf.) K. Stieler ged. 3, 25.
diese landschaftlichen verhältnisse werden nun aber in der zeit der klassik und später von einer tendenz überlagert, in gehobener stilhaltung die differenzierung zwischen intrans. wiegen und trans. wägen durchzuführen. nach Adelung 5 (1786) 218 ist trans. (und intrans.) wiegen 'so wohl im gemeinen leben, als in der edlern schreibart üblich, wägen aber kommt nur in der letzteren vor'; wägen (wog, gewogen und 'zuweilen' wägte, gewägt) ist ebda 19 nur als trans. angeführt. hierzu stimmt Göthes wortgebrauch; er hat intrans. wiegt (3. sing.) gespr. (1889) 2, 290 Biederm.; dazu wog I 44, 32, 14 W.; gewogen IV 8, 88; trans. wägt (3. sing.) I 13, 1, 177, 22; dazu schwaches prät. (er) wägt' I 2, 188, 36; gewogen I 8, 271, 7; in umgangssprachl. ausdrucksweise jedoch auch trans. wiegt (3. sing.) I 47, 373, 17 (notiz); wiegen (inf.) I 31, 57, 22. (vgl. bei A. v. Humboldt: die wägbaren stoffe kosmos 5, 11, aber brieflich das wiegbare in: Lichtenberg nachlasz 180, 10 Leitzm.). trans. wägen neben intrans. wiegen ist ferner nachzuweisen bei Schiller: wiegt 2, 91 G.; wägt 3, 141; wägen 11, 332; dazu wog 13, 179; gewogen 12, 57; J. G. Forster: wiegen s. schr. (1843) 2, 217; wiegt 8, 82; dazu wog 2, 343; wägt w. 9, 55 akad.; dazu wägte ebda; Klinger: wiegt neues theater (1790) 1, 117; wägen w. 2 (1832) 346; dazu wog 3 (1815) 195; Grillparzer: wiegt s. w. 20, 26 Sauer; wäg (imperat.) 5, 46; dazu gewogen 1, 226; C. F. Meyer: wiegt br. 63 L.; wägen Engelb. (151907) 44. — intrans. undtrans. wiegen findet sich noch bei Lichtenberg: wiegt (intr.) (1784) br. 2, 160 L.-Sch.; wiegen (tr.) ebda 330; verm. schr. (1800) 5, 16; Mommsen: wiegt (intr.) röm. gesch. 1 (21856) 585; wiegen (tr.) 1, 190; A. v. Droste-Hülshoff: wiegt (intr.) ges. schr. (1878) 1, 204; wiegt (imp. plur. trans.) 2, 296. für die umgangssprache darf in jüngster zeit trans. und intrans. wiegen als sehr verbreitet angesehen werden, während wägen sich nur noch landschaftlich hält. bedeutung und gebrauch.
A. intransitiv 'soundso schwer sein, ein bestimmtes gewicht haben', wie wägen III 1, sp. 427; s. ebda die herleitung der bedeutung aus dem alten transitiven gebrauch von ahd. wëgan, mhd. wëgen für 'etwas bewegen, zu bewegen vermögen' (nämlich das gegengewicht auf der waage vermöge des eigenen gewichtes); die gewichtsangabe im akkusativ ist also ursprünglich echtes objekt.

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1) in realer verwendung: wundert euch viel meher der schwäntz an den scytischen schafen, welche meher als dreissig pfund wigen Fischart Garg. 228 ndr.; das schwerste musz am meisten wiegen Lehmann floril. polit. (1662) 3, 35; einen diamant ..., welcher roh dreytausend sechshundert pfefferkörner gewogen hätte Lohenstein Arminius (1689) 2, 412b; seine kleidung wiegt den drittel dessen, was sein gantzer cörper discourse d. mahlern (1721) 2, 175; erdbirnen ... da ein stück etliche pfund wiegt d. Leipziger avanturieur (1756) 2, 165; indem das gold neunzehnmal mehr als das wasser wiegt Hegel w. (1832) 7, 1, 192; sechzehn gefässe von gold, die 150 mark goldes wogen A. v. Arnim s. w. 5, 2 (1857) 41;

draus hab ich ein paar ochsen angebunden,
recht feist und dick, die wiegen ihren mann
Tieck schr. (1828) 1, 179;

ein pfund holz wiegt ja genau so viel wie ein pfund blei, allein ein kubikzoll blei wiegt über eilfmal mehr wie ein kubikzoll holz Liebig chem. br. (1844) 76; das mischverhältnis beträgt 900 teile silber und 100 teile kupfer, so dasz 90 mark in silbermünzen 1 pfund wiegen (1873) münzgesetz, art. 3, § 1, abs. 2;

am vierten tage endlich gar
der Kaspar wie ein fädchen war,
er wog vielleicht ein halbes loth,
und war am fünften tage todt
H. Hoffmann Struwwelpeter 17;

sie wiegen nur sechzig kilo, sagte er (der arzt), und das ist bei ihrer grösze zu wenig Renn adel im untergang (1947) 250.
dazu die seit dem frühnhd. geläufige, doch gegenwärtig wohl veraltende verbindung schwer wiegen 'schwer von gewicht sein' oder auch nur pleonastisch 'soundso schwer sein': welches rosz mehr silbers wehrt ist, dann es schwer wiegen mag buch d. liebe (1587) 22b;

ja wiegt der beutel nur fein schwer,
so wird der bräut'gam flugs erwehlet
J. Chr. Günther ged. (1735) 560;

und kehrt in einem augenblick
mit einer feisten gans zurück,
die schwerer als er selber wieget
Pfeffel poet. versuche 10 (1810) 130;

wie schwer ein einzelnes atom wiegt, sein absolutes gewicht, ist nicht bestimmbar Liebig chem. br. (1844) 61; das kindchen war bildhübsch ... es wog schon ganz schwer Kahlenberg Eva Sehring (1901) 71.
2) häufig metaphorisch, namentlich in der wendung schwer wiegen, aber auch in zahlreichen analogen verbindungen und in prägnanter verwendung.
a) schwer wiegen 'gewichtig, von groszer erheblichkeit sein, stark ins gewicht fallen' (vgl. schwerwichtig teil 9, sp. 2593, wofür heute gewöhnlich die zusammenrückung schwerwiegend gebraucht wird): ist einiges unglück unter der sonnen, dasz so schwer wieget als das meinige? Rist d. friedewünsch. Teutschland (1648) 130;

so steigt die schönheit der person
auf den erhabnen fürstenthron,
und pflegt bey adlichen noch halb so schwer zu wiegen
Stoppe Parnasz (1735) 14;

ich hab in gleicher wage recht gewogen
das leid, das unser krieg schafft, das wir dulden;
und was uns drückt, wiegt schwerer, als der fehl Shakespeare (1825) 1, 293 Tieck;

ein wort im streite musz so schwer nicht wiegen
Raupach dram. w. ernster gattung (1835) 8, 212;

diese diplomatischen siege ... wogen schwerer, als die militärischen erfolge Häusser dt. gesch. (1854) 2, 75; dies begriffen und, was schwerer wiegt, dies gethan zu haben, ist die ... unvergängliche ehre des römischen senats Mommsen röm. gesch. 1 (21856) 585; sagt eure meinung, ihr wiszt, dasz sie schwer bei mir wiegt W. Raabe s. w. I 4, 202; denke immer daran, dasz ein versäumnis im einzelnen jetzt nicht schwer wiegt H. Hesse glasperlenspiel

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(1943) 1, 316; das dingliche eigentum wiegt schwerer als das geistige, und die versündigung an ihm ist moralisch schwerer N. Hartmann ethik (21935) 549.
b) in entsprechender auffassung.
α) namentlich leicht wiegen (in realer anwendung literarisch nicht bezeugt, aber umgangssprachlich oder landschaftlich zweifellos geläufig):

o himmel, kann ich denn kein leichtes glück empfangen!
sprach der im suchen schon ganz miszvergnügte mann.
was aber klag ich doch! hier treff ich meines an.
es wieget leicht poesie d. Niedersachsen (1721) 2, 373 Weichmann;

dasz diese einwürfe ... nicht leicht wogen Mommsen röm. gesch. 2 (1865) 94; ein zerwürfnis zwischen dem vasallen und seinem herrn wiegt nicht leichter als eine tödliche sünde Reinh. Schneider Philipp II. (1931) 19; so leicht wiegt für sie ein menschenleben? L. Frank jünger Jesu (1956) 251.
β) so auch viel, mehr, wenig, nichts wiegen usw., desgleichen mit interrogativem was:

drauff bleibet zwischen ja vnd nein disz fräwlein stehen,
sie zweiffelt, ob sie sol zurücke wieder gehen,
die ehr vnd die gebühr allhier viel bey jhr wigt
Dietrich v. d. Werder hist. v. ras. Roland (1636) 2, 65;

hatte sie noch eine besondere ursache, es mit ihm zu halten; eine ursache, die darum nicht weniger wog, weil sie solche in petto behielt Wieland ges. schr. I 10, 193, 5 akad.; auf! sagt der hauptmann, was wiegt ein freund nicht Schiller 2, 91 G.; der eine satz, dass der mensch als solcher rechtssubjekt ist, wiegt mehr als alle triumphe der industrie Jhering geist d. röm. rechts (1852) 100; ein schwert wiegt viel in solchen zeiten W. Hauff s. w. (1890) 1, 61; was wog das wohlwollen des gesandten, da sein herr unerbittlich blieb? Treitschke dt. gesch. im 19. jh. (1897) 1, 352; herr Kortüm hätte nie gedacht, dasz die sachen in dieser welt fast nichts wiegen, aber die nebensachen astronomische gewichte haben Kluge Kortüm (1938) 99; ob mensch oder tier, der unterschied wog gering A. Zweig einsetzung e. königs (1950) 153. anders: meinst du denn, ich frage die leute, mit denen ich umgehe, wie ein Engländer: wie viel wiegst du? (wie hoch ist dein vermögen) W. Hauff s. w. (1850) 5, 99.
γ) öfters in mehr bildlicher ausdrucksweise:

der hunger, welcher pfündig wieget,
ist offtermahls damit vergnüget,
wenn er nur qventgen kriegen soll
Henrici ernst-, scherzh. u. sat. ged. (1727) 2, 342;

dasz monsieur bey den Deutschen zwey pfund weniger, als herr, und mamsell zwey pfund mehr wiegt, als jungfer! Hippel lebensläufe (1778) 1, 367;

auf! kronen wiegt des flüchtigen augenblicks
mannhafte wahl
Stägemann kriegsgesänge (1812) 9;

bretonisch wort wiegt gold, sagt das sprichwort H. Laube ges. schr. (1875) 4, 110; dies papier, mylords, wiegt eine gewonnene schlacht Brecht stücke 2 (1955) 50.
δ) mit wiegen (gewöhnlich: auch mit wiegen) 'gleichfalls von gewicht, von bedeutung sein': bei den weibern zählt einer wenigstens mit, wiegt er auch nicht mit. sie schätzen die courmacher nach der zahl, nicht nach dem gewichte Göthe gespr. (1889) 2, 290 Biederm.; ich und mein gefolg' — wir wiegen auch ja mit Fouqué altsächs. bildersaal (1818) 1, 340; in einer moralischen untersuchung über schuld und unschuld wiegt auch eine absicht mit A. Zweig einsetzung e. königs (1950) 431.
ε) prägnant wiegen 'gewicht und geltung haben':

ist der gesang ein feiges spiel geworden?
wiegt fürder nur der degen und die lanze?
Uhland ged. (1898) 1, 115;

der gebildetere stand, der, bei dem nationalgefühl, vaterlandsliebe und hoffnung wiegen Moltke ges. schr. u. denkw. (1892) 2, 138.

[Bd. 29, Sp. 1533]



c) dieselben oder ähnliche wendungen begegnen mitunter auch in abgewandelter auffassung (schwer wiegen ist hier gleichfalls am häufigsten).
α) von persönlichkeiten, auch leistungen o. ä., auf deren gewichtigkeit, bedeutung, inneren gehalt oder äuszere wertschätzung bezogen:

denn grosse leut die feylen auch,
nicht viel besonders wigen
Ringwaldt handbüchlin (1581) B 8a;

wer dir das sagte, wollte dich nur furchtsam machen. Aristides wiegt nicht schwer Fessler Aristides u. Themistokles (1792) 1, 138; es haben sich männer ihm angeschlossen, die nicht gering wiegen Fr. L. Jahn w. (1884) 1, 460; hofrat Küstner wiegt wohl nicht schwer. ein litterarischer petit-maître Grillparzer s. w. 20, 26 Sauer; minnesang und ritterschaft wiege nun weit unter dem pfennig Gervinus gesch. d. dt. dichtg. (1853) 2, 154; er (Michelangelo) erkannte die anderen unparteiisch an, aber auch sie sollten ihn nicht für leichter nehmen als er in der tat wog Herman Grimm Michelangelo (1890) 1, 223; hätte er nur eine geeignete anrede für diesen mann, der im rang nicht höher steht als er, gesellschaftlich aber und als person soviel mehr wiegt A. Zweig einsetzung e. königs (1950) 21.
β) etwa wie 'lasten' (bes. auf dem gemüte jmds): sie können nicht glauben, wie schwer meinem herzen dieses vermeynte opfer wiegt S. v. Laroche frl. v. Sternheim (1771) 2, 180; alles was noch in mir wog und zog, waren einige schwere gedanken ... über wichtige puncte des vergangenen so wohl als künftigen lebens Lichtenberg verm. schr. (1800) 5, 432;

dem wandrer wiegt
der wicht'ge schlaf
auf dem sonst leichten augenlied
Fouqué held d. nordens (1810) 2, 147;

eine verantwortung, die von hundert schultern getragen, dennoch für jeden einzelnen schwer genug wiegen muss Moltke ges. schr. u. denkw. (1892) 7, 134; wie schwer das rasche, incorrecte vorgehen meiner tochter ... auf meiner seele wiegt W. Raabe d. hungerpastor (1864) 3, 15.
B. transitiv 'das gewicht eines gegenstandes ermitteln'; sicherlich desselben ursprungs wie A, nur in reziproker auffassung, nämlich 'etwas (durch gegengewichte bekannter schwere) zur bewegung bringen'. vgl. DWB wägen III 2, sp. 430.
1) in realer verwendung.
a) den gebrauch der waage voraussetzend: sollen alle linwober ... haben ein rechte gewichte, damit sie dann den luten ire garn wiegen (Miltenberg 1379) oberrhein. stadtrechte 1, 314; rechenmeister sollen allen wesselern und wigern lassen verbieden, nymantisz silber, perlin oder golt zu wigen, sunder solichs sollen die wigen, die der rad darzu beschieden und daruber gesworn han (1444) Bücher Frankf. berufswb. 114a;

'so wiegets, dasz ich wisz den kauff.'
'nicht sag von wiegen', sprach der wirtt
Fischart w. 2, 373 Hauffen;

wie viel hat ein loth tabac rauch? die asche kanstu wiegen;
was dir mangelt, ist gewiss an dem rauche weg gestiegen
Logau s. sinnged. 323 lit. ver.;

wer oehle wieget, besalbet sich die finger Winckler 2000 gutte gedancken (1685) J 7a; unter währendem singen und tantzen liesz Meleager das schwein wiegen Lohenstein Arminius (1689) 2, 1427a; eine alte frau so gold wiegt Göthe I 47, 373 W.; wir erstaunen, metallische und erdige massen, welche der auszenwelt, den himmlischen räumen angehören, betasten, wiegen, chemisch zersetzen zu können A. v. Humboldt kosmos (1845) 3, 594. auch:

er (Newton) wiegt die innre kraft, die sich im körper regt,
den einen sinken macht und den im kreis bewegt (1729)
Haller ged. 46 Hirzel.

[Bd. 29, Sp. 1534]



dazu gegen etw. wiegen zu einem gegenstand einen anderen des gleichen gewichtes mit der waage ausmitteln: packt den Juden, wiegt ihn gegen ein schwein! A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1878) 2, 296 (wohl verbreiteter, vgl. DWB wägen III 2 b, sp. 432). — sich etwas klingend wiegen lassen (bildlich) 'es sich in barer münze bezahlen lassen' (auf den altertümlichen brauch, geldmengen nach gewicht zu bestimmen, anspielend, vgl. DWB wägen III 2 b, sp. 431 und klingen II 1 d, teil 5, sp. 1183): auch habe er sich die gebete um segen für die lebendigen ... klingend wiegen lassen Rosegger schr. (1895) I 7, 10.
b) vom abschätzen des gewichtes in der hand (vgl. DWB wägen III 2 c, sp. 432).
α) prägnant:

er wiegt und wählt aus einem haufen speere
sich den, der ihm die meiste schwere
zu haben scheint
Wieland ges. schr. I 13, 236 akad.;

wiegt einmahl, Wallrod, mein haar ist seit kurzem gewachsen und schwerer maler Müller w. (1811) 3, 141;

er wiegt den stock, und denkt bei sich:
ei lebt ich jetzt, euch wollte ich!
Gaudy s. w. (1844) 1, 125;

Rebekka ... fragte, die börse wiegend, ist das für dich, Oswald? Holtei erz. schr. (1861) 18, 186.
β) gebräuchlich ist in (mit) der hand wiegen: holdselig lächeltest du, als ich deine langen glänzenden haare bewundernd ... in meinen händen wog maler Müller w. (1811) 1, 90; sie ... wog es (ein paket) in der hand und glaubte ein gewaltiges messer gefunden zu haben Holtei erz. schr. (1861) 3, 150; wog er den vogel mit freier hand und nannte die zahl der pfunde, auf die er ihn schätzte Ganghofer schlosz Hubertus (1917) 469; manche mahlen das korn der vergangenheit und wiegen das mehl in ihrer hand E. Wiechert missa sine nomine (1950) 145.
γ) hierbei kann sich leicht die schwache flexion einstellen, wenn die redensart auf den bewegungsvorgang bezogen und daher als anwendung von 2wiegen (denominativ zu wiege 'cuna') aufgefaszt wird (s. d. und vgl. weitere bedeutungsmischungen unter 2 b): als herr Ehrenthal das document nachlässig in der hand wiegte G. Freytag ges. w. 4 (1887) 49; er wiegte die tatzen des toten (bären) prüfend im arm; juhuhu, das wird ein festschmaus Scheffel ges. w. (1907) 2, 159.
2) übertragener gebrauch (a, b) und abweichende verwendungen (c, d).
a) 'wertend abschätzen', seit alters geläufig (gern auch unter dem konkreten bilde der waage), jedoch wird in modernerer sprache hierfür wägen bevorzugt (s. d. III 2 d, insbes. ε, und vgl. DWB erwägen, das jüngernhd. keine bildung mit -ie- neben sich hat):

wer kan nach rehte daz gewigen Elisabeth 8378 lit. ver.;

drumb lasset dem Luther tzu, das er der concilien gesetz wige nach dem euangelio Luther 8, 305 W.; also wurden auch die tapfersten überstimmet, wie es insgemein zu geschehen pfleget, wo die meynungen gezehlet, nicht gewogen werden Lohenstein Arminius (1689) 1, 59b;

er (der nachruhm) wieget nicht den werth der dinge,
genug, dasz ein verrath gelinge,
sein meister wird unsterblich sein
Haller ged. 16 Hirzel;

er (d. geschmack) lehret einen geist, was schön ist, schnell empfinden,
...
er giebt ihm ein gesetz, nach dem er alles wiegt,
und niemals in der wahl des schönen sich betriegt
Giseke poet. w. (1767) 62 Gärtner;

habe ich ... das ... gute oder böse talent, mit dunckelem gefühl ihren (einer satire) gehalt fast etwas triebmäszig wiegen zu können (1788) Lichtenberg br. (1901) 2,

[Bd. 29, Sp. 1535]


330; man musz sie (die menschen) nur mit dem krämergewicht, keineswegs mit der goldwage wiegen Göthe I 31, 57 W.; je sorgfältiger man dieses alles untersuchet und wiegt, desto eher erhellet das wahrhaftig gute der einsamkeit Zimmermann über d. einsamkeit (1784) 2, 2; er (Scipio) wog Roms schicksale im stillen ebda 1, 59;

wer legt den jammer meiner tage,
wer meine leiden, meine qual,
wer leget sie auf eine wage,
und wiegt die felsenlast einmal?
Schubart sämmtl. ged. (1825) 1, 258;

ich trieb privatpatriotismus und gab eine zeitschrift heraus: die wage. ach himmel! an gewichten fehlte es mir nicht, aber ich hatte nichts zu wiegen Börne ges. schr. (1829) 1, ix.
α) speziell worte wiegen (vgl. DWB wägen III 2 d ζ): der die wahrheit der worte wiegen konnte, fühlt jetzt blosz ihre glätte Lichtenberg verm. schr. (1800) 5, 16; alle seine thaten und worte wigt er (der christ) vor dem auge des allgegenwärtigen und allerheiligsten Lavater brief an Philemon (1785) 1, 446; wer kann jedes wort wiegen? Kotzebue sämmtl. dram. w. (1827) 1, 209.
β) in opposition mit wagen, wofür heute wägen und wagen gebräuchlich ist (in den beiden ersten belegen liegt noch der reguläre imperativ zum e/i-präsens wegen vor): nit wigs, wags S. Franck sprüchw. (1545) 1, 22b; ehe wigs, dann wags sprichw., schöne weise klugreden (1548) 42a; wagen thuts offt besser als wiegen Lehmann floril. polit. (1662) 2, 875;

gut ding musz haben gute weil,
ehe wiegs, dann wags, so triffst das ziel
Agyrta grillenvertreiber (1670) 20;

bedenklichkeit und ängstlichkeit, die vor lauter wiegen und wägen nicht zum wagen und handeln kommt realencycl. f. protest. theologie 312, 529, 58.
γ) in der koppelung wägen und wiegen: im wägen und wiegen und abschätzen der sünden Fischart binenkorb (1581) 105b;

o herz, was hilft dein wiegen und dein wägen
Mörike ges. schr. 1, 139 Göschen.


b) verschiedene anwendungen gehen von der vorstellung der ausgewogenheit oder des pendelnden gleichgewichtes aus. im letzteren falle liegen übergänge zum sinn des schwachen verbums 2wiegen nahe (s. u.α u. γ). im übrigen kann hier neben der transitiven auffassung auch die intransitive eintreten.singulär begegnet noch (an den begriff der quantitierenden metrik angelehnt):

so lang ich meinen vers nach gleicher art gewogen,
(sc. dem niederen geschmack folgend)
...
so war auch ich ein mann von hohen dichtergaben
Neukirch ged. (1744) 143.


α) auf sehr unterschiedliche zusammenhänge beziehen sich formulierungen wie etwas gleich wiegen, gleich gewogen sein u. ä.:

unz er (Pilatus) dar was gestigen (sc. dem range nach),
dâ erz glîch begunde wigen
mit herren Paynô Pilatus 466 Weinhold (z. f. d. phil. 8, 284);

die streitkräfte waren einigermaszen gleich gewogen Mommsen röm. gesch. 2 (1889) 231. mit der bedeutung des schwachen verbs verflieszend: (A.:) lassen wir ... einen geraden körper, ... ein lineal schweben, was suchen wir in ihm? (C.:) seinen schwerpunkt ...; ist der körper regelmäszig ..., so finden wir den schwerpunkt in seiner mitte; zu beiden seiten wiegen sich seine beiden arme gleichförmig Herder 22, 47 S.;

wiege zwischen kälte
und überspannung dich im gleichgewicht
Göthe I 16, 266 W.


β) gegeneinander wiegen 'miteinander auswiegen, ausgewogen sein', von den teilen eines ganzen; ähnlich auch in prägnantem partizipialen gebrauch: darum hat er (der

[Bd. 29, Sp. 1536]


mensch) diese, nicht mehr und nicht andre sinne — alles wiegt gegen einander! ist ausgespart und ersetzt! mit absicht angelegt und vertheilt Herder 5, 69 S.; wie helle er (Shakespeare) in die seele gesehen, und seelen gemahlt! umstände und gegenumstände zusammen und gegeneinander gewogen, dasz der getäuschte leser gleichsam das gesetz der fatalität empfindet ebda 242; weil in ihm (dem Straszburger münster) so vieler menschen werk so einträchtig und geschlossen und gewogen auf festem grunde steht (1822) Görres ges. br. (1858) 3, 36.
γ) die verbindung hin und her wiegen neigt in der auffassung mehr zum schwachen verbum 2wiegen (s. d. 7); hier sind nur die verwendungen im sinne von 'erwägen, abwägen' (bedächtig oder unentschlossen) anzuführen (vgl. a):

edel-ernst, ein halbthier liegend,
im beschauen, im besinnen,
hin und her im geiste wiegend,
denkt er (der zentaur) groszes zu gewinnen
Göthe I 3, 124 W.;

die redaction und anordnung ihrer aufsätze macht mir täglich mehr vergnügen, ich wiege sie hin und her, lasse sie schreiben und abschreiben, es wird ein liebenswürdiges ganze ders. IV 32, 74 W.; das unentschiedene wiegen der dinge hin und her, die gleichgültigkeit führt nothwendig zu einer zweifelsucht und unthätigkeit Gervinus gesch. d. dt. dichtung (1853) 5, 165.
c) nur ganz selten ist die unter wägen III 3 e angeführte bedeutung 'mit hebelkraft behandeln' auf wiegen übergegangen; sie musz wohl etwas weiter gefaszt werden, etwa 'einen unwiderstehlichen druck oder zug ausüben, wuchten' u. dgl.; hierher gehören:

(der esel des ziegelstreichers klagt:)
die stein mich wiegen vmb vnd vmb,
die ich auff meinem rücken trag
Burkard Waldis Esopus 1, 116 Kurz;

jetzo mit der kraft des stranges
wiegt die glock mir aus der gruft
Schiller 11, 319 G.

Wieland hat neben zu boden wägen (ges. schr. I 22, 413; II 4, 374 akad.), vielleicht auf schwäbischem lautwechsel beruhend, auch: (dasz der verfasser) einem gewährmanne gefolget ist, dessen ansehen alle Aeliane und Athenäen zu boden wiegt (1776) I 10, 1, 15. (vgl. hierzu noch: een mugghe steket my een doetwonde, een kleyne plumeken mach my neder wegen Joh. Veghe wyngaerden der sele 243 Radem.).
d) vereinzelt findet sich auch wiegen 'foltern', wie wägen III 3 f (s. d. und vgl. DWB wiege 3 a β für ein folterinstrument, statt wage): glich als ob man ein wygt, vntz das er sagen müs was man will (glosse) Terenz (1499) 69a (als ob er in an die wag füren wolte, die warheit vsz ym z bringen ebda).
 
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wiegen, sw. vb. , 'cunare, ein kind wiegen; (sich) schwankend bewegen'. denominativum zu wiege 'cuna', mnl. wiegen, mnd. wêgen (dazu upweighen, s. u. 8), frühnhd. wiegen (zum mhd. s. u.). das wort ist seit dem ende des 15. jhs. ohne erkennbare landschaftliche begrenzung allgemein verbreitet, vgl. lüb. chron. 2, 426 Grautoff; Luther 10, 1, 1, 568 W. und oft; Paracelsus opera (1616) 1, 600B; Eberlin v. Günzburg 3, 197 ndr.; Hans Sachs 11, 167 lit. ver.; Wickram 3, 136 lit. ver.; Kirchhof wendunmuth 3, 132 lit. ver.; Fischart Garg. 108 ndr. die bedeutung ist in dieser zeit stets 'ein kind in der wiege wiegen' (weigen mit den armen Pauli Keisersbergs narrenschiff [1520] 36b gehört zu den ei-formen des starken verbums, s. wägen teil 13, sp. 426 und 1wiegen sp. 1527); die sekundäre bedeutung '(sich) schwankend bewegen' ist erst seit dem 17. jh. zu belegen (s. u. 4—7). ob in der folgenden mhd. stelle (um 1300) schon das denominativum vorliegt, ist unsicher; es kann sich um ein vokalspiel handeln, wie in wigen, wagen bei Gottfried von Neifen 52, 13 H.-Schr. (näheres hierzu s. o. unter wiegeln; vgl. auch unten wegen und wigen Ephes. 4, 14):

[Bd. 29, Sp. 1537]


du solt es heben und legen,
samft wiegen unde wegen.
sing: ninna, ninna, wægelin der sœlden hort 1604 Adrian.

sicherlich auszer zusammenhang mit frühnhd. wiegen 'cunare' steht:

siben stein sint si wider legende
gen der planeten loufes wider krigen,
die wak und erd als swebende hant, daz si nach firmamente niht enwiegen ('sich bewegen', zum st. vb.)
Albrecht v. Scharfenberg jüng. Titurel 291, 4 Wolf.

im mhd. wird vielmehr für 'cunare' wagen gebraucht, s. d. II, teil 13, sp. 393, auch neben wiege, s. ebda passional 214, 20 Köpke und Th. Platter 35 Boos. andererseits findet sich frühnhd. wiegen neben wage 'cuna' (s. Diefenbach unter 1 a). jedoch haben sich wiege und wiegen in der älternhd. schriftsprache bald allgemein durchgesetzt. in den mundarten stimmt wiegen nach form und verbreitung mit wiege (s. d.) überein.
vereinzelt begegnen formen des starken verbums; wohl durch reimzwang (vgl. aber weigen — gewiegen unter wägen, teil 13, sp. 426 und 1wiegen sp. 1527):

ich bin zuvor auch schon mit dieser wieg gewigen,
es halten nicht den stich die unverschemten lügen Reinicke fuchs (1650) 284;

ferner auf grund von bedeutungsmischung: (sie) wogen sich leicht auf der schärfe des stahls (sc. der schlittschuhe) Klopstock oden (1889) 1, 217 (s. u. 6 c und wägen III 3 a); mit welchem anstand sie sich in den hüften wog Lichtenberg verm. schr. (1800) 3, 350 (s. u. 6 f und wägen III 3 a).
nicht zum swv. wiegen (obwohl den späteren verwendungen unter 4 c und 5 ähnlich) gehört die in der älteren theol. literatur vielfältig zitierte übersetzung der bibelstelle Ephes. 4, 14: auff das wir nicht mehr kinder seien, vnd vns wegen vnd wigen lassen von allerley wind der lere (κλυδωνιζόμενοι καὶ περιφερόμενοι) Luther bibel 7, 119 Bindseil; wägen und wiegen tischr. 6, 338, 72 W. es handelt sich hier um ein lautspiel (s. o.) der beiden bei Luther möglichen infinitivformen des stv. wegen 'bewegen' (s. 1wiegen), vgl.: last euch keynen andern wind der lere bewegen 12, 149, 27 W. spätere zitate in der form wegen (-ä-) und wiegen: kirchenordn. f. Braunschw. (1569) 16; F. Wagner evangel. censur (1640) 7; Dannhawer catech.-milch (1657) 1, 8; Miller pred. f. landvolk (1776) 3, 134. in freierer aufnahme u. a.:

ob schon dein schmertz vnd eigen hertz
dich anders wollen wiegen,
kehr dich nicht dran
Ringwaldt handbüchlin (1586) C 12b.


das ursprünglich transitive wiegen wird in übertragenen anwendungen vielfach auch reflexiv gebraucht (z. b. sich in träumen, in hoffnungen, in sicherheit wiegen, s. u. 3 c—e); in den verwendungen für '(sich) schwankend bewegen' wechselt die transitive mit der reflexiven und intransitiven fassung bei verschiedenster rollenverteilung der substantivischen satzglieder (s. namentlich 4 und 5).
1) ein kind durch sanftes schaukeln (der wiege) beruhigen oder einschläfern.
a) 'cunare, ein kind in der wiege wiegen' (auch eine wiege wiegen kommt vor, s. u. Herder); incunis an wage do man kinde in wyeget (15. jh., md.) Diefenbach gl. 293b; wiegen, die wiege bewegen bercer Hulsius-Ravellus t.-frz.-it. (1616) 413b; das kind wiegen cunare un bambino Kramer t.-ital. 2 (1702) 1347a: darna nicht langhe ... starff Maumetes de Turke, keyser van lutken Asyen unde Greken ...; he was eyn grymmich louwe unde en strytbaer vorste, men nu weget he deme duvel syne kyndere (ende d. 15. jhs.) Lüb. chron. 2, 426 Grautoff; rumpfft sie die nassen und spricht: ach, solt ich das kind wiegen, die windell wasschen (1522) Luther 10, 2, 295 W.; so das kind geseugt ist vnd man es schlaffen legt, so sol man es gemechlich wiegen Ruoff hebammenb. (1580) 218; denn der augenschein gab es fast, als ob sie in

[Bd. 29, Sp. 1538]


kurtzen was solte zu wiegen bekommen R. v. Dreskau legation (1638) J 2a;

klapperstorch, langbein,
bring meiner mutter ein kind heim,
leg es in garten,
ich wil es fein warten.
leg es auf die stiegen,
ich wil es fein wiegen
J. Prätorius winterfl. d. sommervögel (1678) 225;

der himmel segne sie (d. ehepaar) mit ehre, gut, vergnügen,
und dasz sie übers jahr ein schönes kindchen wiegen poesie d. Niedersachsen (1721) 1, 186 Weichmann;

eine leere wiege zu wiegen, hält der landmann für unglückbringend Herder 23, 93 S.;

mutter, mutter! meine puppe
hab ich in den schlaf gewiegt
Chamisso w. (1836) 3, 32;

hatte ihn nicht auch einstmals eine mutter gewiegt? Cl. Viebig d. schlaf. heer (1904) 2, 250.
b) auf den knien, auf dem schosze, in den armen wiegen:

der herr der menschen und der götter
...
wiegt, alles wohlstands unbewuszt,
den pagen auf dem knie
Ramler fabellese (1783) 3, 249;

dreyen söhnen gaben wir bräute, wir wiegeten fröhlich
ihr aufblühend geschlecht auf dem verjüng ten schoos
Herder 26, 41 S.;

selig, welchen die götter, die gnädigen vor der geburt schon
liebten, welchen als kind Venus im arme gewiegt
Schiller 11, 269 G.;

der mann, der sie so oft auf seinem schoose wiegte Pfeffel pros. vers. (1810) 6, 3; gern wiegte er das kind in seinen armen, wenn er vom morden ausruhte Kürnberger nov. 3 (1862) 110;

denk nicht an den alten Douglasneid,
der trotzig dich bekriegt,
denk lieber an deine kinderzeit,
wo ich dich auf den knien gewiegt
Fontane ges. w. I 1, 82 jub.-ausg.;

und ihr kennt mich o vater! ihr habt mich ja uff a knieen gewiegt Gerhart Hauptmann Rose Bernd (1904) 149.
2) in einigen mehr gelegentlichen bildlichen auffassungen.
a)

der himmel wiege dich mit seiner seegenshand (1714)
J. Chr. Günther s. w. 5, 48 Krämer;

wer dem herrn am herzen lieget,
wird nicht allezeit gewieget
Zinzendorf teutsche ged. (1766) 168;

sanft wiegte dich bis heute dein geschick
Schiller 12, 239 G.;

ihr herz, ihr charakter, verdienten es, weich gebettet und gewiegt zu werden; allein das schicksal hat seinen eigenen willen (1864/5) W. Raabe s. w. I 6, 6.
b)

meine phantasie
hier auf den wipfeln dieser bäume
grosz zu wiegen
Schubart s. ged. (1825) 2, 17;

das sind die länder, wo es (das lehnswesen) gross gewiegt worden E. M. Arndt s. w. (1892) 1, 249.
c)

der abend wiegte schon die erde
Göthe I 1, 68 W.;

der magische abend ... nahm endlich alle wesen auf seinen wiegenden schooss Jean Paul w. 1, 340 Hempel.
3) sehr verbreitet ist ein übertragener gebrauch des typus in den schlaf, in träume wiegen oder sich in träumen, in hoffnungen wiegen.
a) vorweggenommen sei eine abweichende verwendungsart, bei der eine gemütsregung als subjekt steht; nur vereinzelt in frühen belegen: wen blinder eifer wiegt, dem traumet von unglücke A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 2, 555:

[Bd. 29, Sp. 1539]


du weiszt, dasz menschen sich nicht recht entmenschen können,
und die begierde sie als alte kinder wiegt Hoffmannswaldau u. a. Deutschen ged. (1697) 1, 3;

den beklommnen mutterbusen wiegen
liebe und — verrätherey
Schiller 1, 228 G.


b) in den schlaf, zur ruhe wiegen; anfangs öfters in bildlichen auffassungen: vnterdessen wiegten die ausz der schantz manchen Spanier in den ewigen schlaff Zinkgref-Weidner teutscher nation weish. 3 (1653) 50;

Chach ward nach langem wüten
durch Meurabs steten dienst so in den schlaff gewiegt,
dass der betrübte mann platz sich zu rächen kriegt (1657)
Gryphius trauersp. 167 lit. ver.

sonst 'einschläfern' im gewöhnlichen sinne. als subjekt stehen meist bezeichnungen beruhigender geräusche u. a. sinnlicher erscheinungen:

wo grüne dunkelheit uns in den schlummer wiegt
Bodmer vier krit. ged. 68 ndr.;

bis der zauber der musik herrn Western in einen süssen schlummer wiegte Bode Thomas Jones (1786) 2, 58; mich wiegten sanfte winde zur ruhe maler Müller w. (1811) 1, 95;

lispelt leise süssen frieden,
wiegt das herz in kindesruh;
und den augen dieses müden
schliesst des tages pforte zu
Göthe I 15, 1, 4 W.;

die ... übermäszige hitze, das schaukeln der sitzfedern vereinigten sich ..., um mich in holdseligen schlaf zu wiegen Gaudy s. w. (1844) 2, 55; die ferne musik und das eintönige rasseln des regens wiegte ihn in festen schlummer Grässe sagenb. d. pr. staates 1, 295. gebräuchlich sind auch anwendungen wie die folgenden: (nachrichten, die) alle deine zärtlichen sorgen in sanfte ruhe wiegen werden Wieland I 3, 27 akad.; ihr gewissen in schlaf zu wiegen Hegel w. (1832) 18, 192.
selten ist hier, im gegensatz zu c und d, reflexiver gebrauch und in mit dativ: Lisette wiegte sich in süszer morgenruh Zachariä poet. schr. (1763) 2, 8; ein stilles, schon in nächtlicher ruhe sich wiegendes dorf Gutzkow zauberer v. Rom (1858) 1, 77.
c) (sich) in träume wiegen 'in träumereien', seltener soviel wie 'in schlummer':

und nun die grimme noth
uns mit entblösztem schwerdt schon anlaufft zu bekriegen,
sind wir bedacht, in traum mit worten sie zu wiegen
Gryphius trauersp. 28 lit. ver.;

die grüne nacht belaubter bäume
lockt uns in anmuthsvolle träume,
worein der geist sich selber wiegt
Haller ged. 81 Hirzel;

wann erst die mitternacht um den tyrannen liegt
und seinen müden geist in süsze träume wiegt,
ja dann soll unser schwerdt im finstern gehn
Göthe I 37, 49 W.;

alle meine empfindungen, frohe und traurige, wiegen mich in einen traum Tieck schr. (1828) 6, 61; den ersten schlaf durchbrach ein gewitter; bald aber wiegte der nachhallende donner den geist in träume zurück Carossa winterl. Rom (1947) 9.
ziemlich gebräuchlich auch in der präpositionalen verbindung mit dativ sich in träumen wiegen 'sich angenehmen vorstellungen hingeben', auch 'selig schlummern'; daneben mitunter transitiv; älter öfters mit träumen: du (gott) wirst mich wohl in süssen träumen wiegen Schmolck sämtl. trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 1162;

wie weit sein hochmuth flieget,
und wie er selber sich mit seinen träumen wieget
Neukirch ged. (1744) 169;

so waren jene träume,
womit man meine kindheit wiegte, doch —
doch mehr als träume
Lessing 3, 177 L.-M.;

[Bd. 29, Sp. 1540]



wenn du in träumen
die nächte dich wiegtest
Göthe I 11, 202 W.;

menschen, ... welche sich mit bunten träumen einer närrischen zukunft wiegen E. M. Arndt schr. (1845) 3, 209; die anderen wiegten sich in alten ghibellinischen träumen Treitschke hist. u. polit. aufs. (1886) 1, 410.
d) vom vorigen aus mit den verschiedensten beziehungswörtern, die angenehme oder beruhigende vorstellungen bezeichnen; hier überwiegt der dativ des präp. objekts bei meist reflexiver fassung des verbs (häufig besonders sich in [mit] hoffnungen wiegen):

sein irrthum wieget ihn in diesem sichern hoffen,
dass immer sein entschluss das rechte ziel getroffen
Hagedorn vers. einiger ged. 57 ndr.;

Säugling wiegte sich mit dem gedanken, vor der gräfinn ... mit seinen gedichten zu glänzen Nicolai Seb. Nothanker (1773) 2, 160; wiegte sich mein herz mit glänzenden hoffnungen für deine ... glückseligkeit (1785) Schiller br. 1, 268 Jonas; und mich wiegst du indess in abgeschmackten zerstreuungen Göthe I 14, 225 W.;

heut abend wieg ich mich im grundbesitz!
Göthe I 15, 1, 67 W.;

mich wiegend in süszen hoffnungen und träumen E. T. A. Hoffmann s. w. 4, 20 Gr.; das behagen, mit dem er sich in dem gedanken: ich hab auch verstand! förmlich wiegt O. Jahn Mozart (1856) 3, 112; als ... Karl von Burgund sich in abenteuerlichen plänen wiegte Burckhardt kultur d. renaiss. (1948) 49; ich miszfiel der fürstin nicht und wiegte mich bereits in süszen hoffnungen M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 4, 233; in unseren tagen wiegen sich die privilegirten stände in seligen erinnerungen Steub drei sommer in Tirol (1895) 2, 103; der mitwisser (der geschäftsgeheimnisse) konnte sich deshalb in dem glauben wiegen, Pascarella erkenne in ihm eine art stillen gesellschafters an Werfel geschw. v. Neapel (1931) 317. ungewöhnlich:

erst sich in geheimnisz wiegen
dann verplaudern früh und spat
Göthe I 6, 219 W.;

und wiegst dein herz in bitterm weh
Brentano ges. schr. (1852) 2, 270.


der akkusativ tritt, namentlich in jüngster sprache, weit zurück:

das menschliche gemüth in neue lust zu wiegen
Bodmer vier krit. ged. 9 ndr.;

er liebte eine music, welche die leidenschaften besänftigte und die seele in ein angenehmes staunen wiegte Wieland Agathon (1766) 2, 52; das heitere schauspiel des herrlichen abends wiegte ihn in sanfte phantasien Novalis schr. 4, 104 Minor; sylbenmasse, ... deren blosser sylbenfall noch jetzt das ohr in einen unnachahmlichen zauber wiegt W. v. Humboldt ges. schr. 5, 120 akad.; jeder schmerz hat seinen schlummer, der ihn in vergessenheit wiegt Börne ges. schr. (1829) 4, 65.
e) noch hervorzuheben ist die in neuester zeit häufige wendung sich (jmdn) in sicherheit (meist dat.) wiegen: er solle sich ja nicht in falsche sicherheit wiegen lassen H. Laube ges. schr. (1875) 15, 52; sie waren obenauf gewesen und hatten sich in sicherheit gewiegt H. Mann d. untertan (1949) 495; sie wiegte sich nun in tiefer sicherheit Werfel geschw. v. Neapel (1931) 140; aber jetzt erkannte Nero selber, der sonst in der glücklichen sicherheit des verrückten sich wiegende, dass es aus war Feuchtwanger d. falsche Nero (1947) 341.
4) wiegen von der beim fahren und reiten entstehenden bewegung, ferner vom wogen des wassers und vom schwanken der wasserfahrzeuge, vgl. in einer kutsche oder schiff gewiegt werden Kramer t.-ital. 2 (1702) 1347a.
a)

wan sonn sich wider bieget,
vnd auff gesenckter niderkehr
den matten wagen wieget
Spee trutznachtigall 191 ndr.;

[Bd. 29, Sp. 1541]


man durfte kaum die trense rücken,
so sahst du es (das pferd), von freyen stücken,
den schönsten antritt wiegend gehn
Schwabe belust. (1741) 2, 476;

der flüchtige Pegasus wiegte sie, ohne zu straucheln, auf seinem sanften rücken hinab ins maienthal Musäus volksmärchen 1, 18 Hempel;

in eines streithengsts bügeln möcht
ich wiegen mich zur schlacht
Herwegh ged. e. lebendigen (1841) 114;

wir kamen unter wiegen und ächzen unseres wägleins immer tiefer und tiefer Stifter s. w. 8, 1 (1920) 23; weinte er in die struppige mähne des tieres, das sanft sich wiegend unter ihm dahinging Will Vesper d. harte geschlecht (o. j.) 96. hier am ehesten läszt sich anschlieszen: stolz und herrlich trat er (Fiesko) daher, nicht anders, als wenn das durchlauchtige Genua auf seinen jungen schultern sich wiegte Schiller 3, 11 G.
b) nicht oft: vermutlich ist, dass das meer von einem strand sich zu dem andern, wiewol weitentfernet, gegen über waltze und wiege Harsdörffer frauenz.-gesprächsp. (1641) 8, 501; wenn die rollenden wellen in dem glanze der abendsonne wiegen Klinger w. (1809) 1, 309;

wo zum Rheinstrom hin von Siegen
sich des Siegstroms wellen wiegen
Brentano ges. schr. (1852) 7, 440.


c) häufig dagegen:

wie ihn des schicksals hand
in einem schiff gewiegt und schlafend hergesandt
J. E. Schlegel w. (1761) 4, 137;

das steigen und sinken des wiegenden nachens Lavater verm. schr. (1774) 1, 282;

die welle wieget unsern kahn
im rudertackt hinauf
und berge wolcken angethan
entgegnen unserm lauf (1775)
Göthe III 1, 3 W.;

wenn wir uns spät noch in einen nachen sezten und den Rhein hinunter wiegen liessen (1791) Caroline br. 1, 69 Waitz;

wehe dem fahrzeug, das jezt unterwegs
in dieser furchtbarn wiege wird gewiegt
Schiller 14, 370 G.;

und weiszt du was ne gondel ist
und wie sich's drinnen wiegt?
Strachwitz ged. (81891) 370;

in der bucht wiegt ein kahn A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1878) 1, 120; das schiff wiegt fertig sich im haff Leuthold ged. (41894) 357; leise wiegt das schiff hin und her Plüschow segelf. ins wunderland (1926) 15. bildlich in ähnlichem sinne: wiegende wogen trugen ihn auf dem bache der süszen schwärmerei hinauf und hinab, ermüdet schlief er ein Tieck schr. (1828) 8, 50;

süss lieb, süss lieb und wiege dich fein
auf stillen schlummerwogen
Geibel ges. w. (1883) 1, 88.


5) vielfach von bäumen und zweigen im winde und von vögeln im fluge oder auf schwankenden zweigen, hiernach auch vom winde.
a) vom schwanken windbewegter bäume, zweige, halme und blumen:

der leichte zephyr küsste
die pflanzen dieser insel,
und sein gefolge wiegte
die wipfel dieser insel
Hagedorn poet. w. (1769) 3, 85;

wo die ... buche ihre grünen gestreckten äste wiegt Nicolai Seb. Nothanker (1773) 2, 24; schlanke pappeln wiegen sich lispelnd um sein grab Klinger w. (1809) 8, 156;

schwankend wiegen
im morgenwinde sich die jungen zweige
Göthe I 10, 106 W.;

rauschend wiegt
ein kalter wind die starren äste ebda 5, 1, 35;

[Bd. 29, Sp. 1542]


wo die ... tannen sich vom sturm hin und her wiegen lieszen J. G. Forster s. schr. (1843) 7, 232; und disteln wiegen das bärt'ge haupt Kind ged. (1817) 1, 99; da sang es im wiegenden kelch (einer blume) Tieck schr. (1828) 17, 276;

wie dort, gewiegt von westen
des mohnes blüthe glänzt
Uhland ged. (1898) 1, 43;

die blätter des zauberischen baumes wiegten langsam auf und nieder Gaudy s. w. (1844) 13, 30; die grünen bäume wiegten ein meer von glanz und schimmer Stifter s. w. 1 (1904) 29; das ächzen und wiegen der stämme (1869) W. Raabe s. w. I 6, 239; oben auf dem rande der zimmerung wuchs gras, aus welchem etliche grüne kornähren aufstanden und in der luft wiegten Rosegger das zugrunde gegangene dorf (1905) 25; ein still reifendes ackerland ..., das sich im sommerwind wiegte Ric. Huch d. grosze krieg (1920) 2, 231.
entsprechend:

golden wiegten sich die locken
auf der hohen götterstirne
Körner w. 2, 36 Hempel;

wie ein sternenpaar
glänzten die augen, die wangen
wiegten das goldene haar
Tieck schr. (1828) 4, 321;

das schwert, die harfe, wiegten
sich an der schärp
Kind ged. (1817) 1, 128;

sie ... schritt rasch dem hause zu, die ... grasbinde auf dem ... kopfe ... wiegend Herm. Schmid ges. schr. 8 (1861) 154; generäle ..., um deren goldbeschlagene helme sich federn wiegten Renn adel im untergang (1947) 119.
auch:

wie, vom zephyr gewiegt, der leichte rauch durch die luft schwimmt
Schiller 11, 40 G.;

noch ein glöcklein hat geschwiegen
auf der höhe bis zuletzt.
nun beginnt es sich zu wiegen,
horch, mein Kilchberg läutet jetzt
C. F. Meyer ged. (51892) 67;

(die schmiede), darin sich eine trübe flamme wiegte Watzlik pfarrer v. Dornloh (1930) 26. — und bildlich:

und ihr, wachset und blüht, geliebte lieder, und wieget
euch im leisesten hauch lauer und liebender luft
Göthe I 1, 262 W.


reifende früchte werden gewiegt wie kinder:

sanft gewiegt von lauen westen
das gold der äpfel schwoll
J. H. Voss sämtl. ged. (1802) 4, 193;

ein ast der schaukelnd wallet
wiegt sie (die früchte) geduldiglich
Göthe I 6, 176 W.


b) vom flug der vögel und schmetterlinge: zuweilen wendet sich der reiger mit seinem gantzen leibe (gegen den angreifenden falken) und schwebet oder wieget mit ausgespannten flügeln, als mit einem segel, in freyer luft Noel Chomel öcon.-physic. lex. (1750) 8, 233;

nun wiegt sich der raben
geselliger flug
Göthe I 1, 89 W.;

im gefieder wiegender vögel dt. museum 2, 183 F. Schlegel;

der schmetterling wiegt purpurflügel
Tieck schr. (1828) 4, 136;

wie der weih des gebirgs ...
... sein einsam nest unermüdlich umkreist
von der fittige ruderndem schlage gewiegt
Droysen Äschylus werke (1841) 43;

und der habicht, jetzt gewiegt
von gewölk und winden
Freiligrath ges. dicht. (1870) 1, 111;

[Bd. 29, Sp. 1543]


(schmetterlinge, die) sich schwankend wiegten H. Seidel Leberecht Hühnchen (1899) 186; wie ein falke, der sich im äther wiegt B. Kellermann Ingeborg (1911) 326. — mitunter auch:

hier wiegen sich schmerlen im tosenden fall (1795) volksthüml. lieder d. Deutschen 167 Böhme.


c) sich auf zweigen wiegen (o. ä.), von vögeln und vergleichbaren wesen:

wenn ihr (tauben) euch auf schlanken ästen wieget
J. M. Miller ged. (1783) 85.

und Eros,
er wiegte sich auf deinen augenliedern
Herder 27, 359 S.;

von oben herab, auf zweigen sich wiegend, schaut eine dryas Göthe I 49, 1, 143 W.; schöne stunden meiner jugend, wo der geist sich zuerst selbst ahnte und sich auf den ersten blüten, die er trieb, selig wiegte (1842) Hebbel tageb. 2, 139 Werner; ein dunkler schmetterling auf einer noch stolzen, hohen ähre sich wiegend Gutzkow ritter v. geiste (1850) 1, 36; auf einem ... ulmenzweige wiegte sich ein ... fink Fontane ges. w. (1905) I 5, 188. so auch:

wenn auf neubelaubten ästen
sich der junge frühling wiegt
Overbeck verm. ged. (1794) 56;

der mondschein wiegte sich auf den leise wogenden kornfeldern Eichendorff s. w. (1864) 3, 374. selten in abweichender formulierung:

kaum erwachet der tag, so erfleucht an des hellen stromes ufer
sie eine pappel, und wieget den gipfel
(die sterbende nachtigall)
Herder 27, 161 S.;

sie war wie von der nachtigall geboren
...
gewiegt im eichenwipfel sasz sie da,
und flötete (Penthesilea)
H. v. Kleist w. 2, 147 E. Schmidt.


d) von der bewegung des windes, wie von flugwesen (vgl.b und c), gewöhnlich sich wiegen: ein sanfter wind wiegte sich auf den zarten zweigen Heinse s. w. 5, 19 Sch.; geisterwehn von alten sagen wiegt sich durch die ... flur Körner w. 2, 101 Hempel; wenn der mittagswind sich leise wiegt Bettine d. Günderode (1840) 1, 120;

wieget
eure lauen flügel, sommerlüftchen
Hölty ged. 55 Halm;

er hat sich gewiegt,
wo weinen war,
und hat sich geschmiegt
in zerrüttetes haar
(der frühlingswind)
Hofmannsthal ged. u. kl. dramen (1911) 4.


e) als ungewöhnlich sei hier noch angefügt:

bis von der wunden macht besiegt,
sie (die gefällte esche) ächzend sich herunter wiegt,
und sich zermalmend wälzt von des gebirges gipfel
Schiller 6, 376 G.;

ein zweiter angriff, und der mächtige würfel (ein felsblock) weicht, wiegt sich über die kante, mit krach und schlag verschwindet er in der tiefe Barth Kalkalpen (1874) 494.
6) von bewegungen des menschlichen körpers, oft in redensartlichen verbindungen; hieraus abgeleitet auch von musikalischen erscheinungen (d).
a) ähnlich wie unter 5 c vom schaukeln auf schwankender unterlage, namentlich sich auf dem stuhle wiegen: er wiegt sich auf dem stuhl, und läutet mit den füssen Dusch verm. w. (1754) 167; ein paar hielt sich mit den händen fest und ein bauer schlüpfte unten durch, oder wiegte sich darauf Miller Siegwart (1777) 1, 211; dabei wiegte er sich auf dem schemel mit einem gar vergnügten gesicht Alexis hosen d. hrn v. Bredow (1846) 1, 137; indem sie ... ihre leichte gestalt auf den losen brettern wiegte Storm s. w. (1899) 1, 92.

[Bd. 29, Sp. 1544]



b) sonst in unterschiedlichen auffassungen: sie verachtet die Pariser theatergrimassen, das tragische schluchzen, das wiegen der arme, und den heldinnentritt Sturz schr. (1779) 1, 93; der marchese ... wiegte sich von einem fuss auf den andern Göthe I 43, 269 W.; erhob er sich vom stuhl, wiegte sich in den neuen schuhen und ging eifrig einige male auf und nieder G. Keller ges. w. (1889) 4, 129; die hände auf dem rücken, wiegte er sich behaglich in den knieen Storm s. w. (1899) 2, 45; Gustav wiegte seinen schlanken oberkörper ersichtlich in dem bewusztsein, ein hübscher kerl zu sein W. v. Polenz Büttnerbauer (1895) 2; (er) wiegte sich lächelnd auf seinen langen beinen Renn adel im untergang (1947) 386.
c) besonders vom tanz und ähnlichen bewegungen des ganzen leibes:

hand in hand wiegen sie sich
über des throns
aufgepolsterter herrlichkeit
Göthe I 15, 1, 216 W.;

meerfrauen mit gesang und spiel
sich um die kiele wiegen
Uhland ged. (1898) 1, 302;

während des 2/4 taktes führen die paare ein bärenmäsziges wiegen und schwenken aus Böhme gesch. d. tanzes (1886) 194; ich konnte ... mich mit einem jener fremdartigen mädchen im tanze wiegen Storm s. w. (1899) 2, 111; der tanz war schon längst im gang ..., und über die wiegenden paare hin sangen die geigen ihre kantilenen Fendrich Himmelheber (1915) 198; der greis ... wiegte sich im tanze A. Sperl söhne d. hrn Budiwoj (1927) 538.
d) entsprechend von der bewegungsart musikalischer tonfolgen: (die jetzigen tonkünstler) wiegen sich auf einem seil von tönen in der luft Herder 15, 236 S.; sein strich hat so viel delicatesse und wiegende anmuth Schubart ästhetik d. tonkunst (1806) 144; eine zither war es ..., die töne wiegten sich und schwollen und wurden ein gewimmel, und plötzlich sang eine männerstimme darein Stifter s. w. 1 (1904) 145; insbesondere haben die mädchen eine hohe stimmlage und überlassen sich gerne dem weichen wiegen und trillern des tons (beim sprechen) Steub drei sommer in Tirol (1895) 2, 230; die worte (alter wiegenlieder) fügen sich weniger dem sinn als dem laut und dem wiegenden rhythmus nach zusammen Schweitzer Bach (1948) 5; das rezitativ 'die schlange, so im paradies' wird durch wiegende passagen begleitet ebda 539.
e) redensartlich den kopf wiegen, gewöhnlich als gebärde der bedenklichkeit; schon mhd. wird diese verbindung mit dem sw. vb. wegen (*wagjan) gebildet:

er wegetez houbet unde sprach
'jâ dû starker t ügenære'
Hartmann v. Aue Gregorius 2786 Paul-L.

die wendung ist besonders in der erzählenden literatur sehr häufig:

ihr macht mich nicht zum schwachen, blinden narrn,
der seinen kopf wiegt, seufzt, bedauert, nachgiebt
den christlichen vermittlern Shakespeare 4 (1799) 96 (kaufmann v. Venedig 3, 3);

ich habe ... über dem schicksale meines vaterlandes den kopf gewiegt Seume an Schnorr (1801) in: gesch. seines lebens 286 Planer u. Reiszmann;

wenn alle tanzend fliegen,
seh ich mit stetem thränenlauf
das bleiche haupt sich wiegen
Brentano ges. schr. (1852) 2, 417;

Ganna wiegte mit ernstfreundlichem verneinen das schöne haupt Fouqué altsächs. bildersaal (1818) 2, 37; lächelte er gar pfiffig und wiegte das köpfchen recht vergnügt hin und her H. Heine s. w. 3, 225 Elster; mit einem wiegen des kopfes ... berechnet sie (die zimmervermieterin), welcher vortheil aus ihm zu ziehen sei W. Raabe hungerpastor (1864) 3, 6; ich werde wohl zu

[Bd. 29, Sp. 1545]


tun bekommen, sagte der doktor, indem er auf die süszigkeiten wies und den kindern drohte. dann hob er mit wiegendem kopf ein gediegenes gerät für salz, pfeffer und senf empor Th. Mann Buddenbrooks (1922) 1, 21; den kopf nachdenklich wiegend Cl. Viebig d. schlaf. heer (1904) 1, 70; dann wiegte sie feindselig den kopf. nein, bedeutete das quelle v. j. 1931.
f) sich in den hüften wiegen:

süss, sirene, auf der hüfte
wiegst du dich am felsenriff,
selig, wer vorüberschiffte,
wen der zauber nicht ergriff!
Brentano ges. schr. (1852) 2, 219;

es setzte nur eine im schlosz so die zehenspitzen, es wiegte sich nur eine so in den hüften W. Alexis Isegrimm (1854) 446; er ... wiegt sich beim gehen ein wenig in den hüften M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 4, 269; (sie) ging mit einem weichen wiegen der hüften, mit einem lässigen schlenkern der arme Cl. Viebig die vor den toren (1949) 187.
g) partizipial wiegender gang, schritt (vgl. wiegegang, wiegeschritt): solch ein wiegender gang J. H. Voss sämtl. ged. (1802) 2, 213; das pferd ... ging in wiegendem schritte weiter Holtei erz. schr. (1861) 4, 81; obwohl ihr gang noch immer der leichte, wiegende der frauen jener gegend war E. Zahn die da kommen u. gehen (1909) 274; wenn herr Hugo Weinschenk ... wiegenden und selbstbewuszten schrittes über die grosze diele schritt Th. Mann Buddenbrooks (1922) 2, 64; und geht mit seinem breiten, wiegenden schritt Feuchtwanger Simone (1950) 82.
7) einige verwendungen, die das faktum der unentschiedenheit umschreiben, stützen sich mehr oder minder auf das bild der schwankenden waage (vgl. 1wiegen B 2 b α und γ):

und wie zwo schalen wiegend wanken,
so zweifelhaft blieb mir dein blick
Schwabe belust. (1741) 2, 21.


a) warum zwischen tod und schande mich hin und her wiegen? Schiller 3, 445 G.; dasz sein auge auf dem zarten schwebenden punct stehe, wo sich die purpurfarbe zwischen dem blauen und gelben hin und her wiegt Göthe II 5, 2, 32 W.; die sprache ist überhaupt ein bewegliches organ, ein gegenstand musz sehr fest und derb dastehen, wenn ihn die sprache nicht in ihren ausdrücken herüber und hinüber wiegen soll ebda 253.
b) so auch: lange mit solchen gedanken hin und her gewiegt Pütter selbstbiogr. (1798) 239. sonst aber dem gebrauch unter 5 nahestehend:

gedanken sich wiegen,
die nacht ist verschwiegen,
gedanken sind frei
Eichendorff s. w. (1864) 1, 505;

dies ist die stunde, das gemach,
wo sich gedanken mögen wiegen
A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1878) 1, 151;

um seine gedanken über gut und geschäft sich wiegen zu lassen, wie der adler sich wiegt über seinem jagdrevier P. Dörfler notwender (1934) 79.
c) da wiege ich mich denn in unentschlossenheit Göthe IV 29, 219 W. (vgl. 3 d); dasz ich glauben musz, sie thue mir die kammer auf, wenn ich komme; und es wiegt mir sich, ob ich gehen solle Gotthelf Uli d. knecht (1846) 112.
8) das adj. part. prät. gewiegt 'beschlagen, gewandt, gewitzigt' ist teil 4, 1, 3, sp. 5790 ausführlich behandelt; vgl. auch gewiegt und gewickelt unter 4wickeln C 2, sp. 853. frühe belege, in denen gewiegt noch nicht adj. ist, stellen den ursprung dieses sinnes auszer zweifel: (ein mensch) de myt synen willen upgeweighet unde ghewenet is Joh. Veghe 56, 35 Jostes; das sie von iugend auff do mit ertzogen und gewiget sein Carlstadt von beiden gestaldten d. hl. messze (1521) A 4b; der die selben (schandpossen) ... von kindts wesen auf getriben, ja

[Bd. 29, Sp. 1546]


damit gewiegt worden seie Montanus schwankb. 467 lit. ver.; verdeutlichend: dann wir sind z dem dickeren mal ... des artickels halb von M. Ulrichen vnderricht vnd gewyeget worden, das ich daran keynen zweyfel me hab L. Hätzer acta oder geschicht (1523) n 2 a. auch begegnet: damit (bergbaurecht) gewigt und geerdigt S. Span speculum juris metallici (1698) vorr. b 1b. statt des älteren gewiegt mit wird später gewiegt in bevorzugt (gewiegt sp. 5791, ziffer 1): ein solcher Teutscher, der in der italiänischen sprache nicht gewieget ist Castelli it.-t. u. t.-it. wb. (1741) vorr. 2b. öfters begegnet die verbindung klug gewiegt:

ich bin noch klug gewiegt und weis wohl auszuführen,
dasz alle laster nicht von übereilung rühren
J. Chr. Günther s. w. 6, 3 Krämer;

wer sagt mir an, wo Weinsberg liegt?
soll seyn ein wackres städtchen,
soll haben, fromm und klug gewiegt,
viel weiberchen und mädchen
Bürger s. w. 25 Bohtz;

die ältsten (der töchter), schön und klug gewiegt,
...
geputzt mit engeln um die wette
Kind ged. (1817) 1, 202.


in neuerer sprache am geläufigsten ist gewiegt als attribut zu wörtern wie kenner, praktiker, zu berufsbezeichnungen (namentlich: jurist) und zu sonstigen nomina actoris, die eine gewitztheit erfordernde tätigkeit bezeichnen; s. gewiegt sp. 5792, ziffern 2 u. 3 und vgl. noch: ein gewiegter leser Bode Montaigne (1793) 1, 236; (graf W. ...,) gewiegter kunstkenner und freigebiger mäzen H. Riemann musiklex. 91310a; morgen sollte ich den vergleich mit einem gewiegten (berg-)steiger in aller form erst zu bestehen ... haben Barth Kalkalpen (1874) 339. jünger auch zu entsprechenden abstrakten: Lisbeth brannte also mit gewiegter erfahrung ihre (kaffee-)bohnen Dincklage gesch. a. d. Emslande (21872) 1, 89; kann man mit gewiegterem gefühl das schöne erzielen? Th. Mann Faustus (1948) 213.
9) wiegen in verschiedenen technischen bedeutungen.
a) 'ein schiffer wieget das boot, indem er es am winde und deshalb das ruder hinten führet' Jacobsson technol. wb. (1781) 4, 646a; Hübner zeitungslex. (1824) 4, 932b; Krünitz öcon. encycl. 239 (1857) 24.
b) 'ein schiff wiegen, holl. een schip wiegen, wenn ein schiff vom stapel laufen soll, so läszt man viele leute oben auf dem verdeck zugleich von einer seite zur andern laufen, um es in schwankung, und dadurch in gang zu bringen' Bobrik seewb. (1850) 438a.
c) zu wiege 3 b 'granierstahl, gründungseisen': wiegen beim kupferstecher, die platte mit dem gründungseisen rauh machen Krünitz öcon. encycl. 239 (1857) 24; Bucher kunstgewerbe (1884) 439a.
d) zu wiege 3 c 'wiegemesser'; wiegen mit einem gebogenen werkzeuge ... schneiden Hübner zeitungslex. (1824) 4, 932b: grünkernflocken müssen ... zu brei ausquellen, der erkalten musz, bevor man ... eine kleine, feingewiegte zwiebel ... und einen löffel gewiegte petersilie daran tut daheim (23. 8. 1934) 18a; zuletzt wird das gericht mit salz und gewiegten feinen kräutern abgeschmeckt ebda 18b.
 
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wiegenangebinde, n., was jemandem in der wiege zum geschenk gemacht, von geburt an mitgegeben wird, gewöhnlich bildlich. (vgl. angebinde 'donum natalicium' teil 1, sp. 338 und die wendung etwas ist jmdm in die wiege gebunden 'eignet ihm von hause aus' unter wiege 2 d ε, s. auch wiegeneingebinde); wiegenangebinde Campe 5, 713b:

leiden — unser wiegenangebinde —
trage, liebchen, — such es nie!
Blumauer ged. (1782) 14;

schönheit und verstand gab mir die natur zum wiegenangebinde Kalchberg ges. schr. 2, 156 Schlossar;

[Bd. 29, Sp. 1547]


ein kindlein in der wiege lag,
ich sang ihm ein lied am frühlingstag,
ein lied zum wiegenangebind
Cornelius literar. w. (1904) 4, 158.


 
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-artig, adj., nach art einer wiege, von schiffsbewegungen: das herz pochte mir ein wenig, da ich ... die segel ausspannen sahe und die erste wiegenartige bewegung dieser ungeheuren maschine unter mir fühlte Bahrdt gesch. s. lebens (1790) 3, 307; freilich verliert man, selbst bei mäsziger aber doch immer wiegenartiger bewegung, bald den festen gang Niemeyer beob. auf reisen (1820) 1, 79.
 
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wiegenband, n., älter auch wiegband, selten wiegeband; zu wiege, f., in den letzteren formen wohl auch zum verbum gebildet. vgl. unten wiegenschnur sowie wage(n)schnur, wagelschnur teil 13, sp. 484 und 378. 'wiegen-band ist ein langer ... schmaler streiff, so über die wiege creutzweise gezogen wird, damit die kleinen kinder nicht heraus fallen können; man pfleget auch dasjenige das wiegen-band zu nennen ..., wormit die muhmen oder ammen die wiege hin und wieder ziehen' Amaranthes frauenz.-lex. (1715) 2122. vielleicht handelt es sich um einunddenselben gegenstand, wenn nämlich ein freies ende des sicherungsbandes als zugband benutzt wurde. das wort ist literarisch und lexikalisch seit dem frühen 15. jh. belegt (in früheren glossaren anscheinend auch für 'windel'); s. auch Fischer schwäb. 6, 808; linicia eyn weghen bant, eyn wyndel doyk (lat.-nd. wb. v. j. 1417), wiegpant (hd.-lat. voc. ex quo, 1429) Diefenbach nov. gl. 236a; vgl. ferner Diefenbach s. v. cuna, nov. gl. 123b; cunabulum gl. 162b; crependium gl. 156c und nov. gl. 119a; fascia gl. 226b und nov. gl. 167b; purginale wige bant gl. 473c (u. ö.); wiegenbandt, wiegenbendel lien Hulsius-Ravellus t.-frz.-it. (1616) 413b; wiegen-band cordella da cunare ò da legare le coltricette della cuna Kramer t.-ital. 1 (1700) 113b; Adelung 5 (1786) 218: Heinrich, herczog zu Bayren und zu Sachsen, do er in dem wigenpant was, do gie im ab vater und mueter (1428) Andreas v. Regensburg 635, 23 Leidinger; das wyegpand, das umb in gewunten was (fascia) Johann Hartlieb dialogus mirac. 102, 30 Drescher; wiegenband Niclas Manuel 235 Bächtold; J. Pollio christl. trostschr. (1609) B 7b; (er) namb das wiegen-band selbsten in die händ vnd fieng an sanfft zu wiegen Abr. a s. Clara Judas 2 (1689) 107; Karl wollte nicht gestört sein ... durch das schnarchen seiner kinder. er zog scharf und hart die wiegenbänder über ihre brust zusammen J. Gotthelf ges. schr. (1855) 12, 9;

da sitzet Maria
und wieget ihr kind,
sie wiegt es mit ihrer schneeweissen hand
und braucht dazu gar kein wiegenband
Brentano ges. schr. (1852) 5, 66.

bildlich (vgl. wiege 2 a β und γ):

kaum ist dein heldengeist dem wiegen-band entgangen,
als dich dein hoher muth auf hohe thaten weist Hoffmannswaldau u. a. Deutschen ged. (1697) 5, 130 Neukirch;

als wäre vom wiegenbande an auf oberconsistorialräthe, oberburgermeister und geheimderäthe gerechnet Hermes f. eltern u. ehelustige (1789) 1, 46; die absicht ..., sich endlich vom wiegenband der deutschen verwaltung zu lösen A. Zweig einsetzg. e. königs (1950) 277.
 
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wiegenbank, f., wohl etwa dasselbe wie DWB wiegenbrett, ein untersatz für die wiege (s. auch Fischer schwäb. 6, 809 und vgl. DWB wagebank teil 13, sp. 369):

in die kamer ein wiegenbanck,
darauff sich hebt daz nachtigal gesanck
Hans Folz in:
Hampe ged. v. hausrat (1899) A 5b.

 

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