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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
wegerhaus bis wegerichwurzel (Bd. 27, Sp. 3106 bis 3108)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) wegerhaus, n. haus des straszenwärters: ein bote vom wegerhaus unter der Berninahöhe Heer könig der Bernina 184. wegerhäuschen, n. Auerbach 18, 170.
 
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wegerich, auch wegrich,m. bezeichnung mehrerer, namentlich der zur gattung plantago gehörigen pflanzen.
1) das wort ist nur hochdeutsch, mhd. wegerîch-rich, ahd. wegarîh (in den Basler recepten, denkm. LXII, 1, ferner Steinmeyer - Sievers gl. 1, 234, 18. 3, 573, 26. 4, 228, 20), in späteren glossaren (zeitschr. f. d. wortforschung 3, 278) wegerich, wegirich, wegereic(h), wegreich, wegrich, ferner wegräch (Diefenbach gl. 440b plantago), wegrach (ebenda), wegeroch (gl. 112c centinodia). die pflanze hat ihren namen von dem häufigen vorkommen an wegen (vgl. wegbreite, wegblatt, wegkraut), darum sagt Wolfram:

vil ungevertes er dô reit,
dâ wênic wegerîches stuont. Parzival 180, 7,

d. h. wo keine wege waren. — rîch ist das alte wort für 'könig', got. reiks; dasz wegarîh aber je als 'wegherrscher' aufgefaszt worden sei, ist zu bezweifeln, vielmehr wird es den eigennamen Fridurîh, Diotrîh nachgebildet sein; -rîh ist hier ganz zu einem suffix geworden, also 'der am weg befindliche'. männliche personennamen erscheinen öfter als pflanzennamen, vgl. DWB Hänsel am wege, guter Heinrich,

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Gundermann (ahd. Guntram), Madelger, Mangold, auch (an die namen angelehnt) Bertram, Peterlein, Hederich; -rich als endung auch in wüterich 'cicuta', würgerich, knöterich. sollte es noch als 'herrschend' zu nehmen sein, so ist es auf die heil- und zauberkraft der pflanze (5) zu beziehen, also 'der herrschende, mächtige am wege' (vgl. DWB mangold eig. 'der über vieles gewalt hat'). nach Höfler wäre wegerich der beherrscher des hellweges d. i. des weges zum totenacker.
2) wegerich erscheint (mit mancherlei lautlichen umbildungen) in den obd. und md. mundarten: schweiz. wägerech Seiler 307. Hunziker 290, daneben (umgedeutet) federich idiot. 1, 679, els. wegeri, wegerli, wegerle, daneben federi, wederi Martin - Lienhart 2, 804a, im mittleren Baden wederi zeitschr. f. d. mda. 1913, 324, wederik 1916, 344, schwäb. auch weberich, federich Fischer 6, 540, österr. steierm. kärnt. wegrach und wegrat (dies wol aus wegracht entstanden, schon Diefenbach gl. 637a arnoglossa aus einem herbarius von 1485) monatsschrift d. ver. f. landesk. v. Niederösterreich 8, 375 (bei Castelli 267 wögarad). Unger-Khull 623a. Lexer 252, pfälz. weierich Autenrieth 150, nordböhm. wagert Tschernich d. volksnamen d. pflanzen 30, auch in Sachsen Müller-Fraureuth 2, 647 und der Oberlausitz Anton 6, 4. vgl. auch wegerer, weger und wege. in einigen md. gegenden scheint wegerich durch wegbreit (s. d. 3. 4) und wegblatt verdrängt zu sein. schriftsprachlich ist es allgemein, anfangs auch noch in der form wegreich (s. 5); vereinzelt erweitert zu wegericht v. Hohberg Georg. 1, 237. die wörterbücher führen es seit Dasypodius und Alberus (dict. F F 2b) an, überwiegend in der dreisilbigen form (bei Steinbach wegrich, bei Ludwig beide formen).
3) der wegerich wird als ein häufig vorkommendes unkraut genannt, das namentlich an feuchten orten gedeiht: da findet man auch gewiszlich wasser, da vil grasz wechst, breyter wägerich, sonnenwürbel Herr feldbau 29b; dann ob wol an den enden, da roszhub, hanenfusz, wegrich ... wächszet, das wasser nicht weit ist Sebiz feldbau 14; so wachse aus diesem wasser ein kraut mit breiten blättern als wegerich Prätorius Saturnalia 155; seine lage da unten (im graben) zwischen wegerich, nesseln und vogelkraut war nicht die eines gewöhnlichen menschen Immermann Münchh.2 2, 136; ist's genug, dasz in und um Weinsberg die geister wild wachsen wie wegerich? 2, 146.
4) von gattungen wird vor allem unterschieden der breite und der spitzige (schmale) wegerich, plantago major und minor (lanceolata L.). beide arten können einfach als wegerich erscheinen, so ist der spitzwegerich gemeint in den Basler recepten, wo wegarih neben wegabreita steht, den breiten meint K. v. Megenberg: iewederʒ (kraut) hât praiteu pleter sam der wegreich 388. auf den breiten oder groszen wegerich (auch roten w. Fuchs (1543) cap. 11. Bock 88a) geht in den glossaren auch arnoglossa Steinmeyer-Sievers 4, 228, 20. 3, 221, 28 u. o. (3, 100, 48. 171, 28 aber minner wegerich). Diefenbach gl. 49c. 637c. nov. gl. 49c, septinervia u. ä. gl. 528a, nov. gl. 336a; auf den spitzwegerich (spiczig wegrich Diefenbach-Wülcker 896 v. j. 1440, kleinwegrich Diefenbach gl. 317a lanceola) quinquenervia gl. 480a, cynoglossa Frisius 361a (s. auch u. wegerein). seit dem 16. jahrh. wird auch noch der mittlere w. unterschieden, pl. media L., der auch bes. der breite heiszt: den mittelsten nent man den breyten Fuchs cap. 11, der mittel oder breite wegrich Bock 87b. dazu kommt der strand- oder meerwegerich, pl. maritima L., bergwegerich, pl. montana Laur., sandwegerich, pl. arenaria Kit., alpenwegerich, pl. alpina Leunis bot.3 2, 621 f. der name wird dann auch auf andre pflanzen übertragen: wilder wegerich, arnica montana L. (Bergell in Graubünden) Tabernaemontanus (1664) 714b. welscher wegerich Frisch 2, 428b. Nemnich 5, 636; wässeriger wegerich, der froschlöffel, alisma plantago L. Matthioli durch Camerarius (1586) 145b, wasserwegerich Bock 88a, wilder w. Cordus annot. in Dioscoridem (1549) 499, froschwegerich Mattuschka 1, 326; der huflattich, tussilago farfara L.: fafaro, wegerich Steinmeyer-Sievers gl. 3, 499, 26; fafare, wegerich 529, 28. 602, 33; lapathum, spicz wegerich Diefenbach gl. 318a (herbarius

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von 1485); der römischkohl, beta Steinmeyer-Sievers gl. 2, 369, 10. 4, 363, 32. auf der ähnlichkeit der bezeichnung beruht es, wenn wegerich wie wegbreit dann auch für den wegtritt, polygonum aviculare L., eintritt: centinodia Steinmeyer-Sievers gl. 3, 578, 32. Diefenbach gl. 112c. nov. gl. 116a, polygonum gl. 444b. Calepinus 1109b, proserpina gl. 467b, jetzt bair. österr. Marzell neues ill. kräuterbuch 356. ferner für die wegwarte, cichorium intybus L.: citaria Diefenbach gl. 118a. nov. gl. 89a, solsequium gl. 541b, so jetzt oberhess. zeitschr. f. d. mda. 1918, 144.
5) seit dem alterthum erfreute sich der wegerich als heilkraut ganz besonderer schätzung (Höfler quellen u. forschungen z. deutschen volkskunde 5, 11 ff.); er wird bei entzündungen und quetschungen verwandt, eine abkochung aus den blättern, dem samen oder der wurzel hilft gegen viele krankheiten: nim des wegerichis wurcun (gegen die blutruhr) Pfeiffer zwei deutsche arzneibücher a. d. 12. u. 13. jahrh., Wiener sitz. ber. 42, 123, 17; wegreich gesotten in wein und hönig heylet new wunden Tollat v. Vachenberg margarita medicinae 24a; wegerich gestoszen ... stillet das bluten Bock 84; (zum schweiszbad) nimm breiten wegrich, fünffingerkraut, alantwurtz Ruoff hebammenbuch 4; augenwasser ... nim fenchelkraut, rauten ... breiten und spitzigen wegerich Gäbelkhover artzneybuch 1, 109; für die ruhr (wasser) von eichenem laub, holtzbirnen, wegericht v. Hohberg Georg. 1, 237; wegerich reiniget die nieren v. Fleming vollk. t. jäger 11;

Benvolio. saug' in dein auge neuen zaubersaft,
so wird das gift des alten fortgeschafft.
Romeo. ein blatt vom weg'rich dient dazu vortrefflich. Shakespeare 7, 23 (Romeo u. J. 1, 2).


6) von zusammensetzungen seien erwähnt: wegerichblatt, n. : alga marina ... ein meerkraut, hat wegrichbletter Alberus dict. CC 2a. — wegerichfalter, m. ein schmetterling, dessen raupe bes. auf dem spitzwegerich lebt, melitaea cinnia L. Oken 5, 1157 (spitzwegerichfalter Leunis zool.3 2, 292). — wegerichgrasnelke, f. statice plantaginea All. v. Schlechtendal flora v. Deutschland5 19, 261. — wegerichkraut, n. Bock (1539) 1, 62. v. Hohberg Georg. 3, 279b (als schutz gegen bienenstich). — wegerichsaft, m. : wolff ... heylet wegerichsafft Bock (1539) 1, 63; das haupt bestrichen mit ... wegerichsafft Ryff spiegel u. regiment d. gesundtheit 116b; mach ein pflaster darausz mit wegerichsafft und essig Dryander d. ganzen arzenei gemeiner inhalt 96a; für das ohrenwehe ist gut breiter wegricht- und sauerampfersafft v. Hohberg Georg. 1, 271; wenn dich eine spinne sticht, so salbe dich mit spitzigen wegrichsafft v. Fleming d. vollk. t. soldat 336a. — wegerichsalz, n. Paracelsus 1, 669 C. — wegerichsame, m. : samen kleiner dann der wegerichsamen Bock 1, 19; gib einer haselnusz grosz breit wegerichsamen ... in milch oder wein ein Gäbelkhover artzneybuch 1, 261. — wegerichsyrup, m. 2, 8. — wegerichwasser, n. : den mund mit wegerichwasser geweschen ... heylet das essen Bock 1, 62; beyfusz gepulvert ... mit gedistillirtem wegrichwasser getruncken, ist ein edle artzeney vor die blut- und därmruhr Tabernaemontanus 34; lasset es (das getränk für die hitzblattern) in ein pfund branntewein oder wegerichtwasser 7 bis 8 tage stehen allg. haush.-lex. 1, 84b. — wegerichwurz, f. : den frawen so ihr kranckheit zufallend, die sollen nemmen wegrichwurtzen Paracelsus 1, 360 B. v. Hohberg Georg. 1, 528 (gegen podagra). — wegerichwurzel, f. Bock 1, 22.

 

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