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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
vieltönig bis vielwollerei (Bd. 26, Sp. 202 bis 216)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) vieltönig, adj. , bei Campe verzeichnet, reichthum, mannigfaltigkeit, verschiedenheit von tönen habend, zeigend, in eigentlicher, besonders gern aber in freierer und übertragener anwendung: die ganze vieltönige, göttliche natur ist sprachlehrerin und muse Herder 5, 50 Suphan; die bedeutende puppenspielfabel des andern (Faust) klang und summte gar vieltönig in mir wieder Göthe 27, 321 Weim.vieltönigkeit, f. : der deutschen sprache ..., die die vieltönigkeit und den unterschied ihrer dialekte noch nicht einmal in eine schriftsprache aufgenommen hat Herder 5, 11 Suphan; die vieltönigkeit seines (Apollos) köchers voll gesangespfeile 23, 563. — vieltrittig, adj. : Herder braucht das wort im sinne von mannigfaltig rhythmisch oder metrisch abgestuft: da unsre sprache und alle neuere selbst zum hexameter, noch minder zu den silbenmaszen des Pindars und der chöre vieltrittig genug ist 1, 315 Suphan; hiernach: so wenig ist unsere sprache den bunt- und vieltrittigen griechischen versarten angemessen Bürger 177b. so schon im 17. jh.; fünftrittige (pentameter), sechstrittige (hexameter) verse; vieltrittige, allgemein, im gegensatz etwa zu zweitrittig: die vieltrittige vor- und nachtrittzeilen müssen in der mitte einen absatz haben (trochäische und jambische verse sind gemeint) Birken rede-bind u. dichtkunst (1679) 32. — vieltürmig, adj. : bei der rückfahrt sah ich Dreszden in der ferne. es liegt, vielthürmig, von der Elbe getheilt, in einem weiten kessel von bergen H. v. Kleist 5, 104 krit. ausg.vielvolkig, adj. :

der vielvolkigen flur Asia (πολυάνδρου δ' Ἀσίας Pers. 74) kampfkühner gebieter Aischylos übers. v.
Droysen (1841) 228.

[Bd. 26, Sp. 203]


vielwegig, adj. : vielwegig, multivius Stieler 2456; Steinbach 2, 955; der vielwegige lustwald Campe; als adv., auf vielen wegen, in vielen richtungen:

gehen wir nicht vielwegig zurück?
Klopstock oden 2, 43 (1889).

vielweibig, adj. : vielweibige ehe, polygamia Stieler 354; darnach bei Campe. s. unten 6, b unter vielweiber, m.; polygynus, vielweibig; blumen, in denen man mehr als 10—12 staubwege zählt Röhling, Deutschlands flora (1823 ff.) 1, 199; hierzu vielweibigkeit, f.vielwertig, adj. , neuerer bildung, vom gewöhnlichen typus abweichend, insofern als die gesammtheit des wortes zusammen vorgestellt wird: vielwertige stoffe. — vielweserig, adj. : vielweserig nennt man denjenigen der sich sehr geschäftig anstellt, kein sitzfleisch hat, in kleinigkeiten viel aufheben macht Hupel idiot. d. deutschen sprache in Lief- u. Ehstland (1795) 252. vgl. vielweserei, f. unter 7. — vielwinklig, adj. : vielwinkelicht, multangulus Stieler 2543; vielwinkelig, 'viele winkel habend' Adelung, Campe; man sieht ... den gröszten theil von dem vielwinklichten Vierwaldstädtersee Gleim briefwechsel 1, 451 Körte; in ungewöhnlicher anwendung: ein ziemlich groszer und vielwinkelichter berg Heinse s. werke 7, 54 Schüddekopf.vielwirblig, adj. : polyspastum, ein vielwirbeliges ziehwerk Kinderling reinigkeit d. deutsch. sprache (1795) 201. — vielwöchig, adj. : dem vielwöchigen nichtstun ein ende zu machen Fontane ges. werke ser. 1, bd. 6, 143. — vielwogig, adj. : aus dem vielwogigen worterguss ... aus diesem bombastisch boppelnden wogenschwall asiatischer beredsamkeit wollen wir das wesentliche herausheben Voss antisymbolik 1, 12. — vielwollig, adj. : multivolus, veyl wellic Diefenbach nov. gloss. 258b; s. zu anfang des abschnittes sp. 176. — vielwortig, in älterer sprache vielwörtig, adj., aus vielen worten bestehend, aber auch viele worte brauchend, machend, weitschweifig, geschwätzig; vielwortig, 'aus vielen worten bestehend' Campe; aber daz Mathei vi das vil wrtig gebet verbotten ist von cristo, ret er von sunderlichem gebet eins ieden, und nit von den gebetten uff gesatzt von gemeiner cristenheit Murner an den adel 44 neudr.; dise kunst ist vermessen, vilwrtig, lert und lernt alzeyt, und kompt doch nimmer mehr zur erkantnusz der warheyt Franck sprüchwörter (1541) 1, 146a; des vilwörtigen sophistischen geschwetz chronica (1531) 354a;

si betind ein lang vilwörtig bet
N. Manuel 190, 1587 Bächtold;

von einer person: hier starrte sogar der sonst so vielwortige freimaurer ihn dumm — stumm an J. Paul werke 27/29, 148 Hempel.vielwortigkeit, f. :

vielwortigkeit ist's, die den schüler nur verklagt,
dasz er das eine wort nicht traf, das alles sagt
Rückert werke 8, 33.

vielwörtlich (s. oben sp. 177), viele worte brauchend: indesz hindert diese vielwörtliche wässerigkeit uns so wenig am geist als eine ähnliche die weiber am ihrigen J. Paul werke 35, 28. — vielwurstig, adj. : vilwrstige gemalte ltz mit landsknechtischen fenlin durchzogen Fischart Garg. 83 neudr.vielwurzlig, adj. : die vielwurzelige (wasserlinse) ... mit büschelförmigen wurzeln Oken naturgesch. 3, 338. — vielzackig, adj. : mit steifen spitzen und vielzackig festonierten krägen Heine 3, 20 Elster.vielzahlig, vielzählig, adj. : die unumgelautete form hat eine durchaus eingeschränkte anwendung, dem typus der hier gesammelten zusammenbildungen entsprechend, bedeutet also 'viele zahlen enthaltend, umfassend': eine vielzahlige tabelle; vielzählig dagegen (vgl. vollzählig) wird in dem sinne gebraucht, dasz etwas in groszer zahl vorhanden ist: vilzälig, die merer zal, pluralis numerus Maaler 449a; die jagdnationen, die nie vielzälige geschäfte haben Herder 5, 80 Suphan; unter der auszenrinde liegen die vielzähligen schichten eines feinen, doch starken ... bastes Zschokke schriften 11, 113; umgeben von einem vielzähligen büschel borstiger ... blätter Schlechtendal flora v. Deutschland 5 3, 38. — vielzahnig, -zähnig,

[Bd. 26, Sp. 204]


adj.: vielzähnig, viele zähne habend, multidentatus Campe; die enten ... haben einen ... vielzähnigen schnabel Oken allg. naturgesch. 7, 446; ähren kopfförmig in einer vielzähnigen abgestutzten hülle 3, 393; dann muszten die frischen furchen noch mit einer vielzähnigen egge geriffelt werden Rosegger laszt uns von der liebe reden (1909) 105. — vielzankecht, adj. , vielzackig: das man sein z letzt schwärlich, mit vilzanckechten gablen mächtig wurden Eppendorff Plinius (1543) 119; zanke ist nasalierte nebenform zu zacke, vgl.zankeht Lexer mhd. handwb. 3, 1028. — vielzaserig, adj. : vielzaseriger ... wurzelfasern Schlechtendal flora v. Deutschland 5 7, 81. — vielzehig, adj. : nach den füszen gibt es ... vielzehige (vierfüszer) Oken allg. naturgesch. 4, 484; übertragen: zwiebel vielzehig (knoblauch) 3, 555. — vielzeilig, adj. , vielzeilige partitur; (samen, der) in vielzeiligen ähren zu hundertfältiger frucht gedeiht Görres ges. schriften 5, 12; vielzeilig, multifarius, mehrere reihen neben einander bildend Röhling Deutschlands flora 1, 199. — vielzeitig, adj. : Sabäismus, das vieldeutige und vielzeitige (durch viele zeiten, in vielen zeiten gebrauchte) wort Herder 6, 101 Suphan; wie gern begleiten wir ihn durch das alterthümliche Nürnberg, durch das vielzeitige Augsburg (das viele verschiedene zeiten veranschaulichende) zu dem jugendlich belebten München Göthe briefe 31, 101 Weim. ausg.vielzellig, adj. : an den eichen gibt es drey arten von vielzelligen gallen Oken allg. naturgesch. 5, 859; einzellige (protozoen) und vielzellige (metazoen) tiere. — vielziffrig, adj. : eine vielziffrige zahl. — vielzimmrig, adj. : ist das leidige wetter ... im garten weniger genieszbar als in einem vielzimmrigen hause Göthe briefe 13, 259 Weim. ausg.vielzüngig, vielzungig, adj. : vielzüngig, viele zungen habend, im eigentlichen sinne von der fama nach der berühmten stelle des Vergil, dann überhaupt von ruf, gerücht, gerede, geschwätz, das von vielen zungen weiter getragen wird: niemand wuszte, woher diese rede ihren anfang genommen; sie wuchs schnell zu vielzüngigem gerüchte hinan Raumer gesch. d. Hohenstaufen 4, 18; die welt (gesellschaft, publicum) als vielzüngiges tier (vgl. vielköpfig): erdachte eigne lobeserhebungen bey sich selbst, mit welchen ihn das vielzüngigte thier, die welt, bis über die sterne erheben würde Schwabe belustigungen (1741 ff.) 2, 231; vielzüngig, nach zunge, sprache in gleichem sinne wie das vorbild polyglott, wird von Campe verzeichnet: eine vielzüngige bibel, polyglotte ebenda; ohne umlaut: polyglotte, in alten schriften ist das wort vielzungig, welches hier brauchbar wäre Kinderling reinigkeit d. d. sprache (1795) 201; in unserem lieben, freilich vielzungigen Österreich Rosegger schriften ser. 2, bd. 11, 146. im heutigen gebrauch scheint nur die umlautlose form in diesem eben belegten sinne verwendbar zu sein.

die vertrauten
eilen, und unterrichten das volk, nach seiner erbittrung
jeder, mit seiner beredsamkeit, seinen künsten der sanften
oder strengen priesterlichkeit; vielzüngigte redner
Klopstock Messias 9, 638;

falsch ist die deutung bei Campe, der vielzüngig hier mit 'in vielen zungen oder sprachen redend' erklärt; gemeint ist vielmehr, dasz die redner der verschiedensten mittel der überredung sich bedienen. das adj. verschlimmert seine bedeutung und bezeichnet jemanden, der bald so, bald anders redet, dessen worten nicht zu trauen ist (vgl. doppelzüngig); in dieser anwendung ist im jetzigen gebrauch die unumgelautete form kaum verwendbar: geh aus meinen augen, vielzüngigter bösewicht neue schauspiele (Preszb.-Leipz. 1771 ff.) 12, 3, 65; einem so vielzüngigen manne durfte Alexius nicht ... den oberbefehl lassen Raumer gesch. d. Hohenstaufen 1, 584. — vielzüngigkeit, vielzungigkeit, f. , den bedeutungen des adj. folgend: man erstaunte über die vielzüngigkeit der stämme Humboldt kosmos (1845 ff.) 2, 175; hier noch vielzüngig, -zungig, viele sprachen redend; scherzhaft: aber wir armen deutschen müssen nun, so lange die deutsche zunge dauert, den jammer einer vierfachen vielzüngigkeit in uns schlucken, wenn wir sagen: erstlich,

[Bd. 26, Sp. 205]


sie hat, zweitens Sie hat, drittens sie haben, viertens Sie haben J. Paul werke 27, 374 Hempel.vielzweigig, adj. , im eigentlichen sinne: alles dieses wäre an seinem viel-zweigigten quitten-baume befindlich Lohenstein Arminius 2, 236b; übertragen: was man doch bei einem solchen vielzweigigen stromsysteme vermuthen sollte Ritter erdkunde 1, 296.
5) viel verbindet sich mit einem vorhandenen adj., dessen begriff steigernd oder zur bezeichnung, dasz die eigenschaft in mannigfacher weise, nach verschiedenen richtungen sich offenbart, schon in alter sprache (s. oben unter III, 1 sp. 150 und 151): iþ Marja nam pund balsanis nardaus pistikeinis filugalaubis (ἡ οὖν Μαρία λαβοῦσα λίτραν μύρου νάρδου πιστικῆς πολυτίμου) Joh. 12, 3, über got. filu als adverb. beim adj. s. oben II, 3 sp. 125. im altnord. kommt einzelnes fjǫ als freies adverb. vor dem adj. nicht vor (fjǫl als subst. neutr. flotna fjǫl in Egils Hǫfuðlausn 17), dagegen in zahlreichen zusammensetzungen der poetischen sprache; hier handelt es sich also um sichere zusammensetzungen; schon oben ist bemerkt (sp. 151), dasz fjǫl den stab trägt. solche adj. sind fjǫlnýtr, -margr, -kunnigr, -blíðr, -dyggr, -dýrr, -errinn, -gegn, -góðr, -hress, -kostigr, -kœnn, -mætr, -nenninn, -vitr, -víss. daneben finden sich mit marg- gesteigerte adj. wie margdýrr, -fríðr, -fróðr, -illr, -nýtr u. a. im strengen prosastil werden diese gesteigerten adj. gemieden, nur marg-, fjǫlkunnigr, zauberkundig, ist allgemein gebräuchlich. hier aber handelt es sich nicht um blosze steigerung des adj.-begriffs, sondern um das wissen von vielen, den andern menschen geheimnisvollen dingen; fjǫlauðigr als beiname: Guðlaugr enn fjǫlauðgi Landn. 246, 24 Finnur Jónsson. über fjǫlskrúðigr s. oben unter 4 sp. 174. ags. fela alleinstehend wird nicht als adv. beim adj. gebraucht; am klarsten zeigt sich diese anwendung, wenn das adv. dem adj. nachgestellt werden kann, wie das im got. und ahd. der fall ist. in der ags. dichtung finden wir wie in der nordischen gesteigerte adjectiva, echte zusammensetzungen mit dem hochton auf dem ersten bestandteil:

gewāt him ðā se gomelamid his gædelingum,
frōd felagēomorfæsten sēcean Beow. 2950;

cwom ðā tō flōdefelamōdigra hagstealdra hēap 1888;

vgl. noch felafæcne, -frēcne, -hrōr, -lēof, -meahtig, -wlonc. mit rücksicht auf die ags. beispiele ist filuwîs im Heliand als composition anzusehen, da filu den stab trägt:

frôd endi filuuuîs — forn uuas that giu 570;

filuuuîse manfurn gisprâcum 624;

aber:

endi im sagda filu langsamna râd.uuarð eft lioht kuman 4527.

über den gebrauch des adv. vor dem adj. im ahd. und mhd., den mundarten, die wiederaufnahme des viel vor dem adj. im positiv s. oben sp. 125 und 126. im nhd. erfolgt in vielen fällen zusammenrückung und -schreibung von viel und dem adj., besonders auch bei der wiederbelebung dieser verbindung. wie weit schon in älterer sprache dem sprachgefühl die beiden bestandtheile zu einem worte verschmelzen, ist schwer zu sagen, da eine veränderung des sinnes beim adj. durch die verbindung mit viel nicht eintritt. in der glosse pre fulgore, filoliohtiu, viloperhtiu (Steinmeyer-Sievers 1, 514, 59) liegt die nachahmung eines miszverständlich angenommenen lat. adj. mit dem präfix prae vor, vielleicht darf man hier eine engere verbindung annehmen. ebenso wie das adj. wird das adv. durch viel gesteigert (s. unten vielleicht).
dasz es sich um zusammenrückung, nicht um eigentliche composition handelt, ergiebt sich aus der betonung: der hauptton liegt bei den adj., deren begriff durch viel gesteigert wird, auf der stammsilbe des adj.: vìelfrómm, vìelérnst, vìelédel, vìeléhrsam, auch vìelgestréng, vìelgetréu. anders aber ist es, wenn viel nicht einfach steigert, sondern die vorstellung des nach vielen seiten, in vielen richtungen gehenden hervortritt. das ist der fall, wenn das adj. verbalen sinn hat. hierher gehören adj. auf -sam wie vielbeugsam, das die gleiche bedeutung

[Bd. 26, Sp. 206]


hat wie vielbeugig, oder vieldeutsam, dem das gebräuchlichere vieldeutig zur seite steht. in diesen wörtern sollte der hochton zunächst auf viel liegen, wird aber gewöhnlich nach der bekannten regel nach der mitte verschoben; sie sind als zusammenbildungen von viel- und -sam mit dem verbum anzusehen. ebenso zusammenbildungen viel- mit bar: vielteilbar. zu verben gehören auch adj. wie vielbeweglich, leichtigkeit in verschiedenartiger bewegung bezeichnend, vieltauglich ('zu vielerlei tauglich' Campe); doch auch solche, in denen viel in zusammengefasztem sinne steht wie vieldünklich. alle diese wörter stehen dem oben unter 4 behandelten typus (zusammenbildung mit -ig) nahe, adj. wie vielgewichtig, vielgeschwätzig, vielgewaltig, vielgrimmig, auch äuszerlich, doch sind hier die adj. ohne viel nicht nur vorhanden, was bei den zusammenbildungen nicht immer der fall ist, sondern sie haben z. th. an sich schon eine emphatische bedeutung.
im nhd. wird die verwendung von viel vor adj. (und adv.) seltener, die möglichkeit der zusammenrückung beider bestandteile also geringer. es halten sich die verbindungen mit adj., die in der anrede, im titelwesen, briefstil gebraucht werden, und viel wird dann auch mit solchen wörtern zusammengeschrieben: vielwert, -lieb, -getreu, -treu, -gestreng, -günstig, -gütig, -ehrsam, -tugendsam, vieltugendreich (hier wird viel mit tugend verbunden und pluralisch empfunden, wie in zusammenbildungen mit -ig, vielblätterig). die romantiker bilden gern in anlehnung an die ältere sprache adj. mit steigerndem viel, vgl. vieledel, vielgolden, vielgrimm, vielgrün, vielhold, vielschön, vielweise. doch finden sich solche bildungen auch schon früher. einige der unten angeführten beispiele sind dem griechischen nachgebildet.
im bayer.-österreichischen ist viel vor dem adj. erhalten und wird von schriftstellern wie Anzengruber und Rosegger aufgenommen (vgl. vielherzig, vielsauber).
eine unsinnige bildung vielunzählig leistet sich Baggesen.
in der folgenden liste ausgewählter beispiele sind also adj. verschiedener typen zusammengefaszt, solche bei denen viel den begriff einfach steigert, und andere, in denen viel in extensiver weise den sinn des adj. ausbildet; meist hat dann das adj. einen verbalen sinn, wenn es auch nicht unmittelbar von einem verbum abgeleitet zu sein braucht; hier liegen z. th. zusammenbildungen vor.vielbedächtig, adj. : warum treiben sie den vielbedächtigen Campe nicht besser an Hebbel briefe 5, 285 Werner.vielbedeutsam, adj. : nun war wohl auch die regierung des landes auf die vielbedeutsame sache aufmerksam geworden Rosegger schriften (1895 ff.) 13, 122. — vielbedeutsamkeit, f. : wie kann ich aussprechen die vielbedeutsamkeit dieses mundes Herder 9, 472 Suphan.vielberedsam, adj. : da weiber so gern ihre empfindungen in worte übersetzen, und durch vielberedsamkeit mehr, als wir uns, sich von den papageien unterscheiden, worunter die weiblichen wenig reden J. Paul Levana 1, 129. — vielbeugsam, adj. , in der verschiedensten weise beugsam: der griechischen kunstschule ..., die in ihren schranken jedes bewegliche unseres vielbeugsamen körpers darzustellen .. sich getraute Herder 22, 171 Suphan.vielbeugsamkeit, f. : die 2 aoristos (im griechischen), die 3 futura, die participia und media, und die ganze vielbeugsamkeit eines verbi J. Paul doppelwörter 100. — vielbeweglich, adj. , gewöhnlich von der reflexiven u. passiven anwendung des verbums ausgehend, die möglichkeit der bewegung nach verschiedenen seiten, in verschiedenen richtungen bezeichnend, besonders im übertragenen sinn: die vielbewegliche melodie der leidenschaft (deren bewegung eine sehr verschiedene sein kann) Herder 22, 70 Suphan; vielbeweglich kann aber seine bedeutung auch von der activen bedeutung des verbums aus entwickeln, wie das einfache beweglich, dieses steigernd: eine vielbewegliche melodie kann auch eine stark bewegende sein.vieldeutsam, adj. , gleichen sinns wie vieldeutig: (medaille,) die statt der grosherz. köpfe einen sehr sinnreichen und

[Bd. 26, Sp. 207]


vieldeutsamen revers zeigen wird Göthe-jahrbuch 1, 347. — vieldünklich, adj. : gegen die feyertags berockte, allmodische, schlanckliche, vieldünckliche studenten buben Göthe briefe 3, 46 Weim. ausg.vieledel, adj. , in gehobener sprache, zunächst auf personen bezogen, besonders in der anrede:

vieledle frau, wir wollen gerne warten
Tieck schriften 1, 143;

verschüttet aus den kannen
flosz der vieledle wein
Geibel ges. werke 1, 171.

vielehrsam, adj. , im älteren stil der höflichkeit, dann gelegentlich als altmodisch aufgenommen; in verbindung mit tugendsam, auf das viel ebenfalls zu beziehen ist: auf begehren der hochädlen, viel-ehr und tugendsamen frauen Anna Barbara von Schlieben Neumark fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657) 113. — vielernst, adj. : für jene vielernste ... welt jenseits der alpen Fouqué altsächs. bildersaal 2, 634. — vielfromm, adj. :

falsche zeugnis. hon und spott,
speichel auch der knechte
leidet der vielfromme gott
Fischer-Tümpel das evangel. kirchenlied 2, 33.

vielgeduldig, adj. :

herz, mein herz, du vielgeduldiges
Heine 1, 72 Elster

(hier ist viel nicht einfach steigernd, das adj. ist dem griech. πολύτλας nachgebildet, vgl. DWB vielduldend, vieldulder). — vielgehässig, adj. :

darum kämpf' ich den vielgehässigen streit
Mich. Beer werke (1835) 213.

vielgelehrt, adj. , s. oben sp. 166. — vielgelenk, adj. : feuriges vielgelenkes geflatter (gegensatz: stilles schweben) J. Paul werke 15—18, 233 Hempel.vielgeltbar, adj. : wie hoch-edel, kostbar und vielgeltbar, auch nur die allerkleinste, geringste, und ärmste menschen seel, vor- und in den augen, ja herzen gottes müsse geachtet seyn Grimmelshausen Simpl. 3, 268 lit. ver.vielgeschwind, adj. : wolgelahrter, vielgeschwinder und hellstimmiger mester Lollinger Gryphius Peter Squenz 6 neudr.vielgesellig, adj. : in meinem vielgeselligen, mit tausenderley menschen in berührung kommenden leben Pichler im jahrb. der Grillparzerges. 3, 312. — vielgestreng, adj.; über die verwendung von gestreng als ehrenprädicat ritterlichen standes s. oben th. 4, 1, 2, sp. 4252; scherzhaft aufgenommen: ihr vater selber, der vielgestrenge kohlenbrenner, ist im stande und jagt sie davon Rosegger schriften (1895) 7, 111. — vielgetreu, adj.; über getreu zur bezeichnung des verhältnisses des gefolgsmannes zum herrn, des dieners zum herrn, des untergebenen zum fürsten s. oben th. 4, 1, 3, sp. 4501 ff., die verwendung des wortes im verkehr zwischen höher und niedriger stehenden sp. 4507 ff. diesem verhältnis entspricht die anwendung von vielgetreu bei Schiller:

willkommen meine vielgetreuen bürger
aus Orleans die jungfrau von Orleans 1, 3;

Rhampsenit von gottes gnaden
könig zu und in Ägypten,
wir entbieten grusz und freundschaft
unsern vielgetreu'n und liebden
Heine 1, 330 Elster.

das wort wird mit dem ende des 18. jh. in der schriftsprache seines gefälligen rhythmus wegen viel gebraucht:

wer hat wohl meinem arm und meinem schwerdte
von allen göttern bis anher genützt,
wenn du's nicht warst, mein lieber, vielgetreuer?
Tieck schriften 1, 350;

und den vielgetreuen sänger
hält man ferngebannt, verschlossen
Uhland gedichte 1, 209 Schmidt-Hartmann;

im verhältnis der liebenden, ehegatten:

aber keiner, als ihr vielgetreuer,
rührte jemals ihren sinn
Hölty ged. 60 Halm;

[Bd. 26, Sp. 208]


sie bedauerte ihre mutter, allein sie war bemüht dabey auch ihrem vielgetreuen zu gefallen Hippel lebensläufe (1778) 1, 222; schon im mhd. wird vil mit getriuwe verbunden:

mit trûrigem muoteder vil getriuwe man (Rüdiger),
den er daz reden hôrteder helt der blicte in an Nib. 2078, 1.

vielgeudig, adj. , sehr verschwenderisch (vgl. geudig bd. 4, 1, 3, sp. 4630): wie ... Demea ... so gäch z vil geydig seye Boltz Terenz (1539) 107a. — vielgewaltig, adj. , steigerung von gewaltig (s. den beleg aus Göthes Pandora), doch dann auch den unter 4 besprochenen zusammenbildungen nahestehend, s. oben sp. 175; Jesuiten sind vielgewaltig Schiller im Göthe-jahrb. 9, 137;

und eins erbitterte ihn recht,
ein vielgewalt'ger — pferdeknecht
Herder 27, 381 Suphan;

ihm ruht zu hause vielgewaltiger ein stamm,
der stets fernaus — und weit und breit umher gesinnt
Göthe 50, 310 Weim.;

denn vielgewaltig (δεινὴ) ist bei mensch und gott der zorn
des schutzbefohlnen Aischylos übers. von
Droysen (1841) 171.

vielgewichtig, adj. , das einfache gewichtig, das schon schwer wiegend bedeutet, steigernd, doch steht die bildung dem unter 4 behandelten typus nahe, s. oben sp. 175;

den vielgewicht'gen speer in kräft'ger hand
M. Beer Klytemnestra 1, 4.

vgl. unten vielwichtig. — vielgiltig, adj. , s. vielgültig. — vielglückselig, adj. :

hier im vielglücksel'gen land zu weilen Aischylos übers. von
Droysen (1841) 199.

vielgolden, adj. :

und den vielgoldnen sonnenglanz
lass in den becher schauen
Brentano ges. schriften (1852 ff.) 5, 351.

vielgrimm, adj. :

ihn dränget mit braus
sein feind, der vielgrimme, der winter, der leide
Rückert werke (1867 ff.) 2, 587.

vielgrimmig, adj. , grimmig steigernd:

der könig über die schulter sah,
vielgrimmig sah er drein
Fontane ged. 7395;

in folgender stelle aber kann es auch als zusammenbildung mit grimm, m., gefaszt werden, s. oben sp. 175:

ist er vilgrimmig, ist sie stillstimmig
ist er stillgrimmig, ist sie troststimmig
Fischart 3, 171 Hauffen.

vielgrosz, adj. : sie hatte ein vielgroszes anliegen Rosegger schriften II 9, 138; s. viel II 3 sp. 125. — vielgrün, adj. :

wohl auf und geh in den vielgrünen wald,
da steht der rothe frische morgen
Tieck schriften 16, 75.

vielgültig, vielgiltig, adj. : vielgültig, magnum pondus habens Stieler 683; vielgiltig, magnum pondus habens Steinbach 1, 617; besonders auch im curialstil verwendet; veraltet, aber noch von Adelung und Campe verzeichnet: ein vielgültiger mann; sein vielgültiges ansehen; ein vielgültiges fürwort für jemanden einlegen Adelung; wan auch der h. reichs cantzler, durch sein vielgültiges vermögen, den churfürsten zu Sachsen dahin disponirte Chemnitz schwed. krieg 2, 471 (1653); die offtmals gewaltige miszgunst, die vielgültige unwissenheit Neumark fortgepfl. musik. poet. lustw. (1657) zuschrift; name eines mitgliedes der fruchtbringenden gesellschaft: der vielgültige Palmbaum 283; dero vielgültige meynung schrifftlich zu eröffnen Weise erznarren 216 neudr.; also ersuche eure hochedelgebornen inständigst, mir dero vielgültigen beystand in diesem stücke zu gönnen König gedichte (1745) 639; er erfreuet dich durch den hellen klang dieser vielgültigen opfer J. E. Schlegel werke 3, 480; der vielgültigste vorspruch Adelung umständl. lehrgeb. 2, 94;

[Bd. 26, Sp. 209]


schau ihn ferner gnädig an,
du sein löblicher Augustus und vielgültiger Trajan
Neumark neuspr. teutscher palmbaum (1668) 336.

vielgültigkeit, f. : die vielgültigkeit (der hohe wert) der musik ist ursach daran Gottsched beyträge z. krit. historie 7, 16; die vielgültigkeit oder die logische wichtigkeit ... einer erkenntnis Kant 8, 40 Hartenstein.vielgünstig, adj. , verstärkung von günstig in der bedeutung von 'wohlgesinnt, geneigt'. es ist daher im briefstil der älteren nhd. zeit zunächst ein prädicat, das dem höherstehenden vom tieferstehenden gewährt wird, daraus erklärt sich dann die allgemeine anwendung in höflicher anrede: vielgünstiger herr, und freund, ewren willen zuvollbringen schauspiele engl. comöd. 269 Creizenach; in welcher zahl meine vielgünstige herren insonderheit zu zehlen ich grosze ursache habe Königsb. dichterkr. 218 neudr.; vielgünstiger leser pol. maulaffe (1679) vorrede.vielgütig, adj. :

sobald di bitte mein
vom hailgen bærge sein
hat erhört der vilgütig
Melissus psalmen 16 neudr.;

will der vielgütige gott auch, dasz es den menschenkindern kundt und er dadurch gepreiset werde Olearius pers. reise beschreibung 1, 1; höflichkeitsanrede: meinem groszen und hohen gönner, mächtigem beförderer und vielgütigem patronen Neumark poet. u. mus. lustwäldchen (1652) III b.vielgütigkeit, f. : danken auch dem hrn. kriegsrath für seine vielgütigkeit briefe von und an Merck (1838) 91. — vielhandlich, adj. : dem buntstoffigen romane und der vielhandlichen historie R. Wagner ges. schriften (1897) 4, 11. — vielheilig, adj. :

wollest der vielheiligen (σεμνᾶς Suppl. 139) ahnin kinder der ehe, ach,
unvermählt, unbezwungen lassen fliehn Aischylos übers. von
Droysen (1841) 288.

vielheiter, adj. :

schönes schlosz, vielheitre tage —
schlummernd rauschen, vogelsang
Eichendorff sämtl. werke (1864) 1, 621.

vielherzig, adj. : einen vielherzigen blick schlug sie zweimal auf zu der Toni Rosegger schriften (1895) 13, 345; vgl. viel II 3 sp. 125. — vielhold, adj. :

vielholde frauen,
an eurer hand laszt mich das haus beschauen
Müllner dram. werke (1828) 3, 190;

sanft küszt die nacht,
die vielholde trösterin,
die tagmüde erde moderne dichtercharactere 1.

vielkläglich, adj. : mit dem vielkläglichen blick einer weltverlassenen Zschokke schriften 24, 205. — vielklar, adj. :

Dirke's vielklarer quell (ὕδωρ τε Διρκαῖον Septem 290) vor allem trank labesüsz Aischylos übers. von
Droysen (1841) 356.

vielklein, adj. :

und als herzog Barnim, der vielkleine mann,
um mit markgraf Ludwig zu fechten,
war bis an den Cremmer-damm heran
Fontane ges. werke II, 1, 226.

vielklug, adj. , als name zur bezeichnung eines sich gescheit dünkenden: welches meister Vielklug nicht glauben dürfte, welcher der natur grund an fingern zehlen kann Böhme schriften (1620) 2, 273. — vielköstlich, adj. :

sie haben gar lange geschwiegen
von mancher vielköstlichen mär moderne dichtercharactere (1885) 168.

vielkräftig, adj. , s. oben unter 4 sp. 194. — vielkühn, adj. , spöttisch: sachte, vielkühner ritter! heut zu tage spielt man die romane anders Rabener sämtl. schriften (1777) 3, 291. — viellieb, adj. :

vielliebe schwester hör mich freundlich an.
Fouqué held des nordens 2, 13;

[Bd. 26, Sp. 210]



es wird auf unserer viellieben erden
so lange sie wandert, nicht anders werden moderne dichtercharactere (1885) 163;

wer, mein vielliebes kind? widerholte er Storm werke (1899) 6, 309. — vielmächtig, adj. , sehr mächtig Campe.vielnützlich, adj. , bei Schottel verzeichnet, teutsche haubtsprache 258. — vielreich, adj. :

vielreicher fried, der schönest du bist
ausz allen göttern jeder frist
Xylander Polybius (1574) 457;

der allgütige gott wolle E. Maj. krone mit vielreichen segen überschütten Harsdörffer gesprechspiele 5, 436;

hüter ihr drinnen vielreichen horts, die ihr in schlosses schoosze weilt Aischylos übers. von
Droysen (1841) 145 (Choeph. 785).

vielrosig, adj. :

drin glänzen zwei selige sterne,
drin blüht ein vielrosiger mund
Geibel werke 1, 32.

vielsauber, adj. : a vielsauber's dirndl Anzengruber ges. werke 9, 142; s. viel II 3 sp. 125. — vielschön, adj. :

auff dem vielschönsten königssaal
da möcht ihr euch mit freud ergötzen
Ayrer 3, 1457 lit. verein,

wohin ich geh und schaue,
in feld und wald und thal,
vom berg' hinab in die aue:
vielschöne, hohe fraue,
grüsz' ich dich tausendmal
Eichendorff s. werke (1864) 1, 473;

grüsz dich gott z'tausendmal
vielschöne nacht!
Anzengruber ges. werke 6, 268.

vielschöne, archaisierend:

er war da vielschöne gesessen auf auen.
Rückert werke (1867 ff.) 2, 587.

getrennt: nun ist wohl wahr, dasz der sommer und sonderlich das frühjahr viel schön sind. gleich wenn der winter schnee aufthauet und man den bloszen leib der erde zum erstenmal wieder sieht, fängt diese vielschönheit an Claudius Asmus (1775 ff.) 4, 99. — vielsüsz, adj. :

immer wieder küss' ich, du einziges herz,
deinen vielsüszen kindermund. moderne dichtercharactere (1885) 13.

vielteuer, adj. : (im fremdenbuch) fand ich auch den vielteuern namen Adalbert von Chamisso Heine 3, 33 Elster;

unsres vieltheuren (φίλου Choeph. 774) herrn waise ward ins leidensjoch
eingeschirrt Aischylos übers. von
Droysen 2145.

vieltreu, adj. : ich mich einen viel-treueren freund der Römer bezeigen wollte A. U. von Braunschweig Octavia 3, 101;

getrost, vieltreuer sohn! bald heilen all' die wunden
Kerner gedichte (1854) 274.

vieltugendreich, adj. :

er (gott) wird verhoffentlich dein hausz forthin erhalten,
vil-tugendreiche frau.
Rompler v. Löwenhalt erstes gebüsch (1647) 136.

vielunzählig, adj. :

vielunzähl'ger stanzen und romanzen
in zahllosvielen trippel-assonanzen
Baggesen poet. werke (1836) 3, 231.

vielveränderlich, adj. : unsre vielveränderliche atmosphärische luft Herder 22, 28 Suphan.vielverderblich, adj. :

ihr vielverderblichen (πολυφθόρους Septem 902) im kampf Aischylos übers. von
Droysen 2381.

vielwacker, adj. :

das dank ich dir, mein alter,
vielwackrer kopf.
Grillparzer 8, 260 Cotta.

vielwahr: vilwar, fere Diefenbach nov. gloss. 171a; fere wohl miszverstanden für vere. — vielweise, adj. :

[Bd. 26, Sp. 211]


du wirst nun auch schon alt, vielweise mutter
Fouqué held des nordens 2, 6;

der Vilweisz als scherzname fastn. sp. 2, 857 lit. ver.vielwert, adj. , in höflicher anrede: herrn Arnold Müllern seinen vielwehrten groszen freund Rist neuer teutscher parnasz (1652) 212; hochgeehrte und sämtliche vielwehrte anwesende Neumark fortgepfl. mus.-poet. lustw. (1657) 2, 97; mein vielwerther ritter, antwortete sie volksb. v. geh. Siegfried 86 neudr.; ich bin sehr erfreut, vielwertheste frau hofräthin Iffland theatr. werke (1827 ff.) 4, 200; der Vielwehrte, gesellschaftsname des Christoph Albrecht v. Adelsheim Neumark neuspr. palmb. (1668) 394. — vielwichtig, adj. : ein vielwichtiges wort Herder 5, 500 Suphan; hier also im sinne von vielgewichtig. — vielwillkommen, adj. :

o süsze stimme! vielwillkomner ton
der muttersprach' in einem fremden lande
Göthe 10, 35 Weim.

und froh der vielwillkomnen pflicht,
macht er im flug sich auf
Schiller 11, 252 krit. ausg.

vielzufrieden, adj. :

(als) jeder stümper bei dem grab
ein blümchen an die ehrenkrone,
ein scherflein zu des edlen lohne,
mit vielzufriedner miene gab
Göthe 2, 148 Weim.


6) dem nhd. gehören zusammenbildungen von viel- und -er mit verbalstämmen an (s. unter a), meist gelegenheitsbildungen, nur einige wie vielschreiber, vielwisser haben sich im allgemeinen sprachgebrauch festgesetzt. die bildungsweise ist noch ganz lebendig; neben der zusammensetzung mit viel ist das einfache m. auf -er an sich überall möglich, wenn auch nicht immer gebräuchlich. neben den mit viel- zusammengesetzten m. auf -er stehen f. auf -erin (vielfragerin, vielwisserin); der verbale sinn des zweiten bestandtheils wird sehr deutlich empfunden, gewöhnlich ist viel- das object zu dem im zweiten bestandtheil enthaltenen verbalbegriff (vieldulder), doch kann viel auch als adverb. bestimmung bei einem intransitiven verbal - subst. stehen (vielirrer). der verbale sinn, das verhältnis einer auf das object gerichteten thätigkeit kann in der zusammenbildung stark hervortreten, während im subst. auf -er ohne viel diese verbale vorstellung nicht mehr so deutlich empfunden wird: man vergleiche vieldichter und dichter. neben dem richtig gebildeten vielreder steht das weit öfter gebrauchte vielredner, viel wird mit dem vom subst. ahd. redina abgeleiteten wort zusammengesetzt, dabei wird aber verbaler sinn deutlich empfunden, mehr jedenfalls als bei redner. ebenso ist das verhältnis zwischen lügner und viellügner. Campes verdeutschung vielherrscher für polykrat ist miszlungen, weil hier das bei diesem worttypus vorwaltende verhältnis zwischen viel und dem verbalbegriff des zweiten bestandtheils nicht beachtet wird. vielherrscher soll nach Campe den einzelnen unter vielen bezeichnen, die eine herrschaft ausüben. eine zusammenbildung mit vielerlei (vielerleiwisser) neben einer solchen mit viel findet sich z. b. bei Holtei.
viel schwächer ist die gruppe der zusammenbildungen von viel- und -er mit substantiven (s. unter b). die meisten sind dem griechischen nachgebildete zoologische namen, durch die bezeichnet wird, dasz bestimmte äuszere kennzeichen in masse, gröszerer anzahl oder doch mehrzahl vorhanden sind; vgl. vielhufer neben einhufer; vielborster, -dorner, -flosser, -stachler, umgelautet: vielmäuler, -zähner. andere bildungen sind selten; belegt sind unten vielkünster, vielgötter (daneben vielgötterer), vielweiber, wörter, die sich nicht gehalten haben. Fr. L. Jahn bildet vielspracher. -ler, statt -er zeigen vielfüszler, -röckler, -weibler; vielsilbler neben vielsilber; s. auch vielzüngler; -ner für -er in vielflächner.
um zu bezeichnen, dasz kennzeichen in gröszerer anzahl an einem wesen oder gegenstande vorhanden sind, können auch zusammensetzungen ohne -er verwendet werden (vielauge, -finger, -napf, -strahl u. ä.). diese sind unten einzeln eingereiht.

[Bd. 26, Sp. 212]



a) vielbesitzer, m.:

der ist ein vielbesitzer, der nichts begehrt
Herder 27, 178;

vielbeter, m. , 'einer der viel betet' Campe (als 'niedriges, aber deshalb noch nicht verwerfliches wort'). — vieldenker, m. : (universelle schriftstellerfertigkeit) über die vieldenker und die eindenker, Schlegel z. b. und Fichte Novalis 3, 294 Minor.vieldichter, m. : herr v. Halem scheint mir ein vieldichter zu werden — das ist nicht ganz gut Knebel lit. nachl. (1835) 2, 391. — vielerzähler, m. : aber die personen dieser berühmten vielerzähler (A. Dumas und E. Sue) sind dir unbekannt Gutzkow ges. werke (1872 ff.) 11, 387. — vielesser, m. : eine speise vor einem vielesser, eine flasche wein vor einem trinker retten Campe unter retten; krankhaft veranlagter vielesser Hoefler krankh. namenb. 115b. — vielfrager, m. , hierzu vielfragerin, f.: die vielwiszerinn, vielfragerinn von Baden war sehr honnet gegen mich Lavater in schriften d. Goethe-ges. 16, 215. — vielfresser, m. :

doch triffts sonders die fresser an,
die man gar nicht erfüllen kan,
mit recht vielfresser gnennet wern
Eyering proverb. copia (1601 ff.) 2, 212;

im pathologischen sinne, in dem vielfrasz nicht angewandt werden kann: einige merkwürdigkeiten aus dem leben eines zu Ilfeld im jahre 1771 verstorbenen viel- und steinfressers hannov. magazin 1788, 1505. — vielgebärerin, f. :

ich grüsze dich, o mutter erde, dich
du vielgebährerin
Herder 29, 611 Suphan.

vielhändler, m. : hergegen findt man leut, die seynd beredt, geschwetzig, und vielhendler Albertinus zeitkürzer (1603) 62. — vielherberger, m. : ein aufnehmer Hades, ein vielherberger Polydegmon, ein segner Pluton Voss antisymb. 1, 199. — vielherrscher, m. , als verdeutschung von polykrat bei Campe; s. die einleitende bemerkung vor diesem abschnitte.vielirrer, m. , multivagus, vilhirrer Diefenbach gloss. 371a. — vielklaffer, m. : nicht ist schendiger dan ein velklaffer unde hoverdich quelle bei Schiller-Lübben mnd. wb. 5, 224b (s. oben klaffer, schwätzer, verleumder th. 5, sp. 900 und klaffen sp. 894). — vielkönner, m. , 'einer, der viel kann, vielerlei zu machen, zu verrichten gelernt hat; wie auch, der viele kenntnisse besitzt' Campe; er bezeichnet das wort als von ihm herrührend und für die 'untern (scherzenden, spottenden, launigen) schreibarten' geeignet. es wird durchaus im ernsten sinne verwendet.vielleser, m. : denn ich bin eben nicht ein vielleser Sonnenfels ges. schriften (1784) 6, 421. — viellügner, m. : vielschwätzer, viellügner Fischer schwäb. wb. 2, 1498. — vielreder, m. : affatus, vilreder Diefenbach nov. gloss. 10b; loquentuleius, schwatzmaul, laferer, villreder, lafermann Schöpper synon. (1550) c 6 c; vielreder, blatero, loquaculus; vielrederinn, loquacula, nugigerula Stieler 1542. — vielredner, m. : multiloquax, vilredener Diefenbach gloss. 370c; obersteuerrath Schraube, ein feinschmekker, ... flottleber, vielredner ... führte das grosze wort Holtei erz. schriften 8, 200; s. die einleitende bemerkung vor diesem abschnitt.vielsäufer, m. : an einen vielsäufer Neumark poet. u. mus. lustw. (1652) 224. — vielschläfer, m. : ein fauler lang- oder viel-schläfer öcon. u. physic. lexicon (1750 ff.) 8, 836. — vielschreiber, m. : 1) 'einer, der viel schreibt; besonders ein schriftsteller, welcher viele bücher schreibt oder geschrieben hat (polygraph)' Campe; als verächtliche bezeichnung eines schriftstellers, der mehr durch die weitschweifigkeit, besonders auch massenhaftigkeit als den wert seiner schriftstellerei gekennzeichnet wird, seit dem 18. jh. gebräuchlich, zuerst aber noch im neutralen sinne: Plato, Aristoteles, Cicero, und andere vielschreiber unter den alten Gottsched vern. tadl. 2, 39, 26; er wäre ein merkwürdiger autor geworden, wenn er nicht vielschreiber, ja sudler geblieben wäre Tieck schriften 6, XVII; 2) name einer art klein- oder schabkäfer (dermestes polygraphus) Nemnich.

[Bd. 26, Sp. 213]


vielschwätzer, m. : ich stelle mich lieber neben den antworter — als den vielschwätzer Lavater physiognom. fragmente (1775 ff.) 4, 137; s. oben viellügner. — vielsprecher, m. : ein vilsprecher, en vele spreker Diefenbach gloss. 370c. — vielsprecherin, f. : die gelehrte vielsprecherin hatte allein schuld, dasz ich nicht einmal wuszte, wie sie aussah Thümmel reise i. d. mitt. provinzen v. Frankr. 7, 351. — vieltuer, m. : alltagsgesichter oder heuchelnde vielthuer Herder 23, 190 Suphan; bei Campe als 'niedriges, aber deshalb nicht verwerfliches wort' bezeichnet.vielversprecher, m. : zuerst, du edeldreister, — vielversprecher und mehrleister Rückert werke (1867 ff.) 11, 524. — vielwanderer, m. : selbst ja ihr ionischer Mithomer fleht im eingang der Odyssee, dasz auch ihm die muse, wie andern vor ihm, etwas von dem vielwanderer offenbare (πολύτροπος) Voss antisymb. 2, 233. — vielwäscher, m. , wie vielschwätzer: ob du schon auff meine wort dich als ein vielwascher auszreden und beschönen kannst Kirchhof wendunmut 1, 66 Österley. vgl. DWB waschen 8 th. 13, sp. 2242. — vielwisser, m. : gernwiszer, et vielwiszer, sciolus, nasutulus, it. curiosus Stieler 2567; 'einer, der viel weisz, viele kenntnisse besitzt (polyhistor); oft bezeichnet man nur einen solchen damit, der sich viel zu wissen dünkt, der viel zu wissen vorgiebt' Campe; das wort kann nach dem zusammenhange in verschiedenem sinne gebraucht werden, erstens nach dem gegenstande des wissens, einmal im allgemeinen sinne, dann entsprechend der eingeschränkten bedeutung von wissenschaft, zweitens kann das wort im günstigen (vgl. unten die stellen aus Kleist und Arndt) und in ungünstigem sinne gebraucht werden. letztere gebrauchsweise ist die gewöhnliche; in der einschränkung auf bildung und gelehrsamkeit bezeichnet es einen, der ein umfangreiches, aber nicht geordnetes, organisch gegliedertes oder ein wegen mangels an geist unfruchtbares wissen besitzt. Holtei bildet daher neben vielwisser zur verdeutlichung vielerleiwisser. der vielwisser Klotz musz nichts wissen, was er wissen soll Herder 3, 433 Suphan; zu jenem vielwisser, als welchen er sich im abc-buch überall durch thierkunde, erziehung- und sittenlehre, poesie und prosa zeigt J. Paul leben Fibels 26; die weite des platten landes hingegen wirkt mehr auf den verstand und hier findet man die denker und vielwisser H. v. Kleist 5, 100 Schmidt; bei der imposanten gelehrsamkeit jener vielwisser (gegensatz: denker) Schopenhauer werke 5, 507 Grisebach; es wäre manchem viel- und vielerleiwisser gar dienlich ... besäsze er daneben auch ein klein wenig feine lebensart Holtei erz. schriften 21, 71;

die vielwisser.
astronomen seyd ihr und kennet viele gestirne,
aber der horizont decket manch sternbild euch zu
Schiller 11, 172 krit. ausg.;

Orpheus gewann durch die leier den höchsten ruhm bei den menschen, ...
durch den kunstbau der lieder der hohe vielwisser Homeros
Arndt werke 6, 96 Rösch-Meisner.


b) vielborster, m., als thierbezeichnung, viele borsten habend: vielborster, polychaetae (meerwürmer) Brehm tierleben (1890 ff.) 10, 116. — vieldorner, m. : vieldorner, polycanthus (eine fischart) Brehm tierleben (1890 ff.) 8, 185. — vielflächner, m. , polyeder, vielflach. — vielflosser, m. : vielflosser, polypteridae (fische) Brehm tierleben (1890 ff.) 8, 433. — vielfüszer, m. : vielfüszer, julidae (asseln) Brehm tierleben (1890 ff.) 9, 672, daneben vielfüszler.vielgötter, m. , ein polytheist, einer der viele götter hat, anbetet: polytheus, ein vielgötter Kinderling reinigk. d. deutschen sprache (1795) 202; man suchte nicht nur die vielgötterey, sondern auch, wie es nicht anders seyn konnte, die vielgötter selbst zu unterdrücken allg. d. bibl. 1, 2, 142 — daneben vielgötterer: Hiob war ungetheiltes herzens, d. i. kein vielgötterer Schleswigsche lit. briefe (lit denkm. 30, 308); Campe im ergänzungswb. erklärt vielgötterer für besser als vielgötter; die pfäffischen vielgötterer Voss antisymb. 1, 197. — vielhufer, m. : die einhufer geben sich ... als steppentiere, die vielhufer ... als sumpfbewohner zu erkennen Brehm tierleben (1890 ff.) 1, 25.

[Bd. 26, Sp. 214]


vielkünster, m. , als neubildung bei Campe aus J. Paul belegt, der aber an der stelle, wenigstens nach der ausg. von 1828, vielkünstler (s. dies unten) schreibt: einer, der viele künste versteht.vielmäuler, m. : vielmäuler, polystomeae (würmer) Brehm tierleben (1890 ff.) 10, 188. — vielreiher, m. , ein fisch Brehm tierleben (1890 ff.) 8, 147. — vielschaufler, m. , pflügmaschine mit vielen pflugscharen.vielsilber, m. , 'ein aus vielen silben bestehendes wort' Campe (polysyllabum); daneben auch vielsilbler.vielspracher, m. : es ist so, als wollten die vielspracher (die fremden sprachen anhängen) mit dem volke versteck spielen Jahn werke (1884 ff.) 2, 629. — vielstachler, m. : vielstachler, polycentridae (fische) Brehm tierleben (1890 ff.) 8, 67. — vielweiber, m. , bei Campe als neubildung aus Herder verzeichnet: vilweiber, vilweibiger, einer der vil weiber hat, multigamus voc. von 1482 kk 4b; bey den vielweibern hat auch selten ein mann so viel kinder, als bey uns Claudius 3, 103 (1775 ff.). — vielweibler, m. : die Mennoniter, die vielweibler, die sacramentierer Nas das antipap. eins u. hundert 1, 166a. — vielzähner, m. : vielzähner, polyodontidae (fische) Brehm tierleben (1890 ff.) 8, 432. — vielzüngler, m. , multarum linguarum gnarus Stieler 2655.
7) zusammenbildungen von viel und -erei treten erst in neuerer zeit in gröszerer anzahl auf, z. th. unter fremder einwirkung: vielgötterei, polytheismus, vielmännerei, polyandria. bei einigen dieser wörter stehen masculina auf -er daneben, nicht nur ein vielwisser neben vielwisserei, und so bei andern ableitungen von verben. sondern auch ein vielgötter neben vielgötterei. indessen werden die von verben stammenden durchaus als zusammenbildungen von viel- und -erei mit dem verbum empfunden und zum verbum, nicht dem davon abgeleiteten masc. auf -er in beziehung gesetzt. das ergiebt sich schon aus dem durchaus ungünstigen oder verächtlichen sinne, in dem diese feminina gebraucht werden, der für das suffix -erei bezeichnend ist (Wilmanns deutsche gramm. 2, § 287, 2), vgl. vieldienerei, -schreiberei, -wisserei, -wollerei, -tuerei. bei vielrednerei liegt die gleiche abweichung vor wie bei vielredner, s. oben unter 6 a; auch vielrednerei wird doch auf das verbum bezogen; eine bildung vielrederei wäre daneben denkbar. vielherrscherei ist unten aus Wieland als übersetzung von πολυκοιρανίη bezeugt; wollte man es auf das verbum beziehen, käme ein ganz anderer sinn heraus: betätigung des herrschens in überall störend eingreifender, verwirrender weise, vgl. DWB vielregiererei. auch auf herrscher bezogen ist es eine unglückliche bildung, und vielherrschaft bei Voss giebt den sinn des griech. wortes klarer wieder. die vom nomen abgeleiteten wörter auf -erei brauchen an sich nicht den ungünstigen sinn zu haben, der den verbalen ableitungen eigentümlich ist, doch stellt er sich auch hier meist ein; solche bildungen sind: vielmännerei, -weiberei, -kinderei, -götterei, -staaterei, -freunderei.
der plural ist naturgemäsz bei diesen wörtern nur ausnahmsweise im gebrauch: ein beleg aus Rosegger ist unter vielschreiberei angeführt.
eine bildung abweichender art ist vielweserei, dem ein schon oben (sp. 203) erwähntes vielweserig zur seite steht.vieldienerei, f. : Polonius. seine vieldienerei, die ihn sich so beidrängen macht, den Hamlet zu erforschen, ist typisch Ludwig ges. schriften 5, 142 Stern.vieleherei, f. , findet sich z. b. im anhang z. allgem. d. bibl. 1—12, 965. — vielfresserei, f. , bildlich: Hagens ankündigung des blosen textes ist ja ganz abgeschmackte vielfresserei Görres briefe (1858 ff.) 2, 324. — vielfreunderei, f. (vgl. πολυφιλία): unsere freundschaften sind nicht eifersüchtig, sie bestreiten die vielfreunderei nicht Varnhagen v. Ense tagebücher 2, 160. — vielgötterei, f. , 'derjenige gottesdienst, da man viele götter, oder mehr als einen, verehret' Adelung; 'der glaube an viele götter, der vielgottglaube; wie auch die verehrung, anbetung vieler götter (polytheismus)' Campe; polytheismus, vielgötterey Kinderling reinigk. d. d. sprache (1795) 202. das wort, als vertretung des fremden polytheismus

[Bd. 26, Sp. 215]


gedacht, wird doch in neuerer sprache im stile wissenschaftlicher darstellung wieder gemieden und durch das fremdwort ersetzt. wird dagegen der begriff übertragen und im uneigentlichen sinne gebraucht, so behält man vielgötterei bei (vgl. J. Paul unter vieliebhaberei): er treibt im kultus der freundschaft eine wahre vielgötterei u. ä. die natur der vielgötterey, die ihrem wesen nach duldend ist, verstattete die einführung fremder gottesdienste d. neueste aus d. anmuthigen gelehrs. 7, 933; so entstand natürlicher weise vielgötterey und abgötterey Lessing 313, 417 Muncker; selbst eine reine vielgötterei, wie die der Griechen und Römer Göthe 7, 44 Weim. ausg.; von der vielgötterei zur ohngötterei J. Paul werke 4, 17 Hempel.vielherrscherei, f. , im sinne des homerischen πολυκοιρανίη (Il. 2, 204):

vielherrscherei taugt nicht! nur einer sei herrscher, nur einer
könig
Wieland 25, 142;

(Voss: vielherrschaft). — vielicherei, f. : vielgötterei oder viel-icherei J. Paul werke 19, 86 (mit bezug auf Fichtes system). — vielkinderei, f. : eigenthum und vielkinderei, hauptquellen des glücks und des unglücks der völker. von Franz Baltisch, Kiel 1846. — viellehrerei, f. : sehr ernstlich warnt der verfasser vor der viellehrerei Mommsen röm. gesch. 2, 458. — viellernerei, f. : der viellern- und nichtswisserei fände sich thür und thor geöffnet Grillparzer 14, 165 Cotta.vielleserei, f. : oder ist es unsere vielleserey, welche uns bey dem bessern nicht verweilen läszt Jacobi s. werke (1807 ff.) 6, 181. — vielliebhaberei, f. (zu liebhaben): das fressende gift der vielliebhaberei und vielgötterei J. Paul werke 15—18, 612 Hempel.vielmacherei, f. : so wird ... die spreu der leeren vielmacherei von selbst verstieben Keller nachgel. schriften (1893) 62. — vielmännerei, f. : vielmännerey, 'ein nach vielweiberey gebildetes wort, dasjenige verbrechen zu bezeichnen, da eine frau mehr als einen mann zu einer und eben derselben zeit hat' Adelung; ebenso bei Campe mit hinweis auf das griech. πολυανδρία. in neuerer zeit wird das wort in dem Adelungschen sinne im rechtsverkehr nicht angewandt, jedenfalls nicht, wenn es sich um zwei männer handelt; der begriff des verbrechens tritt überhaupt zurück, und besonders wird vielmännerei in neuerer zeit gern gebraucht, um die bei verschiedenen völkern bezeugte ehesittezu bezeugen, dasz mehrere männer, vor allem brüder, gemeinschaftlich eine frau besitzen; (ohne umlaut:) sollen alle ehegatten ... gewarnet seyn, für dem monstro, das da heiszt πολυγαμία, zu teutsch vielweiberey, oder welches viel ungehewrer, vielmannerei Dannhawer catechismus milch (1657 ff.) 3, 268; sieht man die vielmännerey der Samariterin an Göthe briefe 48, 12 Weim. ausg. (hier also in anderer anwendung, verbindung mit mehreren männern nacheinander); echter vielmännerei begegnen wir dagegen unter den völkern u. s. w. Peschel völkerkunde (1874) 231. in anderem sinne: Nicolausens vielgroszmännerei (streben, vieles zugleich zu sein) J. Paul werke 27—29, 42. — vielmeinerei, f. : so wird das sehr bald von der deutschen vielmeinerey mit schutt überdeckt werden Göthe briefe 26, 195. — vielrednerei, f. : dasz die Griechen von ihren volksversammlungen her eine neigung zur umständlichen vielrednerei hatten Grillparzer 16, 85 Cotta.vielregiererei, f. : alle welt klagte über vielregiererei Treitschke deutsche gesch. 3, 233. — vielschreiberei, f. : 'das viele schreiben, wie auch die eigenschaft eines menschen, besonders eines schriftstellers, da er viel schreibt, da er ein vielschreiber ist (polygraphie)' Campe; das wort wird selten ohne beziehung auf litterarische thätigkeit angewandt, doch kann man wohl sagen: die vielschreiberei bei den behörden u. ä. die advocatenstuben mit ihren ... vielschreibereien ... sind wahre folteranstalten Rosegger schriften (1895 ff.) 15, 419; gewöhnlich aber vom litterarischen schreiben. auf den einzelnen gehend bezeichnet es entweder die production im übermasz oder die behandlung aller möglichen stoffe und themata.

[Bd. 26, Sp. 216]


daneben wird es in entsprechender anwendung gebraucht für die schriftstellerei einer zeit im ganzen genommen, stets in ungünstigem sinne: vielschreiberei in mehreren sprachen, durch frühzeitiges dictiren begünstigt Göthe 35, 3 Weim. ausg.vielstaaterei, f. : unsere vielstaaterei ... steht wie eine eigenthumsfrage da, an der sich zu vergreifen für politischen diebstahl, d. h. hochverrath gilt Gutzkow ges. werke (1872 ff.) 10, 213. — vieltuerei, f. , als verdeutschung von πολυπραγμοσύνη von Campe verzeichnet; das gleiches bedeutende vielgeschäftigkeit hat sich besser eingebürgert, s. dieses oben sp. 188 und vieltätigkeit sp. 202; dies anstreben nach dem neuen und unbekannten, diese viel- und zuvielthuerei Herder 30, 278 Suphan.vieltumerei, f. :

vyel pfarren, und vielthmerey
probsteyen, pfrnen, auch dabey
hatt mancher under seiner handt
dem die geschrifft ist unbekandt in Goedekes ausgabe des
P. Gengenbach 622;

zu thum für dom gebildet, doch ist viel hier nicht wirklich mit thumerey zusammengesetzt.vielweiberei, f. : vielweiberey, polygamia Stieler 2471 (bigamia übersetzt er mit zweyweibtum); viel-weiberey, polygamia Frisch 2, 400c; polygamia, oder viel-weiberey, heiszet, wenn ein mann sich mehr als eine frau auf einmahl und zu gleicher zeit antrauen lässt frauenz. lex. (1715) 1507. was oben bei vielmännerei bemerkt worden ist, gilt auch hier: vielweiberei wird mehr und mehr eingeschränkt auf die vorstellung des durch sitte gebilligten zustandes, nicht mehr dagegen angewandt auf das in unserer gesellschaft unter strafe gestellte verbrechen: dahin gehören alle gewaltätigkeiten, menschenraub ..., die vielweiberey allg. deutsche bibl. anhang zu 25—36, 2911. vielweiberei ist freie nachbildung von πολυγαμία, es wurde bei der verdeutschung der gewöhnlichere fall zugrunde gelegt. nun scheidet auch den ehestand die polygamia, das ist, die vielweiberey Dannhawer catechismus milch (1657 ff.) 3, 261; die heftigsten verteidiger der vielweiberey Lessing 5, 174 Muncker; dr. Forster sagt, die vielweiberey bringe mehr mädchen als knaben hervor Lichtenberg verm. schriften (1800 ff.) 2, 207; vielweiberei ist über ganz Africa verbreitet Peschel völker kunde (1874) 229; bei tieren: vielweiberei gibt es nicht unter den tieren Brehm tierleben (1890 ff.) 5, 471; andere thiere halten viel von der viel-weiberey Döbel jägerpractica (1754) 3, 141. — vielweserei, f. : vielweserig nennt man denjenigen, der sich sehr geschäftig anstellt, kein sitzfleisch hat, in kleinigkeiten viel aufheben macht. ein solches angenommenes betragen heiszt die vielweserey Hupel idiot. d. dtsch. sprache in Lief- u. Ehstland (1795) 252; vgl. viel wesens von etwas machen; das freute den diensteifrigen, der ohne vielweserei es doch nicht verschmähte, sich gern wichtig zu machen Jahn werke (1884) 1, 471. — vielwisserei, f. : 'das viele wissen, reichtum von vielerlei kenntnissen (polyhistorie). gewöhnlich aber nur der schein vieles wissens, vorgegebenes vieles wissen eines vielwissers' Campe; das wort wird durchaus in ungünstigem sinne gebraucht, die anhäufung toten oder ungeordneten, zerstreuten wissens bezeichnend: mitten in der gelehrten barbarey, die an stelle der seichten vielwisserey der vorigen zeiten getreten war M. L. Schmidt gesch. d. Deutschen (1778) 3, 330; dem herzensfrost gelehrter vielwisserey Fr. Schlegel pros. jugendschriften 1, 118;

die dummheit in verschiedenem kleid
wird in Deutschland und Österreich frei;
bei uns die dummheit aus unwissenheit,
dort die dummheit aus vielwisserei
Grillparzer 3, 165 Cotta.

vielwollerei, f. : damit endlich die langgesponnene komödie seiner (Europas) kleinstaaterei und ebenso seine dynastische und demokratische viellwollerei zu einem abschlusz käme Nietzsche 7, 156 (zeitschr. f. d. wortforschung 15, 120).
8) substantivierter infin. mit viel als object; bei der compos. ruht der hauptton auf dem ersten bestandtheil, das vielreden, -schreiben, -tun, -wissen u. ä.

 

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