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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
verwandtschaft bis verwandtschaftsthätigkeit (Bd. 25, Sp. 2129 bis 2132)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) verwandtschaft, f. , seit dem 15. jahrh. belegt, seit dem 16. gebucht, z. b. Calepinus XI ling. 262a, 612a u. ö. Hulsius (1618) 261a; Dentzler 316a; Steinbach, Adelung, Campe. mnd. vorwantschop Schiller-Lübben 5, 496; zuweilen in mawbb. gebucht: schwäb. Fischer 2, 1401; lux. ma. 468; niederhess. Hoffmann 252; waldeck. Bauer-Collitz 32; wb. d. Elberfelder ma. 169; cronenberg. Leihener 36b; ostfries. Doornkaat-Koolman 1, 470.
1) zu verwandt 1—2: früntlich verwandtschaft ... zwüschen dir und mir ... entsprungen ist Riederer spiegel d. waren rhetoric q 1a; dieweil ein vil andere v., lieb und pfleg zwischen ehleuten bestehet als zwischen der herschaft und eim knecht Fischart 3, 189 H.; derjenigen vinculo und v., welches mit dem königreich Böhmen die incorporirten länder ... hetten, im geringsten zu praejudiciren v. Chemnitz schwed. krieg 2, 226;

standhaft und treu, treu und standhaft,
die machen ein rechte teutsche verwandschaft
Lehmann florilegium politicum (1662) 3, 325.


2) zu verwandt 7.
a) cognatio Calepinus XI ling. 262a; parentela, consanguinitas, affinitas 1024b; propinquitas, sanguinis conjunctio, necessitudo, v., blutsfreundschaft 1174a; gesippschaft, v. 938a; der könig sol kein v., sondern allein die billickeit ansehen Friedrich Wilhelm sprichwörterregister fa nr. 290; die beiden herren verständigten sich schnell über den grad ihrer v. G. Keller 5, 74; nahe (d. neueste a. d. anmuth. gelehrsamk. 4, 530; M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen 3, 75), ferne (Arnim 12, 121 Gr.) v.; die fesseln (Gellert w. 9, 89), bande (F. M. Klinger w. 3, 227) der v.; v. durch heirat, verschwägerung: iedermann verlangte seine gunst und verwandtschaft Grimmelshausen 4, 748 Keller;

zwei edle häuser in Mirandola,
der eifersucht, der langen feindschaft müde,
beschlossen,
durch der verwandtschaft zarte bande sich
in einem ewgen frieden zu vereinen
Schiller 5, 2, 170 (Don Karlos 1, 4) G.

in weiterem sinne von dem verhältnis zwischen paten und täufling Kraus realencykl. d. christl. altert. 2, 944, von der geistlichen v. der taufzeugen Hübner zeitungslex. (1824) 4, 806a; dasz es mir höchst erwünscht sey, bey dieser gelegenheit mit einem so allgemein geliebten und geschätzten mann (durch vertretung bei der taufe) in einige v. zu treten Göthe IV 34, 35 W.
b) die gesamtheit der verwandten personen: all sipschaften, verwandschaften, vetterschaften Fischart Garg. 94 ndr.; Adolph hatte ohnehin eine mächtige v. M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen 4, 255; ob er etwa zur v. gehörte Göthe III 2, 147 W.; die nähere v. war in der geräumten groszen wohnstube versammelt G. Keller ges. w. 1, 254.
c) viele zusammensetzungen: verwandtschaftsähnlichkeit Göthe 49, 238 W. -band: desjenigen ..., den das engste v. an uns knüpfen sollte theater d. Deutschen 18, 471; Ratzel völkerkunde 2, 182. — -baum, stammbaum allg. deutsche bibl. 25, 204. — -begriff Jac. Grimm kl. schr. 3, 30; eine cousine meiner groszmutter, also nach schlesischen v-en eine tante meiner armen

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mutter Holtei erz. schr. 22, 40. — -bezeichnung: fünf v-en, nämlich die masculina fater und bruoder, die feminina muoter, tohter und swester Braune althd. grammatik3 202. — -beziehung Nestroy ges. w. 4, 236; Peschel völkerkunde 415. — -folge Zschokke s. ausgew. schr. 31, 209. — -glied: bis in das vierte v. ist keine ehe gültig Ritter erdkunde 4, 644. — -gliederung Ratzel völkerkunde 2, 66. — -grad: immer nöthiger wird es daher, dasz schon jetzt die konsistorien von allen verbotenen v-en auf einmal dispensirten Jean Paul 30, 23 H.; päpstliche gesandte ordneten hier alles nach römischer weise, über priesterehe, v-e, besetzung geistlicher stellen usw. Raumer gesch. d. Hohenstaufen 3, 254; der nähere oder entferntere v. Holtei erzähl. schr. 23, 92; in den bürgerlichen kreisen hält man es für höchst kleinständtisch und altmodisch, entferntere v-e noch zur familie zu ziehen W. H. Riehl naturgesch. d. volkes 3, 142; unsere bezeichnungen für v-e Kluge etymol. wb.6 XIII. — -himmel: die ganze honoratiorenwelt meiner vaterstadt war eigentlich ein einziger, groszer v. W. Menzel denkwürdigkeiten 38; Auerbach schr. 18, 169; Scherr Blücher 1, 47. — -liebe Brandenburg bei Weichmann poesie d. Niedersachsen 5, 232. — -name: ich nehme von der familie (meiner frau) keine v-n an Hermes Sophiens reise 2, 198; W. Deecke die deutschen v-n (Weimar 1870); die indogermanischen v-n Hirt etym. d. neuhd. sprache 166. — -neigung Stifter 3, 359. — -pflicht mediz. maulaffe 26. — -stufe: vermählungen bis zur siebenten v. Zschokke s. ausgew. schr. 29, 106. — -system Schleiermacher III 5, 164; Hauff s. w. 2, 213; Ratzel völkerkunde 2, 65; 273. — -titulatur: man ist stolz auf eine recht grosze sippe und beobachtet sorgfältig die v-en W. H. Riehl naturgesch. d. volkes 3, 142. — -verbot: so galten z. b. für die sklavenehe auch die v-e Jhering geist d. röm. rechts 2, 1, 175. — -verhältnis: da ... die ableitung -ung, -ing ein v. ausdrückt W. Grimm heldensage (1867) 16; wie wenn die bedürftigen zu beiden ehegatten in dem v. ständen, auf dem die unterhaltspflicht des verpflichteten ehegatten beruht bgb. § 1604.
3) zu verwandt 8—9.
a) gemeinsame abstammung, zugehörigkeit zu einer familie im ethnologischen und naturwissenschaftlichen sinn: die v. der groszen menschenfamilie untereinander Göthe IV 25, 157 W.; der entscheidenste beweis von der v. beider völker liegt in der ähnlichkeit ihrer sprachen J. G. Forster s. schr. 1, 378; indem er (Niebuhr) aus ächt nordischer v. dem dichter der Luise ... diese übergrosze ehre anthut Gervinus gesch. d. d. dichtung (1853) 5, 65; dasz die deutsche sprache eine grosze v. mit der griechischen haben müsse d. neueste a. d. anmuth. gelehrs. 1, 188; solcher sprachen und mundarten ..., deren v. anderweitig historisch erwiesen ist W. v. Humboldt ges. schr. 4, 11 ak. ausg.; die gleichheit ... der wörter, die im bloszen laut bestehet, machet keine v. unter sie Morhof unterricht 1, 94; die delphine haben auch undereinander selbst ein v. Eppendorf Plinius 9, 106;

(die blumen) waren nach jeder geschlecht und art im bette geordnet,
mit erfahrnem geschmack, der ihre verwandtschaften kannte
Bodmer Noah (1752) 7;

die anordnung der pflanzen nach ihren v-en und ihren stufenfolgen Oken allgem. naturgesch. 3, 6. von geistigem und abstractem: die lehrsätze in der bibel, die mit der materie, welche in dem vorliegenden spruch vorkommt, eine v. haben und entweder dabei zum grunde liegen oder daraus folgen A. Spangenberg leben Zinzendorfs 1607; und tausend ungleiche karaktere und handlungen können wieder aus einerlei neigung gesponnen sein, wenn auch der mensch ... nichts weniger denn eine solche v. ahndet Schiller 4, 62 G.; die v. der analytischen structur des processes und des rechtsgeschäfts documentirt nicht blosz die gemeinsamkeit ihrer beiderseitigen abstammung Jhering geist d. röm. rechts 3, 1, 129. — verwandtschaftsansprüche: aber auch in der Bretagne machen wir (die Germanen) solche v. Laube ges. schr. 4, 107. — -grad: die näheren und entfernteren

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v-e in sprachen gemeinschaftlicher abkunft W. v. Humboldt ges. schr. 4, 422 ak. ausg. -verhältnisse: zur frage nach den v-n der indogermanischen sprachen Scherer kl. schr. 1, 238; die ethnographischen v. der bewohner jener vorgeschichtlichen niederlassungen Hoops waldbäume u. kulturpflanzen 113.
b) v. mit überirdischem: gleichwie sie in der güte und vollmacht, gutes zu thun, mit der göttlichen majestät in v. stehen S. v. Birken ostländ. lorbeerhäyn 7a; der mensch ist göttlichen herkommens, göttlichen geschlechts! aller dieser v., wie unwürdig sind wir ihr Hippel lebensläufe in aufst. linie 3, 1, 208; der adelsbrief einer schönen seele, der geburtsschein ihrer v. mit den engeln Pfeffel pros. vers. 5, 120.
c) ähnlichkeit, übereinstimmung in eigenschaften und wesensart; von äuszerer beschaffenheit: das stahel und eisen ... eine grosze v. mit einander haben Mathesius Sarepta (1571) 79b; dasz diese kranckheit so nahende v. mit erst gedachter cephalaea hat, dasz Galenus und andere gemeiniglich beide miteinander beschreiben und fast einerley artzney darzu brauchen Wirsung artzneybuch 32a; je näher ein ding v. hat mit den lügen, je mehr anhenger und beistimmer es unter dem gemeinen haufen findet Reinicke fuchs (1650) 77; wie nehmlich die klappern mit der menschen rede eine sonderliche v. haben mögen, und wie eines mit dem andern könne verglichen werden J. G. Schmidt rockenphilosophia 1, 23; dabei roch das buch nach jenem seltsamen parfüm, der mit eau de Cologne nicht die mindeste v. hat Heine 3, 340 E.; es besteht eine seltsame äuszerliche v. zwischen deinem büchsenspanner und herrn von T. Holtei erz. schr. 2, 260. von sprachlauten und tönen: das b hat eine nahe v. mit dem p Bellin hd. rechtschreibung 36; je besser ein intervall mit dem andern klinget, je gröszer ist auch ihre v. J. Mattheson kl. generalbaszschule 132; eine jede tonart hat fünf andere tonarten, mit denen sie in genauer v. steht Scheibe crit. musicus 472. von geistiger v.: die enge v. unserer temperamente und ideen discourse d. mahlern 1, 2; freunde von so inniger v. sind eigentlich niemals entfernt Göthe IV 36, 40 W.; das ist die v. zwischen deinem herzen und meinem Bettine dies buch gehört dem könig 2, 498; auch rechne ich mir die v. mit Kleist nur zur ehre, die zweite aber (mit Grabbe) musz ich ablehnen Hebbel br. 5, 220 W.; zwischen beiden (Donattello und Michelangelo) fand eine auffallende geistige v. statt Herm. Grimm Michelangelo 1, 39; v. aller künste Opitz poeterei 12 ndr.; v. der mahlerkunst mit der dichtkunst Breitinger crit. dichtkunst 1, 4.
d) oft liegt die v. mehr in causalzusammenhang, wechselwirkung, gegenseitiger beeinflussung (vgl. verwandt 6): von dieser v. des leibes mit dem gemüthe Ch. v. Wolff ged. v. d. menschen thun u. lassen 133; (die) pole der magnetnadel, die, so sehr sie auch einander entgegengesetzt sind, doch eine grosze v. miteinander haben Lichtenberg br. 2, 256 L.; als wenn sie (die strahlenkronen der blüte) ihre v. mit dem himmlischen gestirn recht zur schau tragen wollten Göthe IV 33, 126 W.; wahrscheinlich steht sie (die brustdrüse) aber mit der athemthätigkeit ... in einer gewissen v. Sömmerring vom baue des menschl. körpers 5, 304.
e) von hier aus erklärt sich v. als chemischer fachausdruck: die v. des zusammenhanges oder der zusammenhäufung affinitas aggregationis, die v. der verbindung attractio, affinitas compositionis, die v. der zerlegung oder die wahlverwandtschaft attractio electiva Westrumb sprachl. bereicherungen f. d. d. chemie (1793) 64; Voigt hwb. f. d. geschäftsführung 2, 539; Karmarsch-Heeren techn. wb.3 10, 124; Hoyer-Kreuter technol. wb. 1, 813; 'ganz dem gewöhnlichen sprachgebrauch und der bedeutung des wortes entgegen, hat man die chemische kraft v., affinität genannt' Liebig chem. briefe 35. — verwandtschaftsäuszerung: die fähigkeit eines körpers, sich mit einem anderen zu verbinden, d. h. ihre v. ist abhängig ... von der temperatur Liebig hd. d. chemie 1, 46; Hoyer wb. d. artillerie 1, 194. — -einheit: in den oxydverbindungen werden von den 8 v-en zweier

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atome zwei gegenseitig gebunden gedacht Karmarsch-Heeren techn. wb.3 2, 756; Muspratt chemie 1, 737; 2012 St.-K.; -erfolg: werden mehrere körper mit einander in verbindung gebracht, so sind die v-e ... von den gewichten der einwirkenden körper ... abhängig Sprengel chemie f. landwirthe 1, 45; — -gesetz: den widerspruch gegen unsre bisherigen v-e allg. deutsche bibl. 103, 156. — -grad: anstatt dasz sonst der kalkerde der stärkste v. zugestanden worden war allg. d. bibl. 38, 494; der v. der körper Hegel 3, 442; — -gründe: auch kobalt und nickel lassen sich schwieriger vom kupfer trennen, weil ihre v. zum sauerstoff recht sehr verschieden sind Muspratt chemie 4, 1763 St.-K.; -intensität Sprengel chemie f. landwirthe 1, 42. — -kraft: dasz die zusammengesetzten atome durch nebeneinanderlegung der einfachen infolge der zwischen ihnen thätigen v. entstehen Liebig chem. briefe 60; Hoyer allg. wb. d. artillerie 1, 193; Beil technol. wb. 1, 630; Mothes baulex. 1, 48; — -lehre allg. deutsche bibl. 38, 494; Liebig hd. d. chemie 98. — -mittel: eine anneigende verbindungsverwandtschaft entstehet, wenn zwei substanzen sich nicht unmittelbar mit einander vereinigen lassen, dies aber vermittelst eines dritten geschiehet, der zu beiden verwandtschaft besitzt und das anneigende v. genennt wird Hoyer allg. wb. d. artillerie 1, 194; Beil technol. wb. 1, 630. — -reihe: die erkenntnis der angeführten chemischen v-n Hegel 3, 444. — -stärke Sprengel chemie f. landwirthe 1, 46. — -tabelle allg. d. bibl. 11, 2, 26; 73, 177; 90, 460; — -tafel 79, 464; Beil technol. wb. 1, 630; — -thätigkeit: überhaupt verkündigt die entstehung von feuer, dasz eine grosze v. unter den ... körpern stattfindet Sprengel chemie f. landwirthe 1, 184.

 

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