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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
verwandlung bis verwandruten (Bd. 25, Sp. 2118 bis 2120)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) verwandlung, f. , mhd. verwandelunge mhd. wb. 3, 702; Lexer 3, 294; Diefenbach 21b; 288a; 326c; 359b; 370a; 374a; 592a c; 593a b; voc. (1482) k k 1a; Er. Alberus 55b; Calepinus XI ling. 926b; Stieler stammbaum 2501; Steinbach, Adelung, Campe. die bedeutung entspricht verwandeln II und wird in den älteren wbb. mit alternatio, conversio, impedatura, metamorphosis, mutatio, mutatorium, traiectio, transfiguratio, -formatio, -latio, -substantiatio wiedergegeben. v. geschieht, geht vor: wie aber dise verwandlunge gescheh, das werden die menschen wol gewar Tauler sermones (1508) 83; alsz dan würt under dynem volck ein grosze v. geschehen H. v. Cronberg schr. 3 ndr.;

kommt mit mir in die stadt, ich will euch rauben,
was da für verwandlungen gschehen, ist kaum zu glauben
Meisl theatral. quodlibet 1, 30;

es musz mit diesen ersten begriffen eine grosze v. erst vorgehn Gerstenberg in hambg. neue zeitung 179 lit.-dkm. v. leiden, erleiden, durchmachen und ähnliches: die verwandlungen, die ein saamenthierchen leidet F. Nicolai lit.-briefe 2, 278; ein mensch erleidet wie das insect seine verwandlungen Chamisso (1836) 6, 148; durch viele verwandlungen wird die welt gehen müssen, ehe sie ihre neue gestalt gewonnen hat E. M. Arndt schr. für u. an s. l. Deutschen 1, 422; ihr gefühl gegen ihn erfuhr eine v. M. Meyr erzähl. a. d. Ries 3, 295; wie hat meine weltanschauung doch ... so viele verwandlungen durchgemacht Bismarck briefe an braut u. gattin 298.

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1) v. durch übernatürliche kraft; in mystischem sinne: v. sin selbes geschafenheit in daz, also daz daz selb, daz er ist, got sie Seuse 162 B.; Tauler pred. 120 V.; v. der gotheit in menscheit d. ewigen wiszheit betbüchlin (1518) 207b; v. durch zauber und wunder: die v. desz weibs Loths in einen unbeweglichen stein Nigrinus von zäuberern 174; v. der ruten Moysis Guarinonius greuel 41; die kunst der zauberei und der verwandelungen Ritter erdkunde 2, 162; verwandlungen der menschen in thiere, der thiere in menschen Jac. Grimm Reinhart fuchs vorrede 3; — eine zauberische verwandlungsruthe Lohenstein Arminius 1, 836. — als übersetzung des titels von Ovids metamorphosen:

Ovidius beschriben hat
ein grosse wunderliche that
in seim buch der verwandelung
H. Sachs 2, 183 K.;

Ovids verwandelungen Göthe IV 28, 355 W.;

Sulmons edler liederdichter solte hier zugegen sein,
denn es käme noch ein wunder ins verwandlungsbuch hinein
Grob dichter. versuchgabe 69;

die beschreibung der ... wasserflut aus Ovids verwandlungsbüchern allgem. d. bibl. 46, 16. —
von der verwandlung in der messe: transsubstantiation odder v. des brods in seinen leib Luther 23, 145 W.;

der bischof steht im reinen meszgewand,
er faszt den kelch, er segnet ihn, er kündet
das hohe wunder der verwandlung an
Schiller 12, 559 G. (Maria Stuart 5, 7).

verwandlungsfackel Hübner zeitungslex. (1824) 4, 806, -glöckchen Jean Paul 48, 61 H.
2) v. durch physiologische und andere naturvorgänge: von v. der natur verwandelt sich die stim problemata Arestotilis 7b; zeichen der volkommen ledigung seindt der schlaf und der durst und v. der siechtagen Gersdorf wundarzney 56; v. des nahrungssaftes in blut Kinderling reinigkeit d. d. sprache 177; v. des lebens, des leibes durch den tod: wann blödhait menschlichs geschlechts entsitzt, im letsten zit des lebens mit schneller v. künftig sin Öheim Reichenauer chronik 9 Barack; das ... der ... todt ... ain v. des leybes wre Schwarzenberg teutsch Cicero 46a;

herrliches weib, wo ist dein leben nach der verwandlung,
welche, tod genannt, frischeres leben verjüngt?
E. M. Arndt 3, 182 R.-M.

vereinzelt vom übergang aus dem wachen in den schlaf: alles um ihn her schläft oder liegt in der v. portraits (Leipzig 1779) 176. auch von der seelenwanderung: ein strom leichter verwandlungen ist ihre (der seele) welt Herder 16, 347 S. von chemischer v.: wllen doch die gelerten, das metall iren namen von der veranderung oder v. haben solle Mathesius Sarepta (1571) 36a; eine v. von quecksilber in gold J. G. Forster s. schr. 7, 162; bei dieser v. (von holz und öl beim verbrennen) wird zugleich wärme Stöckhardt chem. feldpredigten 1, 4. — verwandlungsfarben nennt man solche färbung auf zeugen, welche durch einwirkung gewisser agentien ... hervorgerufen werden können Karmarsch-Heeren techn. wb.3 9, 23. — v. der gestirne: darumb geht die v. des mons das hirn nit an Paracelsus op. (1616) 1, 15 Huser; durch solche zusammenfügungen und verwandelungen desz monds und der sonnen wirt ein monstrum als ein comet volksb. v. dr. Faust 72 P.;

der jahreszeiten wechselnde
erscheinungen, die immer wiederkehrenden
verwandlungen an dem
gestirnten firmament — was sind sie anders als
ein ewges fratzenschneiden der natur?
Grabbe 1, 134 B. (Gothland 3, 1).

v. von insekten und ähnliches: von dieser wunderbaren v. der raupen Triller poet. betracht. 4, 18; ihre v. in nymphen Kerner bilderbuch 163. — verwandlungsfähigkeit der natur, die aus dem blatte eine blume, eine rose, aus dem ei eine raupe und aus der raupe einen schmetterling heraufführt Göthes gespr. 3, 65 B.; -geschichte der niederen thiere Brehm thierleben

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10, 373 Pechuel-Lösche; -hülse, pupa Nemnich wb. d. naturgesch. 614; die verwandlungshülsen von nachtschmetterlingen allgem. d. bibl. 49, 5, 50; — -phase: die bestimmung der v. der insekten im insektenkalender Ratzeburg waldverderbnis 1, 72; — -stufe: die vier allgemein bekannten v.n (der raupe) K. E. v. Bär reden u. versch. aufsätze 2, 54; — -zeit: die v. (beim rüsselkäfer) ... daure 60 tage Oken allgem. naturgesch. 5, 1653; — -zustand: da ... die insekten im zweiten ihrer vier verwandlungszustände ... am gefräszigsten sind Roszmäszler der wald 270.
3) v. durch menschliches thun oder menschliche und soziologische vorgänge; v. von personen durch änderung ihrer wesensart:

in eynen ubeler du (gott) bist
ken mir gewandelt in kurtzer vrist.'
keyne verwandelunge nicht
in gote vellet buch Hiob 11457 K.;

die v. und besserung des lebens J. Arnd Thomas a Kempis 20; seine völlige v. ... in ein anderes ich Mörike 3, 67 Göschen; nicht eine vermischung der Deutschen mit den Preuszen vollzog sich, vielmehr eine v. der ureinwohner Treitschke hist. u. polit. aufsätze5 2, 20; drei verwandlungen nenne ich euch des geistes: wie der geist zum kamele wird, und zum löwen das kamel, und zum kinde zuletzt der löwe Nietzsche Zarathustra 33. v. durch verkleidung: v. siner kleider Tschudi chron. helv. 2, 25; J. muste sich zu dieser v. entschlieszen Arnim 10, 225 G.; v. durch änderung rechtlicher und sozialer verhältnisse: die beabsichtigte v. der sachwalter in staatsbeamte Eichhorn staats- u. rechtsgesch.3 4, 750; diese v. des königs und kaisers in einen bloszen privatmann Raumer Hohenstaufen 1, 350. v. der namen 1. deutsche bibel 3, 463 K., der wörter Gottsched sprachkunst (1748) 3, der sprachen Herder 16, 46 S., der vocale in diphthongen Göthe 42, 2, 132 W. in sprachlicher terminologie des 17. jahrh.s v. flexion: ball ..., mit dem zweyfachen ll und einfachen a, weil die beyde ll in der abweichung oder v. folgen als balles Gueintz rechtschreibung (1666) 33; das man sie (griechische und lateinische namen) nicht immerdar in der nennendung stehen lasse, sondern nach ihrer grundsprache in ihre verwandelunge setze 12.
v. von örtlichkeiten: v. der wälder in felder Wimmer gesch. d. deutschen bodens 86; besonders vom schauplatz auf dem theater: es macht so viel lermen auf der bühne, es erfordert so viel pomp und v., als man nur immer in einer oper gewohnt ist Lessing 9, 226 M. v. äuszerer verhältnisse durch ortswechsel: damit sie (die in fremden gegenden gekauften kühe) nicht von v. der stett, wetters, speisen ... in kranckheit fallen Heyden Plinius 235; v. desz lufts oder der narung Herold-Forer Geszners thierbuch 28. v. staatlicher und rechtlicher verhältnisse: stets folgt er ihren (der römischen verfassung) verwandlungen mit ... aufmerksamkeit Niebuhr röm. gesch. 2, 28; v. des gräflichen titels in den königlichen Abbt verm. w. 2b, 34; v. der beneficiorum in feuda Just. Möser s. w. 3, 189; v. der ersten kammer in das herrnhaus Bismarck gedank. u. erinn. 1, 160. volksausg. v. allgemeiner und abstracter begriffe: v. des glükes Steinhöwel de claris mulieribus 115 lit. v.; v. Chemnitz schwed. krieg 1, 2; v. des wesens in formen Heinse s. w. 4, 320 Sch.; v. der alten gesinnungen in neue Ch. F. Schubart leben u. gesinnungen 2, 185; v. der persönlichkeit in gottheit Bettine Günderode 1, 253. v. durch dichterisches schaffen: v. der Achilleis in einen roman Göthe III 3, 256 W.; die helden des epos und der sage sträuben sich heftig gegen die v. in dramatische charaktere G. Freytag ges. w. 14, 144; — v-sfähigkeit: in der proteusartigen v. seines stils Justi Winckelmann 2, 2, 224; — -lust: sie (Gleims gedichte) sind, wenn nicht mit Bodmers diebsader, doch mit dessen v. geschrieben Gervinus gesch. d. d. dichtung (1853) 4, 228. mathematische fachausdrücke: v. der gleichungen Beil technol. wb. 1, 630; — -winkel: 'v. ... ist ein gezeichneter winkel, dessen sinus gleich einer gegebenen ... zahl ist' Lueger lex. d. ges. technik 7, 806. — verwandruten,

[Bd. 25, Sp. 2121]


v.: 'v. ist die jöcher mit groszen höltzern stützen' Junghans gräublein ertz F 2b; v. Schönberg berginformation 2, 103; Hübner curieuses u. reales lex. 1651; Minerophilus 691; Herttwig bergbuch 406a; Noel Chomel 8, 2185; Krünitz 219, 188; Beil technol. wb. 1, 630; 'v. eine schachtzimmerung mit wandruthen unterstützen' Veith bergwb. 541; Lueger lex. d. ges. technik 4, 793.

 

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